Im Herzen von Asien. Erster Band.

Part 20

Chapter 203,578 wordsPublic domain

Mit vermehrter Lebenslust und frischem Mute gingen die Leute an die Arbeit. Sie schaufelten den Schnee fort und ließen die Äxte zwischen den Tograkbäumen tanzen, so daß wir bald ganze Stöße von Brennholz hatten. Ein unmittelbar neben dem Lager stehender Stamm war zum Fällen zu dick; er wurde deshalb, so wie er war, in Brand gesteckt und beleuchtete wie eine Riesenfackel das weiße Leichentuch der Wüste. Quer über mein Feuer wurde eine hohle Pappel gelegt, durch welche die Flammen wie durch ein Rohr leckten. Sie glühte, krachte, wurde von innen erleuchtet und glänzte wie Rubine, bis die Rinde platzte und sich wie in Verzweiflung unter der rasenden Gewalt des losgelassenen Elementes wand. Gewaltige Rauchsäulen stiegen zum Monde empor, der jetzt seit langer Zeit zum ersten Male wieder aus seinem Wolkenversteck hervortrat. Meine Leute überlisteten diesen Abend die nächtliche Kälte; sie schaufelten Gruben in den Sand, füllten sie mit glühenden Holzkohlen, schütteten sie wieder zu und legten sich dann darauf nieder. Die Kamele haben seit zwei Tagen kein Futter erhalten, und die Hunde bekommen nur Brot.

Am 8. Januar sollten wir aus der Macht der Wüste befreit werden. Als wir aufbrachen, sagte ich den Leuten, daß sie diese Nacht am Ufer des Tschertschen-darja schlafen würden. Wir nahmen kein Brennholz mit, da wir vor uns überall dürre Stämme sahen, doch sie wurden immer vereinzelter, und bei dem letzten, wo der hohe Sand wieder anfing, beluden wir ein Kamel mit Holz.

Als wir den Gipfelpunkt eines dominierenden Dünenkammes erreicht hatten, zeigte sich im Südosten das erste Anzeichen des ersehnten Zieles: eine dunkle Linie am Horizont, die sich scharf gegen die ewige, weiße Schneedecke abhob. Das mußte der Waldgürtel am Tschertschen-darja sein!

Nachdem wir noch eine Stunde marschiert, gelangten wir an die ersten Tamariskenkegel; ihre Grenze war außerordentlich scharf, kein einziger Strauch überschritt sie, und der Sand, dessen letzte Abhänge langsam nach dem Vegetationsgürtel abfielen, hörte ebenso plötzlich auf. Nun zogen wir in ein vollständiges Labyrinth von Tamarisken hinein; sie standen so dicht, daß zwischen ihnen nur schmale, gewundene Gänge waren; auf diesen zwängten wir uns in unzähligen Zickzackbiegungen durch, wobei die Kamellasten so dicht an den trockenen Zweigen vorbeischrammten, daß diese krachten.

Die Leute wollten gern in einem Haine von uralten Pappeln bleiben, wo alles, dessen wir bedurften, im Überfluß vorhanden war; ich gab ihnen jedoch die Versicherung, daß, wenn sie sich noch eine Weile geduldeten, wir am Flußufer selbst lagern würden. Nach einer Viertelstunde erreichten wir auch den Weg, der von Tschertschen nach dem Lop führt und auf dem wir im Schnee frische Spuren von Kühen und Schafen erblickten. Wir folgten diesem Wege eine Strecke, bis er das Flußufer berührte, und schlugen hier auf einem kleinen Hügel, von dem wir die schneebedeckte, 100 Meter breite, in dem Rahmen der dunkeln Uferwälder kreideweiß erscheinende Eisdecke des Tschertschen-darja überschauen konnten, das Lager auf. Es war sehr angenehm, am Fuße dieser gewaltigen Bäume rasten und die schöne Aussicht genießen zu können. Die Berge zeichneten sich scharf und deutlich ab, und der Schnee glitzerte im Mondschein. Am allerbesten war es jedoch, daß unsere sechs Kamele und das Pferd sich jetzt in die Schilffelder vertiefen konnten, nachdem sie die Probe so rühmlich bestanden hatten. Meine Leute waren verwundert, daß ich die Entfernung fast bis auf eine „gulatsch“ (Klafter) hatte berechnen können, und erklärten, daß sie mir jetzt überallhin folgen würden, ohne sich auch nur einen Moment zu bedenken.

Der Punkt, an dem wir den Fluß erreichten, liegt nach meiner früheren Karte (Petermanns Mitteilungen Ergänzungsheft Nr. 131) 285 Kilometer von dem Punkte entfernt, an dem wir den Tarim beim Tana-bagladi verlassen hatten. Nach dem jetzt aufgenommenen Bestecke betrug die Entfernung 284,5 Kilometer. Eine größere Genauigkeit kann man bei solchem Terrain nicht verlangen.

Es war mir also gelungen, die große, breite Tschertschen-Wüste zu durchqueren, und zwar ohne weitere Verluste als den eines Kameles und ohne die übrigen, die noch wohlbeleibt waren, zu überanstrengen. Den höchsten Sand hatten wir im Norden gehabt, den schwersten aber im Süden, wo sich die Dünen auf keine Weise hatten umgehen lassen. Daß alles so gut gegangen, hatte seinen Grund in dem unerwarteten Vorkommen von Mulden, die etwa zwei Drittel des Weges ausmachten, sowie darin, daß wir mitten in der Wüste Wasser, Brennholz und Kamisch gefunden hatten. In einer älteren Auflage der Karte des russischen Generalstabs über die südlich von der sibirischen Grenze liegenden Gebiete hatte ich einen Weg eingetragen gefunden, der diese Wüste von Tatran nach einem Punkte im Westen von Karaul kreuzt. Diese Angabe, die wohl begründet sein mußte, hatte mich zuerst auf den Gedanken gebracht, diese gefährliche, lange Wüstenwanderung zu versuchen, und ich halte es jetzt nicht für unmöglich, daß ein solcher Weg früher wirklich hat vorhanden sein können.

Die Kamele verdienten einen ganzen freien Tag in den üppigen Kamischfeldern; dies traf sich auch insofern gut, als ich eine astronomische Beobachtung machen mußte, die den ganzen Tag und Abend in Anspruch nahm. Die Temperatur erhob sich nicht über -14 Grad, und da es obendrein noch leicht aus Norden wehte, konnte ich mit dem Theodoliten nicht arbeiten, ohne mir zwischen den Ablesungen die Hände am Feuer wieder geschmeidig zu machen. Als ich am Abend bei -25,1 Grad den Sirius observierte, klebten meine Fingerspitzen an dem Instrumente, das sich glühend heiß anfühlte, fest.

Ördek machte sich auf die Suche und fischte wirklich einen von Kopf bis zu Fuß in Schaffelle gehüllten Hirten auf. Dieser war über so unerwartete Gäste in seinem friedlichen Walde ganz verdutzt. Wir wurden aber bald bekannt und gute Freunde; er verkaufte uns ein Schaf, das eine angenehme Abwechslung in unseren Küchenzettel brachte, und erschien abends noch mit einer Kanne Milch für uns. Die ergiebigen Schneefälle der letzten Tage waren für die 400 Schafe, die er und seine beiden Kameraden hüteten, verhängnisvoll geworden; mehrere waren erfroren, und die übrigen hatten nur mit Schwierigkeit an ihre Weide gelangen können. Die Waldgegend nannte er +Keng-laika+ (das breite Überschwemmungsgebiet). Der Fluß war schon 20 Tage zugefroren und würde es noch 2½ Monate bleiben. Der Tschertschen-darja friert also bedeutend später zu als der Tarim, er hat aber auch ein größeres Gefälle und liegt südlicher.

Wir hatten nur noch 7 Kilometer bis Tatran; nach dem Bestecke hätte die Entfernung ungefähr eine Tagereise mehr betragen müssen. Der Unterschied beruht auf der Mißweisung des Kompasses, die in dieser Gegend 6 Grad nach links von der Richtung des Weges ausmacht, d. h. daß man, wenn man nach dem Kompasse z. B. direkt nach Süden zu gehen glaubt, in Wirklichkeit nach Süden 6 Grad Osten geht.

Der 10. und 11. Januar brachten uns auf dem Wege, den ich von meiner vorigen Reise her kannte, nach Tschertschen.

Zu meiner Freude hörte ich, daß Tschertschen vor einem Monate einen Bek erhalten hatte, der kein anderer war als mein alter Freund aus Kapa, Mollah Toktamet Bek. Nach seinem Hause begaben wir uns und wurden dort herzlich empfangen. Er war mit seinen 72 Jahren und seiner aristokratischen Erscheinung noch ganz derselbe sympathische, liebenswürdige Greis wie früher und stellte uns sofort sein Haus zur Verfügung. Ich ließ mich an dem offenen Herde in einem Hinterzimmer nieder, die Leute mit dem Gepäcke in einem vorderen. Dies war das erste von den wenigen Malen, die ich auf der ganzen Reise im innersten Asien unter einem Dach schlief.

Die Einwohnerschaft von Tschertschen war jetzt auf etwa 500 Familien angewachsen. Unter ihnen rasteten wir vom 12. bis zum 15. Januar, denn sowohl die Leute wie die Tiere bedurften der Ruhe. Ich benutzte jedoch die Zeit gut und zog Erkundigungen über die umliegenden Gegenden ein. Unaufhörlich erreichten uns unbestimmte Gerüchte von in der Wüste begrabenen Städten und Schätzen und besonders von einer alten Stadt, die am unteren Andere-terem, 170 Kilometer westlich von Tschertschen, liegen sollte. Doch wie ich auch die Eingeborenen verhörte, bestimmte, zuverlässige Angaben konnte ich nicht erhalten. Sie fürchten, man könne dorthin gehen und all das Gold finden, das ihre Phantasie so freigebig unter den Dünen ausbreitet, zugleich aber glauben sie auch, daß die alte Stadt der Wohnsitz der Wüstengeister sei und nach deren Belieben ihre Lage verändere. Ein Mann erzählte, er habe sich nach dem Andere-terem begeben und dort einen 15 Klafter hohen, zylinderförmigen Turm von blauer Fayence gesehen; dieser habe ihm aber so seltsam und unheimlich ausgesehen, daß er es nicht gewagt, näher heranzugehen. Nachdem er sich beruhigt habe und, fest entschlossen, drinnen nach Gold zu suchen, dorthin zurückgekehrt sei, sei der Turm verschwunden gewesen. Er wollte es daher nicht unternehmen, mich dorthin zu führen, denn er war felsenfest davon überzeugt, daß der Turm in der Wüste umherwanderte und alle Nachforschungen vereiteln würde.

Die Gegend zwischen Tschertschen und Andere war eine der wenigen Landstrecken Ostturkestans, die ich noch nicht bereist hatte; ich beschloß daher, einen Abstecher dorthin zu machen, obschon es sich um einen anstrengenden Ritt von 340 Kilometer handelte. Außer dem Führer, den der Bek zum Mitkommen zwang, wollte ich nur drei Diener mitnehmen, Ördek und Kurban, sowie Mollah Schah, einen Einwohner von Tschertschen, der mit Littledale durch Tibet gereist war. Drei neue Pferde wurden gekauft und ebenso viele für unser Gepäck gemietet. Islam Bai, Turdu Bai, die Kamele, das Wüstenpferd und Dowlet II sollten in Tschertschen bleiben und sich ordentlich ausruhen, während Jolldasch seinem Herrn, wohin dieser auch ging, treu folgte.

Vorher wartete meiner in Tschertschen noch eine große Freude. Am Morgen des 13. Januar traf einer der Winterdschigiten des Konsuls dort ein, Musa, derselbe Mann, der 1896 in Chotan mein Dolmetscher bei den Chinesen gewesen war. Er brachte eine gutgefüllte Posttasche mit. Ich hatte also reichliche Lektüre an Briefen und Zeitungen aus der Heimat und verschlang ihren Inhalt mit großem Genusse vor dem lodernden Herdfeuer im Hause des Beks. Wie es Musa gelungen ist, mich so leicht zu finden, ist mir noch heute ein Rätsel. Es war verabredet worden, daß die Kuriere über Aksu nach der Lopgegend gehen sollten; aber Musa erklärte einfach, er habe „es im Gefühle gehabt“, ich müsse im südlichen Teile des Landes sein. Islam Bai wollte gehört haben, daß Musa in Tschertschen eine Herzallerliebste habe und diese wohl auf dem Wege habe besuchen wollen. Gesegnet sei die Schöne, wenn ich ihr meine Post verdankte! Wäre Musa zwei Tage eher angekommen, so hätte ich die Post erst bei der Ankunft in Tura-sallgan-ui in Jangi-köll erhalten, denn weder der Bek noch sonst jemand in Tschertschen hatte die geringste Ahnung davon, daß wir aus der Tiefe der Wüste auftauchen würden, und Musa hätte dann seinen Weg nach Osten fortgesetzt.

Sechzehntes Kapitel.

Dreihundertvierzig Kilometer in 30 Grad Kälte.

Auf kleinen, munteren, ausgeruhten Pferden traten wir am Morgen des 16. Januar den kleinen Ausflug von 340 Kilometer an. In langsamem Trab ging es auf dem +Astin-joll+ (unterer Weg) (Abb. 62) nach Nija. Auf demselben Wege war im Jahre 1889 Hauptmann Roborowskij von General Pjewzoffs Expedition geritten; es war so gut wie das einzige Mal auf meiner ganzen Reise, daß ich auf dem von mir eingeschlagenen Wege nicht der erste war.

Rasch lassen wir Tschertschens äußerste Gehöfte hinter uns und sind nun draußen in einer öden, unfruchtbaren Gegend auf einem Wege, der rechts und links von durch Winderosion entstandenen Lehmterrassen eingefaßt ist. Der Pfad ist einem dunkeln Bande gleich in dem weißen Schnee leicht erkennbar. An dem zugefrorenen Brunnen von +Kallaste+ (der aufgehängte Schädel) wird am ersten Abend Rast gemacht.

Als ich am Morgen bei 22 Grad Kälte geweckt wurde, standen Sonne und Mond gleich hoch über dem Horizont und hatten genau dieselbe rotgelbe Färbung. Hätte man nicht die Himmelsrichtungen gekannt, so hätte man beim ersten Anblick in Zweifel sein können, welches das Tages- und welches das Nachtgestirn sei.

Schnell wieder in den Sattel! Ein greulicher Westwind erhob sich und durchkältete Mark und Bein. Man versuche nur, bei 20 Grad Kälte gegen den Wind anzureiten und dabei sklavisch an das Marschroutenbuch gebunden zu sein. Die Hände erstarren, und man muß die Feder anfassen wie den Stiel eines Hammers, sonst hat man keine Kraft in den Fingern. Einen solchen Tag vor sich zu haben, ist eine recht schöne Aussicht. Länger als eine halbe Stunde hintereinander im Sattel zu sitzen, geht nicht an; man muß absteigen, laufen und mit den Füßen stampfen, um nicht zu erfrieren.

Bei dem Brunnen von +Kettme+ waren wir schon so erschöpft, daß wir eine Viertelstunde rasten mußten, um uns an einem kleinen Feuer zu erwärmen; dann ging es in schnellem Trab über den schwach wellenförmigen Boden nach +Jantak-kuduk+, wo wir wieder eine Weile rasten mußten, um warm zu werden. Dasselbe Manöver wurde am Brunnen von +Ak-bai+ wiederholt.

Am Tage darauf lag eine neue Schneedecke so leicht und weich wie Daunen über der alten, hartgefrorenen. Die Landschaft ist trostlos einförmig und öde; kein Tier war zu sehen, nur Spuren von Hasen und Wolfsfährten zeigten sich im Schnee. Dünnes Kamisch, in weiten Zwischenräumen stehende Tamarisken und vereinzelte Pappeln wechseln mit unfruchtbarem Boden und Sandgürteln ab. +Tailak-tuttgan+ ist ein größerer Brunnen; schon sein Name ist interessant, er bedeutet „das gefangene wilde Kameljunge“ und verrät, daß diese Herrscher der Wüste hier vorzeiten vorgekommen sind; jetzt fehlen sie ganz. Namenlose Brunnen sieht man häufig; sie sind von verschmachtenden Sommerreisenden gegraben, die nicht bis zum nächsten größeren Brunnen haben warten können.

+Osman Bai-kuduk+ trägt den Namen des Mannes, der diesen Brunnen grub und damit seinen Namen der Nachwelt überlieferte, obwohl er selbst längst vergessen ist und niemand weiß, wer er war. Gleich hinter dieser Raststelle nimmt der Sand zu, und es folgt ein Gewirr von Tamariskenkegeln, zwischen denen sich der Pfad verliert wie ein gewundener Hohlweg, in dem sich gut Verstecken spielen läßt.

Das Bett des Kara-muran war leer und ausgetrocknet; nicht einmal eine Eisscholle war zu sehen. Es ist 1-2 Meter tief in den Lehmboden eingeschnitten, hat eine Breite von 70-100 Meter und soll im Sommer zeitweise bedeutende Wassermassen in die Wüste führen.

Bei +Toktekk+ wurde in der Dämmerung gelagert, weil wir frische Spuren von Hirten sahen. Auf der ganzen Tagereise hatten wir nur einen einsamen Wanderer erblickt. Es war ein armer Schlucker, der, nur von seinem Hunde begleitet, zu Fuß nach Kerija ging. Der Hund hinkte in jämmerlichem Zustand einher; er war blutüberströmt, sein eines Ohr war abgerissen, das andere baumelte wie ein Lappen. Der Mann erzählte, daß der Hund in der Nacht mit einem Wolfe im Kampfe gewesen und von ihm so zugerichtet worden sei. Es muß unheimlich sein, mitten im Winter allein und unbewaffnet den Weg zwischen Tschertschen und Kerija zurückzulegen. Der Mann sagte aber ganz ruhig, an sein mit Feuerstein und Zunder angezündetes Feuer wagten sich die Wölfe nicht heran, und bei Tage hielten sie sich gewöhnlich abseits.

Nach 28 Grad Kälte in der Nacht auf den 19. mußten wir wieder in kleinen Entfernungen zwischen den Rastfeuern vorwärts. Wir haben eine Gegend erreicht, die durch die Flüsse von den Nordabhängen des Kwen-lun reichlicher bewässert wird und daher reicher an Vegetation ist. Links haben wir noch immer unfruchtbaren Sand, rechts aber Steppe und bewaldete Hügel.

In +Pakka-kuduk+ hörten wir von Norden her Rufe, und Mollah Schah machte bald einen netten, braunbärtigen Hirten ausfindig, der uns nach einer luftigen Hütte führte, in welcher der Bai, der Besitzer der in dieser Gegend weidenden Schafherden, mit seiner Familie wohnte. Nur im Winter hält er sich hier auf, im Sommer wohnt er am Andere-terem; dann herrscht in diesem ganzen Landstrich eine gräßliche Hitze mit Myriaden von Mücken und Moskitos. Die Wölfe bereiten den Schafbesitzern große Verluste; gegen größere Rudel können die Hunde nichts ausrichten. Man sagt, daß, wenn der Wolf ein Schaf nur streife, dieses schon vor Angst und Schrecken sterbe. Komme nicht rechtzeitig Hilfe herbei, so werde die ganze Herde zerrissen.

Am Brunnen von +Schudang+ fanden wir auch einen Hirten, der etwa zehn Esel tränkte. Der Brunnen ist 3 Meter tief, liegt in einer Mulde und hat ganz süßes Wasser. Hier steht eine Lenger (Herberge), welche die Chinesen vor vier Jahren erbaut haben. In den auf einer Terrasse gelegenen Lehmhütten der Hirten von Schudang ließen wir uns nieder (Abb. 63). Wir hatten es hier warm und gut; abends kam der Bai und verkaufte uns zwei Schafe, die sofort geschlachtet wurden.

In Schudang holten wir einen Reisenden aus Tschertschen ein, einen chinesischen Siah (Schreiber), der auf dem Wege nach Kerija war, um dort vor dem Amban Rechenschaft über sein Amt abzulegen. Gleich uns blieb er dort, um sich einen Tag auszuruhen, und wir tauschten Visiten aus. Als wir am folgenden Morgen aufbrachen, hatte er von seinem Opiumrauchen gräßliche Kopfschmerzen.

Der +Mölldscha+ ist, wie ich in „Durch Asiens Wüsten“ mitgeteilt habe, da, wo er den oberen Weg schneidet, ein mächtiger Fluß, hier aber, auf dem Astin-joll, gewahrt man ihn kaum, weil er sich deltaartig in mehrere veränderliche Arme teilt. Hierdurch wird die Bewässerung wirkungsvoller und die Vegetation reicher. Doch scheint der Kara-muran ein mächtigerer Fluß zu sein, der sich wahrscheinlich tiefer in die Wüste hinein erstreckt und auch wohl seinerzeit die Vegetation erzeugt hat, die in den von uns durchzogenen Bajirmulden noch ein kümmerliches Dasein fristet.

Bei +Tschaltschik+ lagerten wir in einer kleinen Hütte, durch deren aus einigen Zweigen bestehendes Dach es ebenso stetig schneite wie draußen. Von jetzt an begleitete uns ein Eingeborener zu Fuß, um dem Wegweiser Turduk beim Führen zu helfen.

Die Hirten, die in diesen vor den Blicken der Welt so abgesperrten Gegenden ihre Tage verleben, sind gutmütige, freundliche Leute, die nur anfänglich eine gewisse Scheu vor dem Fremdling zeigen, aber, nachdem sie sich überzeugt haben, daß er keine bösen Absichten hegt, bald zutraulich werden. Sie sprechen alle mit weicher, milder, durchaus nicht unangenehmer Stimme, die den Eindruck macht, selten zu ertönen und beinahe vor ihrem eigenen Klange zu erschrecken. Unser Hirt hatte eine wirklich schön klingende Stimme, die er übrigens in allen möglichen Nuancen und so leise und vorsichtig ertönen ließ, als fürchte er sich vor dem Sprechen. Hätte man nur seine Stimme gehört, so würde man ihn für einen Mann von weit höherem Bildungsgrad gehalten haben, aber sein Aussehen zeigte, daß er ein echter Wilder war. Er trug einen Schafpelz, eine Pelzmütze und Schuhe von demselben Material, sah mit seinem nie gewaschenen Gesichte so dunkel wie ein Indianer aus, hatte schmale, schrägliegende Augen, eine dicke Nase und fleischige Lippen und war völlig bartlos. Religion hatte er jedoch, denn als wir an einem Masar vorbeiritten, blieb er stehen und strich sich mit den Handflächen über das Gesicht, wie es die Muselmänner bei ihrem „Allahu ekbär“ immer tun.

Am Morgen des 22. Januar waren wir wieder ganz eingeschneit. Wir verlassen jetzt die Straße und schlagen auf ungebahnten Wegen die Richtung nach der „alten Stadt“ ein. Das Terrain war scheußlich. Zwischen einem Chaos von Tamariskenkegeln liegen kleine, lockere Sanddünen, die im Verein mit dem frischgefallenen Schnee das Vordringen entsetzlich langsam und anstrengend machen. Die Pferde waten im Sande und sinken bei jedem Schritte fußtief ein.

Auf solchem Terrain gelangten wir schließlich an die Ruine eines Hauses, das zwei quadratische Zimmer enthalten hat. Die aus Lehm bestehenden Mauern und ein Gerippe aus Pfählen und Stangen standen noch aufrecht bis zu einer Höhe von 5,8 Meter. Sie waren so dick und stark, daß man in ihnen eine Festung früherer Zeiten vermuten konnte. Wir lagerten in geringer Entfernung bei den Ruinen einiger uralter Türme. Der Schnee lag so hoch, daß er die genauere Untersuchung dieses an und für sich armen Ruinenfeldes in hohem Grade erschwerte.

Im Laufe des Abends nahm das Schneien so zu, daß wir, die wir kein Zelt hatten, einige Vorsichtsmaßregeln ergreifen mußten. Mein Bett wurde, wie gewöhnlich, auf der Erde aufgeschlagen, nachdem der Schnee fortgeschaufelt worden war, und meine kleine Kiste vor das Kopfende gestellt. An dieser wurde eine Filzdecke befestigt, deren anderes Ende ein paar Tamariskenzweige trugen, und die wenigstens meinen Kopf schützte, während der untere Teil des Bettes sich allmählich mit richtigen Schneewehen bedeckte. Während der Nacht weckte mich plötzlich etwas, das mein Gesicht wie eine eiskalte Hand berührte. Es stellte sich heraus, daß es die Filzdecke war, die infolge des Gewichtes des Schnees heruntergeglitten war; ein Teil der kalten Niederschläge hatte längs meines Halses seinen Weg in das Bett hinein gefunden. Nahe am Feuer sind die Filzdecken wie in Schlamm getaucht.

Am andern Tage wurde die Kona-schahr (alte Stadt) in Augenschein genommen. Eine ziemlich massive Lehmmauer ragte aus dem Schnee hervor, und mehrere Wälle und Trümmerhaufen zeigten die Plätze früherer Häuser an. Wir fanden Spuren von einem Kanal, der anscheinend aus dem nahegelegenen Flusse Bostan-tograk nach diesem Orte hingeleitet worden war. Die am besten erhaltene Ruine war ein zirka 10,5 Meter hoher Turm von 24,2 Meter Umfang mit einer Öffnung oder Schießscharte oben an der einen Seite, wohin man jedoch nicht ohne Leiter gelangen konnte, da das Innere des Turmes kompakt war. Im Südosten sah man noch zwei Türme. Sie hatten also alle in einer Reihe gelegen und wahrscheinlich einen alten Weg markiert. Rote und schwarze Scherben von gebrannten Ziegeln kamen in großer Menge vor. Spuren von Inschriften oder Ornamenten waren nirgends zu entdecken, und alles war sehr von der Zeit mitgenommen. Leider wurde eine genauere Untersuchung durch den fußhohen, alles nivellierenden Schnee erschwert.

Es mag hier eingeschaltet sein, daß ~Dr.~ Stein von Rawalpindi während der höchst interessanten, verdienstvollen und ergebnisreichen Reise, die er 1900-1901 hauptsächlich zu archäologischen Zwecken durch Ostturkestan machte, auch den unteren Andere-darja besuchte und dort die Ruinen eines alten Ortes entdeckte. Von besonders großer Bedeutung sind die von ihm ausgegrabenen Manuskripte. Ich empfehle jedem, der sich für die archäologischen Probleme in Innerasien besonders interessiert, aufs wärmste Steins vortreffliche Arbeit. «~Archæological Exploration in Chinese Turkestan. Preliminary Report~» (London 1901), um so mehr als die von mir am Lop-nor gemachten Entdeckungen durch Steins gründliche Untersuchungen an anderen Stellen in klarerem und vielseitigerem Lichte erscheinen. --