Hôtel Buchholz. Ausstellungs-Erlebnisse der Frau Wilhelmine Buchholz

Part 16

Chapter 163,710 wordsPublic domain

Doch das hat noch gute Wege, denn von erhöhter Bildungsarbeit haben sie keinen Dunst. Ihre Hauptbeschäftigung ist herumlaatschen und sich die Zeit mit Langweile vertreiben. Man liest ja auch, daß verschiedene Stämme unter Tänzen und Freuden dahinleben, ohne die Sorge des Lebens zu kennen. Und das ist wahr, viel Sorgen machen die Weiber sich nicht. Wenn sie kochen, besteht ihre Maschine aus ungehobelten Feldsteinen und um ihr Geschirr zu scheuern, greifen sie beliebig in den neben ihren Füßen befindlichen Erdboden, nehmen eine Handvoll und klarren Pfannen und Kessel damit aus. Wenn das nicht sorglos ist, weiß ich nicht, was sonst! Vielleicht ihre Kleidung? Was die Kinder anbetrifft, die haben blos Natur an. Sonst sind sie süß. Es muß an den Augen liegen. Kinderaugen sind doch wohl auf der ganzen Welt dieselben.

Es war eine Mutter vor einer Hütte. Sie saß im Grase und spielte Pitsche-Patsche mit ihren Kleinen. Die jauchzten vor Lust und das junge Weib strahlte vor Glück. Ihre Augen leuchteten, ihre Lippen lächelten und die weißen Zähne schimmerten beneidenswerth. Ich glaube, die Liebe ist auch dieselbe, so weit die Erde rund ist.

Wir gebildeten Europäer standen an dem Gehege und sahen zu. Manche riefen Redensarten, die sie gottlob nicht verstanden, aber mir schien, als wenn die Frau unter ihrer Wangenschwärze erröthete, wenn den Schnodderigkeiten wieherndes Gelächter folgte. Sie erhob sich und blickte die Weißen an. Was sie wohl dachte? Dann nahm sie ihre Kinder an der Hand und verzog sich in die Hütte. Und wir verzogen uns auch.

»Die wären richtig weggegrault,« sagte Onkel Fritz. »Haben sie Dir gefallen, Erika?« -- Seine Frau schwieg. Nach einer Weile sprach sie: »Die Frau that mir so leid.«

Von großem Interesse waren uns die Zauberhütte und die Götzenbilder, weil Niemand Gewisses darüber weiß. Gerade das Geheimnißvolle reizt. Selbst der Amtsrichter konnte keine Auskunft geben. Dagegen erklärte er uns das Versammlungshaus der Papuas. Kein Weib darf die Baracke betreten und vor allen Dingen nicht die große Trommel erblicken, auf der sie das erzeugen, was als Heidenlärm bekannt ist. Solche Furcht haben sie vor ihr, daß sie erschreckt fliehen, sobald darauf gebummert wird. Ja, sie glauben, sie müßten sterben, wenn sie die Trommel blos sähen. Solchen Aberglauben haben die Männer ersonnen, damit sie ungestört ihre Feste und Schmausereien feiern können und keine Frau sie von den Gelagen heimholt.

»Ganz wie bei uns mit Herren-Abenden,« sagte ich. »Aber die Vergeltung rührt sich schon. Wie denken Sie über Frauenemancipation, Herr Vetter?«

»Ich bin für die Freiheit der Frauen,« entgegnete er höflich.

»Siehst Du,« stieß ich Onkel Fritz an. -- »Eben deshalb heirathet er nicht,« sagte der.

Ich überhörte diese Unziemlichkeit, um uns nicht aufzuhalten. Denn noch lag die Kolonial-Ausstellung vor, die als eine Darstellung von Sansibar aufzufassen ist, in einer Mischung von afrikanischen Gebäuden und Berliner Erfrischungshallen. Eine bedeutende Sache. »Wir müssen festhalten, was wir haben,« sagte der Vetter, »ich freue mich, einen Einblick in die Wichtigkeit unserer Kolonieen zu erlangen. Hätte die Berliner Ausstellung nichts weiter gebracht, als diese Abtheilung, es wäre genug, ihr zu danken. Aber das genaue Studium erfordert Tage.«

Darin hat er recht. Allein schon das Tropenhaus giebt ein Bild von der Production, dem Handel, dem Verkehr und der Lebensweise des Europäers in unsern Schutzgebieten, vom Auswärtigen Amte hingebaut. Und sollte man denken, die eisernen Pfeiler, auf denen es ruht, sind unten mit ölgefüllten Becken umgeben, damit die Ameisen nicht hochkriegen und Alles zernagen, was sie vorfinden. Und unten hat die Luft freien Durchzug, die Fieberdünste wegzuwehen.

Drinnen die Möbel sind zum Theil aus dem schönen Neuguineaholz, ungeleimt, der Feuchtigkeit wegen und mit Messingschrauben zusammengehalten; ebenso sind Schlösser und Schlüssel aus Messing wegen des Rostens. Jegliches ist für das Klima ausgetiftelt und zwar in Berlin. Die Gesammteinrichtung gefiel uns, besonders das Speisezimmer mit gedecktem Tisch, worauf in Wachs geformt die köstlichen Früchte lagen, die zur Speise dienen, und oben an der Decke die Punkah, ein Riesenfächer, den an der Tafel Sitzenden Kühlung zuzuwehen. An den Wänden die Gemälde schilderten die Gegenden, die Jagden und die Schlachten mit den Feinden und was sonst sich malerisch in Oelfarbe ausdrücken läßt, wie z. B. unsere Schutztruppe in graugerippten Sammt und Naturlederzeug mit Gamaschen und Tropenhut; kolossal schneidig. Auch das Schlafzimmer des Gouverneurs war besichtigungshaft. Einer selbst war nicht drinn, wohl aber sein Bett mit Fliegenschleier, Nachts die Mosquitos abzuwehren. Ich warf hin: »Wen das Gewissen nicht sticht, der schlummert auch ohne Gazevorhänge. Gegen Wilde sei man milde.«

»Du sollst in der letzten Zeit mächtig unruhig liegen,« sagte Onkel Fritz mir leise. -- »Ich wüßte nicht, wann ich Dir etwas vorgeschlafen hätte?« gab ich zurück. -- »Auch nicht nöthig, ich seh Dir doch an, daß Du nicht in Deiner gewohnten Gemüthsverfassung bist. Ist Kriehberg endlich beseitigt?«

»Nicht eher, als bis die Papuas ihn am Spieß braten. Er wankt nicht. Er behauptet, wir lögen ihm vor, daß Tante Lina ihr Geld fest verankert hätte und will auf Entschädigung klagen, wegen des Aufwandes, den er machen mußte, um standesgemäß mit Tante Lina und Ottilie aufzutreten.«

»Laß ihn klagen.« --

»Fritz, Alles -- nur nicht vor die Schranken. Siehst Du, Richter können zu reizend sein, wie der Vetter, aber hängt ihnen den Talar um und sie sind unsicher. Paß acht, Kriehberg kriegt Recht. Er geht ans Reichsgericht. Das spricht ihm Ottilie zu und mir die Kosten. Wie das noch endet, weiß ich nicht. Mir steht der Verstand still.«

»Das merke ich. Warum legst Du dem Vetter den Fall nicht vor?«

»Der hat Ferien und will sich amüsiren.« --

»Wer sagt denn, daß er sich nicht darüber amüsirt?« --

Es kam mir eine Erleuchtung. Die Vorsehung will es, warum hat sie uns sonst einen Amtsrichter in die Verwandtschaft gebracht? Auch sind Ferien ohne jegliche Thätigkeit ungesund.

Mir wurde licht und froh im Sinn, gerade so als wenn man sich in fremder Umgebung verlaufen hat und sieht plötzlich ein Wirthshaus. Wir eilten den Anderen nach, die die Hospital-Einrichtung des Tropenhauses in Augenschein nahmen.

Bei all dem Obst und den Fieberlüften, den Ameisen und Gewürmen und Kämpfen können Krankheiten nicht ausbleiben und da ist denn der »Deutsche Frauen-Verein für Krankenpflege in den Kolonieen«, der in hilfreichster Weise für die Siechen in dem fernen Land sorgt, wo nichts zu haben ist, was Leidende benöthigen. Wie es in den Kolonieen zugeht und wie die Frauen hier nun thätig sind, das erfährt man aus der Vereinsschrift »Unter dem Rothen Kreuz«, die ich sofort bestelle. O, wie viel können wir da wirken für unsere Landsleute und für die Schwarzen. Güte bindet fester als Gewalt.

Auf dem Liebesgaben-Tische hatte Erika einen mit Kerzen geschmückten Tannenbaum entdeckt. Er stand groß und breit zwischen den anderen Sachen, aber er war uns nicht aufgefallen, da wir ihn für putzende Grünigkeit hielten. Der Baum war ein künstlicher aus Gedrath und grünen Stoffnadelzweigen, täuschend wie eine Tanne aus dem Walde. Es war ein zweiter solcher Baum vorhanden, eng in eine Blechbüchse verpackt, nicht größer als ein einigermaßener Regenschirm, daß er sicher verlöthet, bis mitten in Afrika hinein versandt werden und überall um die Weihnachtszeit fast zwei Meter hoch aufgebaut werden kann, wo Deutsche weilen, die sich vergebens nach der Tanne sehnen, weil sie dort nicht wächst. Und ein Fläschchen ist dabei mit Tannenduft. Der wird auf den Baum gesprengt. Die Lichter brennen, Goldfrüchte hängen daran und in der Spitze schwebt der Engel mit dem Stern. Dann ist Weihnacht, deutsche Weihnacht. Die Fremden und die Wilden sehen das und fragen, was es bedeutet? »Deutsche Sitte,« wird ihnen gesagt. »Kommt und feiert mit uns das Fest der Liebe.«

Wenn wir Erika nicht bei uns gehabt hätten, wir wären achtlos vorübergegangen. Sie aber sah und fragte und uns wurde Bescheid. Onkel Fritz schrieb sich die Verfertiger auf, sie hießen C. Nicolai Söhne und wohnen in Hamburg. Er will überseeischen Geschäftsfreunden solche Tannenbäume verehren. Er weiß, was er thut.

Wir erlebten darauf im Freien den Aufzug der Afrikaleute. Es muß wohl so sein und sie sind wohl auch derselben Meinung. Männer, Weiber, Kinder schritten daher und machten ihre Musike, die mir klang wie orientalische Musik überhaupt. Die ist, als wenn Teppiche geklopft werden und Einer lernt Clarinette dazu.

»Nun, Schwager?« fragte Onkel Fritz. »Wie gefallen Dir die Kolonialbrüder und Schwestern?« -- »Gar nicht,« sagte mein Karl, »was haben wir von ihnen?«

»Sieh doch nur genau hin, mich dünkt, die Strümpfe, die ihnen an den Stellen herunterhängen, wo sonst die Waden sitzen, könnten aus Deiner Fabrik stammen.« -- Mein Karl prüfte. »Es sind von meinen halbwollenen,« sagte er, »die rothblaue Borde ist ein Versuch, der nicht recht einschlug.« -- »Das ist eben der Segen der Kolonieen, wie ich Dir vor Jahren bereits gesagt habe: Die Wilden sind hundert Meilen hinter dem Leipzigerstraßengeschmack zurück.« -- »Ganz zu verwerfen sind Kolonieen doch am Ende nicht,« erwiderte mein Mann. -- »Karl,« sagte ich und wies auf einen besonders schlampigen Neger, »wenn alle so mit den Wollwaaren umgehen, wie der lange Lulei, kann der Absatz riesenhaft werden. Der hat schon mindestens vierzehn Zehen durchgestochen.«

Seit dieser Beobachtung ist mein Karl für Afrika etwas geneigter. --

Von Sansibar begaben wir uns nach Kairo. Als mein Karl und ich es zum ersten Male besuchten, genossen wir reine Wiedersehenswonnen und ein über das andere Mal riefen wir: sind wir denn wirklich nicht im Pharaonenlande, wo wir unvergeßliche Wochen zubrachten? So getreu ist das Kairo an der Coepenicker Chaussee hingestellt, mit Arabern, Beduinen, Fellachen, Eseln und Eseljungen besiedelt. Wir schwelgten über jedes, das wir als lieb Bekanntes begrüßen konnten. Es war mein einziger Wunsch, noch einmal hin nach Kairo, aber ich hatte ihn aufgegeben. Und nun wurde er so dichte bei erfüllt.

Wir trafen Leute, denen war unsere Begeisterung lachhaft. Die hatten sich unter Kairo ganz etwas Anderes vorgestellt: Flitterprunk, ungefähr als wenn im Opernhaus großes Galla-Ballet neu ist. Sie wußten nicht, daß der Orient allmählich untergeht, zerbröckelt und zerfällt, und ahnen nicht, daß die Gluthsonne des Morgenlands dazu gehört, ihn zu vergolden. Ich sagte: »Lesen Sie, Buchholzens im Orient, da steht's drin.« Was soll ich mir Quesen in den Mund reden, gegen vorgefaßte irrige Meinungen? Und wenn ein arabischer Stiefelputzer -- es ist ja Horde die Bande, aber komisch und unverwüstlich -- seine rasch gelernten deutschen Brocken redete, was sagten sie dann?

»Ackerstraße,« sagten sie, als wenn Berliner Schusterjungen gefärbt wären.

Es wird eben so viel gefälscht, daß die Leute bald an nichts Echtes mehr glauben.

So etwas verdrießt. Und gar zu viel Handel und Unfug treiben sie. Nicht die Egypter, nein die wirklich aus der Ackerstraße mit einem Tarbusch auf dem Kopfe und Pantinen im Benehmen.

Der Vetter verstand, das Echte vom Unechten zu scheiden, und Erika war wie in der Welt der Phantasie, die nahm das Ganze, wie es sich bot. Mit den Beiden die Bazargassen zu durchwandern, das war ein Vergnügen. Ich zeigte ihnen die vergitterten Haremsfenster. -- »Arme Frauen,« sagte Erika.

Und in der Arena, die Beduinen auf ihren arabischen Pferden, wie sie daherstürmten und aus ihren langen Flinten schossen. Selbst Onkel Fritz meinte: »Hier könnte Renz auf die hohe Schule gehen.« Und der Hochzeitszug mit Kameelen und Sänften und dem farbigen Egyptervolk. Wer das sah, kann sagen, er hat ein Stück Orient gesehen.

Und alles das, die ganze Stadt doch nur ein Sommertagtraum. Wo jetzt die Moscheen stehn und die krummen Straßen Kairo sich hinziehen, grünen im nächsten Frühjahr die Kornfelder und wo der Muezzin zum Gebet rief, singt die Lerche. Kein Edfu-Tempel, keine Pyramide mehr, dahin, dahin. Und der Wind, der die Palmen nicht mehr findet, eilt weiter über die märkische Ebene, wie er gewohnt ist von jeher. Dann sind die Egypter bei den ihrigen und erzählen von Berlin Kebir, dem großen gewaltigen Berlin, und wir erzählen uns von der Märchenstadt am Nil, die zu Besuch war an der Spree.

Die Pyramiden sind ein Weltwunder des Alterthums. Daß sie mit Sack und Pack auf Reisen gehen, das ist ein Weltwunder unserer Zeit. Was unsere Nachkommen wohl anstellen, um die Vergangenheit zu überbieten? Denn mehr als Radschlagen kann der Mensch nicht.

Glückliche Leute.

Noch einige Tage und mein Hotel steht leer. Der letzte Gast, der Vetter Amtsrichter, muß wieder in Dienst. Daß ein so liebenswürdiger, hochgebildeter Mann von Verbrechen leben muß! Aber andererseits, wenn blos Edles auf Erden begangen würde, wären die gesammte Jurisprudenz brodlos, und es sähe für reich betöchterte Familien noch flauer aus als jetzt, wo zum Aufziehen gebildeter Weiblichkeit die Gelegenheiten immer massenhafter, die zum Versorgen jedoch immer zählbarer werden. Da steckt es.

Wir sehen ihn ungern scheiden und hoffen von nun an in regerem Verkehr zu bleiben, wenigstens einmal im Jahre, und dann auf längere Wochen. Die Uhren ticken freilich ihren gleichen Schritt, aber die Zeit wird eilsamer im Alter, und Wochen fliehen wie Tage und die Tage wie kurze Stunden. Kaum hatten wir uns über das erste Grün gefreut, und nun fielen schon gelbe Blätter hier und da. Und doch war der Sommer nicht eigentlich heiß gewesen, ausgenommen für mich. Mir war nicht schlecht eingekachelt worden.

Doch das war vorbei.

Ottilie schrieb mir reumüthige Briefe. Es war ja auch nicht 'was, durchzubrennen, während ich mich in ihren Angelegenheiten Reisegefahren aussetzte, aber indem sie um Verzeihung flehte und schriftlich über sich nachzudenken gezwungen war, kam sie zu der Erkenntniß ihrer Unvollkommenheiten, und den Gewinn schlage ich als ihre beste Mitgift an. Auch Musjeh Urian, ihr Verlobter, gestand seitenlang seinen Frevel ein und bat um mein ferneres Wohlwollen. Kann man ihm denn böse sein?

Verliebte sind unzurechnungsfähig, und Rudolph mußte man lassen, daß er verhältnißmäßig vernünftig gehandelt hatte, wenn man sich es recht benahm. Denn wie verliebt war er trotz Ottiliens Fehlerhaftigkeiten. Schöne Gestalt hat große Gewalt.

Das hatte Kriehberg auch an sich erlebt, obgleich nicht so wie Rudolph, sondern mehr mit Geldnebengedanken.

Ich fragte den Vetter Amtsrichter: »Wenn Einer von Einer schriftliche Indizien verwahrt und derselbe beabsichtigt, wenn diejenige demjenigen, der dieselben besitzt, denjenigen vorzieht, welchen dieselbe später kennen lernte, mit denselben zu schikaniren und derselbe sich nicht entblödet in das Ja vor dem Geistlichen hineinzufahren. Darf derselbe das?«

Der Vetter entgegnete: »Ich habe Sie nicht ganz verstanden, verehrte Cousine.«

»Das wundert mich, ich gab mir doch Mühe, Amtsstil zu reden.«

»Der ist bisweilen selbst ergrauten Actenlesern zu viereckig, als daß sie daraus klug würden. Aber wenn Sie die Güte haben, mir den Fall in der gewöhnlichen Umgangssprache mitzutheilen, hoffe ich, Ihnen Auskunft geben zu können. Und wenn ich bitten darf, ohne Voreingenommenheit und ohne Beschönigung.«

»Zu beschönigen ist nichts, Kriehberg ist, wie er ist, ein Subject.«

»Erlauben Sie, das scheint mir parteilich.«

»Wo denn? Wenn ich Partei nehme, doch für Rudolphen, und von dem hab' ich kein Sterbens-Atom erwähnt.«

»Ahem!« sagte der Vetter. »Liebe Cousine, so kommen wir nicht weiter. Also zunächst der genannte Kriehberg. In welchem Verhältnis stehen Sie zu ihm?«

»Herr Vetter, solche Fragen muß ich mir dringend verbitten. Ueberhaupt Kriehberg! Ich kenne keinen Menschen, mit dem ich quaranzetter stände, als mit ihm.«

»Ich verstehe. Waren Sie von Anfang an derselben Meinung?«

»Herr Vetter, wie jemand sich entwickelt, solchen Verlauf nimmt die Freundschaft!« Und nun erzählte ich ihm von den Berichten und von Kriehberg und Ottilie als Hilfs-Assistenten und von Tante Lina in ihrer Eigenschaft als Erbvorspieglerin und von Rudolph und Ottilien, als wirkliche Liebe, und von Kriehberg's Eifersucht und von Ottiliens Entführung und Kriehberg's Herausforderungsgelüsten, die sich sogar bis auf mein Lamm von Mann erstreckten. »Warum ist es nicht möglich, das Duell mit Stumpf und Stiel auszurotten?« fragte ich.

»Weil die Ehre, Gott sei Dank, noch lebt, die höher steht als das Leben. Ihr Hort gegen Vergewaltigung und Heimtücke ist der Zweikampf. Wer sich an die Ehre wagt, wisse, daß er sein Leben auf's Spiel setzt.«

»Ganz recht, auf den Zufall! Der entscheidet.«

»Wie im Kriege um die Ehre des Vaterlandes, der Sieg oft Werk des Zufalls ist. Wer die Ehre nahm, mag auch das entwerthete Leben nehmen oder das seinige lassen als Sühne. Wie es sich fügt.«

Die Antwort hätte ich mir denken können; die Schmisse des Herrn Vetter -- sie stehen ihm nicht übel zu Gesicht -- sagen ja offenkundig, daß er schon als Jüngling mannhaft für sich eintrat.

Und Rudolph hat auch so einen Kratzer auf der Stirn, von der technischen Studentenzeit und dem Farbentragen. Der geht los. Deshalb fragte ich: »Es existiren doch Festungen. Ist keine frei für Kriehberg, ehe er beleidigt und zwar mit lebenslänglicher Beköstigung?«

»Nein,« sagte der Vetter, »die Freiheit eines Menschen einzuschränken ist nicht gestattet.«

»Aber wenn man doch weiß, daß er Unheil anrichten wird?«

»Auch dann nicht.«

»Warum leben wir nicht mehr in Alt-Berlin, Herr Vetter? Damals saß die Senge loser als heute.«

»Sie machen sich unnöthige Sorge. Wenn das Fräulein die Verlobung rückgängig machen will, werden wir ausreichende Gründe finden. Er vermag ihr keinen Unterhalt zu bieten, sein exaltirtes Wesen deutet auf geistige Störung. Ist ihm irgend ein verschrobener Verwandter nachzuweisen, liefern wir ihn den Psychiatern aus.«

»Ist das sehr etwas Schlimmes?«

»Bei einem Anhänger Lombroso's ist er so gut wie verloren, dem genügt schon eine dämliche Kinderfrau zur erblichen Belastung bis ins vierte Glied.«

»Das ist Alles recht schön; aber wer hindert ihn, das Glück der Beiden durch seine Unvernunft zu stören? Und da Ottilie nicht frei von Schuld ist, welch' ein Brautstand wird das, welch' eine Ehe? Das ist meine Behauptung. Und solche Verbrechen an Glück und Freude sind straflos?«

Dies sah der Vetter ein. Glück muß rein sein, sonst ist es kein Glück.

Er ließ sich Kriehberg's Adresse von mir geben, von ihm selbst zu erfahren, ob er aus Liebe handele oder aus Eigennutz. -- »Von jedem etwas,« sagte ich »halb sauer und halb mit Essig.« --

Als der Vetter wiederkam, waren wir einen Tippel klüger, aber auch nicht mehr. Kriehberg wollte gegen eine Abstandssumme zurücktreten und Ottiliens Briefe herabrücken.

Es waren man blos 5000 Mark, mehr nicht. Und die sollte ich berappen. Wer sonst?

Ottilie verfügte nicht über so viel. Und Rudolph konnte doch unmöglich seine Braut kaufen? Blieb ich allein vor dem Rest sitzen.

Oder Tante Lina.

Aber die konnte ja nicht an das Ihrige heran.

Machte ich mir wirklich ungelegte Eier, wie der Vetter meinte: »Genau genommen, geht Sie die ganze Angelegenheit gar nichts an.«

Wie oft hatte ich mir das einzureden versucht, und Onkel Fritz sagte es auch. Es half jedoch nicht. Mir war Ottiliens und Rudolphs Zukunft zur Herzensfreude geworden. Daran lag es, daß ich Unheil von ihnen zu wenden suchte, was jedoch erschwert wurde durch Ottiliens Rückkehr.

Rudolphs Eltern wollte sie zu mir bringen, meinen Karl und mich kennen zu lernen, und die Verlobung sollte gefeiert werden.

Und wenn wir rufen: »Hoch lebe das Brautpaar!« und Kriehberg stürzt herein und vollführt Aufruhr? Oder schießt gar? Und keiner mag an die Stunde zurückdenken, die sonst wie eine Sonne aus der Erinnerung in's Leben hineinstrahlt, wenn trübe Tage kommen. Weder Rudolph noch Ottilie. Und können sie auch nicht vergessen.

Ich setzte mich hin und weinte.

Dorette meldete Besuch.

»Ich kann Niemanden empfangen, ich habe Migräne.«

»Det paßt jrade. Der Herr is ooch wat Feines.«

»Mein Mann ist im Kontor.«

»Nee, er will bei Madame,« sagte Dorette und hielt mir die Karte hin.

Dorette hatte die Thür halb aufgelassen. »Verzeihen Sie, wenn ich ungelegen komme, aber meine Zeit ist gemessen.«

»Ich blickte hin, der Herr war mir fremd... und doch bekannt. Wo hatte ich ihn gesehen? Richtig, auf der Ausstellung. Er war es, Johannes Viedt.«

»Sie kommen von Tante Lina?« fragte ich, ohne die Vorstellungsförmlichkeiten zu erledigen.

»Ich bringe Grüße von ihr. Und um kurz zu sein, sie hat mich gebeten, einem jungen Manne in seinem Fortkommen drüben behilflich zu sein, einem Architekten...«

»Ja, ja,« unterbrach ich ihn. »Kriehberg heißt er, eine außerordentliche Kraft...«

»Freut mich zu hören. Für einen tüchtigen Baumeister ist bei uns ein lohnendes Feld. Ich selbst habe große Unternehmungen vor in St. Louis. Sein Weg ist gemacht, wenn er sein Fach versteht.«

»Besser als die anderen, er baut Ihnen Alles.«

»Sonderbar, und doch kämpft er mit Schwierigkeiten?«

»Wo soll er hier seine Kräfte entfalten? Aber drüben in dem freien Lande wird er Bedeutendes leisten.«

»Freut mich. Die Dame nimmt innigsten Antheil an ihm... wie eine Mutter.«

»Das fiel mir nie auf. Aber wer weiß?«

Er schwieg.

»Sie spricht nicht über ihre Vergangenheit,« fing ich an. »Und doch spürt man aus Allem, daß sie ein verlorenes Leben betrauert. Deshalb ist sie mitunter so verbittert, und wiederum weich zu anderer Zeit. Ist es ihr Wunsch, dem jungen Mann fortzuhelfen... ich würde ihn erfüllen, wenn es an mir läge... so bald wie möglich... vielleicht ist es die einzige Freude, die sie noch hat. Sie glauben nicht, wie ich ihr dies nachfühle.«

»Das macht Ihrem Herzen Ehre,« sagte Herr Johannes Viedt.

»O, bitte.« -- Wie er sich wohl meine Erröthung deutete?

»Wo ist der junge Mann? Von Ihnen würde ich Auskunft erhalten...«

»Sagte Tante Lina? Ja, das habe ich ihr versprochen. Ich werde Ihnen Herrn Kriehberg senden.«

»Kaiserhof, Zimmer fünfundvierzig.«

»Soll geschehen.«

»Ich danke Ihnen.«

Er ging. Ich mit fliegender Hast auf und davon nach Kriehberg. Glücklicherweise traf ich ihn, wenn auch nicht in rosenfarbner Laune. Er sollte Miethe abladen und es fehlten ihm die Groschen.

»So weit sind Sie herunter und doch noch zu Pferde?« rüffelte ich ihn an. »Noch immer keine Einsicht? Und nun schleunigst mit Ihnen nach dem Kaiserhof, da ist einer von den amerikanischen Naböbbern, Sie mitzunehmen zum Cementanrühren und was Sie sonst vom Bau los haben. Aber so können Sie nicht antreten....«

»Ich kann doch meine Pfandscheine nicht anziehen?«

»Nee,« sagte ich, »aber wir können sie einlösen.«

»Würden Sie das?«

»Gewiß, aber erst her mit Ottiliens Briefen.«

»Sie legen mir eine Falle!«

»Junger Mann, die Vorsehung reicht Ihnen die Hand. Hier das erbärmlichste Elend -- dort eine Zukunft, um die Sie Hunderte beneiden. Und sie zögern auch nur eine Minute? Ich zähle bis drei. -- Mit drei ist unwiderruflicher Schluß. Also: Eins!«

Er rührte sich nicht. Ich ging einen Schritt auf die Thür zu.

»Zwei! -- Freie Ueberfahrt nach den Goldbergen. Sogleich in Thätigkeit!« -- Ich faßte den Thürgriff.

»Zwei ein halb. Adje Herr Kriehberg. Eins und zwei und...«

»Halt!«

»Na, sehen Sie!«

Er holte die Briefe hervor und die Versatzamts-Dokumente. Auch die Miethe wurde erledigt.

Und was sagte er, als ich ihm noch Taschengeld ließ aus der Wechselei mit seinen Hausleuten?

»Sie schreiben mir es wohl auf meine Arbeiten gut« -- Ob das Bramsigkeit war den Leuten gegenüber oder Unverfrorenheit, daß er sich solche Worte herausnahm, soll unentschieden bleiben, ich ließ ihn ohne Antwort stehen. Mit dem war ich fertig.

»Aber er war noch lange nicht über das Wasser. Wenn Herr Viedt ihn nicht mitnahm?«