Chapter 14
Dazu ist trotz der schweren Last der Abt gern bereit, im Frohgefühle, daß der Offizier doch etwas Deutsch versteht, und giebt Alphons sofort Befehl, die Offiziere und Sergenten in der Abtei selbst, einen Teil der Musketiere in den Lagerräumen, den Rest der Soldaten jedoch in den Häusern der Hörigen und sonstigen Unterthanen unterzubringen. Sofort erheben sich die Offiziere, um die Durchführung dieser Anordnung persönlich zu überwachen.
Die Mönche können das Tischgebet ja alleine verrichten. Indes es draußen wie im Kloster lärmend hergeht, liest Abt Alphons das ihm übergebene Schreiben von Baron l'Oisonville. Wenn auch nicht alle Ausdrücke und Redewendungen ihm verständlich sind, den Inhalt erfaßt der Abt doch sofort, und erblassend starrt er auf das inhaltschwere Schreiben, in welchem der französische General kurz und bündig mitteilt, daß das Gesuch um Schutz bewilligt werde durch Entsendung von einhundert Mann nebst drei Offizieren gegen monatliche Zahlung einer Entschädigung von dreißig Gulden rheinischer Währung und Verpflegung der gesamten Musketiere auf die Dauer von vier Jahren und Verpflichtung zum Schadenersatz an Menschenleben, Wehr und Waffen im Falle jeglicher kriegerischer Aktion, so solche aus einem Angriff von Schweden oder Württembergern auf klösterlichem Grund und Boden erfließen sollte.
Abt Alphons faßt sich an die Stirne, und bebend flüstert er: „Großer Gott! was habe ich gethan!“ — — Tief erschüttert sucht er seine Gemächer auf; er muß allein sein jetzt, allein mit sich selber.
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Rücksichtslos, gewaltthätig vollzieht sich zu später Stunde bei Fackelschein die Einquartierung bei den Klosterunterthanen, deren Schreckensrufe zum nächtlichen Himmel tönen. Auch Abt Alphons wird durch das Geschrei und Gejammer der Leute, die man aus den Betten riß, um selbst darin zu ruhen, aus seiner Erstarrung geweckt und verstört blickt er durch das Fenster auf den Schauplatz der heraufbeschworenen Kriegsgreuel. Johlend hetzen betrunkene Soldaten dürftig gekleidete Mädchen, die sie aus den Häusern gejagt, umher; Weiber werden von Gatten und Kindern gerissen und mißhandelt, Burschen geprügelt, wenn sie sich im geringsten wehren gegen verlangte Knechtesdienste, und Männer gefangen gesetzt, sobald sie gegen solches Gebahren protestieren.
Wird einer der Offiziere sichtbar, so weichen die Musketiere wohl zurück und geben Ruhe; kaum aber kehren die Befehlshaber den Rücken, wird um so wilder getobt, und behaglich lachen die aufgestellten Posten zu den wüsten Scenen.
Eine schönere Gelegenheit zu einem Lasterleben ohne Dienst kann der Soldateska nimmer geboten werden; sie ist Gast eines reichen Klosters und Schützer, daher auch Gebieter. Die Soldaten haben rasch die günstige Lage begriffen und lassen ihrem Übermut vollends die Zügel schießen, zumal der überreiche Weingenuß die rauhen Kriegsknechte toll gemacht hat.
Händeringend steht der Abt am Fenster, Verzweiflung im Herzen. Ist er völlig wehrlos gegen solche Greuel in nächster Nähe der geweihten Stätte? Noch ist er Herr auf eignem Grund und Boden, noch ist er und nicht die Franzosen Abt und Gebieter von Alpirsbach. Alphons rafft sich auf, er will solche Übelthaten gleich am ersten Abend unterdrückt sehen, heute noch, ehe sie weiter um sich greifen. Entschlossen geht der Abt hinab zum Refektorium, wo er die Offiziere beim Wein sitzend wähnt. Dem ist wirklich so: die Franzosen sitzen an der Klostertafel beim Würfelspiel.
Entsetzt besieht Alphons diese Gruppe: im Refektorium ein Würfelspiel! Und wie bereitwillig die jüngeren Konventualen und Brüder den Herren immer neue Kannen zutragen und vergnüglich dem Würfelspiel zusehen! Wie einst Jesus Christus die Händler aus dem Tempel, so möchte Abt Alphons die Offiziere jetzt in heiliger Entrüstung von dannen jagen ... Aber hat nicht er selbst sie gerufen, sie als Gäste aufgenommen im früher so stillfriedlichen Kloster?! —
Wieder dringt Geschrei und Johlen herein. Der Abt zuckt zusammen, fest pressen sich seine Lippen aufeinander, würdevoll schreitet er auf den Kapitän zu.
Ärgerlich ob der Störung im Spiel, erhebt sich der Kommandeur und fragt, halb zum Abt, halb aber zu den Spielern gewendet, nach dem Wunsche des Klostervorstandes.
Mit bebender Stimme weist Alphons auf die beobachteten wüsten Vorgänge draußen hin und fordert Zucht und Ordnung.
Der Kapitän zuckt die Achseln und erwidert leichthin: „à la guerre comme à la guerre, Monsieur l' Abbé!“ und wendet sich vollends zu den Spielern.
Eine jähe Röte schießt dem Prälaten ins Antlitz, zornig ruft er. „Nein, Herr Kapitan! Hier giebt es keinen Krieg zu führen, zunächst noch nicht! Was ich gesehen, sind Kriegsgreuel, und solche dulde ich nicht! Ich bin Herr und Gebieter hier und verbiete dergleichen!“
Spöttisch sieht der Kapitän dem Redner ins Gesicht und spricht unter höhnischem Lächeln: „Pardon, Monsieur l'Abbé! Dominateur et chef de Alpirsbak sein ik! Bon soir!“
Unbekümmert um den sprachlos gewordenen Abt und die wie versteinert stehenden Mönche setzt sich der Kapitän wieder zu den Offizieren und würfelt vergnüglich weiter. Und was die Konventualen wie die Fratres noch mehr als die Kunde, das Alphons selbst die Franzosen herbeigerufen, überrascht, daß ist die Thatsache, daß der Abt die Anmaßung der Franzosen widerspruchslos läßt und mit gesenktem Haupte aus dem zur Lasterhöhle gewordenen Refektorium schreitet. Der früher herrisch stolze Abt beugt sich einem gallischen Windbeutel und überläßt dem Franzosen die Herrschaft über Alpirsbach!
Die Mönche suchen nun auch ihre Zellen auf bis auf die Aufwärter, die verharren müssen, bis es den Franzosen gefällig ist, das Spiel und Gelage zu beendigen, um sodann die Lichter auszulöschen und die Herren in ihre Gemächer zu führen.
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Knieend am Grabe seines Weibes hat Euseb ein inbrünstig Gebet verrichtet; eben ist er im Begriff, sich zu erheben und den Friedhof zu verlassen, als Trommelwirbel an sein Ohr schlägt. Die Franzosen sind da, auf welche der Pelagier vergessen hat in seiner Wehmut und Andacht. Mit dem widerwärtigen Kriegsvolk will Euseb am liebsten gar nicht in Berührung kommen, weswegen er am Grabhügel verharrt, geschützt durch die finstere Nacht. All' die wüsten Vorgänge kann Euseb von hier aus deutlich wahrnehmen, und die Greuel lassen ihn erschauern. Seine Fäuste ballen sich, die Adern schwellen, heiß drängt das Blut zum Herzen. Und all' das wüste Treiben eines ausgeladenen Kriegsvolkes hat der Abt selbst heraufbeschworen, selbst verlegt auf den stillen Weiheboden von Alpirsbach! Der Deutsche schrie nach dem Franzosen! Und nun hat er die Bescherung! Den deutschen Württemberger fürchtete er, und französische Schändlichkeit muß er nun dulden. O, hätte der stolze mächtige Abt auch nur ein winzig Teil von dem deutschen Empfinden des armen Hörigen! Doch jetzt ist's zu spät! Der gallische Hahn ist gerufen, und nun kräht er...
Jenes Mägdlein in dürftiger Kleidung, verfolgt von einigen betrunkenen Soldaten, flüchtet in Todesangst direkt auf den Friedhof zu, und brüllend vor sinnloser Lust folgen die Kerle. Wie sie aber bei Fackelschein erkennen, daß Grabkreuze aufragen, prallen sie zurück und machen kehrt. Nur ein Musketier dringt in den Kirchhof ein und taumelt der weißgekleideten Gestalt des Mädchens nach. Was gilt dem Franzosen die Friedhofsruhe und geweihte Stätte der Toten!
Hart an Euseb vorbei hastet die entsetzte Jungfer, hinterdrein fluchend und johlend der Kriegsknecht. Plötzlich erhebt sich der Pelagier in seiner ganzen Größe, reißt vom nächsten Grabe das Holzkreuz aus der Erde und schlägt es mit Wucht auf den Schädel des Wälschen.
„Der schändet deutsche Tugend nimmer!“ flüstert Euseb, ruft dann leise das Mädchen herbei, dem er rät, die Schreckensnacht im Beinhause des Friedhofes zu verbringen. Dort sei die Jungfer sicher vor jeglicher Nachstellung. Wohl zittert das Mädchen, aber lieber bei Gebeinen und Totenköpfen die Nacht verbracht, als unter französischer Lasterhaftigkeit. Der Pelagier aber setzt mit kühnem Sprung über die Friedhofsmauer und entflieht unter dem schützenden Dunkel der Herbstnacht in den Tann.
Spät erst verlöschen Lichter und Fackeln und legt sich der Lärm und Jammer. Nur der gleichmäßige Schritt der Wachposten ist hörbar und kurze Rufe bei Ablösung derselben.
In seinem Gemach kniet der Abt vor dem Kruzifix, bitterlich weinend, den unglückseligen Schritt bereuend und Gott den Allmächtigen um Schutz für das Kloster anflehend....
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In der Dämmerung des kalten nebligen Morgens verläßt das Mädchen frostdurchschüttelt das Beinhaus und huscht durch den Friedhof, um über den Platz vor der Abtei das Elternhaus so rasch als möglich zu erreichen. Doch der Wachposten hält die Jungfer an, sein Ruf lockt Soldaten herbei, die eben im Begriff standen, das Frühstück zu requirieren, mit Halloh wird das nur mit Hemd und Nachtjäcklein bekleidete Mädchen umringt. Gellend schreit das geängstigte Mädchen um Hilfe und wehrt sich verzweifelt gegen die Zudringlichkeiten der Musketiere. Ein Sergent aber, der die Flucht aus dem Friedhof wahrgenommen, tritt in denselben, um nachzusehen, was sich wohl zwischen den Gräbern ereignet haben möchte. Bald hat er die Leiche des erschlagenen Soldaten erblickt, auf die er losstürzt und dabei aus Leibeskräften um Hilfe ruft. Betroffen lassen die Musketiere das Mädchen los und laufen in den Kirchhof, den Kameraden zu holen. Ein betäubendes Geschrei folgt, die Soldaten zetern und brüllen, der Sergent läßt durch den Trompeter Alarm blasen, und in wilden Sätzen stürmen die Musketiere notdürftig bekleidet, doch mit ihren Waffen heran. Im Kloster wie in den Häusern wird's lebendig, Hörige, Mönche laufen zusammen, auch die Offiziere kommen mit blankgezogenen Degen angerannt, Befehle schreiend und die Kompagnie formierend. Hastig fordert der Kapitän en chef Rapport, und ein wilder Fluch entfährt seinem Munde beim Anblick des ermordeten Musketiers. Dann wird eine Patrouille zur Fahndung nach dem unbekannten Mörder entsendet und ein Lieutenant mit vier Mann abgeschickt, den Abt herabzuholen.
Abgehärmt, bleich nach schlaflos verbrachter Nacht, unsicheren Ganges folgt Abt Alphons dem Offizier heraus auf den Klosterplatz. Ohne Gruß deutet der Kapitän mit der Degenspitze auf die am Boden liegende Leiche und fordert Rechenschaft vom Prälaten, der für jeden Mann wie für jede Waffe verantwortlich sei.
Alphons bebt; die Leiche sagt ihm das, was er in der Rede des Kommandeurs nicht verstanden.
„Monsieur l'Abbé sein obligé, müssen zahlen contribution: cent florins par l'homme, und stellen un homme Ersatz. Und Strafe extra an jede Mann cinq sous! Wird meurtier nix gestellt: deux fois cent florins!“
Alphons ringt in Verzweiflung die Hände: „Ich bin doch unschuldig an der Unthat!“
Der Kommandeur läßt die Kompagnie einrücken, den Toten in das Beinhaus tragen und begleitet den fassungslosen Abt in das Kloster, um die verhängte Kontribution sofort einzukassieren.
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Zu wahren Schreckenstagen wurde für das Kloster die nächste Zeit; die Musketiere zeigten sich immer gieriger, raubten aus Küche und Keller, immer dabei auf die Mordthat verweisend, die gerochen, für die die gesamte Bevölkerung bestraft werden müsse. Das Schutzgeld verlangte der Kapitän auf Monate voraus, verpraßte es teils im Spiel mit den Offizieren, teils schickte er es nach Frankreich und forderte dann immer neue Summen, sobald Ebbe im Beutel war.
So kam es eines Tages dazu, daß der Großkeller Pater Jakob dem Abt mit Betrübnis mitteilen mußte, daß alle Vorräte aufgezehrt seien und neue Lebensmittel beschafft werden müßten. Zugleich fragte der greise Konventuale, ob er selbst vielleicht in Dornhan[21] Lebensmittel verlangen solle. Abt Alphons will jedoch selbst, und zwar nach Villingen reisen, in der Hoffnung, mit dem Amtsbruder Georg von Sankt Georgen zusammentreffen zu können, behufs einer Beratung der durch die Herbeirufung der Franzosen geschaffenen bösen Lage des Klosters. Alphons giebt bezüglichen Befehl und trifft die nötigen Vorkehrungen; insonders wird auch der Kapitän verständigt mit dem Ersuchen, einige Musketiere zum persönlichen Schutze des Abtes abzuordnen, wasmaßen bei den unruhigen Zeiten allgemeiner Unsicherheit militärische Begleitung dringend nötig ist, und der Abt immerhin eine größere Summe Geldes zum Einkauf von Nahrungsmitteln mit sich führen wird. Über den Zweck der Reise informiert, stellt der Kommandeur bereitwillig eine Abteilung seiner Musketiere zur Verfügung, die in Wehr und Waffen des Aufbruchbefehles harren. Aus seinem Bedenken gegen die Reise nach Villingen und gegen diese Begleitung macht Pater Jakob dem Abt gegenüber kein Hehl, doch Alphons weist jede Mahnung unwirsch zurück. Ihn drängt es nach einer Aussprache mit dem Abt von Sankt Georgen, mit dem er reden muß, um zu erfahren, ob auch jenes Kloster unter französischem Schutz so schwer leidet. Hat Georg dem Alpirsbacher geraten, die Franzosen zu rufen, so weiß der Georgener möglicherweise Rat, sie wieder los zu werden. Und die Greuelwirtschaft muß ein baldiges Ende finden; nur ist sich Alphons darüber nicht klar, wie er die Franzosen aus dem Klostergebiet bringen soll. Vier Jahre solchen „Schutz“ zu dulden, ist unmöglich, unerträglich für Alphons, der die nagende Reue im Herzen trägt, die Reue, den Rat des Georgener Abtes befolgt zu haben aus übertriebener Furcht vor dem Württemberger. Daß ihn der begangene Schritt reut, gesteht Alphons freilich niemandem; aber der alte Pater Jakob liest aus des Abtes gramdurchfurchtem Antlitz deutlich, was dessen Herz bewegt, und deswegen hofft der Großkeller auf baldige Befreiung von der Franzosenherrschaft in der Erwartung, daß der Abt den rechten Weg dazu sicher finden werde.
Wie zu Alpirsbach erpreßten die herumstreunenden Musketiere auch in anderen Ortschaften der Umgegend Geld und Gut in grausamster Weise. Sie durchstreiften den Tann hinüber nach Peterzell, raubten die Siedelungen an der Straße nach Schenkenzell aus und statteten selbst den Schilbachern Besuch ab, wobei sie den Leuten das gesamte Vieh wegtrieben. Je mehr die Gebrandschatzten jammerten, desto toller trieb es das zuchtlose Kriegsvolk, das durch seine Grausamkeit eine wahre Geißel für das Klostergebiet ist. Die Lust an Menschenqual stieg ins Maßlose; hohnlachend schraubten die Kriegsknechte die Steine von den Pistolen ab und zwängten die Daumen der Beraubten an ihre Stelle; sie zerschnitten Weibern die Fußsohlen und streuten Salz in die offenen Wunden, das sie dann unter wieherndem Gebrüll von Ziegen ablecken ließen. Kindern, so sie nicht sofort sagten, wo die Eltern Geld vergraben haben, wurde die Zunge durchstochen und Roßhaare durchgezogen, und Männern wurde vielfach ein mit Knoten versehenes Seil um die Stirne gebunden, das mit einer Kurbel so fest zugedreht wurde, daß den Gequälten die Kopfhaut in Fetzen gerissen wurde. Weiber wurden am lichten Tage auf freiem Felde vergewaltigt und ihnen dann mit viehischer Lust Löcher in die Kniescheiben gebohrt. Ein besonders beliebtes Martermittel war das „Feuerkriechen“, das überall dort angewendet wurde, wo sich ein Backofen befand. Erst raubte die Horde, wessen sie habhaft werden konnte, dann zwängte sie die Bauern und Weiber in den Backofen, vor dessen Ausgang ein Feuer angezündet wurde. Sodann wurde an der Rückseite des Backofens ein Loch ausgebrochen und mit Piken durch dasselbe auf die Leute eingestochen und diese dadurch gezwungen, den Backofen zu verlassen und durch das Feuer ins Freie zu kriechen. Je mehr sich die Gequälten dabei verbrannten und heulten, desto größer war die Freude der entmenschten Soldateska. Zu all' diesen fürchterlichen Grausamkeiten kam häufige Brandstiftung, sobald die Musketiere nichts mehr wegschleppen konnten.
Weitum im Klostergebiet herrschte Schrecken und Entsetzen, Verzweiflung unter den gepeinigten Hörigen und Unterthanen. Wer sie in dieser gräßlichen Not aufrichtete, zu nächtlicher Stunde tröstete und Mut zusprach und baldige Befreiung verhieß, das war der Pelagier Euseb, der von Hof zu Hof bis in die entfernteren Einödsiedelungen im Schwarzwald schlich und verkündete, daß die Männer und Burschen bewaffnet in jener Nacht im Hohlweg bei Alpirsbach sich versammeln und die Franzosen niedermachen sollen, wenn auf der Höhe des Zankwaldes und des Bettelmännchens im Hardenwald Feuer lohen werden zum Zeichen des Aufstandes.
* * * * *
Ein trüber Novembertag ist über dem Schwarzwald angebrochen; bleigrau verhangen ist das Firmament, öd die Landschaft weitum, schwarz steht der Tann, dunkel ragen die Felsen aus dem Gewirr der Zwergföhren im Hinteren Lehengericht des engen Schiltachthales. Knapp ist hier Raum für das Bächlein und die Straße gen Schramberg zwischen den ginsterumwucherten, dicht von Tannen, Fichten und Föhren bestandenen Schwarzwaldbergen. Nur wenige Siedelungen hat dieses waldreiche Thälchen, die zusammen die Gemeinde „Hinteres Lehengericht“ bilden im Gegensatz zum „Vorderen Lehengericht“ im Kinzigthale. Auch diesen Einsiedlern im Walde geheime Kunde zu thun und den Aufstand gegen die unglückselige Franzosenherrschaft zu Alpirsbach zu organisieren, ist Euseb über die Höhenzüge gewandert und hält eben Rast am Waldesrande nahe der Straße, doch gut gegen Späherblicke verborgen. Der Pelagier hockt unter einer mächtigen Tanne und hat die Büchse quer über seine Kniee gelegt, so daß er jeden Augenblick kampf- und schußbereit ist, falls Gefahr drohen sollte. Das Geräusch eines Hufschlages auf der hartgefügten Straße veranlaßt Euseb zu scharfem Ausblick auf die Straße, die der Abt von Alpirsbach im bequemen Schritt heranreitet in Begleitung einiger Musketiere. Euseb zuckt zusammen; ihm ist der Anblick der Wälschen ins Herz hinein verhaßt, seine Fäuste ballen sich und die Adern schwellen. Wie verblendet doch der stolze Prälat ist, daß er Fremde zu seiner Begleitung nimmt! Genügen ihm die eigenen Unterthanen nicht zum Schutz? Doch was soll das heißen? Die Musketiere im Rücken des Reiters stecken die Köpfe zusammen, sie drohen mit erhobenen Gewehren, und jetzt springen sie auf den ahnungslosen Abt los, einer der Franzosen backt an und zielt — —. Blitzschnell springt Euseb auf, visiert scharf und schießt. Kopfüber stürzt der Franzose nieder, erschreckt geht der Gaul des Abtes durch, schreiend fliehen die Musketiere rückwärts gen Alpirsbach. Der Pelagier springt jedoch dem Gebieter nach, um ihm schützend Geleit zu geben.
Knapp vor dem Flecken Schramberg gelingt es Euseb, den Abt, der mühsam sein Roß wieder beruhigte, einzuholen.
Kaum wird Alphons des Hörigen ansichtig, der mit dem wieder schußfertigen Gewehr keuchend herangelaufen kommt, da wettert der Abt zornig darüber, daß der Heger so nahe der Straße schieße und Menschenleben gefährde. Auch habe der leichtfertige Pelagier ihm nun das Geleite verjagt!
„Was willst du hier? Dein Gehege ist doch oben im Zankwald!“
Demütig, die Mütze in der Faust, steht Euseb vor dem Gebieter: „Verzeiht Ew. Gnaden! Ich bin Euch nachgelaufen, um Euch Geleit zu geben und zu schützen!“
„Warum hast du so nahe der Straße geschossen?“
„Es galt Euer Leben zu retten!“
„Wie, was?“
„Erlaubt mir, Euch zu begleiten! Ich bürge sicheres Geleit!“
„Wo sind die Musketiere?“
Ein bitteres Lächeln tritt auf des Pelagiers Lippen. Euseb deutet mit dem Arm nach rückwärts.
„Was, zurückgelaufen sind die Kerle?“
„Bis auf einen, ja!“
„Bis auf einen — was soll das heißen?“
„Der eine küßt den Erdboden!“
„Was? Du wirst doch niemand verletzt haben?“
„Nein, Ew. Gnaden! Verletzt nicht, aber totgeschossen hab' ich den Meuchler!“
„Was soll's; ich verstehe nicht! Red' deutlicher, Pelagier!“
„Der Franzmann wollte weiter nichts, als Euch rücklings vom Gaul schießen, und ich schoß ein klein wenig früher ihn hinweg.“
„Bist du toll?!“
„Nein! Gottlob ist's gelungen!“
„Mich, sagst du, mich wollte einer der Musketiere vom Gaul schießen? Meine Schutzbegleitung — —?!“
„Nette Schützer das! Na, Ew. Gnaden sind die Schandbuben los!“
Betroffen schaut Alphons auf den Pelagier herab, der finster vor ihm steht; ihm dämmert allmählich der wahre Sachverhalt auf, doch vermag er das Motiv des meuchlerischen Überfalles nicht zu fassen. „Du meinst, die Franzosen wollten mir ans Leben?“
Euseb nickt.
„Aber weshalb?“
„Ew. Gnaden haben wohl Geld bei sich?“
„Großer Gott — du hast recht! Abscheulich! Die Kerle wollten mich berauben, sie, die mir zum Schutz von Leben und Gut beigegeben wurden! Gott selbst hat dich zur rechten Zeit geschickt!“
Von einem warmen Gefühle erfaßt, reicht der Abt dem Hörigen vom Gaul herab die Hand: „Ich danke dir! Begleite mich nach Villingen! Ich glaube nun selbst: ich bin von meinen Unterthanen besser behütet!“
Stramm richtet sich Euseb auf und spricht mit besonderer Betonung: „Jagt das welsche Gesindel fort, Herr! Wir helfen Euch!“
Alphons seufzt.
Das giebt dem Pelagier Mut zu weiteren Bemerkungen: „Jagt die Schandmenschen fort, ehe es zu spät!“
„Wenn ich das nur könnte! Die Greuel sind fürwahr himmelschreiend!“
„Das war vorauszusehen!“ sagt halblaut Euseb und schreitet neben dem langsam reitenden Gebieter, der ob dieses leisen Vorwurfes unwillkürlich das Haupt tiefer sinken läßt.
Stumm geleitet der Pelagier seinen Herrn durch das stille Schramberg südwärts. Nach einer Weile spricht Euseb, mehr für sich: „Fort müssen sie, baldigst und für immer!“
„Wie sie aber fortbringen?“ wirst Alphons ein, obwohl er anfänglich keine Lust hatte, sich über solch wichtige Angelegenheiten mit einem Hörigen auszusprechen.
„Könnt Ihr es nicht, Herr, so thun es wir!“
„Wie, ihr? Die wenigen Unterthanen von Alpirsbach! Der Franzosen sind es hundert Mann, waffengeübte Musketiere!“
„Zum Klosterbann gehören noch mehr Leute!“
„Nein, nein, nur keine Gewaltthat, die noch mehr Elend über das Kloster bringen wird!“
„Ihr habt es zunächst in der Hand, o Herr, die Blutsauger fortzubringen —“
„Wieso ich?“
„Ihr zahlt einfach das Schutzgeld nimmer —“
„Wie, du weißt —“
„Ich weiß gar nichts! Ich mutmaße jedoch, daß Ihr die Welschen bezahlet, denn ohne Schutzgeld würden die Franzosen nicht bleiben.“
„Richtig kalkuliert! Also du meinst, ich solle nichts mehr bezahlen und dem General den Schutz kündigen!“
„Schickt dem General Botschaft, er soll sein Gesindel zurückberufen!“
Wieder entsteigt der Brust des Abtes ein Seufzer im Gedanken an die vierjährige Schutzfrist.
„Ihr könnt das wohl nicht, Herr? Seid wohl vielleicht gebunden an eine bestimmte Zeitdauer?“
Alphons nickt betrübt.
„Dann zahlt die Franzosen auch für diese Frist und wir sind die Bluthunde los!“
„Das kostet schweres Geld — —“
„Ist aber immer noch besser, als wenn Land und Volk völlig zu Grunde gerichtet wird. Denkt an das arme verwüstete Vaterland, o Herr!“ Euseb trollet gesenkten Kopfes voraus; jeder überläßt sich seinen Gedanken.
* * * * *