Hôtel Buchholz. Ausstellungs-Erlebnisse der Frau Wilhelmine Buchholz

Part 5

Chapter 53,648 wordsPublic domain

»Mit den vorhandenen Gesetzen, wolltest Du sagen. Früher langten sie vielleicht, aber seitdem wir uns kolonial ausbreiten, steigern sich die Ansprüche ungeahnt. Bedenke, wie schrecklich, daß unsere wilden Afrikabrüder bis jetzt die Sonntagsruhe nie ordentlich gehalten haben, daß das Auswärtige Amt einen Extra-Sonderbefehl hinüber senden mußte, alle Arbeiten bis auf die dringlichsten an den Sonntagen in Afrika, so weit wir zu sagen haben, an den Nagel zu hängen. Die Missionare haben sich beschwert wegen Radau. Nun lernen die Wilden auf der Ausstellung die Berliner Sonntagsruhe aus eigenster Anschauung, wo sie den vorüberdrängenden Menschenströmen ihre Tänze vorspringen müssen und rudern und Matten flechten und fechten und was sie sonst auf der Walze haben zur Verbreitung anthropologischer Studien. Ob sie solches des Sonntags dürfen, wenn sie retour gekommen sind, das steht auf einem anderen Brett. Ich habe schon Herrn Kriehberg empfohlen, sobald seine Ausstellungsthätigkeit beendet ist, nach Deutsch-Afrika überzusiedeln und einen stilistischen Ausschank mit Vergnügungsgarten zu eröffnen, womit er nach Einführung der Sonntagsruhe dort glänzende Geschäfte machen muß.«

»Was werden die Missionare aber dazu sagen?«

»Die sind dem Gesetzbuch unterworfen und haben stille zu sein. Gleiches Recht für Alle. Geld erwerben am Sonntag ist große Sünde, Ottilie, aber Geld verthun darfst Du, und wenn Du hinterher am Montag abgespannt bist, als hättest Du vierundzwanzig Stunden hart geschuftet.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Gesetze sind eben schwer verständlich für den Mittelstand.«

»Wer ist Herr Kriehberg, den Sie eben erwähnten?«

»So zu sagen unser Mitarbeiter in Architektur und Bauwissenschaften.«

»Wie entzückend! Ist er hübsch?«

»Ottilie, kennst Du die Jungfrau von Orleans?«

»Wieso?«

»Der war verboten, sich um die Herren zu kümmern, damit sie ihre Aufgabe unentwegt erfüllte. Als sie sich für einen jungen Mann interessirte und nicht mehr auf dem Posten war, lag sie drin.«

»Aber ich... «

»Jawohl. So wie von Sachlichem die Rede ist, sind Dir Deine Gehörnerven zu kostbar und jetzt, blos da Kriehberg's Name genannt wird, spannst Du wie eine Elster. Ich warne Dich, Ottilie! Es kann lange dauern, ehe Kriehberg's Wirthschaft mit Karussel und Schießstand hinter dem Aequator blüht, und wenn er auch sonst Gaben besitzt, die beste Eigenschaft eines Mannes ist ein gesichertes Einkommen. Und die fehlt ihm.«

Ottilie machte ein langes Gesicht. Sie fühlte sich ertappt.

Ich brach die Vorstudien ab und gab ihr den Ausstellungs-Katalog zu lesen. Der überhitzt ihre Phantasie wenigstens nicht.

Ich selbst aber fürchte. Meine Phantasie malt mir allerlei Unerfreuliches an die Wand.

Das erste Lichtfest.

Wie theile ich Ottilie ein?

Dies war die Frage, die mich wie eine Fliege piesackte, von denen es nach meiner Selbstbeobachtung mehrere Sorten von Banditen giebt, nämlich solche, die sich auf Eßbares setzen, weshalb die Butschen ihr Apfelmus stets mit Korinthen bestreut, sie durch die Aehnlichkeit zu vertuschen, und solche, die sich mehr auf menschliche Verfolgung legen, bis man die Bestie nach endlosem Vorbeigelingen getroffen hat oder irgend etwas Zerbrechliches, das in der Ziellinie stand.

Ottilie kennt Berlin nur aus im zweiten Lebensjahre gewonnenen Jugendeindrücken und weiß besser in den spanischen Provinzen Bescheid, als in der Reichshauptstadt nebst Umgebung, was man ihr auch nicht verdenken kann, da sie in Geographie mit einem Einser siegte und zwar besonders durch einen fehlerfreien Aufsatz über Madrid, das sie für ihr Leben gern einmal sehen möchte, um zu vergleichen, ob es wirklich so ist, wie sie es beschrieben hat.

Ich sagte: »Ottilie, zwischen uns und Hispanien liegt zu viel Landkarte. Und wenn auch Sevilla und Granada sehr gepriesen werden, in diesem Sommer geht nichts über Treptow. Damit Du jedoch nicht zu dem Glauben verleitet wirst, Berlin bestände bloß aus Vergnügungspartieen nach der Ausstellung, ergiebt sich für Dich die Nothwendigkeit, erst die Residenz als solche zu ergründen und natürlich Potsdam dazu und ein paar Kilometer Charlottenburg oder bis zum Spandauer Berg, wo man Aussicht auf ungeheuer viel Geld hat, auf den Juliusthurm nämlich, worin die Millionen des Kriegsschatzes schlummern. Dieser Anblick in Verbindung mit dem vorzüglichen Bier ist beruhigend für den Staatsbürger und dessen Gattin, sobald sie über das erforderliche Verständnis verfügt, denn das schönste Militair nützt nichts ohne das nöthige Großgeld.«

»Gerade die Entzückendsten machen reiche Heirathen des Geldes wegen. Aber sie werden schrecklich unglücklich ohne Liebe.«

»Wen meinst Du?«

»Die Offiziere.«

»Ach so. -- Ottilie, nimm Dir zur unbeugsamen Richtschnur: was in Romanen steht, ist so gut, als hätte die Krausen es Dir erzählt, die von der Wahrheit nur Gebrauch macht, um die Gefühle ihrer Nebenmenschen zu verletzen. Ich empfehle Dir daher, des Morgens mit Dorette in die Markthalle einholen gehen, damit Du Berlin vom Haushälterischen wie vom Statistischen beurtheilen lernst. Es sind enorme Zahlen, die dort umgesetzt werden, ohne was nicht umgesetzt wird, sondern nebenbei von auswärts kommt und sich der Kontrolle entzieht, weil es nichts taugt oder gesundheitsschädlich ist. Hier greift die Polizei in die Margarine ein oder verschüttet die Milch und beschlagnahmt lungensüchtiges Fleisch und erweist sich hochgradig nützlich, denn siehst Du, heut zu Tage geschieht Alles der Gesundheit wegen.«

»Wir leben in dem Jahrhundert der humanitatairen Bestrebungen,« verrieth sie ihre Kenntnisse auf diesem Gebiete.

»Sehr richtig, und es wird noch tatärer mit der Zeit, wovon die Ausstellung eine unvergeßliche Probe liefert. Wohin Dein Auge sich richtet, trifft es auf die Empfehlung von der Unfallstation. An den Brückengeländern ist sie als Beruhigung festgenagelt: wenn Du Dir das Bein zerstolperst, haben sie Syndektion, es wieder zu leimen. In den Schänken, in den Kaffeehallen, in den Weinstuben, überall ermahnt Dich die Unfallstation, wie unsicher das menschliche Dasein ist, und gewissermaßen schwebt die Carbolflasche am seidenen Fädchen über Dir, und es riecht auch danach, wo man essen und trinken will aus sanitätlichen Rücksichten hingegossen, daß man lieber gleich wieder geht. Wo die Hygiene aufdringlich wird, erregt sie Uebelkeit.«

»Dies würde meine Nerven schrecklich angreifen.«

»Stärke sie, Ottilie, stärke sie, Du wirst es nöthig haben, denn selbst meine hatten verschiedene Anprälle zu überwinden. Denke Dir blos das Leichenbrennhaus...«

»Ich hasse Leichen.«

»Ottilie, Du hast mitunter Ausdrücke an Dir, unter denen die deutsche Sprache leidet. Du darfst sagen, sie erschüttern Dich oder Du bebst zurück oder Du träumst davon, aber doch nicht hassen. Wie bald werden die Todten vergessen; gönne ihnen doch die Liebe, die ihnen bis zum Grabe folgt und auch nicht unsterblich ist, so ewig sie sich gebärdet.«

»Wie ist es mit dem Leichenbrennhaus?« lüsterte Ottilie. »Ist es schrecklich zu sehen?«

»O nein, wie so 'ne Kapelle im Grünen, und unterscheidet sich von den übrigen Ausstellungsunternehmungen dadurch, daß kein Ausschank damit verbunden ist. Auch inwendig ist sie gediegen, mit kirchlichem Fußgetäfel und Fenstergemälden und Sargkränzen.«

»Werden welche verbrannt?«

»Es sind nur Probeöfchen vorhanden, und an den Wänden Abbildungen von Verwesenden und was dazu gehört, um das Begraben zu verekeln und für das Einäschern zu gewinnen. Auch sieht man in Silberstangen-Nachbildung, was das Todtbleiben an verschiedenen Orten der Erde kostet, so daß Jeder sich sagt, das Sterben ist zu theuer, es muß billiger werden. Und dann steht da in einem Glashafen die Asche eines neunzehnjährigen jungen Mädchens.«

»Wie furchtbar!«

»Und von einem dreiundsechzigjährigen alten Manne.«

»Pfui!«

»Ottilie! Was kann der alte Mann dafür, daß seine Asche keine Ruhe findet, indem die Besucher sie in die Hand nehmen und schütteln? Vielleicht verdient er es, denn seine Asche ist schwärzlich, wogegen die des jüngeren, unschuldigen Mädchens beinahe Schneeweiße erreicht. Man sagt ja auch zuweilen: Einer taugt nicht bis in die Knochen. -- Und Schwarz ist nun einmal verdächtig.«

»Haben Sie die Asche auch in der Hand gehabt?«

»Nun ja, ich hob den Glastopf, worin sie ist, und habe den alten Mann auch 'mal geschüttelt. Aber nachher hat es mich gereut.«

»Wieso das? Die leblose Asche ist doch aus dem Kreislauf des Seins geschieden und ohne Nervenketten, die das Geistige auf animalischem Wege vermitteln.«

»Es war nachher, als ich im Hauptgebäude die trauernde Familie sah.«

»Wie interessant! Die Angehörigen des Verbrannten?«

»Wenigstens eine Familie in Schwarz und Schmerz, hinter Glas, naturgetreu ausgestopft und der Herr Prediger lebenswahr in Wachs photographirt, wie er sie erbaut und auf die Firma hinweist, wo die Costüme für tiefste Trauer bis zum lila'nen Uebergang am vortheilhaftesten bezogen werden. Mir gefiel besonders der eine Umhang mit echt Jet; auch bemerkte ich, daß die überlebensgroßen Aermel nicht mehr hochmodern sind. Gieb Acht, es wird wieder ganz eng und glatt gegangen.«

»An Stoff wird man sparen.«

»Wer weiß jedoch, welche Art Plissé sie aufbringen, wozu dann ebensoviel dazu gehört, wenn nicht mehr.«

»Und die Aenderungen kosten.«

»Deshalb muß man sich nie zu viel machen lassen. Dein marineblaues Kleid ist mindestens überflüssig, es läßt Dich auch nicht ersten Ranges; ich an Deiner Stelle würde es in Berlin nicht tragen.«

»Meinen Sie? Ach, ich hatte mich so schrecklich darauf gefreut. Alle fanden, es stände mir entzückend.«

Das Wasser trat ihr in die Augen, und sie wurde mit einem Male kopfhängerisch, daß ich erschrak und mich auf einen sofortigen Nervenausbruch gefaßt machte. Sie that aber nichts dergleichen, sondern blieb still und traurig.

Das bedrückte mich. Stilles Leid ist wehestes Leid, wie etwas Todtes, das kein Beklagen und kein Getröste wieder in's Leben zurückruft. Und wer hatte ihre Freude erschlagen, ihre Herzenslust an dem blauen Kleide, wo sie so selten zu etwas Außergewöhnlichem kommt, und es sich erdarbte und in ihrer Gedankenwelt damit spielte wie ein Kind mit der Puppe? Wer hatte diese Greusäligkeit begangen?

Es war genau Diejenige-welche, -- die kurz vorher sich über die giftige Wahrheitsliebe der Krausen aufgehalten hatte und die nun selbst mit ihrer Rede schmerzlich verwundete und das mit Erdichtung obendrein, blos weil sie durch Verbreitung der Modenzeitung und der Stoffe ganz dasselbe Kleid hatte und mit Ottilie nicht aus einem Topf auf der Bildfläche erscheinen wollte.

Es war keine Nothlüge, sondern eine Eitelkeitsunwahrheit, der nun eine Beruhigungsflunkerei folgen mußte. Wer lügt, steigt in einen verkehrten Zug und muß vorwärts und schließlich Strafe zahlen und hat zum Schaden den Aerger.

»Ottilie,« begann ich daher langsam, nach Ausflüchten angelnd, »was ich eben sagte, trifft wohl nicht eigentlich buchstäblich zu. Es war auch mehr als Turnübung für Deine Nerven. Jawohl, nur deshalb. Wenn Du es so mächtig gern hast, zieh es an. Ich lege mir ein Aehnliches zu, so gut gefällt es mir. Du siehst doch ein, daß Deine Nerven von Zeit zu Zeit geknufft werden müssen, das ist Massage für sie, heilkräftig, stärkend und aufmunternd. Nicht wahr, Du fühlst förmlich, wie gut es thut, daß ich eben über das Blaue scherzte?«

Es war jedoch nichts mit der Beruhigung. Sie mochte wohl merken, daß ich selbst nicht glaubte, was ich sagte. Kinder und Kranke haben feine Fühlhörner an ihrer Seele.

»Ottilie, Deine Augen verlieren ihre Blänke, wenn Du so weinst. Das wäre doch zu schade.«

Auch dies half nicht, die Nerven wurden facultativ.

»Ottilie, bist Du leidend? Geh' lieber in's Bett.«

»Ich, ich will nach Hause; ich mag nicht mehr in Berlin sein. Ich haß es.«

»Stuß! Wenn Du retour kommst und hast die Ausstellung nicht gesehen, was wird man sagen?«

»Ach, da schmäht man nicht den ganzen Tag und mäkelt und häckelt nicht -- in einemfort -- immerzu.«

»Wer thut denn das?«

»Ich will weg. Zu Hause fanden Alle mein Blaues ideal.«

»Ist es ja auch.«

»Nein. -- Sie mögen es nicht -- und nun -- mag ich -- es auch nicht mehr.«

»Ottilie, so mußt Du nicht mit den Thränen aasen; das sind die ganzen Lappen nicht werth,« nahm ich strenge das Wort, weil sie sich immer tiefer in ihren Kummer versenkte, der, bei richtiger Beleuchtung besehen, eigentlich keiner war. Ist sie denn derartig vollkommen, daß unsereins bewundernd still sein soll wie 'ne dodige Plötze? O nein. Die Wahrheit muß heraus... das heißt, man muß sie vorher doch einigermaßen prüfen, ob sie auch vertragen wird. Manche trinken eine Flasche Bitterwasser und Andere haben von einem Weinglase vollauf Beschäftigung, weil eben die menschliche Kreatur auf das Verschiedenartigste beschaffen ist. Was jeffen sie sich im Reichstage gegenseitig für vernichtende Grobheiten über und ihnen fehlt nicht die Bohne danach. Ich werde Ottilie auf die Tribüne schicken, damit sie ihre Zimperlichkeit einsieht und sich die Härtigkeit der Landboten zum Muster nimmt. Daraus wird jedoch nichts, falls es zum Bruch kommt und sie abreist, nachdem sie kaum angelangte. Was hilft alles Kochen, wenn das Ei hart ist? Es wird nicht wieder weich.

Es galt einen Entschluß fassen und obgleich mir durchaus nicht ausstellerig zu Muthe war, sagte ich:

»Ottilie, wenn Du vorziehst, Trübsal zu blasen, bleiben wir in der Stadt und gehen heute nicht nach Treptow, wo die erste Illumination stattfindet.«

»Wir wollten doch erst morgen hin,« entgegnete sie mißtrauisch mit langsamer Eindämmung der Thränenbäche.

»Zur wissenschaftlichen Durchforschung bei Tage, ganz recht«, antwortete ich mit einer neuen Verschiebung der Thatsachen, denn meine Absicht war, die Beleuchtung erst in der Zeitung zu lesen, ob sie glanzvoll gelungen oder mit welchem unverzeihlichen Fehler das Comité sich beladen und zu erfahren, ob man die Mark Entree mit hinterheriger Befriedigung verschwenden darf, um die nächste Wiederholung mit unserer Gegenwart zu beleben. Hieraus mir einen Vorwurf zu machen, wäre unrecht, denn eine Sache findet bei uns doch nur erst dann begeisterte Aufnahme, wenn sie bald nicht mehr wahr ist oder die Spatzen sie von den Dächern ausschreien. Aus eigenem Antriebe einen Nickel riskiren ist nicht Sitte, so sehr auch Unternehmungslust dadurch gelähmt wird. Deshalb entschließt mein Karl sich nur nach längerem Zögern zu sogenannten hautes Nouveautés.

»Zieh' Dein Blaues an, Ottilie; wir gehen. Das Wetter hält sich; ich habe tüchtig gegen die Barometerscheibe geklopft.«

»Hilft das?«

»Wo doch. Blos um zu sehen, wohin der Zeiger sich rührt. Er schnippte einen halben Strohhalm breit nach Schön.«

»Wie entzückend!«

Und munter war sie; aufgesprungen und ab, um sich zu schmücken. Der Mensch ist doch eine ziemliche Wetterfahne.

Ich war zufrieden mit dieser Wendung zum Trocknen, und nahm mir vor, gut zu machen, was ich Ottilien möglicherweise Leides gethan haben konnte, indem ich ihren Erziehungsgang nicht hinreichend berücksichtigte und unbewußt schroff wurde, wie sie es nicht gewohnt ist. Sie weinte zu sehr, das arme Ding. Es ist aber auch zu dumm, daß sie das nämliche Kleid hat. Vielleicht laß ich meins schwarz besetzen oder dunkelrothbraun, was auch nicht übel zusammenschattirt.

Wir fuhren mit der Stadtbahn hinaus und da Ottilie keine Ahnung von der Anlage des Ganzen hat, zog ich sie mit mir nach der Spreeseite in die große grüne Branntweinskirche, wo alle Verzehrungsgegenstände in ästhetischer Zusammenstellung aufgethürmt sind. Solche Mengen und Abarten von Bonbons hatte Ottilie noch nie gesehen, und auch ich konnte nicht umhin, zu bemerken: »Die Kinder wissen jetzt garnicht, wie genußreicher die Welt gegen uns geworden ist. Wir hatten Zuckerkante und Huststangen und Rothe und Weiße oder auch von den Dunkelbraunen, jedoch nicht an die Neuerungen im Bonbonwesen zu denken von allen Formen und Farben wie im Tuschkasten.« -- Der Essig, die Liköre, Fruchtweine und Riesenwürste fesselten sie weniger.

Von hier begaben wir uns in's nasse Viereck und nahmen einen Kaffee. Die Lampen brannten und Ottilie hielt diese Ecke für die völlige Ausstellung und schwärmte für die vom Musikcorps des Kaiser Alexander-Garde-Grenadier-Regiments No. 1 erzeugten Töne. So stromweise »himmlisch« und »entzückend«, wie sie hier verzapfte, wurden mir schier zu viel. Ich ließ jedoch gewähren. Nur nicht kränken, nur nicht weh thun. Sie hat wirklich Nerven.

Je mehr es dunkelte, um so bescheerungsaufgeregter ward ich. Hatte Ottilie mich mit ihrer Ankunft überrascht, wollte ich Revanche nehmen und sie wieder überraschen. Ein Kanonenschuß krachte von der anderen Seite her und neugierig, wie ich selbst war, sagte ich: »Komm!«

»Ach, noch nicht gehen,« bat sie.

Durch die dämmerigen Laubwege schritt ich mit ihr. Durch die Lücken schimmerte hin und wieder farbige Gluth. »Aha,« dachte ich, »gerade recht, die Illumination brennt schon.« Und dann über die flammeneingefaßte Brücke und grade, als die Musik auf's Neue begann, standen wir vor dem See und rund um uns und vor uns und wohin das Auge blickte Licht, Licht und Licht, Flammen und Flämmchen, weiß und roth und grün und auf dem See schwimmende Lichtboote und die Rasen mit farbig leuchtenden Blumen und die weißen Gebäude in rother Feuergluth. Ottilie klammerte sich an mich. Sie fürchtete sich, so fest hielt sie sich.

»Ist Dir was, Kind?« fragte ich.

»Wo bin ich?« flüsterte sie. »Wache ich oder ist es Traum? O wie schön, wie schön.«

Wir wandelten in die Lichtalleen hinein, in die Laubengänge und schritten mit Tausenden zugleich unter den Lichtbögen um den See. Rubinrothe Flammengehänge säumten ihn ein. Die hingen von grün brennenden Weihnachtspergamiten herab und spiegelten sich im Wasser.

Und in all diesen Feuerzauber hinein sang eine Nachtigall.

Die Wandelnden blieben stehen und schaarten sich zu Hunderten um den kleinen Sänger.

»Die haben wir auch zu Hause,« sagte Ottilie. »Nachtigall ist doch das Allerschönste.«

»Das ist die Natur stets,« entgegnete ich. »Und darum ist die Kunst so schwierig. Bedenke, was dazu gehört, mit der Nachtigall zu konkurriren?«

»Ach bitte, bitte, nicht denken heut Abend. Nur genießen will ich all das Schöne: das Lichterfest, die Musik, den singenden Vogel, die vielen vielen frohen Menschen. Wie schön, wie schön. Ach, Frau Buchholz, wie hab' ich Sie lieb.«

Nun war mir der Abend auch froh und lichthelle. Ganz froh.

Bei den Maschinen.

Es kommt mir mitunter der Gedanke, als wenn zum Berichten über die Ausstellung die menschliche Veranlagung doch vielleicht zu kurz sei. Das Enorme, was dort aufgestapelt wurde, erdrosselt das Einprägungsvermögen und wer ist mit so viel sachlicher Erkenntniß beglückt, daß er über das ihm Unverständliche ein richtiges Urtheil abgiebt? Und ich bin doch im Grunde genommen keine Fachfrau.

Wollte ich meinem Karl klagen, wie mir dies allmählich aufgeht, sagt der, ohne daß ich fragen brauche: »Wer sich mehr aufpuckelt, als er tragen kann, stöhnt.« Darum schütte ich ihm meine Sorgen nicht aus.

Nun könnte ich es mir leicht machen und über den Vergnügungspark schreiben und das Industrielle verabsäumen, aber dagegen sträubt sich mein Berlinisches Empfinden.

Allerdings: Kein Fest ohne Vergnügen. Ist jedoch die Ausstellung blos zur Erheiterung der Mitbürger in die Welt gesetzt? Nein, sie will zeigen, was Berlin als einzelne Stadt und zwar als die Hauptstadt des Reiches in Gewerbe und Industrie zu leisten vermag. Sie legt gewissermaßen eine öffentliche Prüfung ab, damit sie zur Einsicht kommt, wo sie mit Glanz besteht und wo es noch nicht genau genug ist. Wenn Einer fühlt, daß er was kann, wächst ihm der Muth, noch mehr zu können und es giebt Traute. Und wer sich überzeugt, daß zugelernt werden muß, findet auch den Lehrmeister. Mancher kümmert sich in Folge dessen vielleicht weniger um Politik und Partei und gewinnt mehr Zeit für Vervollkommnung in seinem Fach.

In diesem Nachdenken störte mich Onkel Fritz mit einer Zeitung aus London, worin zu lesen war: der Patriotismus des Deutschen bestände in der Vorliebe für die Länder anderer Völker und sähen diese noch so sehr auf ihn herab.

»Was soll ich damit?« fragte ich.

»Dir's zu Gemüthe führen.«

»Fritz, sie booßen sich, daß Deutschland in Handel und Industrie so bedeutend und selbstständig geworden ist, daß sie's spüren. Wem aber der schimpfliche Tadel paßt, mag ihn sich anziehen und sehen, wie ihm die Hausknechtsjacke sitzt. Es giebt ja leider Fremdlandslakaien.«

»Ich dachte, Du würdest einen großen Transch machen.«

»Bitte, bleibe bedeckt. Was verschlägt das? Sie hören's ja nicht. Aber weißt Du, von Treptow aus weht ein frischer Wind in Deutschlands Segel: paß acht, wie flotten Kurs es nehmen wird. Dann haben sie die gebührende Antwort.«

»Und doch hat sich nicht die gesammte Industrie Berlins betheiligt, es fehlen viele große Nummern.«

»Das nächste Mal machen Alle mit; das ganze Reich macht mit; die ganze Welt macht mit.«

»Wenn Du meinst?«

»Jawohl, meine ich. Und Redensarten will ich mir verbeten haben.«

»Hab' ich was gesagt..?«

»Ei ja doch! Gerade wenn Du manchmal Nichts sagst, bist Du am deutlichsten. Aber was weißt ^Du^ von den mit der Ausstellung verbundenen Schwierigkeiten, da Du auf Mäkelbrüder und Nörgelmeier hörst, die natürlich reden, wie sie's nicht verstehen.«

»Sei milde, Wilhelmine. Nimm mich unter Deine Flüchtel und gängle mich mit Deiner Weisheit. Wie denkst Du über eine Bierreise im nassen Viereck? Ich habe gerade Zeit und Lust.«

»Bedaure. Ich habe die Maschinen vor und für Getränke keine Zeit.«

»Das ist dumm; für Maschinen bin ich nicht anschläg'sch. Hingegen das Moabiter Marinebräu, das ist was für meinen Vater seinen Sohn, ganz so wie Faust sagt: zum Verweilen schön!«

Es war nichts mit ihm anzufangen. Wenn er schon die Klassiker verhohnackelt -- wozu der Faust Gottlob immer noch gehört -- hat er vor unsereins erst recht keine Ehrfurcht. Aus den einfachsten Aeußerungen macht er Männerken, daß man an der eigenen Klarheit zweifelt. Und das ist doch kein Genuß. --

Ich verabschiedete ihn und stadtbahnte mit Ottilie hinaus, die mir das Elektrische verdeutschen sollte.

Wir nahmen unsern Eingang gleich unmittelbar bei dem riesigen Kesselhause, das so zu sagen das Treibende vom Ganzen ist und, wie Ottilie sagte, auf Oxydirung beruht. Die Kohle verbindet sich mit dem Sauerstoff, der in Waldgegenden von bester Güte ist, so daß schon aus diesem Grunde Treptow als glückliche, wenn auch etwas entlegene Wahl gut geheißen werden darf. Hieraus entsteht wissenschaftlich Licht- und Wärme-Erscheinung.

»Wir nannten es sonst, glaube ich, Feuer,« bemerkte ich.

»Das gilt nicht im Examen. Feuer ist ja auch nichts Wirkliches, sondern sieht nur so aus. Man kann es nicht wägen oder messen, weil es keine Schwere hat. Es ist nicht greifbar.«

»Weil man sich daran verbrennt.«

»Weil es kein Körper ist.«

»Ottilie, die Wissenschaft in Ehren, aber wenn es eine bloße Erscheinung wäre, wie könnte man darauf kochen? Und es ist bewiesen, daß alle Erscheinungen Einbildung sind, wie Gespenster oder Spiritismus oder sonstige Augentäuschungen. Nein, ich bleibe dabei: Feuer ist Feuer, nur daß Coaks mehr Plätt-Hitze geben und Kien zum Beispiel wenig austhut und sich besser zum Anmachen eignet. Und das ist ferner klar, ohne Feuer kriegst Du keinen Dampf, und ohne Dampf geht keine Maschine.«

Wir traten in die Halle.

Wenn man Maschinen sieht, entflieht Einem unwillkürlich der Vers: »Da hab' ich Respekt vor dem menschlichen Geist,« namentlich mit großen Schwungrädern und in hampelnder Bewegung. Stillstehendes dagegen macht keinen Eindruck, weil man von allem Drehbaren erwartet, daß es schnurrt, und unbefriedigt vorüberschreitet, wenn es sich nicht rührt. Das ist, als wenn man um Auskunft ersucht und wird keiner Antwort gewürdigt.