Chapter 11
Leise weint Liese vor sich hin in dunkler Nacht. Dann erhebt sie sich, tastet in der Finsternis nach Klärle, legt ihre Rechte segnend auf des Mädchens Kopf, wünscht eine „geruhsame Nacht“ und begiebt sich zur Ruhe. Klärle erwidert mit zuckender Stimme den gleichen Wunsch und sucht ihr dürftig Lager auf. Das Mädchen ist erschüttert, warmes Mitleid erfüllt die Seele, und es reift der Entschluß, der guten hartgeprüften Liese den Lebensabend zu verbessern. Mit diesem Vorsatz entschlummert Klärle, mit einem lieblichen Lächeln auf den Lippen.
* * * * *
Taufrisch ist der Morgen angebrochen im Tann. Es glitzert und flimmert im Geäst, es schimmert auf den Blättern des Farrenkrautes, wie Edelstein und Demant funkeln die Tautropfen im verachteten Ginster und edlen die Pfrieme für wenige Stunden. Im Tann konzertiert die Schar fröhlicher beschwingter Sänger, es klingt der Wald, und leise wiegen sich die Wipfel im erquickenden Morgenwind. Und über den gewaltigen Forst blaut ein entzückender Himmel und gleißend Gold sendet die Sonne herab, verklärend und belebend. Durch den Tann schreitet auf dem weichen, taunassen Pfade der Jungbauer vom Jörgenmicheleshof eilig der Teerschweelerhütte am Moserkopf zu; Kaspar will einen Heiltrank für eine kranke Kuh von der Kräuterliese holen.
Wie er endlich an die Waldblöße gelangt und die verfallene Hütte gewahrt, ruft Kaspar: „He, Liese, komm' heraus, Kundschaft ist da!“ und schreitet vollends zur Hüttenthüre. Kaum ist der Ruf verklungen, tritt Klärle aus der Hütte, jäh zusammenfahrend und erbleichend beim Anblick des Jungbauers. Auch Kaspar ist ob der unvermuteten Begegnung verwirrt und grüßt verlegen: „Grüß Gott! Wer hätte das geglaubt! Die Klärle bei der Kräuterliese im finsteren Wald!“
Mühsam kämpft Klärle mit sich und ihren widerstreitenden Gefühlen; unwillkürlich greifen die Hände nach den tobenden Schläfen. Heiß jagt das Blut durch die Adern und drängt zum Herzen. Wirr ist's ihr im Kopf, es kreisen wie toll die Gedanken. Was will er, der Verhaßte hier? Wie stattlich er ist! Ein frischer stämmiger Mann! Kommt er ihretwegen? Will er um Verzeihung bitten, den entsetzlichen Namen zurücknehmen? Will er sühnen, die namenlose Qual von ihr nehmen? Er sieht aber nicht wie ein Büßer aus, seine Augen haben den Glanz wie früher, die ganze Gestalt verrät stahlharte Energie. Unter Kaspars Blick erschauernd, erwidert Klärle endlich dessen Gruß, zaghaft, etwas schüchtern, und fügt unsicher hinzu: „Was führt dich so früh herein in den Tann?“
Frisch und schneidig klingt es aus Kaspars Mund: „Einen Heiltrank will ich holen von der Kräuterliese!“
„So! Bist selber krank oder jemand auf deinem Hof?“
Kaspar lacht hell auf und versichert: „Nein, Gottlob, mir fehlt nichts als die Hochzeiterin! Aber eine Kuh will nicht milchen, und da muß die Liese helfen mit einem Tränklein!“
Wie ein Schatten huscht der Unmut und Verdruß über Klärles Antlitz. Verflogen sind im Nu die guten Vorsätze, die alte üble Laune ist wieder da, spitz und schnippisch wird der Ton ob der ihr widerfahrenen Enttäuschung. „So, eine Kuh! Und deswegen laufst selber 'rein in den Wald? Hast wohl niemand zum Schicken auf dem Hofe? Oder laufst selber gern und drückst dich von der Bauernarbeit!“
„Na, du bist doch wohl noch wie früher! Und von dir will ich weiter nichts! Dich kuriert selbst die Waldluft nicht von deiner bösen Laune! He, Liese!“ Kaspar tritt in die Hütte ein und läßt Klärle unbeachtet stehen, die sich auf die Lippen beißt und nur mühsam die Thränen des Zornes zurückdrängt.
Liese kommt endlich zum Vorschein; sie hat die Begegnung des Paares vom Fenster aus recht gut wahrgenommen und ist absichtlich in der Hütte geblieben in der Hoffnung, daß sich die Beiden vielleicht doch durch eine Aussprache wieder nähern werden, wozu das stille einsame Plätzchen im Walde so recht geeignet wäre. Aber aus dem Tone entnahm Liese augenblicklich, daß es mit Klärle noch lange nicht so weit ist, daß der alte Trotz und Unmut noch in ihrem Herzen sitzt. Das schmerzt die gute Liese bitter, und die üble Laune erfaßt auch sie. Mit sicherem Griff holt sie aus einer Ecke ein Fläschchen mit dem Trank und überreicht selbes dem verblüfften Kaspar, der doch noch gar nicht gesagt, was er wolle. Liese fertigt den Jungbauer kurz ab: „Weiß schon, was du willst! Hier ist der Trank für die Kuh, er kostet einen Groschen! Und Narren seid ihr beide, Narren, ausgesprochene Narren! Mach' weiter! Seid lästige Leute!“
Kaspar weiß nicht, was er sagen soll ob solcher Behandlung. Er sucht den Groschen aus dem Geldbeutel und legt ihn auf das Fenstersims; dann aber meint er, halb scherzhaft und halb ärgerlich: „Ihr Weiber paßt aber schon recht gut zusammen: Schnippisch und giftig die Junge und grob die Alte! Könnt' euch sehen lassen ums Geld, ihr zwei Giftniggel!“ Unter spöttischem Lachen entfernt sich Kaspar, auf das Fläschchen ganz vergessend.
Liese aber kann sich nicht mehr halten in ihrem Unmut und prasselt auf Klärle zu. „Das muß ich aber schon sagen: eine unvernünftigere Person giebt's im ganzen Schwarzwald nicht, wie du! Bringt ein glücklicher Zufall den Burschen herein in den Tann, die Gelegenheit ist günstig, und du Giftniggel stoßest den Jungbauern von dir wie 'ne Natter!“
„Liese, nimm das Wort zurück! Ich kann's nicht hören!“
„Papperlapapp! Du wirst noch ganz anderes zu hören kriegen in deinem Leben! Ein Giftniggel bist du, daß es schon eine Schand ist! Aber du wirst dir die Hörner schon noch abstoßen! Und recht, ganz recht hat der Bursch gehabt, als er dich auf'm Fohrenbühl die Giftklärle genannt! Ganz recht! Ich werde dich künftig auch nur mehr „Giftklärle“ nennen! Verdienst es nicht anders.“
Wutentbrannt kreischt Klärle auf und hebt drohend den Arm.
„Was willst? Drohen willst? Willst mich altes schwaches Weib wohl gar schlagen, he? Hüte dich! Ich habe mehr Kraft in den alten Knochen, als du glaubst! Und es juckt mich, dir den „Gift“ aus dem Körper zu schlagen! Für dich wär' das ein Glück! Anders als mit Gewalt geht der „Gift“ ja doch nicht aus dir heraus! Über dich muß es noch ganz anders kommen, von einer Läuterung ist noch keine Spur vorhanden! Von fremdem Leid und Unglück lernst du nichts! Sollst es an dir selber empfinden! Und mit uns beiden ist es jetzt aus! Geh' du nur wieder hinaus auf deinen Hof, bei mir hast keinen Unterschlupf mehr! Ich will dich nicht mehr um mich haben! Und je mehr die Leute dich spotten und höhnen, desto besser ist es! Ärgere dich gelb und grün, diese Farben passen zur Giftklärle! Fort, hinweg mit dir!“
„Liese!“ schreit Klärle auf und hebt flehend die Hände zu ihr empor.
„Nein! Ich will dich nicht mehr sehen! Du bist unverbesserlich! Fort!“
Gebieterisch streckt Liese den Arm aus und deutet auf den Pfad hinaus. Klärle schluchzt, dann überkommt sie der alte Trotz, ein harter Zug erscheint auf ihren zusammengekniffenen Lippen; die Augen funkeln, die Hände ballen sich zu Fäusten. Festen Schrittes, ohne Abschiedswort, geht das Mädchen von dannen.
Mitten im Tann aber überkommt das einsame Mädel das Gefühl grenzenloser Verlassenheit mit überwältigender Macht. Verloren ist selbst die karge Zufluchtsstätte im Walde; das bettelarme Weib sogar hat ihr die Thür gewiesen. „Also bin ich Schlechter noch als ein Bettelweib!“ flüstert Klärle. Und wie das Mädchen aufschaut, fällt Klärles Blick auf ein Kreuz im Walde, angeheftet an eine mächtige Fichte. Aufschluchzend wirft sich Klärle in die Knie, läßt den Thränen freien Lauf und faltet die Hände zu inbrünstigem Gebet. Versunken im heißen Flehen um Erlösung aus schwerer Herzenspein hört das Mädchen nicht das schwache Geräusch nahender Schritte. Der Pfarrer von Lauterbach ist es, der sich im Walde ergeht und beim Anblick der betenden Klärle innehält, verwundert und erfreut. Inbrünstig betet das Mädchen: „Habe Mitleid mit mir Armen, o Gott! Gieb mir den Frieden ins Herz und Erlösung!“
Da hebt salbungsvoll und mild der Geistliche zu sprechen an: „Der Friede soll dir werden, Kind!“
Erschrocken erhebt sich Klärle und blickt sich um. Jähe Röte schießt ihr in die Wangen.
„Beruhige dich, Klärle! Von mir hast du nichts zu befürchten!“
„Das sagen Sie, Herr Pfarrer, Sie, der —“
„Was soll's —?“
„Sie wollen mir den Frieden verheißen, Sie, der mich am Pfingsttag vor der ganzen Gemeinde öffentlich in der Kirche abgekanzelt hat!“
„Mit nichten, mein Kind! Das bildest du dir nur ein!“
„Sie haben doch die Predigt nur auf mich gemünzt und den Kopf nach mir gewendet —“
„Nein, Klärle, du bist im Irrtum! Ob ich den Kopf zu dir gewendet, weiß ich nicht; ich wußte ja gar nicht, wo du knietest oder standest!“
„Großer Gott! Dann galt die Predigt gar nicht mir allein?!“
„Doch!“
„Wie?“
„Höre zu, Klärle! Die Predigt galt allen und dir insofern, als auch du Einkehr in dein eigen Herz halten sollst. Wenn du aber glaubst, daß eine Predigt an so hochheiligem Feste ausschließlich einem hochfahrenden Bauernmädchen gewidmet sein könnte, so ist solche Annahme Vermessenheit und strafwürdig. Tilge Hochmut und Trotz in dir, Klärle! Dann erst kann dir Friede werden! Bete öfter mit gleicher Inbrunst zum Gekreuzigten, und du wirst Erhörung finden! Geh' mit Gott, Klärle und sühne! Amen!“ Sanft lächelnd bietet der würdige Priester dem Mädchen die Hand. Klärle zögert einen Augenblick, dann aber beugt sie sich etwas nieder, und haucht den Kuß der Ehrerbietung auf die priesterliche Hand. Wie Wirbelwind stürmt Klärle dann durch den Wald mit übervollem Herzen, indes der Pfarrer seinen Weg in den Tann fortsetzt.
* * * * *
Auf der Straße zum Dorfe angelangt, schreitet Klärle langsamer vorwärts. Eine ungeahnte Seligkeit erfüllt ihr Herz. Der Alp ist geschwunden, nach der Versicherung des Pfarrers, daß die Pfingstpredigt nicht ihr allein gegolten. Es war also keine Stichelei auf sie gewesen. Die Tadelsworte will sie gern ertragen. Zur Verwunderung entgegenkommender Leute grüßt Klärle diese zuerst mit freundlichen Worten und lieblichem Lächeln, so daß die Dörfler ebenso freundlich danken. Keines gebraucht das häßliche Wort; die Leute nennen sie einfach „Klärle“. Wie das wohlthut!
Still zieht Klärle im Gifthof ein. Der Vater hält im Lehnstuhl sein Mittagsschläfchen. Klärle schleicht sich sachte in die Stube zum Vater hin, kniet nieder und küßt dessen rechte Hand. Darüber erwacht der Gifter; verwundert blickt er auf sein knieend Kind. Ihm ist wie ein Traum, ein schöner Traum, und unwillkürlich fährt er sich mit der linken Hand über die Augen.
Erglühend lispelt Klärle. „Gruß Gott, Vater! Verzeih' mir, daß ich dich verlassen! Nimm mich in alter Liebe und in Gnaden wieder auf! Ich will dir fürder eine gehorsame liebende Tochter sein.“
Sprachlos vor Überraschung blickt der Alte hernieder auf sein verwandeltes Kind. Dann zuckt es in seinem Gesicht, wie Wetterleuchten huscht es über die runzligen Wangen, die Augen werden feucht, die welken Lippen beben.
„Wach' ich, oder träum' ich!“ flüstert der Alte.
„Du wachst, Vater! Ich bin wieder da! Verzeih' mir!“ bittet Klärle und küßt abermals die Hand des Vaters.
„O Gott, ich danke dir! Du hast mir mein Kind wieder gegeben, gut und lieb! Sei willkommen daheim, Klärle! Ich bin glücklich!“ Mit beiden Händen zieht der Vater sein Kind an die Brust und küßt das Mädchen herzhaft ab. Dann möchte der Gifter aber Näheres wissen; wo Klärle war, was ihr Herz gebessert habe und eine Menge Fragen mehr.
Klärle schüttelt den Kopf und bettelt: „Nicht fragen, Vater! Noch bin ich nicht fertig mit mir! Bitte, laß allein mich zurechtfinden!“
„Wie du willst! Gott lenkt sichtlich dein Herz und es wird alles wieder gut werden!“
Klärle's erster Gang vom Vater weg, gilt der Küche, wo Bärbel mit der Spülarbeit beschäftigt ist. „Grüß Gott, Bärbel!“ ruft vergnügt, schier zärtlich Klärle.
Ein Schrei, ein Gepolter, Scherbengeklirr giebt Antwort auf solche Überraschung. Bärbel steht wie versteinert und starrt Klärle an, als sei es ihr Geist, der am helllichten Tag erschienen.
Die Küchendirn hält Mund und Auge offen und erwartet des Himmels Einsturz.
Ohne über die zerbrochene Schüssel ein Wort zu verlieren, reicht Klärle der maßlos überraschten Bärbel die Hand, faßt die naßen Finger ungescheut und spricht: „Grüß Gott, nochmal, Bärbel! Ich bin wieder da, und nun wollen wir treue Freundschaft halten!“
Bärbel stößt ein wahres Jammergeheul aus und gebärdet sich ganz verzweifelt, indes die Dirn wie Flugfeuer wegspringt, um Hilfe zu holen. Von den Hofleuten eilt herbei, wer in der Nähe war, und in scheuer Entfernung guckt das Gesinde auf die verwandelte Tochter des Hauses.
Verwundert steht Klärle inmitten der geräumigen Küche und beguckt ihrerseits die kreischende Bärbel, welche abwehrend die Hände vor sich hält, als Klärle auf das Mädel zugeht, um es zu beruhigen. Bärbel retiriert um den Herd herum zu den Knechten, dort Schutz suchend.
Klärle ruft: „Aber Bärbel! Bist närrisch geworden?“
„Ich nicht, aber bei dir ist's nimmer richtig!“ tönt es zurück.
Jetzt begreift Klärle, und silberhelles Lachen klingt durch den Raum. Die Leutchen halten Klärle ob ihrer Milde und Güte für verrückt geworden.
Klärle wird rasch wieder ernst; das Verhalten Bärbels giebt zu denken. „Geht an die Arbeit, Leute!“ befiehlt die Tochter.
Das wirkt augenblicklich. „Sie ist doch noch die Alte!“ flüstern die Dirnen und huschen hinweg, und auch die Knechte trotten davon, fest überzeugt, daß Klärle der Bärbel bloß einen Possen spielen wollte.
* * * * *
Im Gifthofe geht alles wieder seinen gewohnten Gang. Neu für Bärbel und den Vater ist nur, daß Klärle oft stundenlang beim Nähzeug sitzt und Schäden an Kleidern repariert oder strickt und sonstige Handarbeiten verrichtet. Der Vater hat die Frage, wie denn solche Verwandlung gekommen, immer auf der Zunge, aber stets schluckt er die Frage wieder unausgesprochen hinab. Klärle will nicht darüber reden, drum wird es besser sein, wenn sich alles von selber weiter entwickelt. Nur meint der Vater, von dem vielen Sitzen könnte Klärle krank werden, weil sie es nicht gewohnt sei. Doch Klärle verneint das lächelnd mit dem Hinweis, daß sie sich an derartige Arbeiten gewöhnen wolle und Näherinnen ja doch das Gleiche thun müßten, ohne zu Grunde zu gehen.
„Hm! Aber die Näherin muß es thun! Du hast aber solche Arbeit nicht nötig!“
„Ein weibliches Wesen gehört zeitweilig an den Nähtisch und zur Strickwolle. Bitte, lieber Vater, laß mich, wozu mich's drängt. Ich verspreche dir auch, davon nicht krank zu werden!“
„Na, ich weiß nicht, ob das viele Sitzen nicht Gift ist —“
„Vater! sprich das Wort nicht mehr aus in meiner Gegenwart oder —“ schreit erbleichend Klärle und springt auf mit abwehrend erhobenen Händen.
Erschrocken stottert der Alte: „Aber, Maidle, was hast denn nur?“
Klärle aber verläßt augenblicklich die Stube und schließt sich oben in ihrer Kammer ein.
Vor dem Hause auf der Bank hockend, zerbricht sich der Gifter schier den Kopf über die sonderbaren Eigenheiten der Tochter, die bald niemand mehr verstehen wird.
* * * * *
Tage und Wochen vergingen; der Heumahd ist die Grummeternte gefolgt, ein leichtes Herbsteln in der Natur wird wahrnehmbar. Die Arbeiten gehen ihren gewesenen Gang. Immer stiller werdend waltet Klärle auf dem Hofe ihres Amtes. Körperlich ist an ihr keinerlei Veränderung wahrzunehmen, nur sticht ihre Milde gegen jedermann stark ab gegen ihr früheres scharfes lärmendes Gebahren. Daß Klärle auffällig oft an einer Stelle sitzt, wo der Richtung nach der Fohrenbühl sich erhebt, und unverwandten Blickes hinaufstarrt, obwohl nicht das geringste zu sehen ist, das entgeht dem Vater nicht und erregt in ihm doch allmählich Besorgnis, die ihn schließlich veranlaßt, mit dem Vertrauensmann der Dörfler, mit dem Pfarrer, Rücksprache zu pflegen. Ohne seine Absicht bekannt zu geben, ist der Gifter eines Tages nach Lauterbach gehumpelt und für eine Weile im Pfarrhof verschwunden. Am selben Abend, als der Gifter mit Klärle allein in der Wohnstube ist, meinte er so leichthin, daß Klärle am nächsten Sonntag nicht in die Kirche kommen solle.
Mit jähem Ruck wirft die Tochter den Kopf auf und fragt scharf: „Wer will mir, wenn ich es will, den Kirchgang verbieten?“
„Nu nu! Nicht gleich obenaus fahren, Klärle! Dem Pfarrer wäre es lieber, wenn du nicht anwesend wärest!“
„Was hat der Pfarrer vor mit mir?“
„Das hat er mir nicht auf die Nase gebunden. Doch werden wir es ja hören, was es giebt. Wenn du indes gehen willst, ist's dir unbenommen. Der Pfarrer hält übrigens große Stücke auf dich und ist fest überzeugt, daß du dich zum Frieden durchringen wirst.“
Klärle erglüht wie eine Pfingstrose und neigt den Kopf tief zur Näharbeit herab.
Im selben Augenblick pocht es an der Stubenthür und ein etwa siebenjähriger Knirps schiebt seine kleine Gestalt herein, in der rechten Hand krampfhaft ein in Papier gehülltes Fläschchen tragend. Zaghaft geht der Knirps auf das Mädchen zu und fragt. „Bist du die Klärle?“
„Ja, Kleiner, was willst oder bringst?“
„Da, das da hat mir die Kräuterliese für dich übergeben. Du darfst es aber erst aufmachen, wenn ich hinter der Thür bin!“
„So, Vorschriften auch noch! Wart' einen Augenblick, ich will dir etwas aus der Küche zum Botenlohn geben!“
„Nein, nein, ich brauch' nichts!“ zetert angstvoll der Kleine und springt davon, als sei der Teufel hinterdrein.
Der Gifter lacht aus vollem Halse; Klärle begiebt sich wieder an den Nähtisch und löst das Fläschchen aus der Umhüllung. Ein Wutschrei entfährt ihrem Mund, sie stampft mit dem Fuße, ballt die Faust und zischt: „Schändlich! Soll ich mich auch noch von Bettelweibern verhöhnen lassen! Ich hätte nicht übel Lust das Zeug zum Fenster hinauszuwerfen!“
„Dann öffne aber vorher, es war' schad' um die ganzen Scheiben!“ meint trocken der Vater im Lehnstuhl und fragt dann, was denn los sei.
„Ach was! Eine Bosheit der Kräuterliese, die mir ein „Gegengift gegen die Giftklärle“ schickt, eine „Medizin zur Läuterung der Seele“. So steht es wenigstens auf dem Fläschchen angeschrieben. Zu dumm! Ich werde — nein, nichts werde ich, keinen Tropfen werde ich einnehmen davon! Aber ihr werde ich die Bosheit eintränken!“
„Klärle!“
„Was willst Vater?“
„Ich mein', die Liese will dich mahnen an etwas?“
„An was?“
„Das weiß ich nicht. Du wirst es schon wissen!“
Klärle verstummt, nimmt das Fläschchen zu sich und verläßt die Stube.
* * * * *
Die folgenden Tage wird der „Gegengift“-Sendung mit keinem Worte erwähnt. Mit Spannung harrt der Alte der Dinge, die der Sonntag bringen soll. Und als die Glocken am Tag des Herrn zum Gottesdienst riefen, fragte der Gifter, zum Kirchgang gerietet: „Nun, Klärle, wie ist's? Gehst mit oder thuest dem Pfarrer den Gefallen? Oder bringt dich die Neugier um?“
„Ich bleibe daheim und werde mein Gebet im Kämmerlein verrichten!“ erwidert ruhig Klärle und winkt dem Vater liebevoll zum Abschied mit der Hand.
Im dichtgefüllten Gotteshause lauscht die Schar der Lauterbacher andächtig der weihevollen Predigt, die der Pfarrer schließt mit den Worten: „Liebet einander im christlichen Sinne.“ Seltsamerweise bleibt der Prediger aber auf der Kanzel, überblickt die gespannt zu ihm aufblickenden Gläubigen und beginnt aufs neue: „Geliebte in Christo dem Herrn! Als ich am heiligen Pfingstfeste zu euch sprach und euch ermahnte zu Geduld, Milde und Güte, Frieden zu halten und einander zu lieben, nicht zu hassen, da war meine Mahnung an euch alle in der ganzen Gemeinde gerichtet, keineswegs aber an eine einzelne Person! Unliebsamerweise hat jedoch diese Mahnung eine Deutung gefunden, als hätte ich eine bestimmte Person im Auge gehabt. Dem war und ist nicht so, und darum sind alle daran geknüpften Folgerungen hinfällig. Das Gotteshaus ist nicht der Ort zu persönlichem Tadel, nicht der Ort für menschliche Dinge. Meine priesterliche Liebe umfaßt euch alle! Und wie der Herr sprach, so spreche ich an seiner Statt: Gehet hin und liebet einander!“
Die Gemeinde segnend, verläßt der würdige Pfarrer die Kanzel und setzt sodann die heilige Handlung am Altare fort.
Nach Beendigung des Gottesdienstes harrt der alte Gifter an der Friedhofsmauer, umgeben von zahlreichen Dörflern, die lebhaft die Ansprache des Pfarrers besprechen, des Priesters, der freundlich grüßend aus der Kirche tritt und besonders dem Gifter liebevoll zunickt. Gifter humpelt auf den Pfarrer zu, drückt ihm herzhaft die Hand und dankt ihm aus tiefstem Herzensgrunde für die guten Worte. Klärle wird sich schon noch selber bedanken für diese Wohlthat, die jeglichem Gerede über die „Stichelei“ ein Ende machen wird.
„Grüß mir die Klärle! Es wird noch alles gut werden!“ sagt der Pfarrer und begiebt sich in sein Haus.
Gar mancher Bauer und Bursch reicht dem Gifter die Hand, gleichsam als wollten sie gut machen, was sie über Klärle ob der vermeinten Stichelei gesprochen. Ganz wohlig ist es dem Alten ums Herz, wie er nun gemächlich durch das stille Gelände seinem Hof zuschreitet, hochzufrieden mit dem wackeren Pfarrer, der so gut und lieb für Klärle eingetreten ist. Und da steht ja Klärle lieblich wie ein junger Maimorgen am Rain, den Vater erwartend.
„Grüß Gott, Klärle!“
„Grüß Gott, Vater!“
„Maidle, der Herr Pfarrer —“
„... hat für mich gesprochen, der liebe seelensgute Herr!“
„Du weißt schon?“
„Martin, der Hirt, war auch in der Kirche und hat mir Kunde gethan. O, wie bin ich dem geistlichen Herrn dafür dankbar! Aber, Vater, ich hätte eine große Bitte an dich!“
„Red', Klärle! Ich bin ja glücklich, wenn ich dir einen Gefallen erweisen kann!“
„Ja, Vater, du bist so lieb und gut!“
„Schieß' nur los, Klärle! Deine Bitte ist im voraus erfüllt! Was soll ich thun? Willst was vom Krämer in Schramberg oder ein neues Gewand?“
„Nein, nein! Vater! Geh', sei so lieb und bring' den Kaspar vom Jörgenmichel dazu, daß er —“
Betroffen weicht der Gifter einen Schritt zurück und kratzt sich hinterm Ohr.
„Willst du nicht, Vater?“
„Hm! Das ist eine heikle Sach', Klärle! Nicht, daß ich nicht zu ihm gehen will, o nein, ich geh' gern für dich! Aber es ist die Frage, was Kaspar sagen wird! Ich fürchte, er fertigt mich kurzer Hand ab und läßt mich stehen!“
Klärle läßt den Kopf hängen und geht trübselig ins Haus. Der Vater humpelt ihr wohl nach und sucht sie zu trösten, doch das Mädchen hört nicht auf sein Reden und schließt sich im Kämmerlein ein. Gifter reibt sich seine Stirne, als wenn er dadurch einen besonders geistreichen Gedanken aus dem Hirnkasten herausbringen möchte. Es ist doch rein wie verhext: Jetzt, wo's Klärle weich ist im Gemüt, zur Versöhnung geneigt, rein nimmer zu kennen vor Sanftmut und Milde, jetzt hapert es dennoch, jetzt soll der beleidigte Teil das erste Wort zum Guten geben! Daß Kaspar bockbeinig bleiben wird, ist ihm gar nicht zu verübeln. Ob aber, wie es eigentlich sein sollte, Klärle noch so mürbe wird im Sinn, daß sie selber die Hand zur Versöhnung bietet und Abbitte leistet, das wagt der Alte trotz der bisherigen Sinnesänderung Klärle's doch nicht zu hoffen. Aber immerhin soll der Versuch gemacht werden. Wie er steht im Feiertagsrock, pilgert der Gifter sofort die Straße in der Richtung zum Fohrenbühl hinan und biegt sodann ab, wo ein Seitenweg zum Jörgenmichelhof führt.
Wenn nicht Rauch aus dem Schlot des Hofes aufstiege, könnte man meinen, es sei keine Katze im Hause, so still ist's hier.
Gifter scheut sich, polternd einzutreten durch die leicht angelehnte Thür. In solcher Mission ist es nicht angezeigt, großspurig aufzutreten, darum geht Gifter schier demütig ins Haus und klopft an die nächstbeste Thür im Flötz.
Keine Antwort. Wird wohl niemand drinnen sein. Vielleicht hockt der Kaspar noch im Wirtshaus zu Lauterbach und schöppelt. Unwillkürlich klinkt aber Gifter doch die Thür auf, und überrascht fährt es ihm aus der Kehle: „Oha!“
Kaspar zuckt erschrocken zusammen und sucht in arger Verlegenheit ein Fläschchen zu verbergen, indes er stottert: „Je, der Gifter in eigener Person!“