Hôtel Buchholz. Ausstellungs-Erlebnisse der Frau Wilhelmine Buchholz

Part 7

Chapter 73,643 wordsPublic domain

Ich war Willens, den Bericht mit sachlichem Ernst zu beginnen, aber du lieber Gott, sonne Architektur! Man hat wohl Tinte in der Feder, schöne schwarze Tinte und stippt nochmal ein und nochmal, aber Bauliches fließt nicht heraus. Man sinnt und stippt wieder ein. Allein schon die Ueberschrift. Eine gute Ueberschrift ist der halbe Aufsatz. Soll man sagen: »Ueber Gebäude« oder »Architektonische Wanderungen« oder »Sommerwohnungen des Gewerbes« oder »Vom Palast zum Wigwam«, um die Wilden mit hineinzunehmen und gleich das Mächtige des Hauptrestaurants anzudeuten? Nicht schlecht schien mir: »Die Wunder des Gipses.«

Nach langer Ueberlegung entschied ich mich für »Das Häusliche auf der Ausstellung«, weil mit Haus alles bezeichnet werden kann, sowohl die Moschee wie der Katalog-Kiosk und wollte grade losorgeln, als Tante Lina und Ottilie zurückkehrten.

»Schon?« fragte ich.

»Ueber eine Stunde ist genug,« antwortete Tante Lina. »Blos Geld verfahren, dazu hat man es nicht.«

»Und wie gefällt Ihnen das neue Berlin?«

»Berlin?« fragte sie nach. »Man sieht ja nichts von Berlin. Nein, ich kann nicht sagen, daß ich was von Berlin gesehen hätte.«

»Hat der Kutscher sie denn um die Stadt herum gefahren?«

»Das glaube ich nicht.«

»Und Du, Ottilie, Du freutest Dich doch so ungemein auf die Fahrt. War sie denn nicht entzückend?«

»O ja,« antwortete sie, als wäre das Ja eine Gummistrippe.

»Hat der Kutscher nicht beim alten Fritzen gehalten und bei Wrangeln und den übrigen Plastizitäten?«

»Die Uhr ging ja auch weiter, wenn er hielt,« sagte Tante Lina spitz. »Es ist Alles Betrug. Für's Halten kann man doch nicht bezahlen?«

»Welche Uhr?«

»Das runde Dings am Kutscherbock. Wir haben genau Acht gegeben, nicht wahr, Ottilie?«

»In einem fort.«

»Bis es mir zu theuer wurde, da mußte er umwenden.«

»Also blos auf die Uhr haben Sie gesehen?« fragte ich erregt. »Blos auf den Fahrpreisanzeiger und nicht rechts und nicht links? Da haben Sie ja völlig nutzlos im Wagen gesessen!« Für mich fügte ich hinzu: »Was sagt Berlin zu solchen Kunden?«

»Immer wurden es zehn Pfennige mehr,« warf Tante Lina mir vor. »Wie sich das ansummt.«

»Man wendet kein Auge von dem Zeiger,« suchte Ottilie sich zu entschuldigen, die meine Entrüstung merkte, »ob man will oder nicht. Wie magnetisirt.«

»Gewiß,« sagte ich, »dazu sind die Zähldroschken extra erfunden. Das nächste Mal nehmt Ihr keinen Weißlackirten, sondern einen einfach Schwarzen.«

»Und dann fahren Sie mit,« sagte Tante Lina, »und zeigen uns Alles, damit ich zu Hause erzählen kann, wie Berlin eigentlich aussieht. Die Zwei Mark vierzig heute sind rein weggeschmissen. Gut, daß Oberlehrer Kranz das nicht erfährt, der behauptet immer, Frauen können nicht rechnen. Seine Frau versteht es allerdings nicht, sie giebt viel zu Unnöthiges aus; ihr Vater machte bankerott; das Geld lag in der Ofenröhre, und wer was brauchte, nahm welches, das konnte nicht bestehen. Und mehr als knappe Aussteuer brachte sie nicht mit. Kranz giebt ihr nie über drei Mark, aber die Leute sagen, sie läßt anschreiben. Er hätte sich besser mit Viedt's Tochter gestanden, Viedt's stehen sich breit...«

»Bitte, entschuldigen Sie mich; ich muß in die Küche.« -- Halb verzweifelt flüchtete ich ins Kontor.

»Was ist? Was giebt's?« fragte mein Karl bestürzt, als ich, dem Weinen nahe, auf das Kanapee sank.

»Viedt,« stöhnte ich.

»Armes Weib.«

»Karl, eine Postkarte! Ich schreibe der Redaction: auf Architektur müßte sie Umstände halber verzichten. Aber spotte nicht. Ich bin so mürbe, so mürbe.«

»Minchen, weißt Du 'was? Wir Beide ganz allein machen hinaus nach Treptow. Ich habe im Weinhäus'l einen vorzüglichen Tropfen ausbaldowert. Wir ganz allein, Minchen.«

»Ja, mein Karl. Sicherer wäre am Ende nach dem Grunewald. Aber wie Du willst.«

Es giebt doch keinen heilenderen Balsam als ein liebendes Wort. Das empfand ich so recht einmal wieder.

Ein freier Tag.

Wenn es gewittert, fürchtet Tante Lina sich. Dann kriecht sie ins Bett.

Ottilie sagt, der Strauß macht es ebenso. Ich weiß nicht, ob der sich auch das Kopfkissen über die Ohren zieht, um den Donner nicht zu hören und bei jedem Blitz aufjucht wie Tante Lina, würde es ihm jedoch nicht übel nehmen, wenn er es thäte, weil er als Wüstenvogel für die neueren Erfindungen kein Verständnis hat, wie man von Mitgliedern des neunzehnten Jahrhunderts verlangen kann.

Tante Lina lebt und liest in der Jetztzeit und müßte daher wissen, daß Gewitter auch im Kleinen mittels Elektrisirmaschinen hergestellt werden können, wie Ottilie ihr beruhigungs- und aufklärungshalber aus Krüger's Lehrbuch der Physik vorgelesen hat, worin ein Papphäuschen abgebildet ist, das durch den positiven Funken auseinanderklappt.

Bei dem geringsten Gewitterverdacht bleibt sie daheim und bei dem ersten fernen Grollen des Horizonts flüchtet sie in die Federn.

Mein Karl findet das altfränkisch; Ottilie meint, es wäre Idiosynkrasie gegen elektrische Spannungsverhältnisse, obgleich im Meyer unter diesem Worte mancherlei steht, was ich von Tante Lina unmöglich annehmen kann und sich auch mehr in Widerwillen gegen Speisen äußert, der mir bis dato bei ihr nicht aufgefallen ist. Dorette beschwert sich über das mehrfache Bettenmachen, zumal wenn mehrere Gewitter am Tage sind, und schilt Monologe. Ich für meine Person behaupte, es ist das Alleinstehende, das sie ins Bett treibt.

Wenn es so recht graulich wird, beinahe Nacht am Tage, und ein Blitz fängt an, den anderen zu überbieten und das Rollen wird zum Knattern, dann gehe ich zu meinem Karl, oder er kommt zu mir, und ich fühle mich geborgen, denn ohne etwas Bänglichkeit ist man doch nicht, wenn Blitz und Schlag eins sind und man sich sagen muß: es steht gerade über uns, mit den dunklen Wolken, den Schwingen des Todes. Gottlob, wenn sie verschweben und der Himmel lichtet sich wieder.

Warum Tante Lina sich unvermählte, danach frage ich sie nicht. Vielleicht, daß Solche warben, die weniger sie, als ihr Vermögen begehrten, vielleicht, daß sie sich zu lange jugendlich dünkte, und als sie sich besann, mit Schrecken bemerkte, daß sie bereits zu den Kaltgestellten zählte. Und dann ist das Assortiment der Heiraths-Candidaten in kleinen Städten meist nur gering kompletirt, und ist keiner darunter, für den das Herz schlägt: warum den Prediger zu einer Traurede verleiten, die zum Höllensegen wird anstatt zur Segnung irdischen Glücks?

Und darum geht Tante Lina ins Bett, wenn es donnert.

Man darf die Schwächen seiner Nebenmenschen eigentlich nicht ausnutzen, aber wozu sind sie da, wenn sie nicht verwendet werden sollen? Als es wieder heiß und schwül war und Tante Lina ihre Zuflucht zur Baba nahm, weil sie das Gerummel eines Bierwagens in Kinderüberfahrgeschwindigkeit für die Stimme der erzürnten Vorsehung gehalten hatte, sagte ich zu meinem Manne: »Karl, sie liegt fest, ich habe frei. Was meinst Du, wenn wir zwei Beide alleine gingen? Ottilie sucht die Tante Lina mit dem Physikbuch zu bekehren und hat auch noch Briefe zu schreiben. In den nächsten Tagen kommen Ungermann's und dann Kliebisch's ... Die Gelegenheit ist heute günstig.«

»Ich muß so wie so hinaus und nachsehen, ob der letzte Regen meiner Ausstellung Schaden zugefügt hat. Der Reichsadler aus den schwarzen Socken auf weißem Grunde reicht dicht bis an das Glasdach.«

»Und die Blauholz-Brühe läuft in Strähnen herunter?«

»Nicht doch, die Strümpfe sind goldecht gefärbt.«

»Wie Dein Herz, mein Karl. Nein, Du stellst nichts Unredliches aus, selbst nicht in der dekorativen Verzierung. Dir müßte die Stadt eine Statue setzen.«

»Unter einer halben Million thäte die es schwerlich. Und noch leb' ich ja, und heute wollen wir vergnügt sein.«

»Nicht so laut, Karl! Du scheuchst Tante Lina auf. Seit einer Viertelstunde bullert kein Wagen, der sie niederhielte. Aber weißt Du was...?«

Ich hinaus nach der Küche und die Blechplatte geholt worauf ich familiäre Konditorwaare backe, und die zum Gewittermachen gebraucht wurde, wenn die Kinder Puppen-Theater spielten, wie Onkel Fritz ihnen gezeigt hatte.

»Karl, faß' es an den Ecken oben an und schüttle es; erst langsam, dann mit zunehmender Gewalt und dann ganz balbarisch.«

Er übte einige Male bei verschlossener Thür, und als er es konnte, brachte er auf dem Gange einen so natürlichen Donner heraus, daß ein staatlich angestellter Metereologe nicht im Stande gewesen wäre, ihn von einem echten zu unterscheiden.

Sogar Dorette eilte herbei und fragte, ob es eingeschlagen hätte.

Ich reichte ihr das Blech und sagte, der Herr hätte ein neues Rostschutzmittel probirt, weil sie das Geschirr nach dem Aufwaschen nie ordentlich austrocknete, worauf sie mit länglicher Gesichtsbildung abzog.

Wir haben aber gelacht, mein Karl und ich. Nein, wie haben wir gelacht! Immer wieder, und uns Tante Lina ausgemalt, wie sie sich ins Bett eingräbt und die Ohren verpanzert. Und lachenden Sinnes verließen wir das Haus wie die großen Kinder.

Wir hatten ja einen freien Tag.

Uns lächelte das Glück. An meines Karls Aufbau war der Regen vorbeigeglitten, um einen Konkurrenten einzunässen; der Adler prangte siegreich in seiner ganzen künstlerischen Schönheit. Wir betrachteten die Sündfluth nebenan, denn kein Mensch ist so hartherzig, daß ihn das Mißgeschick seines Nächsten nicht zur Begutachtung einlüde und als wir den Schaden verhältnißmäßig gering fanden, waren wir zufrieden. Es hätte uns ja das Nämliche blühen können.

In dem Hauptgebäude naschten wir hier und da im Vorübergehen an den gewerblichen Leistungen und strebten dem Freien zu. Im Grünen sitzen, das schöne Konzert der badischen Leibgrenadiere aus Karlsruhe anhören, das war unser Plan. Sie spielen ausgezeichnet, auch ältere Stücke aus altmodischen Zeiten, die mir besser gefallen, als welche die Jüngeren machen. Die fangen an, die Musik windet und krümmt sich, und wenn man meint, nun kommt da 'was, ist die Geschichte aus.

Der Blick auf das weiße Eß- und Trinkschloß mit dem Wasserthurm ist bei Nachmittagsbeleuchtung einzig. Von der Sonne angeglüht, hebt es sich italienhaft von dem blauen Himmel ab, und spiegelt sich in dem See, den Gondeln und Barken beleben. Auch die in den Park hereingeleitete Spree muß verdienen helfen, und das thut sie, indem Hunderte sich für einige Nickel nach dem Karpfenteich hin und zurück wricken lassen. Da ich ebenfalls Gelüste äußerte -- Wasserfahrt mit Walkürenritt-Orchesterbegleitung ist eben zu ideal -- willigte mein Karl ein, aber gerade, als er die Schwimmscheine für uns lösen wollte, redete ihn ein Herr an.

»Endlich erwische ich Sie,« sagte der.... »Kommen Sie man gleich mit. Sie haben mir versprochen, unseren Pavillon zu besuchen; jetzt hilft kein Sträuben.«

Mein Karl stellte ihn vor: »Herr Schulz, städtischer Beamter, Freund vom Stammtisch.«

Dieser Zusatz wirkte vergällend, denn alle Erfahrungen die ich bis dato mit diesem Möbel gemacht habe, sind unerfreulich. Ich halte den Stammtisch für eine Art Magnet, der nichts Gutes an sich zieht, wodurch die Besseren verdorben werden und sollte thun als wenn ich mich geschmeichelt fühlte. Diesem zu entgehen sagte ich: »Wir wollten gerade ein wenig gondeln.«

»Das ist bei Abend viel schöner,« entgegnete Herr Schulz, »und wir machen um Achten zu. Gehen wir gefälligst.«

Sich mit städtischen Beamten anlegen, halte ich für riskant; ich fügte mich daher, als hätte das Gesetz gesprochen. Auch kam mir unwillkürlich der Gedanke: sollte dieser Schulz wohl gar die Strafe für den Unfug sein, den wir mit Tante Lina getrieben?

Es giebt eine Nemesis, nur daß der Eine früher hineinrennt, der Andere später. Aber gerannt wird.

Herr Schulz hakte meinen Mann unter und zog ihn wie einen Arrestanten vorwärts. Ich folgte, bis vor einer Einbuddelung mit Mauerarbeit gehalten wurde.

»Nur heran,« sagte Herr Schulz. »Nur heran, Madamchen. Hier können Sie sich mit dem Haupt-Kanalisationsrohr der Stadt Berlin anfreunden und Ihre geehrten Vorurtheile gegen die Rieselfelder ablegen. Oder gehören Sie schon zu denjenigen, welche eine höhere Stufe erklommen haben und nichts gegen den Kohl einwenden, den wir bauen?«

»O nein,« erwiderte ich mit einiger Anstrengung zu lächeln.

»Schönecken. Womit die Stadt am meisten zu kämpfen hat, das ist der Unverstand. Sehen Sie dieses Rohr aus besten Klinkersteinen -- bitte treten Sie ein -- stellt die unterirdische Leitung dar, durch das die Abwässer entfernt werden. Hier an der Seite die Hausanschlüsse. In der Mitte der Einsteigeschacht.«

Wir also hinein in das Rohr. Es war trocken und propper, worauf es beim Gebrauch allerdings keinen Anspruch macht, aber trotzdem war ich froh, als wir es nach Herrn Schulz Meinung hinreichend kennen gelernt hatten. Wir waren doch gekommen, um uns zu vergnügen. Und Kanalisation ist kein Vergnügen.

Hierauf mußten wir uns die Filteranlage gefallen lassen, woran der Fachmann sieht, wie das Trinkwasser für Berlin gereinigt wird. Für die Stadt und ihre Bewohner ist dies von größter Wichtigkeit, Epidemien hängen davon ab und Armenpflege. Aber wenn man Lust hat, fein zu speisen, schwindet das Interesse an den unterirdischen Wohlfahrtseinrichtungen.

Mein Karl und Herr Schulz lagen bei der Besichtigung bald in Meinungsverschiedenheiten und fochten, wie mir schien, alte Stammtischscharmützel über die Stadtverwaltung aus.

Zuletzt legte ich mich ins Mittel und fragte, ob die Herren keinen Durst verspürten?

»Erst das Geschäft,« entgegnete Herr Schulz, »und dann die Weiße. Sehn Sie, Buchholz vertritt die Abfuhr an unserem Tisch...«

»Karl,« nahm ich strenge das Wort, um Herrn Schulz darauf zu stoßen, daß er Rücksicht auf meine weibliche Anwesenheit nähme, »Karl, was geht Dich die Politik an? Du geräthst noch so tief hinein, daß wir von dem schönen Abend nichts mehr haben. Verzeihen Sie, Herr Schulz, unsere Absicht war, uns zu amüsiren.«

»Sollen Sie auch. Kommen Sie man mit. Buchholz macht uns jedesmal Opposition im Bezirksverein, das muß ihm ausgetrieben werden.«

Ich war empört. Aber ein städtischer Beamter...!

Der Pavillon der Stadt Berlin gefiel mir. Außen ansehnlich und inwendig luftig und sinnvoll gemalt, gestattet er dem Steuerzahler einen Einblick in die Mühewaltung der Oberleitung für das Gedeihen und die Entwickelung der Residenz.

»Sind dies Telephondrähte?« fragte ich bei einem Plan, in den Stäbe gestochen waren, von denen feine Fäden nach einzelnen Punkten gingen, kurze und längere.

»Sehen Sie's man gründlicher an,« forderte Herr Schulz auf. »Das sind nämlich die Schulwege, wieweit die Kinder zu laufen haben, bis sie an die für sie bestimmte Bildungskrippe gelangen.«

»Da haben manche eine gehörige Ecke.«

»Irgendwo wohnt man in der großen Stadt immer weit ab,« sagte Herr Schulz. »Aber Sie sehn, wie durch solche Pläne Licht in die Sache dringt und darauf hin, wie es nur geht, Aenderung geschaffen wird. Jedoch wird trotzdem auf die Verwaltung geschumpfen.«

»Fällt mir gar nicht ein,« erwiderte mein Karl. »Ich behaupte ja blos: vom national-ökonomischen Standpunkt ist Abfuhr einbringlicher...«

»Karl, bist Du parlamentarisches Fractionsmitglied, daß Du denselben Ekel immer wieder aufrührst? Also Schluß. -- Und was ist dieses?«

»Handarbeiten der Blinden, aus der städtischen Anstalt.«

Ich betrachtete die Sachen. Wie sauber das Geflochtene und Gehäkelte und die Pantinen und was sie Alles herstellen! In ewiger Nacht mit dem Tastsinn gearbeitet! Und viele, viele, die ihr Augenlicht haben, sind faul und ungeschickt. Führt sie her, daß sie sich schämen.

Aus den verschiedenen Fortbildungsschulen sind Fachleistungen ausgestellt. An die Stellen der Handwerksmeister sind Schulen getreten. Wie die Zeiten sich ändern. Ich hatte keine Ahnung davon, wie die Stadt in diesem Sinne sorgt und strebt. Gut, daß man es hier gewahr wird, wenn auch, wie es ja nicht anders durchführbar, blos in Proben.

»Herr Schulz,« sagte ich, »wenn ich eben solchen Hut trüge, wie mein Mann, würde ich ihn hochachtungsvoll abnehmen.« -- Mein Karl lüftete pflichtschuldigst seinen spiegelblanken Cylinder, neu aufgebügelt, ohne die kleinste Krampfader darin, den er zur Erhöhung der Festfreude aufgesetzt hatte.

»Lassen Sie den Tintenproppen man sitzen, Buchholz,« entgegnete Herr Schulz. »Besser reden Sie am Stammtisch weniger Unsinn.«

»Wenn Jemand Unsinn redet, liegt es am Hörer,« fuhr ich auf.

»Stimmt! Es giebt Horchlappen, die auf Vernunftgründe nicht reagiren,« sagte Herr Schulz.

»Wie die geehrten Ihrigen,« wischte mein Karl ihm aus.

Ich wollte auch noch einen Satz hinzufügen, aber die Beiden sahen sich an und lachten. Es war nur eine kleine Neckerei gewesen, ein sogenanntes Wortgefecht ohne tödtliche Beleidigung, wie sie, hieraus zu schließen, unter sich gewohnt sind.

Herr Schulz erklärte uns das Rieselfeldmodell, die einzelnen Ackerflächen, wo Getreide gebaut wird und wo Gemüse und wie das Pumpstationswasser durchsickert, daß es klar und rein wird und selbst Goldfischen zum Aufenthalt dient, ohne daß sie an Typhus zu Grunde gehen, wie zwei lebende Beispiele kund thaten. Fischen ist bekanntlich in Gedichten und kleineren Erzählungen immer wohl, allein wer sagt, ob sie in Wirklichkeit nicht doch schon Leibschneiden oder Kollern haben, da sie in eins weg blos Glupaugen machen? Ich kenne nichts Melancholischeres als Goldfische.

»Muntere Thierchen, nicht wahr?« sagte Herr Schulz, als er sie wieder wegthat.

»Schon mehr Schlummerköpfe mit Flossen!« wollte ich antworten, aber ich nahm eine andere Wendung. So darf man städtischen Beamten doch wohl nicht kommen? »Was ist dieses inmitten der Rüben und Radieschen?« fragte ich, »dies Rothe und Weiße?«

»Wenn ich Ihnen das sage, das glauben Sie ja doch nicht.«

»Versuchen Sie's!«

»Das sind nämlich Rosen, Damascener Rosen und daraus wird hier in Berlin in der >Rothen Apotheke< Rosenöl destillirt.«

»Was Sie sagen!«

»Sehen Sie, wie ich schon wußte, kein Deibel will's glauben. Und doch ist es so. In Sachsen fingen sie mit den Rosenpflanzungen an und wir versuchen es jetzt auch mit Erfolg. Denn das deutsche Rosenöl wird in Paris um die Hälfte theurer bezahlt als das beste türkische, weil es mehr hergiebt, feiner ist und garantirt unverfälscht. Was sagen Sie nun?«

Ich war stumm. Dann rief ich verwundert aus: »Karl, was wir so nach Osdorf rieseln, wird Rosenöl! Das übersteigt die kühnste Phantasie.«

»Einfache Ausnutzung der Naturkräfte durch Stadtverordnete, weiter nichts,« sagte Herr Schulz mit bescheidenem Stolz, der hier auch am Platze war, wenn man bedenkt, daß die Behörde aus Abscheu köstlichen Rosenduft gewinnt, während die jüngste Dichterrichtung das Leben aller Kränze entkleidet und die Menschheit mit Sielschlamm begießt.

Die Riesen-Riesel-Kartoffeln, Kohlrabi, Salat, Hafer, Roggen- und Weizenstauden fesselten uns ebenso sehr wie die goldverzierten Fläschchen mit der Rosenessenz und, eh' wir es uns versahen, war Schluß des Pavillons. Wir dankten Herrn Schulz, der darauf bestand, uns zu einer Weißen einzuladen, die wir ihm als städtischem Beamten nicht abschlagen durften.

Mein Karl hatte eine kleine Verschwendung bei Dressel und Adlon nach der Gondelung vorgehabt, die fiel jetzt in Weißbier mit Sülzcotelette und Bratkartoffeln, was durstlöschend und sättigend war, wenn auch ohne die immense Vornehmheit, die wir uns dort unter den Spitzen Berlins angethan hätten.

Wir bauten daher bald ab. Herr Schulz erläuterte uns noch die Straßenpflasterung und kam dabei wieder unter die Erde auf die Rohrlegung, und die Kabbelei von vorhin stand vor erneutem Ausbruch. Der Vernünftige aber zieht rechtzeitig vor dem Streit Leine. Ich sagte: »Wir gehen!« Auf dem Heimwege fragte ich: »Was Tante Lina wohl macht? Das Wetter hat sich wundervoll gehalten.«

»Hoffentlich hat sie nichts gemerkt,« sagte mein Karl.

Als wir zu Hause anlangten, war weder Tante Lina vorhanden noch Ottilie. »Dorette,« rief ich, »Dorette, wo sind die Damen?«

»Mit einen jungen Herrn ausjefahren. Was die Tante is, meinte, mit den einen dollen Schlag wäre das Gewitter wohl alle jewesen.«

»Wer war der junge Herr?«

»Kennen duh ick'n nich, aber die Freilein Ottilie, die schien als wenn't en intimer Freind von sie sein dähte.«

»Es ist gut, Dorette, Sie können gehn.«

Ob es der junge Mann von neulich war? Oder ein anderer? Tante Lina und Ottilie haben sich auf ihren gemeinschaftlichen Gängen sehr aneinander geschlossen. Man hätte sie nicht ohne Aufsicht lassen sollen.

»Karl,« rief ich. »Da haben wir uns was Schönes zusammengedonnert.«

»Deine Idee, Minchen.«

»Du thust sonst doch nie, was man Dir sagt. Warum denn gerade heute den Unsinn?«

»Gute Nacht, Minchen. Weißt Du, das Schlafen in der Fabrik hat doch etwas für sich.«

Er ging. Ich wartete auf den rückständigen Hausbesuch. Als sie endlich kamen, that ich, als sei ich nicht im Geringsten neugierig. Ottilie erzählt mir von selbst bei Gelegenheit haarklein, was war. Und verschweigt sie den jungen Mann, zwick ich ihn aus Tante Lina. Was zwei Weiber wissen, ist so gut, als hätte die Dritte es schriftlich.

Kindervergnügen.

Als Großmutter ist man den Enkeln schuldig, ihre jungen Seelen mit Geistessämereien fürs Leben zu bestellen und, da ich ihnen von den Löwen und Elephanten und den Eisbären erzählt hatte, die, wenn sie auch weniger ins Gewerbliche, so doch ins Verdienliche schlagen und deshalb ausstellungsberechtigt sind, ließen die lieben süßen Wesen keine Ruhe, bis der Vater schalt: »Hat sie Euch den Kopf voll geschwatzt, scheert Euch zu ihr, ich gebe bei den schlechten Zeiten kein Geld für Allotria her.«

Dies vernahm ich unbemerkt im Nebenzimmer sitzend, auf meine Tochter wartend, die zu ihrer Schneiderin geeilt war, um bei der verabredeten Kinderpartie ihren Stand tadellos zu vertreten. Und beispiellos billig: einfach ein älteres Schwarzes aufgedoktert, mit einem maigrünseidenen goldgestickten Schultereinsatz durchaus nicht auffallend knallig, sondern hochdezent, nebst schwarzgarnirtem Hut, aus dessen Federn und aufgerichteten Schleifen schmale, ebenfalls maigrüne, mit Goldlitze eingefaßte Sammetbändchen hervorlugen, so daß durch die Mitwirkung ihres rosigen Teints meine Tochter in dieser Zusammenstellung sich als sogenannte Farbensymphonie sehen lassen kann.

Und dies Vergnügen wollte der eigene Gatte stören, weil ihm die Löwen zu theuer waren. Freilich kannte er das Kostüm noch nicht, da sie ihm wohlweislich nie mit der Kleiderfrage kommt, bevor sie drin sitzt und er sein Wohlgefallen äußert. Er mag es, wenn seine Frau liebreizend aussieht, und, wenn sie ihm vorrechnet, wie sparsam sie sich verschönert hat, giebt er ihr einen Kuß extra.

Ich wollte mein Maisgelbes anziehen, Betti hatte sich für helles verwaschenes Blumenmuster entschieden, Ottilie, wie immer, in ihrem Blauen, und Tante Lina Grünbräunlich-Changeant. Die Kinder waren sämmtlich in Weiß gedacht, die Knaben mit Marinekragen, weil, wenn man zufällig jemand aus maßgebenden Sphären anrennt, dieser sagt: »Sieh da, eine Familie, die die steigende Bedeutung des Seewesens erfaßt hat. Wer mag das sein? -- Und man kann nicht wissen, ob solcher Zufall dem Fortkommen der Enkel nicht von Vortheil ist? In den Schicksalen berühmter Männer liest man stets, wie ähnliche Nebenthatsachen die Wandlung zur Größe verursachten.«

Und dann hatte ich Frau Butsch mit den beiden Stief-Kinderchen eingeladen. Sie möchte ihnen gern mehr gewähren, als Herr Butsch gestattet wegen ihrer Groschensiebe von Händen und da dachte ich: nimm sie auf Dein Konto, Wilhelmine, sie übertragen es auf die Stiefmutter, und in das Wurachen um den Erwerb scheint ein Tag der Liebe hinein, an dem die Herzen einander zublühen, wie Erika sagte, als ich ihr meine Ansicht mittheilte und sie fragte, ob sie und klein Wilhelmine sich anschlössen?

Sie hatte Lust, aber Onkel Fritz war verweigernder Meinung.

»Mein Töchterchen ist noch zu harmlos, die Verdienste des Arbeits-Ausschusses zu würdigen.«