Im grünen Tann

Chapter 10

Chapter 103,602 wordsPublic domain

Wenn die Dirn Zeit dazu hätte, sie würde die Hände überm Kopf zusammenschlagen. So aber hat sie Mühe, den fortdrängenden Kühen die Glocken abzunehmen und händigt selbe dem vergnügt schmunzelnden Hirten ein, der sich nicht wenig auf die ihm gewordene Bevorzugung einbildet und nicht übel Lust hätte, der Klärle seine Liebe zu erklären, wenn die Sache nicht so gefährlich wäre. Ein einzig uneben Wort, und die Geschichte schlägt ins Gegenteil um, der Schellenmarkt fällt ins Wasser, und Martin hat seine Hiebe dazu, wenn er nicht gar vom Hof gejagt würde. Aus diesen Erwägungen behält der Hirt seine zärtlichen Gefühle lieber bei sich und läßt sich über die Gunstbezeugung gebührend bewundern. Bei Tisch langt er sich im Bewußtsein, Hahn im Korb zu sein, die größten Brocken heraus, ein Frevel, der ihm zu normalen Zeiten sicherlich einen gehörigen Rüffel eingetragen hätte. Heute gucken die Knechte und Dirnen bloß, zumal Klärle dem Hirt übern Tisch zuruft, er solle sich beeilen, denn sie werden gleich nach dem Essen ausbrechen.

Der Vater fragt, ob von den Knechten jemand auf den Markt gehen dürfe. Klärle erwidert gleichgiltig: „Mit mir nicht! Doch will ich's niemand verwehren, sofern die Leute zur Dämmerung wieder zu Hause sein werden!“

Das Gesinde vergißt aufs Essen vor Verwunderung, nur Martin schiebt mit Gabel und Löffel in den Mund, was er hineinbringen kann, und grinst dazu vor Vergnügen. Wenn das so fortgeht, kann er möglicherweise heut abend schon erklärter Tochtermann vom Gifter, und in sechs Wochen Giftbauer sein. Dann soll's hoch hergehen! Vor Wonne und Seligkeit hat der Hirt beim Schlucken nicht besonders acht gegeben und muß jetzt husten, daß er blau im Gesicht wird.

Ärgerlich fragt Klärle: „Was hat denn der Esel? Er erstickt wohl noch an Butterspätzlen!“

Das kühlt die Glückseligkeit des Martin augenblicklich ab, und auch der Kloß rutscht sofort in den Magen, aus Respekt vor der Giftbauerntochter.

* * * * *

So stillruhig es auf dem Höhenzug zwischen dem Gutach- und Berneckthal, Fohrenbühl genannt, sonst ist und menschenleer auf der an Wiesen und Weideplätzen und Tannenwäldern vorbeiziehenden Straße nach dem badischen Städtchen Hornberg, heute wimmelt es von Hirten, Knechten und Dirnen, Bauern und Bäuerinnen, die alle der Grenze und Wasserscheide auf der Höhe zuwandern, wo noch auf württembergischem Boden das Wirtshaus zum „Adler“, etwa fünfzig Schritte davon auf badischer Erde das Wirtshaus zum „Schwanen“ steht. Die Straße durchschneidet quer die Landesgrenze und stehen die Grenzpfähle zwischen den beiden Häusern, die Wiesen, Granitfindlinge und die ungeheuren Felder der für die Schwarzwaldhänge typischen gelben Ginsterblume, hier zu Lande „Herrgottschühle“ genannt, trennen. Beide Wirte haben für den heutigen, vom besten Wetter begütigten Fohrenbühler Schellenmarkt Vorkehrungen getroffen, fliegende Schänken errichtet, Tische und Bänke vor die Häuser gestellt, um den „Einfall“ zu erleichtern. In einer Bude hält ein Schramberger Kaufmann neue Kuhschellen feil und Peitschen dazu, in einer anderen sind Tücher, Lebzelten und dergleichen für die Dirnen zum Kaufe ausgelegt, die von den Marktbesuchern denn auch gebührend bewundert werden. Innen und außen sind die beiden Wirtshäuser bereits dicht belagert von Durstigen; auf der Straße und bis hinüber in die Wiesen jedoch stehen die Hirten, die Löwen des heutigen Tages, und probieren die Schellen, daß es wirr durcheinandertönt. Gar mancher Bursch hält sich die Schelle dicht an das Ohr, um sich vom Klang, von der Gesamtharmonie zu überzeugen, bevor er den Kauf oder Tausch abschließt. Da jeder läutet und unzählige Schellen probiert werden, ist es nicht leicht, einen richtigen Dreiklang oder ein größeres harmonisches Geläute zusammenzubringen. Es schwirrt und klingt über die Höhe hinein in den sonnenbegossenen, harzduftenden, kirchenstillen Wald: ein vielstimmiges Kontert von Kuhglocken, ein Schellenchaos, bei dem man sein eigenes Wort nicht versteht. Hat ein Hirt aber das Kunststück fertig gebracht und seine Glocken harmonisch vereinigt, ist der Tausch oder Kauf abgeschlossen, dann tönt wohl ein Jauchzer der Freude dazwischen und Neugierige umzingeln den Glücklichen und probieren seine Schellen. So lärmt es und tönt es, die Hirten jubeln und jauchzen, trinken und streiten, wenn einer oder der andere auf Tausch oder Verkauf nicht eingehen will.

In das Menschengewoge, das sich zwischen den beiden Wirtshäusern staut, taucht eben Klärle mit dem Hirten Martin, welchem die Gifttochter, nachdem sie wortlos mit ihm den Fohrenbühl hinangestiegen, knapp vor dem „Schwanen“ eröffnete, daß er nach den zum Geläut noch fehlenden Schellen suchen und solche einhandeln solle, wozu ihm Klärle das nötige Geld überreichte. Freudestrahlend bedankte sich der Hirt und steuerte der Hauptgruppe von Glockenhändlern zu, indes Klärle, von der Menschenmenge schier geschoben, allmählich den Buden nahekam, in welchen Tücher und dergleichen feilgehalten werden. Das Getriebe ist zu lebhaft, als daß eine einzelne Person auffallen könnte. Hie und da streifte das Mädchen wohl Bekannte, die dann untereinander tuschelten und sich wohl über die Stichelei unterhielten. Klärle achtete ihrer nicht weiter und ließ sich weiterschieben, teilnahmlos, gleichgiltig und gelangweilt. Schier reut es sie, auf den Fohrenbühl in dieses Menschengewoge gegangen zu sein, und allmählich reift in ihr der Entschluß, wieder heimzukehren. Hart vor einer Bude stehend, wird Klärle plötzlich angesprochen, der Kaspar vom Jörgenmicheleshof steht vor ihr und fragt: „Nun, schöne Klärle, wie ist's mit uns beiden? Willst für die Zwiebel nicht ein Halstüchel eintauschen? Bist noch so spitzig wie neulich?“

Unangenehm überrascht sieht das Mädchen zu dem stämmigen Burschen auf, und zornig kommt es von Klärles leicht zitternden Lippen: „Laß mich' in Ruh! Mit Bänkelsingern hab' ich nichts zu schaffen!“

Die scharfe Rede erregt Aufsehen unter den nächststehenden Leuten, die nähertreten und erwartungsvoll aufhorchen. Das schöne Paar ist im Nu von einer Menschenmenge eingekeilt, ein Entrinnen so leicht nicht möglich. Gutmütig meint Kaspar: „Mußt nicht gar so spitz sein! Es war nicht bös gemeint, und schau, dein Wurfgeschoß trage ich noch am Hut! Ein Nägele von dir war' mir lieber!“

Mit einem Griff reißt Klärle die Zwiebel von Kaspars Hut und ruft: „Für so 'nen Lumpen ist das selbst zu gut! Du brauchst nichts zu tragen von mir!“

„Halt, schnippisches Ding! Der Knollen ist mein! Dir aber rate ich, geh manierlicher um mit den Leuten!“

„Du willst Manier predigen, du, der wie ein Räuber in friedliche Häuser einbricht und Mädchen überfällt! Schande über dich, Kitteljäger!“

„So meinst?! Na warte, das Wort soll dir noch einmal auf der Zunge brennen! Wir rechnen noch ab miteinander! Hört zu, Bueben am Fohrenbühl:

Sie hat auf die Zähn' wohl e Härle, Schneidet ab den Leuten die Ehr': So bleib denn fürder: _Giftklärle_, Dich nimmt der Teufel nimmermehr!“

Schallend Gelächter folgt diesem Trutzgesangel, laut rufen die Leute: „_Giftklärle_!“ und spotten, da sie augenblicklich den Doppelsinn in dieser Bezeichnung begreifen und fühlen, daß Kaspar ihr den Spottnamen für ihr „giftiges“ (schnippisches) Wesen aufgebracht hat. Von Mund zu Mund fliegt der Spottname; nicht einer findet ihn ungerecht, man gönnt dem unverträglichen Mädel diese öffentliche Abkanzelung und witzelt allenthalben übers „giftige Giftklärle“.

Wutentbrannt, zornglühend drängt sich Klärle durch die Menschenmenge, die dem enteilenden Mädchen den neuen Spottnamen nachrufen. In rasendem Lauf flüchtet Klärle die Bühlstraße hinab, dem heimatlichen Hofe zu. Kaspar aber, der Held des Tages, feiert seinen Sieg über die trutzige Dirn bald im „Schwanen“, bald im „Adler“. Immer lebhafter wird es auf dem Fahrenbühl; der Wein thut seine Wirkung, immer hitziger werden die Burschen. Martin hat einen Hirten gefunden, der die Ergänzung im richtigen Glockenton zu seinem Geläut hätte, die paffende Schelle aber nicht hergeben will. Martin giebt sich die größte Mühe, den Burschen zu bereden, und bietet die gesamte von Klärle erhaltene Barschaft für die Glocke. Je dringlicher Martin wird, desto störrischer zeigt sich der Hirt, der schließlich, um den lästigen Händler abzuschütteln, höhnisch sagt: „Und wenn ich die Schelle auch dir gäbe, sie käm dann doch auf den Hof und der — _Giftklärle_ geb' ich sie nicht!“

Martin stutzt; von dem Vorfall an der Tücherbude hat er nichts wahrgenommen, doch fühlt er augenblicklich den Hohn in der Bezeichnung für seine Bauerntochter und ist zur Abwehr bereit. Die Schellen in den Sack schiebend, streift Martin die Rockärmel zurück, holt zum Schlag aus und ruft: „Nimm das Wort zurück, Lump, oder —!“

„Was oder — nichts oder!“ Schwapp hat Martin einen Hieb, daß ihm die Ohren sausen. Auf so ein erstes Zusammenprallen streitender Hirten wird beim Schellenmarkt förmlich gewartet, um sodann eine regelrechte, saftige „Holzerei“ ins Werk zu setzen, die zu den notwendigen Freuden des Festes gehört. Im Nu sind die Kampfhähne umringt; die Lauterbacher Bueben schlagen sich auf Martins Seite im Gefühl württembergischer Zusammengehörigkeit, und die Partei des badischen Gegners nehmen selbstverständlich die Burschen und Hirten aus dem Gutachthal. Um die Streitursache wird weiter nicht gefragt, es wird gerufen auf württembergischer Seite. „Hie Beutelsbach!“, kampflustig brüllen die Badener: „Hie Zähringen!“ und nun prallen die Burschen aufeinander, das Gebalge beginnt, kreischend fliehen Dirnen und Weiber aus dem Kampfbereich, die älteren Bauern hingegen beobachten mit Feldherrnaugen die „Schlacht“. Der Hirt vom Gifthof hat entschieden Pech am heutigen Pfingstfest; jämmerlich durchgebleut kommt er zu Fall, und im Kampfgewühl wird wenig Rücksicht auf deinen gebräunten Teint und seinen Gesichtsvorsprung genommen. Freund und Feind, Zähringer und Beutelsbacher treten auf seinem Körper herum, hin und her wogt der Kampf. Das bemerkt Kaspar, der erst die Flucht Klärles eine Weile beobachtet hat, und Mitleid erfaßt ihn; mit einem wuchtigen Satz springt er in den Menschenknäuel, wirft die Burschen links und rechts zur Seite, packt den am Boden liegenden Martin und zerrt ihn mit kräftiger Faust vom Kampfplatz weg.

Arg zerschunden, getreten und verschlagen braucht der Hirt eine Weile, bis er auf eigenen Füßen stehen kann. Kaspar stützt den Burschen und führt ihn dann den Bühl hinab, heim bis in die Nähe des Gifthofes, den kläglich nach dem verlorenen Geld und um die vertretenen Schellen jammernden Hirten tröstend und beruhigend.

Auf dem Fohrenbühl giebt es grimmig verschlagene Köpfe mit den schönsten Beulen, die aber augenblicklich auseinanderfahren, wie der Landjäger auftaucht. Hei, wie die Burschen nun flüchtig über die Grenze springen! Wie ein Schwarm Heuschrecken hupfen sie ins badische Land,[17] und fallen im „Schwanen“ ein, friedlich jetzt und einig, durstig und ob der Kraftausübung seelenvergnügt. Der Schellenhandel wird jetzt friedfertiger fortgesetzt, es klingt und tönt aufs neue hinaus in den verklärten Abend, und die letzten Sonnenstrahlen vergolden die fernen Höhen des Kniebis wie die Wipfel der langgedehnten Wälder.

* * * * *

Tannenumschattet steht am Moserkopf, in eine Mulde eingebuchtet auf einer kleinen, windgeschützten Blöße inmitten des düsteren Tanns eine ziemlich verfallene Blockhütte, auf deren flachem Dach eine Moosschicht grünt und deren Fugen mit dürrem Farrenkraut verstopft sind. Klein und sparsam sind die Fenster mit teils eingetragenen, teils erblindeten Scheiben in der schwarzen Hütte angebracht, vom Tann beschattet, so daß sie stets im Dunkel stehen. Eingefallen liegt nebenan ein Schuppen in Trümmern, der wohl einst Aufbewahrungsort der Kienstöcke für einen Theerschweeler gewesen sein mag, als noch an dieser Stelle in tiefer Waldesabgeschiedenheit getheert und Pech erzeugt wurde. Bruchstücke eines Theerofens liegen verstreut, von Farrenkraut umwuchert, auf dem schwärzlichen Boden. Ein unheimlich Bild der Verwahrlosung, des Verfalls bietet diese einsame Siedelung im dichten finsteren Tann, zu welcher durch den stillen Wald ein wenig betretener, moosiger Pfad führt. Würde nicht ein blauer Schurz an der verwitterten Hüttenthür hängen und bläulicher Rauch sich den Weg ins Freie suchen, man würde die Blockhütte für unbewohnt, verlassen gehalten haben. An dieser Stätte jedoch haust seit Jahren, Winters wie Sommers über ein altes Weiblein, gemeiniglich die Kräuterliese genannt, die hier aus sorglich gesammelten Kräutern heilsame Tränklein braut und an Hilfsbedürftige draußen im Lauterbach- und Berneckthale für wenige Groschen abgiebt und davon das karge Leben fristet. Durch ein abschreckend Äußeres ist das alte Weiblein immer, wo es sich in bewohnten Gegenden sehen läßt, ein Gegenstand der Furcht für Kinder, die das Weiblein für eine Hexe halten, für eine unheimliche Zauberin. Übermütige Burschen üben Spott am Weiblein, und die Dirnen weichen der Kräuterliese aus. Aber wenn so ein junges Ding einen Trank oder Rat braucht, wenn ein Mädel wohl gar durch geheimnisvolle Karten einen Blick in die Zukunft thun und erkunden will, wie der ersehnte Bräutigam heißen wird, dann huscht wohl so ein Waldmaidle durch den kirchenstillen Tann zur Hütte und fordert Einlaß in die dumpfe einsame Hütte.

Weihevoller Abend ist's im Wald; das geheimnisvolle Flüstern in den Wipfeln ist erstorben, Meisen und Krummschnäbel sind zur Ruhe gegangen, majestätisches Schweigen waltet ringsum, und zauberhaftes silberweißes Mondlicht spielt herein auf die Blöße und zittert durch das dunkle Geäst der mächtigen Fichten und Tannen. Versunken in Gedanken lehnt ein lieblich Mädchen an der einen Seite des verfallenen Schuppens und blickt zum klaren, sternenbesäten Himmel empor, von dem ein kleiner Fleck von der Blöße aus zu sehen ist. Ringsum ragt der Tann auf, schützend und bewachend, ein ungeheurer Wall von Baumriesen. Es ist Klärle, die stumm, in sich gekehrt, vom Silberlicht umflossen steht und manchmal seufzt. Das Mädchen hat sich in die Waldeinsamkeit geflüchtet, hier bei der alten Kräuterliese hofft Klärle Ruhe zu finden vor den hämischen boshaften Leuten, Ruhe für das eigene Herz. Hier wird sie das schlimme Wort, das ihr auf dem Fohrenbühl zugerufen wurde, nicht mehr zu hören bekommen, jenes Wort, das sie getroffen bis ins Herz. Wie sie Unterkunft erbat bei der Kräuterliese unter Zusicherung guter Entlohnung, verschwieg Klärle die wahre Ursache ihrer Flucht vor dem Menschen, und schützte das Bedürfnis nach Waldluft und Ruhe vor. Und bereitwillig hat die Alte Klärle aufgenommen und ein dürftig Kämmerlein eingeräumt, so daß das Mädchen damit zufrieden wäre. Nach Gründen fragte das Weiblein nicht weiter; Ruhe werde 's Maidle schon finden und ein Tränklein auch, wenn es solchen wolle. Die Kost werde mager sein und dürftig das Lager aus getrocknetem Moos. Zum Tanzen werde es nicht kommen im Tann des Moserkopfes.

Ruhe hat Klärle; aber jenes verhaßte Wort drängt sich immer wieder ins Gedächtnis und rückt ihr die widerliche Scene auf dem Fohrenbühl vor das geistige Auge. Wie leicht hat sie früher Vorfälle vergessen, wie rasch ist sie über unangenehme Scenen hinweggegangen! Bittende Worte hat sie verlacht, die Menschen mißachtet, schlecht behandelt; sie ist kalt und unempfindlich geblieben bei anderer Not und Elend und hat die schlimmsten Auftritte wenige Augenblicke später vergessen. Bei einem Ohr hinein, beim andern wieder hinaus; nachhaltend blieb nichts als eine Leere im Herzen, ein immer unzufriedenes Herz. Und jetzt? Immer wieder mahnt ein unerklärliches Gefühl, immer tönt ihr jenes Wort im Ohr; sie sieht, wohin sie blickt, die Gestalt jenes stämmigen Burschen, der hochaufgerichtet, mit lohendem Blick und zuckenden Lippen ihr jenes Wort zuschleuderte; sie hört das Hohngelächter der Leute immer wieder, und es krampft sich das Herz zusammen, ein namenloses Gefühl von Haß, Zorn, Bitterkeit und Ohnmacht zieht schmerzend durch ihre wogende Brust. O, wenn nur jener Augenblick aus dem Leben zu streichen wäre! Und mußte es denn so kommen? Was hat der Kaspar gewollt? War es notwendig, ihn so zu behandeln? Hat der Bursch nicht recht gehabt mit dem vergeltenden Wort? Es nagt wie Reue in ihrem Herzen. Sie hätte die häßliche Scene verhüten können; das grausame Wort wäre ungesprochen geblieben, wenn — —. „Selbst bin ich Schuld!“ flüstert Klärle vor sich hin. Und mit Bangen fühlt sie, daß sie die ersehnte Ruhe selbst hier, mitten im Tann, nicht finden werde. Ist sie denn schlecht, verderbten Gemütes? Hat sie nicht manchmal Wohlthaten geübt, Hungrige gespeist, Durstige gelabt, die Armen bedacht? Ist es kein Samariterwerk, daß sie die Bärbel belassen auf dem Hof? Pflegte sie nicht stets den alten Vater und führte die Wirtschaft regsam und sorglich? Scharf und hitzig ist sie, aber nicht schlecht. Und dennoch diese Strafe! Erst der Pfarrer mit der öffentlichen Mahnung und dann der widerwärtige Auftritt auf dem Bühl. Vervehmt, verhöhnt, verspottet von allen! Gebrandmarkt für immer! Ausgestoßen aus der Gemeinschaft, sie, die Erste nach Geburt und Rang in der Bevölkerung des ganzen Thales! Ein Flüchtling mit namenloser Qual im Herzen! Mit jähem Entschluß hat sie das Vaterhaus verlassen, der Behaglichkeit am heimischen Herde entsagt. Zierat und Schmuck, alles zurückgelassen, geflohen vor den Menschen, und dennoch kein Friede, keine Ruhe!

Die Kräuterliese ist ins Freie getreten und mahnt zum Schlafengehen. Die Nacht sei da, und die Hütte müßte geschlossen werden.

„Ich kann nicht schlafen!“ versichert seufzend Klärle und tritt zur Liese.

„Hast wohl einen argen Kummer im jungen Herzen, Maidle?“ fragt teilnahmsvoll die Alte. „Mit frohem Mut und Lustigkeit bist wohl nicht fort und hereingeflüchtet zur alten Liese?“

Klärle schluchzt, heiße Thränen schießen über ihre Wangen.

„Komm, mein Kind, weine dich aus, Thränen lindern; sag, was dich drückt. Schau, die alte Liese ist ein häßlich Ding, aber guten Herzens! Sie hat Mitleid mit dir und will dir helfen, so dir zu helfen ist auf Erden!“

„Mir kann niemand mehr helfen!“

„Das wäre bös! Was hast denn verbrochen, Maidle!“

„Ich — nichts! Aber gebrandmarkt bin ich dennoch — unmöglich fürder im Thale und unter den Leuten!“

„Gebrandmarkt sagst du? Wie das und weshalb!“

Unter Thränen, an die Alte geschmiegt, erzählt Klärle stotternd, zaghaft das Ereignis, und besänftigend, tröstend legt Liefe ihre dürre Knochenhand auf den Scheitel Klärles.

„Das ist freilich schlimm, recht schlimm! Und den bösen Namen wirst so schnell nicht von dir bringen können, ledig nicht!“

Klärle reißt sich mit jähem Ruck los und blickt die Alte entsetzt an. Erst nach einer Weile stammelt sie, am ganzen Körper bebend: „Du wirst damit doch nicht sagen wollen, daß —“

Die Alte nickt und ergänzt den Satz: „Daß du erst als Weib eines Mannes den üblen Beinamen loswerden wirst!“

Klärle atmet auf; im ersten Schreck hat sie schon geglaubt, am Ende gar den Menschen heiraten zu sollen, der ihr den furchtbaren Schimpf angethan. „Du meinst, ich solle überhaupt heiraten!“

„Ja, den Kaspar!“

Klärle kreischt auf, wie wenn eine Schlange sie gebissen hätte: „Den, nein, niemals, lieber sterben!“

„Nicht so hitzig, Maidle! Mit dem Sterben hat es Zeit! Doch komm in die Hütte, ich will abschließen und dir dann drinnen etwas erzählen, was ich noch nie jemandem mitgeteilt. Komm, Klärle! Denk, ich sei deine Mutter! Ich will dir wahrlich wohl, so verschrien ich auch bei den Leuten bin.“

Willig folgt Klärle der Alten in die Hütte und setzt sich zu deren Füßen. Die Alte hebt dann an, leise, geheimnisvoll: „Du hast am Bühl den ersten Schmerz erlebt und ich weiß es, wie weh es werden kann in der Menschenbrust! Nur wer Schmerz empfunden, versteht des anderen Schmerz und Leid. Schmerz läutert die Seele! Auch du mußt solche Läuterungen durchmachen, auf daß dein Gemüt anders, besser werde. Auch ich bin „geläutert“ worden!“

„Du?“

„Ja, ich! Daß ich die alte Kräuterliese bin, ein runzlig altes Weible, das weißt du! Daß auch ich einst ein schmuckes Ding war wie du anjetzo, das kannst du nicht wissen, weil es damals noch keine Gifttochter gegeben hat!“

„Oh, das schlimme, häßliche Wort!“

„Na, nur nicht übertrieben sein, Maidle! Dein Elternhaus ist nun einmal der Gifthof und dieser Heimat brauchst du dich nicht zu schämen! Höre denn: Wenn es je im Schwarzwald ein lustig, aber hochfahrend trutzig Maidle gegeben, war ich es in meiner Heimat, im Murgthal. Der alten guten Mutter machte ich das Leben sauer durch Übermut und frevlen Leichtsinn. Körbe austeilen, als die Freier kamen, war mir höchste Lust, so sehr auch Mütterlein mahnte. Und ein besonderes Vergnügen war es mir, einen braven, guten Burschen, der ehrlich um mich freien wollte, zu quälen und zu verspotten. Und je eifriger er sich um mein Herz bemühte, treu zu mir hielt, desto größer war mir die Lust, ihn zu schmähen. Klein war sein Hab und Gut, ich nannte ihn öffentlich einen Bettler und schrie vor Lust, als er zusammenzuckte und ihm das Herz verkrampfte. Umstehende Flößer lachten dazu, was mich reizte, meinem getreuen Verehrer zuzurufen: Bevor ich dich nehme, du Habenichts und Hasenfuß, geh' ich mit dem nächstbesten Flößer in die weite Welt! Die Flößer gröhlten vor Vergnügen. In meiner Verblendung warf ich mich einem besonders starken, stattlichen Burschen an die Brust, herzte denselben und ließ mich lachend hinwegführen“.

„Wie sagst, Liese?“

Mit zitternder Stimme erzählt die Alte weiter: „Ja, ja, das Unglaubliche ist wahr geworden. Durchgegangen bin ich, wie ich stand und war in meinem grenzenlosen Übermut und Leichtsinn. Und dann ward ich verlassen, höhnisch davongejagt. Und ich hab's nicht besser verdient, Fern der Heimat, mittellos und ehrlos geworden, mußte ich bettelnd heimziehen.... Mütterchen lag draußen im Friedhof, und mein guter, treuer Freund ist fortgezogen, verschollen. Mit Fingern deuteten die Dörfler auf mich, die ich zur Schande des Dorfes geworden. Für weniges Geld veräußerte ich den kleinen Besitz und folgte überall nach meinem Freunde fragend, dessen Spur in die Fremde“.

„Hast ihn gefunden, den guten, braven Menschen?“

„Ja, weit weg von der Heimat und tot. Sein Grab zu schmücken und zu pflegen, erschien mir höchste Pflicht auf Erden. So lange die Groschen aus dem Erlös reichten, konnte ich in dem fremden Ort verbleiben, dann versuchte ich mich zu verdingen, ich wollte ja gerne als Magd dienen, nur um dem teuren Grabe nahebleiben zu können. Doch als ausweislose Fremde, mittellos schaffte man mich aus, zwangsweise wurde ich fortgeführt. Als Bettlerin sah ich die Grenze wieder. Im Heimatsdorfe gab es böse Gesichter, niemand wollte von mir was wissen. Es war eine furchtbare Zeit. Man mied mich wie eine Pestkranke. Und Beeren suchend kam ich immer tiefer in den Wald, herein zu euch, als gebrochenes, schwergeprüftes Weib und fand durch deines Vaters Güte ein Unterkommen hier in dieser dem Verfall preisgegebenen Hütte, wo ich die „Kräuterliese“ geworden bin und Gott für diese Unterkunft danke jeglichen Tag!“

„Dann bist du ja noch nicht so alt, als es allgemein heißt!“

„Bin ich auch nicht, aber Not und Entbehrung, die Seelenqual und endlose Reue haben mir Falten ins Gesicht gegraben und den Rücken gekrümmt. Ich büße ein Leben lang und habe mich dreingefunden, daß ich's so und nicht anders verdiene. Und büßen will ich bis ans Ende. Geläutert ist die Seele!“

Mit einem langen Seufzer endet Liese ihre Erzählung und preßt dann die dürren Finger an die feuchten Augen.

Weich gestimmt, mit bebender Stimme, mitleidsvoll flüstert Klärle: „Was mußt du gelitten haben, Liese!“