Im Banne der freien Reichsstadt

Part 4

Chapter 43,730 wordsPublic domain

Die Fastenzeit ging zu Ende; ihre ernste Bedeutung mußte sich selbst einem stumpfen Gemüt durch die tägliche Entbehrung gewohnter Genüsse einprägen. Nun rüstete sich alles, um das Osterfest mit Freuden zu begehen, und in allen Häusern der Stadt gab es ein eifriges Waschen und Scheuern, Putzen und Schmücken, Backen und Braten. Die letzten Nachwehen des Winters waren überwunden, überall drängten sich Knospen ans Licht, blühten die Veilchen, zwitscherten die Vögel -- Natur und Menschheit waren in gleicher Weise bereit, ein Auferstehungsfest zu feiern. Die Ostersonne ging in blendendem Glanze über der Reichsstadt auf, von allen Türmen läuteten die Glocken, geputzte Menschen zogen scharenweise, mit Gebetbüchern und frischen Sträußchen in den Händen, den Kirchen zu, und wo sich Bekannte trafen, da grüßten sie sich mit dem uralten, freudigen Ostergruß: „der Herr ist erstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ Überall sah man glückliche Gesichter, hörte man frohe Stimmen, und am Nachmittage tummelten sich unzählige Gruppen von Spaziergängern vor den Thoren und auf der Hallerwiese, deren kunstreich angepflanzte Strauchpartieen im ersten, grünen Hauch des Frühlings prangten.

Der zweite Feiertag brachte nach herkömmlicher Weise das Osterspiel, das auf dem großen Platz hinter der Johanniskirche, vor dem Tiergärtner Thor, zu Nutz und Frommen der Bevölkerung von der Geistlichkeit aufgeführt wurde. Da drängte sich alles hinzu, Große und Kleine, Hohe und Geringe; nur wenige Häupter der alten, städtischen Geschlechter, unter ihnen Herr Wilibald Ebner, dünkten sich zu vornehm, um sich mit ihren Frauen unter die Volksmenge zu mischen. So war denn Muhme Lene allein mit Berthold hingegangen, um das Spiel anzusehn, das in seinen Hauptzügen alt und feststehend war, aber in jedem Jahr durch neue Zuthaten erweitert und verschönert wurde.

Ein riesiges Brettergerüst stellte die Bühne dar, denn dieselbe mußte drei übereinander liegende Schauplätze umfassen, Himmel, Erde und Hölle. Zuerst öffnete sich der Himmel: Gott Vater sitzt auf einem Thron, von Engelscharen umgeben, zu seiner Seite halten die Erzengel Michael und Gabriel die Wacht. In vollstimmigem Chor singen die Himmlischen das Lob Gottes des Schöpfers und seines Sohnes, welcher gerade auf Erden weilt, um das Werk der Erlösung zu vollbringen. Da tritt Satanas ein; scheu und verlegen senkt er den Blick vor der göttlichen Glorie; er bekennt, daß er sich vergebens bemüht habe, den Gottessohn in Versuchung zu führen, daß jener ihn aber dreimal siegreich aus dem Felde geschlagen habe, -- und von neuem brechen die Engel in den Lobgesang zu Ehren Christi aus. Aber der Satan ist noch nicht von seiner unantastbaren Heiligkeit überzeugt; der Menschenleib, meinte er, müsse dem Teufel irgend eine schwache Stelle darbieten. Gott Vater gestattet ihm, den Sohn aufs neue zu versuchen, ja, ihn zu martern und zu töten, und froh der gewordenen Erlaubnis geht der Böse von dannen.

Jetzt öffnet sich der mittlere Schauplatz, man sieht Christus, auf einem Esel reitend, seinen Einzug in Jerusalem halten, jubelndes Volk ringsum, das ihm die Kleider auf den Weg breitet und Palmen streut. Die Jünger triumphieren über des Meisters Verherrlichung, nur Judas schaut düster darein. Er bleibt allein zurück, und Satan flüstert ihm den Gedanken des Verrats ins Ohr. Die nächste Scene zeigt Judas vor dem hohen Rat, mit der Frage: was wollt Ihr mir geben, ich will ihn Euch verraten. Es folgt eine Verhandlung voll derber Komik, ein Feilschen und Handeln ohne Ende, denn selbst in ernster Darstellung verlangt der Sinn des Volkes Stoff zum Lachen, und Judas ist gewissermaßen die komische Person in diesem tragischen Spiel. Die Einsetzung des heiligen Abendmahls, Christi Seelenkampf in Gethsemane, Judas’ Verrat und die Gefangennehmung des Heilandes, sein Verhör und seine Verurteilung durch Pilatus -- das alles entrollt sich in kurzen, erschütternden Bildern vor den Augen der Menge, die bald in andächtigem Schweigen lauscht, bald in lautes Gelächter, bald in Schluchzen und Thränen ausbricht.

Als der Vorhang von neuem aufgeht, sieht man die drei Kreuze aufgerichtet. Die Getreuen umstehen den sterbenden Erlöser, die Trauer der Maria bricht in ergreifender Klage aus: „O weh der Leiden, der Tod will uns scheiden; Tod, nimm uns beide, daß er nicht allein zum Jammer von mir scheide. Herzenskind, deine Augen sind dir so gar verblichen, deine Macht und Kraft ist dir so gar entwichen! O weh, was soll ich armes Weib, seit ich dich, liebes Kind mein, leiden sah so große Pein; des sticht mich zu dieser Stund’ ein Schwert durch meines Herzens Grund. Ach liebes Kind, sprich doch ein Wort, daß ich deine Mutter bin! weh mir, er kann nicht, er ist dahin!“ Johannes will die Weinende von der Stätte des Jammers fortführen, aber kaum ist sie entfernt, so ertönt vom Kreuz herab der erschütternde Ruf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ und mit dem Aufschrei: „O weh, ich hörte einen Ruf, das war mein Kind Jesus, das in seinen Ängsten rief!“ eilt Maria zurück, um auszuharren, bis mit dem Wort: „Es ist vollbracht!“ die Marter Christi ihr Ende erreicht hat. --

Es folgt eine längere Pause, denn man hat stundenlang gesehen und zugehört und die heftigsten Gemütsbewegungen durchgemacht. Der Leib macht seine Rechte geltend, man will essen und trinken, ehe man mehr von der gewaltigen Geschichte in sich aufnimmt, aber keiner denkt daran, den Platz zu verlassen, ehe das letzte Wort gesprochen ist.

Die nächste Scene spielt in der Hölle, die als ein groteskes Zerrbild des Himmels erscheint. Satan sitzt in abschreckender Majestät auf seinem Thron, seine Scharen um ihn her, deren komische Geberden und derbe Späße mächtig auf das Zwerchfell der Zuschauer wirken. Der Böse triumphiert, daß er durch seine Künste zwei Jünger zu Verrat und Verleugnung verführt, den Sohn Gottes dem Tode überliefert und das Werk der Erlösung vereitelt habe. Ein Haufe kleiner Teufelchen schleppt den Judas herein, der in der Verzweiflung seinem Leben ein Ende gemacht hat. Mit spöttischer Höflichkeit steigt Satan von seinem Throne und bietet ihn dem Verräter an, der durch seine unerhörte Bosheit selbst ihn übertroffen habe; dann aber giebt er den Seinen den Befehl, den Unseligen zu martern und zu peinigen, und vor den Augen der Zuschauer wird er in das ewige Feuer geworfen.

Wieder öffnet sich der mittlere Schauplatz, die Auferstehung stellt sich den Blicken dar. Als Christus im leuchtend weißen Gewande den Seinen erscheint, als die Jünger auf der Bühne den Lobgesang ertönen lassen, da ergreift es die Menge mächtig, und wie aus einem Munde stimmt sie ein in den Ostergesang:

„Christ ist erstanden Von der Marter alle. Des sollen wir alle froh sein, Christe soll unser Trost sein. Kyrie eleison!“

Den Schluß bildet die Himmelfahrt, Christus nimmt von den Seinen Abschied und verschwindet vor ihren Augen; zu gleicher Zeit thut sich oben der Himmel auf, wo die Engelscharen den verklärten Überwinder mit Jauchzen und Preisen empfangen. Gott Vater eilt ihm entgegen und führt ihn zu seinem Thron, wo er zu seiner Rechten Platz nimmt. Satan wird hereingeführt; er sieht mit Entsetzen, daß all seine Anschläge zunichte gemacht sind, bekennt sich als vollständig überwunden und stürzt mit teuflischem Geheul von dannen. Ein Engelchor zum Preise Gottes und seines Sohnes schließt das Spiel. --

Eine Weile verharrten die Zuschauer in andächtigem Schweigen, tief ergriffen von allem, was sie mit erlebt; dann aber begann ein Summen vieler Stimmen, ein Scharren unzähliger Füße, und in dichten Wogen drängte die Menge aus den engen Sitzreihen ins Freie. Magdalene hielt Berthold fest an der Hand, um ihn nicht zu verlieren; plötzlich sahen sie vor sich eine alte Frau stolpern und zu Boden fallen. Von gleichem Eifer getrieben, sprangen beide hinzu und halfen ihr aufstehen; Magdalene schob ihren Arm in den der Alten, Berthold lehnte sich fest an ihre andere Seite, und so führten sie dieselbe bis auf einen etwas freieren Raum, wo sie sich hinsetzen und erholen konnte. „Es ist die gute Alte, die mich zur Fastnacht so liebreich aufgenommen!“ rief Berthold mit Erstaunen, „wie schön, Mutter, daß ich Euch hier wiederfinde; ich hatte Euch wahrhaftig ganz vergessen!“

„Ihr habt es heute wett gemacht, Junker,“ versetzte die Frau, „mich freut’s daß Ihr mich wenigstens erkannt habt. Und ist dies Eure werte Frau Mutter, die Gattin des Herrn Wilibald Ebner?“

„O nein, nein,“ rief der Knabe laut lachend, „das ist nur die Muhme Lene; mein Mütterchen ist um einen Kopf größer und viel schöner und vornehmer.“

Da die alte Frau noch zitterte und schwankte, erbot sich Magdalene, sie heimzugeleiten; alle drei erreichten unter freundlichem Plaudern das kleine Haus im Hundsgäßlein und traten zusammen ein. Das Stübchen bot einen anheimelnden Anblick dar; alles glänzte von Sauberkeit und Nettigkeit, am Fenster standen geweihte Palmen und Veilchen in Scherben mit frischem Wasser, und auf seinem Platz im Lehnstuhl saß der alte Mann, auf dem ehrwürdigen Kopf ein schwarzes Käppchen, unter dem sich die silbergrauen Locken hervordrängten, die gefalteten Hände müßig im Schoße; er mußte wohl guten Gedanken nachgehangen haben, denn auf seinen Zügen lag es wie ein Hauch von Verklärung.

„Ist dir die Zeit sehr lang geworden, mein alter Andreas?“ fragte die Frau in herzlichem Ton; „dem, der allein zu Hause sitzt, scheint sie immer länger, als dem, der draußen viel Schönes zu sehen und zu hören bekommt. Aber nun bringe ich dir auch liebe Gäste mit, die sich meiner aufs gütigste angenommen haben.“

Der Alte rückte grüßend sein Käppchen und streckte beiden die Hände entgegen. „Sieh da, unser kleiner Junker,“ sagte er herzlich, „seid willkommen, ehrsame Frau, und verzeiht, wenn ich Euch sitzend begrüßen muß, meine Füße gehorchen mir nicht mehr.“

„Wie traurig!“ sagte Magdalene voll Teilnahme, „seid Ihr schon lange so hilflos, Vater?“

„Seit vier Jahren schon muß meine Eva mein Stab und meine Stütze sein, -- dem Herrn sei Dank, daß er mir solch ein treffliches Weib geschenkt hat! Seht, von unten bin ich zwar gelähmt, aber oben fehlt mir nichts, Kopf und Augen sind klar, die Hände zu aller Arbeit tüchtig, -- das ist eine große Gnadengabe meines himmlischen Vaters.“

„Und womit beschäftigt Ihr Euch vom Morgen bis zum Abend?“

„Der Tag ist mir stets zu kurz für das, was ich schaffen möchte; ich zeichne Bilder, um die Bücher damit zu schmücken, und schneide sie in Holz.“

„So seid Ihr ein Künstler, Meister? wollt Ihr mich etwas von Euren Sachen sehen lassen?“

Er streckte den Arm aus und nahm vom Bord, der hinter ihm an der Wand hinlief, einen dicken Band. „Seht,“ sagte er mit wohlgefälligem Lächeln, „dies ist in schönem Druck die ganze Geschichte unsres Heilandes, die habe ich mit vielen Tafeln verziert.“

Neugierig blickte Magdalene in das Buch, sie verstand etwas vom Zeichnen, und ihre Neugier verwandelte sich bald in Staunen und Bewunderung, denn was sie sah, stand hoch über den gewöhnlichen Holzschnitten, mit denen man Gebetbücher und Heiligengeschichten zu verzieren pflegte. „Wie schön!“ rief sie aus, „wie lieblich ist die reine Magd Maria dargestellt, und wie leuchtet die Gottheit aus den Augen des Kindes! Und wie herrlich ist diese Tafel, welche die Anbetung der heiligen drei Könige zeigt!“

„Die ist nicht von mir entworfen,“ sagte der Alte, „sondern von einem lieben, jungen Freunde -- wollte Gott, ich dürfte ihn noch einmal wiedersehn! Er hatte herrliche Gaben, der Adam Krafft!“

„Adam Krafft!“ rief Magdalene in höchster Überraschung aus, „Ihr kennt ihn? lebt er noch? wird er endlich zurückkehren? O sprecht, lieber Meister, -- Ihr wißt nicht, was dieser Name in meinem Herzen für Gedanken, Erinnerungen und Hoffnungen weckt, eine ganze Welt von Freud und Leid!“

Der Alte sah sie fragend an, erstaunt über die plötzliche Heftigkeit, die gegen ihr sonstiges, stilles Wesen seltsam abstach. „Solltet Ihr die Magdalene sein, von der er einmal sprach?“ fragte er nachdenklich.

„So hat er von mir gesprochen? dachte er noch an mich? hat er mich lieb behalten?“ drängte Magdalene, indem ihr die hellen Thränen in die Augen traten, „o lieber Meister, erzählt mir alles ganz genau; seht, es sind bald zwanzig Jahre, seit er seine Vaterstadt verließ, und seitdem hat kein Sterbenswörtchen von ihm meine durstige Seele erquickt.“

„Ja, meine werte Jungfer,“ versetzte der alte Mann mit größter Freundlichkeit, „viel Neues kann ich Euch auch nicht erzählen. Laßt sehen, es sind wenigstens fünfzehn Jahre her, seit ich ihn da unten in Venedig traf, denn ich war noch ein rüstiger Mann in der Blüte meines Lebens. Viele schöne Stunden habe ich damals mit dem Adam verlebt, der ein gar trefflicher, froher Geselle war, und manch artiges Bildchen kann ich Euch zeigen, das er mir zum Andenken verehrt hat.“

„Heute ist’s zu spät,“ erwiderte Magdalene, indem sie sich zögernd erhob, „die Base Ebnerin würde sich ängstigen, wenn wir so lange ausblieben. Aber ich darf wiederkommen, Meister, nicht wahr? Ihr erzählt mir dann alles von meinem Adam und zeigt mir jeden Strich von seiner lieben Hand?“

„Gern, werte Jungfer, von Herzen gern. Meister Andreas Fiedler und seine Eva werden Euch stets willkommen heißen, wenn Ihr unser bescheidenes Häuschen für Euren Besuch nicht zu gering achtet.“

Von nun an verging selten eine Woche, in der Magdalene nicht bei dem alten Paar eingekehrt wäre, und kam sie anfangs nur, um von ihrem Adam zu hören und zu sprechen, so lernte sie bald die beiden so hochschätzen, daß sie gern um ihrer selbst willen wiederkam. Es herrschte solch ein seliger Friede in dem kleinen Hause, solche ungetrübte Eintracht und eine lautere Frömmigkeit, welche gleichwohl ein ganz andres Gepräge trug, als die der meisten andern Menschen. Nie führten sie einen der zahllosen Heiligen im Munde, in deren Anrufung und Verehrung damals fast die ganze Gottesfurcht der großen Menge bestand, und die oft in ein abgöttisches Wesen ausartete. Als Magdalene einmal eine Bemerkung darüber machte, erwiderte Meister Andreas lächelnd: „Wozu soll ich mich bei den Dienern aufhalten, die doch auch nur an der Thür meines Gottes stehen, während ich gradeswegs zu dem Herrn hereingehen darf, der die Freundlichkeit und Leutseligkeit selbst ist?“ Das gab dem Mädchen viel zu denken.

Auch Berthold, für den sonst Stillsitzen die schwerste Aufgabe war, ging gern einmal mit zu den alten Leuten; die vielen Bilder, die der Meister ihm zeigte, die schönen Geschichten, die er ihm dazu erzählte, fesselte seinen lebhaften, unruhigen Sinn, und er wußte seiner Mutter immer viel von dem kleinen Hause im Hundsgäßlein zu berichten. So kam der Name Meister Fiedlers auch vor die Ohren des Herrn Wilibald Ebner, der ein seltsames Gesicht dazu machte und zuerst geneigt schien, den Verkehr zu verbieten. Doch besann er sich eines besseren und ließ die Sache ungehindert ihren Weg gehen.

Viertes Kapitel.

Die Tochter des Herrn von Maltheim.

O Sankt Lorenz, wer führt die unliebsamen Gäste ins Haus mir? Heiliger! brächtest du doch schleunig sie wieder hinaus!

Über der Burg Maltheim lag heller Frühlingssonnenschein, der die alten Mauern wunderbar verschönte und sich in den unzähligen, kleinen Scheiben auf der Südseite behaglich spiegelte. Zwitschernde Schwalben segelten mit weit ausgespannten, metallisch glänzenden Flügeln hin und her, mit Strohhalmen und kleinen Zweigen im Schnabel, um die Nester instandzusetzen, welche die Winterstürme arg zerzaust und beschädigt hatten. Zwischen allen Ritzen sproßten frische, grüne Triebe hervor, hier ein bescheidenes Blümchen, dort ein schlankes Bäumchen, das unsicher im leisen Frühlingswinde hin und her schwankte, da seine Wurzeln zwischen Mauersteinen und Felsspalten nur geringen Halt fanden. Der Wald, der in einiger Entfernung die Burg umgab, hatte sein zartestes Blätterkleid angelegt, wozu die dunklen Tannen eine wirksame Verbrämung bildeten, und aus dem Burggärtchen drang der würzige Duft blühender Obstbäume bis zu dem steinernen Altan hinauf, auf dem Herr Werner von Maltheim mit seiner Familie den lieblichen Tag genoß.

Der Ritter saß im bequemen Hauskleide in einem Lehnstuhl, dessen Behaglichkeit durch weiche Kissen und Decken noch erhöht worden war; sein rechtes Bein, das mit Binden und Tüchern wohl verwahrt war, ruhte lang ausgestreckt auf einem Schemel; neben ihm auf der steinernen Balustrade stand ein Deckelkrug, aus dem er hin und wieder einen mäßigen Schluck nahm. Der tapfere Herr sah lange nicht so rüstig und unternehmend aus, wie einige Wochen früher; die frische Röte seines Gesichts war ganz verblichen, und auf seiner Stirn hatten heftige Schmerzen ihre unverkennbaren Furchen gezogen. Es war ihm auch schlecht ergangen, denn er war wieder einmal seinem grimmigsten, unversöhnlichsten Feinde erlegen, der ihn aus tückischem Hinterhalt zu überfallen pflegte, wenn er am wenigsten an ihn dachte, und seine Tage bei Jagden und Waffenspielen, die halben Nächte bei frohem Becherklang durchschwärmt hatte. Das war die Gicht, die ihn dann überwältigte und in schwere Fesseln schlug, und gegen diesen Feind half keine Tapferkeit und kein Schwert, sondern nur Geduld und stilles Aushalten, im Verein mit den Tränkchen und Kräuterbädern seiner Hausfrau, die sich auf die Bereitung von Arzeneien trefflich verstand. Neben dem Ritter saß Frau Kunigunde mit einer Arbeit in den fleißigen Händen, und um die Eltern tummelten sich in heiterem Spiel Ulrich und Irmgard. Die Kleine hatte sich seit dem Winter erfreulich entwickelt, sie lief sicher umher, die dunklen Augen glänzten vor Vergnügen, die aschblonden Löckchen ringelten sich üppig um das zarte Gesicht, das immer noch eine auffallende Blässe zeigte. Zwischen den Geschwistern bestand eine zärtliche Liebe, welche Ulrich zum gehorsamen Diener des kleinen Fräuleins machte. Sobald seine Lehrstunden beendet waren, die Pater Benedikt mit großem Ernst abhielt, eilte er zu Irmgard und suchte sie in jeder Weise zu unterhalten; wenn aber einmal der gestrenge Lehrmeister den Unterricht über die Gebühr ausdehnte, so klopften ein paar weiche Händchen an die Thür der Bücherei, und der ungeduldige Ruf: „Ulli, Ulli!“ schallte im Gange wieder.

Eine Schwalbe hielt in ihrem Fluge still, duckte sich auf der steinernen Brustwehr nieder und schaute mit den klugen Äugelein die Kinder an. Irmgard lief jauchzend auf sie zu und streckte die Hände aus -- im Nu war der Vogel verschwunden. „Greif ihn, Ulli,“ rief sie eifrig, „ich will ihn haben!“

„Viel verlangt, mein weißes Röslein,“ sagte er lachend, „gieb mir Flügel, um mich in die Luft zu heben, auf zwei Füßen holt man die Vögel nicht ein.“

„Greif ihn mir!“ bat sie dringender, und als er vor ihr niederkniete und ihr sagte, daß er zu ungeschickt dazu sei, faßte sie in seine blonden Locken und zauste so wacker darin, bis sie die Händchen voll goldener Fäden hatte. Er ließ es sich ohne einen Schmerzenslaut gefallen. „Ich will ein Netz aufstellen, kleine Herrin,“ sagte er begütigend, „morgen sollst du den Vogel haben.“

Mit behaglichem Lächeln hatte Herr Werner den beiden eine Weile zugesehen, jetzt versank er in ein tiefes Brüten. „Was sinnt Ihr, lieber Herr?“ fragte Frau Kunigunde nach längerer Pause, „Ihr seht nicht froh aus, schmerzt Euer Fuß Euch wieder?“

„Nein, das nicht,“ erwiderte er, „aber das lange Stillsitzen erzeugt allerlei schwere Gedanken. Wenn ich diese alte Burg ansehe, die nun bald vierhundert Jahre auf dieser Stelle steht, und in der eine lange Reihe von Maltheims aus- und eingegangen ist, so muß ich mich fragen, ob auch nach mir alles bleiben wird, wie es ist, und ob nach weiteren vierhundert Jahren noch eine Spur meines Geschlechtes übrig sein wird. Denn es ist eine böse Zeit angebrochen; vieles, was wir von den Vätern überkommen haben, fängt an zu wanken, und das Neue will mir nicht gefallen.“

„Aber es ist nicht immer so gewesen, lieber Herr? gerade diese Burg kann es Euch lehren, das jedes Geschlecht neue Bedürfnisse hat und seinem eignen Sinne folgt. Pater Benedikt hat mir erst kürzlich aus alten Chroniken bewiesen, daß fast jeder Inhaber den Bau in einzelnen Teilen umgestaltet hat, denn was dem Großvater noch ausreichend erschien, das war dem Enkel nicht mehr schön und bequem genug. Wenn jener Ritter von Maltheim und Buchenbühl, der den Ruhm seines Namens so herrlich leuchten ließ, heute wiederkehrte, glaubt Ihr, er fände nicht vieles anders, als er es verlassen hat; meint Ihr, er würde sich nicht wundern über die Ansprüche seiner Nachkommen, die ihre Fenster mit Glas verkleiden und das Feuer in Kachelöfen sperren, damit es besser wärme?“

„Pater Benedikt macht dich ja gewaltig klug, Gundel; ich muß wirklich Respekt vor die haben,“ meinte der Ritter mit gutmütigem Spott. „Ihr mögt auch wohl beide recht haben, -- dennoch, wenn ich Ulrich ansehe, so weiß ich, daß er anders geartet ist, als ich oder mein Vater. Er gleicht mehr den Männern deiner Sippe, unter denen mancher geistliche Herr und Gelehrte war. Ja, wenn mein Friedrich noch lebte -- der wäre wohl ein echter Maltheim geworden! Hat er doch, so jung er war, sein Leben im ritterlichen Kampfe eingebüßt.“

In Frau Kunigundens Seele stieg eine eifersüchtige Regung auf; sie liebte die Erinnerung an diesen Friedrich nicht, welcher ein Sohn aus des Ritters erster Ehe gewesen war. Erst nach seinem Tode hatte Herr Werner den zweiten Ehebund mit der bedeutend jüngeren Frau geschlossen, welche anfangs schwere Tage verlebt hatte. Denn sie fand eine erwachsene Tochter vor, die es gewohnt gewesen war, als Herrin auf der Burg zu gebieten, und die sich nur widerwillig der Stiefmutter beugte, welche wenig älter war als sie selbst. Es hatte sich zwischen den beiden Frauen kein freundliches Verhältnis herstellen wollen; beide hatten sich unglücklich gefühlt, und als der kecke Junker Veit von Rotenhahn um Fräulein Walburg geworben, hatte sie ihm freudig ihr Jawort gegeben, obgleich er nur ein heimatloser Abenteurer war, der nirgend ein Fleckchen Erde sein eigen nannte, sondern von einem Fürstenhof zum andern zog, um seine Dienste anzubieten. Der Ritter von Maltheim hatte zuerst die Ehe nicht zugeben wollen, aber die eigenwillige Tochter hatte ihm seine Zustimmung halb abgeschmeichelt, halb abgetrotzt; die Hochzeit ward gefeiert, und das junge Paar zog von dannen. Seit manchem Jahr hatte der Vater nichts von Walburg gehört, und Frau Kunigunde hoffte im stillen, die störrische Hausgenossin nie wiederzusehn.

„Komm her, Ulrich,“ sagte der Ritter, als Irmgard mit ihrer Wärterin verschwunden war, „ich hab mit dir zu reden. Hast du schon einmal ernstlich bedacht, Knabe, daß du der Erbe eines alten, herrlichen Namens bist, und daß es deine heilige Pflicht ist, dich deiner glorreichen Ahnen wert zu zeigen?“

Ulrich sah eine Weile sinnend vor sich hin, dann hob er den Blick mit tiefem Ernst empor.

„Kann man nur mit dem Schwert den Ruhm erwerben, Herr Vater? und giebt es für einen Edelmann nichts zu thun, als Schlachten zu schlagen?“

Der alte Ritter sah seinen Sohn ganz verblüfft an. „Wunderliche Frage!“ brummte er, „wie willst du dich denn auszeichnen, wenn nicht durch Tapferkeit, und wo willst du Ruhm erwerben, wenn nicht auf dem Schlachtfelde? Sieh doch die Reihe unserer Vorfahren an, haben sie nicht alle als Krieger und Helden geglänzt? Alle haben treu zu ihrem Kaiser gehalten und wacker auf seine Feinde -- oder ihre eigenen -- losgeschlagen; ich selbst habe im Gefolge meines tapfern Herrn, des Markgrafen, wohl hundert Fehden ausfechten helfen, und man hat mich deshalb oft das Schwert des Achilles genannt, -- wo findest du ähnlichen Ruhm? Willst du ein Pfaffe werden und nach Inful und Krummstab, oder gar nach Sankt Peters Stuhl trachten?“