Chapter 12
Der Alte faßt sich und begrüßt den Jungbauer: „Bist ja doch zu Hause, Kaspar! Mit Verlaub setze ich mich, bin von der Rennerei am heutigen Vormittag arg müde, und mein Gehwerk taugt nichts mehr!“
„Ja ja! Nimm Platz, Gifter! Darf ich dir mit 'm Gläschen Kirsch aufwarten?“
„Nein nein, ich dank'! Schnaps ist für mich Gift!“
„So?“ lacht Kaspar. „Ich dächte, dem Gifter wird solches Gift nicht schaden. Hast doch Gift genug im Gifthof!“
Betroffen guckt der Alte auf, und sein Auge sucht in Kaspars Miene zu erforschen, wie die Rede gemeint sein könnte.
„Verstehst mich nicht? Macht auch nichts! Ist nicht bös' gemeint!“
„So, um so besser! Hast wohl auch etwas wie Gift in dem Fläschchen, he?“
Eine jähe Röte fliegt über Kaspars Gesicht. Zum Beseitigen des Fläschchens ist's zu spät. Mit scheinbarer Gleichgültigkeit erzählt er, daß man heutzutage von Betteleien nicht verschont bleiben könne. Die Kräuterliese drinnen im Wald hätte ihm so ein Tränkchen geschickt, jedenfalls in der Hoffnung, ein ordentliches Trinkgeld dafür zu bekommen.
Gifter horcht auf. „Wie sagst, ein Tränklein von der Kräuterliese?“
„Ja, jedenfalls eine neue Art des Bettels!“
„Hm!“
„Was meinst, Gifter?“
„Du, Kaspar, das ist kurios! Mein Klärle hat das gleiche kriegt als ‚Gegengift‘!“
„Ah! Und hat sie's genommen?“
„Fuchsteufelswild ist 's worden!“
„So! Hat das Tränklein ihr nicht geschmeckt? Es ist nicht so übel zu nehmen!“
„Ah, hast es gar schon verkostet!“
„Ich, nein! Was dir nicht einfällt!“
„So? Woher weißt denn dann, daß es nicht so übel zu nehmen ist?“
Kaspar beißt sich ärgerlich auf die Lippen im Gefühle, sich verschnappt zu haben. Ablenkend fragt er, was Gifter von ihm wolle.
Der Alte merkt die Absicht, läßt aber nicht locker. „Du, Kaspar! Weilst vom ‚Gegengift‘ schon etwas genommen, könntest auch bereits etwas friedsameren Blutes geworden sein —“
„Ich, wieso?“
„Na, ich meine: Wenn 's Gegengift bei dir wirkt, dann wäre es an der Zeit, daß du mein Maidle von dem Spottnamen befreien würdet!“
„Schickt dich Klärle?“
„Es wär' ihr Wunsch, daß du ihr den Spottnamen wegnähmest!“
„Ich will dir was sagen, Gifter: Daß Klärle von Haus aus nach dem Hofnamen Giftklärle heißt und ist, das wird sie leiden müssen, weil dein Hof halt der Gifthof ist. Den Spottnamen wird sie wohl tragen müssen, so lang sie so ‚giftig‘ bleibt. Will sie's geändert haben, so muß sie schon selber um gut Wetter bitten. Diplomatische Zwischenhändler brauchen wir nicht im Schwarzwald!“
„Kruzitürken!“
„Wie meinst, Gifter!“
„Ganz wie ich mir's gedenkt hab', just so redest daher!“
„Warum bist denn zu mir 'kommen?“
„Na ja! Man probiert viel im Leben! Probier du nur das Fläschle aus, vielleicht hilft 's Tränkle auch bei dir! Adjes, Kaspar!“
„B'hüet Gott, Gifter! Komm gut heim! Und wenn du auf 'n Schramberger Herbstmarkt kommst, trinken wir 'n Schoppen mitnander im ‚Lamm‘! adjes!“
Ziemlich ärgerlich stapft Gifter den Weg wieder zurück. Ist doch ein Kreuz mit so hartschädeligen Leuten! Probiert der Kerl das Tränkle wie die Klärle das ihre aus Neugier oder gar aus geheimer Sympathie, und dennoch will keines nachgeben, und jedes thut, als kümmere sich eins um 's andere nicht. Zum Kuckuckholen das! Gott bessere 's!
* * * * *
Das liebliche Lauterbacherthal prangt in den tiefleuchtenden Farben des Herbstes, verklärt durch die mildstrahlende Sonne, die erst gegen Mittag mit den flatternden Herbstfäden und Reifschleiern aufräumt und in Dunst zerstäuben läßt. Wo vereinzelt Buchen und Eschen stehen am Rain, schimmert das Laub in gelben und rötlichen Farben, immer gleich steht der Tann, gerüstet zum kommenden Winter. Die Wiesen und Matten tragen noch ihr grünes Sommergewand, nur die Stoppelfelder künden die Spätzeit des Jahres mit reifverbrannten Halmresten. Mild und klar ist der Herbsttag, ein Prachtwetter für einen Jahrmarkt. Auf der gut gepflegten Straße gen Schramberg pilgern die Lauterbacher in mehr oder minder großen Gruppen, behaglich und vergnügt. Eine Gruppe für sich bilden die Leute vom Gifthof mit Klärle und dem Vater an der Spitze. Auch der Hirt Martin ist dabei, da die Kuhdirn seinen Dienst versieht auf Klärles Geheiß. Ein frohes Jahrmarktvergnügen soll dem Hirt Ersatz bieten für die Fohrenbühler Hiebe zu Pfingsten, so hat Klärle gesagt und dem überglücklichen Martin einige Groschen in die Hand gedrückt. Jetzt stolziert der Hirt neben Bärbel, die nicht minder vergnügt ist, die Straße entlang.
Frohes Leben herrscht im schmucken Städtchen Schramberg, in dessen Hauptstraße zahlreiche Marktfieranten ihre Buden aufgeschlagen haben, in welchen ein Kunterbunt von Gegenständen feilgehalten wird. Die Wäldler sind in dichten Scharen herbeigeströmt; es treffen sich da die zunächst der Stadt wohnenden Lauterbacher, Leute aus dem romantischen Berneckthale, die Kinzigthaler, Alpirsbacher und Schiltacher stauen sich im Menschengewoge, auch Oberndorfer haben ihre Oberamtsstadt verlassen und sind über das Plateau von Waldmössingen herübergewandert, um die Schramberger Marktfreuden zu genießen, so da Karussells, Schießstände &c. bieten. In den Buden werden Waren geprüft, Tücher ans Licht gehalten, Töpfe abgeklopft, Geschirr eingehandelt von den Weibern; Burschen und Bauern handeln Schnitzpfeifen ein, auch wohl Hüte und Holzschuhe und dergleichen mehr. Wer durch die Hauptstraße will, muß sich Schritt für Schritt langsam Raum erkämpfen. Dicht gefüllt sind die Wirtsstuben auf der „Post“ und im „Lamm“, wo dem Oberndorfer Gerstensaft und württembergischen Landwein fleißig zugesprochen wird. Die Zecher stehen selbst im Flötz und bis heraus auf die Straße, da drinnen unmöglich mehr Platz zu finden ist. Wo Bekannte aufeinander stoßen, giebt es laute Begrüßungen, ein lebhaftes Fragen nach Gesundheit und Ernteergebnis. Auch der alte Gifter hat Freunde aus dem Kinzigthale getroffen, die der Freude über sein Gehwerk Ausdruck geben, da der Gifter mit dem Pedal wieder gut bei einander sei. Und wie's mit der Fechsung stünde, wollen die Kinziger wissen, und wie's der Klärle gehe. Der Gifter schiebt die Pfeifenspitze vom rechten Mundwinkel in den linken und meint gelassen. „Jo, 's ischt aelles guet! Ma' ka' huier mit 'm Herrgott z' frieda sei!“ Was um den Gifter herumsteht, lacht aus vollem Halse, nur Gifter selbst macht ein saures Gesicht dazu; seine Falkenaugen haben soeben im Gewühle den Jörgenmicheles-Kaspar auftauchen sehen, und nun befürchtet Gifter einen abermaligen Zusammenprall Kaspars mit seiner Klärle wie seinerzeit auf dem Fohrenbühl, zumal die Tochter nicht besonders erbaut war, als sie vom Mißerfolg der diplomatischen Vermittlung hörte. Daß Klärle damals nicht aufbrauste und springgiftig wurde, ist wohl der Mitteilung zuzuschreiben, daß Kaspar das Tränkle „Gegengift“ wirklich gekostet habe. Seither ist diese Angelegenheit nicht mehr besprochen worden, und Gifter bekam Ruhe. Nun steuert der Malefiz-Kaspar aber auf die Gifterischen zu, und da kann es was absetzen. Rasch blickt Gifter um sich, erwägend, ob er seine Leute nicht doch irgendwo zur Seite bringen und dem Kaspar ausweichen könnte. Aber die Menge steht fest wie eine Mauer, seitlich hindert eine große Lebzelterbude ein Auskneifen, es giebt kein Durchdrücken mehr.
Gleich dem Vater hat auch Klärle den Kaspar erblickt, und siedheiß ward ihr dabei; es ist ihr, als schlüge das Herzblut bis in die Kehle hinauf und würde ihr der Hals zugeschnürt. Gern würde sie davonflüchten wie ein hochgemachtes Reh, aber sie ist gleich den Ihrigen eingekeilt, und ein Durchdrücken würde so langsam vor sich gehen, daß der rücksichtslos vordrängende Jungbauer doch noch früher an der Bude sein würde. Warum auch flüchten vor ihm? fragt sich Klärle blitzschnell, und bleibt wie angewurzelt stehen. — Wie stämmig, männlich schön der Kaspar ist! Und wie tüchtig er damals küßte! Klärles Herz klopft hörbar. Und da ist er wirklich. Mit einigen Ellbogenpüffen hat er die Kinziger seitlich geschoben, murrenden Burschen keck und doch lustig ins Gesicht gelacht, daß seine weißen Zähne schimmerten, und nun steht er Aug in Aug mit der erglühenden Klärle. Kaspars Lippen schließen sich, eine leichte Verlegenheit huscht über sein Gesicht. Seine Absicht war es, mit den Gifterischen zusammenzukommen, und nun er sie glücklich gefunden hat, fühlt er sich nicht sicher.
Doch was ist das? Klärle geht einen Schritt ihm entgegen, purpurn glühend, reicht ihm die Hand und sagt: „Grüß Gott, Kaspar!“
Jetzt zuckt es bei Kaspar, und das Herz will zerspringen. Seine Stimme bebt bei den Worten: „Du — du — wie ist mir denn — du, Klärle, bietest mir einen Gruß?!“
Mit zitternder Stimme sagt Klärle zur Freude des Vaters: „Ja, Kaspar! Ich will gut machen, was ich verübt! Aber eine Bitte hab' ich an dich!“
Jauchzend kommt es von Kaspars Lippen: „Red, Klärle! Was ich thun kann, thue ich für dich!“
„Eine Bitte: Kaspar, nimm den Namen — du weißt schon welchen — von mir weg!“ Dabei sieht ihm das Mädel so lieb in die Augen, daß Kaspar es am liebsten in die Arme nehmen und abküssen möchte.
„Gern, Klärle! Wenn's dir nur was nützt!“
„Die Hauptsach' ist, daß du mich nicht mehr so nennst!“
„Das ist dir die Hauptsach'?! Ja, wie ist mir denn? Dann bist du mir ja gar nimmer bös'?“
Klärle, der die Augen wässerig werden, schüttelt den Kopf, daß die Häubchenbänder flattern.
„Dann bist mir am End vor lauter „Gift“ gar gut 'worden?“
Jetzt nickt das süße Mädel, zugleich hebt es die Händchen bittend empor: „Nimmer dieses Wort?“
„Ja, Herzensmaidle: Wenn dir das Wort so zuwider ist, solltest doch ganz vom Gifthof wegziehen, dann hörst das Wort überhaupt nimmer!“
„Kaspar!“
„Klärle! Willst lieber Jörgenmichelesbäuerin heißen?“
„Ja, Kaspar!“ ruft überglücklich Klärle, und das schöne Paar hält sich überglücklich umschlungen.
Verwundert über diese plötzliche Gefühlsänderung der zwei sich bisher spinnefeind gewesenen jungen Leute, gucken die Leute mit offenen Mäulern. Dem alten Gifter ist die Pfeife aus dem Munde gefallen vor Überraschung. Dann aber schießt das helle Wasser ihm aus den Augen, in den Mundwinkeln zuckt's wie in den gichtigen Beinen und in einer Anwandlung von Übermut jauchzt der Alte und hebt die Beine, als wollt' er wie die Gebirgler schuhplatteln.
Im selben Augenblick taucht im Menschengewühl auch die Kräuterliese auf und strebt, mit zwei Lebzeltenherzen bewaffnet, der Gruppe der Glückseligen zu. Klärle jubelt beim Anblick der Alten, die dem Paare die Lebzeltenherzen mit feierlicher Würde überreichend schelmisch fragt, ob das Gegengift gründlich gewirkt habe.
„Und ob!“ rufen Kaspar und Klärle gleichzeitig und liebkosen die vor Rührung weinende Kräuterliese.
Klärle erinnert sich auch jetzt in dieser glücklichen Stunde ihres Gelöbnisses und kündet der Alten an, daß sie nach der Hochzeit im Jörgenmicheleshof aufziehen könne.
Ein energisches „Halt!“ macht die Leute auseinanderfahren. Der Gifter stellt sich in Positur und verkündet daß er, weil gar nicht um Genehmigung gebeten, seine Einwilligung versage.
Vor Schrecken verschlägt es dem Kaspar die Rede; doch Klärle stellt sich energisch vor dem Vater auf, stützt die Hände auf die Hüften und droht: „Was? Du willst jetzt in der Stunde meiner Bekehrung, meines Glückes ‚nein‘ sagen?! Wenn du mir das anthust, bleib' ich die Giftklärle zu deiner Straf', wie ich früher war!“
Da zuckt der Alte zusammen im drollig markierten Schreck und ruft: „He, Kaspar! Stürz du dich lieber in dein Unglück!“
Jubelnd umringt alles das Brautpaar. Auch Martin und Bärbel haben sich endlich durch die Menschenwoge durchgezwängt und bringen ihre Glückwünsche dar. Der Hirt fragt gleichzeitig, wie es mit dem Geläut nun stände, und jauchzt vergnügt, als die Braut ihm erlaubt, gleich jetzt ein vollständiges Schellengeläut für die Kühe beider Höfe auf ihre Kosten zu kaufen.
Im „Lamm“ ward die Verlobung gefeiert und manches Hoch ausgebracht im guten Sinne auf die liebe, gute, glücklich gewordene Giftklärle.
Fußnoten:
[16] Die Gift-Gabe, Vergabung, Urgift, Handgift, jemanden mit Gütern begiftigen („bei diser gnad, _gifte_ und freyheit“). Aus der alten Sprache ist ins Hochdeutsche nur noch die _Mitgift_ herübergenommen.
[17] Die Balgerei nach dem offiziellen Schellenmarkt ohne akuten Anlaß ist traditionell und hat in der Folge dazu geführt, daß jeweils der Markt von der badischen, das Jahr darauf von der württembergischen Behörde verboten wurde. Das Bestehen der badischen Polizeistunde zwingt ohnehin die Zecher, nachts 11 Uhr den „Schwanen“ zu verlassen und in den württembergischen „Adler“ zu übersiedeln. Getanzt darf in keiner Wirtschaft werden. In neuerer Zeit verhindert polizeiliches Aufgebot von badischer Gendarmerie und württembergischen Landjägern größere Ausschreitungen.
Der Pelagier
Ein trüber Herbsthimmel hängt über dem Stiftsforst „Zankwald“, der sich südlich von Alpirsbach weithin erstreckt in mächtigem Tannen- und Fichtenbestand. Der steif aus Norden blasende Wind jagt graues Gewölk über das düstere Firmament; im Walde rauscht es schaurig, die Baumriesen ächzen und knarren. Unverdrossen hämmert der Specht und flattern die Meisen, Kreuzschnäbel gaukeln in den Zweigen, und rucksend, quietschend, fauchend, murrend üben die Eichhörnchen ihre Kletterstücke trotz des brausenden Waldsturmes. Auf einem Kahlschlag steht eine Hegerhütte nebst einem kleinen holzgefügten Stall, das Heim des Waldhegers, das der Klosterleibeigene Eusebius Wurfbaum bewohnt mit seinem Weibe und den paar Ziegen auf Befehl des Abtes von Alpirsbach. Der Heger ist Pelagier[18], ein Höriger des Benediktinerklosters, der mit Genehmigung des Prälaten in der Waldeinsamkeit heiraten durfte, und zur Forstarbeit sowie zum Jagdschutz verpflichtet ist sein Leben lang. Im stillen Tann hat der rauhe Pelagier wenig wahrgenommen von den wirren Zeiten und Schrecknissen des unheilvollen Krieges. Nur wenn er gelegentlich an die Straßen des Schwarzwaldes kommt, hört er die Namen Tilly und Wallenstein nennen und vernimmt schreckliche Kunde über die Heimsuchung der württembergischen Lande und die harte Prüfung des Herzogs Eberhard III., der die Heimat verlassen und nach Straßburg flüchten mußte. Dann dauert Euseben der arme Herzog, und der Heger ist doppelt froh um sein entlegen stilles Heim im Walde, wohin sich noch kein Krieger oder Landsknecht verirrte, wo bei aller Kärglichkeit und Entbehrung doch das Pflänzlein Zufriedenheit gedeiht.
Heute rauscht der Tann ein brausend Trauerlied. Euseb, der rauhe, wetterharte Heger, steht weinend am Lager seines toten Weibes und drückt der treuen Gefährtin die Augen zu. Still ist sie hinübergeschlummert mit einem Lächeln auf den Lippen. Soll Euseb ihr im Walde eine Ruhestätte graben? Doch das wird der Abt nicht leiden, weil der Christ in geweihte Erde kommen soll.
Der Pelagier rüstet einen Handkarren aus, trägt die Leiche aus der sturmumtosten Waldhütte, birgt sie im Karren, legt einen Mantel darüber und fährt sein totes Weib durch den rauschenden, windgepeitschten Tann. Ein mühsam Fahren das auf engen Pfaden, die sich erst im Reuthiner Berg etwas erweitern zur sogenannten „alten Steige“. Wie der trübe Himmel heute zur Stimmung Eusebs paßt! Trauer oben wie herunten.
Euseb mit seinem Karren nähert sich allmählich der von Reuthin nach Alpirsbach führenden Straße, da veranlaßt ihn der Hufschlag eines galoppierenden Gaules aufzusehen. Ein Reiter ist's, der hinter einem schwarzgekleideten Menschen herjagt. Und mit jähem Satz flüchtet der Verfolgte seitlich in das Holz. Dröhnend ruft der Reitersmann: „Faß' ihn! faß, faß!“ Euseb blickt stieren Auges auf den Reiter; der Flüchtling ist im Tann verschwunden. Knapp vor dem Pelagier hält der Reiter den Gaul an mit scharfem Zügelruck, so daß das edle Tier aufbäumt. Jetzt erkennt Euseb erst zu seinem Schrecken in dem Reiter seinen Gebieter, den Abt Alphons von Alpirsbach, und grüßt denselben demütig und angsterfüllt. Wie Hagelwetter prasseln auf den Hörigen die Vorwürfe herab, der stolze, dem Temperment nach hitzige und jähzornige Abt poltert vom Gaul herunter, warum der Heger den Befehl nicht befolgt, den flüchtigen Prädikanten nicht aufgehalten habe. Bebend vor Angst stammelt Euseb eine Entschuldigung; er habe nicht begriffen, um was es sich handelte, er sei ganz in seinen Schmerz und Jammer versunken gewesen. Gleichzeitig deutet der Pelagier mit einer Handbewegung auf die Last seines Karrens.
„Was soll das heißen?“ fragt dröhnenden Tones der stolze Abt und schiebt sich die Prälatenkette auf der Brust zurecht.
Demütig erwidert Euseb, den Mantel von der Leiche etwas zurückschiebend, so daß deren Antlitz sichtbar wird:
„Vergebung, gnädiger Herr! Mein Weib ist gestorben! Ich fahre die Leiche zum Beinhaus!“
„Der Lutheraner ist entwischt durch deine Dummheit! Das tote Weib wär' dir nicht davongelaufen! Nun verhetzt der Prädikant mir die ganze Gegend! Das sollst du mir büßen! Man mißachtet nicht ungestraft meine Befehle! Hast du die Tote auch gezinst?“
„Herr! Mein armes Weib ist heute früh erst gestorben!“ wimmert der Hörige.
„Gezinst muß werden nach altem Recht! Das beste Stück Vieh im Stalle ist verfallen durch den Tod des Eheweibes!“
„Gnädiger Herr! Ich habe nur zwei Ziegen oben im Zankwald!“
„Nichts da! Laß Er das Geflenn! Recht bleibt Recht. Er hat die beste Ziege an den Zinsmeister abzuliefern und vom Weib das Haupttuch, den Gürtel und die guten Schuhe! So verlangt es das Erbrecht des Klosters! Weh' dir, wenn du nicht getreulich zinsest!“
Dem Gaul die Sporen gebend, sprengt der herrische Abt davon.
Wie vernichtet steht der Pelagier, bittere Thränen fließen über seine Wangen. Mit zitternden Händen deckt er das Totenantlitz wieder mit dem Mantel zu und fährt hinab zum Kloster. Trübe Gedanken erfüllen ihn. Welch' harte Zeit! Und selbst im herbsten Schmerz wird unerbittlich Zins und Gefäll eingefordert! Wie arm doch ein Höriger ist im Vergleich zu den beneidenswerten freien Leuten!
Grausig rauscht's im Tann und die Wipfel neigen sich. Ist's ein letztes Waldesgruß an die Tote? — — —
* * * * *
Düster ragt die Klosterstätte zu Alpirsbach in die Dämmerung auf; der wolkige Himmel, der brausende Sturm nehmen der sonst so lieblichen Gegend den sonnigen Zauber wie der Kinzig die Fröhlichkeit. Dunkler als sonst sind des Flüßchens Wellen, fast schwärzlich zeigt sich dessen Granitgrund. Auf den rostfarbigen Wiesen schleicht der Nebel entlang, den zeitweilig der Sturmwind zu dicken Schwaden ballt, dann wieder in wirre Fetzen zerreißt. Und der ringsum stehende dichte Forst beugt seine Wipfel. Wie immer zu abendlicher Stunde kündet die Glocke vom Klosterturm das Ave, doch diesmal verschlingt der Sturmwind die weihevollen Töne und entführt sie in die Lüfte. Am mächtigen Bau der stolzen Abtei rüttelt der Wind vergebens; wohlverwahrt sind all' die Fenster und Balken. Fest geschlossen die Pforte mit dem eisernen Klopfer daran. Majestätisch ragt die alte Kirche in die sturmgepeitschten Lüfte auf, ein herrlich Denkmal romanischer Baukunst, der Stolz vieler Jahrhunderte, der steinerne Ruhm des Zollernhauses. Um die Abtei scharen sich die Siedelungen der Klosterunterthanen, festgefügte Häuser in patriarchalischer Bauart. Inmitten der waldgekrönten Hügel wirkt die Kathedrale doppelt mächtig, und das Kloster gleicht einer Trutzburg.
Der schmerzgebeugte Pelagier ist den Siedelungen entlang mit seinem Karren der Abtei zugefahren und hält nun vor der Pforte, deren Klopfer er kräftig in Bewegung setzt. Doch fest geschlossen bleibt das gewaltige Thor, um welches der Sturm tobt mit wilder Gewalt. Wieder klopft der Hörige, doch übertönt der Wind sofort das Geräusch des Klöppels. Kaum vermag Euseb sich in diesem Sturm auf den Füßen zu erhalten. Es gilt indes, da die zunehmende Dunkelheit zur Eile drängt, die Tote zu bergen an geheiligtem Ort. Einlaß findet er nicht, man hört in der Abtei sein Klopfen nicht, so muß er denn selber sehen, wie er ins Beinhaus gelangt. Er nimmt die Tote auf den Rücken und schleppt die teure Last hinüber in den Friedhof, dessen Eisenthor der Sturmwind aufgerissen hat, so daß der späte Gast Einlaß findet. Wie schaurig es ist zu nächtlicher Stunde im Reich des Todes! Und arg wütet der Sturm an dieser geheiligten Stätte; Grabkreuze sind umgeworfen, die Trümmer verschleppt, Grabhügel aufgerissen, Cypressen entwurzelt, ein Chaos, das wirr durcheinanderwirbelt, im Kreisel an die Mauer geworfen wird und klirrend, klappernd, krachend wieder zurückfällt, um aufs neue vom Sturmwind erfaßt zu werden. Euseb erreicht mit knapper Not das Beinhaus; mit grimmer Wut hat der Sturm es versucht, ihm die Last zu entreißen. Wie Euseb die Thüre der Schädelkammer öffnet, fährt auch schon der Wind hinein, es rollen die Gebeine und Totenköpfe wirr und klappernd durcheinander. Mit Aufgebot aller Kraft drückt der Pelagier die Thür wieder ins Schloß, worauf Ruhe wird in der unheimlichen Kammer. Dann bettet er sein Weib auf dem kalten Fließ, setzt sich daneben und hält Totenwache durch die schaurige Nacht.
* * * * *
Wie das leibhaftige Ungewitter jagt auf der Straße Abt Alphons dem Kloster zu durch Nacht und Wind; der erschreckte Gaul stürmt in rasendem Lauf heran, so daß der Reiter Mühe hat, im Sattel zu bleiben. Vor der Pforte pariert er den Gaul, steigt ab, nimmt den Zügel in den Arm und klopft kräftig Einlaß fordernd.
Vergebliche Mühe. Doch der stolze Abt kennt keine Geduld, er hebt den schweren Reitstock, ein kräftiger Schlag in die Fensterscheibe der Pförtnerstube, klirrend fallen die Scherben ins Gemach, und dröhnend ruft Abt Alphons hinein: „Aufgemacht! Knecht heraus!“
Der Kopf eines Klosterbruders taucht am eingeschlagenen Fenster auf und fährt erschrocken blitzschnell zurück. Gleich darauf dreht sich das schwere Thor, und vom Sturmwind erfaßt, schlägt es krachend auf. Ein Knecht springt heraus und übernimmt den Gaul. Der Abt tritt ein, indes der Pförtner sich bemüht, des Thores Herr zu werden und es zu schließen. Dann freilich jammert der Klosterbruder in seiner Zelle über den gewaltthätigen Abt und die eingeschlagenen Scheiben. Muß der Pförtner doch die schaurige Nacht bei zerschlagenem Fenster verbringen, preisgegeben der kalten Luft und dem eindringenden Wind.
In seiner Behausung des weitläufigen Klosters angekommen, gebietet Abt Alphons dem Aufwärter, sogleich den Konventualen und Großkeller zu zitieren. Bald steht P. Jakob, der greise Chef der gesamten Klosterhaushaltung, vor dem bedeutend jüngeren Prälaten in schuldiger Ehrfurcht und nach dem Begehr des Vorgesetzten fragend.
„Erstatt' Er mir, mein Bruder, Bericht über die Mission unseres P. Gotthard, auf daß ich weitere Maßregeln anordnen kann. Doch setz' Er sich, mein Bruder! Seine Füße sind älter und müder!“
Mit einem Streifblick auf die Reitkleidung des Abtes meint P. Jakob: „Ew. Gnaden werden auch müde sein von anstrengendem Ritt?“
„Das Reiten thut mir wohl, und selbst ein scharfes Jagen ist mir nicht unwillkommen. Doch muß selbes von Erfolg begleitet sein. Leider ist mir heute trotz scharfen Rittes ein Prädikant entkommen, entwischt durch die Dummheit eines Pelagiers. Doch zur Sache! Was ist's mit Gotthard?“
Mit heiser Stimme, mild und besonnen referiert der Großkeller: „Was lange befürchtet ward, ist zur Thatsache geworden, die Leute unseres Gebietes, allen voran der Vogt Georg Adrian von Ehlenbogen, neigen der Wittenberger Lehre zu und haben sich geweigert, ihre Kinder katholisch taufen zu lassen. Sie wollen zum Herzog halten und württembergisch werden! Gotthard ist unterrichteter Dinge zurückgekehrt.“
„Wie, was?! Also Rebellion gegen uns?“
„Das möchte ich doch nicht behaupten. Auch zeigte sich nirgends etwa körperlicher Widerstand oder Auflehnung. Des schweren Haders, des überlangen Krieges im Lande überdrüssig, sehnen sich die Leute nach Ruhe und Frieden, den doch wohl der Herzog, sofern er in sein Gebiet völlig eingesetzt ist, mehr gewährleisten dürfte, als die fremden Herren mit ihren wilden Landsknechten.“