Im grünen Tann

Chapter 13

Chapter 133,576 wordsPublic domain

„Ist Er bei Sinnen, mein Bruder? Ein Konventuale von Alpirsbach redet dem Klosterfeind, dem Württemberger, das Wort?“

„Nicht doch! Ich bin nur der unmaßgeblichen Meinung, daß der Herzog den Württembergern wie selbst uns im Schwarzwald näher steht, als Tilly und Wallenstein!“

„Eberhard ist aber unserer Kirche Feind, ein Lutheraner!“

„Das Letztere ist richtig; doch ist damit noch nicht gesagt, daß er ein Feind unseres Klosters ist. Wär' er das, so hätte das Elias Zeiter wie Ew. Gnaden Vorgänger in der Abtwürde sicher zu fühlen bekommen!“

„Er vergißt, mein Bruder, daß Zeiter evangelischer Abt gewesen!“

„Gewiß weiß ich das, wie mir auch bewußt, daß Zeiter von warmem Patriotismus und treuer Anhänglichkeit für das herzogliche Haus erfüllt war.“

„Der Herzog sinnt auf Gebietsvermehrung und Machterweiterung, und dieser Sinn ist uns gefährlich! Eberhard wird nicht früher ruhen, bis er auch Herr von Alpirsbach ist. Ihn lockt die Herrschaft über unsere 297 Ortschaften und 800 Hörige, wie der gesamte klösterliche Besitz. Als Abt und Herr muß ich ihn ebenso bekämpfen, mich wehren wie als treuer Sohn meiner Kirche. Das ist meine Pflicht, heilig beschworen! Ich kann und darf nicht anders handeln. Auch ist der Kaiser für unsere Sache, die Waffengewalt sprach für uns!“

„Wohl ist das richtig! Doch wie entsetzlich sieht es aus im württembergischen Lande! Dörfer und Städte sind ausgeplündert und eingeäschert, Kalw in Flammen, niedergebrannt Waiblingen und Herrenberg. Hungersnot und Seuchen im Volk, dazu plündernde Kriegshorden fremder Nationen! Es ist ein Greuel!“

„Es gilt den Glauben! Und dieser wird siegen und siegreich bleiben!“

„Ich kann nur nicht helfen: Ich würde es freudig begrüßen, wenn bald Ruhe und Friede würde im heimgesuchten Württemberg!“

„Er will doch damit nicht sagen, daß dieser Frieden auf Kosten unserer Kirche erkauft werden soll?!“

„Nein! Aber kommen wird doch die Zeit, daß auch unser stilles Alpirsbach wieder herzoglich wird, wie zur Zeit der Reformation.“

„Das zu verhüten ist meine wichtigste Aufgabe, für die ich mein Leben hinzugeben bereit bin. — Doch zurück zur Ehlenbogener Angelegenheit! Die Leute treten also bereits offen auf Seite des Herzogs, trotzdem sie zur Alpirsbacher Herrschaft gehören?“

„Gotthard vermeldet dies!“

„Und die Leute wollen ihre Kinder evangelisch taufen lassen!“

„So meldet Gotthard!“

„Gottes Zorn soll die Abtrünnigen treffen! Mit Gewalt werde ich dreinfahren, mit strafender Gewalt ihre Seelen retten für unsere Kirche!“

„Verzeiht Ew. Gnaden! Zu wild ist ohnehin unsere Zeit! Versucht es mit Milde und Güte! Will einer württembergisch und lutherisch werden, wird ihn Gefängnis und Schwert sicher nicht in unsere Arme zurückführen. Übet Milde und Güte, Herr!“

„Nein, niemals! Vergeblich wäre jedes Wort! Hier bin ich Herr auf Alpirsbacher Grund und Boden, nicht der Herzog! Mit Waffengewalt werde ich die Rebellen bekämpfen und züchtigen!“

„Thut es nicht, Ew. Gnaden! Je schärfer Ihr dreinfahrt, desto lauter werden die Leute nach des Herzogs Hilfe rufen!“

„Sollen es nur thun! Keines Menschen Stimme reicht bis Straßburg!“

„Aber Menschenfüße tragen hin, und kommen wird die Zeit, daß Eberhard heimkehrt in sein Land!“

„Er scheint das ja schier zu hoffen?!“

„Für den im Exil lebenden Herzog selbst, ja! Bedroht Eberhard uns, dann freilich muß auch ich ihn als Feind des Klosters betrachten!“

„Wenn ich Ihn recht verstehe, will Er beim alten Glauben verbleiben und möchte dennoch württembergisch werden?“

Der greise Konventuale seufzt und schweigt.

„Noch spricht Österreich für uns, also liegt uns der Kaiser näher als der Herzog! — Für morgen stell' Er mir, mein Bruder, ein Dutzend handfester Höriger, ich will die Abtrünnigen verhaften lassen und strafen!“

P. Jakob nickt zum Zeichen, daß er den Befehl vernommen und geht dann gebeugt von dannen. Vor seinem geistigen Auge ziehen die in der Klosterchronik geschilderten schweren Zeiten vorüber, da Prälat Kaspar mit glühendem Eifer den württembergischen Staatsgedanken und die Reformierten bekämpfte, mit Assistenz von 8000 österreichischen Soldaten eingesetzt ward in die vielumstrittene Abtei zu Alpirsbach, und dennoch den Niedergang des Klosters ebensowenig aufzuhalten vermochte, wie das Umsichgreifen einer allseitig empfundenen Sehnsucht nach Ordnung und Frieden unter schwarzroter Flagge. Dem alten guten Großkeller schwant eine Katastrophe im stillen waldumrauschten Alpirsbach, und sein Sehnen geht dahin, sie nicht mehr zu erleben. Bei seinem Alter sind die Tage gezählt, sein Hoffen wird in diesem Leben nicht mehr Erfüllung finden, ebensowenig wie die Beseitigung des Rechtsgrundsatzes für Alpirsbach, daß die Abteiluft pflichtig mache und der Territorialherr das Hauptrecht[19] habe. So sucht denn P. Jakob seine Zelle auf, nachdem er den Befehl des Abtes einem Frater übermittelt hatte, der das Aufgebot der Hörigen zu vollziehen bemüht ist.

* * * * *

Über Nacht hat sich der Wind gelegt; still bricht der Morgen an, düster schwermütig. Der schwarze Tann, der Alpirsbach ringsum einschließt, grüßt unheimlich herein. Im Stift ist die Matutin vorüber; es regen die Brüder fleißig die Hände, und die Patres haben an den verschiedenen Altären die Messe gelesen, worauf die Mönche sich im Refektorium versammeln. Stumm sitzen sie an der langen Tafel, an deren Spitze in Gedanken versunken Abt Alphons thront. Niemand wagt, den Vorgesetzten aufmerksam zu machen, daß das Frühstück bereits auf dem Tische steht, und die Milch wohl kalt werden wird bei längerem Zaudern. Vor dem Abt zuzugreifen, verstößt gegen Sitte und Regel. Was den Prälat wohl so sehr beschäftigen mag? Ein Frater kommt still ins Refektorium geschlichen und wispert dem Großkeller geheime Kunde ins Ohr, und erschrocken starrt P. Jakob dem Boten ins Gesicht. Dann erhebt sich der Großkeller und schreitet hastig, in sichtlicher Aufregung hinauf zum Abt, dem er leise mitteilt: „Ew. Gnaden! Ein Sendbote ist angekommen!“

Den Kopf aufwerfend fragt Alphons: „Wie, was?“

„Ein Sendbote ist da!“

„Von wem gesandt?“

„St. Georgen läßt Ew. Gnaden eine Kunde thun!“

Erregt springt Alphons auf und befiehlt: „Bringt den Boten in meine Zelle!“ Unterwegs ruft der Abt dem Großkeller zu, die Hörigen mit Frater Hilarius abzufertigen, es bleibe beim Befehl der Verhaftung des Vogtes von Ehlenbogen.

Die Neuigkeit leise besprechend nehmen die Patres den Morgenimbiß ein, indes P. Jakob den Befehl vollzieht mit schwerem Herzen.

Am Fenster seines mit fürstlicher Pracht ausgestatteten Gemaches stehend, liest Alphons die ihm gewordene Epistel des Abtes vom Stift St. Georgen, der ihm rät, den Klosterschatz, Urkunden und Privilegien so rasch als möglich an sicheren Ort, am besten nach Villingen zu verbringen, denn es drohe schwere Gefahr: Österreich werde die Klöster opfern, und Eberhard zugreifen. Bleich bis in die Lippen ist Abt Alphons geworden, und seine Hände zittern. Daß es schlecht stehe um die Klosterherrschaft, weiß Alphons seit dem Regensburger Reichstag, wo man ihn samt den später erschienenen Kollegen von den Beratungen ausgeschlossen, selbst nur zu gut, und die Chancen der Abteien stiegen und fielen je nach den Fortschritten, die Württembergs Alliierte auf dem Schauplatz des Krieges oder der Diplomatie machten. Welche Gefahr mag nun jetzt im Anzug sein, da der Amtsbruder von St. Georgen zur Flucht rät? Gilt das kaiserliche Mandat[20] nicht mehr? Haben die kaiserlichen Truppen eine Niederlage erlitten? Warum nur der Kollegissimus nichts Näheres schreibt?! Doch, da unten am Rand der Epistel ist hingekritzelt: „Bayern und Österreich haben uns aufgegeben, wir aber haben beschlossen, uns unter französischen Schutz zu begeben, um die Selbständigkeit zu retten: Thue desgleichen! Befehlshaber ist Baron d'Oisonville in Breisach! Georg.“

Heiß steigt dem Abt das Blut zu Kopf; der Gedanke Frankreich zum Schutz aufzurufen, erregt Alphons, es hämmern und pochen die Schläfe, sein Körper zittert und die zuckenden Lippen flüstern: „Frankreich! Frankreich! Wird es uns nützen, uns retten? Die Not und Gefahr ist groß! Kommt Eberhard ins Land zurück, so ist 's zu Ende!“ Ein Seufzer aus gequälter Brust begleitet diese Worte. Dem in seinen alten Rechten bedrohten Abt ist es schwer ums Herz. Mag der Prälat von Georgen leichter sich unter französischen Schutz begeben haben oder bereit sein zu diesem unzweifelhaft folgenschweren Schritt: Alphons vermag ihn nicht so rasch zu thun. Es regt sich im tiefsten Grunde ein Gefühl der Anhänglichkeit an die Heimat, und diese ist und bleibt ja doch das deutsche Württemberg. Aber wie zerfahren sind die Verhältnisse im schwäbischen Heimatlande! Der fremde, freilich den Glauben schirmende österreichische Kaiser, für die Klöster Hort und Schützer, gebietet mit Waffengewalt, der Schwede kämpft für den Herzog und den neuen Glauben, und eigentlicher Herr, angestammt von Gottes Gnaden, Landesvater ist der exilierte Herzog Eberhard. Fern der Heimat lebt der Herzog; kommt er wieder und siegen die schwedischen Waffen, so endet die Klosterherrschaft wie einst unter Abt Jakob Hohenreuter. Ein Rangen ist's um Pflicht und Vaterlandsliebe. Hier gebietet der Eid auf Glauben und Papst, dort mahnt das Gefühl der Landesangehörigkeit. Kann und darf sich der Abt von Alpirsbach von den Prälaten und Bischöfen trennen, darf er die Herrschaft des Klosters preisgeben dem andersgläubigen Landesherrn? Ist der Abt nicht durch heilige Eide gebunden, sein Leben hinzugeben für den Bestand der Abtei nach verbrieften Rechten? Gewährt Österreich, Kurbayern dem Kloster nicht mehr Schutz und Schirm, so ist es Pflicht, neuen Schutz zu suchen. Eberhard bietet solchen nicht, sein Sinn muß auf Wiedergewinn seines Landes und Neuerwerb, Vergrößerung des Gebietes, Einverleibung der selbstherrlichen Klöster gerichtet sein. Sein Scepter bedeutet das Ende....

Wie aber, wenn des Großkellers Sehnen Verwirklichung finden könnte? Württembergisch werden und dennoch beim alten Glauben bleiben! Wird Eberhard das bewilligen können? Muß er nicht, gestützt auf Gustav Adolfs Erfolge, folgerichtig vorgehen, dem Protestantismus Ausbreitung gewähren, nachdem das herzogliche Haus sich dem neuen Glauben zugewandt? Und benötigt Eberhard nicht den Reichtum der Klöster zur Wiederaufrichtung des Herzogtumes? Er ist gezwungen zur Einverleibung!

Ein harter Zug zeigt sich in Alphonsens Antlitz, wie er nach Pergament und Feder greift, um dem Amtsbruder in Georgen Antwort zu geben in unverfänglichen Worten. Mit dem Schreiben, verborgen im Wams, reitet bald darauf der Bote ab.

Noch sitzen die Mönche beim Morgenimbiß, da bittet Eusebius demütig in der Pförtnerzelle, es möge einer der Patres die Beerdigung seines Weibes vornehmen, der Meßner und Totengräber sei bereits verständigt. Grimmig fährt der Bruder Pförtner den Bittsteller an: „Was erfrechst du dich, du, ein Pelagier! Die ehrwürdigen Herren sitzen noch beim Imbiß! Kannst du nicht warten? Den Zuchtmeister werd' ich dir auf den Hals schicken! So eine Frechheit! Als ob das tote Pelagierweib nicht warten könnte!“ Der Pförtner ereifert sich, daß sich seine dicken Wangen glutrot färben und seine Zornesrufe durch die Gänge hallen. Angelockt von dem Gezeter kommt P. Jakob in die Zelle und fragt nach dem Anlaß so lauter Strafrede. Erbost will der Pförtner abermals loslegen, doch der milde alte Mönch heißt ihn schweigen und fordert den Pelagier auf, sein Anliegen vorzubringen. Euseb wiederholt seine Bitte um kirchliche Beerdigung seines verdorbenen Eheweibes. Gutmütig nickt P. Jakob dem Hörigen Genehmigung zu, gleichzeitig dem Pförtner sein Verhalten verweisend. Ein Mensch sei auch ein Höriger, und Christenpflicht sei es, solcher Bitte zu willfahren. Zu Euseb gewendet, heißt der Pater ihn alles vorzubereiten, er selbst werde Chorrock und Stola holen und die Einsegnung vornehmen. Dankbaren Gefühles entfernt sich Euseb, und der alte Mönch huscht hinauf in seine Zelle. Knurrend bleibt der Pförtner zurück und setzt die Flickarbeit an der eingeschlagenen Scheibe fort, ärgerlich, daß der Großkeller mit seiner Güte noch die Leute völlig verderben werde. Wegen eines Pelagiers gleich laufen! Prügeln hätte man ihn sollen für sein Ansinnen, die Patres beim Imbiß stören zu wollen! Ein Höriger verdient überhaupt nichts als Prügel bei jeder Gelegenheit, auf daß er den Unterschied zwischen frei und hörig begreife und fühle.

Würdig hat der seelensgute alte Mönch die Handlung am Grabe vollzogen, dem erschütterten Pelagier warme Trostesworte gespendet und ein Gebet für die Tote verrichtet. Niemand steht außer dem Priester, dem Pelagier und Totengräber und Küster am offenen Grabe. Letztere mürrisch, denn für die Einscharrungsarbeit erhalten sie keinen Lohn. Drum eilen sie sich auch so mit dem Zuwerfen des Grabes, und insbesondere der dicke Küster glaubt den schmerzbewegten Witwer an die baldigst vorzunehmende Zinsleistung gemahnen zu sollen. Wie dem armen Pelagier das Herz krampft! Einen letzten Blick wirst er auf die Stätte, die sein Liebstes birgt, dann verläßt er den Friedhof und kehrt langsamen Schrittes in den Wald zurück. Der Tann hat mehr Mitleid und heißt den Heger willkommen durch sanftes Rauschen.

Und noch am selben Tage erscheint der Zinsmeister, um das Falltier, Hut, Schuhe, Gürtel und Tuch des Weibes zu holen.

„Nimm doch gleich die andere Ziege auch mit!“ ruft verbittert der Pelagier.

„Das beste Stück für den Abt! Mehr zu nehmen, bin ich nicht befugt. Wenn es dich ärgert, mach' es anders! Warum bist du unfrei geboren worden!“

Dem Hohn schließlich noch Großkellers Auftrag, Wildpret für die Klosterküche zu beschaffen, beifügend, entfernt sich der Zinsmeister mit der Fallziege und den Zinsgegenständen der toten Pelagierin. Euseb starrt vor sich hin, teilnahmslos, wie geistesabwesend. Der große Schmerz wirkt lähmend auf den schier gebrochenen Mann.

* * * * *

Euseb ist in den Tann gezogen, um auf ein Schmaltier zu pirschen und die Stiftsküche mit frischem Wildpret zu versorgen. Den bitteren Schmerz drängt er gewaltsam zurück, es ruft die Pflicht. Mag das Stift noch so hart umgehen mit den Hörigen und das Dasein eines Pelagiers ein jämmerliches sein: zu ändern ist es nicht solange die Abtei Herrin ist und die Leibeigenschaft zu Recht besteht. Wenn freilich der Württemberger über das Stift käme! Wenn Eberhard von Straßburg in sein Erbland zurückkehren und seine Hand auf Alpirsbach legen würde — —! Ob es dann nicht anders, die Leibeigenschaft aufgehoben werden würde?!

Frei sein; wie das herrlich sein müßte!

Unwillkürlich hat sich Euseb aufgerichtet, es hebt und dehnt sich seine starke Brust, höher geht sein Atem. Wenig achtsam, ganz erfüllt von dem berauschenden Gedanken an ein Freiwerden von Hörigkeit, ist der Pelagier auf ein dürres Ästlein getreten, und das knarrende Geräusch läßt ihn zusammenzucken. Wie achtlos und unklug für einen Jäger! Lautlos pirscht Euseb weiter durch das in feierlicher Ruhe liegende weitgedehnte Waldgebiet und steuert einer kleinen Waldwiese zu, nahe der von Süd heraufziehenden Straße. Plötzlich lärmt im dichten Stangenholz eine Amsel, den Abendfrieden jäh unterbrechend, und sichernd zieht ein Feisthirsch von Holz zur Äsung. Ein kapitaler Zwölfer ist's, der plötzlich aufwirft und sichert. Auch Euseb sieht scharf aus nach der Ursache der Beunruhigung des stolzen Hirsches. Dunkle Gestalten kommen die Straße herangezogen in Wehr und Waffe; hochgemacht durch das von diesen verursachte Geräusch prasselt der Hirsch ins Holz zurück und ist in wenigen Fluchten verschwunden. Ärgerlich tritt der Pelagier auf die Straße hinaus und äugt nach den schwätzenden Gestalten. Bei Gott, Musketiere sind es, Franzosen, die offenbar gen Alpirsbach marschieren als Vorhut! Ein jäher Schreck durchfährt den Heger und blitzschnell jagen die Gedanken durch den Kopf. Droht dem Kloster Gefahr, soll er in rasender Flucht zum Stift eilen und warnen? Soll er den Trupp aufhalten? Wer aber wird die Abtei alarmieren? Wie kommen die Franzosen in die Waldeinsamkeit? Was thun? Es wirbelt dem Manne im Kopf. Unschlüssig sucht er zunächst Deckung im Dickicht des hart die Straße besäumenden Waldes; er will sich über die Zahl der anrückenden Truppen vergewissern. Der Trupp zieht schwätzend mit geschulterten Gewehren vorüber. Immer finsterer wird es im Tann und stiller. Euseb lauscht gespannt in die Waldesnacht hinaus; sein geübtes Ohr vernimmt dann das dumpfe Geräusch schwerer Tritte, es wird eine größere Kolonne heranmarschieren. Nun gilt es, so rasch wie möglich den Abt zu verständigen, die Abtei zu besetzen mit waffenfähigen Hörigen, auf daß der Feind scharf empfangen werden könne. Der Pelagier huscht längs des Waldrandes in flüchtigen Sätzen durch den dunkeln Forst, biegt, als er der Vorhut in den Rücken kommt, seitlich ein, umkreist den Trupp, und stürmt nach Alpirsbach.

Die friedliche Siedelung, aus deren Fenstern trauliche Lichter blinken, wird jäh durch Eusebs Alarmrufe aufgeschreckt, die Klosterunterthanen stürzen aus den Häusern und fragen bestürzt den von Haus zu Haus laufenden Pelagier, was denn los sei. „Die Franzosen kommen, bewaffnet euch!“ schreit Euseb und eilt in die Abtei, um auch hier zu alarmieren. Fassungslos rennen die Brüder durcheinander, erregt verlassen auch die Patres ihre Zellen. Euseb wird zum Abt geführt, dem er hastig Meldung macht vom Anzug der gefürchteten französischen Musketiere.

Lächelnd nimmt Abt Alphons den Bericht entgegen und sagt: „Die kommen rascher, als ich erwartet! Du hättest jedoch ruhig in deinem Revier bleiben können!“

„Verzeihung Euer Gnaden! Ich glaubte — der Feind — wir werden verloren sein, darum rief ich alles zu den Waffen!“ stammelt der Pelagier.

„Nein, nein! Nichts von Waffen! Das Kloster soll die Schutztruppe gut empfangen und reichlich bewirten und die Unterthanen den Soldaten Quartier geben!“

„Herr! Kommen die Franzosen denn als Freund?“

„Gewiß! Ich selbst habe sie gerufen!“

Ein Ruf namenloser Überraschung entfährt dem weitgeöffneten Mund des Hörigen.

„Es ist so! Die Franzosen sollen uns schützen!“

„Ihr, ihr habt die Fremden gerufen gegen Württemberg — —! Ihr, ein deutscher Abt?“

Zornig stampft Alphons mit dem Fuße auf den Boden und spricht drohend: „Was unterfängst du dich, du, ein Höriger! Geh' und vermelde den Unterthanen meinen Willen: Die Soldaten sind freundlich aufzunehmen und einzuquartieren! Fort mit dir!“

Euseb verläßt das Gemach des Abtes mit wirrem Kopf; ist er auch nur ein armer Leibeigener des Stiftes, unfrei und zu harter Arbeit geboren: das Verhalten des mächtigen Prälaten versteht er nicht, sein deutscher Sinn vermag nicht zu fassen, wie man fremdes Kriegsvolk zum Schutze herbeirufen kann. Ob sothanes Thun sich nicht bitter rächen wird?! Dem Hörigen schwant schweres Unheil und tiefe Betrübnis spricht aus seinem Gesicht. Wie Euseb den Gang herabkommt, stößt er auf den greisen Großkeller, der ihn sofort fragt, ob es wahr sei, daß französische Soldaten im Anzuge gen Alpirsbach seien. Der Pelagier bejaht seufzend und fügt hinzu, daß er eben Seiner Gnaden davon Meldung erstattet habe.

Erwartungsvoll fragt Pater Jakob weiter: „Nun, und was befiehlt der Abt?“

„Die von ihm herbeigerufenen Musketiere sollen —“

„Was sagst du? Der Abt selbst hätte sie gerufen?“

„Ja, so sagte er! Sie sollen das Kloster vor dem Württemberger schützen, und wir Unterthanen sollen das fremde Kriegsvolk freundlich aufnehmen und beherbergen.“

„Das ist ja himmelschreiend! Seine Gnaden selbst — ich kann's nicht glauben! Ich muß den Abt selber fragen!“ Und bestürzt eilt der alte Konventuale hinauf zu den Gemächern des Prälaten.

Euseb verläßt die in vollem Aufruhr befindliche Abtei und sucht trotz nächtlicher Finsternis das Grab seines Weibes auf, um an denselben ein Gebet für die Tote zu verrichten.

Wie fassungslos kommt Pater Jakob herunter und steuert in die Küche, um dem Personal den Befehl des Abtes zu überbringen, daß alles zur Bewirtung der Franzosen bereit gehalten werden solle. Das Unglaubliche ist zur That geworden: Alphons selbst hat nach Breisach geschrieben und das fremde Kriegsvolk gerufen!

Trommelwirbel tönt durch die finstere Nacht, die Musketiere rücken ein, begafft von den Klosterunterthanen. Kommandorufe werben laut, eine Abteilung marschiert dröhnenden Schrittes auf die Abtei zu und stellt sich auf. Rasselnd fahren die Gewehrkolben nieder und schlagen auf dem harten Boden auf. Kopf an Kopf gedrängt beschauen die Klosterbrüder das ungewohnte militärische Schauspiel. Der Platz vor der Abtei füllt sich immer mehr mit Musketieren, die bei Fackelbeleuchtung einschwenken und Posto fassen. Ein Offizier tritt in die Klosterpforte und verlangt den Abt zu sprechen. Mit offenem Munde guckt der Pförtner den Franzosen an.

„Sacre bleu, avant!“

Der Pförtner steht wie versteinert. Doch da kommt Abt Alphons bereits in eigener Person zum Empfang und lädt den Offizier zum Eintritt ein.

Ein Schwall gallischer Worte fliegt dem Abt entgegen: der Kommandeur erstattet wohl eine militärische Meldung, deutet mit dem Degen auf seine Soldaten und schwätzt weiter.

Unwillkürlich suchen des Abtes Finger einen Ruhepunkt hinter den Ohren. Eine üble Situation. Der Abt muß schleunigst französisch lernen, sonst wird ein Verkehr unmöglich sein. Einstweilen muß die Zeichensprache aushelfen; der Abt lädt durch eine Armbewegung zum Eintritt ein.

Der Kommandeur überreicht einen Brief, verbeugt sich und giebt, zur Truppe gewendet, Befehl zum Einrücken. Die Offiziere treten heran, schreiten unter Führung des Abtes ins Refektorium, und hinterdrein folgt ein Teil der Musketiere, indes der Rest auf dem Platz verbleibt.

Ratlos sieht Abt Alphons die Invasion des klösterlichen Refektoriums: die Mannschaft greift aus den Schüsseln jegliches Erreichbare, labt sich durch flüchtigen Trunk aus den Kannen und Krügen und tritt dann auf Befehl wieder ab. Gleich darauf marschiert die andere Abteilung im Refektorium auf, lärmend, schwätzend, drängend. Der Kommandeur fordert frisches Auftragen von Lebensmitteln; die Klosterherren stehen stumm wie die Mauern.

Ein neuer Befehl — und ein Dutzend Mann springen fort, suchen die Küche und schleppen aus ihr herauf, was sie erwischen können. Vergeblich zetert der Koch und seine Gehilfen, sie werden rücksichtslos zur Seite gestoßen. Lachend bringen die Soldaten die requirierten Viktualien herauf, und rasch ist die Verteilung vorgenommen. Sodann werden dem Abt die leeren Kannen vorgewiesen und durch Umkehren der Krüge der Wunsch nach frischer Füllung deutlich zum Ausdruck gebracht.

Auf einen Wink des Abtes verschwindet Pater Jakob und einige Brüder, aber gleichzeitig auch die Requisiteure der Kompagnie, die vergnüglich den Gang in den Keller mitmachen und sogleich kleinere Fässer „fassen“ und auf den Platz vor der Abtei bringen, wo die Truppe mit schallendem Halloh das Naß begrüßen. Die Musketen werden in Pyramiden zusammengestellt, Becher und Krüge aus dem Kloster geschleppt, die Fässer angebrochen, und nun wird gezecht bei qualmendem Fackelschein. Bald verkünden kreischende Weiberstimmen, daß die Franzosen neben Wein und Lied auch noch Weiber zu lieben pflegen.

Im Refektorium ist's stiller geworden, und verweilen nur noch die drei Offiziere und der Abt mit einigen Konventualen. Auf einen Wink des Prälaten wird die Tafel rasch frisch gedeckt, worauf Alphons auf gut deutsch die Herren einlädt, am Abendmahl teilzunehmen. Wie gut doch die Franzosen jetzt deutsch verstehen! Sie erweisen der Klosterküche alle Ehre und sprechen dem Weine tapfer zu. Nur die jetzt unter französischem „Schutz“ stehenden Mönche lassen alles unberührt, ihnen, wie dem Abt selbst, ist jeglicher Appetit vergangen. Beklommen flüstert P. Gotthard dem Prälaten zu, wie das denn für die Nacht, wo denn die Menge Soldaten untergebracht werden solle.

Unter einer höflichen Verbeugung gegen den Abt sagt zu aller Überraschung der Kommandeur im holperigem Deutsch: „Kloster für alles sorgen muß!“