Im Herzen von Asien. Zweiter Band.

Part 18

Chapter 183,674 wordsPublic domain

Auf dem zu unserer Rechten befindlichen Abhange weidete einsam ein großer schwarzer Yakstier. Da wir es für unnötig hielten, ihm das Leben zu nehmen, hetzten die Kosaken Scherzes halber die Hunde auf ihn. Diese umringten ihn mit wildem Geheul, hüteten sich aber wohl zu beißen. Jolldasch, der Spitzbube, zupfte ihn nur an den Seitenfransen. Der Yak drehte sich nach jedem Angreifer um, keuchte und schnaubte, richtete den Schwanz hoch auf und hielt die Hörner bereit. Dann und wann fuhr er schnell auf einen der Aufdringlichen los. Er war hiermit so beschäftigt, daß wir mit dem großen photographischen Apparate ganz nahe herankommen konnten; die Bilder wurden aber doch recht klein. Ich hielt das Tier fast für einen zahmen, Tibetern entlaufenen Yak, so ungeniert war es.

Nun kam Turdu Bai mit dem Todesurteil. Wir brauchten mehr Fleisch, sagte er. Die Hunde wurden fortgelockt, zwei Schüsse krachten gleichzeitig. Dem Yak schien weder der Knall noch die Kugeln das Geringste auszumachen. Seitdem die Hunde sich entfernt hatten, stand er regungslos da. Als sie aber wieder angriffen, geriet er in Wut und jagte sie den Abhang hinunter, stürzte dabei zu Boden und war schon tot, als wir herankamen.

Es war ein großer, schöner Stier, dessen Hörner infolge von früheren Kämpfen mit Nebenbuhlern an der Spitze ganz zersplittert waren. Fleisch und Fett wurden mitgenommen, der Rest blieb liegen, wahrscheinlich zum Frommen für Schagdurs Freund, den Wolf.

Es ist eigentümlich, zwei ganze Tagereisen zurückzulegen, ohne Wasser zu finden, und dabei sieht man überall Lachen, denn die Regenzeit ist da. Dennoch marschierten wir 20 Kilometer, ohne Trinkwasser zu finden. Als sich schließlich ein Kamel weigerte, uns über noch eine übrigens ganz unbedeutende Paßschwelle zu folgen, lagerten wir. Schagdur machte weiter oben eine Quelle ausfindig.

„Wo ist das gute Gras? Wo werden wir das Hauptquartier aufschlagen?“ fragen wir uns jetzt täglich. Wir müssen noch 383 Kilometer von dem nordwestlichen Ende des großen Sees Tengri-nor entfernt sein. Wir können aber kaum erwarten, Spuren von Menschen zu finden, bevor wir jenseits der mächtigen Kette angelangt sind, deren Schneegipfel heute ein paarmal zwischen den Hügeln auftauchten. Der wilde Yak hatte entschieden nie Menschen gesehen, sonst hätte er sich auf das Photographiertwerden, das ihm das Leben kostete, gewiß nicht eingelassen. Merkwürdigerweise ist gerade diese Gegend sehr reich an Schädeln und Gerippen von Kulanen und Orongoantilopen. Doch stammen diese Skelette nur von verendeten Tieren her, denn wenigstens die Kulane werden von den Tibetern nie getötet.

Am 13. Juli zogen wir in dem offenen Längentale (Abb. 239) weiter und brauchten die Kamele nicht mit Pässen zu quälen. Das Gras ist schlecht; eine neue Art davon tritt auf, die der Lama „Buka-schirik“ oder Yakgras nennt und die auf der Pilgerstraße der Mongolen nach Lhasa und in der Umgegend dieser Stadt allgemein vorkommen soll. Wild ist in diesen Gegenden häufig; wir sehen Yake, Kulane, Orongoantilopen, Hasen und Rebhühner. An einem großen Flusse hielten wir es für das Klügste, das Lager aufzuschlagen, da wir so lange kein gutes Wasser mehr gehabt hatten.

Am 15. Juli stieg die Temperatur auf +11,1 Grad, nachdem sie nachts auf -3,4 Grad heruntergegangen war. Wir marschierten noch immer nach Südosten, um nach einer Einsenkung in dem gewaltigen Kamme, der uns im Süden von den Geheimnissen des heiligen Landes trennte, umherzuspähen. Hatten wir erst diesen Wall, der möglicherweise auch klimatische Bedeutung besaß, überwunden, so würden wir sicher in wärmere Gegenden gelangen, die eine bessere Weide boten und vielleicht von Tibetern bewohnt waren. Noch hatten wir aber keine Spur von Menschen gesehen.

In der Mitte des heutigen Marsches überschritten wir einen sehr großen Fluß, den größten, den wir seit dem Tarim gesehen hatten (Abb. 240, 241). Er strömte nach Südwesten, einem großen See zu, den wir nur aus der Ferne zwischen Hügeln und Bergen hatten hervorglänzen sehen. Die Wassermenge, die sich auf etwa zwanzig große und ebensoviele kleine Arme verteilte, betrug wohl 23 Kubikmeter in der Sekunde, die Stromgeschwindigkeit 1 Meter in der Sekunde und die größte Tiefe 60 Zentimeter. Hätte der Fluß nur eine einzige Rinne gehabt, so wären wir ohne die Hilfe des Bootes nicht hinübergekommen. Es erforderte mehr als eine halbe Stunde, um das andere Ufer dieses großen Wasserlaufes, der von den Schneebergen im Süden kommt, zu erreichen.

Die Hügel des linken Ufers waren von einer aus 75 Tieren bestehenden Yakherde geradezu schwarzgetüpfelt. Sie halten sich im Winter unten in den großen Längentälern auf, aber ihre Sommerfrischen liegen auf den mit Yakmoos bewachsenen Halden in der Nähe des ewigen Schnees.

Gerade vor uns, höher oben in dem breiten, offenen Talgrunde, zeigte sich etwas, das wir für einen Menschen hielten, der uns hochaufgerichtet mit steifer Haltung entgegenkam, aber infolge der Entfernung und der zitternden Luft nur undeutlich zu unterscheiden war. Sirkin, der Lama und Turdu Bai untersuchten den Gegenstand mit dem Fernglas und erklärten bestimmt, es sei ein Mann; der Lama fügte hinzu, der Mann sammle Yakmist und hinter ihm seien zwei schwarze Zelte zu sehen. Also schon jetzt Tibeter mit großen Yakherden? Es wäre fatal, mitten auf dem Marsche von Tibetern überrascht zu werden; nun würde die burjatische Verkleidung umsonst sein und durch alle unsere Pläne ein Strich gemacht werden!

Auch ich sah mir diesen rätselhaften Wanderer lange an. Wir warteten eine ganze Weile, um ihn näherkommen zu lassen. Doch mit der Zeit verwandelte sich unser Mann in einen Kulan, den wir in Verkürzung gesehen hatten; die schwarzen Zelte waren einfach die Schatten einer Erosionsterrasse, und die Herde bestand aus wilden Yaken, die, sobald sie unsere Karawane witterten, angefangen hatten, sich talaufwärts zu entfernen.

Bald darauf scheuchte Jollbars einen jungen Hasen auf, dem es sicher schlecht gegangen wäre, wenn er den Hund nicht durch seine schnellen Seitensprünge ermüdet und sich dann in eine kleine Erdhöhle geflüchtet hätte. Hier war er jedoch auch nicht sicher, denn Schagdur holte ihn mit der Hand heraus, band ihn und streichelte das erschreckte Tierchen. Als die Karawane und alle Hunde vorbeigezogen waren, löste ich seine Bande, um ihm die Freiheit wiederzuschenken. Er hüpfte mit leichten Sprüngen vergnügt fort und schien ganz erstaunt, daß er aus einem solchen Abenteuer mit heiler Haut davongekommen war; aber noch war er nicht weit gelangt, als ein Falke, den wir nicht bemerkt hatten, auf ihn herabstieß. Schagdur eilte hinzu, kam aber zu spät. Der Falke ließ seine Beute mit ausgehackten Augen in Todeszuckungen liegen.

Derartige Ereignisse sind die einzigen Unterbrechungen der langen, einförmigen Ritte. Ich reite stets neben dem Lama, um mich im Mongolischen zu üben, und allmählich nehmen unsere Pläne nach Lhasa eine immer deutlichere Gestalt an.

Am linken Ufer eines neuen Flusses, der sich weiter abwärts mit dem großen vereinigt, war die Weide besser als seit langem und überall so viel Yakdung vorhanden, daß wir dort das Lager aufschlagen konnten. Das Wetter war strahlend hell, in der Luft summten sogar Fliegen. Ein wenig weiter oben zeichneten sich die schwarzen Umrisse von 20 Yaken ab, und Kulane wie Antilopen waren zahlreich vertreten. Ein Kulan spazierte ganz in unserer Nähe auf dem gegenüberliegenden Ufer umher. Zwei Hunde schwammen über den Fluß und jagten ihn eine Strecke weit, er blieb aber sehr ruhig, graste weiter und ließ die Hunde bellen, soviel sie wollten. Nicht einmal Rebhühner und Wildgänse mit ganz kleinen Jungen fehlten in dieser Gegend, die uns außergewöhnlich gastfreundlich aufnahm.

Am 16. Juli blieben wir im Lager Nr. 38. Turdu Bai und Hamra Kul wurden in das gewaltige Tal hinaufgeschickt, in dem ich es nicht gleich mit der ganzen Karawane versuchen wollte; konnte es doch so schwer zu erklimmen sein, daß wir hätten wieder umkehren müssen.

Gerade als ich das Universalinstrument zum Observieren aufgestellt hatte, brach ein heftiger Hagelschauer los. Der Himmel wurde im Westen schwarz, der Donnergott rollte mit seinem schweren Wagen durch die Wolken, und die Schläge folgten so dicht aufeinander, daß die Erde unter ihnen bebte. Ich mußte hübsch wieder unter Dach kriechen. Die Hagelkörner schmetterten auf die Filzdecken meiner Jurte und tanzten wie Zuckerkügelchen auf dem Erdboden, der bald weiß wurde.

Nun ertönte Geschrei und Rufen. Tscherdon, der die Wache hatte, meldete, daß die anderen beiden Kosaken einen großen Bären aufgetrieben hätten, der in scharfem Galopp nach dem Lager eilte, aber rechtzeitig nach Osten abschwenkte, mit raschen Schlägen über den Fluß schwamm, die gegenüberliegende Uferterrasse hinaufkletterte und, die beiden Reiter hinter sich, die Flucht fortsetzte.

Kaum war die wilde Jagd an uns vorübergesaust, als von Tscherdons Zelt ein Schuß krachte. Ein großer, alter, weißgrauer Wolf war vor dem Lager umhergeschlichen und mußte ins Gras beißen.

Nach einer guten Stunde kehrten die Kosaken in scharfem Trab zurück und sprengten gerade auf mich los; es war ihnen anzusehen, daß sie mir etwas Wichtiges mitzuteilen hatten. Der Bär war ihnen nach einem letzten Schusse freilich entkommen, +dafür aber waren die Jäger, geradewegs in ein tibetisches Lager hineingeritten+! Ein mit einer Flinte bewaffneter Mann war bei ihrem Herannahen hinter einem Hügel verschwunden, einige Pferde weideten in der Nähe, und die 20 Yake, die wir gestern gesehen hatten, waren also doch zahme Tiere.

Nun waren die Kosaken, die sich mit dem Manne nicht hatten verständigen können, schleunigst umgekehrt, um mir von dem Geschehenen Mitteilung zu machen.

Der Lama war sehr verdutzt, als ihm die gefährliche Wirklichkeit auf den Leib rückte. Solange wir keine Spur von Menschen gesehen hatten, war ihm mein Plan als etwas Unbestimmtes, noch in weiter Ferne Schwebendes erschienen, aber jetzt standen wir an dem Punkte, wo die ersten Eingeborenen auftauchten und von welchem wir daher aufbrechen mußten. Wir fingen an zu glauben, daß der Kulan, den wir gestern gesehen hatten, doch am Ende wirklich ein Mann, jedenfalls aber ein Omen gewesen sein müsse, ein Vorzeichen, daß menschliche Wohnungen nicht mehr weit entfernt seien.

Wir berieten uns eine Weile über die Sachlage. Es war keine Zeit zu verlieren, denn auf die Kosaken hatte es den Eindruck gemacht, als hätten die Tibeter ihre Yake und Pferde nach dem Lager geholt, um bald aufzubrechen. Wir mußten sie festhalten, denn teils konnten sie uns wichtige Aufklärungen über Wege und andere Verhältnisse geben, teils würde es besser sein, wenn wir versuchten, ihr Vertrauen zu gewinnen und mit ihnen zusammenzureisen, um sie so zu verhindern, unsere Ankunft zu verkünden, welche Nachricht andernfalls wahrscheinlich wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund bis nach Lhasa dringen würde.

Ihr Lager war, nach Sirkin, nicht mehr als drei Kilometer von uns entfernt. Sie mußten uns auf jeden Fall gesehen haben, als wir gestern ankamen; man konnte sich jedoch nicht wundern, wenn sie sich absichtlich abseits hielten. Waren es tibetische Nomaden oder tangutische Räuber? Oder am Ende nur friedliche Yakjäger, die Fleisch und Felle auf zahmen Yaken nach Süden transportierten? So früh hatte ich nicht erwartet, Menschen zu treffen. Merkwürdig ist es auch, daß wir bisher noch keine Spur von alten Feuerstellen gesehen hatten.

Einstweilen beauftragte ich den Lama und Schagdur, sofort dorthin zu reiten und mit ihnen zu reden. Auch der Kosak kleidete sich in ein mongolisches Gewand und sah, dank seiner Rasse, wie ein echter Mongole aus, der er in Wirklichkeit ja auch war. Ich gab ihm Silbergeld mit für den Fall, daß die Tibeter geneigt wären, uns einige von ihren Pferden, sowie Tee und Tabak zu verkaufen, und damit sie sehen sollten, daß sie es mit ganz freundschaftlich gesinnten, ehrlichen Leuten zu tun hatten.

Die beiden Männer sprengten wieder durch den tiefen Fluß und verschwanden in der Dämmerung.

Gerade jener Augenblick, den ich gern solange wie möglich hinausgeschoben gesehen hätte, war jetzt ganz unerwartet eingetreten. Es ist klar, daß es für uns wallfahrende Pilger vorteilhaft gewesen wäre, wenn das starke Hauptquartier möglichst weit nach Süden hätte vorgeschoben werden können, so daß wir nicht zu weit von ihm abgeschnitten waren. Wir hatten verabredet, vorsichtig vorzudringen und Halt zu machen, sobald wir Menschenspuren entdeckten. Ja, wenn wir während des Marsches in der Ferne Herden oder Zelte erblickten, wollten wir sofort anhalten, so daß wir Pilger wenigstens Zeit hätten, uns „umzukleiden“, damit wir später, wenn wir zurückritten und uns dem heiligen Lande auf einem anderen Wege näherten, nicht dem Verdachte ausgesetzt wären, zu der großen europäischen Karawane zu gehören.

Nach ein paar Stunden kamen die Reiter in dunkler Nacht unverrichteter Sache wieder. Die Tibeter waren aufgebrochen; ihre Spur ging nach Osten. Ihr Feuer aus Argol (Yakdung) glühte und rauchte noch. Schagdur glaubte, daß sie erst nach dem Schusse der Bärenjäger auf uns aufmerksam geworden seien und sofort eingepackt hätten. Nach Ansicht des Lamas waren es drei Yakjäger gewesen; zwei Yakschädel und einige Hufe lagen auf der Erde verstreut. Wir überlegten, ob wir es versuchen sollten, die Tibeter einzuholen; aber da sie sicher beabsichtigten, die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag zu marschieren, mußten wir aus Rücksicht auf den Zustand unserer Pferde auf die Verfolgung verzichten.

Mit dem Frieden war es von diesem Tage an in unserem Lager vorbei. Nachts wurden Wachen aufgestellt, und die Karawanentiere durften nicht aus den Augen gelassen werden. Wir fingen an, halb auf Kriegsfuß zu leben, und mir stieg der Gedanke auf, daß es am Ende gefährlich sei, die Karawane zu verlassen; sie konnte leicht überfallen werden, da es jetzt ohne Zweifel als bekannt gelten durfte, daß eine Karawane im Anzuge war. Deshalb beschloß ich nach Beratung mit Schagdur zunächst, daß Tscherdon im Hauptquartier zurückbleiben müsse, um die Zahl der Verteidiger für den Fall eines Angriffes zu vergrößern. Später würde sich dann auch noch Tschernoff mit der Nachhut zu ihnen gesellen.

Dagegen hielten wir es für unnötig, das Hauptquartier schon hier anzulegen, denn es war keine Aussicht vorhanden, daß wir mit unseren schlechten Pferden die heilige Stadt eher erreichen würden als die vergrößerten, übertriebenen Gerüchte, die bald in Umlauf sein würden. Von hier aus hätten wir 1100 Kilometer hin und zurück gehabt, mehr, als unsere Tiere aushalten konnten, besonders da es sich um einen forcierten Ritt handeln würde.

Da Turdu Bai und Hamra Kul nichts von sich hören ließen, mußten wir noch einen Tag im Lager Nr. 38 bleiben. Während desselben wurde unsere ganze mongolische Ausstattung in Ordnung gebracht, so daß für den Fall einer plötzlichen Trennung von der Karawane alles in Bereitschaft war. Auf der inneren Seite meines einen mongolischen Stiefels wurde eine lederne Hülse für ein Thermometer angebracht; für Uhr, Aneroid und Notizbuch wurden Taschen in meinen Pelz genäht.

In der Dämmerung zeichneten sich die Schattenrisse unserer beiden Kundschafter ab. Beide meldeten, daß so weit, wie sie talaufwärts vorgedrungen seien, keine Hindernisse vorlägen. Sie hatten an ein paar Stellen alte Feuerspuren gesehen, die zeigten, daß die Gegend ihres Yakreichtums wegen bekannt war.

Am 18. Juli gingen wir südostwärts bis an den Punkt, wo das letzte Gras wuchs. Dreimal mußten wir über den Fluß hinüber. Eines der Kamele konnte kaum den Lagerplatz noch erreichen; es war jedoch bedeutend fetter als die anderen und schien ganz gesund zu sein. Es war entschieden nur faul; aber als es sich auch am folgenden Morgen nicht bewegen ließ, die Wanderschaft bergauf fortzusetzen, wurde es zurückgelassen. Die Nachhut würde auf jeden Fall hier vorbeikommen und es mitnehmen. Langweilen würde sich das arme Tier hier in der Einsamkeit schon, aber von Wölfen würde es nichts zu fürchten haben; diese greifen nie ein Kamel an, das einen Packsattel trägt, behaupten die Muselmänner.

Auf einem kleinen Hügel neben dem Lager wurde eine Jurtenstange aufgepflanzt und an ihrer Spitze eine Konservendose festgebunden, in der ein Zettel lag, auf den ich in türkischer Sprache geschrieben hatte: „Wir haben hier ein Kamel zurückgelassen; wenn es nicht hier ist, so folgt seinen Spuren, bis ihr es findet!“ Es war möglich, daß das Tier, wenn es sich erholt hatte, auf die Idee verfiel, seine Kameraden zu suchen.

Wir hatten also eines der achtzehn verloren. Fragend folgte es uns mit den Blicken, als wir unbarmherzig weiterzogen. Darauf beugte es den Hals, um zu grasen, und wir sahen es nie wieder. Denn gerade hier machte die Nachhut, die nicht immer an derselben Stelle lagerte wie wir, einen Umweg. Sie sahen das verlassene Kamel nicht mehr; es war das einzige Tier, das ohne Hoffnung auf Rettung lebendig zurückblieb und von dessen weiteren Schicksalen wir nie etwas erfahren sollten.

Unser Zug geht auf unfruchtbarem Boden nach Südosten weiter; Schnee und Hagel lassen uns wenig von den Umgebungen sehen -- heute haben wir vollständigen Winter nach der gestrigen Sommerwärme. Auf dem linken Ufer des Flusses geht es immer höher hinauf. Yakdung lag überall, aber Herden sahen wir merkwürdigerweise nicht; wir hatten den Eindruck, daß sie kürzlich verscheucht sein müßten. Als Zeichen von Jägerbesuchen fanden wir an drei Stellen Feuerherde, von denen einer zehn Tage alt sein konnte und aus einigen kreisförmig aufgestellten Steinen bestand, in deren Mitte Asche lag. Ein schlanker Tonkrug war hier in Scherben gegangen; der Hals lag noch da.

Dreizehntes Kapitel.

Das Hauptquartier.

Noch einen Tag sollten wir uns nach immer höheren Regionen hinaufarbeiten, und es galt jetzt, die gewaltige Schneekette, die wir solange zur Rechten gehabt hatten, zu übersteigen.

Die Kamele halten sich tapfer, aber ihre Kräfte sind im Schwinden. Das Dromedar scheint der nächste Todeskandidat zu sein; es ist nur noch Haut und Knochen und weint abends schmerzlich. Trotzdem spannte es seine Kräfte aufs äußerste an und legte ehrenvoll die 19,1 Kilometer zurück. Als Abendmahlzeit hatte es ein paar gewaltige Weizenbrote, Heu aus einem Packsattel und ein paar Klumpen rohes Schaffett bekommen, das an stärkenden Eigenschaften alles übertreffen solle.

Die Sonne und die Hochalpenlandschaft wurden bald von undurchdringlichen Wolken verdeckt. Unsere Straße ging nach Südsüdwest, und das Unwetter kam uns gerade entgegen. Was nützt einem bei solchem Wetter ein Pelzbaschlik? Hagel und Schnee schlagen mir wagerecht ins Gesicht, bleiben im Pelz sitzen, schmelzen und rinnen mir am Halse hinunter. Manchmal muß man stehenbleiben und dem Unwetter den Rücken kehren, um Atem zu schöpfen. Die Gegend ist verborgen unter diesen scheußlichen Wolkenvorhängen, durch deren Hagelschauer wir reiten müssen. Es ist nicht leicht, unter solchen Umständen zu zeichnen und zu schreiben! Wenn es sich für eine Weile aufklärt, wundern wir uns, daß wir dem gewaltigen Gletschermassiv zur Rechten nicht sichtlich nähergekommen sind. Wir schreiten freilich ununterbrochen nach dem Passe hinauf, aber ganz unglaublich langsam.

Auf beiden Seiten des Passes laufen mehrere Gletscherzungen aus; sie sind vollständig überschneit, und jede von ihnen entsendet einen Bach. Am Rande der Gletscher sehen wir große Yakherden; wir zählen über 300 Tiere, darunter einige ganz kleine Kälber. Tscherdon schoß eines der letzteren für unseren Proviantvorrat. In dem Maße, wie wir uns näherten, zogen sie sich über den Paß nach der Südseite hinüber. Die Abhänge, auf denen sie im Moose weideten, sahen von ihren dichten Reihen wie schwarzgestreift aus.

Mitten in dem flachen Tale, in dem wir nach der Paßschwelle hinaufziehen, rieselte ein Bach, der nur ein oder zwei Meter breit, aber oft einen Meter tief ist. Büschel von feuchtem, dichtem Yakgras bildeten seine Ufer. Daß sich der tibetische Ochs hier sehr wohl fühle, bewiesen die reichlichen Dungmassen, die umherlagen. In dem Bache leben kleine Fische, die sich besonders in den ruhigeren Becken aufhalten. Fische 5000 Meter über dem Meere! Wie gewöhnlich wurden Exemplare in Spiritus mitgenommen.

Schließlich hören Bäche und Gletscherabflüsse auf, die Steigung nimmt zu, und ich gelangte mit dem Lama auf diesen himmelstürmenden Paß, dessen Höhe 5462 Meter betrug. Die Karawane mühte sich noch auf dem Abhange ab. Ein großer Yak, der böse und herausfordernd aussah, versperrte den Weg nach Süden. Er wedelte mit dem Schwanze in der Luft, senkte die Hörner und machte gar keine Miene zu entfliehen. Wir hielten es für geraten, die Ankunft der Schützen abzuwarten; doch sobald die ersten Kamele auf dem Kamme auftauchten, trottete der Yak ab.

Inzwischen wurde das uns im Süden erwartende Land mit dem Fernglas gemustert. Vor uns breitete sich ein Gewirr von Bergen und Ketten, ein Labyrinth von Tälern aus. Ein bedeutender Fluß sammelte sich am Südabhange; wir folgten ihm abwärts. Hier hielten sich sieben alte Yake auf, die von den Hunden mit Todesverachtung angegriffen wurden. Vier suchten sofort ihr Heil in der Flucht, drei hielten eine Weile stand. Als aber die Angreifer ihre Attacke auf einen Yak konzentrierten, machten sich die beiden anderen ebenfalls aus dem Staube. Der letzte hatte verzweifelte Mühe, sich die Hunde vom Leibe zu halten. Er entschloß sich schließlich für die schlaue Taktik, sich mitten in den Fluß zu stellen, wo das Wasser um ihn schäumte und die Hunde scheu machte. Nach einer Weile kamen zwei Kameraden zurück, um sich nach ihm umzusehen, aber die Hunde waren des Spieles schon beinahe überdrüssig, hatten sich hingesetzt und schauten ihr Opfer nur noch an.

An dem Punkte des Tales, wo den Kamelen die Lasten für die Nacht abgenommen wurden, war das Gras bedenklich mager. Mitten auf ebenem Boden lag ganz regungslos, den Blick auf uns gerichtet, ein Rebhuhn, auf das einer der Kosaken schoß. Es taumelte im Todeskampfe auf; dabei stellte sich heraus, daß es auf drei kleinen Küken gelegen hatte, die unverletzt piepend um die Mutter herumliefen. Wenn man sich nicht zum Troste sagen könnte, daß man in diesen unwirtlichen Gegenden jedes Wild, das einem in den Weg kommt, zu erlegen berechtigt ist, weil man sein eigenes Leben damit fristen muß, so würde man sich wie ein Räuber und Schurke vorkommen, wenn man ein so idyllisches Familienleben gewaltsam zerstört und solch ein bescheidenes Glück von der Erde vertrieben hat. Es dauerte lange, bis ich die Erinnerung an diesen feigen Schuß los wurde. Ich suchte mich damit zu trösten, daß die Hunde das Rebhuhn, das mit seinen drei Küken abends in die Bratpfanne kam, doch totgebissen haben würden.

Die Kamele müssen lange rupfend umhergehen, ehe sie so viel Gras im Maule haben, daß es sich des Kauens und Schluckens verlohnt. Das Gras ist zäh und hart, und die Wurzeln bleiben beim Rupfen daran sitzen, denn der Erdboden ist von den Niederschlägen aufgelöst.

Der Lama, der ein kluger Mensch ist, bemerkte ganz richtig, daß diese gigantische Bergkette für die Tibeter dieselbe Rolle spiele wie der Arka-tag für die Bewohner von Ostturkestan; sie ist eine Grenzmauer gegen das unbekannte, unbewohnbare Land, eine Grenze, die selten überschritten wird, und dann nur von Yakjägern. Zwischen dieser Kette und dem Arka-tag liegen die höchsten und unfruchtbarsten, daher auch am schwersten zugänglichen Teile von Tibet. Jetzt hatten wir noch 280 Kilometer bis nach dem Nordufer des Tengri-nor, und die ersten Lagerplätze der Nomaden konnten nicht mehr sehr weit sein.