Im grünen Tann

Chapter 9

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Der sonst so gefügige Hirt aber lehnt sich jetzt entschieden auf; ein Hirt gehöre von altersher am Pfingstsonntag auf den Schellenmarkt am Fohrenbühl, und wenn's den Bauern nicht recht sei, können sie zu Pfingsten ihr Vieh selber hüten. So war's immer Brauch im Schwarzwald, und er, der Martin, werde diesen Brauch der Klärle zu lieb nicht ändern.

„Du bleibscht daheim, sag' ich!“

Martin zuckt die Achseln und schickt sich an, das Mädchen einfach stehen zu lassen. Diese Respektswidrigkeit ahndet Klärle jedoch augenblicklich, und schwapp hat der Hirt einen Schlag um die Ohren, daß es patscht. Im Burschen kämpft es sichtlich, doch gewinnt alsbald die Vernunft die Oberhand; hochrot im Gesicht reibt sich Martin die geschlagene Wange und meint, es wäre nicht nötig gewesen, ihn zu schlagen, denn noch sei er nicht zum Schellenmarkt gegangen, das Verbot sei also noch nicht übertreten.

Höhnisch rät Klärle ihm, er soll es nur nicht wagen, den morgigen Schellenmarkt zu besuchen. Frühmorgens habe er wie immer die Kühe aufzutreiben, und wehe ihm, wenn er sich am Fohrenbühl sehen lasse. „Und jetzt geh' deiner Arbeit nach!“

Der Giftbauer hat sein Nachmittagsschläfchen gemacht und humpelt eben vors Haus, um seinen alten Körper etwas zu sonnen. Der scharfe Wortwechsel lockt ihn an und eiliger als sonst stapft er um die Hausecke, um zu hören und sehen, was denn schon wieder los sei. Beim Geräusch der klatschenden Ohrfeige bleibt der Alte erschrocken flehen, hebt seinen Krückstock wie abwehrend in die Höhe und ruft Klärle zu, sie solle es in ihrem Zorn und Ärger nicht zu weit treiben und die Dienstleute nicht auch noch körperlich mißhandeln.

Augenblicklich dreht sich Klärle um und schreit erregt dem Vater zu: „Soll ich mich vielleicht von dem rebellischen Volk schlagen lassen! Wer nicht pariert, der kriegt Hiebe; wer nicht hört, muß fühlen. Ist das auch eine Art, am helllichten Tag die Weide zu verlassen? Und wegen was? Bloß damit der Kerl seine Vorbereitungen zum Schellenmarkt machen kann! Haha! Ich werd' ihm den Schellenhandel austreiben!“

„Na, Klärle! Es ist ja alter Brauch, daß die Hirten sich am Pfingstsonntag zum Schellenmarkt auf dem Fohrenbühl versammeln!“

„So, und soll dann vielleicht ich das Vieh hüten am Pfingstsonntag?“

„Wer redet denn von dir?! Das kann doch der nächstbeste Knecht besorgen. Der Pfingstsonntag gehört nun einmal seit undenklichen Zeiten den Hirten, und die Bauern des ganzen Bezirkes haben sich diesem Brauch gefügt und hüten am Jahrtag ihr Vieh selber!“

„Mögen die anderen thun, was sie wollen: ich leide es nicht, und der Gifthof fügt sich diesem Brauch nicht! Und ein Feigling ist der Martin, daß er sich schlagen läßt!“

„So? Was hättest denn gesagt, wenn er dir den Schlag zurückgegeben und die stolze Gifttochter nach Gebühr durchgeprügelt hätte?“

„Was mich — —“

„Ja, dich durchgeprügelt! Das Recht hätte der Hirt gehabt, und mehr als davonjagen hättest den Martin auch nicht können! Er ist aber ein braver Bursch und hat den Schlag ruhig hingenommen. Ich rate dir ernstlich, anders umzugehen mit unseren Leuten! Du könntest einmal an den Unrechten kommen, und dann erlebst was! Und dann vergiß nicht, daß einem weiblichen Wesen solches Drauf- und Dreingehen nicht gut ansteht!“

„Ich hab' auf niemanden aufzupassen!“

„Doch! Auf dich selber, Klärle!“

Martin hat, unter der Stallthüre stehend, diesem Wortwechsel zugehört, ebenso standen die Dirnen hinter den Fenstern des unteren Gelasses und preßten die Nasen an die Scheiben, um ja kein Wörtchen zu überhören. Wie nun der Alte sich wendet, um sein gewohntes Plätzchen auf der Bank vor dem Hause aufzusuchen, und Klärle mit zusammengekniffenen Lippen dem Hause zuschreitet, stieben die Mägde auseinander wie eine Schar aufgescheuchter Spatzen. Und zum erstenmal schweigt das Mädchen auf eines anderen Rede. Wortlos auch besichtigt Klärle am Abend die gethane Arbeit; daß die Gestrenge nicht laut tadelt, ist für die Dienstboten nach bisheriger Erfahrung das höchste Lob und ein außerordentliches Ereignis, das denn auch im geheimen gründlich durchgesprochen wird. Zum Abendessen ist Klärle nicht erschienen; man wartete auf sie, und als sie gar zu lange auf sich warten ließ, schickte der Vater hinauf in Klärles Stube und ließ sagen, daß Essenszeit sei. Die Dirn kam jedoch mit dem Bescheid wieder herunter, daß Klärle nicht komme und man ohne sie zu Abend essen solle. Verwundert schüttelt der alte Gifter den grauen Kopf und löffelt dann langsam sein Abendsüpplein. Bei Tisch schwiegen die Dienstboten; aber nach Beendigung der Mahlzeit ließen sie ihre Mäuler laufen, und wurde hin- und herdebattiert, ob vielleicht doch der Alte mit seiner kernigen Ansprache das Mädel eingeschüchtert habe.

* * * * *

In den stillfriedlichen Feierabend und das liebliche Gelände des entzückenden waldreichen Lauterbachthales blickt, am geöffneten Fenster sitzend, Klärle, den schönen Kopf auf den Arm gestützt, und ihre Lippen flüstern immer wieder die Worte des Vaters: „Paß' auf dich selber auf!“ Diese Mahnung giebt Klärle zu denken; sie geht ihr mehr zu Herzen, als sie sich selber eingestehen will. Was der Vater damit sagen wollte? Ist sie so schlimmer Art, daß sie jede ihrer Handlungen, jedes Wort künftig einer Selbstüberwachung unterziehen soll und muß? Thut sie denn Schlechtes, wenn sie scharf ist und den Leuten auf die Finger sieht zum Nutzen des Hofes? Und sind denn die Dienstboten nicht überall und immer faul und nachlässig? Was ist denn überhaupt geschehen am heutigen Tage? Bärbel muß scharf behandelt werden, sonst geht es nicht vorwärts im Hauswesen; den Bänkelsinger kanzelte Klärle doch verdientermaßen ab, leider rächte sie sich nicht für die freche Umarmung und den infamen Kuß. Die vorzeitige Heimkehr des Martin von der Weide ist eine Ungehörigkeit, die Strafe verdient. Freilich, der Schlag ins Gesicht des sonst braven, treuherzigen Burschen war eine übereilte That und nicht gerade notwendig. Wie das wieder gut gemacht werden könnte? Wenn sie dem Hirt den Besuch des Fohrenbühler Schellenmarktes morgen gestattet, wäre eine Sühne gegeben. Sühne! Ist denn das Verbrechen so groß, einem Burschen handgreiflich zu zeigen, wer der Herr ist im Hause? Und ist denn nicht alles wie verschworen gegen sie? Auf Schritt und Tritt stößt sie auf Widerstand und Ungehorsam. Nur durch strenges Auftreten und scharfe Zucht sind die Leute im Zaum zu halten. Es geht nicht anders! Oder doch? Wie weihevoll vom Lauterbacher Kirchturm die Ave-Glocke herübertönt! So friedlich und feierlich! Und leise rauscht es im nahen Tann, der würzigen Odem ausströmte. Stimmengeflüster unter Klärles Fenster erregen des Mädchens Aufmerksamkeit, Klärle horcht, sich etwas vorbeugend, was gesprochen wird.

Der Stimme nach ist's Bärbel, die spricht: „Nein, Martin, du darfst es glauben: schlecht ist Klärle nicht! Sie meint es auch nicht so schlimm und geht nur etwas arg scharf ins Zeug! Sie ist die gute Seele selber! Ihr fehlt ein vertrautes Wesen, die richtige Aussprache! So lang' sie Freud' und Leid, Ärger und Verdruß immer allein in sich verarbeiten und hinunterwürgen muß, wird ihre Verbitterung nicht schwinden.“

Und Martin erwidert: „Sie hat doch dich, Bärbel!“

„Du darfst nicht vergessen, Märte, daß sie alleweil die Herrin ist und ich nur geduldet bin auf dem Hof! In mir sieht sie nichts als eine dienende, aus Gnad' und Barmherzigkeit aufgenommene Person, was ich ihr schließlich nicht einmal verübeln kann.“

„Na, just dreinschlagen braucht sie auch nicht! Mich hat es elend gejuckt, als ich den Hieb um die Ohren spürte —“

„Nimm ihr's nicht übel, Märte! Wer weiß, ob es Klärle hinterher nicht selber leid ist. Und besonders männlich und tapfer war's auch nicht gewesen, wenn du ihr den Schlag zurückgegeben hättest, mein' ich!“

„Zurückgeschlagen hätt' ich nie! Es hat mich nur gejuckt in den Fäusten! Nein, nein! Ich, und Klärle schlagen, sie, die ich am liebsten auf den Händen tragen möcht'!“

„Wie sagst, Märte?“

„Ich mein' nur bloß! Weißt, die Klärle ist ja so viel schön!“

Bärbel preßt die Lippen aufeinander und wird blaß.

In den lauen Abend blickend bemerkt Martin davon nichts und spricht mehr für sich leise vor sich hin: „Ja, ein wundersam Mädel ist die Klärle! Freilich viel zu noblicht für unsereinen, aber anschmachten darf einer sie doch! Und ihr zu lieb' geh' ich trotz Brauch und Recht morgen nicht auf den Schellenmarkt, so gern ich mein zweites Geläut ergänzen möchte! Weißt, Bärbel, mir fehlt zum zweiten Geläut noch eine Glocke! Hab' ich die dazu paffende im Ton, dann kommt meinen Schellen keines gleich im ganzen Schwarzwald! Aber es wird schwer halten, denn ich hab' keine Tauschschelle und zum Kaufen kein Geld. Vom Bauern kann ich nichts fordern, und bis Weihnachten ist noch lang hin.“

Bärbel hat sich jäh erhoben, und verwundert fragt Martin: „Wohin laufst denn? Willst schon zur Ruh'?“

„Wart' einen Augenblick, Märte! Ich komm' gleich wieder zurück!“

Und weg ist das schmächtige Mädel.

Martin guckt Bärbel verdutzt nach und brummt dann: „Die hat auch ihre Mucken wie die andere!“

Wie von einer Natter gestochen, ist Klärle, die alles gehört, zurückgefahren, sie hat im Nu begriffen, weshalb Bärbel in ihre Stube gelaufen ist, und die Einhändigung der Spargroschen zum Schellenkauf will Klärle verhindern, sie weiß selbst nicht warum.

Ein schriller Ruf dringt durch das kirchenstille Haus: „Bärbel!“ Martin zuckt zusammen und bringt sich in Sicherheit, indem er eiligst die Knechtstube aufsucht.

* * * * *

Ein herrlicher Pfingsttag ist angebrochen mit all' der Sommerpracht und goldigstem Sonnenzauber. Grün schimmert es von den Wiesen und Hängen, frisch und saftvoll; mild ist selbst der Tann geworden, dessen düsteres Schwarz sich lichtet durch die jungen Triebe. Durch den jungen Sommermorgen zittern die Glockentöne herüber, die mit eherner Zunge mahnen zum Gottesdienst. Schon sind die Ehehalten fort, festlich gekleidet, die Dirnen geputzt in der schmucken Wäldlertracht mit hängenden Zöpfen.

Der alte Giftbauer steht zum Kirchgang gerüstet vor dem Hause, denn zu heiligen Zeiten pflegt er, wenn auch humpelnd, seiner Christenpflicht zu genügen, wenn anders das Wetter es erlaubt. Und heute ist ja ein Pfingsttag, wie er schöner nicht erträumt werden kann. Doch die Zeit drängt, die Glocken rufen schon zum zweiten Male, und Klärle ist noch immer nicht fertig. Ungeduldig klopft der Alte mit seinem Krückstock auf die Bank vorm Hause und ruft in den Hof: „He, Klärle, wo steckst so lang! Wir versäumen sicher noch Amt und Predigt!“

Von drinnen tönt es durch den Flur heraus: „Geh nur voraus, Vater, ich komme gleich nach!“

Ärgerlich humpelt der Giftbauer der Straße zu. Daß doch Klärle immer was Extriges haben muß! Und niemals ist ein Fertigwerden mit den Weibsleuten.

Als Letzte verläßt richtig Klärle den Hof, nachdem sie das Hausthor vorsorglich abgesperrt und den Schlüssel in der Tasche ihres Festtagsrockes geborgen. Eilig läuft das wundersam geputzte Mädel gen Lauterbach und erreicht das Gotteshaus just im Augenblick, wie Pfarrer und Ministrant die Sakristei verlassen und die Orgel ertönt zum Beginn der heiligen Handlung. Bis zur Bank, wo seit Menschengedenken die Giftischen ihren Platz in der Kirche haben, kann Klärle nicht mehr vordringen, die Andächtigen bilden eine dichte Menschenmauer, und Klärle ist gezwungen, inmitten des „geringen Volkes“ von verspäteten Knechten und Mägden stehend der Messe anzuwohnen. Das ärgert die stolze Klärle nicht wenig, doch ist's nicht zu ändern. Von besonderer Andacht ist bei Unmut und Arger keine Rede; Klärle möchte am liebsten die Kirche wieder verlassen, doch stehen die Gläubigen hinter ihr in so dichten Scharen hinaus bis auf den Friedhof, daß an ein Durchdrängen jetzt mitten im Amt nicht zu denken ist. Auch würde es heilloses Aufsehen erregen, wenn just die Tochter des Giftbauern die Kirche während des Gottesdienstes verlassen würde.

Mit besonderer Würde und Feierlichkeit besteigt der Pfarrer die Kanzel und beginnt die Predigt, nachdem er die versammelte Gemeinde gesegnet. Des würdigen Mannes scharfes Auge hat Klärle eingekeilt in der Knechte Schar wahrgenommen, und unschwer errät Hochwürden, daß das Mädchen sich verspätet habe und sich nun wohl nach seiner Art über diese Umgebung schwer ärgern werde. Der Pfarrer erinnert an die Verheißung Christi, die am zehnten Tage nach des Heilandes Himmelfahrt in Erfüllung ging. In Jerusalem waren die Apostel, Maria und wohl an hundertzwanzig Gläubige versammelt, und alle beteten gemeinschaftlich um die dritte Stunde (neun Uhr morgens). Da entstand plötzlich ein Brausen, das das ganze Haus gleich einem Sturmwinde erfüllte, und der Geist Gottes kam in Gestalt feuriger Zungen über die Betenden herab, erfüllte sie mit seinen Gaben und bewirkte bei ihnen, daß sie die Lehre Jesu klar begriffen, gab ihnen die Gabe der Sprachen und erfüllte sie mit Mut, um die Lehre Gottes überall zu predigen. An jenem Tage hielt Apostel Paulus eine erschütternde Rede an das Volk, und dreitausend Juden bekannten sich zur Lehre Jesu und ließen sich taufen. Und heute ist das Pfingstfest, eine Gedächtnisfeier zur Erinnerung an die Gründung der christlichen Kirche für die ganze Menschheit. Mit der Feier dieses Festes steht auch die Natur im Einklang; das heilige Pfingstfest fällt in eine Jahreszeit, wo die Natur im Sinnbilde die Wirkungen darstellt, welche der heilige Geist bei seiner ersten Ausgießung in der Menschheit im Ganzen hervorrief, und welche er noch immer hervorruft, wenn er in die Seele der einzelnen Christen einkehrt. Unter dem wohlthätigen Einfluß der Sonne entwickeln sich in schnellem Wachstum die Keime und Knospen, welche die Früchte des Sommers und Herbstes tragen sollen, die ganze Natur prangt in vollendeter Schönheit. Die Knospen im christlichen Sinne sind aber hauptsächlich die Liebe, der Friede, Geduld, Milde und Güte, und um diese Früchte des heiligen Geistes sollen alle jene zu Gott flehen, in deren Herzen diese himmlichen Tugenden nicht wohnen.

Ist es Zufall, daß der Prediger den Kopf eben in die Richtung dreht, wo Klärle mit hochrotem Kopf steht?

Geduld, Milde und Güte und die Gifthof-Klärle — —?!

Unwillkürlich guckt alles in nächster Umgebung auf das Mädchen, das zornglühend am liebsten in die Erde versinken möchte. Die Knechte stoßen sich gegenseitig mit den Ellbogen, ein leises Gezischel bei den Weibsleuten wird hörbar; die Leute haben erfaßt, daß die Worte von der Kanzel offenbar auf die Gifttochter gemünzt sind, und darüber ist sich auch Klärle klar. Wild drängt ihr heißes Blut zum Herzen, es hämmern die Schläfen, sie glüht vor Zorn über diese Bloßstellung nach ihrer Meinung und einem unwiderstehlichen Drange folgend, drückt das Mädchen die nächststehenden Burschen zur Seite, schafft sich Platz durch Püffe und Stöße und drängt sich durch die Menschenmauer hindurch ins Freie. Ein Gemurmel des Unwillens, des Staunens erfüllt den Raum, niemand achtet der weiteren Worte des Pfarrers; die Thatsache, daß die Gifttochter beleidigt und absichtlich die Kirche verlassen, wirkt zu überraschend. Das Ärgernis vergrößert sich, da auch noch der Gifthofhirt, der, auf der Chortreppe stehend, die Entfernung Klärles wahrgenommen hat, unter kräftigen Stößen und Püffen zum Ausgang drängt und sichtlich bestrebt ist, dem Mädchen Beistand zu leisten.

Klärle hat sich durch den Menschenwall durchgearbeitet und steht, tief Atem holend, an allen Gliedern bebend und hochrot im Gesicht, im Friedhof, begafft von den Burschen, die im Gotteshause keinen Platz mehr gefunden und nun ihrem Erstaunen über den verfrühten Austritt Klärles unverhohlen Ausdruck geben. So spottet einer der Lauterbacher Buben: „He, Klärle! Isch dir's zu warm worden drinnen, oder hat der Pfarrer gestichelt!“ Das Mädchen wird blaß bis in die Lippen, es flimmert Klärle schwarz vor den Augen vor Erregung. Im selben Augenblick tritt Martin an ihre Seite, faßt sie bei der Hand und führt sie mit den Worten: „Komm, Klärle, dir isch übel!“ hinweg.

Auf der Straße angelangt, reißt sich Klärle unwillig los und stürmt davon. Verdutzt guckt Martin dem Mädchen nach, Klärles Sinnen, Denken und Fühlen verstehe ein anderer, der Hirt kann's nicht verstehen. Gemächlich trollt Martin heim, unterwegs sich die Worte des Pfarrers zurechtlegend, die der Hirt wohl auch für richtig findet, nur hätte der Pfarrer nicht so deutlich auf Klärle sticheln sollen, die ja so arg empfindlich ist. Jedenfalls hat es der Pfarrer jetzt bei Klärle gründlich verschüttet. Die wird nun einen Humor entwickeln! Na, guet' Nacht! Das kann hübsch werden. Und wie von einer Vorahnung erfaßt, reibt sich Martin seine Wangen, entschlossen, der schlagfertigen Haustochter künftig sorgsam auszuweichen.

Im Hause steht das Thor angelweit offen, doch von Klärle ist nichts zu sehen. Martin sucht seine Kammer auf, kleidet sich wieder werktäglich, weil er ja doch laut gemessenem Befehl der Haustochter auf die Weide muß und ihm der Besuch des Schellenmarktes verboten ist. Und nach dem Vorfall in der Kirche ist an eine Zurücknahme des Verbotes ganz und gar nicht zu denken.

* * * * *

Auf dem engen Kirchplatz zu Lauterbach ist es wohl seit der Kriegserklärung gegen Frankreich und der Thronbesteigung König Wilhelms II. des Guten nicht mehr so lebhaft zugegangen, als nach Beendigung des Gottesdienstes am heutigen Pfingsttag. Die Leute drängten aus der Kirche in einer Eile, als stünde das Dach in Flammen, und in Weiberröcken und Mädchenzierrat gab es Risse, die willig in Kauf genommen wurden, wenn es nur gelang, so schnell wie möglich das Ereignis der Predigt auf die Gifthofkläre besprechen zu können. Daß der Pfarrer recht hat, ist eine ausgemachte Sache; das bestätigt jedes, das mit der spitzen Klärle je in Berührung gekommen ist. Und unverdient ist diese Kanzelmahnung sicherlich nicht; dagegen ist die Nippenburg gegen ein Zündholzschächtelchen zu wetten, daß die Kanzelmahnung bei Klärle just das Gegenteil erzielen wird. Die jungen Lauterbacherinnen wundert daher die Kurasche des Pfarrherrn, den 's Klärle doch schon einigemale heidenmäßig respektwidrig schnippisch behandelt hat. Ältere Leute wieder äußern die Ansicht, daß damit der Pfarrer nur Öl ins Feuer gegossen habe.

Ein wahres Kreuzfeuer von Fragen und Bemerkungen hatte der alte Giftbauer auszustehen, als er ahnungslos aus der Kirche kam. Daß seine Tochter das Stichblatt der Pfingstpredigt gewesen, hat er nicht im geringsten gemerkt; im Gegenteil war er der Meinung, daß der würdige Pfarrer seit Langem nicht so eindringlich und gut das Wort des Herrn verkündigt hat. Und so ganz im geheimen hat der Alte gebetet, es möchte der Geist der Liebe, Milde, Güte und Geduld auch in Klärle einziehen und deren Herz weicher stimmen. Der Ansturm der Lauterbacher überrascht daher den Alten höchlich, er verblüfft ihn; der Gifter kann es nicht fassen, daß der „Stich“ auf Klärle allein gemünzt gewesen. Aber da versichert wird, daß seine Tochter in höchster Erregung vor Beendigung des Gottesdienstes die Kirche verlassen, sich gewaltsam den Austritt erzwungen hat, so wird dem wohl so sein, und der Alte seufzt, und flink, wie seit Jahren nicht, stapft er von dannen, die Leute einfach stehen lassend. Die Gichtschmerzen sind ihm ganz verflogen, schier gebraucht er den Krückstock nimmer im Bestreben, dem Geschwätz so rasch als möglich zu entkommen. Der Kaspar vom Jörgenmicheleshof mit der Zwiebel auf dem Hut, dem Andenken an die Begegnung mit der Gifthofklärle, hat Mühe, den fortstürmenden Gifthofer einzuholen und sich zusammenzureimen, wie doch das Zipperlein die Leute laufen läßt, wenn's pressiert. Und dem Gifter pressiert es, als stünde sein Hof in Flammen; er biegt eben von der Straße ab, wie Kaspar mit der Zwiebel am Hute in Rufnähe kommt. Soll er den Alten aufhalten? Lieber nicht! Auch künden erregte Laute aus dem Gehöft, daß das durch den Pfarrer heraufbeschworene Gewitter sich eben entladet. Offenbar läßt Klärle jetzt in ihren vier Wänden den Gefühlen freien Lauf. Kaspar entfernt sich gegen den Fohrenbühl zu, um vom Schellenmarkt möglichst viel zu profitieren, der nach dem Lauterbacher Gottesdienst seinen Anfang nimmt.

Im Gifthof sind die Dienstboten nach Amt und Predigt wieder vollzählig erschienen, und gemächlich freuen sich die Knechte der Festtagsruhe vor dem Essen, nur die Dirnen müssen Hausarbeit in der Küche verrichten. Martin, werktäglich gekleidet, mit der langen Geißel bewaffnet, schreitet eben der Stallthüre zu, um seine Kühe loszuketten und auf die Weide zu treiben, da kommt Klärle aus dem Flötz und ruft ihn an: „He, Märte, was soll's?“

Verwundert dreht sich der Hirt um und guckt Klärle an.

„Wohin willst, Märte? Warum steckst du am heiligen Fest in Werktagskleidern?“

„Auf die Weide will ich! Hast es ja ausdrücklich befohlen!“

„Du bleibst hier! Augenblicklich ziehst dich um, dem Pfingsttag zu Ehren! Und die Kühe treibt Vrenele aus bis zum Abend!“

Martin starrt Klärle fassungslos an.

„Hörst schlecht? Dageblieben sag' ich! Und nach dem Essen begleitest du mich zum Schellenmarkt, verstanden!“

Den Befehl hat der Hirt verstanden, aber warum die Gifttochter jetzt den Sinn so geändert, warum sie sogar ihn zur Begleitung auffordert, das will ihm nicht in den Kopf. Aber ihm kann's recht sein! Vergnügt begiebt er sich wieder zurück in seine Kammer und kleidet sich abermals um. Mit offenen Mäulern stehen die Knechte herum und staunen; der heutige Tag bringt eine Überraschung nach der anderen. Klärle geht dann hinüber in den Garten, um den Vater zu verständigen, daß sie nach Tisch mit dem Hirt auf den Fohrenbühl gehen werde. Es möge der Vater mit Bärbel unterdessen das Haus hüten.

Der Alte hat alles schon vernommen; Klärles Stimme ist nicht zu überhören. Ihm kann's recht sein, nur meint der Gifter, daß es vielleicht für Klärle besser sei, sich nach dem Vorfall in der Kirche lieber nicht unter die Leute zu mischen. Auch pflege es auf dem Schellenmarkt nicht immer glatt abzugehen! Jedenfalls werde Klärle gut thun, vor Dämmerung heimzukehren! Denn nach dem Gebetläuten sei noch immer gerauft worden beim Schellenmarkt am Fohrenbühl!

Klärle ist ganz vom Widerspruchsgeist erfaßt; die gutmütige Mahnung erzielt bei ihr das Gegenteil; sie geht jetzt erst recht. Auf die Leute hat sie nicht aufzupassen, und mit dem stichligen Pfarrer werde sie schon noch abrechnen. Und vom Vater wäre es auch schöner gewesen, wenn er, statt wie toll heimzurennen und sich vor den Leuten zu verstecken, dem Pfarrer seine Meinung gesagt hätte. Der Hirt — so ein Wicht! — hat mehr Schneid und Anhänglichkeit bewiesen und hat wenigstens versucht, ihr beizustehen. Drum darf er zur Belohnung für seinen guten Willen auf den Schellenmarkt, und sein zweites Geläut werde sie, die Tochter vom Gifthof, ihm aus eigenen Mitteln ergänzen.

„Aber Klärle, das ist doch ganz aus der Weis' gegen Brauch und Sitte!“

„Eben deswegen thue ich's!“

„Aber, hör' doch! Seit Menschengedenken schafft sich im Schwarzwald ein Hirt sein Geläut selbst, und deshalb ist auch jeder Waldhirt so stolz, das beste Geläut zu besitzen!“

„Unser Märte wird nicht minder stolz auf sein Kuhgeläut sein, wenn ich ihm die noch fehlende Schelle einhandle!“

„Na, das kann ein schönes Geguck werden: die Gifthoftochter und Schellen handelnd!“

„Ich thu's, und wenn sich alles auf den Kopf stellt darüber!“

Schellengeläute veranlaßt Klärle, sich zum Stallausgang zu begeben, wo Vrenele eben die Kühe ins Freie läßt und zur Weide treiben will. „He! Nimm der Bläß' und der Scheckigen die Schellen ab und gieb sie dem Märte! Kannst die beiden Küh' heut ohne Geläut austreiben. Morgen soll 's Geläut dann beieinander sein.“