Hôtel Buchholz. Ausstellungs-Erlebnisse der Frau Wilhelmine Buchholz
Part 4
Da gestand sie denn, daß sie blos sagte, was die Krausen gesagt hätte. Ich hatte die Krausen damals noch nicht so durchschaut wie später, und stand einigermaßen ziemlich mit ihr, so daß diese Offenbarung mir durch und durch ging, weshalb ich rügte: »Man muß sich nie als Sprachrohr gebrauchen lassen, weil zu viel verdreht herauskommt.«
Die Kliebisch sowohl wie ihr Gatte sollen nun der Butschen sowohl wie der Krausen mitten in's Gesicht beeidigen, daß ich mit ihnen zusammen in Italien war. Lügen müssen wie die Schwaben immerwährend ausgerottet werden, sonst dauern sie lebenslänglich.
Was mich in ihrem Schreibebriefe ärgerte, das waren Bemerkungen. -- »Wir haben hier auch das Abschreckungs-Plakat in dem Dorfkruge hängen,« schrieb sie, »und hatten in Folge dessen anfangs gar keine Lust zur Ausstellung. Der sehnige Arm, der aus der Erde sich brutal erhebt und mit dem Hammer Jeden zu zerschmettern droht, hatte für mich etwas Widriges, bis mein Hinnerich sagte, das Plakat stelle blos Berliner Blau vor (weil doch der Hintergrund so blau ist), und der Hammer bedeute die Landwirthschaft, die bald unter den Hammer käme. Da haben wir denn herzlich über den Witz gelacht. Mein Mann macht mitunter ganz brillante Witze und ist auch ringsum dafür bekannt. Unsere Anna ist konfirmirt und mir eine rechte Stütze im Haushalt. Sie hat den praktischen Sinn ihres Vaters geerbt und ebenso hellblondes Haar wie er und dabei seidenweich. Heinrich weiß noch nicht, was er werden will, wir lassen ihn deshalb die Schule noch ruhig besuchen, bis er sich entscheidet. Landwirth sieht mein Hinnerich ungern, weil zu wenig verdient wird und ein junger Mann ohne großes Kapital zu lange bis zur Selbstständigkeit warten muß. Henriette dagegen, unsere dritte, ist idealer veranlagt, mit gutem Gehör und einer allerliebsten Stimme. Adalbert und Friedrich gehen in die Dorfschule, was für den letzteren, da er von den Masern her immer noch nicht ganz wieder der Alte ist, seine Bedenken hat. Lene und Male...«
Die unflügge Nachkommenschaft war für mich wenig von Interesse, da ich sie nicht kenne, aber ich empfing doch die Ueberzeugung, daß die Gegend dort zu den fruchtbaren gehört. Auf den Ehesegen ging ich daher nicht näher ein, wohl aber auf Herrn Kliebisch's Randglossen über das Ausstellungs-Plakat. Die hatten mich verdrossen.
»Es freut mich,« schrieb ich, »daß Sie Alle wohl und munter sind und Ihr Herr Gemahl trotz der agrarischen Lage noch zu Scherzen aufgelegt ist. Was diese anbetrifft, möchte ich mir nur die Mittheilung erlauben, daß wir unsere Witze über Berlin gewöhnlich selber zu machen pflegen.«
»Das Plakat will verstanden sein. Es schließt sich der neueren Kunstrichtung an, die den sogenannten schönen Schein als unnatürlich meidet und in erster Linie darauf zielt, daß von dem Kunstwerk gesprochen wird. Wie? ist Wurst. Und das ist erreicht, sogar bei Ihnen auf dem Lande. Sie haben sich geängstigt: wollen Sie noch mehr Wirkung? Liebe Frau Kliebisch, seit wir uns in Italien sahen, hat die Kunst unermeßliche Fortschritte gemacht, daß die alten Meister, wenn sie aus ihren Gräbern hochkämen, sämmtlich umlernen müßten. Wie Tag und Nacht ist der Unterschied. Alles Braune und Dunkele gehört in die Museen und der Antike an. Alles Mehlige und wie in den Regenbogen Getauchte ist modern und zulässig für Ausstellungen. Dies muß man sich merken und Rafael und Rubens und die verstorbenen Malermeister nicht loben, das nehmen die jüngeren krumm. Wir werden über Manches zu plaudern haben und Vieles zu besichtigen, denn eine enorme Gemälde-Ausstellung ist Treptow gegenüber am anderen Ende der Stadt eröffnet. Wir rechnen in Berlin eben mit größeren Entfernungen als in kleineren Orten und so ist es auch mit dem Geistigen und den Scherzen. Berliner Blau gehört zu den überlebten; ich bezweifle, daß Ihr Mann Glück damit machen wird.«
Als ich über eine stilgerechte Schwenkung in die Kinderstube nachsann, kam die Dorette, und meldete, vor der Thüre hielte eine Droschke mit Massen-Gepäck; ob das wohl Besuch für uns wäre?
Wir Beide aus dem Fenster gesehen. Richtig. Die Droschke beladen wie ein Möbelwagen zur Umzugszeit, vornehmlich mit einem Reisespinde, daß der Kutscher völlig unfallversicherungsreif daneben auf dem Bock pendelte.
Wer konnte es sein? Nach dem Kontrolirverzeichniß, das ich rasch zu Rathe zog, Niemand. Aber da öffnete sich die Thür, eine junge Dame flog auf mich zu mit den Worten: »Ich bin es. Wie ich mich freue.«
»Ottilie?« fragte ich.
»Ja, Ottilie.«
»Warum schrieben oder telegraphirten Sie nicht?«
»Ich wollte Sie überraschen, das hatte ich mir zu entzückend ausgedacht. Ach es geht nichts über Ueberraschungen, die sind zu himmlisch.«
Sie hatte es gut gemeint und so fügte ich mich denn, obgleich mir genaue Anmeldung lieber gewesen wäre, weil ich dann meine Anordnungen getroffen hätte.
Ich betrachtete sie mir. Sie war viel ansehnlicher, als auf der Photographie, namentlich das lebhafte Auge verlieh ihr etwas Reizvolles und, wenn sie sich bewegte, kam ihre schlanke Figur zur Geltung. Nun ward mir auch mit einem Male klar, warum sie sich nicht glücklich in ihrer Heimath fühlt und weshalb sie allerlei auszustehen hat. Sie ist über ihren Stand hübsch.
Ich hieß sie willkommen und fügte hinzu: »Wir haben ereignißreiche Tage vor uns, aber mit gutem Willen, verständiger Anordnung und Fleiß werden wir sie bewältigen.«
»Ach und recht oft in die Oper,« rief sie, »Oper ist zu himmlisch. Ich muß die Sucher hören, sie soll als Isolde zu entzückend sein. Und Zirkus. Ich schwärme für Zirkus!«
»Ottilie,« unterbrach ich sie, »Zirkus ist eine Wintersache, also jetzt nicht vorhanden. In die Oper werden wir auch einmal gehen. Die Hauptsache ist unsere gemeinsame Ausstellungsarbeit. Haben Sie Bücher mitgebracht?«
»Gewiß, zwei Kisten voll.«
»Zwei Kisten?« fragte ich entsetzt.
Der Droschkenkutscher und Dorette schleppten gerade einen schweren Kasten die Treppe herauf. »Das Praktische scheint ihr fremd zu sein,« dachte ich und fragte: »Was sind denn das für Bücher?«
»Zunächst Meyer,« antwortete sie.
»Was für'n Meyer? Doch nicht das ganze Conversationslexikon?«
»Nun ja, darin steht Alles.«
»Ottilie,« rief ich, »den Meyer habe ich selbst; die Ueberfracht hätten Sie sparen können. Was sonst noch?«
»Ein französisches und ein englisches Lexikon, Daniel's großes Handbuch der Erdkunde, Velhagen und Klasing's Atlas, Brehm's Thierleben, wegen der Fischerei-Ausstellung, Krüger's Physik...«
»Das scheint mir das einzig richtige. Haben Sie auch Chemie mitgebracht?«
»Chemie? Nein, die hab' ich vergessen.«
»Aber Ottilie, wo ich Ihnen doch schrieb, welche Sorge mir das chemische Industriegebäude macht. Was fangen wir nun an? Wir müssen das Buch schicken lassen.«
»Das geht nicht. Ich habe die Schlüssel zu meinem Bücherspinde bei mir.«
Ich seufzte. »Kommen Sie, ich will Sie auf Ihr Zimmer führen. Später ziehen Sie zu mir.«
»Ach wie reizend.«
Der Droschkenmann wurde allmählich befriedigt; die Ladung war nicht billig. Auch machte er Seitenbemerkungen, als Dorette meinte, das Heraufbefördern von Gepäck läge mit in der Taxe und sei mit zwei Groschen hinreichend belohnt.
»Denn muß das Freilein das nächste mal mit'n Rollwagen fahren,« sagte er. --
Als mein Karl zu Tisch kam und ein drittes Gedeck vorfand, legte er sich auf's Rathen, für wen es sei, kriegte es aber nicht heraus, weil das Zunächstliegende stets das Schwierigste ist. Er wurde ärgerlich und grollte: »Du willst Dich wohl zur Sphinx ausbilden, das ist das einzige, was auf dem Ausstellungs-Kairo noch fehlt.«
»Hast Du so genau nachgesehen?« -- »Ja!« -- »Ohne mich?« -- »Du gehst ja Deine eigenen Studirwege.« -- »Karl!«
In diesem Ausrufe lag eine ganze Tragödie, und das fühlte er, denn er fragte »Wo bleibt das Essen?« Wenn Männer ablenken, regt sich ihr Schuldbewußtsein.
»Die Araberinnen sollen dort ja zum Theil unverschleiert herumlaufen?« fragte ich durchbohrend. »Ist das wahr?«
»Ich bin hungrig, Wilhelmine!«
»Ich nicht. Mir ist der Appetit vergangen.« -- »Wovon denn?« -- »Was weiß ich?« -- »Eben warst Du noch guter Dinge.« -- »Eben, ja.« -- »Bin ich Schuld an Deiner Laune?« -- »Nein.« -- »Wer denn?« -- »Niemand.« -- »Wilhelmine, willst Du mich erzürnen?« -- »Nein; ich bitte Dich, was soll Ottilie denken, wenn sie gleich am ersten Tage Zeuge tiefsten Familienzwistes wird.« -- »Uebertreib' nicht, sei so gut. Also für Ottilie ist gedeckt... Wo bleibt sie aber? Ich möchte essen.«
»Sie macht Toilette.«
»Sie soll sich beeilen. Von der Gesellschafterin verlange ich Pünktlichkeit. Ich werde einen Ton mit ihr reden.«
»Karl, mir zu Lieb sei freundlich gegen sie. Bedenke, ich muß Wochen lang mit ihr auskommen. Und Du weißt, sie hat Nerven.«
»Sie kann sich meinethalben an ihren Nerven aufhängen.«
Ich klingelte. Mein Karl war bereits in dem Hungerstadium, wo die Männer borstig werden. »Dorette, schleunigst die Suppe und Fräulein nochmal zu Tisch ansagen.« Glücklicherweise hatten wir Kerbelsuppe, die mein Karl schon öfter für sein Leibgericht erklärte, mit Ei und gebratenem Brot. Er schlemmte ordentlich, so ausverkauft war sein Magen gewesen und mit jedem Löffel ward er friedlicher. Wäre jetzt Ottilie nicht gekommen, hätte er deren Antheil mit vertilgt; ein Ei bekam sie schon weniger.
Mein Karl war überrascht bei ihrem Anblick, ich noch überraschter. Er stand auf und verbeugte sich und sie machte einen Quadrillenknix wie frisch vom Tanzmeister, schon mehr die reine Hoffeierlichkeit. Und was hatte sie an? Ein marineblaues Kleid von demselben Stück wie meines und eben solche crêmefarbige Klöppelarbeit und der Schnitt aus demselben Modenblatt.
Mein Effect, den ich vorhatte, war hin. Zweie aus dem nämlichen Laden erregen allerdings Aufsehen, aber nur weil Jede sagt: sie gehen gleichartig aus Billigkeitsrücksichten, Gott weiß, wo sie den Rest gekauft haben? Und dazu schafft man doch nichts Neues an.
Ich hatte Karl zwar gebeten, freundlich zu sein, aber daß er Ottilie mit unverhohlenem Wohlbehagen ansah, das war nicht ausbedungen.
Das Gespräch wurde bald recht lebhaft. Ottilie schwärmte schon mächtig für Berlin. Nach dem Spreewald wollte sie und einen kleinen Abstecher nach Dresden machen, und recht, recht oft in's Theater.
»Meine Liebe,« sagte ich, »was wird aber aus Ihren Nerven?«
»Oh,« erwiderte sie, »die sind facultativ. Ich bedarf der Anregung, die wird mir Flügel verleihen, Flügel des Geistes, sie wachsen mir jetzt schon. Ach, Berlin ist zu himmlisch.« Dabei streckte sie Jedem von uns eine Hand hin und sprach: »Wie lieb Sie sind, mich so glücklich zu machen.«
Wir schlugen ein, weil sie so überrumpelnd war und mein Karl, das sah ich, fand Vergnügen an dem Händedrücken.
»Ottilie,« bemerkte ich strenge, »so lange Sie hier sind, vertrete ich Mutterstelle und das sage ich von vorn herein: geflogen wird nicht.«
Sie hätte nur bildlich gesprochen. -- »Bei uns reden wir deutsch.«
Nach Beendigung des Mahles schlug ich im Meyer »facultativ« nach. »Dem eigenen Ermessen freigestellt« stand da.
Hierauf fragte ich meinen Mann: »Karl, weißt Du, was facultativ besagt, in Bezug auf Ottiliens Nerven?«
»O ja,« entgegnete er trocken, »ihr freiert.«
»Und deshalb ziehst Du in die Fabrik und Ottilie schläft bei mir. -- Ohne Widerrede, mein Karl.«
Er redete auch nicht wider. Ottilie ist wirklich zu hübsch und ohne Erfahrung. Es wird nicht leicht sein, sie zu hüten.
Ein Blick über das Ganze.
Als ich Ottilie den Vorschlag machte, einen allgemeinen Ueberblick über die Ausstellung zu gewinnen, wollte sie gleich mit dem Fesselballon hoch.
»Nein,« sagte ich. »Vorläufig warten wir ab, ob er Zwischenfälle kriegt, und, wenn die dann nach einigen Wochen rasch und leicht beseitigt sind, steigen wir mit. Auch meine ich mit Ueberblick nicht ein Häppsken Vogelschau, sondern das fest im Gedächtnis haftende Terrain der Ausstellung, damit man weiß, was vorhanden ist, wo es liegt, wie man hinkommt, wie viel Zeit man auf das Einzelne verwenden kann. Es sind über viertausend Aussteller und nun rechne aus, wenn auf jeden nur fünf Minuten gründlicher Besichtigung fallen, wieviel Arbeitstage Du im Ganzen gebrauchst, den Tag zu acht Arbeitsstunden angenommen?«
»Kopfrechnen erlauben mir meine Nerven nicht,« antwortete Ottilie nach einiger Anstrengung, als sie nicht mehr mochte.
Sie bat mich gleich am ersten Tage um verwandtschaftliche Du-Anrede, die ich ihr bewilligte, da sie so allein steht und der Anschmiegung bedürftig ist.
»Nun,« fragte ich, »hast Du es?«
»Nein.«
»Also rund zweiundvierzig Tage. Das sind beinahe anderthalb Monate. Von Alt-Berlin, Kairo, dem Vergnügungspark, dem Theater, der Diamantschleiferei, dem Panorama, der Stearinfabrik, Etzetera ist dabei keine Rede und Du hast weder Naß noch Trocken, noch Ausruhen, noch Musikgenuß, noch irgend eine nothwendige Pause. Deshalb ist planvolles Vorgehen geboten. Heute ist Planschwetter, wir können nichts Besseres beginnen, als uns vorzubereiten.«
Sie seufzte. »Ich weiß nicht, ob meine Nerven«... fing sie an. -- »Ich weiß, daß es ihnen gut bekommt,« entschied ich und breitete den officiellen Plan der Ausstellung auf dem Tische aus.
»Wie Du siehst,« begann ich, »wird das Gebiet durch die Treptower Chaussee in zwei gleiche Theile gespalten, wovon der eine reichlich noch mal so groß ist wie der andere, und dies Röthliche, was wie ein Stiefelknecht aussieht, ist das Hauptgebäude.«
»Ich meinte, es wäre so sehr schön.«
»Dies ist ja nur der Grundriß, dasselbe, was beim Zuschneiden das Muster.«
»Ach so.«
»Hier, gerade vor, das Blaue ist der Neue See mit den echten Gondolieren aus Venedig.«
»Wo sind die Gondoliere?«
»Draußen in Treptow,« erwiderte ich sehr deutlich, denn die Hast, mit der sie sich mit einem Male den Plan betrachtete, während sie eben noch ihre Nerven überlegte und nicht die geringste Theilnahme zeigte, verdroß mich.
»Singen sie auch das himmlische Lied: >Komm' nach der Piazetta, Rosetta<?«
»Für ein Trinkgeld gewiß.«
»Für Geld? Wie unpoetisch!«
»Gegenüber liegt das Hauptrestaurant. Die Laubengänge dorthin sind mit Tausenden von Lämpchen behangen, bei Tage wie die größte Eiersammlung der Welt, an Erleuchtungsabenden feenhaft wie früher bei Kroll. Ist das Wetter schön, wirst Du es erleben. Von hier kann man nun durch das Spreewaldgehöft, durch Chocolade und Thee, bis zur todten Katze gelangen...«
»O, pfui!«
»Nicht Pfui sagen, wenn Dir etwas nicht recht ist, das ist kleinstädtische Geziertheit.«
»Aber ich hasse todte Katzen.«
»Das wird denen ziemlich dasselbe sein. In diesem Falle ist die Katze das ausgestopfte Motto eines stilvollen Bürgerbräu-Ausschankes in Bauernmanier, und kletternder Weise am Vorgiebel angebracht, also durchaus nicht Pfui sondern kennzeichnend für den Volksmund, der stets mit unerwarteter Sofortigkeit das Besonderliche in Worte formt.«
Ich konnte nicht umhin, ihr diesen kleinen Erziehungs-Schupps zu verabreichen, weil sie ihre schiefen Urtheile nie zurückhält und dadurch zum Stein des Anstoßes wird, ja ich hielt es für Pflicht, bändigend einzugreifen, wie Goethe so treffend in Mey & Edlich's letztem Abreißkalender schreibt: »Wenn wir die Menschen nur nehmen wie sie ^sind^, so machen wir sie ^schlechter^; wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie ^sein sollten^, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind.« -- Unser vorjähriger war mit Speisezetteln versehen, aber weil die Zuthaten meist in die andere Jahreszeit fallen, haben sie als Morgenandacht keinen sittlichen Werth, wogegen man Sprüche und Lebensregeln ohne weitere Vorkehrungen benutzt. Dazu sind ja auch die Dichter und dergleichen.
Ottilie schien von ihren Obliegenheiten entweder keine Ahnung zu haben oder keinen Gebrauch machen zu wollen, es kann auch sein, daß sie Berlin mehr für eine Amüsirerholung hält als für ein Arbeitsfeld. Oder hatte sie sich mich scherzhaft gedacht, als sie auf meine Vorschläge einging, an den Ausstellungsberichten mit all' ihren wissenschaftlichen Kräften thätig zu sein und dafür angemessen entschädigt zu werden, nicht nur durch Kost und Unterkommen und rücksichtsvolle Behandlung, sondern auch durch Honorarantheil an dem schriftstellerischen Erwerbe. Man nimmt doch keine Waschfrau, um die Arbeit selbst zu thun.
Von Ottilie verlange ich ja nicht das Gröbste -- das kann ich von alleine -- sondern das wissenschaftliche und Gondoliere sind nicht wissenschaftlich. Deshalb regte es sich in mir.
»Man kann aber auch,« fuhr ich fort, »östlich gehen, leicht abschwenken und durch echt märkische Sandpfade nach Alt-Berlin gelangen. Hast Du den Weg?«
»Wo ist südöstlich?«
»Die Himmelsgegenden ermittelt man mit dem Compaß.«
»Geht das?«
»Nun natürlich. Auf Reisen in Italien und im Orient fand mein Karl die Wege stets mittels Compaß und Plan; diese Kunst ist ebenso einfach, wie unfehlbar, wenn man sich nicht irrt, und im Treptower Park durchaus nothwendig, sobald das Dickicht sich so belaubt, daß selbst das Auge der Aufseher nicht durchdringt, um Jemand zu entdecken, der heimlich den Bleistift zieht und notirt, Zeichnungen aufnimmt oder vielleicht photographirt, worauf so gut wie Todesstrafe steht. Es ist nämlich jegliches verpachtet und unerlaubt; deshalb Vorsicht, Ottilie, daß Dich die Wärter nicht anzeigen, von denen, dem Ton nach zu urtheilen, viele auf der Unteroffizier-Akademie geschliffen wurden.«
»Ich werde mich in Acht nehmen.«
»Du kennst doch einen Compaß?« kehrte ich zu unserem Gegenstand zurück.
»Und wie; sehr genau. Das heißt, im Examen hab' ich ihn gehabt -- -- -- in der Hand noch nicht. Er wird im Norden vom Nordpol angezogen und im Süden vom Südpol und war bereits im Jahre 2133 vor unserer Zeitrechnung den Chinesen bekannt.«
»Vergiß die Jahreszahl nicht, die gebrauchen wir in unseren Berichten. Die Leute sollen sich wundern. Selbst nachgezählt hast Du wohl nicht? Ich meine blos, wenn Einer es noch genauer wüßte und verlästerte uns nachher öffentlich -- das möchte ich Onkel Fritzens wegen nicht. Der höhnt gleich. Aber Du bist ja darauf geprüft.«
»Wenn eine Kanonenkugel mit der Fluggeschwindigkeit von fünfhundert Meilen in der Stunde sich von der Erde auf den nächsten Fixstern zu bewegt, erreicht sie denselben erst nach vier Millionen fünfmalhunderttausend Jahren,« sagte Ottilie rasch und fließend.
»Hilf daran denken, wenn wir über das Riesenfernrohr schreiben, obgleich ich für meine Person es für Unsinn halte, nach den Sternen zu schießen, es sei denn aus rein wissenschaftlichen Zwecken. Da geschieht ja manches. -- Hier hast Du den Compaß, nun suche zunächst Norden.«
Die magnetische Nadel machte ihr Spaß, aber sie konnte sich nicht daraus vernehmen und je mehr ich ihr es auseinandersetzte, um so weniger faßte sie es, bis ich zuletzt ebenfalls das feinere Unterscheidungsvermögen verlor. Auf Reisen war es ja auch hauptsächlich mein Karl, der gleich die Richtung heraus hatte. »Ottilie,« sagte ich deshalb, »in unseren wissenschaftlichen Abhandlungen gehen wir um das Magnetische bogenartig ausweichend herum. Im Park kann man am Ende fragen. Auch stehen an vielen Orten Wegweiser.«
»Entzückend!« rief Ottilie, und legte den Compaß weit weg.
»Ferner müssen wir Bedacht nehmen, daß die Berichte umschichtig gelingen. Erst die Haupthalle, dann Photographie, dann meinetwegen Unterricht und Erziehung, hierauf Hagenbecks Affenparadies, das sich an das Kindliche schließt. Gasindustrie kann mit Gärtnerei abwechseln, dann nehmen wir die vereinigten Destillateure, die Volkswohlfahrt, die größte Kanne, Fischerei, Stufenbahn, Harzbahn, Volksbrausebad...«
»Ich kann keine Brause vertragen.«
»Nur ansehen.«
»Pfui!«
»Ottilie, ich habe Dich schon einmal ermahnt, diese Redensart zu pensioniren. Sollen die Leute fragen, wer mag die junge Dame sein, die so schwach mit Lebensart ist? Bei solcher Gelegenheit müßte ich Dich verleugnen und Dich wieder siezen.«
»Es ist das letzte Mal gewesen, ganz gewiß,« betheuerte sie.
»Schön. Passirt es noch einmal, kommst Du nicht mit nach Kairo, das sie so naturgetreu aufgebaut haben, als wäre man leibhaftig in Egypten.«
»Ach ja, Sie waren ja dort. Wie himmlisch! Wie ich für Kairo schwärme, kann ich garnicht sagen. Diese Lotosblumen, die Palmen mit beschwingten Papageien, die Muselmänner in goldgestickter Seide; alles Marmor und Elfenbein im Glanze des Morgenlandes...«
»Halt' die Luft an, Ottilie, Du machst Dir eine total umgedrehte Vorstellung. Die natürliche Echtheit ist das Bezaubernde; das Zerfallene, die malerische Ungewaschenheit...«
»O, Pf... pfie, wie schade!«
»Na ja, das wollt' ich mir auch ausgebeten haben. Du wirst die Schönheiten Kairos schon unter meiner Leitung herausfinden und, soweit ich das Arabische von damals her noch beherrsche, mit den Beduinen und Fellachen, den Händlern und Eseljungen in Dialog treten. Sie verstehen uns nämlich bedeutend leichter als wir sie. Mit den Neu-Guinea-Leuten am Karpfenteich, der halb die Spree und halb den stillen Ozean vorzustellen hat, stehe ich jedoch in keiner sprachlichen Beziehung.«
»Gehen die Wilden wirklich wie abgebildet?«
»Ich glaube je nach der Witterung, weiß es aber nicht genau.«
»Wollen wir sie nicht lieber auch umgehen?«
»Sie sind unvermeidlich als unsere Kolonialbrüder. Wir müssen sie kennen lernen und sie uns, damit ein bürgerliches Gesetzbuch geschaffen wird, das ebenso für Klein-Popo und Kamerun klappt wie für das große Berlin.«
»Die Gesetze werden doch mit den Menschen geboren!« bemerkte Ottilie.
»Deshalb sind sie auch danach, denn was wird nicht Alles verheirathet? Er zu lang, sie zu kurz oder umgekehrt, und auch in der Breite uneinig, jedoch wegen geistiger Vernachlässigung gegenseitig nichts vorzuwerfen. Talent höchstens zum Absätze krummtreten; Literatur: Litfaßsäulen; Ideal: Wo's die größten Portionen giebt. Und solche Leute insultiren die Lehrer, wenn ihre Kinder es nicht weiter bringen als zu Sitzquartalisten und verlangen vom Staate garantirte Carrière für die Blasenköpfe. Darum ein völlig frisches Gesetzbuch von der gediegensten Jurisprudenz verfertigt mit peinlichster Rücksicht auf die herrschenden Zustände, die manchmal schon keine mehr sind. Wie oft habe ich gehört, daß das römische Recht, wonach sie sich richten, mit dem deutschen nicht stimmt, und das kann es unmöglich. Was wußten die alten Römer von Clavierspielen nach zehn Uhr oder von Maulkörben oder von unlauterem Wettbewerb? Ueberhaupt, was geht uns Rom an?«
»Sie waren dort ja auch! Sagen Sie, Frau Buchholz, macht Italien wirklich den Eindruck eines Stiefels, wenn man darin herunterfährt?«
»Nicht völlig,« gab ich zur Antwort. Dann sagte ich langsam: »Ottilie, die Welt und die Bücher sind zweierlei, Du mußt noch viel lernen und viel vergessen.«
»Warum noch lernen? -- Ich habe mein Examen gemacht und Zeugnisse, daß ich genug weiß. Die Quälerei hab' ich hinter mir. -- Aber ich meine, es ging doch ausgezeichnet mit den vorhandenen Referendaren.«