Hôtel Buchholz. Ausstellungs-Erlebnisse der Frau Wilhelmine Buchholz

Part 17

Chapter 171,715 wordsPublic domain

Ich hatte wenigstens die Briefe, damit konnte er nichts mehr anstiften.

Ich las sie zu Hause durch. Unverantwortlich überschwänglich mit himmlisch und entzückend, mit Liebe und Daseinswonne und Seligkeiten und doch kein Satz aus dem Herzen, sondern aus Büchern, ebenso wie ihre Wissenschaften eine bloße Behaltssache mit dem Kopfe; nichts Innerliches. Solchen Brast hatte ich oft genug gelesen; wahrscheinlich in denselben Romanen, woraus Ottilie sich mit Liebesweisheit belernte. Nein, geliebt hat sie Kriehberg nie. Es war die reine Gymnasialpoussade, nicht mehr und nicht dauerhafter, ohne einen Fleck zu hinterlassen, obgleich man nie vorsichtig genug sein kann! Umgang färbt ab.

Und doch der Schreck, als Kriehberg am Spätnachmittage erschien... Natürlich Herrn Viedt vor den Kopf gestoßen und der Tanz beginnt von Neuem, war meine feste Ueberzeugung.

Aber gottlob nein. Der Himmel hatte ein Einsehen gehabt mit meinen Leiden. Er war angenommen, am folgenden Tage ging es nach Hamburg und von da in die neue Welt, neuem Leben entgegen. Nun wollte er mir danken.

»Herr Kriehberg,« sagte ich, »daß Sie glauben, mir Dank schuldig zu sein, nehme ich als ein Zeichen Ihrer Reue an, im Uebrigen will ich Ihren Dank nicht. Was ich für Sie ausgelegt habe, steht zu Buch. Sie werden mir es wiedererstatten, wenn Sie in Dollars wühlen. Wir haben blos geschäftlich miteinander zu thun. In meiner Zuneigung haben Sie weder Sitz noch Stimme.«

»Wenn Sie wüßten, wie die Gesellschaft mich behandelt hat, diese selbstsüchtige, verlogene Brut, die mir feindlich gesonnen ist von jeher, die mich nie verstanden hat...«

»Ach was, Gesellschaft! An Ihnen liegt es, daß Sie überall gegen rennen. Sie wollen mehr für Ihr Bischen Können haben, als es werth ist, das ist Ihr Zorn. Verstehen Sie die Welt, dann werden Sie wieder verstanden werden.«

Das mochte er nicht hören, er empfahl sich mit einer kurzen Verbeugung und verschwand. --

Ich athmete auf, die Luft war rein. Aber ganz frei fühlte ich mich erst, nachdem ich dem Vetter die Unterhaltung mit Kriehberg erzählt hatte. »Wenn jetzt nichts aus ihm wird, trifft mich keine Schuld,« schloß ich, »an ihm ist gethan, was gethan werden konnte.«

Der Vetter lächelte. »Keine mächtigere Gunst als Frauengunst,« sagte er. »Nach meinem Urtheil ist Kriehberg ein Mensch, der immer wieder angebracht werden muß, da er selbst sich meistens unmöglich macht. So einer ist auf Protection angewiesen und findet sie auch, so bald es ihm gelingt, mit doppeltem Boden als vielversprechendes Talent zu imponiren und als verkanntes Genie Mitleid zu erwecken. Und hat er einmal die Gönnerschaft eines weiblichen Herzens gewonnen, bleibt sie ihm und hilft ihm vorwärts, auch wenn er sie nicht mehr verdient!«

»Sehr richtig, Herr Vetter, als wenn ich Tante Lina leibhaftig vor mir sähe; meine Gunst dagegen hatte Kriehberg längst verscherzt. Aber sagen Sie selbst, hätten Sie es über sich gebracht, ihn in seiner Laufbahn zu behindern? Schließlich dauert er Einen doch und er kann sich ja auch ändern.«

»Vielleicht findet er eine liebende Gattin, die ihn erzieht.«

»Für seine Zukünftige wäre das Beste, er bliebe unverheirathet. Oder auch er kriegte seinen Lohn durch sie. Die Vorsehung wird schon wissen, wie sie's anfängt« --

Mein Karl mußte noch einmal in seine Fabrikwohnung ziehen, da ich Ottilie bei mir hatte.

Es war ein wunderliches Wiedersehen, als sie kam und nicht wußte, ob es Schelte gäbe oder gute Worte und er dabei war, ihr Bräutigam. In seiner Gegenwart mich einer Kanzelrede für fähig zu halten, traute sie mir nicht wohl zu, aber wäre inhaltlose Höflichkeit nicht eben so hart gewesen, wie ein Ausputzer mit Amen und Sela? Genug, sie fürchtete, ob ich doch nicht...

Nein. Als sie zögernd dastand und ihre Blicke schüchtern baten, breitete ich die Arme aus und sie umhalste mich schluchzend und bebend.

»Kind, Kind, es ist Alles gut,« sagte ich und flüsterte ganz leise: »Alles, Alles.«

Sie mußte verstanden haben, was ich meinte. Nun ließ sie mich erst recht nicht los.

»Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben,« wandte ich mich an Rudolph. »Sie sind mir der Rechte. Sie versprechen mir, keine Thorheiten zu begehen -- ja, das haben Sie -- und kaum bin ich aus der Sehatmosphäre, entführen Sie Ottilie.«

»Das war doch keine Thorheit.«

Als er das sagte, lachte er über das ganze Gesicht. Und ich... ich lachte mit. --

Herrn Braun's Eltern waren im Hôtel de Rome abgestiegen, mein Pfuschhôtel konnte ich ihnen nicht gut anbieten; sie sind es vornehm gewohnt, wenn auch nicht ausgeschlossen ist, sie einmal in richtiger Berliner Manier bei uns zu sehen, mit warmem Abendbrot, einfach und gediegen und dafür lieber etwas reichlich. Die Leute sind wirklich nette Leute. Obgleich so reich, mußte ihr Sohn von der Pike auf dienen, arbeiten und schlossern und schmieden und zeichnen und rechnen, als hätte er nichts zu erwarten. Und deshalb hatte er auch die Freiheit nach seinem Herzen zu wählen. Er konnte etwas und stand auf eigenen Füßen.

Und dabei die Ungermann, des älteren Herrn Brauns' Schwester. Familienäpfel fallen doch manchmal sehr weit vom Stamm. Oder aber Ungermann hat sie schädlich angewöhnt. Der ist nach keiner Richtung empfehlenswerth. Denn anstatt von meinem Karl einen größeren Posten zu kaufen, hat er eine Lappalie bestellt und unserem Konkurrenten alle verregnete Waare billig abgenommen und sonst noch viel dazu. So etwas gehört sich nicht. --

Braun's besuchten die Ausstellung nicht des Vergnügens wegen, sondern in wichtigster Absicht. Es galt, dem Sohn ein eigenes Heim einzurichten, und wo konnte das Zubehör besser ergründet und beschafft werden, als da, wo das Beste und Schönste nahe bei einander war?

Das höchste Ziel des heutigen Menschen ist eine eigene Villa. Ottilie hatte es erreicht. Die Pläne waren bereits entworfen, die Ausstattung stand fertig in den Hallen der Ausstellung. Wir brauchten blos aussuchen. Brauns _senior_ bezahlte.

Wie ganz anders doch die einzelnen Gegenstände erscheinen, wenn sie erworben werden sollen und nicht als gewerbliche Anstauungsleistungen ermüden. Und Möbel haben wir gewählt: propper! Die Villa wird kostbar. --

Auch die Hochzeitsreise ist bereits geographisch abgesteckt, mit Madrid als Endpunkt. Nun kommt Ottilie dahin, und kann die spanische Residenz mit ihrer Examensarbeit vergleichen. Rudolph sucht eben jeden ihrer Wünsche zu erfüllen, selbst den weitesten. Wenn sie nur nicht verwöhnt wird. Aber Mama Brauns ist eine kluge Frau. Und Ottilie ordnet sich ihr unter aus freien Stücken. Sie hat ja eine Mutter in ihr wieder.

Als ich mit Ottilie allein war, am ersten Abend nach ihrer Rückkehr sagte ich: »Reich mir mal die Schweden und mach die Ofenthür auf.«

Nachdem sie dies gethan, hielt ich ihr ein Päckchen Papiere hin und fragte: »Kennst Du diese?«

»Meine Briefe!« rief sie verlegen.

»Deine Jugend-Dummheit. Von ihr soll nichts bleiben, als Staub und Asche. Weg und aus!«

Wie der Ofen voller Flammen prasselte, sagte ich: »Schade, daß wir Deine Wissenschaften nicht mit eins verbrennen können, oder ergiebst Du Dich ihnen auch noch ferner?«

»Nein, nein!« erwiderte sie rasch.

»Du hast noch manches nachzuholen, wobei Dir die Wissenschaft im Wege ist. Du mußt Hausstand studiren und Nahrungsmittel lernen und Dienstmädchen regieren und...«

»Meinen Rudolph glücklich machen.«

»Kind, das ist das einfachste von der Welt: Liebe ihn mehr als Dich.«

Sie faltete unwillkürlich die Hände und senkte schweigend das Haupt. Ich küßte sie.

Wenn ein Engel durch das Gemach flog, weiß ich wohin er ging mit dem stillen Gebet um Liebe. --

Die Verlobungsfeier fand in dem runden Thurmgemach im Hauptrestaurant statt. Auf der Ausstellung hatten die jungen Leute sich gefunden, dort wollte Rudolph uns alle an seinem Bräutigamsglück theilnehmen lassen. Wir kamen auch sämmtlich -- Sanitätsraths hatten eigens nur dürftig zu Mittag gegessen -- und Butsch und Frau hatte er gebeten, war sie doch sein Compagnon. Daß heißt Antheil wollte er nicht, das war Scherz gewesen, dagegen die Barometer-Idee der Butschen hatte er beim Patentamt gehißt. Zweitausend und hundertundfünfzig Mark hatte sie nach Abzug der Musterschutz-Auslagen bekommen und für später waren Procente in Aussicht.

Sie, die Butschen, strahlte, als ich ihr zu dem Erfolge gratulirte. »Wer hätte das für möglich gedacht?« sagte sie, »aber es ist so. Butsch will, daß ich noch ein Mädchen halte und blos noch sitze und erfinde.«

»Haben Sie denn schon wieder etwas?«

»Ach nee und wenn ich noch so blödsinnig nachdenke. Und Butsch thut es auch nicht gut. Der wird schon en ganzer Simulante.«

»Wie so?«

»Na ja, er simulirt in eins weg Barometer. Aber er bringt sie nicht zum Hacken.«

»Daß er nur sein Geschäft nicht darüber versäumt. Am Vorbei-Erfinden ist schon mancher zu Grunde gegangen.«

»Ach nee, da paßt er auf. Seine Weiße ist die Beste überall in der Gegend. Es kommt auch kein Tropfen Wasser mehr mang, als muß. Er will nicht an Ausstellungsfremden verdienen, wie viele thun. Butsch weiß, was er der Ehre Berlins schuldig ist.«

»Ja, ja,« sagte ich. »Es hat so jeder seine Ehre.«

»Wie meinen Sie das?«

»Liebe Butschen, so ausgezeichnet Sie auch im Erfinden sind, die Fragen der socialen Gesellschaft zu lösen muthe ich Ihnen nicht zu und wenn Sie noch drei Mädchen nähmen. Auch ist hier nicht der Ort für dergleichen. Kommen Sie, es geht zu Tisch. Wir werden vergnügt sein, so recht von Herzen vergnügt.«

»Buchholzen! Sie treffen doch immer die Gefühle Anderer mitten auf den Kopf. Wenn Eine vor Lust krieschen möchte, bin ich es. Blos ich habe Bange, daß Butsch zu viel kriegt. Dann singt er. Passen Sie auf, er singt.«

Wir aßen und tranken und waren froh. Es war zu hübsch. Und so schön auch Gemach und Tafel waren, mit Blumen und kostbarem Gedeck, das schönste war doch das Brautpaar. Und wir Alle freuten uns an ihrem Glück.

Als es dunkelte, begann draußen die Illumination. Wir traten an die Fenster und blickten auf den lichtumrankten See, auf den Flammen-Springbrunnen und das Hauptgebäude, das wie ein Riesenschloß in feurigen Umrissen gegen den Nachthimmel stand. Und die Töne der Musik drangen herauf in jubelnden Weisen.

»Ein Fest der Arbeit ist die Ausstellung,« sagte der alte Herr Brauns. »Möge allzeit Segen ruhen auf redlicher Arbeit, sie ist die Kraft des Vaterlandes.«

Rudolph winkte. Die Lohndiener brachten frisch gefüllte Gläser mit Dressel's bestem Rheinwein.

»Der Deutschen Arbeit in Deutschem Wein!« rief er, »Ihr gilt dieses Glas.« Und dann noch eins:

»Auf das, was wir lieben!«

Und Herr Butsch stimmte an:

»Hoch soll'n sie leben. Dreimal hoch!«

Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buchdr.), Naumburg a/S.

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