Im Herzen von Asien. Erster Band.
Part 23
Tura-sallgan-ui war ein Marktplatz, ein im ganzen Loplande bekannter Ort von Bedeutung geworden. Außerhalb unserer eigenen Grenzen entstanden kleine „Vorstädte“, in denen Tischler, Schmiede und andere Handwerker sich niederließen. Ali Ahun, ein Schneider aus Kutschar, gründete ein wohllöbliches Etablissement, in dem eine kleine Nähmaschine den ganzen Tag rasselte. Parpi Bai, der gelernter Sattler war, hatte seine Werkstatt neben dem Stalle und war damit beschäftigt, vorzügliche Packsättel für Kamele und Maulesel anzufertigen. Von Kutschar und Korla kamen Kaufleute mit Waren, die wir, wie sie wußten, brauchen konnten, wie Zucker, Ziegeltee, chinesisches Porzellan, russische Teekannen, Zeugstoffe usw. Ein Kaufmann aus Andischan baute sich hier sogar ein eigenes Haus, eine Strohhütte, deren Wände mit rotem russischem Kattun tapeziert wurden und in welcher ganze Stapel von Zeugballen, Tschapanen, Mützen und Stiefel standen, ganz wie in den Läden der Basare. Dieser „Laden“ wurde sehr beliebt, und man sah dort unsere Muselmänner und Kosaken oft plaudern, Tee trinken, rauchen und kaufen.
Und erst alle die Reisenden, die hier vorbeizogen! Die große Landstraße führte freilich über Dschan-kuli, aber der dortige Herbergsvater hatte in uns einen gefährlichen Konkurrenten bekommen, und der Weg fing allmählich an, über Tura-sallgan-ui zu gehen. Alle Reisenden wollten natürlich in unserem Dorfe übernachten; für sie war es ein willkommenes Tama-schah, beobachten zu können, wie es bei uns aussah. Reiter ritten täglich in das Dorf ein und boten auf dem Markte Pferde aus, von denen mehrere gekauft wurden.
So wuchs die Bedeutung unserer kleinen Stadt mit amerikanischer Schnelligkeit, und noch am späten Abend war es ein ewiges Kommen und Gehen und ein Lärm ohnegleichen. Die einzige Laterne des Marktes mußte brennen, bis der letzte Fremdling abgezogen war. Dann hörte man nur noch die Schritte des Nachtwächters und das Bellen der Hunde.
Während meiner Abwesenheit hatte Sirkin das meteorologische Journal mit musterhafter Genauigkeit geführt, und da es ein großer Vorteil war, einen festen Punkt für die Beobachtungen zu haben, erhielt er Befehl, es während der nächsten Exkursion fortzusetzen und auch dann Chef im Winterquartier zu sein. Tschernoff wurde zu meinem Leibkoch ernannt und bereitete kleine vorzügliche Koteletten und Pilmen (Fleischklöße). Er sollte mich auf der nächsten Reise begleiten.
Streng genommen hätte ich diese beiden Kosaken, die dem Konsulatskonvoi in Kaschgar angehörten, jetzt zurückschicken müssen, denn ich hatte nur das Recht, sie bis zur Ankunft der beiden Burjaten zu behalten. Doch ich hatte sie so liebgewonnen und gesehen, wie ehrlich und gewissenhaft sie die ihnen anvertrauten Aufträge ausführten, daß ich mich mit dem Gedanken, mich von ihnen zu trennen, nicht vertraut machen konnte. Ich schrieb daher an Generalkonsul Petrowskij und bat ihn, sich an die betreffende Behörde mit dem Gesuche zu wenden, daß ich die Kosaken noch behalten dürfe, und überzeugt, daß mein Gesuch bewilligt würde, behielt ich Sirkin und Tschernoff bis auf weiteres.
Islam Bai sollte im Lager als Oberbefehlshaber der Muselmänner bleiben. Er und Sirkin erhielten den Auftrag, sich nach meiner Abreise nach Korla zu begeben, um 25 Pferde, einige Maulesel und Proviant für die Sommerkampagne in Tibet zu kaufen.
Die beiden neuen Kosaken waren Vollblutburjaten. Ihre Sprache unterscheidet sich nur wenig vom Mongolischen, aber sie sprachen auch fließend Russisch, und während der Zeit, die sie in meinem Dienste waren, lernten sie ganz vorzüglich Dschaggataitürkisch. Der Religion nach sind sie Lamaisten, und ihre Augen strahlten vor Begeisterung, als ich ihnen einmal anvertraute, daß wir später südwärts nach dem heiligen Tibet ziehen würden.
Nikolai Schagdur und Tseren Dorschi Tscherdon (Abb. 72) waren jeder 24 Jahre alt und gehörten dem transbaikalischen Kosakenheere an, das zu nicht geringem Teile aus Burjaten besteht. Ihre Dienstzeit ist vier Jahre, von denen meine beiden Kosaken erst die Hälfte hinter sich hatten, als sie diesen außergewöhnlichen, verlockenden Auftrag erhielten, der ihnen Gelegenheit geben sollte, eine ihnen unbekannte Welt zu sehen. Ihren Sold für zwei Jahre hatten sie in 1000 Goldrubeln erhalten, denn der russische Kaiser hatte bestimmt, daß die Eskorte mich nichts kosten solle. Ich nahm indessen ihr Gold in Verwahrung, gewährte ihnen freie Station, solange sie bei mir waren, und gab ihnen nachher, außer anderen Geschenken, ihre 1000 Rubel wieder, so daß die Abkommandierung ihnen noch bedeutenden pekuniären Gewinn brachte. Aber ihre Dienste waren auch unschätzbar, und ihre Aufführung war über jedes Lob erhaben.
Sie hatten die Reise von Tschita hierher in 4½ Monaten gemacht, mit der Eisenbahn, mit der Post, zu Pferde und zuletzt in der Arba. Als Kosaken in Dienst hatten sie auf russischem Gebiete freie Reise. Die Reise war über Irkutsk, Krasnojarsk, Kuldscha und Urumtschi gegangen, an welch letzterem Orte sie von dem großen Sinologen, dem nunmehr verstorbenen Konsul Uspenskij, zwei Monate aufgehalten worden waren, weil dieser meine Spur verloren und nicht gewußt hatte, wohin er sie schicken sollte.
Nach beendeter Dienstzeit, während welcher sie in Sprache und Disziplin völlig russifiziert werden können, kehren die burjatischen Kosaken in ihre Stanitzen (Dörfer) zurück, nehmen die Tracht und die Sitten ihrer Heimat wieder an und leben hauptsächlich von Viehzucht. Schagdurs und Tscherdons Stanitza war Ataman Nikolajewska, 200 Kilometer nordwestlich von Troizkosawsk. Diese beiden Männer wären für mich in den Tod gegangen, und ich schloß mich ebenso an sie an wie an ihre russischen Kameraden. Besonders Schagdur war das Ideal eines Menschen und ein guter, treuer Diener. --
Während meines kurzen Aufenthalts in Tura-sallgan-ui war das Wetter noch recht winterlich. Schon am 25. Februar tobte der erste wirkliche „Kara-buran“. Es war schön, im Hause sitzen zu können, während der Sturm um unsere Schilfhütten heulte und unsere einzige Pappel umzubrechen drohte. Flugsand und Staub trieben über das Eis des Tarim hin, und die Dünenwand im Süden war im Nebel gar nicht zu sehen. Am 26. fiel Schnee in Gestalt von runden Körnern, die knatternd auf das Zelttuch schlugen. Die Landschaft wurde wieder kreideweiß, und die Dünenwand sah aus wie eine schneebedeckte Bergkette. Schließlich aber wurde das Wetter schön, und ich konnte mich an die astronomischen Observationen machen; für die Kartenarbeit war Tura-sallgan-ui der wichtigste Knotenpunkt der ganzen Reise.
Am 4. März stieg die Temperatur auf +7 Grad. Der feste Eispanzer des Flusses begann allmählich porös zu werden, und das Schmelzwasser stand nicht nur hoch auf dem Eise, sondern strömte auch in nicht unbedeutenden Mengen von den Ufern hinab. Die im ersten Eise festgefrorene Fähre lag infolgedessen mit ihrer Reeling in gleicher Höhe mit dem auf dem Eise stehenden Wasser und war schon halb vollgelaufen.
Wo die Stromgeschwindigkeit groß war, öffnete sich wieder eine Rinne im Eise. Sirkin und die anderen wurden ermahnt, wenn die erste Frühlingsflut komme, sehr vorsichtig zu sein. Meine Kisten sollten für den Fall, daß dem Lager eine Überschwemmung drohte, an Bord gestellt werden. Falls auch die Fähre in Gefahr sein würde, sollte sie an einen sicheren Platz gebracht werden.
Kurban, der Unglücksrabe, wurde jetzt entlassen und verschwand, sobald er seinen Lohn erhalten hatte. Der junge Spitzbube verstand, sich seine Heimreise nach Kaschgar besonders bequem einzurichten. In Kutschar war er in das Serai der Andischaner gegangen und hatte sich dort als mein Expreßkurier an den Konsul vorgestellt, worauf ihm die freundlichen Kaufleute alles, was er verlangte, gegeben hatten. In Aksu war er zu der jungen Frau eines Beks in recht intime Beziehungen getreten und hatte Prügel bekommen, war aber vom chinesischen Amban, der sicher gedacht hatte, gegen den Kurier eines Europäers müsse man klugerweise höflich sein, gut behandelt worden. Aus der letztgenannten Stadt verschwand er auf einem gestohlenen Pferde. In Kaschgar erreichte seine Frechheit den Höhepunkt, indem er dem Konsul einen ganzen Räuberroman auftischte. Er hatte den Verzweifelten gespielt und erzählt, daß er von mir beauftragt worden sei, dem Konsul eine besonders wichtige Post zu überbringen, auf dem Wege aber von Banditen überfallen worden sei, die ihm die Postsachen und alles Geld geraubt hätten. Doch Petrowskij war an Räubergeschichten gewöhnt und setzte den Jüngling hinter Schloß und Riegel, um ihm Gelegenheit zu geben, über sein hartes Schicksal nachzudenken! Weiteren Gewinn hatte er von seinem Wagestücke nicht, und die Armen, die sich unterwegs von ihm hatten beschwindeln lassen, mußten allein für ihre Unvorsichtigkeit büßen und ihre Ansprüche, so gut sie konnten, mit dem jungen Kurban ausmachen.
Neunzehntes Kapitel.
Der Kurruk-tag und der Kurruk-darja.
Als das Wetter frühlingshaft zu werden begann, schickte ich Faisullah und Abdu Rehim mit den Kamelen und dem schwereren Gepäcke nach Dillpar am Kontsche-darja voraus, damit sie einen guten Weideplatz aussuchten und dort unsere Ankunft erwarteten. Ich selbst brach mit Tschernoff, Ördek und Chodai Kullu, einem Loplik, der nachher zwei Jahre in meinem Dienste war, sowie einer ganzen Schar Begleiter am 5. März auf. Diesmal nahmen wir zwei Zelte und einen Ofen mit, im übrigen aber nur das gewöhnliche Gepäck, die Instrumentkiste, zwei Kisten mit Küchengeschirr, zwei Jagdgewehre usw. Chodai Kullu galt für einen gewaltigen Jäger und hatte ein eigenes Gewehr. Weil mehrere Pferde von Jing-pen, wo die Wüste anfängt, wieder zurückgeschickt werden sollten, mußte der Dschigit Musa uns bis dorthin begleiten.
Unsere erste Tagereise auf dieser neuen Expedition führte uns nach Norden quer über das Steppenland, das sich zwischen Tarim und Kontsche-darja ausdehnt. Wir brachen spät auf, wie es der Fall zu sein pflegt, wenn man ein Hauptquartier auf längere Zeit verläßt; es ist so vieles zu ordnen und zu besorgen, und in der letzten Minute noch sind eine Menge Kleinigkeiten zu erledigen. Die drei zurückbleibenden Kosaken und die Muselmänner standen in Reih und Glied, als ich ihnen Lebewohl sagte und Parpi ermahnte, sich nicht in eine der Töchter des Landes zu verlieben -- er war nämlich wegen seiner Schwäche in dieser Beziehung bekannt. Hochaufgerichtet stand er in seinem blauen Tschapan da und erwiderte lächelnd, ich könne ganz ruhig sein. Er hatte recht, seine Liebesabenteuer waren für immer zu Ende -- zwölf Tage später starb er nach kurzer Krankheit und wurde feierlich auf dem stillen Friedhofe beerdigt; Eingeborene und Kameraden folgten seiner Leiche, und Stangen mit Wimpeln und Yakschwänzen schmücken jetzt sein Grab.
Er hatte also keine Gelegenheit, sich auf dieser Expedition so auszuzeichnen wie auf der vorigen, als er noch ein kräftiger Mann war, aber ich bewahre ihm ein gutes, freundliches Andenken. Ich habe vielleicht manchen Diener, der während meines Karawanenlebens bei mir angestellt gewesen ist, vergessen, aber die Verstorbenen vergesse ich nie; ihr Andenken liegt mir warm am Herzen, sie sind auf ihrem Posten zusammengebrochen und haben in meinem Dienste alles hingegeben, was sie besaßen -- ihr Leben. Möge er sanft am Fuße der Dünen ruhen, der alte, redliche Parpi Bai. --
Es war mittlerweile dunkel geworden, bevor Faisullahs Lagerfeuer zwischen den Pappeln am Ufer des Kontsche-darja aufloderte. Der Fluß war noch fest zugefroren, und wir lagerten am linken Ufer in der Waldgegend +Dillpar+, wo wir auch den folgenden Tag blieben. Die uns begleitenden Beke kehrten am Morgen wieder um, und wir waren jetzt von neuem auf uns selbst und unsere Vorräte angewiesen.
Als wir am 7. März nach Nordnordost weiterzogen, war die Karawane folgendermaßen zusammengesetzt: Abdu Rehim und seine beiden jüngeren Brüder mit acht Kamelen, von denen sechs zu unserer Verfügung standen, die beiden übrigen trugen ihre Besitzer; ferner Faisullah mit unseren fünf Kamelen, Tschernoff, Ördek, Chodai Kullu und Musa mit je einem Pferde und ich auf demselben kleinen starken Schimmel, der mich durch die Tschertschenwüste getragen hatte. Jolldasch und Maschka war das Nachtwächteramt übertragen.
Unweit Dillpar kreuzten wir drei alte Betten des Kontsche-darja.
Darauf lassen wir die Wälder des Kontsche-darja hinter uns zurück und reiten auf hartem, salzhaltigem, knisterndem Boden mit spärlichen Tamarisken und einer dünnen Sandschicht. +Basch-tograk+ ist ein kleiner Waldsee in der Einöde mit mächtigen, wenn auch niedrigen, absterbenden Pappeln (Abb. 73). Westlich davon erscheint eine in dem ebenen Terrain weithin erkennbare Tora (Wegpyramide), die auf der alten Straße gestanden hat, die von den Bewohnern des Loplandes Kömur-salldi-joll (der Weg, auf dem Steinkohlen ausgebreitet worden sind) genannt wurde und die Korla und Sa-tscheo verband und sich jetzt am Ufer des alten Lop-nor hinzieht. In „Durch Asiens Wüsten“ habe ich den Teil dieser Straße, der nach Nordwesten von Jing-pen bis Korla führt, beschreiben können. Ihre Fortsetzung nach Osten, von Jing-pen an, zu erforschen, war einer der Zwecke dieser neuen Reise.
Nachdem wir die letzten Tamarisken (Abb. 74) hinter uns haben, beginnt die von den Eingeborenen „Sai“ genannte Terrainform, die am Fuße aller zentralasiatischen Bergketten gewöhnlich vorkommt, eine fürs Auge unmerklich langsam ansteigende Bodenerhebung, hart wie Asphalt, unfruchtbar und mit feinem, dünnschichtigem Gruse bestreut. Durch den Boden zog sich eine trockene Erosionsfurche, die aus dem Sugett-bulak, einem Quertale des Kurruk-tag, kam, welches Tal das Ziel unserer Tagereise war; in dieser Furche fanden wir einen bequemen Weg nach dem Fuße des Gebirges.
Eben wie das Meer dehnt sich der wüste Sai um uns her aus. Fern im Süden unterscheidet man noch als dunkle Linie den Vegetationsgürtel des Kontsche. Einige scheue Antilopen entflohen bei einem Fehlschusse, sonst gab es kein Tierleben. Der Boden wird steiniger, der Anstieg nimmt zu; in dem Bette liegt Treibholz von Tamarisken und Weidenbäumen, welches eine Sil (Regenflut) mitgeschwemmt hat.
Endlich haben wir auf beiden Seiten Berge und machen in der trompetenförmigen Mündung des Sugett-bulak-Tales Halt, wo ein kleiner Bach 88 Liter Wasser in der Sekunde führt. Hier steht ein einsamer Weidenbaum, daher der Name +Sugett-bulak+ (Weidenquelle). Wir hatten 33 Kilometer zurückgelegt; die Temperatur war auf 13,1 Grad gestiegen, und Mäntel waren nur abends nötig. Die Quelle, die den Bach speist, liegt eine Tagereise talaufwärts; es sind zwei Tagereisen bis zu den nächsten mongolischen Nomaden, die sich ständig in den größeren Tälern zwischen den Parallelketten des Kurruk-tag, wo es vorzügliche Weide geben soll, aufhalten.
Ein frischer Talwind wehte die ganze Nacht über unseren schönen, angenehmen Lagerplatz. Zum erstenmal im Jahre blieb die Minimaltemperatur über Null, nämlich auf +1,3 Grad. Unsere Tiere waren während der Nacht hoch oben im Tale umhergestreift, wo Gras und Weidenbäume wachsen, und es kostete Zeit, sie wieder herunterzutreiben.
Der heutige Tagemarsch führte nach Osten am Fuße des Gebirges entlang, wo wir unzählige trockene Erosionsfurchen überschritten. Wir sahen Hasen, Antilopen und Archaris (Bergschafe); letztere verschwanden gewandt und leichtfüßig in einer Klamm, als Tschernoff sie zu überraschen suchte. Zur Linken lösen ständig wechselnde Bergperspektiven einander ab; unzählige Gipfel werden passiert und verschwinden, und neue tauchen vor uns auf. Die dominierenden Gipfel werden von verschiedenen Punkten aus gepeilt. Die nächsten Vorberge verdecken jedoch die hinter ihnen liegenden Hauptkämme, deren Gipfel nur in den Quertälern sichtbar sind. Die Berge sind braun, violett, rot, grau und gelb in stets wechselnder Skala, die sich auch durch die Schatten verändert, welche entstehen, wenn Wölkchen unter der Sonne hinsegeln.
Zur rechten Hand fällt das Terrain langsam ab, nach der Ebene hinunter, wo der Kontsche sich nach dem Kara-köll hinschlängelt. Nach Passierung mehrerer kleiner, schwach eingeschnittener, durch Hügelreihen voneinander getrennter Betten stehen wir am Rande des besonders kräftig eingeschnittenen Gebirgstales +Kurbantschik+, das 40 Meter unter unseren Füßen liegt. Ein Bach rieselte zwischen porösen Eisschollen hin. Unser Lager an seinem linken Ufer hatte eine entzückende Lage. Im Norden öffnete sich der breite Schlund der Talmündung, im Süden standen die Jarterrassen wie dunkle Wände. Hinter einem Hügel hat sich ein kleiner Teich mit herrlichem, reinem, smaragdfarbigem Wasser gebildet, der so tief ist, daß man in seiner Mitte nicht bis auf den Grund sehen kann (Abb. 75). Ein kleiner Arm des Baches ergießt sich in ihn und tritt auf der anderen Seite wieder aus ihm heraus; es ist ein Bagrasch-köll im kleinen. Das Becken befindet sich gerade in der Mündung einer Erosionsfurche, und nach Regen muß hier ein ziemlich hoher Wasserfall herabrauschen; da aber Niederschläge in diesen „trockenen Bergen“ eine große Seltenheit sind, so kann man sich denken, welche Zeit dazu gehört, das Becken auszumeißeln. Die Berge der Umgebung bestehen aus Diorit.
Von Kurbantschik sollen es zwei Tagereisen bis an den Kamm der Hauptkette sein, wo ein Weg über einen Paß führt, der Dawan, von den Mongolen aber Többwe genannt wird. Vom Passe sind es anderthalb Tagereisen nach dem Bagrasch-köll.
Am 9. März mußten wir noch das Kurbantschiktal eine ziemliche Strecke hinabreiten, ehe wir durch ein Seitental auf seine linke Terrasse hinaufgelangen konnten (Abb. 76). In südöstlicher Richtung kommen wir über eine holperige Steppe in einen gewundenen, trocknen Hohlweg hinunter, den abgerundete Höhen von weichem Material, das jedoch weiter oben in festes Gestein übergeht, einfassen.
+Tograk-bulak+ ist eine reizende Stelle in diesem stillen Tale (Abb. 77). Wir rasteten in einem Pappelhaine, wo es eine Quelle gab, die jetzt mit dickem Eise, aus dem dichtes Schilf hervorguckte, bedeckt war.
Stunde auf Stunde wandern wir nach Osten, zur Linken das Gebirge. Der Sai wird nicht von bedeutenderen Furchen durchschnitten, wohl aber von Tausenden kleiner Betten, die nur einen Fuß tief in den Boden eingeschnitten und mit Schutt gefüllt sind. Die Sonne ging glutrot unter, dann trat Dämmerung ein; aber noch hatten wir einen weiten Weg bis an die Bergpartie, wo die nächste Quelle sein sollte. Chodai Kullu hatte sie früher besucht und führte jetzt die Karawane. Im Dunkel der Nacht hörten wir ihn rufen, und wieder standen wir am Rande einer gewaltigen Erosionsfurche, deren Uferhang die Kamele hinunterrutschten. Es stellte sich heraus, daß wir in der Dunkelheit in ein falsches Tal gelangt waren; es war ganz unfruchtbar, und es gab dort keinen Tropfen Wasser. Doch wir hatten heute schon 42 Kilometer zurückgelegt und lagerten trotz alledem.
Am folgenden Morgen machten wir die Entdeckung, daß die Quelle von +Budschentu-bulak+ nur einen Kilometer weiter östlich lag, und die Tiere wurden daher dorthin geführt. Ich selbst wurde bei Sonnenaufgang geweckt, und zwar gründlich. Tschernoff war, wie gewöhnlich, in mein Zelt gekommen und hatte, während ich schlief, den Ofen geheizt, aber nicht darauf geachtet, daß der abwärtsgehende Talwind das Zelttuch gegen das erhitzte Kaminrohr drückte. Ich erwachte von einer unleidlichen Wärme und sah das Zelt in Flammen stehen. In demselben Augenblick stürmten auch schon die Männer herbei, rissen das Zelt um, während Tschernoff die Kisten und die herumliegenden Sachen und Papiere hinaustrug, und ich selbst warf über das Zelt eine Filzdecke, die das Feuer erstickte. Meine luftige Wohnung sah nach diesem Abenteuer wenig einladend aus; die Männer wußten jedoch Rat. Sie nahmen ein Stück Sackleinwand, schnitten die Ränder der angebrannten Stelle weg und machten das Loch mit dem Sackleinen zu. Glücklicherweise hatte das Feuer noch nichts anderes vernichten können.
Der Bach von Budschentu-bulak war in mehrere Arme geteilt, die unter einer umfangreichen Eisscholle rieselten. Wir entfernten uns jetzt von den Bergen und zogen in südlicher Richtung weiter. In der Ferne zeichnete sich die „Kona-schar“ von +Jing-pen+ auf dem Nebel der hinter ihr liegenden Sandwüste ab. Die Ruinen lagen in einer Linie von Norden nach Süden, so daß ich sie im Vorbeiziehen alle besehen, messen und abzeichnen konnte. Die beiden ersten sind Tora oder Türme aus Lehm, 4,5 Meter hoch und 15 Meter im Umfang (Abb. 78). Ein Guristan (Begräbnisplatz) war, wie schon aus der Lage der Leichen hervorging, von Muhammedanern angelegt. Die Füße lagen nach Süden, der Kopf nach Norden und das Gesicht nach der Kibla gewendet. Die Gräber sind mit zigarrenkistenförmigen Denkmälern von an der Sonne getrocknetem Lehm geschmückt. Spätere Überschwemmungen haben die Außenseite der Terrasse, in welcher die Gräber liegen, zerstört, so daß mehrere derselben freigelegt sind und die Schädel wie aus Schießscharten in einer Mauer herausgucken. Das Skelett eines ungefähr fünfzehnjährigen Jünglings war aus seiner Grabhöhle herausgefallen; es konnte etwa 200 Jahre alt sein. Dicht daneben stand etwas, das ein „Mesdschid“ oder „Chanekah“, ein „Gumbes“ oder Monument auf dem Grabe eines Vornehmen hätte sein können und von dem nur noch drei Mauern ohne Dach standen; die vierte Mauer war anscheinend gleich dem Außenrande der Terrasse vom Wasser fortgespült worden. Die Hinterwand war 6 Meter lang, die Höhe der Mauern betrug 4,13 Meter. Um die Ruinen herum lagen eine Menge Scherben von Krügen aus gebranntem Ton, rote sowohl wie schwarze; an einigen von ihnen saß noch der runde Henkel. Darauf fanden wir ein Tora von 8 Meter Höhe und 31,4 Meter Umfang. Sieben solche von kleinerem Umfange thronten auf einem isolierten Hügel; entweder sind sie als Denkmäler auf den Gräbern hervorragender Persönlichkeiten errichtet worden, oder sie sind chinesische Potai (Meilensteine), die, wie noch heute an wichtigeren Plätzen, durch ihre Anzahl die Entfernung bis zur nächsten größeren Station der Gegend in Li (etwa 450 Meter) angeben.
Die interessanteste dieser Ruinen war eine Ringmauer von demselben Aussehen wie die, welche ich bei Sai-tschekke und Merdek-schahr gesehen hatte. Sie war aus an der Sonne getrocknetem Lehm erbaut, dem ein Skelett von horizontalen Balken Festigkeit verlieh, und besaß vier Tore. Der Durchmesser betrug 182 Meter, die Dicke der Mauern 11 Meter und die Höhe 6,6 Meter; die Tore lagen im Norden, Süden, Osten und Westen. Im Zentrum stand eine kleine Lehmpyramide.
Welchen Zweck eine solche Mauer gehabt hat, ist schwer zu sagen. Für eine Stadtmauer ist sie zu klein, und überdies fehlt im Innern jegliches Anzeichen von Häusern. Für eine Festung dürften die vier offenen Tore überflüssig sein. Ich bin daher eher geneigt anzunehmen, daß hier eine Art Wirtshaus oder Posthalterei gewesen und die Bewohner in Zelten oder Holzhäusern im Schutze dieser provisorischen Mauer gewohnt haben. Die Lop-nor-Straße ist wahrscheinlich mitten hindurch gegangen, denn das Ost- und das Westtor liegen gerade in der Längsrichtung dieses Weges. Alte Lopleute bewahren noch eine Tradition, wonach die große Heerstraße nach Peking über Jing-pen und weiter nach Dung-chan oder Sa-tscheo geführt habe.
Wenn wir von den Ruinen nach Jing-pen gegen Ostsüdost ziehen, haben wir weit nach rechts einen üppigen Gürtel von ansehnlichen Pappeln, der das trockene Bett begleitet, dessen Untersuchung der wichtigste Punkt des Programmes war. Alle Jäger im Lande, die es kennen, nennen es Kurruk-darja (trockener Fluß), manchmal auch Kum-darja (Sandfluß), welchen Namen auch Kosloff gebraucht.