Chapter 7
Ich, Peter Gottstein, Wirt zum „dürren Ast“, anerkenne für mich und meine Kinder die Herrschaft des Großherzogs über mich und Familie, und werde mit Heutigem badisch. Als „Halunke“ genehmige ich — die Zustimmung des anderen Teiles vorausgesetzt — die Neigung meiner Tochter zu Bibers Michel mit daraus entgehenden Folgen i. e. eventuell Heirat, wozu die braungefleckte Kuh zu verkaufen ist, die bei Hottinger im Pfand steht für zu Salpetererzwecken gegebene Darlehen. Der Hottinger kriegt, was maßen ich mich von der „Sach'“ wende, nichts — die Kuh wird einfach geholt. Auch wird durch heutigen Beschluß jegliches Prozessieren gegen badische Behörden eingestellt, wobei der Erwartung Ausdruck gegeben wird. Es werde auch badischerseits unnütze Drängelei hinfüro unterlassen. Der Großherzog hat meinen Sohn Jakob von der Militär freizugeben, wofür ich zwei Weihkerzen geopfert habe.
Gegeben im Wirtshaus zum „dürren Ast“ am heiligen Abend vor Weihnachten
Peter Gottstein,
verflossener Streitpeter und badischer Unterthan.“
Peter setzt einen mordsgroßen Punkt am Schlusse hin und reicht das mühsam gekritzelte Schriftstück der Tochter, die den „Beschluß“ überfliegt und überglücklich dem Vater aus tiefstem Herzensgrunde dankt. Nur wegen des Jobbeli meint Thrinele, es werde Schwierigkeiten haben, den Bruder vom Großherzog freizubekommen, denn der Herrscher werde von Jobbeli wenig oder gar nichts wissen.
„So? Meinsch?! Dann werd' ich's ihm sage! Ich goh nach Karlsruh' un wer minem Großherzog selber rede! So thue ich by Gott, ich der Peter Gottstein als badischer Unterthan!“
Als badischer Unterthan leistet sich Peter am heiligen Abend einen Extraschoppen Durbacher, an dem sich auch Thrinele beteiligen muß, die am liebsten mit ihrem glückseligen Herzchen durch Nacht und Schnee nach Herrischried in ein bekanntes Haus laufen und die wundersame Kunde vom Badischwerden des guten Ätti den Biberschen vermelden möchte. Doch ist daran heute in später Abendstunde nicht mehr zu denken. Still und einsam wird denn die „heilige Nacht“ gefeiert im Wirtshause zum „dürren Ast“ am toten Bühl.
* * * * *
Mit steifer Kälte ist der Weihnachtstag angebrochen, ein echter Wintermorgen auf einsamer Waldeshöh'. Thrinele hat sich zum Kirchgang stattlich in der Landestracht herausgeputzt, wünscht Ätti glückstrahlend einen „guete Morge“ und stapft dann eilig durch den knirschenden Schnee nach Herrischried. Peter hat sich mit dem Tubakpfifli auf die „Kunst“ zurückgezogen und hängt seinen Gedanken nach. Er sinnirt darüber, wie er es anfangen soll, um seinen Bueben vom Militär los zu bekommen. Es muß ja fürder anders werden auf dem Bühl! Viel Zeit zum Nachdenken bleibt ihm indes nicht, denn die Hochschürer rücken in Scharen an, um sich Peter, den neuen „Badener“, anzugucken. Soviel Gäste hat die Wirtsstube zum „dürren Ast“ noch nicht gesehen; Kopf an Kopf hocken die Leute, das Tubakspfifli im Munde, drinnen und trinken ihre Schöppli und debattieren den außerordentlichen Fall. Peter hat alle Hände voll zu thun, um die Gäste zu bedienen und erneut zu versichern, daß der Akt bereits geschlossen, daß er thatsächlich die Salpeterersache aufgegeben habe und badisch geworden sei auf Grund des vorgenommenen Gottesgerichtes.
Mancher Hochschürer bringt den Mund nicht mehr zu vor Staunen, und mit Ehrfurcht und Bewunderung wird das auf den Akten thronende Kerzenstümpchen betrachtet, das eine so ungeheure Wirkung bei Streitpeterle hervorgebracht hat. Unter den Gästen herrscht arger Zweifel bezüglich weiteren Verhaltens: die einen wollen nicht so geschwind „umsatteln“, den alten Einungstraum aufgeben, wiewohl nicht zu leugnen sei, daß die „guet Sach“ heillos übel stehe. Andere neigen zur Nachahmung von Peters Beispiel hin, da die Kerze für den Großherzog gesprochen und sogar der Himmel selbst durch das Elmsfeuer sich für die „badische Sach“ erklärt habe. Nur fragt es sich, welcher Profit für einen Anschluß zum Großherzog herausspringe. Gar manchem blüht zum Frühjahr Einziehung zum Militär und das Freiburger Arbeitshaus für die Kuchelbacher Beteiligung.
Wenn man daher dem Großherzog wirklich huldige, müßte dieser doch wohl sich erkenntlich zeigen und zum mindesten die drohenden Strafen nachlassen. Was Peter dazu meine?
Und Peter spricht zu den Gästen: „Loset! Ich will euch sage: Göihmer zu ihm, ich will minem Großherzog rede als jetziger Vertrauensma der badischen Halunke, un ihm usenandersetze, was geschehe muß by Gott für die neuen badische Unterthane! Wer will mitgohn?“
Sogleich melden sich zwei Hochschürer, die sich von solcher Deputation mehr versprechen, denn vom zähen Festhalten am alten Trutz und Widerstand. Eine Weile überlegen die andern, das Gottesgericht giebt den Ausschlag, die Anhänger Peters vermehren sich und schließlich erklären sämtliche anwesende Dörfler, dem Großherzog huldigen zu wollen in der Voraussetzung, daß sie ihren alten katholischen Glauben beibehalten dürfen. Und der Peter soll der Führer sein. So ward es abgeredet und durch Handschlag bekräftigt. Der Großherzog hat um ein Dutzend Unterthanen mehr im Lande.
Gegen Mittag brechen die Hochschürer auf und kehren ins Dorf zurück. Wie Lauffeuer verbreitet sich, daß gehuldigt und der tote Bühl badisch werden solle, und maßloses Erstaunen erfaßt die Salpetererweiber, die bisher energisch für die „guet und heilig Sach'“ agitiert haben. Was da die „Wybervölker“ über den Streitpeter und seinen Umfall redeten, klang nicht schmeichelhaft für den „Astwirt“ und auch für manchen Salpeterer fiel ein scharfes Wort ab. Doch die Hochschürer Mannen erklärten, unter allen Umständen die Deputationsreise „usprobyre“ zu wollen; nach Karlsruhe werde gegangen und mit dem Großherzog geredet, wie's Brauch sei im Hauenstein. Derlei Versicherungen wurden von Salpeterern abgegeben, so fest und bestimmt dem Eheweib gegenüber, daß manche den Pantoffel schwingende Salpeterin starr vor Staunen wie steinern stand und die Worte nicht fand, um ihren altgewohnten Standpunkt dem sonst so unterwürfige Gatten zu präzisieren. Ja, der Großherzog! Der imponiert sogar den Wybervölkern auf dem Wald und verschlaget ihnen die Rede. Wenn diese Wirkung anhält, wird jeder Pantoffelknecht unter den Salpeterern bereitwilligst badischer Unterthan und pfeift auf die mittelalterliche Einung und die alten Rechte des Grafen Hans. Drum sind die meisten Hochschürer hochvergnügt und förmlich lüstern auf die badische Staatsangehörigkeit. Wo sich indes die Weiber ganz und gar weigerten, badisch zu werden und auf die „heilige Sach“ zu verzichten, wurde feierlich die Geschichte vom Gottesgericht und der Herzogskerze mit dem Elmsfeuer erzählt und dadurch manch abergläubisches Salpetererweib eingeschüchtert und gewissermaßen zum Badischwerden vorbereitet.
Am Nachmittag des Christtages hat der „dürre Ast“ einen Besuch erhalten, auf welchen der Wirt nicht vorbereitet war: die Vroni von Herrischried ist gekommen trotz Schnee und des heiligen Tages, grimmig und voll Entrüstung, gewillt, mit dem abgefallenen Vertrauensmann der Salpeterer Abrechnung zu halten. Der alte Peter guckte und horchte nicht wenig, wie das aufgeregte Weib ihm in die stille Stube prasselte und polternd loslegte, daß es eine Art hatte. Sie hätte es bereits gehört, daß Peter sein Volk, den Glauben und die „heilige Sach'“ verraten habe und abgefallen sei wegen einer dummen Kerze! Aber sie, die um der „heiligen Sach'“ willen ihren Mann verloren, aus Begeisterung für die Salpeterei zur Wittib geworden, sie dulde es nicht, daß Peter badisch werde und andere mit verführe zur Huldigung für Einen, der nur Verwalter sei im Lande. Das wäre eine schöne Ordnung in der Einung: Zuerst beredet der Vertrauensmann die Leute und hetzt sie zur Salpeterersache, jagt sie ins mörderische Feuer der Panduren, und wie's schief geht, läßt er alles im Stich und tritt zum Großherzog über! Vroni glaubt die Kerzengeschichte nicht, das sei Schwindel, elende Flunkerei, und sie werde ihm die Augen auskratzen, wenn er nicht zur „heiligen Sach'“ zurückkehre und Salpeterer bleibe. Und wehe ihm, wenn er auch noch andere zum Abfall veranlasse! Wisse er nicht, was Treu und Glauben und ein heiliger Eid sei, so soll's ihm beigebracht werden am eigenen Leib! „So sag ich und du bisch e Lump und Schuft, e ganz miserablichs Masbild, e Gauner und Verräter! — Aber du pasch ze de Herre, du Lumpekerli!“
Peter hat den Erguß über sich ergehen lassen, stumm und geduldig; jetzt aber ist's genug, er nimmt 's Pfifli aus den, Mund, legt es auf den Tisch, faßt das zeternde Weib am Genick und spricht: „Im Namen des Großherzogs von Baden, hinaus!“ Ein Ruck, ein Krach — das zeternde Weib fliegt durch die rasch aufgerissene Thür hinaus in den Schnee.
Gelassen schließt Peter wieder die Thür und setzt sein Pfifli in Brand.
Vroni rafft sich auf, klopft das Geflock von den Kleidern, droht zornglühend mit erhobener Faust dem ganzen Hause und trollt ab. Der Wirt soll's büßen!
Unterwegs stößt Vroni auf Bibers, die Thrinele begleiten und deren Vater besuchen wollen. Mit einer Flut von Scheltworten überschüttet das Weib diese Halunkensippe, die sich jetzt breit mache im Hauenstein und das Land verrate. Der alte Biber aber lacht der Vroni vergnügt ins Gesicht und wünscht ihr „en guete Obe“. Das Pärchen aber stapft vergnüglich voran im Schnee, Michel überglücklich und stillfröhlich 's Maidli.
Und übermütig ist der Michel in seiner Glückseligkeit über die Bekehrung von Thrinele's Ätti, so übermütig, daß er manchmal hüpft und in den tiefsten Schnee springt zugleich kläglich jammernd: „Thrinele, wo simmer? Mer seige verirret! Wo me loft und lueget, überall Schnee! Hilf, Thrinele!“ Und wenn 's Maidli gutmütig dem im tiefen Schnee hockenden Buebli die Hand hilfreich bietet, zieht der Schalk 's Thrineli herunter mit starkem Ruck, fängt 's Maidli in seinen Armen auf und küßt es ab, daß die Kreuzvögel und die geschäftigen Meisen verwundert gucken und der Gimpel noch sehnsüchtiger als sonst nach seiner aschgrauen Gefährtin flötet im eintönigen Lied.
Und kommen die Alten dann näher und sieht Ätti das Geschmatz und Getuschel der Jungen, so droht er wohl mit dem Finger: „Laßt doch, ihr Thunichtgut und Liebesgesindel! Es isch mer, mer seige numme wit vom dürre Ast! Seiget manierlich, was müsset sust Thrineles Ätti von euch halte“!
Und Michel ruft zurück: „Ätti wasch seist: bisch au emal jung gsi nu hasch es nit anersch gemacht, hihi!“ Dabei hilft Michel dem glühenden Thrinele wieder heraus aus dem Schnee und stellt 's Maidli manierlich auf den Weg, den Vroni's Fußstapfen markieren.
Vorm Hause angelangt, ruft Bibers Ätti absichtlich polternd, wobei es zuckt in seinen Mundwickeln: „He, Streitpeterle, ufgemacht s' Hüsli, Herrluit wöllent in, badische Luit!“ Verwundert kommt der Wirt herausgelaufen und schlägt die Hände überm Kopf zusammen vor Verwunderung.
„Gell, da guckt Er!“ spottet Bibers Ätti, und Michel reicht Petern die Hand.
„Gottwilche!“ ruft Peter und schüttelt den Bibers der Reihe nach die Hand, indes Thrinele ins Haus huscht, um zum Willkomm alles schnell zu bereiten.
Der Astwirt geleitet sodann die seltenen Gäste in die warme Stube und setzt ihnen vom Besten aus seinem Keller vor, denn solcher Besuch muß geehrt werden am Weihnachtstage. Bibers Ätti fällt auch gleich mit der Thür ins Haus durch den Einwurf in Peter's Rede: „Vergiß by Gott nit ze erwähne, was inegschriebe hesch in d' Akte den Beschluß, un lasse mer lebe beim Win en Großherzog von Bade, hoch, hoch, hoch!“
Es klingen die Gläser zusammen, eine weihevolle Stimmung erfaßt die Gemüter. Es ist ja auch zum erstenmale in seinem Leben, daß Peter in ein Hoch auf den Landesherrn einstimmt. Und wie getrunken ist auf die Gesundheit des Fürsten, meint Peter, nach seinem Pfifli langend: „Wos weisch denn du, Biber, von mine Akte?“
„Gell, da guckt Er! Weisch, s' Thrinele isch gar gesprächig, hihihi! Aber sell Akte gfalle mer, hesch Recht by Gott, Peter! Allewil guet badisch und Ordnung muß si!“
Ein wundersam Plaudern ist's auf der „Chauscht“ im „dürren Ast“, so wohlig und behaglich, so lebensfroh und hoffnungsfreudig. Die Alten hocken tapfer beisammen, weniger seßhaft sind freilich die Jungen, und Michel findet immer eine andere Ausrede, um mit 'm Thrinele zu verschwinden und 'm Maidli draußen Kuß um Kuß zu rauben. Haben die Alten die Politik erörtert des Langen hin und her, wobei Biber es billigt, daß Peter mit dem Großherzog selber über die Lage reden will, so zieht Bibers Muetti dann die Zukunft der Jungen ins Gespräch, weil darüber ja doch auch etzliche Wörtlein gesprochen werden müssen. Peter fühlt sich da freilich etwas befangen, und seine Prozeßwutsünden fallen ihm schwer aufs Gewissen; aber ehrlich sagt er es rund heraus, daß durch seine frühere Streitlust und die fanatisch betriebene Salpeterei Kuh um Kuh aus dem Stalle zum Advokaten ging und fürs Thrinele jetzt kein Kuhschwanz mehr im Hause sei. Die Neigung habe er freilich aktenmäßig protokolliert und in Gnaden genehmigt, aber mit einer Mitgift hapert es gewaltig, wenigstens für die nächste Zeit. In Zukunft wolle er sich statt um Parteihader und Advokatenkniffe mehr um Kartoffeln und Wiese und Feld kümmern; vielleicht geht es dann wieder auswärts mit der Wirtschaft.
Solche guten Vorsätze lobt der alte Biber tüchtig und erklärt, daß Thrinele auch ohne Mitgift einziehen könne ins Biberhaus, wasmaßen die Sinnesänderung Peterles auch was wert sei. Auch Muetti stimmt bei, weil ihr die Hauptsache ist, die Kinder glücklich vereint zu sehen.
Bei Petern aber regt sich doch noch etwas, was dem alten Trotz, der Streitlust ähnlich sieht: er will die Geschichte nicht überstürzt sehen; von Hochzeit könne erst geredet werden, wenn er mit 'm Großherzog ins Reine gekommen ist. Bedingungslos wolle er sich nicht unterwerfen und huldigen. Den Jobbeli muß der Herzog 'rausgeben und die alten Salpeterersünden verzeihen. Thut's der Fürst nicht, so wird aus der ganzen Geschichte nichts und die Anerkennung wird dem Großherzog aktenmäßig verweigert. Davon läßt sich der alte Starrkopf nicht abbringen, so viel sich Muetti auch bemüht. Ätti meint indes, der Großherzog werde schon einwilligen, so ihm die Lage richtig geschildert werde, denn darauf komme es hauptsächlich an. Und morgen braucht ja nicht schon nach Karlsruhe gewandert zu werden; es wird besser sein, wenn sich der gute Wille inzwischen bei manchen Leuten noch weiter verbreitet. Ist dann der Winter 'rum und besteht die gute Absicht noch, dann solle Peter die Bekehrten zum Großherzog führen, ihm huldigen und ihn hübsch um Verzeihung bitten. Dann werde alles gut werden!
So ward es abgeredet im „dürren Ast“, und widerspruchslos erklärte sich Peter einverstanden. Den Großherzog wird es auch nicht umbringen, wenn er auf die Huldigung der Bühler Salpeterer noch etliche Wochen warten muß, meint Peter.
Biber lacht, daß die Scheiben klirren, und hält sich die Seiten. Muetti will dann noch Thrineles Küche besichtigen, worauf der Heimgang angetreten werden soll. Peter holt zum Abschiedstrunk eine Kanne alten Durbacher aus dem Keller; heut läßt er sich nicht lumpen. Und wahr ist's: So wohlig war ihm noch nie ums Herz.
Schon zieht die Dämmerung über den Bühl, da treten Bibers nach herzlicher Verabschiedung den Rückweg an. So lange man sich sehen kann, winkt Thrinele fleißig ihre Grüße nach, und auch Gottstein-Ätti entbietet vorm Hause stehend seinen Abschiedsgruß. Und vor dem Schlafengehen kritzelt er zum Gedenken in seine Akten den Besuch und die Absprache mit Bibers ein, der Ordnung halber, und der Passus: „Der Großherzog hat auf die Huldigung noch etzliche Zeit zu warten“ wird zweimal dick unterstrichen. Außerdem rutschte dem Peter ein mächtiger Klecks aus dem Gänsekiel, so daß es aussah, als habe der Skribent ein Trauersiegel darunter gesetzt.
* * * * *
Auf dem Wald hat der Schnee allmählich doch dem Drängen des Frühlings weichen müssen; Föhn und warmer Regen haben des Winters Macht gebrochen, schwarz steht der Tann, dunkel die Wiesen, auf denen die ersten Anemonen und Schlüsselblümelein vorwitzig und neugierig die Köpfchen in die Welt stecken und zartes Gras zu sprießen beginnt. Nur in den tiefen, wilden Schluchten liegt noch Schnee. Goldiger Sonnenschein lacht über Berg und Thal, und würziger Odem streicht über die Bühlhöhen: Frühlingshauch erquickend und labend.
An einem Frühlingstage, wonnig und sonnig, war es, daß Biber-Ätti dem Peter auf dem toten Bühl sagen ließ durch Michel, es sei jetzt Zeit zur Wanderung nach Karlsruhe.
Im ersten Augenblick machte diese Botschaft Petern stutzig, und unwillkürlich dachte er, wieso denn der Biber wissen könne, daß es jetzt Zeit sei. Fast möchte Peter eine versteckte Absicht wittern; doch er beruhigt sich bald, zumal Michel meinte, der Schnee sei weg, daher könne man gut und bequem über Todtnau nach Freiburg und dann auf der Landstraße über Offenburg nach Karlsruhe wandern. So gescheit wäre Peter selbst auch gewesen. Wie dann Michel dringlich wurde und bettelte, es möge Peter-Ätti doch seinetwegen recht bald zum Großherzog gehen, da lachte Peter, weil er die Absicht merkte, und ging sofort nach Hochschür, um seine Mannen aufzubieten zum Gang nach Karlsruhe. Michel labte sich unterdessen an Thrineles Kirschenlippen.
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In der Residenz zu Karlsruhe steht unter Peter Gottsteins Führung ein wohlgezähltes Dutzend Bühler Hotzen in ihrer malerischen Landestracht, stramm und stämmig wie die heimatlichen mächtigen Tannen. Wie sie aufmarschierten, gab es ein Geschau, und die Leute liefen der Deputation nach, als sei wunder was zu sehen. Peter fühlt sich, stolz steht er in dem hohen Saale. Er hat den Lakaien beim Eintritt nur gesagt, er sei der Peter Gottstein vom toten Bühl und Führer der Hochschürer Deputation und wolle mit dem Großherzog reden, und augenblicklich führte man ihn und seine Mannen hinauf in die Residenz zu einem Herrn mit großmächtigen glitzernden Dingern auf der Brust und einem goldenen Schlüssel hinten am Gefäß ober dem Röckli, das aussieht wie ein Schwalbenschwanz. Wie der Herr freundlich und lieb mit Peter that! Die Hand hat er dem verflossenen Salpeterer gegeben und gesagt, er habe ihn bereits jeden Tag erwartet und freue sich, die wackere Hotzendeputation zum Regenten führen zu können. Da gab es denn auch gleich das erste Mißverständnis, denn Peter platzte heraus: „Nüt da, Herre! Ze nem Regente göihmer nüt, mer wöllent zem Großherzog selber!“ Erst wie der freundliche Herr ausdeutschte, daß der Regent ja der allergnädigste Großherzog selber sei, gab sich Peter zufrieden und fragte gleichzeitig, ob das lange Warten auf die Deputation dem Großherzog etwas geschadet habe. Da guckte der Herr mit dem Schlüssel hinten am Röckli verwundert, hieß die Leute im Saale warten und ging dann fort, um den Großherzog zu verständigen.
Eine Weile schon stehen die Hochschürer und begaffen die Pracht und Herrlichkeit im Saal, und Peter meint, der Großherzog müsse aber weit weg wohnen, weil er so lang braucht auf dem Weg hierher. Und ein Hochschürer verweist auf das schlechte Wetter, es regnet fest, und in der Stadt haben die Leut' oft so dünne schlechte Schüchle. Und ein Dritter glaubt, die Stuben seien groß und breit genug, daß der Herzog fahren könnt', wenn ihm der Weg zu weit wäre.
Endlich regt sich was; die Flügelthüren werden aufgerissen, Fouriere treten ein, der freundliche Herr von vorhin kommt herangeschritten, ernst, würdevoll und so steif, als hätte er einen Butterrührstecken verschluckt. Die Hochschürer reißen Mund und Augen auf; gar manchem klopft das Herz hörbar.
Ein paar Herren in schimmernder Uniform kommen heran und stellen sich spalierbildend auf, und jetzt, als der Letzte, schreitet Karl Friedrich, leutselig grüßend auf die Deputation zu und fragt nach dem Führer derselben. Peter soll jetzt vortreten und reden; aber viel lieber möchte er eine Maus sein und sich ins nächste Loch verkriechen. Wie hoheitsvoll der Großherzog vor ihm steht, machtgebietend und doch so gütig. Nochmal fragt Karl Friedrich: „Wer ist euer Führer?“
Ganz verdattert steht Peter wie versteinert, so daß einer der Hochschürer ihm laut zuruft: „Peterle, gang füri, er frißt di nit!“ Das wirkt; Peter tritt vor, reicht dem Fürsten treuherzig die Hand und spricht: „Grüeß Gott, Herr Großherzog! Der Führer bin by Gott ich, der Wirt zum „dürren Ast“ am toten Bühl im Hauenstein!“
„Schön von dir, mein Sohn! Ich weiß bereits! Was wollt ihr nun von mir?“
„Wartet e bitzeli, Herre! Sell chomt spötli! Wisset oder wissent Er nüt: Mer seig jez Halunken un wöllent badisch were!“
Verwundert blickt der Großherzog auf den Sprecher und dann wie fragend auf den nebenstehenden Minister, der flüsternd den Ausdruck „Halunke“ erklärt. Hoheit schmunzelt; die Unterhaltung mit den urwüchsigen Leuten aus dem tiefsten Schwarzwald belustigt den Fürsten sichtlich.
„Red' Er nur weiter, Peter!“
„Also lueg! Die Kerze hent gsproche für Euch mit Licht ufm tote Bühl! Mit de Bruederschaft isch us! Mer geruhe Euch anzuerkennen als unsern Großherzog un wöllent Euch huldige, sothanermaßen Ihr de Bedingungen erfüllen wollet!“
Karl Friedrich hustet in sein Taschentuch vor Vergnügen, und die Herren des Hofdienstes haben größte Mühe, das Kichern zu unterdrücken.
„Wennder nit wollet, huldige mer nit un weret wieder Salpeterer, un Ihr heut de Schade!“
„Nunu, nicht gleich so obenaus, Er Schwerenöter! Habt mich lange genug warten lassen!“
„Jo, Herre, im Wald lit de Schnee lang un de Weg isch wit! Geh du rus by de Schnee, wenn d' chasch! Un umgebracht het's Warte di au nit!“
Karl Friedrich lacht Thränen des Vergnügens und die Herren platzen auch eine Lachsalve nach der andern heraus.
„Un wissenter wos: Ihr seigt Halunke un mer schließent Euch an, so Ihr, Herre Großherzog, gelobet an Idesstatt frizegebe mi Jobbeli von de Soldate! Mer were huldige, wennder uns lasch unsere alte Glaube, denn mer wollet blibe katholisch!“
Karl Friedrich richtet sich auf und spricht ernst und weihevoll: „Höret, ihr Leute vom Schwarzwald! Es ist Mein Wille, jedem Meiner Unterthanen zu lassen seinen Glauben, in dem er aufgewachsen. Jeder bete zu seinem Gott! Aber Ordnung müßt ihr halten, euch fügen den Anordnungen der Behörden, aufgeben alte, nie erfüllbare Träume! So ihr tüchtige Unterthanen werdet, soll euch Salpeterern verziehen, den Eingekerkerten die Strafe geschenkt sein! Haltet Euch fürder brav und wacker, so sollt ihr in Mir alle Zeit einen treu um euer Wohl besorgten Landesvater haben!“
„Ihr redet wie en Buch, Herre, und mer wöllent's befolge, aber sagsch: Wos isch minem Jobbeli?“
Wieder flüstert einer der Herren Seiner königlichen Hoheit etwas ins Ohr, worauf Karl Friedrich lächelnd spricht: „Ihr sollt Euren Sohn freibekommen, Streitpeter!“
„Halt' in, Herre! Seller bin i nimeh, un wennder sell Wörtli nomal seit, seigt mer gschiedene Luit!“
„Um so besser, Peter! Begrabt jeglichen Streit und werdet fürder gute badische Unterthanen!“
„Sell wöllent mer were!“ ruft freudig Peter aus und kniet nieder zur Huldigung. Mit zum Schwur erhobenen Händen geloben die Hochschürer Treue bis in den Tod und Befolgung der Gesetze. Und aufbringend schreit Peter: „De gnädigst' Großherzog soll lebe, hoch, hoch, hoch!“ Donnernd braust der Jubelruf aus den rauhen Schwarzwäldler Kehlen durch den weiten Saal: „Hoch, hoch, hoch!“ Peter faßt die Hand des Monarchen und küßt sie bewegten Herzens, und alle seine Mannen folgen seinem Beispiel. Am liebsten hätte der glückselige Peter den Fürsten gleich ganz umarmt, aber er fürchtete, den lieben guten Großherzog zu verdrücken, und unterließ daher die Liebkosung.
Gerührt dankt Karl Friedrich den Leuten, drückt jedem die Hand zum Abschied mit den Worten: „Bleibt fürder gut badisch!“ Dann zieht sich der Monarch leutselig grüßend vom Gefolge begleitet zurück.