Im Herzen von Asien. Erster Band.

Part 27

Chapter 273,620 wordsPublic domain

So erreichte ich eine hohe Düne, auf der ich mich ermüdet niedersetzte und den Horizont mit dem Fernglase absuchte. Lauter Sandrücken. Doch was war dies! Im Südosten breiteten sich zwischen Dünen und Jardangterrassen große Wasserflächen aus. Wasser in dieser Wüste! Ich traute kaum meinen Augen; es mußte eine Luftspiegelung sein!

Jetzt mußte ich mich sputen und eilte sofort dorthin. Nein, es war richtig ein See mit den bizarrsten Einschnitten, Buchten, Inseln, Holmen und Sunden, dem tollsten Gewirre von Wasserflächen, wie sie nur auf ebenem Terrain zwischen Dünen und vom Winde ausgearbeiteten Terrassen entstehen können. Außer ein paar jungen Tamariskensprossen auf dem weichen sumpfigen Uferrande und etwa 20 Kamischstengeln war die Gegend jedoch ebenso unfruchtbar wie bisher.

Ich ging an dem gebuchteten Ufer entlang nach Südwesten. Der See verengerte sich manchmal bedeutend, erweiterte sich aber bald wieder zu größeren Flächen. Das Wasser hatte einen leichten Anflug von Salz, wurde aber von allen Tieren gern getrunken. Darauf wandte sich unser Ufer nach Norden, und wir mußten ihm dorthin folgen, denn eine Furt fanden wir nicht, und die Kamele wären im Schlamme versunken.

Der See streckte seine schmalen Buchten wie Finger nach Nordosten aus, die uns ärgerliche Umwege verursachten. Der Boden ist feucht und schwankt unter den ängstlichen Kamelen; er geht auf und nieder, als sei eine Gummihaut über ein verborgenes Wasser gespannt, und man hat das Gefühl, als bedürfe es nur eines Loches darin, um die Karawane in den Fluten verschwinden zu lassen.

Das Land ist gänzlich unfruchtbar. Der See zeigt einen auffallenden Parallelismus mit Bajirmulden und Jardangterrassen, mit Dünen, Dünentälern und Windfurchen; alles zieht sich von Nordosten nach Südwesten, und ziemlich oft sieht man die Jardangrücken unter dem Wasser.

Daß dies nicht der Anfang des Kara-koschun sein konnte, schien mir keinem Zweifel zu unterliegen, denn sonst hätte es hier Kamisch im Überflusse gegeben. Doch woher kommt dann dieses Wasser? Sein geringer Salzgehalt zeigte, daß es ziemlich neu war. Wäre es alt, so sähe man hier schon junges aufkeimendes Kamisch, das sich so unglaublich schnell mit dem Wasser verbreitet. Ich vermutete, daß der See von dem neugebildeten Arme von Schirge-tschappgan herrührte.

So merkwürdig diese Entdeckung auch war, indem sie mich der Lösung der verwickelten Lop-nor-Frage einen Schritt näher führte, so hatten wir doch unter den gegenwärtigen Umständen wenig Nutzen davon; wir bedurften jetzt vor allem der Weide für die Tiere und der Lebensmittel für uns selbst, denn wir hatten nur noch Reis und Tee, und bei so kärglicher Kost konnten wir nicht anders als hungrig sein. Statt die Schritte rasch südwärts nach dem Kara-koschun zu lenken, hatten wir uns von diesem unfruchtbaren See aufhalten lassen -- ein richtiger Aprilscherz!

Da der See sich immer weiter nach Westen hinzog, beschloß ich Halt zu machen, um zu sehen, ob sich keine Furt würde entdecken lassen. Wir standen augenscheinlich an einem ganz neuen Wasserarme des Tarim und mußten hinüber. Eine Strömung war allerdings nicht wahrzunehmen, wohl aber eine ganz frische Wasserlinie, die zeigte, daß der Wasserspiegel um einen Meter gesunken war, was seinen Grund im Fallen des Tarim während des Winters hatte. Die bedeutenden Dünen, die den See auf allen Seiten einrahmen, ja bisweilen kleine Inseln bilden, beweisen, daß sie sich an Ort und Stelle befunden haben, als diese Überschwemmung das Land unter Wasser setzte. Die Anordnung der Dünen würde sonst eine ganz andere sein; sie hätten im Süden und im Südwesten des Sees gefehlt, wo sie nun statt dessen am höchsten waren.

2. April. Tschernoff gab sich nicht eher zufrieden, als bis er eine 90 Zentimeter tiefe Furt mit tragfähigem Sandboden gefunden hatte. Den Kamelen gefiel das Bad. Auf der anderen Seite drangen wir wieder in hohe Dünen ein, und der See entschwand uns bald aus den Augen. Der Sand wurde immer gewaltiger; 8-11 Meter hohe Dünenkämme wurden mit dem Nivellierspiegel gemessen.

Die Muselmänner waren mißmutig und glaubten, der See, den wir verlassen hatten, sei der Kara-koschun gewesen. Ich selbst begann unwillkürlich darüber nachzugrübeln. War es so, dann waren wir verloren! Die Kamele keuchten in dem weichen Sande und sahen so melancholisch aus, als zerbrächen sie sich den Kopf darüber, warum wir den See sogleich verlassen hatten. Die Hitze war unerträglich, und die Sonne schien uns gerade ins Gesicht.

So gefährlich war es jedoch nicht. Das Terrain veränderte sein Aussehen in erfreulicher Weise. Der Sand nahm ab, ein Gürtel von toten Pappeln wurde durchquert, und dann kam einer von lebenden Tamarisken. Vor uns erhob sich ein 5 Meter hoher Hügel. Ich sagte Faisullah, er solle mich hinaufbegleiten, um den Kara-koschun in Augenschein zu nehmen. Und richtig! Von dieser Anhöhe sah man im Südwesten, Süden, Südosten und Osten große und kleine Flächen reinen, blauen Wassers, die durch gelbe Kamischfelder voneinander getrennt waren.

Auf einer Landzunge in dem nächsten großen See wurden die Zelte unmittelbar am Strande aufgeschlagen. Mit Genuß betrachtete ich von meinem Zelte aus durch das Fernrohr die Scharen von Gänsen, Enten und Schwänen, die auf dem See schwammen und tauchten. Ein Wüstenreisender kann sich keine schönere Aussicht träumen. Leider waren die Schwimmvögel zu weit vom Ufer entfernt. Aus ihrer Art zu tauchen konnte man schließen, daß der See nicht sehr tief war. Sein Wasser war ganz süß.

Das Zelttuch flatterte im Seewinde. Welch ein Unterschied gegen den Wüstenwind und seinen Staub! Das Wasser plätscherte so herrlich am Ufer, und halb träumend lag ich da, über diese jetzt so glücklich beendete Fahrt nachdenkend. Das Vorhandensein des Seebeckens des alten Lop-nor war festgestellt, ein ehemals bewohnter Ort war entdeckt, ein neuer See in der Wüste angetroffen worden. Weder Menschen noch Tiere waren dabei verloren gegangen.

Was das Profil quer durch die ganze Lopwüste betraf, so fand ich, daß es nicht genügte. Man kann die Ergebnisse des Kochthermometers und des Aneroids in einem Lande mit so unbedeutenden Höhenunterschieden nicht verwerten. Mein schon gefaßter Entschluß, diese Gegend noch einmal zu untersuchen, wurde nur noch fester, denn nur ein Präzisionsnivellement des Beckens konnte über die äußerst unbedeutenden Höhenunterschiede zwischen dem Lop-nor und dem Kara-koschun Auskunft geben. Ich hatte nach meiner früheren Reise gerade deshalb betont, daß der Lop-nor ein wandernder See sein müsse, weil dieses ganze Gebiet nahezu in ein und derselben Fläche liege.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Fünfundzwanzig Tage im Kahn.

Am 3. April stürmte es den ganzen Tag heftig aus Nordosten. Der See lockte mich mit unwiderstehlicher Gewalt; ich wollte mich nach all dem erstickenden Sande und der Hitze auf seinen frischen Wogen tummeln und seine Tiefe messen, aber wir hatten kein Boot. Hätten wir nur die eine Hälfte der Segeltuchjolle mitgenommen, so hätte es damit keine Not gehabt. Es mußte sich aber mit den Ziegenlederschläuchen und den Leitern, an denen sie befestigt gewesen, ein Floß oder jedenfalls eine Art Fahrzeug herstellen lassen, in welchem man mit dem Winde über den See treiben konnte. Mit Tschernoff und Ördek ging ich am Strande entlang. Die Leitern wurden mit Stricken an zwei Stangen festgebunden, und das auf diese Weise hergestellte Floß wurde von den sechs Ziegenlederschläuchen getragen, die mit Luft gefüllt waren, die Ördek hineingeblasen hatte. Tschernoff und ich nahmen an Bord Platz, jeder auf einer Leiter reitend. Als Tschernoff seinen Platz einnahm, wäre die ganze Herrlichkeit beinahe umgeschlagen; die Ziegenlederschläuche lagen schon auf dem Wasser, die Leitern etwas unter diesem, und wir saßen halbnackt da und ließen die Beine ins Wasser herunterhängen. Unsere breiten Rücken dienten als Segel. Wir trieben gerade auf das Lager zu. Hunderte von Enten flogen, erschreckt durch die ungewöhnliche Erscheinung, in lärmenden Scharen auf. Wir mußten uns festhalten und balancieren, um nicht zu kentern, wenn die großen Wellen an uns vorüberrauschten. Binnen kurzer Zeit waren auch unsere Oberkörper völlig durchnäßt, denn jede Schlagwelle ging über das Floß weg und gab uns eine ordentliche Dusche.

Die Fahrt dauerte 2½ Stunden. Das Wasser war jetzt weder vollkommen süß noch ganz klar, denn von diesem Winde wird aus den östlichen Seegebieten stagnierendes Wasser nach Westen getrieben und durch den Wellenschlag getrübt.

Beim Lager war der Strand so seicht, daß Ördek eine Strecke weit in den See hineinwaten und uns dann an Land ziehen mußte. Wir waren derart steifgefroren, daß wir kaum nach dem Feuer hinaufgehen konnten. Mich überfiel ein sehr heftiger Schüttelfrost; meine Zähne klapperten und die Hände flogen, ich zog die nassen Kleider aus, trocknete mich am Feuer und ging dann zu Bett. Erst nach einer Stunde, als ich mich wieder warm angezogen und eine große Tasse brühheißen Kaffee getrunken hatte, fühlte ich mich am Lagerfeuer wieder einigermaßen normal.

Beim Sonnenuntergang nahm der Himmel einen seltsamen Farbenton an. Er leuchtete gelbrot über den Dünen im Norden. Der schon vorher heftige Wind schwoll zum richtigen Buran an. In zügelloser Wut stürmten die Wogen gegen das Ufer und überschütteten die Zelte mit Spritzwasser. Wir mußten mit den Zelten eine Strecke landeinwärts ziehen und ihre Befestigungen in der gewohnten Weise verstärken.

Noch einen Tag durften die Kamele sich ausruhen, während der Sturm zu heulen fortfuhr. Im Norden und Süden des Kara-koschun flammt der Horizont in unheimlichem, brandgelbem Farbentone, in der nordöstlichen Verlängerung des Sees aber ist er dunkelstahlgrau, was darauf schließen läßt, daß sich die Wasseransammlungen ziemlich weit nach dieser Richtung hin erstrecken und daß es dort keinen Flugsand gibt.

Als wir am 5. aufbrachen und am Strande entlang zogen, hoffte ich, daß es bis zu den ersten Menschenwohnungen am Kum-tschappgan nicht mehr weit sein würde.

Wildenten, Gänse, Schwäne, Taucher, Möwen, Seeschwalben und besonders Krähen kommen in Menge vor; Hasen und Igel sind nicht selten. Spuren von Füchsen, Rehen, Luchsen und Wildschweinen sieht man beständig an den Ufern. Zwei Jäger waren vor einigen Monaten auf dem Eise gewesen; ihre Spuren waren in den feuchten Uferlehm eingedrückt.

Längs des Ufers und auch ziemlich weit davon entfernt findet man Schneckenschalen und abgestorbenes Kamisch. Daß das Leben aus diesen Organismen entflohen ist, beruht darauf, daß sie einer längstvergangenen Periode angehören und älter sind als der jetzige See.

Am folgenden Tage wurde die Wanderung längs des Sees fortgesetzt. Ich ging schnell zu Fuß voraus, fest entschlossen, nicht eher Halt zu machen, als bis wir Menschen träfen. Nach solchen sehnten wir uns eigentlich nicht, wohl aber nach Fischen, Geflügel und Eiern und nicht zum wenigsten nach einem Boote, mit dem ich die jetzige Ausdehnung des Sees untersuchen konnte.

Als ich gegen Abend mitten in den unabsehbaren Sümpfen, die sich südlich von unserem Wege ausdehnten, eine gewaltige Rauchwolke erblickte, blieb ich daher sofort stehen und erwartete die anderen. Sicherlich hatten sich einige Lopfischer dorthin begeben und das dürre, vorjährige Schilf angezündet, einmal wohl, weil es ihnen irgendwo den Zutritt zu ihren Fischplätzen versperrte, dann aber auch in der Absicht, den frisch aufkeimenden Pflanzen Raum zu verschaffen. Während wir das Lager aufschlugen, mußte sich Ördek zu Pferd in der Richtung nach dem Rauche auf den Weg machen, obwohl ich lebhaft bezweifelte, daß er durch dieses Labyrinth von Sümpfen durchkommen würde. Er hatte Streichhölzer bei sich, um uns, falls er nicht zu den Lopfischern gelangen konnte, dies mittels eines Signalfeuers mitzuteilen.

Tschernoff machte sich mit der Flinte auf der Schulter auf und kam nach ein paar Stunden mit einer prächtigen Gans wieder, die er auf einem See geschossen hatte und zu der er dann hinausgeschwommen war. Er hatte auch das Pferd gefunden, das Ördek angebunden zurückgelassen hatte, um seinen Kundschafterweg zu Fuß und schwimmend fortzusetzen. Ördek gelang es schließlich doch, eine Fischergesellschaft ausfindig zu machen, und er kehrte noch am Abend mit acht Männern und ganzen Säcken voll des sehr nötigen Proviantes, bestehend aus drei Gänsen, vierzig Eiern, Fischen in Menge, Mehl, Reis und Brot, zurück.

Am 7. zeigten uns die redlichen Lopleute den Weg nach dem Kum-tschappgan. Am Kum-tschappgan lagerten wir da, wo sich der Tarim in zwei Arme teilt, in den Kum-tschappgan und den Tusun-tschappgan. Die Hütten standen noch an derselben Stelle wie 1896, die Verteilung der Gewässer war in der Hauptsache dieselbe, und alles war sich gleichgeblieben. Ich hatte wieder einen Punkt erreicht, wo ich die Marschrouten von dieser und der vorigen Reise vergleichen und aneinanderfügen konnte. Während der Nacht trat das in diesen Gegenden ziemlich wunderbare Phänomen ein, daß ein ziemlich heftiger Regen fiel und auf mein Zelt klatschte. Meine Leute, die unter freiem Himmel lagen, eilten in die nächste Sattma.

Schon am folgenden Morgen stellten sich zwei alte Bekannte ein, Numet Bek von Abdall und Tokta Ahun, der Sohn des alten redlichen Kuntschekkan Bek, der vor zwei Jahren tief betrauert von all seinen Leuten gestorben war. Numet Bek sollte uns jetzt in vieler Beziehung von großem Nutzen sein. Er wurde beauftragt, für die Kamele und das Pferd zu sorgen, sie nach den Weideplätzen von Mian zu schicken, sie dort bewachen zu lassen und uns später, wenn wir nach Tibet zogen, in gutem Zustande wieder abzuliefern. Ferner sollte er uns Proviant und Führer für die Rückreise nach Tura-sallgan-ui, die ich in Kähnen zu unternehmen beabsichtigte, besorgen.

Die Ruhezeit in Kum-tschappgan wurde zu zwei großen Bootexkursionen benutzt, die erste nach derselben Richtung wie 1896, die zweite durch den Tusun-tschappgan und über den südlichen Teil des Sees in Gegenden, die ich bisher noch nicht besucht hatte.

Tschernoff und ich nahmen in einem großen Kahne mit drei Ruderern Platz, Faisullah mit dem Proviant und zwei Ruderern in einem kleineren. Wie Aale glitten wir durch das Schilf, das vom Regen naß war und uns im Vorbeifahren ab und zu eine Dusche gab (Abb. 88, 89).

Es war unmöglich, diese Landschaft von Wasser, Sand und Schilf wiederzuerkennen, so hatte sie sich in den vier Jahren verändert. Seen, die damals offen und frei dalagen, waren jetzt ganz mit Kamisch zugewachsen, während sich neben ihnen andere gebildet hatten, die neue Namen trugen (Abb. 90). Kum-köll (Sandsee) und Jangi-köll (neuer See) sind Benennungen, die für sich selbst sprechen. Alles ist in diesem flachen Anschwemmungsgebiet veränderlich. Die größten während dieser Fahrt gemessenen Tiefen betrugen 4,85 und 5,15 Meter; sie befanden sich in einem ganz neugebildeten Seebecken namens Tojagun, was beweist, daß es neben dem Kara-koschun tiefere Senken geben kann, während ältere Teile des Sees allmählich versanden und zuwachsen.

Auf der ganzen Tagereise sahen wir Massen von toten Fischen, die bald auf dem Wasser trieben, bald im Schilf staken, bald, den Bauch nach oben, weiß auf dem Grunde schimmerten. In einigen Durchgängen war die Luft mit dem ekelhaften Gestanke verfaulter Fische erfüllt, die immer zahlreicher wurden, je weiter wir nach Osten kamen; man sagte mir, die Massen von Krähen, die wir überall erblickten, seien dadurch hierhergelockt worden. Einige unserer Ruderer glaubten, eine unbekannte Krankheit habe unter den Fischen gewütet, ein anderer aber erklärte, die große Sterblichkeit sei auf die ungewöhnliche Schneemenge des letzten Winters zurückzuführen. Der Schnee hatte fußhoch auf dem Eise gelegen, und unmöglich ist es nicht, daß dies den Fischen in den seichten Becken geschadet hat. Mit Recht klagten die Leute über Fischmangel und konnten sich nicht erinnern, je ein so schlechtes Fangjahr gehabt zu haben.

Wir ruderten auf neuen Wasserwegen auf den +Kanat-baglagan-köll+ hinaus, wo das Schilf so dicht und dick stand, daß jedes weitere Vordringen eine absolute Unmöglichkeit war. Im Jahre 1896 konnte ich dieses Becken, das jetzt zugewachsen war, noch ungehindert befahren.

Auf der Rückfahrt schaute ich mit großer Spannung zu, wie die Ruderer einen großen schönen Schwan mit den Händen griffen. Wir sahen ihn auf dem offenen Wasser am Schilfrande schwimmen; er tauchte aber unter, als wir uns näherten. Die Leute senkten die Ruder mit aller Kraft ins Wasser und ruderten nach der Stelle hin, wo der Schwan sich wahrscheinlich wieder zeigen würde, was an den Ringeln auf der Wasserfläche zu sehen war. Als der Schwan wieder emporkam, waren wir ihm so nahe, daß er sich in seiner Verwirrung in das Schilf hineinbegab; damit war er verloren, denn dort konnte er nicht die Flügel zur Flucht ausbreiten. Der Kahn flog ihm wie ein Pfeil nach; der alte Jaman Kullu sprang ins Wasser, das ihm bis an die Hüften reichte, fiel über das arme Tier her und schleppte dann seine Beute in das Boot. Der Schwan war so verängstigt, daß er mit schlaffem Halse und hängendem Kopfe wie tot dalag; er wurde sofort getötet.

Zahllose Wildenten und Gänse bevölkerten den See. Vielleicht hatten sich einige von ihnen schon zu Prschewalskijs Zeit hier als Junge aufgehalten. Die Generation der menschlichen Eingeborenen, die damals in ihrer vollen Kraft stand, ist jetzt zu Greisen und Greisinnen geworden, und ein neues Geschlecht ist seitdem herangewachsen. Nicht einmal die Seen sind dieselben geblieben, sie sind geschrumpft und zugewachsen und haben die Lage gewechselt; die Sanddünen sind vorgerückt, alles hat sich in der kurzen Zeit von 20 Jahren verändert, und das Bild, das man von einem flüchtigen Besuche mitnimmt, ist, genau genommen, nur eine Momentphotographie.

Wir verbrachten die Nacht an einem sehr notwendigen Feuer auf einem kleinen Eilande im „See der vergessenen Fischhaut“ und kehrten am nächsten Tage bei starkem Winde und hohem Seegange nach Kum-tschappgan zurück. Faisullah, der nie in einem Boote gesessen hatte, wurde bleich und sehnte sich, wieder an Land zu kommen.

Am 10. April wurde an dem Punkte, wo der Fluß sich in Sümpfe auflöst, die Wassermenge des Tarim gemessen; sie betrug 29,7 Kubikmeter in der Sekunde. Im Jahre 1896 hatte ich an derselben Stelle und um dieselbe Zeit 50,5 Kubikmeter gefunden. Der bedeutende Unterschied beruht teils auf dem neugebildeten Schirge-tschappgan-Arme, teils auf einer Menge von natürlichen Kanälen, die sich seit meinem vorigen Besuche oberhalb des Kum-tschappgan vom Hauptflusse abgetrennt haben.

Die Sanddüne, die dem Kum-tschappgan seinen Namen gegeben hat, ist 10,24 Meter hoch. Die größte Tiefe des Sees beträgt 5,15 Meter. Man kann diesen Vertikalunterschied von 15,39 Meter als den größten im ganzen unteren Lop-nor-Becken betrachten.

Am 11. April unternahmen wir eine Kahnfahrt nach den südlichen Teilen des Kara-koschun, die den nördlichen sehr unähnlich sind. So betrug die größte gemessene Tiefe nur 1,90 Meter, aber während des ganzen späteren Teiles der Fahrt hatten wir nur 0,3 und noch weniger. Der Grund besteht aus feinem gelbem Schlamm, der auf schwarzem Moore oder blauem Tone ruht; sobald das Ruder ihn streift, steigt es wie Tinte im Wasser auf. Als das Wasser so seicht wurde, daß die Kähne nicht mehr darauf schwammen, mußten die Leute aussteigen und sie an Stricken weiterziehen; als aber auch dies bald unmöglich war, mußten wir umkehren. Man sinkt 10 Zentimeter tief in den Schlamm ein, findet dann aber einen festen, aus einer dünnen Salzschicht bestehenden Untergrund. Der Sate-köll ist eine ausgedehnte, seichte Wasserfläche mit wenig Schilf und liegt ganz in der Nähe des Wüstenweges, der am Südufer von Abdall nach Sa-tscheo führt. Weder Seevögel noch Fische gibt es in diesen sterilen Seebecken, die zu baldigem Verschwinden verurteilt sind; keine Algen bedecken ihren Boden. Während des Sommers trocknen sie vollständig aus, und ihr Bett verwandelt sich dann in eine harte, rissige Lehmschicht. Der ganze Kara-koschun wandert langsam nach Norden zurück.

Den Tag darauf ruderten wir nach Abdall und lagerten auf dem westlichen Ufer, wohin auch die Kamele geführt wurden. Der Tarim führte hier nicht weniger als 93,3 Kubikmeter in der Sekunde, verlor also auf der kurzen Strecke bis Kum-tschappgan 63,5 Kubikmeter, die sich in vielen Tschappganen oder Kanälen von dem Hauptflusse abtrennen. Das Tarimdelta wandert flußaufwärts, wie auch die Seen, die von den vielen Armen gebildet werden. Der Fluß hatte hier jetzt infolge der Eisschmelze seinen höchsten Wasserstand und war ungefähr ebenso hoch angeschwollen wie beim Hochwasser im Herbst vor dem Zufrieren. Im Sommer steht die Wasserfläche volle 2 Meter niedriger.

Eine kurze Tagereise nördlich von der Gegend von Abdall wird die Wüste von einem neugebildeten Arme durchschnitten, der von Schirge-tschappgan am unteren Tarim ausgeht. Dieser Flußarm war bisher nur von Jägern aus Abdall besucht worden; ich wollte eine Karte von ihm aufnehmen. Da das Gebiet aber nur mit Kähnen untersucht werden konnte, mußten solche auf irgendeine Weise über den Wüstenstreifen, welcher den neuen Arm vom Tarim trennte, mitgenommen werden; es handelte sich nun darum, wie dies zu bewerkstelligen sei. Einen schweren Kahn auf einem Kamele zu balancieren, ist unmöglich, und zwei hintereinander gehende Kamele mit zwei Kähnen in der Länge zu beladen, gelang ebensowenig; durch den ungleichen Takt ihres Ganges war es ein ständiges Hin- und Herreißen, und die Tiere scheuten auch vor diesen ungewöhnlichen Lasten.

Die einzige Möglichkeit war, sie wie Schlitten auf der Erde weiterzuziehen, wobei vor jeden Kahn ein Kamel gespannt wurde (Abb. 91). Die Tiere mußten vorsichtig geführt werden, damit sie nicht scheuten und durchgingen. So gelangten die Fahrzeuge mit ein wenig abgescheuertem Boden, sonst aber in gutem Zustand an Ort und Stelle.

Unser Zug nahm sich recht komisch aus. Die Kamele hatten den größten Teil ihrer Wolle verloren und waren, ein paar hier und dort noch sitzende Haarbüschel abgerechnet, nackt. Sie zogen die langen, knirschenden Kähne geschickt durch den Sand, in welchem dadurch eine abgerundete Furche entstand. Alle Mann gingen zu Fuß; ein drittes Kamel trug das Gepäck, alle notwendigen Instrumente und Proviant für sieben Tage.

Faisullah sollte die Kamele wieder zurückführen und dafür sorgen, daß sie nach Mian gebracht würden, worauf er und Ördek uns wieder bei Schirge-tschappgan zu treffen hatten.

Ich, Tschernoff, Tokta Ahun, Jaman Kullu und noch zwei Ruderer lagerten bei +Jangi-jer+ (neue Stelle), wo wir die erste seeartige Anschwellung des Schirge-tschappgan-Armes erreichten, die größtenteils mit Schilf zugewachsen war, im Norden aber von ziemlich hohem Sand begrenzt wurde.

Die Kähne wurden sofort ins Wasser gebracht, und die Männer machten eine kleine Rekognoszierung, um die Strömung zu suchen, der wir aufwärts folgen mußten, um uns in diesen Irrgängen von Kamisch und Wasser nicht ganz zu verlieren.

Der Tag war so weit vorgeschritten, daß wir unser Nachtlager da, wo wir uns befanden, aufschlugen. Die Nacht unter freiem Himmel war jedoch wenig angenehm. Ein heftiger Nordoststurm erhob sich und brachte starken Regen. Als Tschernoff mich gegen 4 Uhr mit einem Filzteppiche bedeckte, war ich schon ziemlich durchweicht, hatte einen kleinen See an den Füßen und ein paar kleine Bäche auf dem Kopfkissen, schlief aber wieder ein, ohne mich um den Regen zu bekümmern.