Im Herzen von Asien. Zweiter Band.
Part 16
Noch als die Dämmerung schon einbrach, waren diese unheimlichen weißgekleideten Bergrücken Zeugen unseres mühevollen Zuges. Wir suchten jetzt nur nach einem trockenen Flecke, auf dem unser Lager Platz finden konnte; an Weide und Brennholz dachte keiner, das wäre zuviel verlangt gewesen. Endlich erreichten wir einen Kiesabhang, der die Nässe einsickern ließ; hier wurde gelagert.
Turdu Bai und mehrere der Leute fehlten noch und kamen erst gegen 10 Uhr an, nachdem sie die vier Kamele im Stiche gelassen hatten. Doch am 23. Juni kehrten sie bei Tagesanbruch mit einigen Pferden wieder zu ihnen zurück, um zu versuchen, ob sie sich nicht retten ließen, oder um wenigstens ihre Lasten und das Stroh der Packsättel zu bergen. Leider war es mit dieser Hoffnung nichts; die Tiere waren nicht mehr zu retten und mußten getötet werden. Wir verlassen sie nie, bevor es ganz feststeht, daß es mit ihnen zu Ende geht, und dann befreit sie das Messer von ihren Leiden. Ein warmer Blutstrahl schmilzt den Schnee zwischen den Steinen, auf denen ihr Gebein bleichen wird. Eines der Kamele war schon verendet und lag kalt und steif im Tale.
An diesem einen Tage hatten wir also fünf Kamele verloren, der größte Verlust an Tieren, den ich je erlitten habe, nicht einmal die Wüste Takla-makan ausgenommen! Die Kerntruppe der Karawane hatte sich um ein Siebentel verkleinert, und die Lasten werden jetzt den überlebenden Tieren zu schwer werden. Ich ließ diese Mehl und Mais fressen, soviel sie nur konnten, und auch die Pferde durften nach Herzenslust fressen. Wir legten nur noch 11 Kilometer zurück. Die Hauptsache war jetzt, einen leidlichen Lagerplatz zu finden, wo wir die Tiere nach ihren Strapazen aufatmen lassen konnten. Als wir daher über eine kleine Wasserscheide mit zwei zugefrorenen kleinen Seen gegangen waren und südlich davon am Ufer eines Baches einige kümmerliche Grasbüschel fanden, machten wir Halt. Einer von den übrigen Todeskandidaten unter unseren Kamelen kam nur noch mit Mühe bis an diesen Platz. Eins der Pferde, das fett und gesund aussah, starb ganz plötzlich im Lager. Jetzt begann der Abschnitt der Reise, währenddessen kaum ein Tag verging, ohne daß wir ein Grab hinter uns zurückließen. Von den Skeletten geführt, könnte man dem Wege der Karawane folgen; ein trauriger Weg, dessen Meilensteine Gerippe sind! Die Kamele pflegen, wie ich oft gesehen habe, zu weinen, wenn sie den Tod herannahen fühlen und das Blut in ihren Adern zu erstarren beginnt.
Jetzt durften wir uns endlich guten Wetters erfreuen. Die Sonne schien ordentlich warm, und alles trocknete von der Nässe auf dem Arka-tag. Hierdurch verringert sich das Gewicht der Lasten nicht wenig. Der Morgen des Johannistages war klar, aber vollständig winterlich. Sobald ich mein Frühstück und meinen heißen Tee erhalten hatte, inspizierte ich die Karawane. Heute wurde gemeldet, daß Hamra Kul, der Pferdeaufseher, ernstlich erkrankt sei. Er saß in seinem Zelte, sah elend aus und hatte überall Schmerzen; er erhielt Chinin und ein Reitpferd. Den Tag vorher hatten nämlich alle Muselmänner zu Fuß gehen müssen, weil die Pferde für die Lasten der gefallenen Kamele gebraucht wurden.
Dann ging es zu meinem prächtigen Reitpferd, das kaum auf seinen zitternden Beinen stehen konnte. Der Lama, der neben seiner Priesterwürde auch Arzt von Beruf war und eine ganze Kiste mehr oder weniger wirksamer Drogen aus Lhasa bei sich hatte, nahm sich seiner an und wollte dafür einstehen, daß er wieder Leben in das Tier bringen würde. Er öffnete ihm an beiden Vorderfüßen die Adern, so daß das dunkle Blut herausströmte. Dann verband er die Wunden, und das Pferd folgte uns mit stolpernden Schritten und erreichte abends das Lager. Mehrere Kamele waren elend, alle waren erschöpft, und einige gingen ohne Lasten. Man fühlt, daß der Tod die Karawane begleitet, sich seine Opfer auswählt und sie niederstreckt, und man fragt sich nur, an wen das nächste Mal die Reihe kommen wird. Die Hoffnung, in einigen Wochen wieder in günstigere, wärmere, grasreichere Gegenden zu gelangen, hielt uns jedoch aufrecht.
Der Johannistag verlief übrigens noch glücklich genug. Das Terrain legte uns keine Hindernisse in den Weg, und wir marschierten südwärts in einer Zickzacklinie, um die zahllosen kleinen Süßwasserseen und Tümpel, die das Hügelland kennzeichnen, zu umgehen. Die Seen sind gewöhnlich zugefroren. Dann aber erhob sich vor uns wieder eine nicht unbedeutende Kette, die bisher von den Hügeln verdeckt worden war. Turdu Bai, der stets an der Spitze ritt, wollte sie auf dem ersten besten Passe überschreiten, ich zog es aber vor, nach Westnordwesten in ein mächtiges Tal hineinzugehen, das sich in dieser Richtung hinzog. Beim ersten Weideplatz schlugen wir unser Quartier für die Nacht auf und wurden dabei mit einem schmetternden Hagelschauer traktiert.
Die erste Sorge im Lager ist das Untersuchen und Gruppieren der Tiere. Die gesunden dürfen frei umherlaufen, die schwachen müssen bei den Zelten bleiben. Der Lama ließ meinem Reitpferd noch einmal zur Ader und gab ihm darauf ein langdauerndes, eiskaltes Fußbad im nächsten Bache. Diese „Pferdekur“ muß doch heilsam gewesen sein, denn das Tier wurde sichtlich besser, graste eine Weile mit gutem Appetit und knabberte dann seine Maiskörner, wobei ihm die Augen vor Freude und Wohlbehagen leuchteten. Da wir sechs ganze Kamellasten Reis hatten, wurde beschlossen, unter den Mais für die Tiere künftig auch Reis zu mengen, um ihre Kräfte dadurch zu stärken und aufrechtzuerhalten, bis wir Gegenden mit frischem grünem Grase erreichten, und auch um die Lasten zu erleichtern. So verging dieser Johannistag glücklich und gut und ohne Verlust eines einzigen Lebens.
Ich war jetzt gerade zwei Jahre unterwegs und konnte dankbar und befriedigt auf die ausgeführte Arbeit zurückblicken.
25. Juni. Jetzt haben wir lange kein Brennmaterial gefunden, und die Saumleitern sind in demselben Verhältnis draufgegangen wie die Kamele. Ohne ein kleines Kohlenbecken in meinem Zelte kann ich nicht arbeiten. Die Morgen sind recht kalt, und die Nachttemperatur sinkt gewöhnlich unter Null herab, so daß die Erde ein paar Stunden gefroren bleibt, dann taut sie wieder auf.
Unsere Richtung führt jetzt fast ganz nach Westen, denn wir folgen noch immer dem Längentale, das mit dem Südfuße des Arka-tag parallel läuft. Wir legten nur 19,1 Kilometer zurück. Mein erstes Ziel ist der See, an dem wir am 28. und 29. September 1900 gelagert und bei dem ich damals eine astronomische Ortsbestimmung gemacht hatte, an die ich jetzt die neue Observationskette anknüpfen wollte.
Der Marsch war einförmig, wie er es in diesen breiten, leblosen, sterilen Haupttälern zu sein pflegt, wo eine Tierfährte eine außerordentliche Seltenheit ist. Es erweckte förmliches Aufsehen, als wir einmal entdeckten, daß eine Orongoantilope quer durch das Tal gelaufen war. Das Terrain ist stark wellenförmig, und die Aussicht nach vornhin erstreckt sich nicht sehr weit. Man geht einem die Aussicht versperrenden Landrücken entgegen, auf welchem der Führer und sein Pferd sich wie ein scharfer Schattenriß vom Himmel abheben, und man glaubt und hofft, daß der Mann dort ein endloses Panorama überblicken könne; doch man irrt sich, denn von dem Hügel sieht man nur ganz in der Nähe wieder einen solchen Landrücken. So geht es den ganzen Tag, bis wir endlich an einem ganz kleinen See rasten. Seine Fläche ist mit Eis bedeckt, an den Ufern aber ist offenes Wasser.
In der Dämmerung inspiziere ich wieder das Lager. Jetzt kommt es nie mehr vor, daß sich alle wohl fühlen. Hamra Kul ist wieder gesund, dafür aber hat jetzt Rosi Mollah, der Priester, Rachenkatarrh, und der alte Kameltreiber Muhammed Turdu klagt über Brustschmerzen. Beide bekommen Medizin, die dank ihrer eigenen Einbildungskraft auch hilft, und sind von allen Arbeiten befreit, bis sie wieder gesund sind. Mehrere von den anderen klagen über Kopfweh, weshalb sie je ein Antipyrinpulver nehmen müssen und damit getröstet werden, daß in diesen höheren Regionen niemand einem Anfalle von Bergkrankheit (Tutek) entgehen könne; ich selbst fühle jedoch keine Spur davon.
Mein Pferd ist entschieden außer jeder Gefahr, wird aber bis auf weiteres noch nicht zur Arbeit benutzt. Mehrere Kamele sind jämmerlich mager. Die zwei kleinen Füllen saugen und zerren an den Eutern ihrer Mütter, werden aber bei weitem nicht satt. Darum haben sie Weizensemmel fressen lernen müssen, die sie delikat finden und hinunterschlucken, aber man muß sie ihnen auch ins Maul stecken!
26. Juni. Heute herrschte ein höchst eigentümliches Wetter. Der Morgen war strahlend schön und die Luft sommerlich warm, aber schon früh erhob sich ein so außerordentlich heftiger Westwind, daß wir, die wir ihm gerade entgegenritten, nach Atem rangen und uns möglichst hinter denjenigen Kamelen hielten, die die höchsten Lasten trugen. Sich durch einen solchen Sturm durchzuarbeiten, strengt die Tiere, die es in der verdünnten Luft schon ohnehin schwer genug haben, noch mehr an. Man kann hier von einem Westpassate reden, so beständig scheint die Windrichtung zu sein. Als wir endlich unser Lager Nr. 61 vom vorigen Herbste erreichten, herrschte dort derselbe heftige Wind wie damals; Sand und Staub wirbelten in der Luft, und Zelte und Jurten drohten, zerfetzt und von den unglaublich gewaltsamen Windstößen fortgeweht zu werden.
Das heutige Lager, Nr. 24, fällt mit Nr. 61 vom vorigen Jahre zusammen, und ich gewann einen unschätzbaren Kontrollpunkt für die Karte. Von unserem früheren Besuche zeugten nur noch von den Feuern übriggebliebene Kohlen- und Aschespuren. Wir lagerten auf derselben Stelle am linken Ufer des kleinen Baches.
Der größere Teil des Sees war noch mit einer porösen Eisschicht bedeckt. Erst Mitte Juli wird der See wieder offen sein, aber nur, um Anfang November von neuem zuzufrieren. Die Eisverhältnisse sind natürlich bei den verschiedenen Seen sehr verschieden und richten sich nach dem Salzgehalt, der Größe und der mehr oder weniger geschützten Lage der Seen. Die kleinen Süßwassertümpel in der Nähe des Arka-tag sind den größten Teil des Jahres über zugefroren.
Heute herrschte jedoch Sommerwetter, und um 1 Uhr stieg die Temperatur trotz des heftigen Windes beinahe auf +20°. Es war ein warmer Luftstrom, ein richtiger Föhn, der über diese kalten, hohen Regionen hinfuhr; ein Sommerwind über einen zugefrorenen See.
Während des Rasttages, den wir hier verlebten, hatte ich glücklicherweise Gelegenheit, eine Ortsbestimmung zu machen. Sirkin und Turdu Bai rekognoszierten das Land nach Westen hin und fanden dort keine Hindernisse auf unserem Wege. Um diesen wichtigen Knotenpunkt zu fixieren und deutlich zu bezeichnen, errichteten die Kosaken einen doppelten Steinhaufen von Schieferplatten, in welche Sirkin und Schagdur ihren Namen einmeißelten, während der Lama sein ewiges „Om mani padme hum“ in eine große Scheibe einritzte (Abb. 235). Dieser Obo steht auf einem Hügel am rechten Ufer und ist leicht zu finden, wenn später einmal ein Reisender seine Schritte nach dieser Gegend lenken sollte. Meine Karte ist überdies so detailliert, daß man mit ihrer Hilfe auf unseren Lagerplatz direkt wird zugehen können. Die Muselmänner wollten auch nicht zurückstehen und errichteten ihre eigene Steinpyramide; ein gewisser Ehrgeiz trieb sie an, diese höher aufzutürmen, als der „heidnische“ Obo war.
Am 28. Juni zogen wir längs des Ufers weiter. Es war wirklich herzerquickend, daß man heute nicht nötig hatte, die Kamele steile Abhänge hinaufkeuchen zu sehen; sie gingen ruhig auf dem festen ebenen Kiesufer. Im Südwesten kamen wir an noch einen See, dessen Ostufer uns zwang, nach Südosten abzubiegen. Meine Absicht war jetzt, noch eine Zeitlang möglichst nach Südwesten zu ziehen, um die schwer passierbaren Berggegenden, die wir von der vorjährigen Reise her kannten, zu vermeiden.
Der neue See, an dessen Ufer das Lager Nr. 25 aufgeschlagen wurde, war ebenfalls mit ziemlich dickem Eise bedeckt.
Am 29. Juni marschierten wir ganze 27 Kilometer. Anfangs ging es nach einem niedrigen Passe hinauf, der, wie die ganze Gegend, schneefrei war. Von hier hatten wir nach Süden hin die herrlichste Aussicht über ein neues, breites und flaches Längental, das sich in ostwestlicher Richtung hinzog und reich an Seen war. Der größte von diesen lag im Südwesten; daß er salzig war, konnten wir daraus schließen, daß er völlig eisfrei war. Auf seinem Südufer erhoben sich feuerrote, weich abgerundete Hügel, deren grelle Farbe sich ebenso scharf von der sonst einförmig grauen Landschaft abhob wie der herrliche, rein marineblaue Wasserspiegel des Sees. Im Südosten und Süden zeigten sich drei dominierende Schneegipfel.
Jetzt handelte es sich nur darum, Wasser zu finden. In dem nach dem See hinunterführenden Tale floß ein Bach, der aber salzig war, und auf dem Westufer des Sees gab es keine Quellen. Eine Strecke weiter entdeckte Schagdur, der vorausritt, einen Fluß, an dem wir inmitten kärglicher Weide rasteten. Wie meistens in den offenen Tälern machte sich der Westpassat mit aller Kraft geltend. Ein Blatt aus meinem Notizbuche löste sich und flatterte im Winde dem nahegelegenen See zu, aber der Lama setzte sein Pferd in scharfen Trab und fing das Blatt im letzten Augenblicke noch glücklich auf. Bei Sonnenuntergang herrschte vollkommene Windstille; aber um 8 Uhr tobte ein Nordsturm von 17 Meter Geschwindigkeit in der Sekunde! Sein klagendes Geheul übertönte alle anderen Laute und wurde nur gelegentlich von dem Geschrei der Männer durchdrungen, wenn sich etwas gelöst hatte und fortfliegen wollte.
Erst gegen Morgen legte sich der Sturm, und der neue Tag brach klar und schön an, obwohl der Passat noch ununterbrochen aus Südwest wehte. Ohne allzu große Anstrengungen überwanden wir die Höhen, die sich auf der Südseite des Sees hinziehen, und ich brauchte kein schwarzes Kreuz in den Kalender zu zeichnen. Der Marsch war freilich recht beschwerlich, denn wir mußten über drei Pässe, ehe wir wieder an fließendes Wasser gelangten, in dem wir rasch den Oberlauf desselben Flusses, an welchem wir zuletzt gerastet hatten, erkannten. Hätten wir hiervon eine Ahnung gehabt, so hätten wir uns natürlich die Pässe geschenkt und wären in dem harten Bette, in dem es sich vorzüglich marschierte, weitergezogen. Doch es sind ja unbekannte Teile der Erdrinde, die wir durchziehen, und dies ist gerade das Einzigschöne an der ganzen Reise.
Am 1. Juli gingen wir 27½Kilometer nach Süden. Ich hatte allen Grund zu vermuten, daß, wie unser Schicksal sich auch gestalten würde, mit diesem Tage ein ereignisreiches Halbjahr beginnen werde. Auf unserem Wege erhob sich eine gewaltige Bergkette, deren höchste Partie, die mit einer ewigen, eisartig glänzenden Schneehaube bedeckt war, auf einer von beiden Seiten umgangen werden mußte. Tschernoff, der die westliche untersucht hatte, kam uns auf halbem Wege mit der Nachricht entgegen, daß dieser Weg für die Kamele unmöglich sei. Tscherdon und der Lama hatten auf der Ostseite mehr Glück gehabt, bereiteten uns aber auf einen schweren Übergang vor.
In langsamem Tempo schritt die Karawane nach der schwindelnden Höhe hinauf. Die Steigung nimmt zu, der Fluß wird immer wasserreicher, je mehr wir uns dem ewigen Schnee nähern, von dessen schmelzenden Zungen in den Klüften eine ganze Reihe kleiner Bäche in Schuttbetten herunterrieseln. Im Hauptbett ist das Wasser ganz rot und dick und wälzt sich dumpf und schwer talabwärts. Jegliche Vegetation hat aufgehört, nicht einmal ein Moosfleckchen kann in dem Schutte wurzeln und gedeihen. Endlich haben wir den letzten steilen Abhang besiegt. Die Kamele atmen laut und schwer, die Leute, von denen viele haben zu Fuß gehen müssen, um die Lasten zu überwachen, sinken kraftlos zu Boden, da es ihnen schwarz vor den Augen wird. Ganz oben auf dem Passe erwartet uns der Lama; sein rotes Gewand macht sich weniger als gewöhnlich geltend, denn die Gesteinart ist rotes Konglomerat, und die ganze Landschaft schillert in roten Schattierungen.
Obwohl fünf Kamele schwach waren und drei ohne Last gingen, erreichten sie alle diesen 5337 Meter hohen Paß, der also bedeutend höher als der Arka-tag, aber schneefrei ist. Ein Glück war, daß wir diesmal von einem Schneesturm verschont blieben. Der Südabhang dieses dominierenden Gebirgsstockes war dagegen fast ganz schneefrei. Doch sammelte sich auch hier ein ziemlich bedeutender Fluß, der nach Südosten abbog und zwischen einem Gewirr von Bergen verschwand. Wie schon so oft, konnten wir nicht feststellen, wo er blieb. Wahrscheinlich ergießt er sich in irgendeinen versteckt liegenden See. An seinem rechten Ufer wurde das Lager Nr. 28 aufgeschlagen. Von Weide und Brennmaterial konnte an diesem wüsten Orte nicht die Rede sein.
Es ist jetzt eine ausgemachte Sache, daß die Medizinkiste in jedem Lager herhalten muß. Tschernoff hatte wütende Kopfschmerzen, Turdu Bai klagte über Stechen in dem einen Auge und wurde mit Kokain behandelt, dessen Wirkung ihm ungeheuer imponierte. Hamra Kul ging es am Tage vorher ebenso, als ich ihm sein Zahnweh mit Zahntropfen stillte. Es war wohl mehr der Neugierde zuzuschreiben, daß heute wieder drei Patienten, besonders Islam Ahun aus Tscharchlik, über Zahnschmerzen klagten. Sie wollten wahrscheinlich ausprobieren, ob Hamra Kuls lebhafte Beschreibung von der Kraft des Heilmittels mit der Wirklichkeit übereinstimmte. Am schlimmsten steht es mit Muhammed Tokta, der über sein Herz klagt und an Schlaflosigkeit leidet. Er ist schon lange von aller Arbeit entbunden und sollte sie nie wieder aufnehmen können. Von Zeit zu Zeit gab ich ihm Morphium zum Schlafen.
Die Medizinkiste wurde als ein wundertuender Talisman betrachtet. Sobald sie hervorgeholt wurde, versammelten sich alle, die gerade nichts zu tun hatten, vor meinem Zelte. Viele bittende Blicke wurden während der monatelangen Reise auf den Blechdeckel der Kiste gerichtet. Ich selbst war so glücklich, von ihrem Inhalt nie Gebrauch machen zu müssen.
Auch am 2. Juli wurde ein schöner Marsch von 26½ Kilometer gemacht, der uns durch eine Landschaft aus rotem Sandstein führte. Von dem schlechten Grase wenig gesättigt, müssen die Kamele täglich ihre schwere Lasten geduldig weiter über die Berge schleppen. Das Schlimmste ist, daß sie selbst leichter werden und von ihrem eigenen Fette zehren, das nicht ersetzt werden kann, weil sie keine genügende Nahrung erhalten. Von dem Mais sind jetzt nur noch drei große Säcke übrig. Werden wir Gegenden mit besserer Weide erreichen, ehe es zu spät ist?
Eine recht ansehnliche Bergkette zwingt uns, nach Südwesten zu gehen. Mehrere Tümpel und kleine Seen glitzern im Sonnenschein. Hier wanderte eine nichts Böses ahnende Orongohindin mit ihrem wenige Tage alten Jungen, das von Jolldasch gejagt, eingeholt und sofort totgebissen wurde. Ich bat Schagdur, die Mutter zu verfolgen, um ihrem Gram ein Ende zu machen, aber sie entkam, und ich habe es nicht verhindern können, daß sie noch lange voller Kummer ihr Kind suchen wird.
Endlich finden wir ein nach Süden hinabführendes Flußtal. Nach und nach wurde es weniger bequem, als wir gehofft hatten, denn es drängte sich zu einem scheußlichen gewundenen Korridor zusammen, und der Boden desselben war mit Sandsteinplatten bedeckt, an denen die Kamele sich die Füße verletzten. Wir verlassen daher das Tal und ziehen über einen niedrigen, hügeligen Paß, auf dem Sirkin eine viel zu wenig scheue Antilope erlegte. Jolldasch stürmte blindlings auf das verwundete Tier los, wurde aber sehr kleinlaut, als sich ihm zwei spitze Hörner entgegenstreckten. Fleisch hatten wir stets in genügender Menge. Den Hunden ging es von der ganzen Gesellschaft am besten. Auch wenn die Jagd schlecht gewesen wäre, hätten sie doch an dem Fleische der gefallenen Karawanentiere übergenug gehabt. Jagd durfte nie als Sport betrieben werden, sondern nur wenn wir Fleisch brauchten. Wir mußten auch an die Munition denken. Augenblicklich hatte noch jeder Kosak 142 Patronen, welcher Vorrat allerdings völlig ausreichend war, wenn vernünftig damit umgegangen wurde; aber man konnte nicht wissen, was die Zukunft in ihrem Schoße barg, und daher mußten wir damit sparsam sein.
Von einer letzten, schwachen Schwelle erblickten wir wieder einen kleinen See. Sein südliches Ufer glänzte grün, und nach einer Weile befanden wir uns auf Gras, das freilich außerordentlich dünn und niedrig stand, aber doch besser war als seit langer Zeit, denn es war von diesem Sommer und weich. Kulanmist zur Feuerung war gesammelt worden, es blieb nur noch das Wasser zu versuchen. Tschernoff fand es schlecht, Tscherdon meinte, es sei ganz süß; Schagdur wollte es auch probieren und fand es mäßig. Es half schließlich nichts, ich mußte selbst absteigen, um zu kosten, und ich war der Ansicht, daß wir damit zufrieden sein könnten.
Ein charakteristischer Zug der Windverhältnisse dieser Gegenden, den ich seit mehreren Tagen beobachtet hatte, war folgender. Der Passatwind endet mit Sonnenuntergang; in der Dämmerung ist es so windstill, daß ich bei freibrennendem Licht und offener Tür Mittag esse. Gleich nach 8 Uhr erhebt sich ein nördlicher Sturm und bringt das Lager in Aufregung Alle müssen sich beeilen, ihre Zeltleinen straffzuspannen, die Zelte zu verankern und alle zufällig noch draußen umherliegenden Sachen in Sicherheit zu bringen. Die Funken stieben so dicht wie Kometenschweife um die Feuer, und es heißt aufpassen, daß sich auf der Seite, nach der der Wind weht, nichts Entzündbares befindet. Der Sturm hält wenigstens so lange an, als ich wach bin, d. h. bis Mitternacht, doch wenn ich morgens geweckt werde, also kurz vor 7 Uhr, ist die Atmosphäre wieder im Gleichgewicht. Hier gibt es also zwei herrschende Winde, einen westlichen und einen nördlichen, einen bei Tage und einen nachts wehenden.
Vor dem Sturme gewährten unser Lager und seine Umgebungen an diesem Abend einen wirklich idyllischen Anblick, wenn man sich eines solchen Ausdruckes zur Bezeichnung einer tibetischen Landschaft bedienen darf. Die Sonne war untergegangen, aber im Westen sah man noch ihren Purpurschein. Im Osten stieg am dunkelblauen Horizont blaßgelb und kalt der Vollmond auf, dessen Licht durch einen dünnen leichten Abendnebel noch mehr gedämpft wurde.
Die auf den Hügeln zerstreuten Tiere weiden gierig (Abb. 236). Die Todeskandidaten unter den Kamelen liegen dicht aneinandergedrängt unter ihren weißen Filzmänteln neben Turdu Bais Zelt. Auch die beiden Jungen und ihre Mutter werden mit besonderer Sorgfalt gepflegt und bringen die ganze Nacht in liegender Stellung zu. Die kleinen Tiere werden stets zwischen zwei große Kamele gelegt, von denen eines die Mutter ist. Alle anderen Tiere weiden draußen im Mondschein, von ihren Wächtern und den Hunden vor den Wölfen geschützt, von denen wir in den letzten Tagen in der Gegend mehrfach Spuren gesehen haben.
Wir rasteten hier noch einen Tag. Ein Pferd, das gestern zurückgelassen worden war, kam heute an. Die gewöhnlichen Windgesetze gelangten auch heute zur Geltung, obwohl der Nordsturm früher als sonst einsetzte. Nachdem er über die Erde hingefahren ist, sieht diese merkwürdig reingefegt aus.
Nach meiner Ortsbestimmung mußte dieses Längental dasselbe sein, in welchem wir im vorigen Herbst Aldat begraben hatten. 30 Kilometer weiter östlich würde ein Wanderer zu seinem Erstaunen das einsame, verlassene, mit einem flatternden Yakschwanze geschmückte Grab des Jägers finden.