Hôtel Buchholz. Ausstellungs-Erlebnisse der Frau Wilhelmine Buchholz
Part 6
Manches steht da unscheinbar, aber wenn es arbeitet, ist es von höchster Schläue, zumal mit Erläuterung vom Erbauer. Da fabriciren zum Beispiel die Pappenfritzen eine billige Pappe mit so viel Stroh und Sandstaub mang, daß sie dem Buchbinder beim Biegen in der Hand zerbricht. Was thut nun der Maschinenmensch? Der denkt so lange, bis ihm ein Geräth einfällt, worin die brüchige Pappe sich krümmt wie ein Regenwurm und zur Verwunderung der gesammten Buchbinderei ganz bleibt, die hierauf schleunigst die Maschine anschafft.
Aber auch der Pappmann sieht die Maschine. »Aha,« sagt er sich, »noch mehr Sand mang und noch mehr Stroh« und der Buchbinder ist wieder aufgeschmissen, denn wenn er noch billigere Pappe haben kann, wird er nicht so thöricht sein und bessere, theuere nehmen. -- Nun muß der Maschinenmann wieder erfinden. Und so umzüchig weiter, bis die Waare sogar für einen Fünfzig-Pfennig-Bazar zu lekrig geräth. Und dann ist das Geschäft aus.
Ottilie meinte, es müßte bei Jedem dabei geschrieben stehen, was es vorstellte, allein das wäre zu viel verlangt. Zum Beispiel Röhren. Der Röhrenmacher weiß unmöglich, wozu diese oder jene Röhre verwendet wird, was hindurch laufen soll, und ob sie sich verstopft oder birst und kann nicht für jede Einzelne Lied und Beschreibung herausgeben, und andererseits bedarf man z. B. bei Wring-Maschinen keiner Abhandlung. Und doch sind vielleicht Neuerungen daran, die den Herrschaften zur Geldausgabe und den Philippinen zur Erleichterung der Arbeit verhelfen. Von den sogenannten technischen Verbesserungen des Hausgeräthes hat die Hausfrau das Wenigste, und ob die Küchendonnas Einem Dank wissen, ist sehr die Frage. Sie sträuben sich gegen Neuerungen. Blos mit dem Bräutigam sind sie willfähriger.
Meine Dorette auch. Seitdem ihr Tapezier durch sinnlosen Streit seine Arbeit verloren und ihre Spargroschen verthan hat, ist's mit ihm aus. Ihr Kummer war heftig, aber vergänglich, und um ihrem Ehemaligen die Rückkehr in das Küchenparadies für ewig abzuschneiden, hat sie sich mit einem Schutzmann verlobt, der dem Tapezier mit dem Schwert auf die Finger klopft, wenn er herein will. Er ist ein großer, ansehnlicher Mensch mit rothblondem Schnurrbart und grauen Augen, und wie Dorette sagt, durchaus nicht stolz, obgleich er schon drei Einbrecher gefaßt hat, und wenn es ihm glückt, einen Mörder zu packen, sprungweise avancirt. Nach meinen Speisekammer-Wahrnehmungen ißt er Alles. Der Tapezier ward zuletzt schon so kiesätig, daß Dorette unterschiedliche Gerichte nur gezwungen auf den Tisch brachte.
Fleckweise ein Schutzmann im Hause ist rathsam. Er verbreitet für die Schlechten das Gefühl der Furcht, für die Guten das Gefühl der Sicherheit, und Dorette ist wieder brauchbar. Soviel Geschirr hat sie zuvor nie geliefert, als in den Wochen des zerbrochenen Verlöbnisses.
Genug, ich bin mit dem Tausch zufrieden und rechne die Kalbsbratenreste als stillschweigendes Gehalt. --
Die Braupfannen, die Bierfilter, die Wasserreinigung regten uns ungemein an und nicht minder die Nähmaschinen, die auf das Niedlichste sticken und das junge Mädchen von früher vollkommen ersetzen, von dem man Fertigkeit in jeder feineren Handarbeit verlangte. Auch eine Handschuh-Nähmaschine sahen wir, die überwendlich naht. Wohin soll das führen? Die Fähigkeiten der Frau werden verschoben, sie begiebt sich auf das geistige Gebiet, wo sie die Männer verdrängt. Der Mann macht Maschinen, die Frau wird immer unabhängiger, bis der Mann schließlich nur noch den Dampfkessel zum Gesammt-Hausstandsbetriebe heizt, und die Frau die Welt regiert. Dies werde ich, im Gegensatz zu der Pappe und der Biegemaschine, die aufsteigende Linie nennen. Sind wir erst mit Damen-Universitäten und Mädchen-Polytechniken ausgerüstet, ist es Kleinigkeit, einen Standpunkt zu erreichen, von dem aus die Frau das Ganze beherrscht, und ich glaube nicht, daß dann noch viele Männer bis Mitternacht und darüber in den Kneipen sitzen dürfen. Die elektrische Gasuhr wird einfach abgestellt und es giebt nichts mehr.
»Unausstehlich, die Drehbänke,« murrte Ottilie, als wir vorwärts wandelten und Vieles Kurbelige nicht im Gange war.
»Ottilie,« antwortete ich besonnen, »das Nothwendige kann wohl den Eindruck des Unausstehlichen machen, ist es aber nicht. Die Bedürfnisse der Menschen weichen eben stark ab. Was wolltest Du in der Sahara mit Schlittschuhen und in Grönland mit einem Eisspinde, wogegen eine Drehbank Dir vielleicht dringend fehlte.«
Ich war ihr diesen kleinen Vortrag schuldig, weil sie doch vorhin gewaltig mit Eindruck und Erscheinung um sich geworfen hatte. Hängt sie Bilder heraus, ich hab auch 'ne Galerie.
Allmählich gelangten wir an die Badezimmer mit Wasch- und Reinlichkeitsvorkehrungen und zu den Kesseln und Oefen zum Desinficiren.
Was wußte man vor einigen Jahren davon? -- Nichts.
Da erfand die Wissenschaft die Bacillen und das Karbol und haste nicht gesehen: wohin der Mensch sich begiebt, überall Bacillen und Sanitätsgestank. Denn den können die Menschen kaum vertragen, viel weniger die Mikroskobien, indem sie sich nicht zu entfernen vermögen und in dem Dunst elendiglich krepiren.
»Wie merkwürdig,« sagte ich zu Ottilien, »daß solche kleine Thiere Veranlassung zu so großen Apparaten geben. Welches Geld muß jetzt ihretwegen versalicylt werden, das die Nationen vor ihrer Errungenschaft sparten oder in Dömen anlegten oder sonstigen Kunstdenkmälern aus dem Mittelalter als Reiseziele für die Fremden.«
»Es ist die Addition des Kleinen, wie ja das ganze Universum aus der Multiplication der Atome mit den Kräften besteht und somit auf das Gebiet der höheren Mathematik übergeht.«
»Das Mathematische nimmt allerdings einen geachteteren Stand ein,« setzte ich hinzu, um Ottilien bei ihrem Gedankengange zu erhalten. »Früher erzählte man sich meistens Lächerliches von den Professoren, wie sie statt des Hutes mit einem Topfdeckel unter dem Arm ins Colleg gingen und thatsächlich den in Gedanken stehengebliebenen Regenschirm geschaffen haben.«
Mir schien nämlich, als ob ein junger Mann absichtlich an denselben Gegenständen Antheil nahm, die wir betrachteten und besprachen, wodurch ihm Aufklärung ward, die er bei den Saalwärtern schwerlich fand. Folgte er aus Wissensbedürfniß ... gut. Hatte er jedoch ein Auge auf Ottilie geworfen, sollte er inne werden, daß eine höhere Kulturschranke sie umgiebt, die jeden Annäherungsversuch abschlägt. In Ausstellungen gilt zwar das Drängelrecht, aber es giebt auch geistige Ellenbogen.
Bei den Telephonanlagen hielten wir uns nicht auf, da wir selbst eins haben, mit dem wir recht zufrieden sind und dessen Anschluß selten versagt. Dagegen mußte ich mit Ottilien in verschiedene »himmlisch« und »entzückend« ausbrechen, als wir den elektrischen Theaterschmuck in Thätigkeit sahen. Da waren Diademe, Halsperlen, Kronen, Blumenkränze, Gürtel in einem Spinde, die in allen Farben erglühten, sobald sie durch einen Druck mit der Leitung verbunden wurden. Besonders ein Strauß aus Gräsern und Feldblüthen war geradezu elfenhaft. Wie Aschenbrödel stand er zwischen Silber und Gold und Edelgestein, mit einem Male aber entzündeten sich die Mohnrosen und Gänseblümchen und die Käfer und Schmetterlinge roth und blau und grün und sonnenstrahlig, schöner als ringsum alle kalte Pracht, eine wahre Gabe des Märchenlandes, in Berlin angefertigt.
»An Deinem Polterabend kleide ich mich als Fee aus und gaukle mit solchem Zauberstrauß,« rief ich hingerissen von dem Anblick, ohne weiter etwas dabei zu denken.
Ottilie erröthete und der junge Mann schlängelte davon.
»Aha!« ward mir klar, »nun der verliebte Hecht von Polterabend gehört hat, glaubt er Ottilien in festen Händen und macht sich dünne.«
Ottilie seufzte.
»Das Rasseln der Maschinen fällt mir auf die Nerven,« begann sie nach einer Weile, »ich möchte ein wenig Ruhe.«
»Gewiß, Kind. Meine Fußnerven sengern auch schon. Ich denke, wir nehmen ein Gläschen Bier dort in der Brauerei, die zur Rast einladet. Unser Fleiß verträgt nachgerade eine Belohnung.«
Ottilie seufzte noch einmal und schaute sich nach dem Adonis um, der jedoch nicht zu erblicken war. Nirgends kann man besser Versteck spielen, als hinter den Ausstellungsaufbauten. Ein Schritt um die Ecke und weg ist man.
Wenn ich Adonis sagen wollte, so war dies eine Nachwirkung der Glühschmuckpoesie. Ich denke mir die Adonisse moderner in Zeug, und mit sauberster Wäsche und nicht mit Schirmmütze und mit ohne Manschetten, wie es bei dem Menschen zutraf, der, wer weiß wie, in die Ausstellung gerieth, da ja mit den Eintrittskarten enorm geschmuggelt worden ist, selbst bei solchen oberen Zehntausenden, die es nicht nöthig haben.
Kaum saßen wir an einem Tischchen und sahen dem Springbrunnen vor dem Kesselhause zu und nippten an unserem Biere, als der junge Mann an unseren Tisch trat, fragte, ob der freie Stuhl besetzt sei, und auf Ottiliens »Nein« sich unverfroren hinplatzte.
Ottilien war dies ersichtlich wonnevoll. Wenn Eine noch so dumm ist, den Anbeter wittert sie auf der Stelle. Und Ottilie ist gescheidt.
»Schönes Wetter!« warf der junge Mann hin.
Ehe Ottilie ein »entzückend« abfeuern konnte, sagte ich: »Wegen der Witterung sind wir nicht hier, sondern wegen Gruppe dreizehn: Maschinenbau, Schiffbau und Transportwesen, sowie namentlich Elektrotechnische Gruppe vierzehn.«
Adonis machte ein mehr als begriffstutziges Gesicht.
»Wissen Sie, was Elektricität ist?« fragte ich ihn.
»Nein.«
»Ach, Ottilie, Du wolltest es mir ja erklären. Nicht wahr, das Kesselhaus ist das Treibende?«
»Die Verbrennung,« verbesserte sie, »durch diese entsteht die Dampfkraft mit unglaublich rascher Rotation mehrere Hundert Mal in der Sekunde.«
»Daß eine Maschine das so kann,« schaltete ich ein, um Ottilien über eine Nachdenkpause wegzuhelfen. -- »Und dadurch entsteht der Strom,« fuhr sie fort, »den sieht man nicht, weil er unsichtbar ist. Leitet man ihn durch einen Draht, verwandelt der sich an dem anderen Ende in elektrisches Licht.«
»Einfacher, als man annehmen sollte,« lobte ich sie. »Wirklich sehr einfach.« -- Dann wandte ich mich herablassend an den jungen Mann, der ganz verwundert dasaß:
»Haben Sie das verstanden?«
»Nein,« lächelte er. »Nein... ich bin nämlich Elektrotechniker.«
Er löschte den Rest seines Durstes sehr rasch, stand auf, verbeugte sich und schlug sich seitwärts ins Lokal.
»Es war ein Schwindler,« belehrte ich Ottilie.
»Aber so hübsch!«
»Er gestand selbst, daß er nicht wüßte, was Elektricität sei, also. Vielleicht ist er Ritzenschieber bei der elektrischen Bahn und rechnet sich auf diese Weise verwandt mit Siemens und Halske.«
»O nein; er hatte so intelligente Hände und einen Diamantring am kleinen Finger.«
»Wird wohl Simili gewesen sein. Ottilie, was gehen Dich die Hände der Mannsbilder an? Traue keinem. Du hast jetzt ein Exempel, wie falsch sie sind. Aber sei ruhig: dieser ist entlarvt; der wagt sich nicht wieder heran.«
Sie seufzte.
»Komm, Ottilie. Die Maschinen und die Elektricität sind erledigt, nun wollen wir Musike hören. Deine Kenntnisse haben Dich vor einem Reinfall bewahrt; danke Deinem Schöpfer, daß Du so gründlich studirt hast.«
Sie seufzte noch einmal und nur langsam folgte sie mir.
Aber ich werde ihr schon Menschenkenntniß beibringen.
Ueber Architektur und einiges Andere.
Nun ist Tante Lina auch da.
Aber ihre Handtasche nicht. Die reist ohne Fahrschein weiter und hat sich bei der EisenbahnfundstelIe noch nicht angemeldet. Einer ist immer unterwegs nach der Koppenstraße, entweder mein Karl oder Jemand aus dem Geschäft oder Dorette oder ich mit Ottilie und Tante Lina in eigener Person.
Tante Lina kann den Verlust nicht überwinden, ihr Gedankengang führt sie immer und immer wieder auf die Tasche. Dies ist ihr Morgen-, Abend- und Tischgebet.
»Waren denn Werthpapiere drin?« fragte ich.
»Nein.«
»Oder Goldsachen?«
»Meine Uhr habe ich zu Hause gelassen und meine Ohrringe auch. Die werden den Leuten in Berlin ja auf offener Straße ausgerissen.«
»Mir neu!«
»Bäcker Lorenz hat es erzählt. Den haben sie in Berlin rein ausgeplündert; in den Blättern stand es auch.«
»Liebe Tante, es ist wohl mit Kindern vorgekommen, aber mit erwachsenen Bäckermeistern noch nicht.«
»Die betäuben sie. Wenn mir einer was zu riechen giebt, ich rieche nicht.«
»Sehr vernünftig!«
»Ich hatte mein Eau de Cologne in meiner Tasche.«
»Wir kaufen frisches.«
»Nein, nein, ich bekomme meins zu Neujahr von Apotheker Bahnsen, der setzt es selbst an. Es ist viel besser als das echte, viel kräftiger. Er hat sich jetzt wieder verheirathet, die erste Frau starb, mit Erlaubniß zu sagen, im Wochenbett. Nun saß der Mann da mit den drei Kindern. Sie sagten, er würde wohl die Schwester nehmen, aber die war ja so gut wie versprochen mit dem Steuereinnehmer Möller, das ging doch nicht und da nahm er dann die Aelteste von Kaufmann Milberg am Markt. Ob sie in das Gewese hineinpaßt, darüber sind die Ansichten verschieden, ich will aber nichts gesagt haben, nicht das Leiseste, sie kann sich ja noch gewaltig ändern. Und das wollen wir hoffen. Und wer weiß, ob es ein Glück für Möller ist. Und Bäcker Lorenz...«
»Liebe Tante, ich habe ein Fläschchen, unangebrochen, darf ich es Ihnen anbieten?«
»Ach nein, das kann ich ja gar nicht verlangen, und das ist ja auch nicht nöthig, wenn ich meine Tasche wieder habe.«
»Vielleicht hat sie Jemand mitgenommen, der sie gebrauchen kann.«
»Oh, oh! das kann doch nicht angehn? ^Meine^ Tasche? Er wird doch nicht, mit Erlaubniß zu sagen, meine Zahnbürste gebrauchen?«
»Wir kaufen eine neue.«
»Nein, nein. Meine ist von Viedt in der Kuhstraße, ich bin nun mal an Viedt seine gewöhnt, schon beim alten Viedt. Der junge Viedt arbeitet ebenso solide wie der alte Viedt. Der alte Viedt war gediegen, aber der junge Viedt ist es auch. Das muß man ihm nachsagen. Ueberhaupt die Viedt's: ich sage immer, solche Bürsten wie Viedt's ihre findet man nirgends in der Welt; sie halten Jahre. Was sage ich, Jahre? Jahrende.«
»Wenn die Tasche aber weg ist?«
»Sie findet sich wohl wieder an. Wir müssen blos das Nachfragen nicht vergessen. Ist Jemand hin?« --
Meinem Karl machte weder die Taschenjagd Vergnügen, noch hatte er Sinn für Tante Linas chronisches Gedächtniß. Sie wußte von allen Verwandten und Bekannten, wen sie geheirathet, wann sie geheirathet, wann und was für Kinder geboren, wann und wen die geheirathet und wer gestorben und wann und wo, und ob etwas hinterlassen wurde oder Schulden, und von den Cousinen kannte sie wieder die Cousinen und wen die geheirathet und wann und mit wie viel.
»Karl,« sagte ich, als er brummte, »jedenfalls ist die Behälterigkeit der alten Dame anzuerkennen.«
»Wie so? Sie thut ja nichts, als sich mit Familienmuff vermüffeln.«
»Lohengrin und sein Schwan kommen nicht in ihre Gegend, also was bleibt ihr? Und außerdem hat sie Moneten. Und in ihren Briefen schrieb sie, sie wollte Berlin gerne sehen, ehe sie ihr Testament machte. Das ist ein Wink, Karl. Wenn man sie richtig nimmt, vermacht sie ihr Vermögen den Enkeln, die doch studiren müssen.«
»Ich schleiche nich erb,« lehnte er kurz ab. »Die Tante mag sich bei uns wohl fühlen, das wünsche ich, aber ihr Schwägerschaftsgeklöne auszuhalten, habe ich nicht kontraktlich. Und ödet sie mich noch einmal mit Lieferanten aus der Kuh- und Kälberstraße, werde ich auch öde.«
»Wenn Viedt aber doch die besten Bürsten macht?«
»Kommst Du mir auch schon mit dem? Ich verbitte mir Viedt ein für alle Mal.«
»Wer fängt von Viedt an? Du fängst von Viedt an. Und was geht mich Viedt an? Warum fährst Du nicht mit Tante Lina nach Treptow, ihr Welteindrücke beizubringen?«
»Nein, mein Kind. In einem Coupee mit Tante Lina und Viedt und Kompagnie und nicht herauskönnen... ich würde rasend.«
»Du rasest nie, mein Karl. Du bullerst selten genug auf. Ein Mann muß geeignet dazwischen fahren, die Umgebung auf den Trab zu bringen. Dorette wird obstinat, mein Karl, wegen Tante Linas Eigenheiten.«
»Ich meinte, sie wäre anspruchslos.«
»Aeußerlich. Sie sträubt sich allerdings mit vielem Gerede gegen Umständemachen, aber wenn nicht jegliches auf den Tippel nach ihrem Kopf geht, nimmt sie's übel.«
»Laß sie knurren.«
»Sie bleibt immer gleichmäßig zurückhaltend und duldsam und zwirnt Dir blos eine bezügliche Geschichte aus der Gevatterschaft vor, ganz lang und ganz langsam mit Spitzen darin, ein Schleppkleid zu garniren. Du hast Deine Pillen weg und weißt nicht wie, und die alte Dame verzichtet lächelnd auf Dank.«
»Das erträgst Du kaltblütig?«
»Ich leide für die Enkel, besonders für Fritz, der schon jetzt Anzeichen von Rechtsbewußtsein äußert, indem er sich nichts nehmen läßt. Und wer kann heutzutage Assessor studiren, ohne eine Erbtante in der Hinterhand?«
»Warum kein Geschäft ergreifen? Du siehst doch auf der Ausstellung, daß außer den Studirten auch noch Leute leben. Und wie hoch steht der Mann da, der aus eigener Kraft der Stadt und dem Staate zur Ehre gereicht!«
»Der Jurist steht höher. In Moabit trifft sich zuletzt Alles. Die Seelenseligkeit kriegst Du nur durch den Geistlichen und Dein Recht nur durch den Juristen. Der Geistliche kriegt keinen Juristen in den Himmel, aber der Jurist bringt den Geistlichen in's Loch, je wie die Verhältnisse liegen. Nein, Fritz studirt Rechtsgelehrtheit, dann ist er allen Ständen über. Der Junge ist ja so süß.«
»Er macht den Eltern mehr Verdruß als Franz.«
»Weil sie den Knaben nicht verstehen. Wer sich Zwillinge leistet, darf keinen von Beiden vorziehen. Gleiche Wäsche und gleiche Liebe. Also was haut Er Fritz?«
»Weil der Bengel sagte, ein Hund hätte ihm die Hosen zerrissen, worauf der Vater nach Bißwunden sucht und findet, daß Fritzchen gesohlt hat. Warum log er?«
»Um von Jemand Strafe abzuwenden.«
»Von wem denn?«
»Nun von sich selbst. Ihm war das Malheurchen beim Treppengeländerrutschen passirt, was sie ja eigentlich nicht sollen. Aber anstatt sich über das Talent des Kindes zum Advocaten zu freuen, drauf losgedroschen, wie auf kalt Eisen. Und ich sage Dir, ehe Tante Lina Berlin verläßt, hat sie Fritzchen in ihr Herz und ihr Vermächtniß geschlossen.«
»Deine großmütterliche Verblendung geht zu weit. Warte doch ab, was die Zeit bringt.«
»Die Zeit läßt sich zu viel Zeit. Die Karre geht nur, wenn sie geschoben wird. Nächstens machen wir eine große Kinderpartie nach der Ausstellung, Tante Lina als Mittelpunkt, damit sie Gelegenheit hat, Fritzchen lieb zu gewinnen. Uebrigens frage doch wieder nach der Tasche. Wie wäre es, wenn der Knabe sie der Tante überreichte?«
»Mit einem Prolog? Wilhelmine, ich kenne Dich kaum noch. Was hast Du?«
»Karl, viele Freuden des Daseins machen erst dann Freude, wenn sie glücklich überstanden sind. Die Ausstellung dauert noch bis zum Oktober.« -- »Adje,« sagt er.
Ein Glück, daß er in der Fabrik schläft. Tante Lina steht schon um Vier auf und Dorette muß heraus und ich muß heraus. Ottilie liegt wegen ihrer Nerven durch bis sieben. Natürlich zweimal Kaffee trichtern. Tante Lina ißt bei sich zu Hause um zwölf Mittag, wir essen um dreien. Sie geht früh spazieren, traut sich aber nicht allein auf die Straße. Ich muß mit nach dem Friedrichshain. Mein Mann trinkt den Kaffee mit Ottilie. Er findet ihre Augen hübsch. Und dabei soll man Ausstellungsberichte schreiben.
Aber wozu ist Kriehberg?
Ihn allein mit Ottilien durch die Gefilde Treptows streifen zu lassen, das geht nicht, bewacht jedoch Tante Lina sie als Schutzgeist, kann ich ruhig sein. Sie hat so runde betriebsame Augen, und hört auch gut für ihre Jahre, die an den Fältchen im Gesichte kenntlich sind, namentlich auf der Stirn. Auch marschiren kann sie rüstig. Das regelmäßige Leben in der Abgeschiedenheit macht alt und dauerhaft. --
Herr Kriehberg hat mir Beschreibungen von den Baulichkeiten der Ausstellung gesandt, sogar mit Entwürfen, sauber ausgeführt auf Glanzleinewand, metergroß, wofür ich ihm die Auslagen erstatte, obgleich sie so nicht zu verwenden sind, es sei denn als Hochzeitsgeschenk für einen Baubeflissenen.
Anfangs tadelte Kriehberg sehr, jetzt ist er zu der Einsicht gelangt, daß die Bedingungen der freien Entfaltung Hemmschuh anlegten und selbst er unter solchen Umständen die schwierige Aufgabe nicht glücklicher gelöst haben würde. Wo war auch wohl je auf einer Ausstellung ein Gebäude, durch das mitten hindurch eine garnicht mal nothwendige elektrische Eisenbahn fährt, wie durch den Riesenbau für Unterricht und Erziehungswesen, Gesundheitspflege und Wohlfahrtseinrichtungen und es so zerschneidet, daß man vom Vorderen zum Rückwärtigen über eine Treppe hinauf und hinab steigen muß? Hier wird gezeigt, wie elektrische Bahnen angelegt werden können: immer durch die Häuser, wo welche im Wege stehen und nicht erst Tunnels unter der Straße buddeln oder Hochbahnen an den Etagen vorüber, daß jeder sich scheniren muß, halb angezogen ein Vorderzimmer zu betreten, wenn der Draht versagt und die Fahrgäste plötzlich vor den Fenstern halten und das Privatleben bekritteln.
Leicht faßlich war Kriehbergs Arbeit nicht, zumal er mit verschiedenen Standpunkten kommt und massiv im Ausdruck wird. Was ihm unschön erscheint, das fällt Tausenden nicht auf und warum Kunstblinde sehend machen, da sie sich in ihrem Zustande wohlig fühlen? Wird nicht an allen Ecken und Kanten hinreichend zur Unzufriedenheit aufgestachelt? Dies ist nicht mehr gut genug und das taugt nicht mehr, dieses ist veraltet, jenes unzeitgemäß, darum weg damit, als der Menschheit unwürdig. Nun kommen die Gewaltsbeglücker mit ihren Plänen, die passen wie ein Paar sechsfach patentirter Schuhe aus ausgesuchtestem Leder, blos mit dem einen Fehler, daß sie nicht nach Maaß gearbeitet sind. Wer darin vorwärts will, den kneifen sie und statt der versprochenen goldenen Berge hat er eine Hühneraugenzucht. --
Die Spreu vom Weizen zu sondern braucht' ich Ruhe und Sammlung.
Tante Lina und Ottilie mußten für einige Stunden unschädlich gemacht werden.
Sie gingen auf meinen Vorschlag ein, die Residenz in Augenschein zu nehmen, die Denkmäler, die Palais, die neuen Stadttheile und was sonst für Fremde in den Führern aufgezeichnet ist, vom Abgeordnetenhaus an bis zum Zellengefängniß. Ich verfrachtete sie in einen distinguirten Taxameter und erklärte ihnen den Sprechanismus. Es gefiel Tante Lina ungemein, daß man keinen Nickel mehr zahlen braucht, als der Apparat beziffert. »Als ich in die Nähschule ging,« sagte sie, »bei Madame Werner, die konnte so fein spinnen wie Seide, da hatten wir einen Haspel, woran man sehen konnte, wann fünfzig Touren herum waren beim Garnwinden. Wenn man nicht aufpaßte, gab es doppelte Strähnen und dann schalt sie. Dies ist wohl auf die nämliche Art von dem nämlichen Drechsler?«
Der Kutscher versprach mir, die Damen auf das Sehenswerthe aufmerksam zu machen und fuhr mit ihnen ab, zunächst nach der Koppenstraße wegen der Tasche.
Ich athmete auf. Endlich Ungestörtheit, den Bericht über Ausstellungsarchitektur zu erledigen, wenn ich auch einsah, daß ich wenig von Kriehberg benutzen konnte, höchstens wo er sich in Renaissance oder frühe und späte Gothik versenkt und von Risaliten spricht und Fialenwerk, Profilirung, Friesen, Motiven, Originalität, Rabitzwänden, Stabilität, Blenden, Dachreitern, Krabben u. s. w. Was er in gewöhnlichem Deutsch schreibt, darüber läßt sich streiten und ich will mich hüten, hinterher für seine Ansichten verantwortlich gemacht zu werden. Etwas muß ich von seiner Arbeit verwenden, denn es geht ihm nicht besonders, da er nach Vollendung der Ausstellung mit einem Viertelsposten vorlieb nehmen muß. So baronisirt er wenigstens nicht gänzlich.