Im Herzen von Asien. Erster Band.

Part 24

Chapter 243,619 wordsPublic domain

Die Örtäng von Jing-pen ist eine chinesische Poststation, die seit einem Jahre öde und leer steht. Die Behörden versuchten vor einiger Zeit, den Verkehr auf dem alten Wege zwischen Lop und Turfan wieder ins Leben zu rufen, doch diese Straße wird äußerst selten benutzt und ist überdies überflüssig, da der Weg über Korla, wenn auch länger, viel angenehmer und bequemer ist.

Jing-pen ist eine wahre Oase, die auf allen Seiten von Wüsten eingefaßt wird; wir brauchten nicht zu fürchten, daß unsere Tiere uns während der beiden Ruhetage, die wir ihnen gewährten, fortlaufen würden. Die Posthalterei liegt auf einer scharf markierten Terrasse, die sich ein paar Meter über einen langgezogenen reichbewachsenen Salzsumpf erhebt.

In geographischer Hinsicht ist dieser Punkt von größtem Interesse, denn man findet bald, daß der Sumpf in der Biegung eines alten Flußbettes liegt und auf beiden Seiten, ganz wie der Tarim, mit alten Pappelgruppen eingefaßt ist. Sogar die Eingeborenen erkannten, daß wir uns hier an dem früheren Laufe jenes Flusses befanden. Weiter nach Osten hin erstreckt sich die Feuchtigkeit jedoch nicht; das Bett liegt trocken wie Zunder da, bis es sich in dem ebenso trockenen Becken des alten Lop-nor verliert. Enten, Gänse und Rebhühner bevölkern die Oase, und süßes Wasser erhält man aus einem Brunnen.

Die Temperatur stieg am 12. März auf +21,4 Grad; Fliegen und Spinnen fingen an sich zu zeigen, und mit Bangen sah ich der Zeit entgegen, da man täglich von Hitze und Insekten gequält werden und nur nachts Kühlung finden würde. Diese deutlichen Anzeichen des Sommers mahnten uns indessen, das Gepäck wesentlich zu erleichtern. Musa, der von hier mit allen Pferden, meinen kleinen erprobten Wüstenschimmel ausgenommen, und einem Kamele, das schlechten Appetit hatte, zurückkehren sollte, mußte auch meinen Pelz, meinen Regenrock, den Ofen usw. mitnehmen, was ich jedoch später bei ein paar Gelegenheiten sehr zu bereuen hatte.

Der Zweck dieser langen Rast war, daß die Tiere ordentlich weiden sollten, denn auf der ganzen Strecke nach dem Kara-koschun konnten wir nach Abdu Rehims Aussage nur an zwei Stellen gute Weide finden. Anhaltender Westwind mit 8 Meter Geschwindigkeit in der Sekunde und undurchdringlicher Nebel erschwerten jegliche Arbeit im Freien.

Doch die Stunden vergehen schnell, und am 13. März konnten wir uns wieder in Bewegung setzen. Abends sprang der Wind nach Osten um und riß um Mitternacht das Zelttuch in die Höhe, so daß es wie ein losgerissenes Segel flatterte. Darauf wurde das Zelt an der Windseite mit Stricken und Pflöcken festgemacht und auf den am Boden schleppenden Saum des Zelttuches große Lehmschollen gelegt.

Während des Tages schwoll der Wind immer mehr an und artete abends in einen vollständigen Orkan aus. Wir wanderten auf der linken Uferterrasse nach Osten; die Anordnung der Pappelgruppen bezeichnete den Verlauf des Bettes. Eine seiner Biegungen war so deutlich, daß sie gut erst im vorigen Jahre hätte verlassen worden sein können. Ihre salzige, eisfreie Wasseransammlung bildete einen Halbmond, ganz wie in den Bold-schemal des Tarim, und auf dem linken Ufer stand eine Gruppe von Pappeln mit bis zu 4,10 Meter Umfang an der Basis. Eine Schar Enten flog auf, bevor Tschernoff hatte schießen können, und die Hunde liefen sich außer Atem, um eine Antilope zu erjagen, die mit elastischen Sprüngen wie ein Gummiball über die Steppe flog.

Dann ist es mit Wasser und lebendem Walde vorbei -- der noch vorhandene ist tot, aber die Stämme stehen noch auf ihrer Wurzel, wie Grabdenkmäler auf einem Kirchhof. Der Boden ist mit feinem, losem Staub bedeckt, der sich wie ein Kometenschwanz hinter der Karawane erhebt. Schon um 2 Uhr herrschte Dämmerung; der Sturm wurde ärger, und Abdu Rehim erklärte, daß wir Halt machen müßten, weil es den Tieren zu schwer werde, gegen diesen Luftdruck anzukämpfen. Wir machten also Halt, und es galt nur noch, einen einigermaßen geschützten Lagerplatz zu finden.

Die Lehmwüste hat hier eigentümliches Relief. Sie ist vom Winde modelliert. Würfel, Terrassen und Tische in horizontaler Lage erheben sich überall ein paar Meter hoch, und Holz von toten Bäumen liegt auf der Erde umhergestreut.

Beim Suchen nach einem geschützten Platze hätten wir einander beinahe verloren. Ich ging nach Südwest oder wurde vielmehr dorthin geweht; es ging sich so leicht, daß ich nicht merkte, wie ich mich von den anderen entfernte; doch als ich keinen geeigneten Platz fand und umkehrte, kam mir der ganze Sturm mit rasender Heftigkeit entgegen und jagte mir einen horizontalen Regen von Sand und feinem, rotgelbem Staub ins Gesicht, und von der Karawane war keine Spur zu sehen. Es war dieselbe Empfindung wie beim Gehen durch Wasser oder Schlamm, und trotz all meines Bemühens entfernte ich mich nur von den Meinen. Alle Spuren sind sofort verwischt. Augen, Mund und Nase werden von Sand und Staub verstopft, und ich mußte stehenbleiben, um Atem zu schöpfen. Da sah ich im Nebel eine Gestalt erscheinen und erkannte Tschernoff, der auf der Suche nach mir war.

Nachdem wir die anderen gefunden hatten, lagerten wir da, wo wir uns befanden. Im Schutze eines Tamariskenkegels wurde mein Zelt aufgeschlagen, wobei nur die halben Zeltstangen benutzt und ihre oberen Enden mit Tauen befestigt wurden. Die Seitenstricke wurden um massive Wurzelstämme gebunden und Stücke von trockenem Holz auf die Säume gelegt, so daß schließlich alles fest war und den Sturm aushalten konnte. Doch feiner Sand sickerte durch das Zelttuch und bedeckte das Bett und die Sachen im Zelte.

Die Männer hüllten den Kopf in den Mantel, als sie sich niederlegten; sie konnten ihr Zelt, dessen Stangen nicht zerlegbar waren, nicht aufschlagen. Die Kamele lagen in einer Reihe da, den Hals in der Windrichtung ausgestreckt und den Kopf vor dem Winde geschützt. Am Boden betrug die Geschwindigkeit des Windes 18,1 Meter in der Sekunde, auf einem nur 2 Meter hohen Hügel aber 26,1 Meter. Dort mußte ich auf den Knien liegen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Der Sturm kam jetzt aus Nordosten, und man konnte sich leicht davon überzeugen, was für ungeheuere Massen von Sand und Staub von diesem kräftigen Träger nach Westen und Südwesten befördert wurden. Sobald man sich nur niederkauert, wird man von den sausenden Wolken, die am Boden hinfegen und im Windschatten wirbeln, beinahe erstickt. Zweige, entwurzelte Grasbüschel und erbsengroße Sandkörner treiben im Winde und schlagen einem ins Gesicht.

In der Dämmerung schien der Sturm des Tobens überdrüssig zu sein, er schien sich die Sache zu überlegen und Atem schöpfen zu wollen; die Luft klärte sich für ein paar Minuten auf. Es berührte uns ganz eigentümlich, als wir uns überzeugten, was für Irrtümer man beim Schätzen vertikaler und horizontaler Dimensionen begeht, wenn man überall von Nebel umgeben ist. Wir hatten in einer Talmulde zu lagern geglaubt und fanden nun, daß wir uns inmitten eines wenig kupierten Geländes befanden.

Da pfiff es schon wieder um die Ecken und heulte und sauste um meine Höhle, wo ich wie in Nacht und Nebel verschwand. An Kochen des Essens war nicht zu denken, und ich mußte mich mit Wasser und Brot und dem Inhalte einer Konservendose begnügen.

Maschka und Jolldasch rollten sich jeder in seiner Zeltecke zusammen. Als ich beim Scheine der Laterne in meinem Tagebuche schrieb, trocknete die Tinte sofort von dem darauf fallenden Sand, und die Feder kratzte und quietschte in den kleinen Dünen, die sich auf dem Blatte bildeten. Die ausgepackten Sachen waren nach einer halben Stunde total verschwunden. Es war nicht besonders angenehm, sich in diesem Gestöber von Sand, von dem auch das Bett voll war, entkleiden zu müssen, und es war in der schwülen, staubschweren Luft zum Ersticken.

Woher kamen wohl diese Milliarden von Kubikmetern Luft, und wo zogen sie hin? Welche Kräfte verursachten eine so revolutionäre Umwälzung in der Atmosphäre? Hatte dies seinen Grund darin, daß die westlichen Wüsten schon stärker von der Sonne erwärmt worden waren als die östlichen, welche daher Luft liefern mußten, um den durch die aufsteigende warme Luft entstandenen leeren Raum zu füllen? Oder war es eine lokale Erscheinung, ein Wind, der kaskadenartig vom Kamme des Kurruk-tag herabstürzte, um auf anderen, höheren Bahnen wieder dorthin zurückzukehren, nachdem er hier unten die Erdoberfläche nur gestreift hatte. Man konnte es nicht wissen; sicher aber ist, daß der Wind in diesen Gegenden die stärkste physische Kraft ist, die an der Umgestaltung der Erdoberfläche arbeitet.

14. März. Die Minimaltemperatur sank auf -7,1 Grad, und obgleich der Sturm bedeutend nachgelassen hatte, war es doch schneidend kalt; es war notwendig, ein ordentliches Feuer von Baumstämmen anzuzünden und dann eine tüchtige Strecke zu Fuß zu gehen -- hatte ich doch meine Pelze zur Unzeit heimgeschickt.

Im Südosten des Lagers war das Bett des Kurruk-darja an ein paar Stellen noch feucht; dort wuchsen lebende Tamarisken und etwas Schilf, der Wald auf den Ufern aber war tot, teils noch auf der Wurzel stehend, teils schon umgefallen. Wir verirrten uns in einem wüsten Durcheinander von Lehmterrassen mit scharfen Kanten. Die Eingeborenen nennen sie „Jardang“, ein bezeichnender Name, dessen ich mich fernerhin auch bedienen werde. In einem solchen Terrain zu wandern, ist ermüdend und zeitraubend; man muß unausgesetzt hinauf und wieder hinunter von diesen Terrassen, die ursprünglich vom fließenden Wasser erodiert, dann aber vom Winde phantastisch und launenhaft geformt worden sind. Daher ist es nicht immer ganz leicht, ein fortlaufendes Flußbett zwischen diesen Jardang herauszufinden und zu verfolgen. Sie scheinen sich weit nach Süden hinzuziehen, wo nur ein paar isolierte Sanddünen aus der ebenen Wüste emporragen.

Weiterhin überschreiten wir wieder ein paar gut erhaltene Flußkrümmungen, deren Ufer dichter toter Wald begleitet. Die liegenden Stämme sind gewöhnlich dicker als die stehenden, die Wind und Wetter mehr ausgesetzt und der vernichtenden, feilenden Einwirkung des Flugsandes direkt preisgegeben sind. Sie stehen da wie balsamierte Mumien ehemaliger Bäume, und die Landschaft gleicht oft einem Stoppelfelde von riesigen Dimensionen. Nur längs des Laufes des Kurruk-darja tritt dieser tote Wald auf, der seinerzeit von dem trügerischen Wasser des Flusses gelebt hatte und abgestorben war, als dieses sich einen südlicheren Ablauf suchte und die neuen Seen Kara-buran und Kara-koschun bildete.

Unmittelbar zur Linken haben wir die äußersten Vorberge des Kurruk-tag. Ihre unterste Terrasse bot uns einen ebenen, bequemen Weg. Eine dominierende Bergpartie heißt Tschartschak-tag (der Berg der Müden), weil Tausende von chinesischen Soldaten, die von Turfan nach dem neuangelegten Tscharchlik kommandiert worden waren, hier gelagert und, nachdem sie ihren ganzen Proviant verzehrt, Uniform und Gewehr weggeworfen haben und nach Turfan durchgebrannt sein sollen.

Rechts zieht sich noch immer das Bett des Kurruk-darja hin, links ein anderes, dessen linke Uferterrasse außerordentlich scharf ausgeprägt ist. Wir gehen demnach auf einer langen, schmalen Erhöhung zwischen zwei Betten, von denen das linke älter ist als der Kurruk-darja; dies sah sogar Abdu Rehim ein, der wußte, daß es sich noch eine weite Strecke nach Osten erstreckte. Manchmal lichtet sich der tote Wald, und seine noch aufrechtstehenden Stämme haben von fern täuschende Ähnlichkeit mit Telegraphenstangen. In vor dem Winde geschützten Tälern sahen wir jetzt zum ersten Male Spuren von wilden Kamelen.

Unter den toten Bäumen kommen jetzt häufig Jiggde-Büsche (Ölweide, ~Elaeagnus hortensis~) vor. Nach der ganz richtigen Auffassung der Eingeborenen bilden sie den besten Beweis für eine frühere Bewässerung, denn die Jiggde ist die erste unter Büschen und Bäumen, die eingeht, wenn die Bewässerung aufhört, und schon verdorrt, wenn das Wasser salzhaltig ist. Tograk (Pappeln) und Julgun (Tamarisken) sind weit zäher und leben noch lange Zeit auf den Wurzeln.

Auch heute rasteten wir in einer absolut öden Gegend, aber wir hatten sieben Tulume (Schläuche von Ziegenleder) voll Eis mitgenommen, von denen zwei täglich draufgingen, wenn die Kamele nichts erhielten.

Am 15. März herrschte wieder starker Ostwind. Seine Geschwindigkeit betrug nur 7 Meter in der Sekunde, aber er machte sich bei -1,1 Grad um 7 Uhr morgens fühlbar und drang durch unsere dünnen Frühjahrsanzüge. Selbst wenn man den halben Tag zu Fuß geht, kann man nicht warm werden. Um 1 Uhr stieg die Temperatur nur auf +6,8 Grad. In Jing-pen hatten wir bei Westwind +21,4 Grad gehabt. Es ist wahrscheinlich, daß dieses Verhältnis mit der verschiedenen Erwärmung des Kontinents in enger Verbindung steht. Im Jahre 1897 hatte ich in der östlichen Mongolei um diese Jahreszeit noch einen bitterkalten Winter mit tiefem Schnee gehabt. In den zentralen Wüsten dagegen bildet sich ein barometrisches Minimum, das seine Saugkraft auf die Randgebiete ausübt. Diese Ungleichheit des Luftdrucks ist im Frühling am größten und gleicht sich im Sommer aus. Daher treten im Lopgebiete im Frühling heftige östliche und nordöstliche Stürme ein.

Abdu Rehim kannte eine Quelle in den niederen Bergen, die wir seiner Ansicht nach besuchen mußten. Wir verließen daher den Kurruk-darja bis auf weiteres und schlugen den Weg nach Nordosten ein. Nachdem wir einen niedrigen Bergrücken passiert hatten, erblickten wir eine ausgedehnte offene Arena. Im Norden derselben sah man merkwürdigerweise kaum etwas vom Gebirge, so niedrig sind die Hügel, die sich auf dieser Seite schwach abzeichnen. Mitten in diesem flachen Kesseltale finden wir die +Oase Oi-köbruk+, wo Kamisch wächst. Wasser gibt es jedoch nicht, und die Vegetation lebt von den Regenfluten, die sich dann und wann hier ansammeln.

Spuren von wilden Kamelen kamen jetzt in solcher Menge vor, daß wir ihnen kaum noch Aufmerksamkeit schenkten. An einer Stelle hatte vor ein paar Tagen ein großes Tier im Sande gelegen und sich dort behaglich eingewühlt. Wahrscheinlich waren alle diese Wanderer auf dem Wege von oder nach Jardang-bulak gewesen, dem einzigen Punkte der Gegend, wo Wasser offen zu Tage tritt.

Ein Kamm, bestehend aus einer grobkristallinischen Gesteinsart, durchzogen von Diabasgängen, alles stark verwittert, trennte uns noch von Jardang-bulak, und nachdem wir ein unfruchtbares Gebiet überschritten hatten, lagerten wir in dem Talgange dieser Quelle.

Hier wächst auf einem ganz kleinen Flecke üppiges Schilf. Es war der eine von den beiden Plätzen, wo wir Weide und Wasser finden sollten; daher beschlossen wir, den Tieren hier zwei Ruhetage zu gewähren. Drei andere ähnliche Quellen -- doch ohne nennenswerte Vegetation -- liegen ganz in der Nähe. Unsere Quelle heißt +Atschik+ (die bittere). Das Wasser derselben rieselt in einer Erosionsfurche zwischen niedrigen Granitplatten hin und trägt eine dezimeterdicke Eisdecke, deren Oberfläche wilde Kamele und Antilopen, die hier zur Tränke gegangen sind, beschmutzt haben. Das Eis mußte daher gewaschen werden, ehe wir es verwenden konnten, aber sein Schmelzwasser war vorzüglich und hatte keinen Beigeschmack, obwohl das Aräometer in dem Quellwasser direkt am Ursprung 1,012 spezifisches Gewicht zeigte.

Abdu Rehim, unser Wegweiser, ist ein gewaltiger Kameltöter; er benutzte daher den ersten Rasttag zu einem Jagdausfluge. Er blieb vierzehn Stunden fort und erzählte bei seiner Rückkehr, daß er auf ein großes männliches Kamel gestoßen sei, welches er, nach der blutigen Spur zu urteilen, schwer verwundet habe. Der Jäger hatte das Wild bis weit über den Kurruk-darja hinaus verfolgt, und es war ihm dabei mehrmals gelungen, sich dem Tiere bis auf 300 Schritt zu nähern, welcher Abstand für asiatische Flinten jedoch zu groß ist. Schließlich war das Kamel südwärts nach den ersten Sanddünen gelaufen, wo es Abdu Rehim bald aus den Augen entschwand, und da es auch zu dämmern begann, hatte er umkehren müssen. Er sagte, daß die Kamele, wenn sie verwundet worden sind, stets südwärts nach der offenen Wüste laufen, und glaubte, daß sie sich auch dann, wenn sie den Tod auf natürliche Weise kommen fühlen, nach den Dünen begeben, um dort ihr Grab zu finden. Er glaubte dies, weil er in den Bergen des Kurruk-tag selten oder nie Kamelgerippe gefunden hatte. Vielleicht wissen sie, daß, wenn ihr Todeskampf lang wird, sie sicher sein können, ihn in der Sandwüste in Ruhe auszukämpfen, während sie im Gebirge Belästigungen leichter ausgesetzt sein würden.

Abdu Rehim hatte auch ganz frische Spuren einer Herde von sieben Kamelen gesehen, eines alten Männchen mit zwei Weibchen und vier Tailak (Jungen).

Besser glückte es Tschernoff. Frühmorgens hörte ich die Männer äußerst lebhaft, aber mit leiser Stimme davon reden, daß die Hunde angebunden werden müßten. Darauf wurde es ganz still, und dann krachten dicht beim Lager fünf Schüsse. Mit dem Winde hatte sich ein Kamel, ohne einen Hinterhalt zu ahnen, der Quelle genähert. Tschernoff und Chodai Kullu legten an, aber das Kamel machte kehrt und entfloh, nur leicht verwundet, in östlicher Richtung. Tschernoff verfolgte es; das Tier blieb bisweilen stehen und betrachtete ihn neugierig. Auf 500 Schritt Entfernung wurde ein letzter Schuß abgefeuert und traf aufs Blatt. Das Kamel lief langsam nach Süden, fiel ein paarmal, erhob sich wieder und brach schließlich, als die Jäger ihm schon ganz nahe waren, etwa 2 Kilometer vom Lager tot zusammen (Abb. 79).

Es war ein junges Weibchen. Es hatte eine sehr weiche, feine Wolle, die jetzt, zu Anfang der Zeit des Haarens, beinahe von selbst abfiel; die Männer sammelten sie, um Schnüre und Stricke daraus zu drehen. Darauf wurde das Tier zerlegt; sein Fleisch war uns sehr willkommen, da unser Vorrat an Schaffleisch, das in den letzten Tagen schon etwas verdorben gewesen war, jetzt gerade ein Ende genommen hatte. Die Hunde hielten von den Fleischresten und Eingeweiden einen Festschmaus, und die Füchse der Gegend werden sich gewiß auch noch eingestellt haben. Am Tage darauf kreiste ein Geier über dem Platze, wo das arme Tier den Tod gefunden hatte. Abdu Rehim glaubte, daß die wilden Kamele die Gegend, wo einer ihrer Kameraden gefallen war, noch lange scheuen würden. Zum Vergleich mit dem erbeuteten Kamele habe ich eines unserer zahmen Kamele mit abgebildet (Abb. 80). Dieses Tier hatte schon 1896 an meinem Zuge durch die Kerijawüste und zum Lop-nor teilgenommen; es starb 1901 im Innern von Tibet.

Abends schoß Tschernoff ein paar prächtige Rebhühner, die uns gut zustatten kamen. Die Fleischverproviantierung ist nämlich während der heißen Jahreszeit stets eine heikle Frage. Ich hatte mit Kirgui Pavan und zwei anderen Jägern, die Jardang-bulak kannten, vereinbart, daß sie sich dort mit fünf Schafen nebst Hühnern und Eiern einfinden sollten. Da sie jedoch nichts von sich hören ließen, konnten wir nicht länger warten. Bei unserer Rückkehr erfuhren wir, daß sie zwar aufgebrochen waren, sich aber in der Wüste verirrt und während des Sturmes drei Schafe verloren hatten. Die übrigen waren halbtot, als sie endlich Jardang-bulak erreichten, wo sie auch unsere Feuerstelle fanden; da war es aber zu spät, und sie traten daher den Rückweg nach Tikkenlik an. Wir regten uns aber ihres Nichtkommens wegen nicht auf, denn wenn wir nur wohlbehalten den Kara-koschun erreichten, brauchten wir keine Not zu leiden.

Zwanzigstes Kapitel.

Das gelobte Land des wilden Kamels.

Abdu Rehim gab mir manche Auskunft über die Eigenschaften des wilden Kamels, die mit dem übereinstimmte, was ich 1896 von dem alten Kameljäger am unteren Kerija-darja darüber erfahren hatte.

In der gegenwärtigen Jahreszeit muß das Kamel alle acht Tage saufen, im Winter aber kann es zwei Wochen dursten. Doch kann es auch im Sommer das Wasser einen halben Monat entbehren, wenn es saftige Weide hat. Daß es den Durst im Winter nicht länger als 14 Tage ertragen kann, hat seinen Grund darin, daß das Futter dann vertrocknet ist. Die Tiere kennen die Lage der Quellen so genau, als richteten sie sich nach Karte und Kompaß. Die Jungen sind von ihren Müttern dorthin geführt worden, und die Reliefverhältnisse des Terrains verwachsen mit ihrem Bewußtsein. Auch stark salzhaltiges Wasser saufen sie mit großem Behagen. Zwischen Tamarisken und im Schilfe, wie auch überall, wo der Schütze Deckung findet, kann er gegen frischen Wind bis auf 30 Schritt an das Tier herankommen, und im allgemeinen schießt er nicht gern aus größerer Entfernung als 50 Schritt.

Der Geruch ist der feinste Sinn des Kamels, und es soll den Menschen in einer Entfernung von 20 Kilometer wittern können; wenn es merkt, daß etwas nicht geheuer ist, entflieht es mit Windesschnelle. Gleich seinen Vettern am Kerija-darja hegt es große Furcht vor dem Rauche von Lagerfeuern. Es flieht auch vor dem zahmen Kamele mit Packsattel, ja selbst, wenn dieser abgenommen ist, denn es wittert sogleich den fremden Geruch des zahmen Kamels. Dagegen war es bisweilen vorgekommen, daß junge, noch nicht zur Arbeit verwendete Kamele sich in wilde Herden hineinverirrt und dort Aufnahme gefunden hatten. Bei einer solchen Gelegenheit hatte einmal Abdu Rehims Bruder ein seinem Vater gehöriges Kamel in dem Glauben, es sei ein wildes, geschossen. Im großen und ganzen scheinen die Kamele des Kurruk-tag dieselben Eigenschaften zu haben wie die vom Kerija-darja. Sie vermeiden bewohnte Gegenden sowie Stellen, welche Menschen, wenn auch noch so selten, passieren. In Verbindung hiermit sei erwähnt, daß nach Prschewalskij wilde Kamele in der Kum-tag-Wüste östlich vom Sumpfe des Kara-koschun häufig vorkamen. Jetzt fehlen sie in dieser Wüste oder sind wenigstens sehr selten geworden, was seinen Grund in dem Austrocknen des Sees, wie auch darin haben kann, daß die noch vorhandenen Wasserflächen bewohnten Gegenden zu nahe liegen.

Die wilden Kamele nähern sich einem Platze, wo Jäger gelagert haben, für längere Zeit nicht wieder. Abdu Rehim glaubte, sie würden nicht eher als nach dem nächsten Regen wieder nach Jardang-bulak kommen oder dort wenigstens nicht eher weiden, als bis die Stelle reingewaschen und jede Spur unserer Feuer fortgeschwemmt worden sei. Im allgemeinen bleibt die Kamelherde bloß 2-3 Tage an einem Platze mit Weide und sucht dann einen anderen auf. Nach einer Quelle gehen sie nur, um zu trinken, und bleiben nie länger dort, selbst wenn die Weide noch so gut ist. Mein Gewährsmann behauptete, dem Kamele sage sein Instinkt, daß es bei den Quellen die größte Gefahr laufe, mit Menschen zusammenzutreffen. Wenn es solche gesehen oder gewittert hat, flieht es mehrere Tage ohne Aufenthalt, bewerkstelligt seinen Rückzug aber im ganzen mit großer Ruhe. Findet es auf der Flucht Weide, so hält es sich dort eine Weile auf und frißt sich satt, bevor es weiterläuft. Wenn die Nacht hereinbricht, legt es sich neben eine Tamariske, wo der Boden weich ist, und setzt seine Flucht erst fort, wenn es wieder hell ist. Es frißt alles mögliche aus dem Pflanzenreiche, am liebsten aber trockene, losgerissene, vom Winde verwehte Grasbüschel. Auch die Weideplätze findet es mit überraschender Sicherheit auf und begibt sich in gerader Linie vom einen zum anderen, selbst wenn sie mehrere Tagemärsche weit voneinander entfernt liegen und die Gegend keine Anhaltspunkte für die Orientierung zu bieten scheint.