Im Herzen von Asien. Erster Band.
Part 28
Unsere erste Beschäftigung am Morgen war, unsere Kleider an einem schönen Feuer zu trocknen, worauf das Geschwader ausgerüstet wurde. Ich hatte die Instrumente in meinem Kahne, Tschernoff den Proviant in dem seinen; dieser war aber so schwer belastet, daß die Reling nur 4 Zentimeter über dem Wasser lag, und an offneren Stellen des Flusses schlugen die Wellen dann und wann in den Kahn. Jolldasch, der ohne Erlaubnis bei uns geblieben war, durfte auch mitkommen, fiel uns aber nur lästig; wenn es ihm im Kahne zu langweilig wurde, sprang er ins Wasser und schwamm in das Schilf hinein, und wir hatten viele Mühe, ihn wieder zu erwischen.
Die Fahrt war ziemlich mühsam. Der Buran fuhr fort, im Schilfe zu heulen und zu pfeifen, und wir mußten an dem dichten Schilfbestande entlang rudern, um Schutz zu finden. Auf offenem Wasser drohten die Kähne sich selbst bei ziemlich unbedeutendem Wellenschlage mit Wasser zu füllen und unterzugehen. In dem Schilfdickicht war es halbdunkel. Hier und dort plätscherte ein Fisch; Schwäne und Gänse eilten fort, und bei ein paar Gelegenheiten wurden sie ihrer Eier beraubt.
Solange die Strömung deutlich war, ging alles gut; dann aber wurden wir durch ein vollständiges Labyrinth von dichtem Kamisch, aus dem Wasser herausguckenden Tamariskenkegeln, Anschwemmungen, Landzungen und Landengen gehemmt. Über drei Stunden lang suchten wir hier kreuz und quer nach einem Durchgange, gingen denselben Weg, den wir gekommen waren, wieder zurück, verloren uns in schlängelnden Buchten, wo wir wieder umkehren mußten, forcierten den Schilfbestand, indem wir die Kähne mit den Rudern durch seine knackenden Wände trieben, und schleppten sogar die Fahrzeuge über schilfbewachsene Landengen, die benachbarte Wasserflächen voneinander trennten. Jede Düne, die dabei passiert wurde, mußte einer von uns besteigen; doch der Blick reichte bei dem Nebel nicht weit, und die ganze Umgebung war ein einziges dichtes Dschungel.
Als dieses Suchen umsonst war, steckten wir das Kamisch in Brand. Es gab in dieser mit Dämmerung gesättigten Atmosphäre ein großartiges Schauspiel, als sich die Flammen in die regenfeuchten Schilfhecken hineinwarfen und diese knallten, knisterten und dampften und rabenschwarze Wolken emporsteigen ließen, die vom Sturme zerzaust wurden und wie ein Trauerflor über diese irreführenden Sümpfe mit ihren überwachsenen Irrgängen führten. Rußflocken erfüllen die Luft, und man wird ebenso schmutzig wie naß, während man in dem seichten Wasser umherpatscht und die Kähne in die vom Feuer gebahnte Gasse schleppt, die jetzt auch einen Blick nach vorn gestattet und uns sehen läßt, wo wir den nächsten Weg zum offenen Wasser haben (s. bunte Tafel).
Endlich waren wir wieder auf dem rechten Wege, wo das Wasser tüchtig strömte. Die Strömung war so saugend und so schnell, daß die Ruderer all ihre Kraft aufbieten mußten, um den Kahn gegen sie vorwärtszubringen. Gegen Abend sahen wir uns nach einem geeigneten Lagerplatze an dem hier überall feuchten Ufer um; da es uns aber nicht gelang, einen solchen zu finden, blieben wir bei einigen Tamarisken und legten, um wenigstens trocken zu liegen, Kamisch auf die Erde. In schneidendem Wind machte ich meine Aufzeichnungen beim Scheine des Lagerfeuers, und der Sturm peitschte den Flußarm derart, daß von den Wogenkämmen weißer Gischt sprühte.
Der Morgen war wenig verlockend zur Fortsetzung der Fahrt. Im Norden war der Himmel schwarzgrau von Flugsand, und bei Wellenschlag läßt sich die Strömung schwer unterscheiden. Erst um 11 Uhr konnten wir aufbrechen und zogen nun nach Nordwesten über langgestreckte Seen, die uns wieder in ein deutliches Flußbett führten. Manchmal verengte sich dieses bis nur auf 10 Meter Breite und hatte dann eine Stromgeschwindigkeit von 0,9 Meter. Dann folgt eine verwickelte Strecke, von den Jägern Tokkus-Tarim (neun Flüsse) genannt, weil der Strom hier in mehrere Arme geteilt ist.
Der größte See auf dem ganzen Wege zog sich glücklicherweise von Norden nach Süden hin. Indem wir seinem östlichen, von hohen Dünen eingefaßten Ufer folgten, blieben wir vor dem Sturme geschützt. Gerade über den See hinüberzufahren, wäre unmöglich gewesen; er war ganz weiß von den schäumenden Wellen, und es war mehr Glück als Geschicklichkeit, daß wir uns auf der anderen Seite wieder in den Flußarm hineinfanden. Der Wasserweg lief alsdann nach Südwesten, und der Wind neutralisierte den hemmenden Einfluß der Strömung. Bei dem Lager Nr. 30 führte dieser Arm 10,6 Kubikmeter Wasser, die dem unteren Tarim entzogen worden waren.
Auch die folgende Tagereise war verwickelt, und der Wind dauerte fort. Die Minimaltemperatur war auf -0,3 Grad heruntergegangen. Wir ruderten längs des Ufers weiter, gerieten aber oft in Sackgassen. Ein junger Hirt, auf den Tokta Ahun gestoßen war, diente uns als Lotse, bis wir eine Sattma erreichten, von welcher aus ein alter Fischer uns zu Boot begleitete. Ohne seine Hilfe wäre es uns nicht möglich gewesen, die Mündung des Flußarmes zu finden, denn sie war total vom Schilfe verdeckt. Ein wenig weiter aufwärts lotste er uns durch einen kaum meterbreiten Kanal, wo die Kähne an einer Stelle auf das Land und durch das Schilfdickicht gezogen werden mußten, um an einem etwa 55 Zentimeter hohen Wasserfalle vorbeizukommen. Ein zweiter Katarakt hatte eine Höhe von 60 Zentimeter.
Man erhält durch diese Wasserfälle den Eindruck, daß der Schirge-tschappgan-Arm stärkeres Gefälle hat als der Hauptfluß, sich also auf einem etwas höheren Niveau befinden muß. Hierdurch erklärt sich auch die Tendenz des ganzen hydrographischen Systems, nach Norden zu wandern und sich nach diesen flachen Depressionen hinüberzuwerfen. Ein Niveauunterschied von einem Meter spielt in einem Lande, das beinahe ganz horizontal ist, eine sehr große Rolle.
Bei +Jekken-öi+ fanden wir ein Dörfchen (Abb. 92) von 4 Sattmen und 20 Einwohnern, ausschließlich aus Greisen, Frauen und kleinen Kindern bestehend, denn die kräftigere männliche Bevölkerung hatte sich nach Tscharchlik begeben, um Ackerbau zu treiben. Die Bevölkerung lebt hier von Fischfang, Wildenten, die sie massenweise fangen, und Enteneiern. Sie besitzen auch 150 Schafe und eine Anzahl Kühe. Vor vier Jahren waren sie von Tscheggelik-ui hierher gezogen und sie erzählten, daß der neue Flußarm erst vor sieben Jahren angefangen habe, sich von ihrem See aus einen Arm nach Osten zu bahnen.
Von einem ganzen Geschwader von Kähnen begleitet, steuerten wir am 18. nach Südwesten über eine Seenreihe, die Tiefen bis zu 4,6 Meter zeigten. Diese Seen sind dadurch eigentümlich, daß das Wasser sich von ihnen nach zwei Seiten teilt; die Bifurkation findet nach Osten und Westen statt. Die Hauptmasse geht ostwärts und bildet den Arm, dem wir gefolgt waren, ein Teil aber fließt bei Schirge-tschappgan in den Tarim, und der Spiegel des Sees liegt 60 Zentimeter über dem Niveau des Tarim.
Allmählich kommen wir in einen Kok-ala (kleinen Flußarm) hinein, der sich nach dem Tarim hinunterschlängelt, wo sein kristallhelles Wasser sofort in den trüben Fluten des Flusses verschwindet.
Eine Strecke weiter abwärts machen wir an den Hütten von +Schirge-tschappgan+ Halt und haben eine prachtvolle Aussicht über den gewaltigen Fluß, der hier gerade und regelmäßig ist und von ehrwürdigen dichtbelaubten Pappeln eingefaßt wird. Hier werden 5,6 Kubikmeter Wasser aus den Seen von Jekken-öi wieder an den Tarim abgegeben, der selbst an diesem Punkte 108,4 Kubikmeter in der Sekunde führte, die größte Wassermenge, die ich bis dahin in dem Flusse gefunden hatte (Abb. 93).
In der Nacht auf den 20. April ging die Temperatur wieder auf -4 Grad herunter, was für diese Jahreszeit recht ungewöhnlich ist. Nachdem wir uns mit Faisullah, Ördek und Maschka wiedervereinigt hatten, war unser Plan, auf den östlichen Seen, die ich das vorige Mal entdeckt hatte, nach Tikkenlik zurückzurudern. Es war recht ärgerlich, zwei Tage lang denselben Weg wie damals gehen zu müssen, nach Kum-tschekke, aber die hydrographischen Verhältnisse hatten sich so verändert, daß ich auf mehrere neue Erfahrungen hoffen konnte.
So ließen wir denn jetzt den Nias-köll zur Linken liegen und ruderten über den Tschong-köll, der seinen Namen (großer See) mit Recht führt und auf dem man sich mit den wenig seetüchtigen Kähnen nicht zu weit hinauswagen darf.
Sodann gehen wir einen mächtigen Flußarm hinauf, der lauter Sand durchschneidet und Lailik-darja heißt. Indem ich von Zeit zu Zeit die Wassermenge in diesem östlichen Arme auf dem Wege aufwärts maß, würde ich allmählich seinen Charakter erforschen und ausfindig machen können, wieviel Wasser unterwegs in den Seen verloren geht, sich durch Verdunstung verflüchtigt, in den Boden einsickert usw.
Der Sadak-köll hatte sein Aussehen in den vier Jahren vollständig verändert. Er war mit Schilf zugewachsen und voller Sand und Anschwemmungen, in denen ein Flußarm mit starker Strömung entstanden war. Die Hütten, bei denen ich damals vom Sturme aufgehalten wurde, standen noch. Ihre Bewohner waren größtenteils noch dieselben; sie erkannten mich wieder und empfingen uns mit der größten Freundlichkeit. Sie nennen ihr mit 26 Menschen bewohntes Dorf +Merdektik+, nach einem neugebildeten Arme des Merdek-köll. Schritt für Schritt sehen wir, wie das ganze hydrographische System nach Norden und Osten wandert, um dereinst wieder in das Seebecken des alten Lop-nor zurückzukehren.
Von dem Dorfe begleitete uns ein Fischer in seinem Kahne und zeigte uns den gegen die ziemlich reißende Strömung angehenden Weg nach Norden. Tschernoff hatte uns eine 6 Meter lange Stange besorgt, die er in Meter und Dezimeter eingeteilt hatte, so daß er die Tiefen direkt ablesen konnte, wenn ich Sondieren für wünschenswert hielt. Längs der Ufer stand reicher Tograkwald in seinem ersten, zarten Lenzgrün und wirkte da, wo er, wie hier, die gelbe, öde Sandwüste als Hintergrund hatte, besonders anziehend.
In +Kulaktscha+ machten wir eine kurze Frühstücksrast; dort wohnten noch immer fünf Familien, lauter alte Bekannte von 1896. Seit meinem vorigen Besuch hatten die Hirten der Gegend eine ziemlich feste Brücke (Abb. 94) von Balken, Ästen und Kamisch über den Fluß geschlagen, um ihr Vieh im Sommer von einem Ufer nach dem anderen hinübertreiben zu können. Sie ist so niedrig, daß man mit belasteten Kähnen nur gerade unter ihr durchfahren kann; aber sie ist pittoresk, wie sie ihre Pfähle und Balken in dem Ilek spiegelt, dessen Wasser schwarz wie Tinte, aber auch klar wie Kristall ist.
Dann ruderten wir mit einer Geschwindigkeit von 1,8 Meter in der Sekunde zwischen üppigen Wäldern und undurchdringlichen Schilfdickichten weiter und langten bei Sonnenuntergang unter Mückentanz in +Kum-tschekke+ an, wo wir gleichfalls von Freunden aus dem Jahre 1896 empfangen wurden.
Mit ihnen machte ich am folgenden Tage eine Fahrt nach dem Merdek-köll, um von diesem eine Karte aufzunehmen. Dieser Fluß empfängt sieben Kubikmeter Wasser vom Ilek und hat Tiefen bis zu 7,4 Meter, also viel bedeutendere als der Kara-koschun.
Von Kum-tschekke gingen wir weiter den Fluß hinauf, der noch immer außergewöhnlich tief ist und von prächtigen Wäldern eingefaßt wird. Es ist eine sehr schöne Gegend, die mit ihrem Kanale und ihrem blanken, dunkeln Wasserspiegel einem Parke gleicht, und es ist eine Freude, die unaufhörlich wechselnden Uferszenerien zu betrachten (Abb. 95, 96).
Von dem See und Dorfe +Tosgak-tschantschdi+ an nahmen wir neue Ruderer, und ich machte einen Ausflug nach dem auf der vorigen Reise entdeckten Arka-köll.
Auf der folgenden Tagereise wurde mitten im Flusse eine der größten Tiefen gelotet, die ich im ganzen Tarimsysteme je gefunden habe, 12,55 Meter. Von dem Punkte, wo wir am Ufer lagerten, unternahm ich wieder eine Bootexkursion nach dem nahegelegenen +Tajek-köll+. Ich hatte nur einen Mann bei mir, und der Kahn mußte einen halben Kilometer über Land von dem Flusse nach dem See getragen werden. Der Tajek-köll, an dessen östlichem Ufer wir 1896 mit Kamelen durch mühsames Terrain wanderten, ist ziemlich offen und hat in der Mitte Tiefen von 5,7 Meter, 6,9 Meter und 9,5 Meter, die also beinahe doppelt so groß sind wie die tiefsten Stellen des Kara-koschun.
Als ich wieder ins Lager kam, war das Zelt so voller Mücken, daß sie ausgeräuchert werden mußten, worauf die Leinwand auf allen Seiten zugezogen und Jolldasch angebunden wurde, damit er nicht, wie er zu tun pflegte, aus und ein liefe und diese verwünschten Insekten, die uns jetzt abends zu plagen begannen, mitbrächte. Es ist eine Art großer hellgrauer Mücken, die ihr Opfer mit unglaublicher Energie und unglaublichem Eigensinn umschwärmen; sie hinderten mich am Schreiben sowie an jeder anderen Beschäftigung. Man ist ihrem Blutdurste, gegen den der eines Tigers nichts ist, völlig preisgegeben. Sie zeigen eine Todesverachtung, die nicht Mut, sondern Dummdreistigkeit ist, greifen von allen Seiten an und gehen gern in den Tod, wenn sie nur erst eine tüchtige Mahlzeit Blut haben einsaugen können.
Am 27. brachen wir bei Tagesgrauen aus diesem unwirtlichen Mückenneste auf. Es dauerte nicht lange, so fegte ein warmer, dunstiger Südwestwind über das Wasser in diesem unheimlich verwickelten Labyrinthe von Seen, Sümpfen und Flüssen hin. Wir folgten unserem alten Ilek aufwärts; er gleicht kaum einem Flusse, sondern eher einer offenen Gasse in einem Sumpfsee. Unsere Richtung ist anfangs nördlich, aber beim +Suji-sarik-köll+ (See des gelben Wassers) biegen wir nach Westen ab, um in ungeheuer verwickelten Dickichten und Dschungeln von Kamisch, durch die ein schlecht instandgehaltener Tschappgan führt, zu verschwinden (Abb. 97). Drinnen ist es dunkel und schwül; das Kamisch ist von den Stürmen über den engen Wasserweg gelegt worden und ist mit Staub und Flugsand bedeckt. Stellenweise bildet das Ganze eine Brücke, auf der man bequem weite Strecken über das im allgemeinen 2 Meter tiefe Wasser gehen kann. Es war jedoch nicht immer ganz leicht, unter diesen mächtigen natürlichen Gewölben, wo man so staubig wird wie auf einer Landstraße, vorzudringen. Zwischen Milliarden von Schilfstengeln rinnt das Wasser nach dem Ilek hinab. Diesen Abend lagerten wir im Dorfe +Scheitlar+, das wir auch im Winter besucht hatten (Abb. 98); ich erhielt also einen Anknüpfungspunkt an die Karte der Expedition nach Tschertschen.
Von diesem Punkte aus machte ich am folgenden Tage mit zwei Führern einen Ausflug nach dem +Kara-köll+. Wir mußten 4,1 Kilometer zu Fuß gehen, ehe wir an sein Ufer gelangten, wo ein Kahn im Schilfe angebunden lag. Auch jetzt hatten wir einen Nordoststurm von der schlimmsten Sorte uns gerade entgegen. Wir ruderten um die größte offene Wasserfläche des Sees herum, indem wir uns längs des Schilfes oder innerhalb seines äußeren Randes, wo der Wellenschlag gemildert war, bewegten. Im Kara-köll sieht man ganze Fladen von Kamischwurzeln, die mit Lehm, Schlamm und verfaulten Algen vom Seeboden zusammengeballt sind und teils auf dem Wasser, teils ein wenig unter der Oberfläche treiben. Sie werden von der Bevölkerung „Sim“ genannt und sehen oft aus, als könnten sie einen Mann tragen. Sie zeigen jedenfalls deutlich, daß die Wasservegetation einer der Faktoren ist, die zur Verseichtung dieser ausgedehnten, wenig tiefen Sumpfseen beitragen.
Mit Tschernoff als Gehilfen maß ich jeden Arm, jeden Kanal, der Wasser nach dem Ilek und nach Argan führte und gewann die interessantesten Resultate, unter anderem den Beweis, daß das Wasser des Tarim sich seit meinem vorigen Besuche in immer größerer Menge in dieses östliche System hinübergezogen hatte.
Mit neuen Booten und Ruderern fuhren wir am 29. nach Westen und Nordwesten, den gewaltigen See Tschiwillik-köll kreuzend, der bedeutende offene Wasserflächen besitzt, aber gleich den anderen größtenteils von Schilf und Binsen überwuchert ist. Bei dem Dorfe +Kadike+, das 40 Bewohner zählt, durften die anderen lagern, während ich mit zwei Kähnen nach dem Awullu-köll weiterfuhr, um seinen Zusammenhang mit den übrigen Wasserwegen zu untersuchen.
In Kadike gesellten sich am nächsten Tage Kirgui Pavan und Schirdak Pavan, meine alten Führer, zu uns, und erst jetzt erhielten wir die Nachricht von Parpi Bais Tod. Als wir uns vor ein paar Tagen von Faisullah trennten, der sich schleunigst nach Tura-sallgan-ui begeben sollte, hatte er den Befehl an Parpi Bai und Tscherdon mitgenommen, mit der Hauptmasse der Karawane nach Tschimen vorauszugehen, damit die Tiere nicht unnötig von Bremsen und Mücken gepeinigt würden. Doch Parpi Bai sollte von dem Vertrauen, das ich zu seiner Fähigkeit hegte, eine große Karawane leiten zu können, nie Kenntnis erhalten.
Am 1. Mai hatten wir wieder neue Boote und neue Leute, darunter Kirgui und Schirdak. Die Fahrt ging auf dem Kuntschekkisch-Tarim nach Westnordwest. Bei Dargillik sind im Walde noch Spuren von etwa 20 Hütten, nach denen die Beke von Turfan sich unter der chinesischen Herrschaft vor Jakub Beks Zeit über Turfan-köbruk am oberen Ilek begaben, um die hauptsächlich in Otterfellen bezahlten Steuern für den Kaiser einzutreiben. Sie pflegten Geschenke in Gestalt von Mehl für die Beke und die Bevölkerung des Landes, die sich in ihren Kähnen von allen Seiten hier einfanden, mitzubringen. Dargillik war damals eine Art Marktplatz, und alle sehnten sich dorthin, in der Hoffnung, mit einem Beutel Mehl zurückzukehren, denn damals wurde im Loplande noch kein Ackerbau getrieben.
Bei dem Lager +Dillgi+ fanden wir, daß jetzt 84,3 Kubikmeter Wasser dem Tschiwillik-köll zuströmten, aber ein paar Tage vorher hatten wir 91 Kubikmeter gemessen, die aus ihm abflossen. Dieses beim ersten Anblick seltsame Verhältnis beruht darauf, daß der Zufluß schon angefangen hat, abzunehmen, so daß der See, der als Reservoir wirkt, sich noch eine Zeit lang mehr Wassers entledigt, als er empfängt.
Die drei folgenden Tage ruderten wir angestrengt flußaufwärts. Am 4. Mai lagerten wir bei dem alten Naser Bek in +Tikkenlik+ (Abb. 99) und erhielten gute Nachrichten aus dem Hauptquartier. Der 5. wurde Tikkenlik geopfert, denn am Morgen langte die erste Karawane aus Tura-sallgan-ui unter Tscherdons Oberbefehl hier an und mußte inspiziert werden. Die übrigen Teilnehmer waren Faisullah, Mollah Schah, Musa, Kutschuk und zehn Loplik samt 35 Pferden, 5 Mauleseln und 5 Hunden; Menschen wie Tiere waren in gutem Zustand. Das Gepäck der Karawane war imponierend und bestand aus Reis, Mehl, Konserven usw., der privaten Habe und den Kleidungsstücken der Leute, einem großen mongolischen Filzzelte und unzähligen anderen Dingen. Eine kleine Strecke außerhalb des Dorfes hatte die Karawane ihr großes Lager aufgeschlagen. Nach dem von mir durch Faisullah gesandten Befehl sollte sie den großen Karawanenweg bis Abdall benutzen und von dort direkt nach Tschimen in Nordtibet gehen, ein passendes Standlager aussuchen und meine Ankunft dort abwarten, wobei vor allem dafür gesorgt werden sollte, daß die Tiere gut gepflegt wurden, damit sie die Strapazen, die ihrer im Sommer warteten, aushalten konnten.
Der Amban von Tscharchlik, Dschan Daloi, passierte Tikkenlik während meiner dortigen Anwesenheit. Er war auf dem Wege nach seiner Residenzstadt und zeigte sich als ein ungewöhnlich liebenswürdiger, artiger, feiner Chinese, der mir später von großem Nutzen sein sollte.
Am 6. Mai wechselten wir zum letzten Male auf dieser langen Fahrt die Ruderer und Kähne. Wir brauchten leichte Fahrzeuge und starke Muskeln, denn ich beabsichtigte, die uns noch von Jangi-köll trennende Strecke möglichst schnell zurückzulegen. Über den +Kalmak-ottogo+-Arm (Abb. 100) gelangten wir wieder in den Tarim, wo wir am 7. gute Hilfe vom Winde hatten, was bei der starken Strömung, die jetzt nach der Eisschmelze herrschte, auch sehr nötig war.
Den letzten Tag lag wieder Staubnebel schwer über dem Lande. Bei +Artillma+ ersparten wir uns eine große Flußbiegung dadurch, daß wir die Kähne über eine schmale Landzunge schleppten. Als wir schließlich an unseren wohlbekannten Strand mit der einsamen Pappel gelangten, standen alle Mann zu unserem Empfang bereit. Sirkin berichtete über alles Vorgefallene und überreichte das meteorologische Journal nebst seinen Aufzeichnungen und Beobachtungen über die Veränderungen des Flusses während meiner Abwesenheit. Auf dem Korso hatten sie eine hübsche kleine mongolische Jurte aufgeschlagen, in der ich von nun an wohnte. Die Kosaken logierten in der Kamischhütte, Islam und Turdu Bai im Zelte. Die Fähre lag im Hafen vertäut und sollte jetzt wieder zu Ehren gelangen.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Gefährliche Wasserfahrten.
Durch die Rückkehr in das alte Winterquartier war ein neues Glied in die Kette der Exkursionen eingefügt worden und hatte ein neues Kapitel der Reise seinen Abschluß gefunden. Der unschätzbaren Operationsbasis, die wir in Jangi-köll gehabt hatten, bedurften wir jetzt nicht länger, denn jetzt sollte all unser lebendes und totes Hab und Gut nach anderen Gegenden Asiens, in eine neue Welt und neue Verhältnisse übersiedeln: auf die unwirtlichen Berge zwischen dem Himalaja und dem Kwen-lun, welche die mächtigste Erhebung der Erdrinde bilden.
Die zehn Tage, die ich jetzt im Hauptquartiere zubrachte und die zur Ruhe so sehr notwendig waren, vergingen sehr schnell unter mannigfaltigen Beschäftigungen. Zuerst wurden alle Geschäfte mit Chalmet Aksakal von Korla abgeschlossen, der uns Pferde und Proviant auf lange Zeit hinaus besorgt hatte und der, als er uns verließ, meine große Post nach Europa mitnahm.
Unterdessen waren die Kosaken durchaus nicht müßig. Sie veränderten den Oberbau der Fähre in besonders bequemer, gemütlicher Weise. Unser altes Schiff sollte nämlich bald wieder in Gebrauch treten, da die Reise den Tarim hinunter fortgesetzt werden sollte. Statt des Zeltes wurde auf dem Vorderdeck eine ordentliche Hütte errichtet, die ganz wie die Dunkelkammer aussah, nur mit dem Unterschiede, daß die Latten mit weißen Filzdecken tapeziert wurden. Die Vorderwand bildeten zwei Filzvorhänge, von welchen der rechte vor dem Schreibtische nur nachts heruntergelassen wurde. Hier wurde auch eine kleine Markise gegen die Sonne, die mir sonst auf der Fahrt nach Süden sehr lästig geworden wäre, angebracht. An die aus Brettern bestehende Backbordlängswand wurden drei meiner Kisten gestellt, von denen eine als Eßtisch diente. Das Bett hatte seinen Platz an der Steuerbordlängswand, die nur aus einer großen herabhängenden Filzwand bestand. Ein Teppich wurde dagegen nicht auf den Boden gelegt; die Behausung sollte so luftig wie möglich sein. Das meteorologische Observatorium hatte denselben Platz wie früher, und die Instrumente ließen sich bequem von drinnen ablesen, wenn ich nur den kleinen Filzvorhang ein wenig zurückschlug. Die Decke bildeten sieben mit einem Teppiche bekleidete Latten. Von einer derselben hing an Stahldrähten ein mehr als einfacher „Kronleuchter“ herab.
Als die neue Residenz fertig war, wurden all meine Habseligkeiten dorthin gebracht, außer den Sachen, deren ich auf dem Flusse nicht bedurfte und die mit der Karawane gingen. Meine kleine Mongolenjurte wurde zusammengelegt und an Bord verstaut, denn ich wollte von ihr auf der Reise nach dem neuen Hauptquartier im Gebirge Gebrauch machen. Das neue Studierzimmer war so einladend und gemütlich, daß ich nicht begriff, wie ich mich auf der langen, kalten Herbstreise mit dem Zelte hatte begnügen können; die Filzdecke, die das Eindringen der Sonnenglut verhinderte, hielt auch die Wärme im Zimmer fest. Am besten von allem war, daß ich in dieser angenehmen Wohnung auf dem Tarim bis an den Punkt bleiben konnte, wo wir früher oder später unsere gute alte Fähre würden im Stiche lassen müssen, was sich, wie ich hoffte, noch recht lange würde hinausschieben lassen.