Im Herzen von Asien. Erster Band.

Part 21

Chapter 213,676 wordsPublic domain

Wir ritten am Abend nach dem +Bostan-tograk+ weiter, dessen Flußbett bis zu 8 Meter tief in den Boden eingeschnitten und 141 Meter breit ist; es war mit Eis gefüllt, das einen halben Meter dick war und direkt auf dem Schlammgrunde ruhte. Daß das Eis so dick wird, beruht darauf, daß eine Quelle den ganzen Winter hindurch das Bett hinabfließt und nach und nach gefriert, wobei das Eis an Dicke zunimmt. Bei Andere führte dieser Quellstrom 3 Kubikmeter Wasser in der Sekunde. Der Bostan-tograk ist also auch in seinem Unterlauf ein ansehnlicher Fluß; wo der Fluß aufhörte, ein solcher zu sein, eine gute Strecke weiter nach Norden, lag früher die Ansiedlung Andere-terem, die aber jetzt verlassen ist.

Wenn das Lager fertig ist, macht sich Turduk allabendlich seine Pfeife zurecht, wozu recht originelle Anstalten nötig sind. Er schneidet sich zwei Stäbchen und steckt sie so in die Erde, daß das eine senkrecht, das andere in einem Winkel von 45 Grad nach oben zeigt, beide aber von demselben Punkte ausgehen. Dann wird feuchter Lehmteig um sie herumgelegt und dicht an sie herangedrückt, worauf die Stäbchen entfernt werden. In die Öffnung des so gebildeten vertikalen Ganges wird eine Fingerspitzevoll von dem sauren, schlechten Tabak des Landes gelegt, an dem Ende des schrägen Ganges wird der Rauch eingesogen. Die Stellung desjenigen, der sich dieses raffinierte Genußmittel zu Gemüt führt, ist jedoch weder bequem noch graziös. Der Raucher muß der Länge nach auf dem Bauche an der Erde liegen. --

Am folgenden Tage setzten wir unseren Weg längs des Bostan-tograk nach +Andere+ und dem +Baba-köll+ fort, von wo aus wir den Rückweg nach Tschertschen antraten. Unterwegs trafen wir nur eine Eselkarawane, die Häute von wilden Yaken und Kulanen aus den nordtibetischen Bergen nach Kerija brachte. Es wurde ein kalter Ritt. In der Nacht auf den 25. Januar hatten wir -29,6 Grad, und das Maximum stieg selten über -14 Grad. Man ist der Kälte und dem Winde völlig preisgegeben und gerät in einen Zustand apathischer Gleichgültigkeit. Jetzt brauchte ich wenigstens keine Wegaufnahme zu machen, denn wir kehrten auf demselben Wege, den wir gekommen, wieder zurück, und ich konnte also die Hände in die Ärmel meines sartischen Wolfspelzes stecken.

In der Nacht auf den 27. sank die Temperatur auf -31,2 Grad, und als sie um 1 Uhr auf -16 Grad stieg, erschien uns die Luft, da es windstill war, beinahe temperiert. Wir ritten schnell. Die Hufe schlugen dumpf und eintönig auf die gefrorene Erde. Vornübergebeugt, zusammengekauert, saßen wir mit gekreuzten Armen im Sattel und ließen den Pferden freie Zügel. Erst im Lager wurde bemerkt, daß Kurban und ein Packpferd fehlten. Um Mitternacht kam er jedoch zu Fuß an, halbtot vor Kälte. Sein Pferd war zu müde gewesen, und er hatte es bei Turduk zurückgelassen.

Den letzten Tag ritten wir von +Jantak-kuduk+ nach Tschertschen in 10 Stunden, nachdem wir nachts eine Minimaltemperatur von -32,2 Grad gehabt hatten, was in diesem ganzen Winter das Minimum blieb. Wir brachen indessen erst spät auf, so daß wir noch mehrere Stunden in finsterer Nacht reiten mußten und die nächtliche Kälte wieder anfing. Es war schneidend kalt und dazu herrschte noch Gegenwind, der freilich schwach war, aber hinreichte, um uns im Sattel fast vor Kälte erstarren zu lassen. Ich versuchte, mein Gesicht durch ein Halstuch zu schützen; aber der Atem gefror und erstarrte im Barte und an der Nase; das Tuch schützte jedoch ein wenig gegen den schneidenden Wind. Am schlimmsten ist es für die Augen, denn wenn sie vom Winde tränen, kleben die Wimpern zu kleinen Eisklumpen zusammen, die man von Zeit zu Zeit entfernen muß, um die Augen öffnen zu können.

Schön war es daher, endlich an Ort und Stelle zu gelangen und sich an den Feuern im Hause des Bek erwärmen zu können, heißen Tee mit frischen Eiern, Brot und Honig zu bekommen und dann in die Koje zu kriechen, um noch ein paar Stunden schwedische Zeitungen zu lesen und sich an dem züngelnden, gemütlichen Spiele des Feuerscheines an den Wänden zu freuen, während Jolldasch, müde von der langen, kalten Reise, lang hingestreckt am Feuer schnarchte.

Das Ergebnis dieser Rekognoszierung war weniger reich, als ich gehofft, und kaum die dreizehn Tage, die ich geopfert hatte, wert. Dennoch waren mehrere wichtige geographische Beobachtungen gemacht worden, besonders hinsichtlich der Ausdehnung der Sandgürtel in diesem Teile des Landes, der Breite der Vegetationsgebiete und der Größe der Flüsse nebst ihrer Richtung, die nördlicher ist als auf Roborowskijs Karte, was seinen Grund in dem langsamen Gefälle des Tarimbeckens nach dem Lop-nor hat.

Siebzehntes Kapitel.

Zwischen vergessenen Gräbern und ausgetrockneten Flußbetten.

Der 30. Januar war ein wenig einladender Tag zum Aufbruche von Tschertschen: Wind, dichte Wolken, Schneefall und ein eiskalter, feuchter Nebel und dabei mittags um 1 Uhr noch -15 Grad. Wir brachen indessen doch auf. Wir waren eine recht stattliche Karawane mit sechs Kamelen, fünf Pferden und einer ganzen Schar Bürger von Tschertschen, die uns bis an den Fluß begleiteten. Mollah Schah wurde fest bei mir angestellt; er schien mir sehr brauchbar für die Reise nach Tibet. Sein Abschied von der Vaterstadt, von seiner Frau und seinen sechs Kindern war so ruhig, als handelte es sich um einen Ausflug von ein paar Tagen. So leicht verläßt kein Europäer sein Heim, wenn er es erst in 2½ Jahren wiedersehen soll.

Wir folgten nicht dem gewöhnlichen Wege auf dem linken Ufer des Flusses, sondern überschritten ihn und durchzogen in den ersten beiden Tagen die Steppen des rechten Ufers, um in +Keng-laika+ zu lagern, wo wir zuerst an den Fluß gelangt waren und wo ich einen astronomisch bestimmten Punkt hatte.

Es war jetzt meine Absicht, so genau wie möglich das alte Bett des Tschertschen-darja festzustellen, das nach Roborowskij, der es jedoch nie selbst gesehen hatte, etwa 65 Kilometer nördlich von dem jetzigen liegen sollte. Dies war das Problem, das jetzt zu lösen war und das zu dem ursprünglichen Programme gehörte. Es stellte sich nachher heraus, daß die Angaben, welche Roborowskij von den Eingeborenen erhalten hatte, unzuverlässig gewesen waren und einer Revision bedurften.

Um uns ordentlich vorzubereiten und uns vor allem zwei zuverlässige Führer zu sichern, opferten wir einen Rasttag in Keng-laika. Fanden wir das alte Bett, so mußten wir auf eine neue, wenn auch kleinere Wüstenreise vorbereitet sein, denn wir mußten dem Bette folgen, um zu sehen, wohin es führe.

Von den Hirten erhielten wir sofort die unerwartete Auskunft, daß die nördliche der beiden Bodensenkungen, die wir in der Wüste gesehen, sich schon bei Su-ößgen, eine Tagereise abwärts, mit dem Flusse vereinige. Unterhalb dieses Punktes gebe es ihres Wissens im Norden des Flusses kein altes Bett, sondern nur lauter hohen Sand, und was dieser verberge, wisse niemand; dies hatten wir auf unserer Wüstenwanderung selbst schon zur Genüge gesehen.

Bei einem kleinen Salztümpel, dem +Schor-köll+, verließen wir am 2. Februar den Tschertschen-darja und gingen durch Tamariskensteppen und toten Wald nach dem +Tschong-schipang+, wie das hintere alte Bett genannt wird (Abb. 64). Es ist sehr deutlich, hat ungefähr dieselbe Breite wie der jetzige Fluß, bildet eine wenig gewundene Rinne im Boden und hat hohe, deutliche Uferwälle oder nivellierte Erosionsterrassen mit Tamarisken oder vereinzelt stehenden, teils lebenden, teils verdorrten Pappeln (Abb. 65). Nach Norden hin erstreckt sich in unabsehbarer Ferne das Sandmeer. Auf dem rechten Ufer des Bettes fanden wir einige größtenteils versandete Hirtenhütten, die wohl ein- bis zweihundert Jahre alt waren.

Weiter oben teilt sich das Bett in zwei Arme, von denen der rechte nach dem Tschertschen-darja zurückgeht, der linke aber nach Ostnordost weiterzieht. In diesem befinden sich die wohlerhaltenen Reste zweier aus Reisig und Pfählen hergestellter Dämme; ihr Zweck ist gewesen, den Fluß zu zwingen, sich nach rechts zu wenden, was jedoch, wenigstens hier, nicht gelungen ist. Auch dieser Arm führte uns allmählich wieder nach dem Tschertschen-darja, den wir bei Su-ößgen erreichten.

Als wir festgestellt hatten, daß in dieser Gegend nördlich vom Flusse kein altes Bett vorhanden ist, zog ich es vor, am rechten Flußufer, wo es keinen Weg gibt, entlang zu wandern. Hier entdeckten wir indes einen Kona-darja oder alten Fluß, ein Beweis dafür, daß sich der Tschertschen-darja nicht immer nach rechts wendet, wenn er seinen Lauf verändert.

In der Nähe des verlassenen Bettes trafen wir die massigsten Pappeln, die ich in ganz Ostturkestan je gesehen habe. Sie sind nicht mehr als 6 oder 7 Meter hoch, aber zwei, die wir maßen, hatten an der Erdoberfläche einen Umfang von 4,75 und 6,80 Meter. Der eigentliche Stamm ist nicht viel mehr als einen Meter hoch, worauf er sich in bizarre, knorrige, dichtbelaubte Zweige teilt. Das Vorkommen derartiger Bäume beweist, daß der Fluß hier jahrhundertelang geströmt hat. Denn wenn man sich der Altersbestimmung der Eingeborenen, daß die Tograk tausend Jahre lebe, tausend Jahre verdorrt auf ihrer Wurzel stehe und tausend Jahre umgestürzt liegen bleibe, ehe sie vergehe, auch nicht gerade anschließt, so kann man doch überzeugt sein, daß diese Veteranen verschiedene Jahrhunderte auf dem Nacken haben.

Gleich hinter diesen Pappeln, die als Einsiedler unter lauter Tamarisken standen, führten uns die Wegweiser nach einem alten muhammedanischen Begräbnisplatze mit mehreren Gumbes und den Überresten einiger Häuser, von denen das größte 15 × 13 Meter maß. Durch den Platz lief ein deutlicher Kanal nach ebenso deutlichen Ackerfeldern.

Wir lagerten an ein paar Gräbern, die wir am 4. Februar genauer untersuchten. Vor drei Jahren waren sie von einigen Hirten ausgegraben worden. Diese hatten natürlich geglaubt, Gold oder andere Wertsachen darin zu finden. Jetzt standen drei Särge am Fuße des Tamariskenkegels, in dem sie begraben gewesen waren. Zwei von den Leichen, die eines älteren Mannes und die einer Frau in mittleren Jahren, waren gut erhalten. Die Haut umschloß dicht das Skelett und war hart wie Pergament. Die Frau war mir besonders interessant. Ihr vollkommen unbeschädigtes Haar war im Nacken mit einem roten Bande zusammengebunden und hatte eine rotbraune Farbe, die bei den Asiaten, an die man hier denken könnte, deren Frauen ihr Haar überdies stets in Flechten tragen, selten vorkommt. Der Schädel hatte indoeuropäische Form, die Stirn war hoch, die Augen lagen gerade, die Jochbeinbogen standen wenig hervor, und die schmale Adlernase hatte längliche, beinahe parallele Nasenlöcher. Es ging daraus unzweideutig hervor, daß man keine Chinesin oder Mongolin vor sich hatte. Dazu kam, daß ihre Kleidung nicht asiatisch war. Sie hatte eine Art Hemd von grober Leinwand an, das enganliegende Ärmel hatte und sich nach unten rockartig erweiterte. Die asiatischen Frauen haben weite Ärmel und bauschige Beinkleider, aber nie Röcke, weil diese ihnen, die nach Männerweise reiten, nur hinderlich sein würden. Um die Stirn hatte sie, ebenso wie der Mann, eine kleine dünne Binde gehabt, die jetzt beinahe ganz zu Staub geworden war. An den Füßen trug sie rote Strümpfe. Bei beiden Leichen waren die Nägel beschnitten, nicht wie bei den Chinesen langgewachsen.

Von der Kleidung des Mannes war nicht mehr viel vorhanden. Das weiße Haar war nicht wie bei den Chinesen teilweise abrasiert, noch weniger in einen Zopf geflochten. In seinem Sarge lag ein einfacher Holzkamm. Die Särge waren schnell und provisorisch zusammengeschlagene Laden von sechs Pappelbrettern mit parallelen Seiten, ebenso hoch wie breit und etwas länger als die Leichen. Ganz in der Nähe sahen wir die Überreste einer alten Hütte, deren Wände aus ineinander geflochtenem Reisig bestanden.

Alles schien anzudeuten, daß die Toten Russen waren, und mir stieg gleich der Gedanke auf, es könnten zwei von den Raskolniken, den russischen Schismatikern, sein, die in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts von Sibirien nach dem Lop-nor flohen und von deren weiteren Schicksalen nichts bekannt ist. Der Tamariskenkegel, in den die beiden Särge hineingestellt gewesen, hatte damals, als das Begräbnis stattfand, wohl ebenso ausgesehen wie jetzt.

Unter den jetzigen Bewohnern Ostturkestans findet man oft Typen, die durch Kreuzung mit arischem Blut einen großen Teil der Kennzeichen der mongolischen Rasse verloren haben; doch daß diese Leichen keine muhammedanischen waren, bewiesen die Särge, denn die Muselmänner begraben ihre Leichen nicht in Särgen. Die Hirten behaupteten, daß mehrere andere Kegel ebenfalls Gräber umschlössen, konnten uns aber keine mehr zeigen. Vielleicht hat einmal eine ganze Raskolnikengemeinde diesen vor jeder Religionsverfolgung geschützten Ort aufgesucht. Leider fehlte den Särgen jede Spur von Inschrift.

So überließen wir denn diese geheimnisvollen Gräber ihrer ewigen Ruhe in der Einöde und gingen auf dem rechten Ufer weiter.

Während der letzten Stunden gingen wir auf dem Eise des Tschertschen-darja, das uns beinahe wie ein eigens für uns angelegtes Asphalttrottoir erschien, -- so eben und gut ging es sich dort nach all dem Gestrüpp und den trockenen Ästen, die im Walde umherlagen (Abb. 66). Nur in den nach Nordosten gerichteten Krümmungen hatte der Wind den Schnee vom Eise gefegt; sonst lag dieser überall dezimeterhoch, und die auf dem Eise ungeschickten und hilflosen Kamele hatten also hier nichts zu fürchten. An diesem Flusse vermissen wir die energischen Züge des Tarim; das Bett ist nicht so kräftig ausgemeißelt, wird aber auf den Ufern von den unvermeidlichen Pappeln, Tamarisken und Kamischfeldern begleitet. Auf dem rechten Ufer ist der Vegetationsgürtel breiter als auf dem linken, wo er von dem von Norden herandrängenden Sande, dessen hohe, unfruchtbare Dünen gewöhnlich über dem Walde zu sehen sind, stark beeinträchtigt wird.

Am 5. Februar marschierten wir teils auf dem Eise, teils auf dem rechten Ufer in alten Betten, die den verlassenen Krümmungen des Tarim entsprechen (Abb. 67). Tigerspuren kreuzten wir oft. Auf dem Eise lag mitten in einer großen Blutlache das Fell eines Rehs, und um die Lache herum sah man die Spuren von drei, vier Wölfen. Sie hatten ihrem Opfer augenscheinlich auf dem Eise aufgelauert, um es zum Ausgleiten zu bringen, es auf diese Weise überrumpelt und dann einen Schmaus gehalten.

In einem anderen verlassenen Bette, das seit Menschengedenken kein Wasser mehr geführt hat, hing an der Spitze einer Stange ein Hirschschädel; die Gegend heißt infolgedessen +Kallaste+ (der aufgehängte Schädel), welcher Name sich im innersten Asien oft wiederholt. Der Zweck dieses Nischan (Zeichen) ist zu zeigen, wo der Weg geht, wenn dieser aus irgendeinem Grunde, wie Flugsand, Überschwemmung, Buschholz oder dergleichen, schwer erkennbar ist.

Die Kälte dauerte an. In der Nacht auf den 6. hatten wir -29 Grad, aber unerschöpfliche Vorräte von vorzüglichem Brennholz. Bei +Ak-ilek-lenger+ gingen wir nach dem linken Ufer hinüber. Über der Stromrinne knackte das Eis unter dem Gewichte der Kamele recht beunruhigend. Die Karawane begab sich von hier direkt nach +Buguluk+ am Tschertschen-darja, während ich mit zwei Begleitern in dem alten Bette weiterritt, das bei Ak-ilek anfängt und ein paar Kilometer nördlich von dem jetzigen Flusse liegt. Es ist reich an lebender, frischer Vegetation. Als wir gerade vor Buguluk waren, ließen wir das Bett linkerhand liegen und vereinigten uns wieder mit den Unsrigen, die schon an dem Punkte lagerten, wo die Straße von Tscharchlik nach Tschertschen den Fluß kreuzt. Ich hatte diesen Punkt 1896 besucht; wir blieben jetzt einen Tag dort.

Leider mußten wir hier von unseren beiden Führern, welche die Gegenden, in die wir jetzt kamen, nicht genau kannten, Abschied nehmen und unseren Weg allein suchen, bis wir wieder Menschen trafen.

Der eine unserer Führer wußte nur zu erzählen, daß sich einmal ein Hirte aus dem unteren Keng-laika nordwärts in den Sand hineinbegeben habe und schließlich an eine „Kona-schahr“ gelangt sei. Hier habe er acht Tschugune (Kupferkannen) und 40 Ketmene (Spaten) gefunden und mit so viel von der Beute, wie er zu tragen vermocht, den Rückzug nach seiner Hütte angetreten. Während seiner Abwesenheit hätten Wölfe seine Schafe zerrissen, was man allgemein als Strafe für seine Habgier angesehen habe. Er sei darauf nach dem Fundort zurückgekehrt und habe Spaten und Kannen wieder an den Platz gelegt, von dem er sie fortgenommen habe.

Auf derartige Erzählungen kann man natürlich keine Pläne bauen, und es ist überhaupt am besten, nur das zu glauben, was man selbst gesehen und erlebt hat.

Toktamet Bek hatte mir auch eine Räubergeschichte erzählt, die jedoch den Eindruck der Wahrheit machte. Er war einmal in seinem Hause in Tschertschen von sieben Dieben, die in später Nacht bei ihm angeklopft hatten, überfallen worden. Auf seine Frage, wer da sei, hatten sie den Namen eines seiner Bekannten genannt, weshalb er sofort öffnete. Da hatte einer aus der Bande ein Messer gezogen und ihn mit dem Tode bedroht, wenn er nicht schweige und sich binden lasse. Unterdessen plünderten die anderen sein Haus und setzten sich in den Besitz aller Wertgegenstände, sowie einer Summe von 2000 Tenge in geprägtem Silber. Dann hatten sie die Flucht ergriffen und den Bek gebunden mitgeschleppt, damit er keine Gelegenheit habe, Leute zur Verfolgung aufzubieten. Das Interessanteste aber war, daß die Bande von Wasch-schahri den Tschertschen-darja überschritten und sich nordwärts nach dem Tarim begeben hatte, wobei sie einem alten Bette, anscheinend dem Ettek-tarim, gefolgt war. Es war sicher nicht das erste Mal, daß dieses Bett, dessen Bekanntschaft wir bald machen sollten, von flüchtigen Missetätern als Rückzugslinie benutzt wurde.

8. Februar. Jetzt wanderten wir am linken Ufer des Tschertschen-darja abwärts, teils um nicht denselben Weg zurückzulegen wie Roborowskij, teils um zu erforschen, ob sich auf dieser Strecke alte Betten vom Flusse abzweigen oder sich mit ihm vereinigen. Der Fluß ist oft mächtig angeschwollen, und das Ufergebiet bildet eine Terrasse, die ein paar Meter über der Eisfläche liegt. Nur an einem Punkte trat der Sand dicht an den Fluß heran; dort fielen 10 Meter hohe Dünen steil nach dem Eise ab. In einem kleinen Tograkhaine wurde das Lager aufgeschlagen. Obgleich der Tag wie gewöhnlich trübe gewesen, war der Sonnenuntergang doch herrlich, und ein purpurnes Licht ergoß sich über die Dünen, die wie auf dem Sprunge standen, auch dieses kleine Vegetationsband, das der Fluß speist, zu verschlingen.

Der junge Kurban, der anfangs einen so vielversprechenden Eindruck machte, schien in Wirklichkeit ein Schlingel zu sein. So verschwand er z. B. an diesem Abend, nachdem es dunkel geworden war. Alle Tiere befanden sich im Lager, so daß er nicht bei ihnen sein konnte, und sein Pelz war auch da, obwohl es 18 Grad Kälte hatte. Als er Stunde auf Stunde ausblieb und man befürchten mußte, daß Wölfe ihn überfallen hätten, wurden Leute auf die Suche nach ihm ausgeschickt. Nach langer Zeit kehrten sie mit dem Jüngling zurück, der während des Tagemarsches ein Paar Stiefel von einer Kamellast verloren hatte. Islam Bai hielt dem Bengel, der sich später zu einem ausgewachsenen Schelme entwickelte, eine Strafpredigt. Es war ja nichts dabei, daß er ein Paar Stiefel verloren hatte, aber es war dumm von ihm, nicht zu sagen, daß er sie zu suchen beabsichtige. Wir hatten gefürchtet, er sei irgendwo eingeschlafen und könne über Nacht erfrieren.

9. Februar. Erst diese Nacht ließ uns hoffen, daß die ärgste Winterkälte vorüber sei; das Minimumthermometer zeigte nur -20,1 Grad, und die Temperatur hob sich im Laufe des Tages auf -7,6 Grad; so warm hatten wir es seit dem 28. Dezember nicht gehabt. Das Terrain war gut, und wir konnten 30 Kilometer zurücklegen -- am Tage vorher wurden es nur 26 --, aber das Land ist trostlos einförmig, und vergebens schaut man nach Menschen aus. Ich war dieser Wüstenei recht überdrüssig und sehnte mich nach einem dankbareren Felde. Wir zogen rasch und in geraden Peilungen über die Steppe zwischen 30 Meter hohen, unfruchtbaren Dünen zur Linken und dem Flusse zur Rechten. Der Fluß gleicht noch immer einem kreideweißen Bande, doch große Strecken sind Anschwemmungen, die jetzt, da alles mit Schnee bedeckt ist, von der Eisdecke fast gar nicht zu unterscheiden sind.

Am folgenden Tage stieg die Temperatur um 1 Uhr auf -2,2 Grad, und wir hatten den ersten Frühlingssturm aus Nordosten, der indessen nur ein schwacher Vorläufer der heftigen Stürme war, die den Frühling im Loplande charakterisieren. Auf der Wanderung nach Nordosten fanden wir ein augenscheinlich ganz verlassenes Bett. Seine Breite betrug 32 Meter, und es war 6½ Meter tief in den Boden eingeschnitten. Es hat also eine völlig andere Gestalt als der jetzige Fluß, der seicht und wohl fünfmal so breit ist, was sich sicher darauf zurückführen läßt, daß der neue Fluß sein Bett noch nicht hat vertiefen können. An den Ufern stand dichter, toter, noch wurzelfester Pappelwald. Im Grunde des Bettes war der Boden an einigen Stellen recht heimtückisch. Zwei Kamele versanken geradezu in losem, leichtem, kartoffelmehlähnlich trockenem Staube. Sie mußten mit Spaten wieder herausgegraben werden.

Vom Anfange dieses alten Bettes an, das sich längs der Grenze des Sandmeeres hinzieht, hört aller Pappelwald an den Ufern des Tschertschen-darja auf; die wenigen dort vorkommenden Bäume sind nicht älter als 30 Jahre. Der ehemalige, jetzt tote Wald begleitet dagegen das verlassene Bett.

Am 11. Februar trafen wir bei der Sattma von +Araltschi+ am linken Ufer des Tschertschen-darja endlich Menschen (Abb. 68). Es waren ein Mann, zwei Knaben und zwei Frauen mit 600 Schafen, sechs Kühen und einigen Pferden und Eseln. Sie teilten uns mit, daß das alte Bett, dem wir gestern gefolgt waren, sich in das äußerste Gebiet des Sandes hineinziehe und sich weiter abwärts mit dem Ettek-tarim vereinige. In einem Monate erwarten sie die „Mus-suji“, die Eisschmelzflut, die zehn Tage lang so gewaltig dahinströmt, daß der Tschertschen-darja dann nicht durchwatet werden kann; wenn diese Frühlingsflut vorbei ist, bleibt nicht viel Wasser in dem Bette zurück und es ist sehr seicht, bis im Spätsommer das eigentliche Hochwasser aus dem Gebirge kommt und es aufs neue füllt.

Jetzt zogen wir auf dem zugefrorenen Flusse weiter nach Osten. Dieser ist so breit wie ein See, und sein Boden liegt beinahe in gleicher Höhe mit den Ufern; im Schilfe des Ufers waren große, jetzt zugefrorene, überschwemmte Strecken zu sehen. Der Name +Keng-laika+ (das ausgedehnte Anschwemmungsgebiet) ist eine sehr passende Bezeichnung für das ganze ausgedehnte Delta des Tschertschen-darja. Daß dieser Teil des Flusses ein sehr junges Gebilde ist, sieht man ganz deutlich; es kann nicht lange her sein, seit der Fluß in dieses südliche Bett übergesiedelt ist.

In einem kleinen Pappelhaine bei +Jiggdelik-agil+ ließen wir uns in der Nähe von zwei Hütten nieder und richteten uns für einen Rasttag, der der Ortsbestimmung gewidmet werden sollte, häuslich ein.

Ich schlief mich an diesem Ruhetage gründlich aus. Man darf nicht durch Gardinen verwöhnt sein, wenn man unter freiem Himmel schläft, besonders nicht, wenn man erst am hellen Tage und bei schon hochstehender Sonne erwacht. Und man darf sich nicht vor den Hirten und ihren Familien genieren, die sich die Morgentoilette des Fremden mit der größten Verwunderung ansehen, während die frei umhergehenden Kamele dicht neben dem Bette vorjährige Pappelblätter auflesen.