Im grünen Tann

Chapter 6

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Thrinele bebt an allen Gliedern. Was soll die Warnung bedeuten? Der Fremde entfernt sich wieder; deutlich vernimmt das Mädchen die Schritte im knirschenden, steif gefrorenen Schnee. Thrinele eilt die Treppe hinan, reißt im oberen Gelaß ein Fenster auf und beugt sich hinaus, um vielleicht noch sehen zu können, wer der Warner gewesen ist. Im Zwielicht des flimmernden Schnees und des schwachen Blinkens der wenigen Sterne am Himmel kann sie nur noch eine schwarze Gestalt wahrnehmen, die eilig den Bühl hinunterläuft. Eine eilige Warnung, offenbar eines Freundes, der selbst die Häscher fürchtet und sich gar nicht die Zeit genommen hat, auf das Öffnen der Hausthüre zu warten. Dem Ätti droht also Gefahr; Thrinele wird wach bleiben müssen. Wer weiß, ob nicht schon in dieser Nacht die Büttel oder Soldaten kommen werden. „Alles ist verloren!“ hat jener Mann gerufen; das kann doch nur die Salpeterersache angehen, für welche Thrinele sich noch nie hat begeistern können. Sie ist, seit sie die Ruhe und den Frieden bei Bibers, in der Halunkenfamilie, kennen gelernt, jetzt völlig für die Partei der „Ruhigen“, die über kurz oder lang wohl Oberhand im Wald wird gewinnen müssen. Was bei ständigem Streit, bei der Prozeßwut herauskommt, hat Thrinele im Vaterhause zur Genüge kennen gelernt; die letzte Kuh ist aus dem Stall und vom Advokaten verschlungen worden, die wenigen Felder sind unbebaut geblieben und Ättis Waldgrund ist gelichtet. Verarmt die ganze Familie, Gott sei's geklagt! Wenn je an Hochzeit gedacht werden dürfte: was kann's Maidli dem Michel anheiraten und mitbringen? Nichts als ihr gutes Herz und den guten Willen, ihm, dem Geliebten, treu zu dienen! Und das, so flüstert Thrinele im einsamen Haus vor sich hin, ist ja so wenig!

Die Nacht geht rum, ohne daß sich etwas ereignet; Thrinele hat angekleidet im Bette gewacht, nur auf kurze Zeit sich wohltätigem Schlummer überlassen. Am frühen, dämmerigen Morgen hält Thrinele Nachsuche in den Küchenvorräten, und da sieht es übel genug aus. Mehl und Butter muß ergänzt werden, auch Salz geht zur Neige. Zum Glück findet das Mädchen etwas Kleingeld zum Einkauf in der Schublade Ättis, und damit pilgert Thrinele, nachdem sie das Haus wohl verwahrt, hinüber nach Hochschür und trägt den Proviant im Rückenkorb dann wieder ins winterlich einsame Haus.

* * * * *

Wienechtzit! Weihnachten im Walde naht, schneebeladen stehen die dunklen Tannen als richtige Weihnachtsbäume, festgefroren klammert sich das erstarrte Geflock ans Geäst. Eisig kalter Wind pfeift um die Bühlhöhen und heult in den eisgeschmückten Schluchten. Mehr denn je umlagern die einsamen Wäldler den Ofen und verbringen die Zeit auf der „Chauscht“. Strohumhüllt stehen die Brunnen, auf daß das nötige Wasser nicht einfriert. Überall tiefer Schnee, starres Eis, und eine bittere Kälte! Wer nicht muß, verläßt das schützende Haus nicht, und draußen giebt es um Weihnachten keine Arbeit, zumal die Holzarbeit längst erledigt ist.

Die Feiertage stehen vor der Thür. Thrinele hat es sich angelegen sein lassen, die Stuben sauber zu fegen und verbringt die langen, stillen Abende am schnurrenden Spinnrad, mit Gedanken an den Geliebten und an den verschwundenen Vater. Bittere Sorge um ihn erfüllt das junge Herz, seit Thrinele in Hochschür erfahren, daß in Kuchelbach die Salpeterersache ein so böses Ende nahm. Niemand will aber an jenem Unglückstage den Streitpeter gesehen haben; die Hochschürer Salpeterer, so sie sich durch rasende Flucht retten konnten, verstehen es auch nicht, warum just der Vertrauensmann beim Zuge nach Kuchelbach gefehlt hat. Daß er etwa Halunke geworden sei, ist nicht wahrscheinlich, dagegen spricht sein Verschwinden. Es müßte nur sein, daß er verunglückt, an einsamer, wenig begangener Stelle von einer Pandurenkugel niedergestreckt und noch nicht aufgefunden worden sei. Ein ganz rätselhaftes Verschwinden! Übel genug steht die Salpeterersache an sich, wenn auch für die nächsten Monate, so lange des starren Winters Macht auf dem Walde gebietet, keine Gewaltmaßregeln gegen die Bruderschaft zu gewärtigen sind. Und jener fremde Warner wird ein Salpeterer, vielleicht aus Herrischried gewesen sein, der von der Kuchelbacher Niederlage erfahren hat und den Ätti eilig verständigen wollte in der Meinung, daß die Panduren auch zum toten Bühl heraufkommen würden.

Früh dämmert es am Bühl, doch wirft die große Schneefläche noch so viel Schimmer in die Stube, daß Thrinele eine Weile ohne Kienspan spinnen kann. Im Kachelofen knistert und prasselt das eingeschürte Tannenholz, behagliche Wärme verbreitend. An Einsamkeit gewohnt, empfindet 's Maidli die winterliche Gefangenschaft nicht so schrecklich, zumal ja die Arbeit die Zeit kürzt. Ein Knirschen im Schnee wird hörbar, das knarrende Geräusch nähert sich dem Hause. Sollte ein Gast kommen? Fast fürchtet sich Thrinele. Ein Ausblick durch die mit Eisblumen gezierten Fenster ist nicht möglich, zum Aufhauchen eines Guckloches im Fenster fehlt die Zeit. Es pocht am sorglich verschlossenen Thor, erschrocken fährt Thrinele auf und eilt hinaus. „Wer isch drauße?“ fragt das Mädchen im kalten Flur.

„Ufgemacht! Ich, der Peter Gottstein bin's und will in mi Haus!“

„Ätti, Ätti!“ ruft Thrinele überrascht und schließt, zitternd vor Überraschung und Erregung auf.

„Rasch, rasch! schließ' zu!“ schreit Peter und eilt in die warme Stube, um sogleich am Ofen die „Chauscht“ aufzusuchen und sich die steif gewordenen Hände zu wärmen.

Ob verdächtige Gestalten, Soldaten in der Nähe gesehen wurden, fragt Peter und beruhigt sich erst, als Thrinele versichert, seit vielen Tagen niemanden in der Umgebung gesehen zu haben. Dann wär' es gut, meint Ätti und fordert Atzung nebst Wein, langentbehrte Dinge im Waldversteck.

Verwundert steht 's Maidli vor dem verwildert aussehenden Vater, der ihre Anwesenheit im Hause als selbstverständlich zu betrachten scheint und alles Vorhergegangene ignoriert. „Versteckt warsch, Ätti?“

„Leng' mir e Schöppli!“ befiehlt der Alte; das Weitere werde er schon erzählen. Thrinele holt gleich einen Krug voll Wein aus dem Keller und bringt den Rest Rauchfleisch, den die Hochschürer Schinkenfreunde zurückzulassen die Güte hatten. Peter labt sich und haut ein, tüchtig und eilig.

„Hasch Hunger, Ätti?“

„Dummes Geschwätz! Iß wenn d' chasch (kannst) un nüt hasch! Ich han schon drei Tag' nüt mehr 'gesse! Lueg!“ Und nun erzählt Ätti, inzwischen immer nach verdächtigen Schritten horchend, wie er am Abend nach der Kuchelbacher Schlacht heimgerannt, mit wenig Proviant in den tiefsten Tann geflüchtet sei und sich dort in einer Rindenhütte verborgen gehalten habe.

„Bi diese Kälte?!“

Es sei furchtbar kalt gewesen, namentlich zur Nachtzeit, und knapp die Nahrung. Als alles aufgekehrt gewesen, habe er in tiefer Nacht es gewagt, neuen Proviant zu holen.

„Dann war Ätti selber der Schinkendieb?“ wirft Thrinele ein.

„Wie?“

Thrinele setzt dem Vater auseinander, daß die Rauchkammer nahezu gänzlich ausgeraubt sei.

Peter schüttelt den Kopf; den benötigten Proviant habe er keineswegs aus seinem eigenen Hause geholt, sondern einem Hochschürer Keller, — es war ein Halunkenkeller — wo ein frischgeschlachtetes Schweinlein hing, entnommen, und — weil es pressierte — die Zahlung auf später verschoben. Fehlt etwas im „Ast“-Wirtshause, dann haben andere ihm seine Vorräte — gestohlen. Ja die Hochschürer!!! Also niemand von den Panduren war heroben am Bühl; auch niemand von den Behörden!

Abermals versichert Thrinele, daß sie niemanden gesehen habe.

Hm! Dann hat Peter die furchtbare Entbehrung gelitten ganz grundlos! Ebenso gut hätte er zu Hause in seinem Bett liegen können. Aber zu trauen ist der Geschichte nicht. Und verloren ist die Salpeterersache doch!

„Wie sagsch, Ätti?“

„Es ist nicht mehr an einen Sieg zu glauben. Aber ich will mich an Gottvater selber wenden, er soll entscheiden zwischen uns und dem Großherzog, und darnach wollen wir uns halten und fürder leben. Ich habe es mir gründlich überlegt draußen im bitterkalten Tann, und der Zweifel sind immer mehr geworden, ob wir allein recht hätten oder ob vielleicht doch der badische Herzog Herr ist und nicht bloß „Maier“ (Verwalter) vom Kaiser!“

„Ätti! Du glaubsch an den Herzog?!“ ruft freudigst überrascht Thrinele aus.

„Noch nicht! Der Herrgott soll entscheiden! Und nun halt' du Wache! Weck' mich beim geringsten Geräusch! Morgen soll sich's entscheiden. Guete Nacht, Thrinele!“

Wie eine Katze schleicht der Alte in seine Stube, um nach langer Entbehrung wieder einmal in einem Bett zu schlafen.

Gerne wacht Thrinele für den Vater; kann sie doch jetzt ungestört ihren Gedanken nachhängen, die diesmal freudiger Art sind. Ist Ätti auch noch nicht ganz für den Großherzog, so befindet er sich doch bereits auf dem Weg, der zur Partei der „Ruhigen“ hinüberführt, und kann Ätti überzeugt werden, daß die Einungszeiten vorüber sind und der Großherzog zu Recht herrscht in seinem Lande, dann wird Ätti sicherlich die Salpeterer aufgeben und badisch werden. Und dann freue dich, junges Herz! Ist Ätti selber Halunke, wird ihm auch die Halunkenfamilie Biber nicht mehr als Feind erscheinen....

* * * * *

Der nächtlichen Sternenpracht machen rasch aufziehende graue Wolken ein Ende; ein steifer Nordwest jagt sie heran, es schneit bei großer Kälte: hartgefrorner kleinkörniger Schnee, der klirrend ausschlägt bei Berührung der harstigen alten Schneedecke. Und immer dunkler färbt sich das Firmament; tief hängen schwarze Wolken, bald hierhin, bald dorthin gejagt, ein eigentümlich Sausen erfüllt die Luft, grelle Blitze zucken hernieder: ein Gewitter ist im Anzuge. Dann springt der Wind um und bläst aus Süd, weicher werden die Flocken, Regentropfen fallen dazwischen: ein tolles Chaos in schwarzer Nacht mit unheimlichem Knistern, das auch noch forttobt am Morgen, die Tageshelle zurückhaltend. Verwundert betrachtet Peter den Sturm der Elemente von seinem offenen Stubenfenster aus; solche Gewitterstimmung verbunden mit Knistern und Sausen hat er um Weihnachten noch niemals wahrgenommen. Und abergläubisch fragt er sich unwillkürlich, was diese Trübung, diese Gewitterstimmung zu außergewöhnlicher Zeit wohl bedeuten möge. Will die Natur Unheil drohen, wie sonst blutigrote Kometen Krieg verkünden? Steht der dräuende Himmel in Verbindung mit der niedergehenden Salpeterersache? Schwarz, düster wie das Firmament ist ja die Zukunft der Wäldler seit der Metzelei am Friedhof zu Kuchelbach! Ein schauriger Beginn des Weihnachtsfestes, ein unheimlicher Heiliger Abend im Walde! Aber just bei solchem Himmel soll das Gottesgericht abgehalten werden. Gottvater soll entscheiden am Heiligen Abend über die heilige Sache und den Großherzog! Peter will nicht länger zögern; das Gottesgericht soll mit zwei Kerzen abgehalten werden und zwar um die siebente Abendstunde oben am Kreuz der Bühlhöhe. Drum sucht er, sich ins untere Gelaß begebend, nach Kerzen, wie solche, als sein Weib noch lebte, häufig während eines Gewitters angezündet worden sind, geweihte, sorglich aufbewahrte Wetterkerzen, bei deren Brand gebetet wurde, auf daß der Herr der Heerscharen und Elemente jeglich Unheil vom Hause ablenken und den Blitzstrahl in den Tann führen möge. In die Gaststube tretend, findet der Alte Thrinele schlummernd im Stuhl am Fenster mit einem verklärten Lächeln auf den Lippen. Wie die Thür ins Schloß fällt, schreckt das Mädchen zusammen und erwacht.

„Ätti, verzeih'! Der Schlaf hat mich überwältigt! Es isch aber niemand chommen!“

Wohl grollt Peter über solche „Wacht“, bei welcher einem das Haus weggetragen werden könnte; doch ist sein Sinn zu sehr auf das geplante Gottesgericht gerichtet, und milder, als es sonst seine Art ist, fragt er 's Maidli, wo denn die Wetterkerzen aufbewahrt seien.

„Wetterkerzen! Jez ze Wienechtszit?“

„Wienecht hin, Wienecht her! Ich mueß die Kerze han!“ Thrinele eilt in ihre Stube und kommt alsbald mit zwei schwarzen Kerzen zurück und überreicht sie dem Ätti.

Sinnend betrachtet der Alte die alten Kerzen, die noch keine Verwendung gefunden und wohl noch von Muetti aufbewahrt worden sind. Wenn man nur gewiß wüßte, ob die Kerzen auch richtig geweiht worden sind. Wenn nicht, so kann das Gottesgericht nicht richtig abgehalten werden. Sie aber nochmal, der Sicherheit wegen, weihen zu lassen, ist auch nicht angängig, denn der Pfarrer würde unzweifelhaft nach dem Grund einer abermaligen Weihe fragen, und Peter ist nicht gewillt, Gründe anzugeben und sich dreinreden zu lassen. Was aber thun? Peter will sicher gehen, die Kerzen müssen geweiht sein. Ob die Weihe aber nur der Geistliche vornehmen kann? Ein Gedanke fährt dem Alten durch den Kopf, und urplötzlich fragt er die Tochter, ob Weihwasser im Hause sei.

„Weihwasser?“ Thrinele vermag sich vor Verwunderung nicht zu fassen. Was doch der Ätti für sonderbare Dinge verlangt. Weihwasser ist vor Jahr und Tag in die sogenannten Weihwasserkesselchen neben der Schlafstubenthüre gegeben worden. Thrinele selbst hat es dem Taufbecken der Kirche entnommen und in einem Fläschchen heimgetragen. Wenn 's nicht völlig eingetrocknet ist, wird es wohl noch vorhanden sein. Ätti meint, daß solche Rede beweise, daß Thrinele nicht gar oft den Finger mit Weihwasser genetzt und das Kreuzzeichen gemacht hab. „Leng' es her!“

Gehorsam und über den Tadel des Vaters betroffen holt Thrinele das Kesselchen, worin sich ein Rest des geweihten Wassers befindet. Das genügt für den beabsichtigten Zweck. Peter schafft die Tochter aus der Stube, er will allein sein für eine Weile. Sodann bekreuzt sich der Alte und spricht vor sich hin: „Heiligste Jungfrau und Mutter Gottes Maria! Ich beschwöre dich durch das Blut des Heilandes, der für uns am Kreuz gestorben, steh' mir bei, nimm mich auf in die Zahl deiner Diener und sei Fürsprecherin für mich!“ Sodann nimmt er die beiden Kerzen, senkt sie mit dem unteren Teil in den Rest des Weihwassers und spricht: „Es steige herab in diese Quelle des Wassers die Kraft des Heiligen Geistes und gebe ihm wie den Kerzen die heilige Weihe! Amen!“ Dreimal macht Peter das Kreuzeszeichen über die Kerzen und beendigt die nach seiner Meinung nun betätigte „Weihe“. Sein Gewissen ist nun beruhigt, die Kerzen sind zum Gottesgericht geeignet. Sorgsam wickelt er selbe nun in ein Stück Papier, das er dem Kalender entreißt, und steckt sie in seine Rocktasche. Sodann ruft er nach der Tochter und fragt, was alles zu besorgen sei für die Weihnachtstage. Er giebt Thrinele einige Bätzner, womit 's Maidli, so der Schnee einen Gang ins Dorf verstatte, das Nötige einkaufen solle. Er selber werde, der Sicherheit halber, den Tag im Walde verbringen und erst nach Einbruch der Dunkelheit zurückkehren.

Trotz des schweren Schneefalles und der unheimlichen Witterung verlaßt Peter das Haus und watet, bis an den Bauch in den Schnee sinkend, über den Bühl dem Tann zu. Thrinele bahnt sich mühsam den Weg in's Dorf, um Vorräte einzukaufen. Bei Bekannten spricht sie vor, um die müden Füße etwas ausruhen zu lassen, und wie es schon geht, giebt ein Wort das andere. Auf die Frage, wie es zu Hause, im „dürren Ast“ gehe, platzt 's Maidli glücklich heraus, daß Ätti vergangenen Abend nach längerer Abwesenheit plötzlich heil und gesund, bloß arg verfroren, heimgekehrt sei und heute morgen die geweihten Wetterkerzen verlangt habe, mit denen er das Haus verlassen habe und in den Tann gegangen sei. Ist das eine Neuigkeit! Der Streitpeter zurück, gesund! Und alles hat bereits geglaubt, er liege irgendwo erschossen und verschneit! Und um Weihnachten verlangt er Wetterkerzen und geht damit in den Wald. Was das bedeuten mag? Offenbar will er sie opfern am Bühlerkreuz für die „gute“ Sache der Salpeterer. Das ist ein frommes, verdienstliches Werk, an dem man sich eigentlich auch beteiligen sollte, zum Nutzen der Salpeterersache.

Thrinele beendet das Gespräch; ihr ist immer unbehaglich, wenn von der „guten“ Sache gesprochen wird, weil sie stets insgeheim befürchtet, um ihre Meinung gefragt oder als heimliche „Halunkin“ erkannt zu werden. Unter der Vorgabe, daß der Weg durch den tiefen Neuschnee beschwerlich sei und Zeit verlange, entfernt sich Thrinele, ahnungslos, daß sie mit ihren Mitteilungen die Neugierde der Dörfler, die sofort verständigt wurden, aufs höchste wachgerufen hat. Es dauert auch nicht lange, da stapfen Männer und Burschen tapfer durch den Schnee und waten der Bühlhöhe zu. Am Waldesrand aber verbergen sie sich hinter den mächtigen Tannen, um der kommenden Dinge zu harren.

Früh wird es dunkel — hell ist's den ganzen Tag über nicht geworden — die Gewitterwolken hängen noch immer dräuend, pechschwarz tief herab, der Schneefall hat Nachmittag aufgehört, doch saust und knistert es ganz unheimlich, ein sonderbarer phosphoreszierender Schimmer strahlt von der Schneedecke am Bühl aus. Unverdrossen harren die Dörfler aus im Schnee stehend und auf das „Ereignis“ wartend.

Und da taucht auch richtig der alte Peter auf oben auf der Bühlhöhe und schreitet, mühsam im Schnee watend, dem Grenze zu, an dessen Schaft er die Wetterkerzen befestigt und selbe dann anzündet. Peter knieet nieder und ruft mit lauter Stimme: „Entscheide du, o Herr des Himmels und der Erde! Gott soll richten zwischen uns. Es brennt die Kerze für unsere heilige Sache und neben ihr die Kerze für den Herzog! Entscheide, o Herr, bestimme durch das Kerzenlicht und laß' erkennen dein Urteil! Ich füge mich der Sache, für welche die Kerze am längsten brennt! Verloren ist jene, die zuerst verlöscht! Entscheide, o Herr! So walte das Gottesgericht! Amen!“

Lautlos sind die Dörfler nähergerückt, die Augen in höchster Spannung auf das Kreuz und die brennenden Kerzen gerichtet. Peter starrt unverwandt auf die beiden Kerzen, die seinen Zweifeln ein Ende machen, entscheiden sollen, wessen Sache die gute und richtige ist.

Und nun knistert die Salpetererkerze, sie flackert auf, glost und verlöscht — — —. Ruhig, stetig brennt die Herzogskerze fort.

„Der Herzog hat recht!“ schreit Peter mit gellender Stimme und erhebt sich. Im selben Augenblick strahlt heller weißer Lichtschimmer vom Kreuze aus in Büschelform, es saust und knistert geisterhaft ringsum, ein seltsam Lichtbüschel, weißglühend flammt von der Herzogkerze aus, es leuchtet Peters Hut in einem bläulich weißen Licht, seine ganze Gestalt ist von weißvioletten Strahlen umflossen, eine blendende weiße Lichtsäule flammt vom Kreuz auf: Elmsfeuer!

Peter, überwältigt von dieser Lichterscheinung und dem Gottesgericht wirft sich in die Kniee, und desgleichen beugen sich die herangekommenen Dörfler, kreuzschlagend, fassungslos die erloschene Kerze und die ruhig brennende, weißschimmernde Herzogskerze anstarrend. Jetzt bemerkt Peter die Salpetererschar und ruft ihr zu mit vor Aufregung bebender Stimme: „Gott hat entschieden, aus ist's mit den Rechten vom Grafen Hans! Der Großherzog ist Herr, Gott ist für ihn! Ich werde Halunke, ich werde badisch, so wahr mir Gott helfe!“

Fassunglos, überwältigt starren die Salpeterer den Peter und das Kerzengericht an. Richtig ist eine Kerze erloschen, die andere brennt, und das Elmsfeuer leuchtet mit magischem Licht dazu. Unwillkürlich flüstern die Leute: „Der Großherzog ist Herr!“

Und mit einemmale erlischt das Elmsfeuer, es ist dunkel ringsum, nur der Schnee flimmert. Fort sind die Wetterwolken, klar der Himmel, milder Sternenschein glitzert herab, und unentwegt brennt am Kreuzesschaft die Herzogskerze. Peter ist befreit von seinem Zweifel, für ihn ist die Salpeterersache abgethan; er will badischer Unterthan werden. Schier mit Ehrfurcht tastet seine zitternde Hand nach der Herzogskerze, die er brennend vom Kreuzesschaft nimmt und wie ein Heiligtum vor sich herträgt. Und seltsam: es brennt diese Kerze trotz des Luftzuges; Peter bringt sie brennend durch den tiefen Schnee und durch dunkle Nacht heim zum toten Bühl, die Kerze wie ein Kleinod bewahrend. In scheuer Entfernung, Abstand haltend, folgen ihm die Dörfler, denen das Gottesgericht ein Wunder dünkt, vor dem sie vorerst fassungslos sind.

Schon viel früher als Ätti angegeben, luegt Thrinele nach dem Vater aus: ein Gefühl der Freude, eine unbestimmte Ahnung, eine innere Unruhe nimmt dem Mädchen die Ruhe. Thrinele vermag nicht zu spinnen, sie kann nicht ruhig sitzen, nicht stehen bleiben. Es ist ihr, als werde sie in der nächsten Stunde etwas Ungewöhnliches, für ihre Verhältnisse Außergewöhnliches erleben, und Ätti werde ihr das Glück heimbringen.

Und da kommt der Vater richtig vom Bühl herab, eine Kerze tragend! Was das wohl zu bedeuten hat?

Wie verklärt im Gesicht tritt Ätti feierlich in sein windschiefes Haus, krampfhaft die Kerze tragend, und begiebt sich in die Gaststube, wo er die Kerze sorgsam in einen Leuchter steckt und weiterbrennen läßt. Verwundert folgt Thrinele ihm nach; sie hat die Frage, was es denn mit dieser zum Stümpfchen herabgebrannten Kerze sei, auf den Lippen, doch wagt sie keine Anrede angesichts der feierlichen Haltung des Ätti. Nun knieet der Vater nieder, betet andächtig ein Ave Maria, bekreuzt sich und sagt: „Ich bin geheilt von allem Zweifel und Wahn, ich werde badisch, Amen!“

Ein Jubelruf tönt durch die stille kleine Stube, und Thrinele fliegt dem Vater an den Hals, Ätti küssend und umarmend.

Sanft wehrt der Alte die stürmischen Liebkosungen ab und mahnt Thrinele, nun die Kerze auszublasen, das Stümpfchen aber solle als Heiligtum fürder aufbewahrt werden als sichtbares Zeichen des Gottesgerichtes am toten Bühl.

Gehorsam befolgt 's Maidli diesen Auftrag. Dann aber fragt Thrinele bewegten Herzens, wie denn das Wunder gekommen sei. Lange dauert es, bis Ätti seiner inneren Erregung Herr wird. Er hockt auf der „Chauscht“ den Blick auf das Kerzenstümpchen gerichtet, mit gefalteten Händen. Allmählich findet er die Sprache wieder und flüstert vor sich hin: „Badisch! Der Großherzog ist Herr! Gott ist für ihn, der Herzog ist mein Landesherr, ich halt' zu ihm!“

„Ätti!“

„Was isch?“

„Ätti! Darf ich an badisch were?“

„Gewiß wirsch du an badisch!“

Wieder tönt ein heller Jubelruf durch das Gemach, der Petern veranlaßt, der Vermutung Ausdruck zu geben, daß es Thrinele am Ende weniger um den Großherzog als um einen anderen Badener zu thun sei.

Eine jähe Röte fliegt über des Mädchens Wangen; Thrinele huscht zu Ätti auf die Ofenbank und weint sich an Vaters Brust aus vor Glückseligkeit. Weich gestimmt, fragt Ätti, zu wem Thrinele denn damals geflüchtet sei, und erglühend stottert 's Maidli heraus, daß sie Jobbelis Unthat durch freiwillige Krankenpflege einigermaßen gut machen wollte.

Also war 's Maidli bei Bibers in Herrischried?

Thrinele nickt und birgt das glühende Köpfchen an Vaters Brust.

„Also isch Bibers Michel der Holderstock?“

Thrinele haucht ein „Ja!“ vor sich hin und hebt die Hände bittend empor.

Ätti erhebt sich, und angstvoll sieht Thrinele auf den Vater, der vom Aktengestell einen Pack Schriften herabnimmt, auf den Tisch legt und auf einen frischen Bogen zu schreiben beginnt: „Es ist usprobyrt am heutigen Tage und erledigt die Appellation an den höchsten Richter der Lebendigen und Toten durch sothanes Gottesgericht, allwo heute stattgefunden am toten Bühl zu Füßen des Kreuzes und geendet zu Recht und Gunsten des Großherzogs von Baden! Es erfließet daraus der

Beschluß: