Im Banne der freien Reichsstadt

Part 3

Chapter 33,598 wordsPublic domain

Es war ganz still auf dem langen Gange, niemand kam ihm entgegen, und mit beklommnem Herzen stand er eine Weile horchend an der Thür, ehe er es wagte, sie aufzuklinken und in das Zimmer zu treten, in dem die kleine Irmgard krank gelegen hatte. Eine verdunkelte Lampe warf nur einen schwachen Dämmerschein um sich, das Bettchen stand ganz im Schatten, doch sah er deutlich, wie sich das wachsbleiche Gesicht von dem purpurroten Kissen abhob. Leise schlich er heran, knieete nieder und sprach ein wehmütiges Vaterunser für die entflohene Seele der Schwester. Aber was war das? hatte sich die Hand, die auf der Decke lag, wirklich bewegt, oder täuschten ihn die Thränen, die aus seinen Augen rannen? Er wischte sie hinweg und starrte auf die Schläferin -- nein, es war keine Täuschung, die Händchen ballten sich und streckten sich wieder aus. Er sprang zum Tisch hin, riß den Schirm von der Lampe und ließ den vollen Schein auf das Bett fallen. Die dunklen Wimpern ruhten auf den schneeigen Wangen, aber aus dem halbgeöffneten Munde kamen regelmäßige Atemzüge.

„Heilige Mutter Gottes, sie lebt!“ rief er mit leisem Jubelton und beugte sich über die Kleine, um ihre Hände zu küssen.

„Ruhig, ruhig, Junker Ulrich,“ sagte eine mahnende Stimme; „weckt das Kind nicht auf und stört eure Frau Mutter nicht, die der Ruhe sehr bedarf.“

„O, Bärbel, sage mir, wie dies gekommen ist,“ bat Ulrich, „ist Irmgard wirklich genesen?“

Die Wärterin, welche schon seit Jahren im Dienst des Hauses stand und auch ihn einst auf ihren Armen getragen, zog ihn in die andre Ecke des Zimmers, und nachdem sie die Lampe wieder verdunkelt hatte, sagte sie in gedämpftem Ton: „Es ist ein Wunder geschehen, Ulrich; die heilige Jungfrau hat unsre Irmgard aus dem Rachen des Todes gerissen, während wir sie schon beweinten.“ --

„O du liebe heilige Gottesmutter, habe Dank für deine Gnade!“ rief Ulrich glückselig aus. „Aber wo ist mein Mütterlein? laß mich zu ihr, Bärbel, daß ich mich mit ihr freue.“

„Eure arme Mutter ist noch sehr krank von Angst und Kummer, sie hat das selige Wunder noch kaum begriffen. Als wir alle glaubten, es ginge mit unserm Kindchen zu Ende, da brach sie ohnmächtig zusammen; Pater Benedikt trug sie auf ihr Lager und suchte sie mit stärkenden Essenzen ins Leben zurückzurufen. Es dauerte lange, bis sie wieder zu sich kam, und niemand hatte unterdessen Zeit, sich um die arme Kleine zu bekümmern. Als ich später an ihr Bettchen trat, da sah sie mich plötzlich mit klaren Augen an; wir aber vermochten die unverhoffte Freude kaum zu fassen.“

Am nächsten Morgen war Ulrichs erster Gang zu Irmgards Bett; sie lag mit offnen Augen da, aber während sie ihn sonst mit Lachen und Jauchzen zu begrüßen pflegte, blieb sie heute stumm und wendete sich von ihm ab. „Was bedeutet das?“ fragte der Knabe erschrocken den Pater, der sich zu ihm gesellt hatte, „warum thut mein Schwesterlein so fremd mit mir? Sieht sie nicht seltsam verändert aus?“

„Du darfst dich nicht wundern, mein Sohn,“ versetzte Pater Benedikt sanft, „daß eine Seele, die schon an der Schwelle des Todes gestanden hat, Zeit braucht, um sich hier wieder heimisch zu machen. Bedenke, daß sie vielleicht schon von fern einen Blick in die Seligkeit des Paradieses gethan hat.“

„Und wird auch sie der Gottesmutter dankbar sein, daß sie sie vom Paradiesesthor wieder zurückgescheucht hat? sie könnte jetzt schon mit den seligen Engeln spielen,“ sagte Ulrich träumerisch.

Der Kaplan schwieg einen Augenblick. „Uns ziemt es nicht, zu grübeln und zu deuteln,“ sagte er dann entschieden. „Hüte dich, mein Sohn, die Gnade der Heiligen durch solche Fragen in Zweifel zu ziehn.“

Frau Kunigunde war an Leib und Seele zu heftig erschüttert, um sich in wenigen Tagen zu erholen; erst allmählich kehrten ihre Kräfte zurück und damit auch die Freude über das wunderbar erhaltene Kind, das ihr wie neugeschenkt erschien. Manchmal war es ihr, als sei in das teure, kleine Wesen etwas Fremdes gekommen, das sie sich nicht zu erklären vermochte; die auffallende Weiße des Gesichts, die nicht weichen wollte, der Glanz der großen dunkeln Augen, die sie so fragend und verwundert anblickten, verwirrten sie fast; sie hatte sie früher nicht an ihrem Kinde bemerkt. Es mußten wohl die Folgen der schweren Krankheit sein, denn in einigen Wochen verwischte sich der fremdartige Eindruck, und bald war die vorige Zärtlichkeit der Kleinen zu Mutter und Bruder wiederhergestellt.

Als Herr Werner von Maltheim endlich von seinem Besuch bei dem Markgrafen zurückkehrte, fand er zu seiner frohen Überraschung seine kleine Tochter am Leben und alle Herzen voll Dank und Freude, wodurch er sich sehr erleichtert fühlte. Er war ein tapferer Mann und hatte sein gutes Schwert in unzähligen Kämpfen geschwungen, aber vor Weiberthränen hatte er eine geheime Angst und ging ihnen aus dem Wege, so weit er konnte.

So war das Leben auf der Burg wieder in das gewohnte Geleise zurückgekehrt, nur +eine+ Veränderung unterbrach das Stillleben: Frau Barbara bat um ihre Entlassung. „Was ficht dich an, Bärbel?“ fragte ihre Herrin erstaunt, „willst du jetzt deinen Pflegling verlassen, da die Kleine zu unser aller Freude so lieblich zu gedeihen beginnt? hast du sie nicht lieb, wie dein eignes Kind?“

„Gewiß, gewiß, edle Frau,“ stammelte Frau Barbara sichtlich verlegen „aber dennoch bitte ich Euch inständig: gebt mich frei! Mein Ehemann Klaus -- Ihr wißt, er war jahrelang in fremden Kriegsdiensten -- ist heimgekehrt und begehrt meiner. Zwar ist er immer ein rauher Geselle gewesen, aber er bleibt doch der Vater meiner Kinder, und ich mag ihm nicht widerstehen. Wir wollen uns allesamt in der Stadt niederlassen.“

Dagegen konnte die Edelfrau wenig einwenden; sie entließ die treue alte Dienerin mit huldreicher Güte und streckte ihr eine Summe vor, um sich in Nürnberg eine Schenke zu pachten. So verließ Frau Barbara unter tausend Thränen und beiderseitigem Bedauern die Burg.

Drittes Kapitel.

Fastnachtsscherze und Osterspiel.

Fort mit Arbeit und Ernst! heut’ gilt es, sich fröhlich zu tummeln! Kurz sind die Stunden der Lust, ach, und die Fasten so lang!

Der Gottesdienst am Sonntag ~Estomihi~ war beendet, und mit dem Läuten der Nachmittagsglocken schien sich über die löbliche Stadt Nürnberg ein Geist ausgelassner Freude und lärmender Lustigkeit zu ergießen, der selbst die Verständigen ergriff und ruhige Männer und Frauen zu Kindern und Narren machte. Für einige Tage lösten sich die Bande strenger Zucht und Sitte, welche sonst dem Benehmen der Bürger den Stempel gemessener Ehrbarkeit aufdrückten: die Reichsstadt feierte ihren Karneval, „das Schembartlaufen“ genannt, weil man sich dabei durch falsche Bärte, später durch ganze Larven, unkenntlich zu machen suchte. Der Himmel schien dem tollen Treiben hold zu sein, ein starker Wind hatte die Straßen getrocknet, heller Sonnenschein lachte von oben herab, und die Luft war, wenn auch kühl, doch von der belebenden Frische, welche einer Bewegung im Freien günstig ist.

Die Belustigungen der ersten Faschingstage gehörten vorherrschend dem niederen Volke an: da zogen Scharen vermummter Spielleute durch die Straßen, angeführt von komischen Tiergestalten, aufrechtgehenden Löwen, Bären und Affen; wo sie an den Fenstern ein neugieriges Gesicht erblickten, da machten sie halt, stimmten auf den wunderlichsten Instrumenten ihre Musik an und sangen dazu ihre possenhaften Lieder deren derber Witz meist herzlich belacht wurde, wenn er auch verwöhnteren Ohren oft recht roh und anstößig klingen mochte. Rotten von Buben zagen mit Tannenbäumen umher, pflanzten sie vor die Thüren der größeren Bürgerhäuser und fingen unter lustigen Sprüngen und Grimassen die kleinen Münzen auf, welche man ihnen herabwarf. Junge Burschen vom Lande schleppten Pflüge herein, die mit bunten Bändern geschmückt waren; mit List und Gewalt suchten sie die Dirnen einzufangen und mit Strohseilen an das Ackergerät zu spannen, bis jene sich, unter dem Jauchzen des umgebenden Volkes, durch ein paar Heller oder einen Kuß auslösten. So dauerte der Jubel fort bis zur Dunkelheit, um am nächsten Morgen wieder zu beginnen; an jedem folgenden Tage tauchten neue Larven, andre Scherze auf, bis am letzten Nachmittag auch die besseren Stände sich in das heitere Treiben mischten und die Mummereien und Aufzüge immer glänzender und überraschender wurden.

Im Erker des Ebnerhauses waren alle Fenster geöffnet und buntfarbige Decken herausgehängt; stattliche Frauen und lachende Kinder beugten sich darüber hinab. Mehrere Freundinnen des Hauses, die Frauen ansehnlicher Kaufherrn, deren Stellung ihnen eine persönliche Teilnahme an der Lust des Volkes nicht gestattete, hatten sich hier zusammengefunden, um von dieser günstigen Stelle aus dem Treiben auf der Straße zuzusehen. Auf dem großen Tisch in der Mitte des Vorsaals waren allerlei Erfrischungen aufgestellt, gewürzter Wein, eingemachte Früchte und Honigküchlein, die man nirgend so schmackhaft zu backen verstand, wie in Nürnberg. Eine Verwandte der Hausfrau, Jungfer Magdalena Löffelholzin, war eifrig bemüht, dieselben immer wieder den Gästen anzubieten und sie zum Essen und Trinken einzuladen. Magdalene, von den Kindern der ganzen Bekanntschaft nur Muhme Lene genannt, war weder jung, noch besonders hübsch, aber die kleine, rundliche Gestalt, mit dem apfelwangigen Gesicht und den freundlichen Augen darin, war überall gern gesehen, denn wo es galt, zu helfen und zu trösten, wo es Kranke zu pflegen oder wilde Kinder zu beruhigen gab, da war Jungfer Magdalene immer bereit; sie verstand es, sich in jedes Hauswesen zu schicken, jedem Hausherrn seine kleinen Liebhabereien abzulauschen und die Kinder mit schönen Geschichten und kleinen Scherzen so zu beschäftigen, daß sie niemand zur Last fielen.

„Seht nur den stattlichen Türken dort unten,“ sagte eine der anwesenden Frauen, „wie er hier heraufschaut und uns Grüße zuwinkt; doch scheinen seine Blicke offenbar noch jemand zu suchen ...“

„Ich wette, es ist der lustige Herr Stadtschreiber,“ rief eine andre. „und dann weiß ich auch, wen er sucht. Jungfer Lenchen, Ihr müßt Euch einmal am Fenster zeigen, eher wird er sich nicht zufrieden geben.“

„Ich?“ fragte Magdalene errötend, „Ihr beliebt zu scherzen, Frau Hallerin.“

„Ei, thut nur nicht so unwissend,“ lachte die junge Frau, „es weiß es ja jeder, daß er Euch gar zu gern zur Frau Stadtschreiberin machte.“

„Wie mögt Ihr nur so sprechen,“ stotterte Magdalene, „Ihr wißt doch -- -- ich bin ja längst -- -- wollet mich doch mit solchen Reden verschonen, die mir wehthun, da ich mein Wort ....“

„Solltet Ihr wirklich immer noch an jenen jungen Gesellen denken, Magdalene,“ fragte in strengem Ton eine ältere Frau, die Gattin des gebietenden Bürgermeisters Friedrich Volkamer, „an jenen Adam Krafft, welcher seine Vaterstadt vor langen Zeiten verließ, da Ihr noch ein halbes Kind wart? ich kann Euch bei Euren Jahren kaum für so thöricht halten.“

„Wir haben uns damals Treue versprochen, gestrenge Frau,“ erwiderte Magdalene mit niedergeschlagenen Augen, „könnt Ihr es tadeln, wenn ich mein Wort halte?“

„Gewiß nicht, solange man vernünftigerweise auf Adams Rückkehr rechnen konnte, aber wie lange ist es denn her, seit er fortging?“

„Zwanzig Jahre werden es im nächsten Frühjahr,“ sagte Magdalene, und ein schmerzliches Zucken spielte um ihren Mund.

„Zwanzig Jahre!“ rief die lebhafte Frau Hallerin, „lieber Himmel, da war ich noch ein kleines Kind, das kaum gehen und sprechen konnte! Und die ganze Zeit habt Ihr gewartet, Base Lenchen? Heilige Agathe, welche Geduld -- mir wäre sie schon zehnmal gerissen! Und wie lange denkt Ihr getreue Eva noch auf Euren Adam zu harren?“

„Bis er aus der Fremde zurückkehrt.“

„Und wenn er gar nicht kommt? wenn er längst gestorben ist, oder im Auslande Euer vergessen und eine andre Frau genommen hat?“

„Das hat er sicher nicht gethan, -- und sollte er nicht mehr leben, so hoffe ich ihn im Paradiese wiederzufinden.“

„Ihr seid eine Thörin, Magdalene,“ sagte die Volkamerin strenge, „hat Euch das Leben denn gar so weich gebettet, daß Ihr hartnäckig an Eurer gegenwärtigen Lage festhalten müßt? Mich dünkt, Ihr könntet froh sein, wenn Euch einer eine geachtete Stellung und ein wohl eingerichtetes Haus anböte, worin Ihr als Herrin walten könntet, statt daß Ihr jetzt nur jedermanns gehorsame Dienerin seid.“

„Laßt mir die Base in Frieden,“ fiel Frau Ursula ein, indem sie liebevoll den Arm um die Gescholtene legte, „wir alle haben sie herzlich lieb, und unsre Kinder könnten die Muhme Lehne schlecht entbehren.“

Magdalene drückte dankbar die Hand der Ebnerin und war froh, als die Aufmerksamkeit der Frauen sich wieder auf die Vorgänge draußen richtete. Die Kinder jauchzten laut auf, als jetzt ein lustiger Zug um die Ecke bog, voran ein Pickelhering, der auf einem Esel ritt und eine mächtige Narrenfahne schwang. Seine Kleidung schillerte in allen Farben des Regenbogens; die Eselsohren auf der hohen Mütze, die dicke Nase, der flatternde Spitzbart sahen gar lächerlich aus, und die Glöckchen, die ihm an Ohren, Gürtel, Ellenbogen und Schnabelschuhen befestigt waren und bei jedem Schritt seines Reittieres einen hellen Ton gaben, erhöhten noch den drolligen Eindruck. Ihm folgte auf einem niedrigen Wagen der Fasching selbst, eine Gestalt von unförmlicher Dicke, umkränzt von Würsten, Schincken und Kürbisflaschen; hinterdrein wurde auf einem Thronsessel sein Weib, die prächtig geputzte Fastnacht getragen, welche aus einem riesigen Korbe Brezeln und Wecken unter das jubilierende Volk streute. Ein lustiges Gesindel von Narren und Masken umschwärmte den Zug; sie schlugen Purzelbäume, ließen ihre Schellen klingen, rasselten mit den Trommeln, bliesen auf Trompeten und Schalmeien, -- kurz, sie trieben jede Art von ausgelassenen Scherzen, und in diesen betäubenden Lärm mischte sich das Jauchzen und Lachen der zuschauenden Kinder.

„Wo steckt denn Euer Berthold, Ursula?“ fragte die Hallerin, „hat Euer Gatte ihn mit sich auf die Straße genommen?“

„Mein Gatte? wo denkt Ihr hin!“ versetzte die Ebnerin achselzuckend, „der sitzt in seinem Schreibgemach, wohin von dem ganzen Treiben auch nicht ein Laut dringt. Ich schickte Berthold, auf seine Bitte, unter der Obhut eines Dieners hinaus; ein junges Herz will doch auch seinen Teil an der allgemeinen Lustigkeit haben.“

„Fast wundre ich mich, daß Euer gestrenger Herr es ihm gestattet hat,“ bemerkte die Volkamerin.

„Er hat es nicht verboten,“ versetzte Frau Ursula kurz und wendete das Gespräch auf etwas anderes. Ihr war nicht ganz wohl zu Mut, denn sie hatte die Erlaubnis ihres Eheherrn nicht eingeholt und sah nun schon seit einer Weile unruhig nach Berthold aus. Wenn in der aufgeregten Menge dem Knaben ein Leid zustieße! wenn er nicht zu rechter Zeit zurückkehrte! sie wußte, daß der Hausherr dann unmutig die Stirn runzeln und strenge Worte sprechen würde, und sie fürchtete die Zeichen seines Unwillens noch mehr für ihren Sohn, als für sich selbst.

Wie würde sie gezittert haben, hätten ihre Blicke ein paar Straßen weiter gereicht! Da war ein Bäuerlein, das auch an dem Faschingsjubel seinen Teil haben wollte und dabei dem starken Nürnberger Biere mehr als billig zugesprochen hatte; unsicher schwankte es durch die belebten Gassen, und seine kleine Begleiterin hatte Mühe, seine Schritte zu lenken und ihn vor unliebsamen Zusammenstößen zu bewahren. Mit gütlichem Zureden und sanften Stößen hatte sie ihn endlich in ein stilleres Gäßchen gedrängt, wo sie hoffen konnte, ungefährdet das Thor zu erreichen, als plötzlich eine Rotte vermummter Buben den beiden mit lautem Geschrei entgegenkam. Im Augenblick waren sie umringt; die tolle Schar ließ ihren Übermut an dem halbberauschten Bauer aus, indem sie ihn von rechts und links zupfte und stieß, und seine taumelnden Versuche, sich seiner Peiniger zu erwehren, mit Hohngelächter begleitete. Vergebens versuchte das Mädchen, dem Vater beizustehn, ein großer Bursche drängte sie fort, riß ihr den Korb vom Arm und stürzte ihn um, so daß sein Inhalt auf die Straße kollerte. „O meine Wecken!“ rief die Kleine jammernd, „ich wollte sie den Geschwistern mitbringen, sie haben noch nie Weizengebacknes gegessen!“

„Die kleinen Dorfteufel mögen sich mit Haferbrot begnügen!“ schrie der Bursche lachend, „die Wecken sind viel zu gut für das lumpige Gesindel, die gebühren den Stadtkindern.“ Er wollte das Mädchen festhalten, doch traf ihn unvermutet der Schlag einer Narrenpritsche ins Gesicht, so daß er den Arm fahren ließ und sich dem Gegner zuwandte. Ein maskierter Knabe, viel kleiner und schlanker als er selbst, stand vor ihm.

„Laß los!“ rief er dem Großen herrisch zu, „und du, kleine Dirne, lies deine Wecken auf und mach’, daß du fortkommst, ich will dein Beschützer sein.“

„Wie kommst du dazu, kleiner Knirps, so unhöflich um dich zu schlagen?“ fragte der große Bursche ärgerlich, „denkst du, ich werde mit dir viel Federlesens machen?“

„Komm nur heran,“ rief der kleine Ritter, indem er sich stolz in die Brust warf, „ich nehme es mit jedem auf.“ Es bildeten sich sofort zwei Parteien, die mit Pritschen und Fäusten aufeinander losgingen, aber die Kräfte waren zu ungleich verteilt, und der tapfre kleine Mann sah sich bald von seinen Helfern verlassen. Er erkannte, daß ihm nur ein beschleunigter Rückzug übrig bliebe, wenn er nicht jämmerlich zerbläut werden wollte, und so ergriff er eilends die Flucht. Flink und geschmeidig wie er war, entkam er dem stärkeren Gegner und stürzte in ein offenes Haus, auf dessen Schwelle eine Frau stand, welche, schnell den Zusammenhang begreifend, die Thür ins Schloß warf. Der Knabe riß die Larve vom glühenden Gesicht, in welchem die dunklen Augen vor Aufregung blitzten. „Ich wäre nicht davon gelaufen, wenn ihrer nicht so viele gewesen wären,“ rief er keuchend, „denkt nicht, daß Berthold Ebner feige sei, gute Mutter!“

„Seid ohne Sorge, Junkerlein,“ lächelte die Frau, „Ihr mögt wohl brave Streiche ausgeteilt haben, aber Ihr habt auch tüchtige Püffe eingesteckt -- seht, da sickert Euch das helle Blut aus der Nase und befleckt Euch das schmucke Habit.“

Sie führte ihn in die Küche und machte sich in mütterlicher Fürsorge um ihn zu schaffen; dann, als sie sah, daß der Flüchtling müde zum Umsinken war, stieß sie die Kammerthür auf und zeigte auf ein sauberes Bett. „Legt Euch hin und ruht ein wenig, Junker; inzwischen wird es ruhiger auf den Straßen, und Ihr könnt ungefährdet nach Hause gehn.“

Sie trat in das andere Zimmer ein, wo in einem großen Lehnstuhl, dicht am Fenster, ein grauhaariger Mann saß. In kurzen Worten berichtete sie ihm das kleine Abenteuer und setzte hinzu: „ein prächtiger Junge voll Leben und Feuer, und denke dir, Alter, er heißt Ebner.“

„Ebner?“ fragte der Mann betroffen, „des Wilibalds Sohn?“

„Ich glaube wohl; es giebt nur den einen des Namens hier in Nürnberg.“

„Sonderbar!“ sagte der Alte, indem er nachdenklich das graue Haupt hin- und herwiegte, „des Wilibalds Sohn in unserm Hause!“ Und die beiden alten Leute versanken in tiefes Sinnen, in das sich mancherlei schmerzliche Erinnerungen zu flechten schienen, denn die Frau fuhr ein paarmal mit dem Zipfel der Schürze über die Augen, und über dem freundlichen Gesicht des Mannes lag ein trüber Schatten.

Inzwischen war Just, der Diener, welcher Berthold begleiten sollte, in tausend Ängsten durch die Straßen geirrt, um seinen jungen Herrn zu suchen. Er war, wie er sich selbst zur Beruhigung sagte, nur für einen einzigen Augenblick in eine Schenke getreten, um ein Maß Bier hinabzustürzen, denn er fühlte sich schier verschmachtet vom langen Umherlaufen, Gaffen und Lachen. Nun fuhr er auf jeden verlarvten Knaben zu, um seinen Junker zu entdecken, aber er fand ihn nicht, und vergebens gelobte er seinem Schutzpatron eine immer längere Reihe von Gebeten, sogar eine Kerze für seinen Altar, wenn er ihm den Ausreißer wieder in die Arme führe. Schon fing es an zu dämmern, und er konnte sich denken, mit welcher Ungeduld die Frau Ratsherrin den Sohn erwarten würde. Sie war zwar immer sanft und mild, aber diesmal war die Sache doch zu ernst, und mit dem gestrengen Herrn war ohnehin nicht zu scherzen, der fuhr immer gleich mit erschrecklichem Ernst darein, obgleich er wenig Worte dabei machte. Als Just angstvoll nach Hause schlich und vom Thorweg aus noch einmal seine suchenden Blicke umherschickte, sah er eine kleine Gestalt auf sich zukommen, ohne Kappe und mit wirrem Haar, das zierliche Narrenkleid zerrissen und beschmutzt. Just stürzte auf den Knaben zu und hob ihn jubelnd in die Höhe.

„Heiliger Sebaldus, sei tausendmal bedankt!“ rief er, „da ist mein Junkerlein heil und gesund! Aber wo habt Ihr Euch umhergetrieben und wie habt Ihr Euch zugerichtet? kann man auch nicht ein kurzes Augenblickchen die Augen von Euch abwenden, ohne daß Ihr die größten Dummheiten macht?“

„Ich erzähle es dir ein andermal,“ sagte Berthold gähnend und reckte die Arme, als ob alle Glieder ihn schmerzten; „jetzt bin ich zu müde.“

Auf dem Vorsaal empfing ihn Muhme Lene. „Den Heiligen sei Dank, daß du da bist,“ sagte sie inbrünstig, „deine Mutter hat sich sehr um dich gesorgt.“

„Und der Herr Vater?“

„Der hat deine Abwesenheit noch gar nicht bemerkt.“

„Dann ist’s gut,“ sagte Berthold beruhigt, „die Herzmutter wird nicht so arg zürnen, wenn sie hört, wie es mir ergangen ist.“ --

Am folgenden Tage beleuchtete die Sonne ein ganz andres Bild in den Straßen der freien Reichsstadt. Verstummt waren Lachen, Lust und Scherz, spurlos verschwunden die bunten Gestalten, die darin ihr tolles Spiel getrieben. Ein dumpfes Schweigen schien auf allen Häusern zu lasten, bis ernst und feierlich die Glocken von St. Sebald, St. Lorenz und all den andern Kirchen zu läuten begannen. In einzelnen Gruppen, die kaum miteinander flüsterten, in dunklen Gewändern und mit ernsten Gesichtern, wandelten die Bürger mit Weib und Kind zu den Gotteshäusern und warfen sich vor den verhüllten Altären auf die Kniee. Die Orgel schwieg, nur hin und wieder unterbrach ein eintönig gesungener Bußpsalm die drückende Stille. Dann erschien der Priester, mahnte in strengen Worten zur Buße und Einkehr, zu Gebet und Kreuzigung des Fleisches und streute die geweihte Asche auf die Häupter der Betenden. -- Auf den Fastnachtsjubel war der Aschermittwoch gefolgt, welcher die lange, ernste Fastenzeit einleitete.

Auch im Ebnerschen Hause herrschte volle Aschermittwochsstimmung. Just war in die tiefste Ungnade gefallen; trübselig saß er in seiner Kammer und murmelte die gelobten Gebete, die ihm sehr sauer wurden. Auch Berthold wäre der Strafe für sein spätes Ausbleiben nicht entgangen, hätte er sich nicht als Andenken an seine Rauferei ein Dutzend brauner und blauer Flecke heimgebracht, bei deren Anblick die Strenge der Mutter in weiches Mitleid zerschmolz. Und als er ihr erzählte, daß er die Schläge bei der Verteidigung eines wehrlosen Mädchens erhalten habe, da konnte sie vollends nicht mehr zürnen, sondern belohnte den ritterlichen Kämpen mit Kuß und Lobspruch. -- --