Im grünen Tann

Chapter 8

Chapter 83,582 wordsPublic domain

Der Kammerherr aber händigt den Hochschürern ein Geldgeschenk ein, und Peter insbesondere bekommt noch einen Zettel mit der Freigabe seines Sohnes, den er gleich aus der Kaserne holen kann.

Jubelnd ziehen die Hotzen aus der Residenz, und noch am gleichen Tage verlassen sie, Jobbeli in ihrer Mitte, die schöne Stadt. Peter aber tauscht mit keinem Fürsten um sein Frohgefühl und um die Freude, daß sogar der Großherzog ihn gleich gekannt und mit ihm wie seinesgleichen gesprochen hatte. Daß Peter anfangs etwas Scheu empfunden, hat er bereits glücklich wieder vergessen. Jetzt zieht er stolz an der Spitze der Deputation heimwärts durch den „Garten Badens“ hinauf zu den schwermütigen Schwarzwaldbergen.

Je näher es der Heimat zugeht und endlich die Murg wieder sichtbar wird, desto schneller wird Peter im Schritt; er brennt förmlich darauf, seine Führererlebnisse den Leuten zu erzählen, und sich namentlich mit dem Biber-Ätti auszusprechen. Am Eingang in das Seitenthälchen, das nach Herrischried führt, verabschiedet sich Peter von der Deputation, schickt selbe heim mit Grüßen ans Thrinerle und eilt nun, was er laufen kann, zu Bibers.

Biber-Ätti hockt beim „Ochsen“wirt und muß auf Peters Bitte sofort geholt werben, weshalb Michel geschwind hinüberspringt. Unterdessen setzt Muetti dem vielgewanderten Gast einen Krug alten Chriesiwassers vor und läßt sich fürs erste erzählen, daß die Reise von Erfolg begleitet war und die Deputation wirklich dem Großherzog gehuldigt habe. Peter sei also wirklich und leibhaftig hinfüro badisch. Die anderen werden wohl in die Hände des Amtmanns den Treueid leisten, bis auf die Unverbesserlichen, die Salpeterer bleiben werden. Doch da ist ja der Ätti! Schmunzelnd reicht der alte Biber dem Gast die Hand zum Willkomm, und nun läßt Peter seiner Zunge freien Lauf. Er erzählt umständlich haarklein seine Erlebnisse bis auf das Herzklopfen beim Erscheinen des Großherzogs, und prahlt nicht wenig, daß der Fürst seine Lebensgeschichte so genau gewußt und mit ihm so fein, schier brüderlich gethan habe.

Trocken wirft Biber-Ätti dazwischen die Bemerkung ein: „Isch kein Wunder!“

Betroffen guckt Peter den Sprecher an und fragt, wie das gemeint sei.

Und nun setzt Märte dem aufhorchenden Peter auseinander, daß ein Landesherr, zumal in so schwerer, ereignisreicher Zeit, etwas mehr zu thun habe, als sich um einen Salpeterervertrauensmann im tiefsten Schwarzwald kümmern zu können. Daß Peter Gottstein badisch werden wolle, ist sicher sehr löblich und selbst für den Großherzog erfreulich, aber das Großherzogthum geht deswegen noch nicht aus dem Leim. Damit Peter aber entsprechenden Empfang finden sollte, und man bei Hofe auch wußte, um was es sich handle, habe Biber den Gang nach Säkkingen nicht gescheut und dem Amtmann alles haarklein erzählt. Darauf sei ein langer Bericht nach Karlsruhe abgegangen, und als die Antwort eintraf, daß die Deputation empfangen werden und die Huldigung stattfinden könne in der Residenz, da habe Biber den Peter wissen lassen: es sei Zeit! Und dementsprechend werde die Sache auch ihren Lauf in Karlsruhe genommen haben.

Peter weiß nach dieser Aufklärung nicht, soll er sich ärgern oder lachen. Doch ist eines sicher, Märte hat ihm die Geschichte wesentlich erleichtert, denn ohne den vorangegangenen Bericht hätte Peter wohl langmächtig mit dem Großherzog reden müssen, bis dieser alles begriffen hätte. Und die Hauptsache ist ja doch der Frieden mit der Regierung und die Freigabe des Jobbeli.

„Hasch en Buebe mit?“ fragt Biber und meint, als Peter freudig die Frage bejaht, man könne dann die Geschichte von dem damaligen Messerstich durch Abschaffung nach dem alten Brauch zum Austrag bringen. In diesem Augenblick aber schlägt bei Peter die alte Pfiffigkeit durch, und schlau, schlagfertig erwidert er, daß der alte Brauch wohl bei den Salpeterern zur Einungszeit Geltung gehabt, bei badischen Unterthanen, die frisch gehuldigt, jedoch nicht mehr in Anwendung gebracht werden dürfe.

Ätti lacht aus vollem Halse. Die Prozeßkunst und all' die Advokatenschliche habe sich Peter trotz des Huldigungseides doch glücklich in sein badisches Unterthanendasein hinübergerettet. Es soll übrigens die Geschichte nicht weiter aufgerührt werden; Jobbeli mußte feierlich auf Michels verspieltes Ohrläppchen verzichten und den Biberbueben für den Stich um Verzeihung bitten. Damit aber die Gottsteinsippe dennoch ihre verdiente Strafe erhalte, solle die Hochzeit zwischen Thrinele und Michel in Bälde stattfinden. „Wilsch, Peterle?“

„Jo, ich will's by Gott!“

Ein kräftiger Handschlag beschließt den Pakt.

* * * * *

Als Mann von Wort, ein edler Fürst, ließ Karl Friedrich den zu Freiburg und Breisach gefangen gesetzten Salpeterern die Freiheit wiedergeben[15] und schenkte allen jegliche Strafe.

Und als Thrinele mit Michel glücklich vereint war, da sagte Peter im Kreise der Hochzeitsgesellschaft, das Badischsein sei doch nicht so ohne, ihm habe Glück und Segen gebracht die — _Herzogskerze_.

Fußnoten:

[1] Die Bewohner des Hauensteins hatten sich im Mittelalter dank seiner kraftvollen Einungsverfassung zu einer Bauernschaft zusammengeschaart, die später sich energisch gegen Leibeigenschaft und jegliche Bedrückung, namentlich gegen die Hoheit des Klosters St. Blasien wehrte. Auf fiktive alte „Handfeste und Privilegy“ pochend wollten sie sich, nachdem es mit allerlei Mitteln gelungen war, sich von St. Blasien loszukaufen, auch der österreichischen Herrschaft gegenüber zur reichsunmittelbaren freien Bauerngrafschaft emporringen. Zu offenem Aufruhr rief der Einungsmeister von Birndorf, Johann Fridolin _Albiez_, der den Salpeter im Haunsteinschen Lande gewann und allgemein „Salpeterhannes“ genannt wurde, ein Mann von ungewöhnlicher Thatkraft und Rednergabe bei schier mystischer Hingabe an den Katholizismus. Albiez predigte das Märchen, daß der letzte Gaugraf Hans von Hauenstein Vogt gewesen sei und in seinem Testament beurkundet habe, daß die Grafschaft nach seinem Tode frei an Reich und Kaiser zurückfalle und reichsunmittelbar zu bleiben habe. Es sei nur der Kaiser Schutzherr des Landes, die Grafschaft aber frei, niemandem mit Pflichten unterthan. Diese Lehre verbunden mit altwiedertäuferischen Ideen entfachte mehrere sogenannte Salpetererkriege, die mit maßloser Erbitterung geführt wurden, schließlich aber mit völliger Niederlage der Salpeterersache und Verbannung der Hetzer nach Ungarn und Siebenbürgen endeten. Die Rückkehr einiger „Salpeterer“ aus Belgrad, durch die Gnade Maria Theresias, entfachte neue Erhebungen, ein Auflodern der Salpeterersache bis in den Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Anhänger der Albiez, Riedmatter &c. hießen „Salpeterer“, die ruhigen Waldbewohner, die sich fügten in die Zeitverhältnisse und Ordnung hielten, wurden „Halunken“ gescholten und bitter verfolgt.

[2] D.h.: Es sind Unberufene oft in der Nähe.

[3] J.L. Meyer, Geschichte der Salpeterer, Freiburg 1837.

[4] So prahlte Albiez, in facto aber wurde er verhalten, binnen 24 Stunden Wien zu verlassen und der Landestelle in Freiburg die Beschwerden vorzutragen. Auch wurde er, heimgekehrt, für seine Lästerung gegen St. Blasien vom Waldvogt mit Gefängnis und dreißig Thalern gebüßt und erst nach abgelegtem Handgelübde: „Fürder wider St. Blasien nicht zu schimpfen,“ entlassen.

[5] Der Brief ist fiktif, es wurde sogar in den Wiener Kanzleien nach etwaigem Konzept nachgeforscht, aber nirgends etwas gefunden. Die Mär von diesem Brief diente lediglich als Agitationsmittel.

[6] Der Sicherungsbrief von 1720 sprach aus, daß trotz der Umwandlung des Wortes Leibeigen in Eigen alle bisherigen Pflichten erfüllt werden müssen.

[7] Wien schuf durch diese zweckwidrigen Maßregeln auf dem Wald heillose Zustände, eine horrende Gesetzlosigkeit und schürte statt zu dämpfen das Feuer des Widerstandes zu offener Rebellion, die denn auch 1728 zu Thatsache geworden ist, welche der neue Waldvogt Freiherr von Reischach nicht aufzuhalten vermochte.

[8] Eine Rotte völlig Fanatischer durchstreifte den Wald, raubte und plünderte und schuf grauenhafte Zustände. Dazu hetzten einzelne Schweizer (ein Prediger zu Wandach und der Advokat Dr. Lieder in Basel) die Rasenden zu wilden Gewaltthaten.

[9] Am 18. Mai 1728 erhob sich unter Führung Thoma's im Rücken der Truppen des Oberst Baron Thüngen ein allgemeiner Landsturm, der jedoch rasch erstickt wurde, als scharf geschossen und verschiedene Aufrührer getötet wurden. Außerdem wurde ein Teil der Truppen ständig in die Walddörfer gelegt und die Huldigung zwangsweise vorgenommen. Die Salpeterer verlegten sich hierauf auf einen zähen schriftlichen Streit, der mit der Ablösung der Rechte St. Blasiens endete, gegen welche Ablösung wieder ein Teil der verbissensten Salpeterer protestierte. Das Urteil gegen die Rebellen aus den Maitagen wurde 1730 zu Waldshut, wohin die Salpeterer gelockt wurden, vollzogen: Thoma in Dogern an den Pranger gestellt, auf Lebenszeit in die Festung Belgrad verbannt, und sein Name schandenhalber in Stein eingegraben. Andere kamen nach Ungarn und Siebenbürgen, auch nach Breisach und wurden eingekerkert. Mit Beginn des Türkenkrieges entließ man die Verbannten, die nach ihrer Heimkehr sofort auf's neue randalierten und den zweiten Salpetererkrieg heraufbeschworen.

[10] Die Hauensteiner pflegten um jene Zeit technisch festzustellen, welcher Art die Körperbeschädigung ist, und nach diesem Befund wurde die Entschädigung bestimmt. Nach Zahlung des „Wehrgeldes“ war die Sache abgethan oder, wie der technische Ausdruck auf dem Wald heißt, „abgeschafft“. Scheffel schreibt diesbezüglich in seinen „Reisebildern“: „Wenn die Hauensteiner wegen Störung des öffentlichen Friedens (nach einer solennen Keilerei) noch vor's Amt zittert wurden, so brachten sie gewöhnlich das Dokument über die Abschaffung durch die Familienhäupter mit und wunderten sich höchlich, wenn sie hie und da noch ‚im öffentlichen Interesse‘ auf einige Wochen ins Gefängnis wandern mußten.“

[11] Österreichische Truppen wurden in Basel konzentriert. Dieser Umstand ließ die Salpetererfackel aufs neue auflodern. Riedmatter war thatsächlich in Basel, erzielte aber natürlich für seine Sache bei den österreichischen Truppenführern, die in Kriegsbereitschaft standen und andere Gedanken im Kopf hatten, nicht das Mindeste; dennoch versicherte Riedmatter daheim, wesentlich Resultate erzielt zu haben, und hetzte die Bevölkerung zu offenem Widerstand gegen badische Verfügungen auf.

[12] Diese handgreifliche Lüge brachte Riedmatter in den Wald und entfachte dadurch den wilden Schnapskrieg.

[13] Kreuzvogel, Kreuzschnabel (Loxia curvirostra) wird als Stubenvogel gehalten in dem Glauben, daß er vom Hause Blitz, Krankheit und Tod abhält, so der Vogel ein „rechter“ ist, d.h. ein solcher, dessen Oberschnabel nach rechts gerichtet ist. „Über den Kreuzvogel geht kein Tier, der ist über Schwalben und Störche.“

[14] Aktenmäßig festgestellt.

[15] Auch Riedmatter wurde in Freiheit gesetzt und sank alsbald, da seine Unfähigkeit zur Führerschaft selbst dem dümmsten Salpeterer bald einleuchtete, in völlige Vergessenheit. Die Sekte machte sich alsdann in den fünfziger Jahren nach der religiösen Seite hin wieder bemerkbar. Heutzutage sind wohl die wenigen Sonderlinge im Aussterben.

Giftklärle

Aus dem Flur des schwarzgrau verwitterten Hauses, das in einer von dunklen Tannen umrahmten Thalbuchtung unweit des malerischen Dörfleins Lauterbach an der Straße von Schramberg über den Fohrenbühl nach Hornberg liegt, gellen zornige Rufe, und gleich darauf erscheint auch im Rahmen der weitgeöffneten Hausthüre die Person, die durch Scheltworte ihrem Ärger Luft macht. Es ist Klärle, die prächtig gewachsene schwarzhaarige Tochter des Giftbauern und künftige Erbin des Gehöftes, das einst ein Vergabungshof (Lehen) war, eine Begiftung.[16] In der äußeren Erscheinung ist Klärle unstreitig ein allerliebstes, herrlich gebautes Schwarzwaldkind von zwanzig Jahren, ein Mädel zum Dreinbeißen, aber immer ärgerlich, kurz angebunden gegen jedermann, nie zufrieden und tyrannisch gegen den alten Vater wie gegen das Bäschen Bärbel, das die selige Mutter einst aus Mitleid und Barmherzigkeit in den Gifthof aufgenommen und mit Klärle aufwachsen ließ. Kann es der alte Vater dem Klärle nie recht machen, Bärbel in ihrer Abhängigkeit schon gar nicht, und bei jeder Gelegenheit kann die etwa achtzehnjährige Waise es hören, daß sie nur geduldet sei auf dem Hof aus Gnad' und Barmherzigkeit, die aber auch einmal ein Ende nehmen kann und muß, wenn 's Bärbele sich nicht bessert und alles verkehrt angreift. Wieviele Seufzer aus Bärbels junger Brust gestiegen, weiß nur der liebe Gott im Himmel. Wenn Bärbel gelegentlich verweint mit geröteten Äuglein ihre Arbeit verrichtete und der würdige Pfarrer von Lauterbach just bedächtig des Weges kam, da fragte Hochwürden wohl nach der Ursache der Thränen, verstummte aber sofort, wenn die Scheltworte Klärles an sein Ohr drangen. Wie's im Gifthof zugeht, war nicht schwer zu erraten, und der Pfarrer tröstete die arme Waise durch milde Worte und den Hinweis auf späteren Himmelslohn. Der geistliche Herr hat es wohl einmal versucht, der Giftklärle ins Gewissen zu reden und ihr Herz zu rühren, aber erzielt hat er nichts und mußte sich schnippisch genug abkanzeln lassen. Daher ist der gute Pfarrer der Meinung, daß Klärle wohl ein Herz von Stein habe, ähnlich wie der Kohlenmunkpeter, dem der Holländermichel am Tannenbühl das warme Herz genommen und ihm ein steinern Herz in die Brust gegeben hat. Und so betet der geistliche Herr wohl des öfteren, es möge Gott selbst eingreifen und Klärles harten Sinn bessern.

Unter der Thür stehend, ruft Klärle hinüber in den kleinen Garten, wo die Waise beschäftigt ist, etwas Gemüse abzuschneiden. „He, Bärbel! Wie lang soll es noch dauern? Bleibst wohl über Nacht draußen im Kraut? Eil' dich, es isch e Schand! Drinen in der Küch' geh'n die Töpfe über, aufgeräumt isch au nit ordentlich! Eine Schand' isch's mit der langweiligen Person! Eil' dich, Fauldirn!“

Bärbel, ein schmächtig Mädel mit wundersamen Rehaugen, fährt bei diesen Scheltworten erschrocken auf, rafft das Gemüse zusammen und eilt dem Hause zu. „Gleich, Klärle, ich bin ja schon da!“ ruft das Mädchen und trägt die gefüllte Schürze in die Küche, um dann die Töpfe vom Feuer zu ziehen. Diesen Handgriff hätte Klärle leicht selber machen können, aber die Gifttochter thut niemals das, was sich eigentlich von selbst versteht, und schiebt jegliche Arbeit der Waise zu. Mühsam unterdrückt Bärbel die vordringenden Thränen und hantiert flink in der rauchgeschwärzten Küche, indes Klärle sich auf den Rain begiebt, um nach dem Wetter zu sehen. Im Vorübergehen wird eine aufgeblühte Nelke der Ehre des Abpflückens gewürdigt, und wie das Mädchen sich eben die Blume ans Mieder stecken will, tönt es von der Straße her, gesungen von einer kräftigen sonoren Männerstimme:

„Was guckscht denn so traurig? Sei luschtig und froh! 's isch oimol ein Leaba 's isch oimol no so!“

Unwillig dreht Klärle den Kopf nach dem Sänger, und beim Anblick des feschen Burschen, dessen Augen die prächtige Mädchengestalt schier verschlingen möchten, wirst Klärle spöttisch die Lippen auf und zuckt geringschätzig die Achseln.

Der Bursch aber läßt sich nicht so kühl schnippisch abspeisen und singt weiter:

„Alt wirscht ja von selber, So tanz noh ond spreng, Ond weischt a sei's Liedle: Sei luschtig ond seng!“

Erwartungsvoll sieht der Bursch hinüber zur trutzigen Dirn und zwirbelt sich den herrschen Schnauzer auf. Doch Klärle bückt sich, reißt einen Zwiebelknollen aus dem Erdreich und wirft ihn unter spöttischem Lachen auf die Straße hinaus, gleichsam zum höhnischen Lohn für das Gesangel.

Nicht faul, hebt der Bursch die Zwiebel auf, befestigt sie an seinem Hut und erweist dem Maidle eine spöttische Reverenz durch eine tiefe Verbeugung, zugleich rufend: „Schönsten Dank, gnädig's Fräula!“

Mit jähem Ruck wendet sich zornglühend das Mädchen zu dem Spötter auf der Straße, drohend den schöngeformten Arm erhebend und ruft über den Zaun: „Jetzt gang aber, oder ich lupf' dich übern Rain, du Bänkelsinger und Straßengauner!“

Statt zu gehen, hält sich der Bursch die Seiten und lacht aus vollem Halse: „Klärle, so g'falscht mir! Bischt e rassig's Maidle!“

Starr vor Staunen sieht Klärle, wie der fremde Bursch mit gewandtem Schwung über den Zaun setzt und auf sie zukommt. Bebend vor Entrüstung über solche Frechheit guckt Klärle, wo sich ein Prügel finde, mit dem sie den Eindringling züchtigen könne, aber da ist der Bursch schon, faßt das Maidle um die Hüften und drückt ihm trotz verzweifelter Gegenwehr einen kräftigen Kuß auf die rosigen Lippen. Lachend läßt der Bursch nun die glühende Klärle los und spricht: „Mueßt nit so wild sein, schön's Klärle, hihi!“ Den Hut lupfend, geht der Bursch von dannen.

Klärle zetert jetzt aus vollem Halse und ruft den alten Vater zu Hilfe. Doch der Giftbauer, der im Fenster des oberen Stockwerkes liegend den Vorfall beobachtete, grinst vergnügt und kichert herunter: „Ganz recht isch dir g'scheh'n! Der hat dir's gründlich b'sorget, hihi!“

Klärle macht zornglühend eine jähe Wendung, guckt sprachlos vor Entrüstung zum Vater hinauf und springt ins Haus. Gleich darauf gellt ihre Stimme durch den Flur: wieder ist's Bärbel, an der das Mädchen seinen Zorn ausläßt, und Tellergeklirr und prasselnde Scherben künden nichts Gutes. Wenn das so fort geht, wird bald kein Geschirr mehr im Hause sein und künftig alles aus Holzschüsseln gegessen werden müssen. Der Giftbauer, ein schwächlich, von Gicht häufig geplagtes Männlein, humpelt die ächzende Holztreppe hinunter ins Erdgeschoß, um sich den Kampf in der Nähe zu besehen. Kaum aber guckt er in die Küche, da schmettert ihm Klärle schon entgegen: „Was willscht? Mannerluit hent nüt z'suchen in der Küch'! Gang nur glei, oder i gang!“ Und zur Bekräftigung ihrer scharfen Aufforderung greift Klärle nach einem Besen, so daß der Giftbauer schleunigst den Rückzug antritt und in die Wohnstube flüchtet, wo er im Lehnstuhl am Fenster über sein harbes Töchterlein nachdenken und auf das Mittagsmahl warten kann. Es ist eine böse Sach' mit dem Klärle! Zwar hält sie die Wirtschaft ganz ordentlich zusammen und dirigiert das Gesinde wie ein General seine Truppen, hält es zur Arbeit an, besser, als es der Giftbauer in rüstigen Jahren selber vermochte. Aber Lust und Fröhlichkeit ist mit dem Heranwachsen der Tochter völlig aus dem Hause geschwunden; man hört kein frohes Liedel mehr, kein Lachen, dafür Gezeter und Gekeife, so schlimm, wie es sogar bei Mutters Zeit nicht gewesen, und Mutter war gewiß scharfzüngig und hatte eine Schneid' entwickelt, wie solche die schärfsten Lauterbacher Bueben nicht besaßen. Tief aufseufzend flüstert der Alte vor sich hin: Wenn nur der Rechte einmal käme und Klärle zähmen würde! Aber der darf gehörig Haare auf den Zähnen haben, sonst verspielt er und muß sich ducken und kriegt den Teufel ins Haus. So eine Zähmung wünscht der Gifter seiner Tochter vom ganzen Herzen, doch quält ihn auch wieder der Gedanke, wie es einsam im Hause sein werde, wenn Klärle einmal fort sein wird. Freilich ist dann immer noch die Bärbel da, aber die ist eben doch nicht sein eigen Fleisch und Blut.

Den Dienstboten macht Klärle heute ganz besonders flinke Füße, denn es ist ja Vorabend vor Pfingsten und muß daher gefegt und gescheuert werden mehr denn je im arbeitsreichen Jahre. Wie's Gewitter ist Klärle hinterdrein und ihre scharfen Worte treiben die Leute an wie Geißelhiebe die Pferde. Kaum daß die scharfe Tochter dem Gesinde Zeit zum Mittagessen ließ, so drängte sie zur Arbeit; sie selbst rührte keinen Bissen an und hielt während des Mittagsmahles nach ihrer Eigenart die Hände vor das Gesicht, um nur ja niemanden sehen zu müssen. Der Vater wagte die Bemerkung, daß es doch wohl nicht so arg pressieren werde mit der Arbeit, der Tag sei lang genug, und bis zur Dämmerung dürfte doch alles auf dem nicht zu großen Hof gerichtet sein.

Spitz kam es augenblicklich von Klärles Lippen, wobei das Mädchen zornig mit den kleinen Fäusten auf den Tisch schlug: „So, meint der Vater? So wird's recht! Den Dienstboten auch noch die Stange halten und vorreden, daß sie sich Zeit lassen sollen! Das wär' mir die rechte Wirtschaft! Warum denn nicht gleich der Stalldirn eine Seidenmantill' umhängen und den Kuhhirten regieren lassen! Nein, daraus wird nichts! Ich hab' die Verantwortung, und so lang ich im Hause bin, regier' ich, verstanden! — Auf jetzt, es ist abgegessen! Bärbel, bet' den Vaterunser und dann fort zur Arbeit!“ Gehorsam betet Bärbel vor und das Gesinde nach. Dann verschwindet alles aus der Stube, froh, der hantigen Tochter aus den Augen zu kommen. Auch der Alte humpelt von dannen, verdrossen ob der ihm gewordenen Abkanzlung, wo er es doch so gut gemeint hat. Bärbel begiebt sich wieder zur Spülarbeit in die Küche, indes Klärle die Fegarbeit vor dem Gehöft beaufsichtigt und die eine Dirn schilt, daß sie so viel Staub aufwirbelt und das Wassersprengen vergessen habe. Gleich darauf wettert das Mädchen, daß die Milchgeschirre, die Buttergefäße nicht blank genug gescheuert seien und Flecken aufweisen, die augenblicklich mit Seife und Sand nochmal gerieben werden müßten. Und über dem einen Fenster im oberen Stockwerk zeigen sich gar Spinnweben! Ob man wohl ersticken soll im Gifthof? Zornerfüllt packt Klärle einen Besen, streckt sich und sucht das Spinngewebe wegzuwischen. Um sich eine größere Körperlänge zu verschaffen, steigt das Mädel rücksichtslos auf ein umgestülptes, eben frisch gescheuertes Butterfaß und stochert nach dem Gewebe. Doch das Faß schwankt, Klärle verliert das Gleichgewicht, sucht mit dem Besen am Fensterrahmen einen Halt zu gewinnen, und klirr — eine Scheibe ist eingestoßen, und die Glasscherben fallen knirschend herunter. Mit einem Satze ist Klärle herabgesprungen und stößt das Faß mit dem Fuße vor. Das schadenfrohe Gekicher der Mägde entfacht ihren Zorn und Ärger zur hellen Wut, und ein wahres Donnerwetter prasselt auf die Dirnen herab.

Immer näher klingendes Schellengeläute heimziehender Kühe läßt Klärle mitten in der Rede einhalten, wie versteinert steht das Mädchen und starrt auf den Hirten, einen etwa zwanzigjährigen Burschen, der mit lautem „Hüh!“ die ihm anvertraute Herde dem heimatlichen Stall zutreibt und fröhlich dazu die Geißel schnalzen läßt. Und einmal von der Straße weg, setzen sich die prächtigen Hornisten in Trab trotz des vollen Gesäuges und drängen der Stallthüre zu. Jetzt findet Klärle die Sprache wieder; im Sturmschritt eilt sie auf den Hirten zu und fährt ihn an: „He Märte, bischt närrisch worde?! s' Dunnerwetter soll di versprenga, was kommst denn du gant am helllichten Tag hoim!“

Gelassen nickt Martin, der Hirt, der Hoftochter zu, schiebt sich zwischen den Kühen durch, öffnet die Stallthüre und läßt seine Hornisten ein; dann stellt er sich ganz gemütlich vor Klärle hin und meint, sobald die Kühe getränkt seien, könne Vrenele mit dem Melken beginnen.

Klärle ist ob solcher Frechheit völlig perplex; am helllichten Tage das Vieh von der Weide abzutreiben, das ist unerhört, und der Bursche entschuldigt sich darob noch nicht einmal und thut, als sei das selbstverständlich.

„Närrisch, rein närrisch isch es und zum greina! Aber dir soll der Grind gewaschen werde, du Bengel, du Tagedieb! Vom Lohn soll dir's abgezogen werde!“

Die letztere Drohung schüchtert Martin wohl etwas ein, doch meint er, am Vorabend vor Pfingsten werde eine Ausnahme schon erlaubt sein, weil ein Hirt sich doch auch vorrichten müsse zum morgigen Schellenmarkt.

Klärle zetert mit voller Lungenkraft, daß ihr der Schellenmarkt völlig gleichgültig sei und sie nichts kümmere. Auch verweigere sie die Erlaubnis zum Besuch des Schellenmarktes aus Strafe für das vorzeitige Verlassen des Weideplatzes.