Im Banne der freien Reichsstadt

Part 18

Chapter 183,727 wordsPublic domain

Der Unfall brachte unter den Begleitern eine große Verwirrung hervor; sie sprangen von den Pferden, einige hoben Frau Ursula heraus und legten sie am Rande des Weges sorgsam nieder, andre richteten den Wagen auf, um den geschehenen Schaden zu untersuchen. In diesem Augenblick brach aus dem nahen Gehölz ein bewaffneter Haufe hervor und stürzte sich auf die reiterlosen Pferde, um sich ihrer zu bemächtigen. Das Unerwartete ihres Erscheinens verblüffte die überraschten Knechte so sehr, daß sie völlig den Kopf verloren, um so mehr, als Elsbeth sich jammernd und schreiend an Lorenz klammerte und ihn an jeder Bewegung hinderte. Doch jetzt flog wie ein Sturmwind der vorhin bemerkte Reiter mit seinem Knappen heran; mit hoch geschwungenem Schwert drang er auf die Räuber ein, seine lauten, bestimmten Kommandoworte fanden williges Gehör, die Reisigen sammelten sich um ihn, und in wenigen Minuten war der räuberische Haufe in wilder Flucht zerstoben.

Der Reiter stieg vom Pferde, zog den großen Hut tiefer ins Gesicht und kniete neben Frau Ursula nieder, die totenbleich, mit geschlossenen Augen auf ihren Kissen lag. „Ist Euch ein Leid geschehen, ehrsame Frau?“ fragte er in gedämpftem Ton.

„Nein, mich hat niemand berührt, dank Eurer kräftigen Hilfe,“ erwiderte sie mit matter Stimme. „Wollt Ihr mir Euren Namen nennen, werter Herr, damit ich weiß, für wen ich beten darf?“

„Ich bin ein namenloser Abenteurer, der alles hinter sich lassen muß, was ihm jemals lieb und teuer war, um in der Fremde sein Glück -- oder den Tod -- zu suchen. Wollt Ihr mir Euren Segen zu meiner Irrfahrt geben, gestrenge Frau?“

Sie hob die Hände auf und berührte leise sein tief gesenktes Haupt. „Gott segne Euch, mein tapferer Ritter, und die heilige Jungfrau vergelte Euch, was Ihr an uns gethan gehabt.“

„Habt Dank, werte Frau!“ sagt er, und seine Stimme klang, wie von Thränen verschleiert, „Euer Segen wird mir ein Talisman in allen Fährlichkeiten sein. Betet für mich, denn ich weiß nicht, ob meine Mutter es nicht verschmäht, für ihren unwürdigen Sohn zu beten.“

Er hob das Haupt empor und sah sie an, ihre Augen trafen sich. „Berthold!“ rief sie mit einem Ausdruck, der zwischen namenlosem Schrecken und grenzenloser Freude schwankte -- ihr schwanden die Sinne. Er riß sie an seine Brust und küßte ihr Antlitz mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit, dann ließ er die bewußtlose Gestalt sanft zurücksinken. Als Elsbeth zu ihrer Mutter trat, schwang er sich eben aufs Pferd, schwenkte noch einmal seinen Hut und jagte davon; als Frau Ursula wieder zu sich kam und angstvoll suchend umherblickte, da zeigte nur noch ein fernes Staubwölkchen die Richtung an, in der er verschwunden war. --

Margarete hatte nicht viel Muße, ihre Einsamkeit zu empfinden, denn die ernste Zeit nahm nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen in Anspruch. Die unter den Waffen stehenden ärmeren Leute, sowie die geworbenen Söldner wurden auf Kosten der Stadt gespeist; man hatte große Küchen errichtet, die von kundigen Frauen bedient und von Höherstehenden beaufsichtigt wurden. Frau Magdalene Krafftin hatte an bestimmten Tagen die Ratsküche unter ihrer Obhut, und Margarete stand ihr treulich bei. Der Haushalt erforderte manche Arbeit; auch waren viele Frauen und Kinder in Nürnberg, die jetzt, da aller Verdienst stockte, ohne den Beistand der Reicheren in bittere Not geraten wären, und für sie gab es fortwährend zu denken und zu sorgen. Kam Herr Ebner vom Rathause zurück, wo er einen großen Teil des Tages in wichtigen Geschäften zubrachte, so fand er sein Töchterlein stets seiner harrend, immer voll Teilnahme an allem, was vorging, immer bereit, ihn mit freundlichen Worten zu erheitern und für sein leibliches Wohl zu sorgen.

Margarete saß in der Fensternische, welche durch dunkle, tief herabfallende Vorhänge von dem eigentlichen Wohnraum abgeschlossen war; durch die gefärbten Scheiben drang nur noch ein dämmeriges Licht. Die Arbeit war ihr entfallen, die Hände ruhten müßig im Schoß, ihre Gedanken flogen träumend umher. Drei Gestalten zogen an ihrem inneren Blick vorüber: Berthold, Lorenz und Ulrich, alle drei ihr lieb und vertraut, und doch so unendlich voneinander verschieden. Wie hatte sie den frischen, fröhlichen Bruder geliebt, mit einer Liebe, die zu jedem Opfer fähig gewesen wäre! Seine Flucht aus dem Kloster hatte ihr Vertrauen zu ihm gewaltig erschüttert, und selbst das tiefe Mitleid, das sie für ihn empfand, konnte sie nicht darüber täuschen, daß ihm die Kraft gefehlt habe, das, was er auf sich genommen, auch durchzuführen. Lorenz, mit seinem klaren Verstand, seinem tüchtigen Charakter, hatte sich bald ihre volle Achtung erworben, und sie mußte sich sagen, daß er viel mehr ein Sohn nach dem Herzen ihres Vaters gewesen wäre, als Berthold mit seinen hochfliegenden Plänen; aber all seine Anschauungen waren nüchtern und praktisch, für die Fragen und Gedanken, die ihre Seele oft bewegten, hatte er nur ein ironisches Lächeln, ein mitleidiges Achselzucken. Wie anders dagegen Ulrich mit seinem rastlosen Streben nach Wahrheit und Erkenntnis, mit dem energischen Willen und dem sanften, liebevollen Herzen! Ja, er entsprach von den Dreien am meisten dem Bilde eines echten, ganzen Mannes.

Die Träumerin fuhr plötzlich mit einem Schrei empor, denn durch die Vorhänge blickte ein männliches Antlitz sie an, während sie den nahenden Tritt völlig überhört hatte. „Ulrich -- um Gotteswillen, wie kommt Ihr hierher?“

„Ich komme, um Euch die versprochene Nachricht von Berthold zu bringen, Margarete; habt Ihr mich nicht erwartet?“

„Aber wie kommt Ihr in die Stadt, da doch keiner hereingelassen wird, der nicht zu den Unsrigen gehört?“

„Hans Fiedler hatte die Wache am Spittlerthor, der hat mich eingelassen.“

„Um Jesu willen! Ulrich -- wenn Euch jemand hier fände, es könnte Euch teuer zu stehen kommen!“

„Seid ohne Sorge, liebe Margarete, ich komme ebenso sicher hinaus, wie ich hereinkam. Aber seid Ihr nicht gespannt, etwas von Berthold zu hören?“

„Ist er in Sicherheit? Gott sei Dank -- und innigen Dank Euch für Eure Hilfe! Aber kommt, kommt, Ulrich, mein Vater darf Euch hier nicht finden, Ihr müßt Euch verbergen, -- o kommt, ich vergehe vor Angst.“

Sie zog ihn durch eine schmale Seitenthür in einen finstern Gang, stieß dann eine andre Thür auf und schob ihn in einen düsteren Raum. „Bleibt hier, ich bitte Euch, und wartet meiner, ich komme zurück, sobald ich kann.“ Ehe er sich’s versah, war sie fort und hatte den Schlüssel abgezogen.

Zitternd vor Aufregung kehrte das Mädchen in das Wohngemach zurück, zündete die Lampe an und deckte den Tisch zum Abendessen, das Herr Wilibald jetzt allein, ohne die übrigen Hausgenossen, einzunehmen liebte. Wie sollte sie nur Ulrich ungesehen fortschaffen? sie konnte ja dem Vater nicht einmal erklären, zu welchem Zwecke er gekommen sei, denn sie wagte es nicht, sein strenges Verbot zu übertreten, das selbst Bertholds Namen verpönte. Endlos kam ihr heute die Stunde der Mahlzeit vor, welche ihr sonst so traulich erschien; heute that sie nichts, um Herrn Wilibald zu fesseln, sondern atmete erleichtert auf, als sich endlich die Thür hinter ihm schloß. Eine Weile lauschte sie noch auf den verhallenden Tritt, dann ergriff sie die Lampe und eilte in das Zimmerchen, wohin sie Ulrich gebracht hatte.

„Gott sei Dank, er ist fort!“ sagte sie, „nun könnt Ihr unbemerkt das Haus verlassen. Eilt, Ulrich, ich werde nicht eher ruhig sein, als bis ich Euch in Sicherheit weiß.“

„Mit dem Eilen ist’s nun vorbei,“ erwiderte er mit einem eigentümlichen Lächeln; „während Ihr mich hier gefangen hieltet, ist die Stunde verflossen, in der Hans am Thor die Wache hatte. Ihr müßt Eure Gastfreundschaft schon bis morgen früh ausdehnen, sonst könnte man mich leicht für einen Spion ansehen und am nächsten Pfosten aufknüpfen.“

„Gerechter Gott!“ rief sie entsetzt, „und das sagt Ihr so kaltblütig? Jesus Maria, was habe ich gethan, in welche Lage hat meine Thorheit Euch gebracht -- und ich wollte doch nur das Beste! O Ulrich, ist das mein Dank für alles, was Ihr an Berthold gethan habt?!“ Sie setzte sich nieder und brach in bittere Thränen aus.

„Beruhigt Euch, liebe, holde Margarete,“ sagte er sanft und tröstend, „es wird so schlimm nicht werden. Laßt uns auf Gott und mein gutes Glück vertrauen! Und da Ihr mich nun doch nicht loswerden könnt, so trocknet Eure Thränen und laßt uns miteinander reden, wie es guten, alten Freunden geziemt.“

Seine Ruhe wirkte besänftigend auf ihre erregten Gefühle; sie erinnerte sich ihrer hausmütterlichen Pflichten, brachte ihm mit eigner Hand -- denn sie mochte niemand von der Dienerschaft ins Vertrauen ziehen -- Speise und Trank, ließ sich dann alle Einzelheiten von Bertholds Ergehen berichten und gab ihrer Anerkennung für Ulrichs thätige Hilfe lebhafte und herzliche Worte.

Später brachte sie ihm einige Kissen und Decken. „Ihr müßt Euch für die Nacht hier einrichten, so gut es geht,“ flüsterte sie, „ich kann Euch in kein anderes Zimmer führen. Schlaft wohl, Ulrich, morgen früh komme ich wieder zu Euch. Hier ist der Schlüssel, schließt Eure Thür fest zu.“

Als sie aber am nächsten Morgen an die Thür klopfte, blieb alles still: das Zimmer war leer, und der gefangene Vogel schon vor ihr ausgeflogen. Sie faltete die Hände und sendete ihm ein inbrünstiges Stoßgebet nach.

Der Vormittag verging Margareten in fieberhafter Erregung, bei jedem Schritt, jedem Geräusch fuhr sie zusammen, als bedeute es etwas Schreckliches. Sie war gerade auf dem Vorsaal beschäftigt, als sie auf der Straße lautes Geschrei und das Stampfen vieler Füße hörte. Das war in dieser Zeit nichts Seltenes, man brachte oft Gefangene ein, oder Söldner, welche sich irgendwie gegen die strengen Kriegsregeln vergangen hatten. Sonst sah sie kaum danach, heute aber eilte sie ans Fenster und musterte angstvoll den Zug gewaffneter Knechte, welcher von einer Menge johlender Buben begleitet wurde. In der Mitte gingen zwei Männer, denen man die Hände auf den Rücken gebunden hatte; der eine schleppte sich widerwillig weiter und bekam zuweilen einen Stoß mit der Hellebarde, um ihn im Gange zu erhalten, der andre schritt ruhig, in aufrechter Haltung, dahin, den Hut tief in die Stirn gedrückt. Margarete riß das Fenster auf und streckte die Hände nach ihm aus: „Ulrich, Ulrich!“ rief sie in schneidendem Weh. Ihre Stimme verklang in der Unruhe da unten, und zu rechter Zeit kam noch das Gefühl des Schicklichen über sie; sie flog vom Fenster zurück, ehe ihr Benehmen Aufmerksamkeit erregt hatte, und verbarg verzweiflungsvoll ihr Gesicht in den Händen.

„Gott im Himmel, was habe ich gethan!“ stöhnte sie. „Ich, ich allein trage die Schuld an dieser Schmach! Was wird er sagen? was werden sie ihm anthun? was wird seine Mutter anfangen, wenn er nicht zurückkehrt? was soll ich thun, um ihn zu befreien?“ Sie wäre am liebsten aufs Rathaus geeilt, hätte ihren Vater dort aufgesucht und ihm alles gebeichtet, -- aber sie fühlte wohl, daß das unmöglich sei, daß es sich für ein Mädchen nicht zieme, sich unter die vielen Männer zu begeben und alle Blicke auf sich zu ziehen.

Sie mußte also warten, und peinliche, angstvolle Stunden waren es, die sie zubrachte. Endlich, endlich kam ihr Vater zu ihr, um sich, wie er pflegte, eine kurze Weile in ihrer Gesellschaft zu erholen. Sie eilte ihm entgegen. „Was habt Ihr mit ihm gemacht, Vater? Ihr könnt nicht glauben, daß er eine strafbare Absicht gehabt hat -- ich bürge für ihn, daß er nichts Böses gegen die Stadt im Schilde führte!“

Herr Wilibald sah sie erstaunt an. „Von wem sprichst du, mein Kind?“

„Von Ulrich von Maltheim -- o Vater, entlaßt ihn schleunigst aus seiner Haft, damit sich seine Mutter nicht in Angst um ihn verzehre -- es ist schlimm genug, daß er wie ein Verbrecher über die Straße geführt wurde -- er, ein untadeliger Edelmann!“

„Und woher weißt du so genau, was der Junker von Maltheim für Absichten hatte, als er sich heimlich in die Stadt schlich?“

„Ich habe ihn gesprochen und weiß, weshalb er kam.“

„Du, Margarete? -- -- wann und wo sprachst du ihn?“

„Gestern Abend an dieser Stelle.“

„Wie? meine Tochter sagt mir ohne Erröten, daß sie einem fremden Manne ein Stelldichein bewilligt habe? Also darum bist du in der Stadt geblieben, nicht um deinem Vater eine schwere Zeit zu erleichtern, sondern um in der Nähe dieses jungen Fants zu bleiben? -- Soll ich alle meine Kinder so verlieren?“

Margarete richtete sich hoch empor und sah dem erregten Manne fest und furchtlos ins Antlitz. „Mein Vater,“ sagte sie mit edlem Stolze, „wann hat deine Tochter dir je das Recht gegeben, so unwürdig von ihr zu denken? Nicht um meinetwillen kam Ulrich von Maltheim her, sondern um deines Sohnes willen: er brachte mir Kunde von Berthold.“

„Schweig!“ rief ihr der Ratsherr heftig zu und wendete sich von ihr; „du weißt, daß dieser Name nicht vor meinem Ohr genannt werden darf!“

„O mein Vater,“ versetzte sie mit sanfter Würde, -- und mit einem Schlage war alle Aufregung von ihr gewichen -- „wie schwer sich auch Berthold vergangen haben mag, so hört er doch nimmer auf, dein Sohn zu sein, und wie bitter du ihm auch zürnen magst, in deinem innersten Herzen spricht doch eine Stimme für ihn. Wenn es ihm gelingt, auf einem andern Boden ein neues, würdiges Leben zu beginnen, so danken wir es dem thatkräftigen Eingreifen Ulrichs von Maltheim, der als ein treuer Freund an ihm gehandelt hat. War es auch tollkühn von ihm, sich in die Stadt zu wagen, um sein Versprechen zu erfüllen, so braucht er sich seines Thuns doch wahrlich nicht zu schämen, und schlecht stünde es uns an, ihn für solche That unter falschem Verdachte leiden zu lassen.“

Herr Ebner durchmaß das Zimmer mit hastigen Schritten, er kämpfte einen schweren Kampf mit sich selbst. Dann warf er sich in einen Lehnstuhl, stützte das Haupt in die Hand und sagte mit unsicherer Stimme: „Ich will alles wissen, berichte mir genau jedes Wort.“ Er hörte mit gespannter Aufmerksamkeit auf ihre Erzählung, dann versank er in ein tiefes Schweigen. Endlich stand er auf und sagte in strengem Ton: „Du hast unrecht gethan, als du mir Bertholds Erscheinen in Nürnberg verheimlichtest, denn ich hatte das erste Recht darauf, die Verirrungen meines Sohnes zu erfahren, ja, ich hätte ihn damals noch zu seiner Pflicht zurückführen können. Was den Junker von Maltheim betrifft, so werde ich für ihn Bürgschaft leisten und ihn, statt im Ratsgefängnis, in meinem Hause in Gewahrsam nehmen. Du wirst für ihn sorgen, darfst ihn aber weder sehen, noch sprechen. Ich erwarte unbedingten Gehorsam und würde jeden Versuch, diese Vorschrift zu übertreten, streng bestrafen. Setze das kleine Zimmer neben meiner Schreibstube in Bereitschaft und bleibe in deiner Kammer, bis ich dich rufe.“

Er ging hinaus und ließ Margarete in einem Widerstreit von Empfindungen zurück. Sie sah ein, daß ihr Vater über ihren Anteil an Bertholds Flucht ernstlich erzürnt war, und fühlte doch, daß ihm die Gewißheit, der Sohn sei vor jeder Verfolgung sicher, eine Herzenserleichterung gewähre; sie freute sich, daß sie Ulrich von falschem Verdacht gereinigt und vor unwürdiger Behandlung bewahrt habe, und war doch tief bekümmert, daß er bis zum Ende der Fehde ein Gefangener bleiben müsse. Es tröstete sie ein wenig, daß sie selbst für ihn sorgen durfte, und sie richtete das kleine Zimmer so traulich ein, wie sie nur konnte; sie legte ihm ihre eignen Bücher hin -- es waren freilich nur wenige --, auch Schreibmaterial, damit ihm die Zeit nicht zu lang würde, und da sie keine Blumen hatte, steckte sie wenigstens große Zweige duftiger Walnußblätter rings umher, welche die kahlen Wände freundlich verhüllten. Das Gemach ging auf den Hof hinaus, doch war das kleine vergitterte Fenster so hoch angebracht, daß der Insasse nur die grüne Krone des Nußbaums sehen, aber mit seinem Blick nicht den Boden erreichen konnte.

Gern saß Margarete mit ihrer Arbeit unter dem lieben, alten Baum, und plötzlich kam ihr ein Gedanke: sehen und sprechen hatte der Vater verboten, aber +singen+ nicht; so erhob sie denn eines Tages ihre Stimme und begann, erst leise und schüchtern, dann immer zuversichtlicher, also zu singen:

„Vöglein im Käfig sitzet alleine, Blicket so trübe ins wogende Grün, Schaut auf des Himmels eilende Wolken, Möchte mit ihnen von hinnen fliehn.

Vöglein, gedulde dich noch ein Weilchen, Bald schon erschließt sich des Kerkers Thor, Und mit des Friedens holdem Geläute Schwebst du zum Licht und zur Freiheit empor!“

Sie lauschte eine Weile mit klopfendem Herzen, dann vernahm sie gedämpfte Töne, die ihr also antworteten:

„Jungfrau, die holde, stehet am Gitter, Grüßt den Gefangnen mit tröstendem Wort, Scheucht von der Stirne mit freundlichem Finger Leise des Unmuts Geister ihm fort.

Siehe, da teilt sich düstres Gewölke, Leuchtende Sterne winken ihm zu. Dank dir, o Mägdlein! Stürme der Seele Sang deine schmeichelnde Stimme zur Ruh!“

So hatte Margarete einen Weg gefunden, um mit Ulrich zu verkehren, ohne das strenge Verbot des Vaters zu übertreten. So oft ihre Pflichten es erlaubten, saß sie unter dem Baum, und auf Flügeln des Gesanges tauschten beide ihre Herzen aus. Freilich achtete sie sorgsam darauf, daß Herr Wilibald niemals Zeuge dieses poetischen Zwiegespräches wurde, denn sie hatte ein leises Gefühl, daß es seinem nüchternen Sinne allzu romantisch erscheinen würde.

Sechzehntes Kapitel.

Kampf und Frieden.

Nicht mehr trotzet der Freche; ihn traf der Arm des Gesetzes. Aber Unwürdige selbst adelt der nahende Tod.

Schon einige Wochen lang währte die Fehde, und kein Tag verging, an dem nicht lodernder Feuerschein am Himmel gezeigt hätte, daß hier und dort eine Scheune oder ein Wohnhaus in Flammen aufginge und arme, vielgeplagte Menschen ihrer dürftigen Habe oder ihres armseligen Obdachs beraubt würden. Noch war kein entscheidender Schlag gefallen, und die Wölfe drängte es auch gar nicht, ihre Streitkräfte der überlegenen, städtischen Heeresmacht gegenüberzustellen, vielmehr ging ihr ganzes Streben nur dahin, durch fortgesetzte Plänkeleien die Kräfte des Gegners zu ermüden und zu zersplittern. Für die raublustigen Ritter mit ihrem besitzlosen Anhang war dieser Zustand gerade erwünscht; sie fanden dabei Beute genug und ließen sich die Gelegenheit zu Kampf und Aufregung wohl gefallen.

Ganz anders lagen die städtischen Interessen. Im ersten Augenblick war der kriegerische Geist der Bürgerschaft auch nicht zu verachten; nicht nur der große und kleine Rat, in welchem die Häupter des Stadtadels Sitz und Stimme hatten, sondern auch die Versammlung der „Genannten“, d. h. die Erwählten der Zünfte und kleinen Handelsleute, welche man nur bei ganz besonderer Gelegenheit zur Mitberatung einberief, waren fast einstimmig für die Aufnahme des Kampfes gewesen, denn jeder einzelne brannte in seinem reichsstädtischen Selbstbewußtsein darauf, die adligen Widersacher zu züchtigen und unschädlich zu machen. Mit jedem Tage aber wurden die Opfer, die alle bringen mußten, fühlbarer und drückender; Handel und Wandel stockten, der Verdienst blieb aus, die Lebensmittel wurden täglich teurer. Da ließen sich denn bald unzufriedene Stimmen hören, der Dienst mit den Waffen wurde widerwilliger geleistet, Auflehnungen gegen die strenge Mannszucht kamen häufiger vor. Schon mehrmals hatten die Väter der Stadt lange Beratungen darüber gepflogen, wie der Fehde ein Ende zu machen sei; auch heute hatten sie sich im Ratssaale vereinigt und erwogen in Rede und Gegenrede die Wege, um den ersehnten Frieden herbeizuführen.

„Ich meine, wir müssen den Wölfen ernstlich auf den Leib rücken und sie in ihren Höhlen überfallen,“ sagte Herr Hennerle von Steifen, ein adliger Mann, der früher selbst der Stadt manchen Schaden zugefügt hatte, dann aber in ihren Dienst und Sold getreten und nun einer ihrer obersten Hauptleute war.

„Das ist von Anbeginn meine Meinung gewesen,“ versetzte Herr Wilibald Ebner. „Wozu haben wir unsern Saturn, unsre Chriemhild mit schweren Kosten angeschafft, wenn sie nicht die feindlichen Burgen brechen sollen?“

„Aber wie wollt Ihr die schweren Geschütze auf den holprigen Waldwegen meilenweit durchs Land schleppen?“ warf ein andrer ein; „bedenkt, daß die Chriemhild allein zehn Wagen und sechs und fünfzig Pferde gebraucht.“

„War die faule Grete, mit welcher der eiserne Burggraf Friedrich von Hohenzollern die Schlösser der aufsätzigen märkischen Junker in Trümmer schoß und ihren trotzigen Sinn beugte, nicht noch schwerer?“ fragte Herr Wilibald dagegen.

„Möglich würde es schon sein,“ fiel Herr Hennerle ein, „aber eine regelrechte Belagerung erfordert viel Opfer an Zeit und Geld. Besser wäre es, die Wölfe zu überraschen und ihre Häupter gefangen zu nehmen; solch ein unerwarteter Streich würde den Bund zersprengen und uns am meisten Nutzen bringen.“

„Und wie wollt Ihr das anfangen, Hauptmann?“

„Wir müssen einen kundigen Mann gewinnen, der uns den Zugang zum Hauptquartier verrät.“

Eine Stille folgte diesem Vorschlag, hie und da ein mißbilligendes Kopfschütteln; doch schien ein jeder die Worte ernstlich zu überlegen.

„Wißt Ihr ein Mittel, um an solchen kundigen Mann zu gelangen, Herr von Steifen?“ fragte der Bürgermeister.

„Wir haben einen Knecht des Junkers von Rotenhahn gefangen. Ich glaube, daß man ihn mit Gutem oder mit Gewalt bewegen könnte, uns die erforderliche Auskunft zu geben.“

„Laßt den Gefangenen hereinführen!“ gebot der Bürgermeister. Nach kurzem Warten öffnete sich die Thür, und, von der Wache geleitet, trat ein Mann in den Saal, derselbe, der einige Tage zuvor mit Ulrich zusammen eingebracht worden war, in abgerissener Kleidung, mit wirrem Haar und einem finstern Blick, der beharrlich am Boden haftete.

„Euer Name?“ fragte der Bürgermeister. Der Gefangene antwortete nicht; erst, als ihm der wachehabende Stadtsoldat einen Rippenstoß gab, murmelte er trotzig: „Ihr kennt mich, ohne daß ich’s Euch sage.“

Herr Volkamer warf einen forschenden Blick auf den finstern Gesellen, flüsterte mit seinem Nachbar und sagte dann in strengem Ton: „Wohl kenne ich Euch, Klaus Zworrer; Ihr habt einst im Dienste dieser wohllöblichen Stadt gestanden, aber Ihr habt Euren Schwur gebrochen und seid treulos zu unserm ärgsten Feinde übergegangen. Wißt Ihr, daß wir Euch dafür ohne weiteres an den Galgen hängen können?“

„Ich weiß es,“ versetzte Klaus düster, „macht’s kurz, wozu die vielen Reden?“

„Es gäbe ein Mittel, um Euch Gnade und Leben zu erkaufen, einen Weg, um Eure Schuld zu sühnen und ein ehrlicheres Leben zu beginnen,“ sagte der Bürgermeister langsam und mit Nachdruck.

Klaus schaute auf. „Und das wäre?“ fragte er hastig.

„Ihr habt seit Jahren dem Junker von Rotenhahn gedient und seid ohne Zweifel mit seinen Plänen und Schlupfwinkeln genau bekannt; liefert uns die Häupter des Wolfenbundes ohne Aufsehen in die Hände, und Ihr sollt die Freiheit und reichen Lohn erhalten.“

Der Gefangene blickte finster zu Boden; in schweigender Spannung sahen die Beisitzer des Rates auf ihn. „Ich kann es nicht,“ sagte er endlich mit fest zusammengezogenen Brauen.

„Und warum nicht? ist Euch das Leben nichts mehr wert? wollt Ihr aus diesem Saal sofort auf den Richtplatz wandern?“

„Herr,“ erwiderte Klaus mit rauhem Ton, „ich habe einmal meine arme Seele verkauft, um mein elendes Leben zu retten, als ich Euch meinen Eid brach, -- soll ich es zum zweiten Mal thun und ohne Erbarmen zur Hölle fahren?“

Die Bedenken des rohen Kriegsknechtes blieben nicht ohne Eindruck auf die Versammlung. „Ein Eid, den Ihr gezwungenermaßen einem Ehrlosen und Räuber geleistet, kann nicht bindend sein,“ nahm nach einer Pause einer der Herren das Wort; „jeder Priester wird Euch davon freisprechen. Bedenkt, daß die Stadt das erste Anrecht an Eure Treue hat.“