Im Banne der freien Reichsstadt

Part 19

Chapter 193,778 wordsPublic domain

Es kostete noch manches Hin- und Herreden, bis Klaus’ Zweifel überwunden waren; endlich aber gewann die Ansicht der ehrsamen und gestrengen Herren vom Rat den Sieg über seine Gewissensbedenken, und er sagte seine Hilfe zu. Als er wieder in seinem Gefängnis saß, wo man ihm sofort allerlei Erleichterungen gewährte, ballte er die Faust und rief mit wilder Freude: „Jetzt kommt die Stunde der Rache, Junker Veit von Rotenhahn! jetzt sollt Ihr büßen für all das Elend, das Ihr mir in diesen Jahren bereitet habt -- Ihr und Euer Weib!“

Bald danach brachen von Nürnberg mehrere Fähnlein Fußvolk und eine ansehnliche Reiterschar auf, denen mehrere Geschütze und anderes Belagerungsmaterial folgte, und mit gewaltigem Lärm schlugen dieselben langsam und bedächtig einen Weg ein, der nicht nach Hohenheiligen führte. Einige Stunden später aber schlich sich, im Schutz der Dunkelheit, ein auserlesener Haufe aus dem Thor, lauter erprobte Männer voll Kraft und Entschlossenheit, die mit den besten Handwaffen ausgerüstet waren, an der Spitze Herr Hennerle von Steifen, und neben ihm Klaus Zworrer, als Führer. Es war tiefe Nacht, als sie im Walde, unweit der Räuberburg ankamen; man zündete einige Fackeln an, und mit ihrer Hilfe fand Klaus den künstlich verborgenen Eingang zu dem unterirdischen Gange, der bis in den inneren Burghof führte. Auf den Zehen schleichend, den scharfen Dolch zwischen den Zähnen, die Hand am gespannten Hahn des Faustrohrs, drangen die Männer, in langer Reihe dicht hintereinander gehend, durch den engen, niedrigen Gang vor; der Soldknecht, der schläfrig den Ausgang bewachte, war im Nu niedergestoßen, und der dunkle Hof füllte sich mit Bewaffneten.

Im Turme saßen die Häupter des Wolfenbundes beim Gelage und spotteten beim vollen Becher des Nürnberger Rates, der seine Unternehmungen so wenig zu verstecken wisse, daß man immer zwölf Stunden Zeit zur Vorbereitung habe. Auch Frau Walburg bewegte sich unter den wilden Gesellen; sie war sehr gealtert, und das kostbare Brokatkleid, das sie trug -- es war aus kürzlich erbeutetem Stoff gemacht und wohl für eine Fürstin bestimmt gewesen --, hing schlottrig um ihre dürre Gestalt; die letzten Jahre mußten ihr nicht viele ruhige und pflegsame Tage gebracht haben. Sie hatte viel zu thun, um den zechlustigen Genossen ihres Gatten die Becher zu füllen und ihre zahlreichen Wünsche zu befriedigen; die Scherze, die sie dabei zu hören bekam, waren wenig für ein weibliches Ohr gemacht, doch war sie an solche Unterhaltung zu sehr gewöhnt, um Anstoß daran zu nehmen. Oft stimmte sie in die freie Rede ein und lachte laut über einen derben Witz, oder erwehrte sich mit einer Ohrfeige eines allzu zudringlichen Gesellen.

Plötzlich erscholl von unten Getümmel und Waffengeklirr, -- die Eindringlinge waren mit der Besatzung der Burg ins Handgemenge gekommen. Im nächsten Augenblick stürzte Janko schreckensbleich unter die Zechenden: „rettet Euch,“ schrie er atemlos, „die Nürnberger sind über uns! Klaus, der Schurke, hat sie geführt!“ In wildem Durcheinander sprangen alle auf und griffen zu den Waffen; einer und der andre taumelte stark, aber die Gefahr zerstreute schnell den Rausch, der die Sinne benebelte. Auf der Treppe stießen Angreifer und Überfallne aufeinander, und ein wütendes Ringen begann. Aber noch waren die Wölfe nicht überwunden, sie bissen mit der Wut der Verzweiflung um sich, einige schossen aus den kleinen Fenstern des Turmes auf die Städter herab, bis von außen her Trompetenklang und Pferdegetrappel erscholl: der Vortrab der Belagerungstruppe rückte heran und berannte das Thor -- damit war der Sieg der Nürnberger entschieden.

Als Junker Veit erkannte, daß alles verloren sei, wollte er sein Heil in tollkühner Flucht versuchen; schon hatte er ungesehen den Stall erreicht und sich auf sein Leibpferd geworfen, -- er drückte ihm beide Sporen tief in die Flanken, daß es in gewaltigen Sätzen mitten durch die Kämpfenden dahinflog. Vielleicht wäre er entkommen, aber ein haßerfülltes Auge war ihm gefolgt, Klaus, der sich bis dahin ganz unthätig verhalten, riß sein Schießgewehr an die Wange -- der Schuß krachte, und schwer getroffen stürzte Veit von Rotenhahn vom Pferde herab. „Du Teufel! fahre hin an deine Stätte, von der du gekommen bist!“ rief Klaus in wildem Triumph, aber das letzte Wort erstarb ihm auf der Lippe, denn mit hoch geschwungenem Krummsäbel war der schwarze Janko auf ihn zugesprungen und hatte ihn so furchtbar getroffen, daß er röchelnd zusammenbrach. „Stirb, verräterischer Hund!“ knirschte Janko -- im nächsten Augenblick lag er selbst gebunden am Boden.

Die aufgehende Sonne beleuchtete eine Stätte des Grauens und der Verwüstung; Tote und Verwundete beider Parteien füllten den Schloßhof. Totenbleich und regungslos lag Junker Veit da, neben ihm saß Walburg, die sein Haupt auf ihren Schoß gebettet hatte und das strömende Blut zu stillen suchte. Dunkle Tropfen rannen über ihr kostbares Kleid herab -- sie achtete ihrer nicht, alle ihre Sinne und Gedanken hingen an dem sterbenden Manne. „Veit, mein Gatte, mein Geliebter!“ rief sie jammernd, „geh nicht von mir, laß mich nicht allein hier zurück! Was soll ich anfangen ohne dich, du meine Stütze, mein treuer Gemahl in guten und bösen Tagen? O thue wieder deine Augen auf und schaue mich an, sage mir noch ein einziges Mal, daß ich immer dein gutes, treues Weib gewesen bin. O Veit, mein Licht, meine Sonne, bleibe bei deiner Walburg, die ohne dich nicht leben mag!“

Da schlug der Sterbende die Augen auf und sah sie mit einem Blick voll Liebe an. „Lebe wohl, du Treue,“ stöhnte er, „hab’ Dank -- bewahre unsre Söhne -- vor ihres Vaters Schicksal ...“ Er drückte ihr krampfhaft die Hand, streckte sich -- und war tot. --

Walburg drückte ihm die Augen zu, ein paar große Thränen rollten langsam über ihre Wangen; lange schaute sie dem Toten unverwandt ins Angesicht, dann legte sie ihn sanft auf die Erde nieder, richtete sich empor und suchte mit ihrem Blick den Anführer. „Hauptmann,“ sprach sie -- und der Schmerz lieh ihr eine Würde, die sie sonst nie besessen -- „Ihr seid die Sieger, wir die Besiegten. Ihr habt diese Burg erobert, nehmt alles hin, nur laßt mir diesen Leib, daß ich ihn ehrlich begrabe.“

Herr Hennerle von Steifen machte eine ritterliche Verbeugung. „Edle Frau,“ erwiderte er höflich, „wir führen nur gegen die Lebenden Krieg, nicht gegen die Toten, auch bekämpfen wir nur Männer und nicht Frauen. Nehmt Euren Schmuck und Eure Kleider, auch was sonst zur Notdurft gehört, nebst dem Leichnam Eures Gatten; Wagen und Pferde stehen zu Eurer Verfügung, und ein Häuflein Reiter soll Euch geleiten, wohin Ihr’s begehrt.“

Frau Walburg neigte das Haupt und verschwand in der Burg; in kurzem kehrte sie zurück, ein Bündel in der Hand, eine große Decke über dem Arm. Der Tote ward auf einen Wagen gehoben und sorgfältig zugedeckt; ehe die Witwe dazu stieg, wendete sie sich noch einmal an den Hauptmann. „Gebt mir diesen mit!“ sagte sie halb bittend und halb befehlend, indem sie auf den gefesselten Janko wies, der aus vielen Wunden blutete. „Er war der treueste Diener seines Herrn und hat nur nach seinen Befehlen gehandelt.“

„Es sei!“ versetzte Herr Hennerle nach kurzer Überlegung, „er wird uns nicht mehr schaden.“

Janko küßte seiner Gebieterin dankbar die Hand und kroch mühselig auf den Wagen; wie ein verwundeter Hund kauerte er sich zu den Füßen seines toten Herrn nieder. „Nach Maltheim!“ befahl Walburg, und langsam setzte der traurige Zug sich in Bewegung; die alte Heimat war der einzige Zufluchtsort der beraubten Witwe. In diesem Augenblick dachte sie nicht an die Söhne, die ihr noch geblieben waren und, fern von dem gesetzlosen Treiben der letzten Zeit, erzogen wurden; sie konnte nur an den Gatten denken, mit dem sie jung gewesen, den sie in ihrer Weise heiß und aufrichtig geliebt hatte. Sie verhüllte ihr Haupt; die ganze Welt um sie her war versunken; wie eine trauernde Königin, die mit dem Gatten Krone und Reich verloren, fuhr sie dahin. -- -- -- --

Mit lautem Triumph kehrten die Nürnberger Truppen heim in die Stadt, wo sie mit Jubel empfangen wurden. Groß waren die Vorteile, die sie mit diesem einen Schlage errungen hatten, denn fast alle feindlichen Anführer waren in ihren Händen, der ganze Bund zersprengt und gelähmt durch den Verlust seiner Häupter. Dagegen waren ihre Verluste verhältnismäßig gering: wer fragte nach Klaus Zworrer, der statt Lohn und Freiheit den Tod gefunden hatte? Frau Barbara war tot, und seine Töchter kannten den Vater kaum, von dem sie nur wenig Gutes erfahren hatten. Von allen Seiten traten jetzt die guten Freunde beider Parteien auf, die sich bisher vom Kampfe fern gehalten hatten; sie suchten zwischen den Streitenden zu vermitteln, damit keiner von beiden durch die Friedens-Bedingungen zu hart getroffen würde. Die gefangenen Edelleute fanden viele Fürsprecher unter ihren Standesgenossen, und die Stadt durfte ihnen nicht allzu scharf an den Kragen gehen, um sich nicht neue Feinde auf den Hals zu ziehen. Man mußte sich begnügen, an einigen geringeren Leuten ein Exempel zu statuieren, machte ihnen den Prozeß und überlieferte sie dem hochnotpeinlichen Gericht, welches sie durch Galgen und Rad vom Leben zum Tode beförderte. Die vornehmeren unter den Wolfenbündlern mußten schwören, nie wieder die Waffen gegen die freie Reichsstadt zu erheben, und wurden dann gegen ein Lösegeld in Freiheit gesetzt. So ging die Fehde zu Ende, und die den ganzen Kampf ausbaden mußten, waren vor allem die kleinen Bauern in den offenen Dörfern, deren Häuser und Höfe verbrannt und verwüstet, deren Felder zerstampft, und deren Vieh geschlachtet und fortgeführt war, während niemand daran dachte, ihnen den erlittenen Schaden zu ersetzen.

Ulrich von Maltheim war gleich beim Beginn der Friedens-Verhandlungen aus seiner Haft entlassen worden. „Ihr habt meinem verlornen Sohne Freundschaft erwiesen,“ hatte Herr Wilibald ernst zu ihm gesprochen, „dafür danke ich Euch. Freilich wäre es echtere Freundschaft gewesen, wenn Ihr den Verirrten auf den Weg der Pflicht und Treue zurückgewiesen hättet -- doch Ihr seid ein Edelmann und habt wie ein solcher gehandelt. Es kann keiner von uns über die Schranken seines Standes hinaus, aber es stände vielleicht besser in der Welt, wenn es viele Edelleute von Eurem Schlage gäbe, Herr von Maltheim.“

Ulrich war hoch erfreut über diese Rede, aus der er nur das Lob heraushörte; sie schien ihm die Erfüllung der süßen Hoffnungen zu verbürgen, welche in den stillen Tagen seiner Gefangenschaft sein ganzes Herz eingenommen hatten. Er wünschte sehnlich, ein paar ungestörte Worte mit Margarete zu sprechen, aber er fand keine Gelegenheit dazu; das letzte Frühstück nahm er in Gesellschaft von Vater und Tochter ein, und der Ratsherr blieb bei ihm, bis er sein Roß bestieg.

Als er fort war, ging das Mädchen in das kleine Zimmerchen, in dem er die letzten Wochen gewohnt hatte; träumend betrachtete sie jedes Stück, das er benutzt hatte, und fuhr liebkosend über jedes Buch, in dem er gelesen. Als sie das eine aufschlug, fiel ein Zettel heraus, und hoch errötend las sie folgende Worte darauf:

Gefangen saß ich in engem Raum, Doch tröstend umschwebt mich der lieblichste Traum. Mir träumte, als ich so einsam lag, Ein Engel besuchte mich jeden Tag.

Zwar unsichtbar blieb mir sein Schwingenpaar, Von ferne nur wehte sein duftiges Haar. Doch seiner Stimme holdseligen Klang, Den hörte ich deutlich, wie Sphärengesang.

Nun ist mir geöffnet des Kerkers Thor, Nun schreit’ ich zum Licht und zur Freiheit empor; Doch wendet sich rückwärts mein sehnender Blick: Denn gefangen bleibet mein Herz zurück!

Herr Wilibald erschien an diesem Abend besonders aufgeräumt; der Abschluß der Fehde mochte ihm wohl manche schwere Sorge vom Herzen nehmen. „Was hältst du von Lorenz Tucher?“ fragte er im Laufe des Gesprächs seine Tochter.

„Ich halte ihn für einen wackern und tüchtigen Mann,“ erwiderte sie unbefangen, „wohl wert, Euch wie ein lieber Sohn zur Seite zu stehen.“

Dem Vater schien die Antwort zu behagen, denn er lächelte befriedigt vor sich hin. „Es freut mich, mein Kind, daß du verständig genug bist, so vorzügliche Eigenschaften anzuerkennen, auch wo sie ohne ritterlichen Firlefanz, unter schlichter, echt bürgerlicher Außenseite zu Tage treten. Du hast dich in dieser schweren Zeit als meine treue, verständige Tochter bewährt, und so will ich dir mein Vertrauen schenken: ich denke daran, Lorenz in alle Rechte eines Sohnes einzusetzen und ihm einen vollen Anteil an der Handlung zu geben. Und es ist mein herzlicher Wunsch, daß er auch noch durch ein anderes, zarteres Band mit meinem Hause verknüpft werden möchte, durch ein Band, das ihm ein besonderes Recht geben würde, mich ‚Vater‘ zu nennen.“

Er legte seine Hand einen Augenblick wie segnend auf ihren Scheitel, küßte sie liebevoll auf die Stirn und verließ sie dann. In banger Verwirrung blieb Margarete zurück; sie konnte des Vaters Wunsch nicht mißverstehen, aber ihr Herz sprach kein Wort dazu.

Siebzehntes Kapitel.

Die Werbung.

Haben die Herzen sich auch in Liebe und Treue gefunden: Zwischen sie dränget sich noch trennend des Vaters Gebot.

Nie hatte Elsbeth Ebnerin eine glücklichere Zeit verlebt, als die, welche sie mit ihrer Mutter bei den Verwandten in Bamberg zubrachte. Bisher hatte sie stets hinter Margarete zurückstehen müssen, denn obgleich jene nur zwei kurze Jahre vor ihr voraus hatte, so genoß sie doch bei allen ein unbedingtes Vertrauen, während man sie selbst immer noch wie ein halbes Kind behandelte. Aber jetzt fiel ihr die Pflege der geliebten Mutter ganz selbstverständlich zu, und jeder mußte sagen, daß sie sich derselben mit Geschick und Treue widmete; auch machte ihr niemand Lorenz Tuchers Gesellschaft streitig, und das beglückte sie besonders. Er begegnete ihr mit der Vertraulichkeit eines älteren Bruders und hörte mit wohlwollendem Lächeln ihrem Geplauder zu, das zwar nicht viel Geist, aber ein gutes Herz und einen kindlich reinen Sinn verriet. In der größeren Selbständigkeit entwickelte sich ihr ganzes Wesen freier und anmuthiger; da sie nicht unter dem beständigen Vergleich mit der begabteren Schwester litt, so galt sie bei jedermann in Bamberg für ein hübsches, wohlerzognes Mädchen, und man begegnete ihr auf das freundlichste. Sie war daher wenig erbaut von der Botschaft, daß ihrer Rückkehr nichts mehr im Wege stünde, und war am letzten Tage so ernsthaft und traurig, daß Lorenz sie teilnehmend fragte, was ihr fehle.

„Ich muß an das Märchen vom verzauberten Prinzen denken,“ versetzte sie, „das Muhme Lene uns so oft erzählt hat, als wir noch Kinder waren. Ein böser Zauberer hatte ihn in einen Zwerg verwandelt; nur einen Tag im Jahr durfte er in seiner wahren Größe auftreten, aber sobald die Sonne sank, mußte er wieder in die verhaßte Zwerggestalt schlüpfen. So geht es mir auch.“

„Wie meint Ihr das, Bäschen? ich hoffe, es hat niemand gewagt, Euch ein Leid anzuthun?“

„Nein, das nicht, aber ich fürchte, zu Hause und neben Margarete werde ich wieder nur der Zwerg sein, den niemand für voll ansieht.“

Sie sah so betrübt aus, daß er tröstend über ihre Wange strich und ihre Hände faßte. „Liebe kleine Elsbeth,“ flüsterte er ihr ins Ohr, „denkt Ihr etwa, daß ich Eure Schwester Euch vorziehe? Ihr seid mir viel lieber als sie.“

„Bin ich das wirklich?“ rief sie hocherfreut, „o Lorenz, wie gut seid Ihr! bisher hat mich noch niemand neben ihr beachtet, und Ihr seid doch so klug, wie kein andrer!“

Das Lob schmeichelte ihm und rührte ihn zugleich; er beugte sich herab und küßte sie auf die roten Lippen. Sie schlug die Hände vor das erglühende Gesicht, „Ihr seid ein Böser!“ rief sie halb erzürnt und halb beglückt und lief davon. Er blieb beschämt zurück; wie konnte er, der Ruhige, Verständige, sich so hinreißen lassen! --

Frau Ursula und Elsbeth waren glücklich heimgekehrt, und während die Mutter nach der ermüdenden Fahrt sogleich die Ruhe suchte, saßen die beiden Schwestern traulich beisammen und tauschten ihre Erlebnisse aus, wobei freilich jede manches vor der andern zurückhielt. Aber Margarete bedurfte eines teilnehmenden Herzens für die große Sorge, die drohend wie ein Gespenst vor ihr stand, und sie beschloß, Elsbeth in ihr Vertrauen zu ziehn. „Der Vater,“ sagte sie beklommen, „ist Lorenz überaus wohlgesinnt und wünscht ihn ganz an unser Haus zu fesseln; ich fürchte, er denkt sogar an -- eine Heirat.“

Elsbeths Wangen färbten sich purpurn. „Ich sehe nichts Furchtbares darin,“ sagte sie mit niedergeschlagenen Augen.

Die Ältere stützte den Kopf in die Hand und sah ernsthaft vor sich hin. „Nicht? ach Elsbeth, er ist gewiß ein lieber, braver Mensch, aber der beste von allen kann er mir doch nie sein, ich ....“

„Du?“ schrie die Jüngere auf, „warum denn du und immer du? o ich wußte es wohl, daß meine glückliche Zeit zu Ende ginge, sobald ich hierher zurückkehrte, daß ich immer nur das Stiefkind sein würde neben dir, der Bevorzugten und Geliebten! Und er hat es mir doch selbst gesagt, daß ich ihm werter sei, als du ....“ ein Thränenstrom unterbrach ihre Rede, sie legte den Kopf auf die gefalteten Hände und schluchzte laut.

Margarete stand erschrocken vor diesem leidenschaftlichen Ausbruch, den sie zuerst gar nicht begriff; allmählich aber ging ihr ein Licht auf, und eine Centnerlast schien ihr mit einemmal vom Herzen zu fallen. „Liebe, gute Elsbeth,“ rief sie jauchzend, „warum weinst du? ist er dir lieb und bist du ihm wert, o so ist alles gut! Vergieb, daß ich nur einen Augenblick denken konnte -- -- o heilige Anna, habe Dank -- -- wie froh bin ich, wie namenlos froh, nun ebnet sich ja alles nach unsern Wünschen! Laß dich küssen, meine Schwester, ich wünsche dir von Herzen Glück!“

Sie umarmte Elsbeth stürmisch und lachte und weinte vor Freuden, so daß jene die ruhige, verständige Schwester kaum wiedererkannte. Da sie aber einsah, daß sie ihrem Glück nicht im Wege stünde, stimmte sie in ihren Jubel ein, und zwischen den beiden Schwestern war jedes Wölkchen zerstoben. --

Auf Maltheim drängten unterdessen die Verhältnisse zu einer Entscheidung, denn es stellte sich nur zu bald heraus, daß ein Zusammenleben von Frau Kunigunde und ihrer Stieftochter unmöglich sei. Als die Weihe des ersten Schmerzes vorüber war, traten bei Walburg schnell genug die alten, häßlichen Charakterzüge, Eigennutz, Anmaßung und Begehrlichkeit, hervor, und mit Heftigkeit forderte sie die Teilung des väterlichen Erbes. Herr Pirkheimer hatte inzwischen schon sein Gutachten dahin abgegeben, daß Herr Werner von Maltheim kein Recht gehabt habe, Hohenheiligen im alleinigen Interesse seiner Kinder zweiter Ehe zu veräußern, und daß Walburg ein Anrecht auf die eine Hälfte des Kaufpreises habe. Mit Mühe überredete Ulrich seine Mutter dazu, in einen Verkauf von Maltheim zu willigen, um Walburg abzufinden; der Kurfürst Albrecht Achilles, der alte Gönner des verstorbenen Ritters, wollte selbst der Käufer sein. Im Andenken an die Treue seines ehemaligen Kampfgenossen, bot er dem Sohne eine Anstellung in kurbrandenburgischen Diensten an, die jener dankbar und bereitwillig annahm, denn dort durfte er hoffen, ein weites Feld für seine hochstrebenden Pläne und Gedanken zu finden. Seit Kaiser Sigismund auf dem Konzil zu Kostnitz den treuesten Kämpen seines Thrones, den Burggrafen Friedrich von Nürnberg, mit der Verwaltung der Mark Brandenburg betraut und bald darauf mit der Kurwürde belehnt hatte, war die Entwicklung des verwilderten Landes in bessere Bahnen geleitet worden. Teils durch kluge Verträge mit den Nachbarfürsten, teils durch gewaltiges Niederwerfen der aufsätzigen Großen, hatte Friedrich Ruhe und Ordnung im Lande angebahnt, und was er mit Kraft begonnen, das hatte sein Sohn, Kurfürst Friedrich der Zweite, fortgesetzt: er hatte die trotzigen Städte gedemütigt, die Sitten der Geistlichkeit gebessert und den Adel in gebührenden Schranken gehalten. Jetzt war Albrecht Achilles der eigentliche Herrscher des Landes, aber er verweilte dort nur zuweilen als Gast, denn er mochte seine schöne fränkische Heimat nicht mit jenem rauhen, ärmlichen Lande vertauschen; so hatte er denn seinen Sohn Johann als Statthalter in den Marken eingesetzt, und ihm sollte Ulrich seine Kräfte widmen.

Frau Kunigunde konnte sich nicht entschließen, sich im fremden Lande eine neue Heimat zu gründen, und so namenlos schwer ihrem Mutterherzen auch der Gedanke einer dauernden Trennung von Ulrich fiel, so weigerte sie sich doch entschieden, ihn zu begleiten. Sie zog sich in die tiefste Stille zu einer Schwester zurück, die ihr gern ihr Haus öffnete, aber die Kümmernisse und Täuschungen, die sie erlitten, zehrten an dem Mark ihres Lebens, und nach wenigen Jahren folgte sie ihrem Gatten in die ewige Heimat.

So war denn alles vollendet, die Erbschaft geteilt, die Frauen nach verschiedenen Seiten abgezogen. Ulrich hatte die Mutter in ihr Asyl geleitet und dann die Burg in die Hände des neuen Besitzers übergeben; von einigen Knappen gefolgt, sprengte er jetzt den Burgberg hinab. Der Abschied von der Heimat seiner Kindheit wurde ihm schwerer, als er selbst gedacht hatte; das Bewußtsein, dem uralten Erbe seiner Väter, das Jahrhunderte lang in den Händen seiner Familie gewesen war, für immer Lebewohl zu sagen, als ein heimatloser Wanderer hinauszuziehen in eine ungewisse Zukunft, rührte ihn fast zu Thränen, aber er gab seinem Pferde die Sporen, so daß seine Begleiter ihm kaum folgen konnten, und zog sein Schwert aus der Scheide. „Vorwärts!“ rief er, „mit Gott und Sankt Georg! Als ein echter Ritter will ich kämpfen für Wahrheit und Recht gegen Lüge und Finsternis, und Gott helfe mir zum Siege! O Herr, stelle mir ein hilfreiches Wesen an die Seite, das mit seiner Liebe und seinem Vertrauen mich stärke und tröste, wenn ich schwach werde!“

Er rastete nicht im scharfen Ritt, bis er die Thore von Nürnberg erreicht hatte; dort hieß er seine Begleiter in der Herberge bleiben, stellte sein Roß in den Stall und schlug zu Fuß den Weg nach dem Ebnerhause ein.

Hier fand er alles in froher Bewegung, denn man feierte eben die Verlobung von Lorenz Tucher mit Elsbeth Ebnerin. Herr Wilibald war zwar sehr erstaunt und gar nicht erfreut gewesen, als seine Gattin ihm mitteilte, daß nicht Margarete, sondern ihre Schwester die Erwählte sei; er hätte es viel mehr seinem Lieblinge gegönnt, die ansehnliche Stellung einzunehmen, zu der er Lorenz den Weg ebnete, -- aber gegen die volle Übereinstimmung aller drei Beteiligten konnte er nichts einwenden. Elsbeth strahlte vor Seligkeit; zu dem Gefühl des eignen Glücks kann noch die Genugthuung, bei diesem wichtigsten Schritt des Lebens der bevorzugten Schwester den Rang abgelaufen zu haben.

Ulrich stattete seinen Glückwunsch ab und bat um Erlaubnis, vor seiner Abreise in die Fremde hier einige Stunden zu rasten, die ihm mit Freuden gewährt wurde. Aber obgleich er auf teilnehmendes Befragen ausführlichen Bescheid über alles gab, was er erlebt hatte und von der Zukunft erwartete, so war er im ganzen doch ernst und schweigsam, und Margarete teilte seine Stimmung. Endlich sprach er gegen sie den Wunsch aus, noch einmal das Stübchen zu betreten, in dem er die Wochen seiner Gefangenschaft zugebracht hatte; das Mädchen stand bereitwillig auf, um ihn zu geleiten, aber auch der Ratsherr schloß sich an. Erst, als sie auf dem Hofe unter dem alten Nußbaum standen, rief irgend eine wohlthätige Anfrage aus einer der Schreibstuben Herrn Wilibald ab, und endlich waren die beiden allein. Ulrich faßte beide Hände der Jungfrau, die errötend vor ihm stand: „Liebe Margarete,“ sagte er leise und schnell, „wenn es mir gelingt, mir im Norden eine Stellung zu verschaffen, die -- Euer würdig ist, würdet Ihr es für denkbar halten, -- die geliebte Heimat zu verlassen -- und mir zu folgen?“

Sie hob die treuen, grauen Augen mit dem Ausdruck vollsten Vertrauens zu ihm empor. „Ja, Ulrich,“ sagte sie fest, „wenn es mein Vater erlaubt, will ich Euch folgen, wohin es auch sei.“