Hôtel Buchholz. Ausstellungs-Erlebnisse der Frau Wilhelmine Buchholz
Part 15
Er führte mich zu Halbfertigem, wo die Papp-Neubauten aussahen, als wenn sie kaum den Sommer über halten würden. So wie aber Farbe darauf sitzt, schwört man, sie hätten vom Großen Kurfürsten an gestanden. Darüber sprach ich meine Verwunderung aus.
»Machen wir,« sagte er. »Ich habe einen diebischen Spaß daran, Alles zu fingern, als wäre es leibhaftig. Man lebt sich ordentlich hinein.«
»Sie sind wirklich ein Künstler!«
Er lächelte, aber es war ein bitteres Lächeln. »Das sagen Sie,« sprach er, »meine Kollegen denken anders.«
»Haben denn die das Moos gesehen?«
»Mehr als das. Ich habe fleißig studirt, bin auf der Akademie mit Preisen ausgezeichnet, ich habe Bilder gemalt...«
»Und jetzt streichen Sie Häuser an?«
»Was bleibt mir? In der Kunst-Ausstellung hat man für meine Arbeiten keinen Platz. Da hängen sie allen möglichen Schmierkram aus Frankreich und Belgien, Holland und wer weiß sonst noch von wo her an die Wände, bis das Lokal vollgestopft ist und sagen zum Deutschen: Du kommst bei internationalen Bestrebungen an den Katzentisch oder bleibst besser ganz zurück. Ja, wenn die Ausländer blos Meisterwerke schickten, gut, dann hat die Kunst den Oberbefehl. Aber wenn sie ihren Abhub mit einpacken, begreift man nicht, warum unsereins verzichten muß, dem Publikum seine Leistungen vor Augen zu führen, die es mit den Fremden dreimal aufnehmen. Und wo ist sonst Gelegenheit, an das Urtheil des Publikums zu appelliren als auf den großen Ausstellungen? Die Akademie wird vom Staate erhalten, hat man sie durchgemacht und will vorwärts, heißt es, die staatlich begünstigte Ausstellung bedauert, keine Ecke für Dich zu haben, nicht die kleinste. Dagegen nehmen sie Schinken, die ein verrückter Norweger sudelt, auf, weil... weil so was international ist. Darum male ich jetzt Dachpfannen und Moos und quaste Mauern an und verdiene damit. Ich geh' überhaupt zum Handwerk; von Kunstgenossen, die nicht mehr können, als ich, mich bevormunden zu lassen, bin ich zu stolz.«
Ich sagte: »Jeder muß wissen, was er thut; und das ist wahr, an tüchtigen Professionisten fehlt es. Wenn Sie sich gesetzt haben, schicken Sie mir Ihre Geschäftskarte, unsere Malerarbeit bekommen Sie.«
»Nein,« rief er, »so meine ich es nicht. Ich widme mich dem Kunsthandwerk. Früher ersann jeder Handwerker sich seine Muster selbst. Heute ahmen sie nach, was vorhanden ist. Ich will Neues schaffen. Und ich kann es, habe ich doch im Geiste der alten Zeit ohne Muster jetzt gearbeitet und meine Schaffenskraft erkannt. Im Geiste der Neuzeit ersinne und zeichne ich weiter. Machen wir.«
Darauf zeigte er mir Verzierungen und Geranke, Beschläge und vielerlei, was er erfunden und gemalt. »Es lebe Alt-Berlin,« rief er, als er sah, wie ich mich daran ergötzte, »von ihm aus geht mein Lebensweg.«
»Vom Fischerdorf zur Kaiserstadt,« fiel ich ein, »nur Muth und Selbstvertrauen.«
»Und Arbeit und Gelegenheit zur Entfaltung des Könnens. Das Handwerk ist heute freier als die Kunst, die sich in Mode und Klickenwesen enge Zunftschranken zieht. Und verhungern, weil einige Leithämmel zur Veränderung sich auf dürre Haide verrannt haben? Danke. Ich will leben und verdienen. Und das machen wir.«
»Sehr vernünftig,« sagte ich. »Gut, wenn junge Leute zur Einsicht kommen; alten nützt sie meist nichts mehr.«
Er erklärte mir noch manches Alterthümliche, wie das Rathhaus und die Gerichtslaube mit dem Block und dem Halseisen. Da mußten die Verbrecher zu ihrer eigenen Schande stehen und wurden von den anständigen Bürgern ausgenetscht und mit faulen Eiern beworfen. Wenn Weiber sich gescholten und gehauen hatten, hing der Büttel ihnen einen Stein um den Hals und band sie aneinander und jede bekam einen Stock, in den vorne ein spitzer Nagel eingeschlagen war. Damit mußten sie sich gegenseitig prickeln, was umso besser ging, als sie blos ein Hemd anhatten. Bei besonderen Fällen wurde Hornmusik dazu geblasen. Das muß ein Spaß zumal für die Kinderwelt gewesen sein, die sich in ihrer Unschuld selbst an Schrecklichem freut. Gottlob, daß solche Strafen abgeschafft worden sind, obgleich es einige giebt, den das Prickeln nicht schadete. Wenn zum Beispiel die Krausen und die Ungermann in damaliger Zeit gelebt hätten, welche der andern wohl mit dem Nagel über gewesen wäre? Der Zunge nach zu rechnen, die Krausen. Aber sehen möchte ich es doch nicht. Lieber wäre mir ein Hochzeitstag auf der Straße. Der Maler sagte, später würden Alt-Berliner in ihren Trachten die Stadt bevölkern.
Nach und nach kamen Bauleute, Maurer, Zimmerer und mancherlei Arbeiter, denn die Mittagszeit war um. Ich bedankte mich bei dem Dachpfannen-Rafael, der weiter auf alt malte, und schritt durch das Spandauer Thor und über die Brücke in den Ausstellungspark.
Wie traumhaft war die Stunde in Alt-Berlin gewesen. Die bleibt der Erinnerung. --
Und nun hatten wir einen Familienabend nach Alt-Berlin verabredet, nämlich mein Karl und ich und der Amtsrichter Buchholz, der mit Verlegung seines Urlaubs unser lieber Gast war, nachdem Ungermann's sich verduftet und Kliebisch's sich auf ihre Klietsche zurückgezogen hatten.
Ungermann's Abgang war höchstes Gebot. Mein Karl kennt wohl Kopfschmerzen aus früherer Zeit, aber solche wie am Morgen nach dem Brüderschaftpicheln mit Ungermann hatte er in seinem Leben nicht erlebt. Ihm saßen die Augen noch am Nachmittag schief und sein Appetit war einzig auf Selterwasser gerichtet. Dabei Neigung zu horizontaler Lagerung. O Karl, warst Du krank!
Kliebisch war auch vollgesogen genug, jedoch die Unruhe wegen seiner Gattin störte ihn verhältnißmäßig rechtzeitig auf. »Noch keine Nachricht von meiner Frau?« fragte er bekümmert. -- »Nein,« entgegnete ich, »und ein Glück, daß sie weg ist. Betrachten Sie blos Ihr Spiegelbild, Herr Kliebisch, und sagen Sie, ob eine Frau Wohlgefallen an solchem Portrait finden würde? Wo in aller Welt sind Sie gewesen?«
»Ausstellung,« brachte er hervor. »Dressel... Alt-Berlin.« --
»Sonst nirgends?« -- Er seufzte leidend. -- Ich schenkte ihm Kaffee ein. Den trank er. Brötchen interessirten ihn nicht. Dann fragte und klagte er wieder nach seiner Frau.
»Ich denke, Ihre Tochter wird ihre sieben Sinne allmählich so weit beisammen haben, daß sie Auskunft geben kann,« sagte ich. »Heute Nacht war sie übermüde. -- Die Mutter wird ihr Kind doch nicht ohne Abschied verlassen haben?«
»Eine Mutter, die durchgeht, nimmt keine Rücksichten. Keine!« rief er bitter. »Berlin ist ein schrecklicher Ort, überall Verführung.«
»Das müssen Sie selbst am besten wissen,« warf ich ihm kühl vor. »Meinen Mann so zuzurichten. Schämen Sie sich.«
»Oho! Buchholz war der Fidelste; nicht nach Hause zu kriegen. Wenn ein Mann einmal seine langentbehrte Freiheit genießen kann...«
»Was? Sie wollen meinen Mann herabsetzen, Unfrieden stiften, Eheglück ruiniren? Glauben Sie, das mit einem Sack Kartoffeln gut machen zu können? Doch bei mir nicht?«
Die Anlappung verschüchterte ihn. -- »Hätte er eine Ahnung gehabt, daß er lästig fiele, wäre er garnicht gekommen,« sagte er mucksch, »und das Beste wäre wohl, er ginge gleich.«
Ich entgegnete, ich allein könnte nicht ab- noch zureden, in unserem Hause hätte mein Mann die Oberleitung, der wäre vollkommen frei in seinem Willen, augenblicklich jedoch zu unwohl, um gefragt zu werden.
»Gut,« sagte er, »ich gehe mit meinem Kinde.« -- Ich schwieg.
Er hin und Anna'chen geweckt und es gehetzt, sich reisefertig anzuziehen. Jedoch dies Packen konnte ich nicht mit ansehen, das war purer Kuddelmuddel, weshalb ich helfend eingriff. Die Kleine war noch schlafhaft. »Anna,« fragte ich, »hat Mama Dir nichts gesagt, als sie ging?« -- »Nein.« »Auch Ottilie nicht?« -- »Nein.« -- »Besinne Dich doch.« -- »Ja, einen Brief gab sie mir.« -- »Wohin hast Du den gelegt? Auf den Tisch?« -- Das wußte sie nicht. -- »Unter's Kopfkissen?« -- »Ich glaube.«
Wir suchten. Kein Brief zu finden. »Hat Mama Dir wirklich nichts an mich aufgetragen?« -- »Mama meinte, Ottilie würde Alles schreiben, ich behielte es wohl nicht richtig.«
»Sie kennt Dich, scheint's. Kind, einen Rath geb' ich Dir: geh' nie allein aus die Straße, ^Du^ kommst unter'n Leichenwagen.«
Darüber entsetzte sie sich und fing an zu flennen. Nun war nichts mehr herauszubringen. Zum Verzagen.
Um Elfen verabschiedete sich Ungermann sehr höflich und gemessen mit dem Wunsche, daß die Beziehungen der beiden Häuser die altbewährten bleiben möchten. »Ihre Kundschaft wird meinem Manne stets schätzenswerth sein,« sagte ich, »und ich hoffe, daß Sie mit dem zufrieden waren, was wir bieten konnten. Ungarische Gräfinnen verkehren leider nicht bei uns, dafür sind Uhr und Kette sicher.«
Er versuchte zu lächeln, es war aber danach. »Ich verlasse Berlin mit den Erfahrungen, die ich zu sammeln vorgenommen,« erwiderte er. »Man wird meine Bemühungen an rechter Stelle anerkennen, auf Mißverständnisse rechnete ich von vornherein und wie ich sehe, sie sind nicht ausgeblieben.«
Nun lächelte ich. Daran erkannte er, wie ich dachte. So ein Leisetreter.
Um Zwölfen gondelten Kliebisch und Tochter ab. Ich hielt es für meine Pflicht, das Kind sicher in die Eisenbahn zu befördern, und fuhr bis zum Alexanderplatz mit. Kliebisch gab die Koffer auf, während ich die Anna an der Hand hielt, um sie nicht im letzten Augenblick zu verlieren. Sie weinte, der jählingse Luftwechsel war ja auch so seltsam für sie.
Dann stiegen sie ein. »Anna,« fragte ich noch einmal, »Kind, kannst Du Dich gar nicht besinnen, wo Du den Brief hast?« -- »Ich glaube in der Tasche« -- »Dann her damit.« -- Sie fuhr in ihr Gewand und grabbelte. -- Kein Brief. -- »Er ist in dem anderen Kleide.« -- »In welchem?« -- »Das ist unten im Koffer.«
Die Lokomotive pfiff, der Zug setzte sich mitsammt den Koffern, dem Kleide und dem Brief in Bewegung. Herr Kliebisch sah sehr unglücklich aus, entweder wegen des beschleunigten Abschieds, oder aus alkoholischen Gründen von gestern, oder wegen der Zukunft seiner Aeltesten. Denn was soll aus dem Wurm werden? Schließlich heirathet es einen Canditaten der Viehlologie mit gleichgesinnten Anlagen und nachher wundert so was sich, wenn die Landwirthschaft einen Aufschwung nach rückwärts nimmt. In dieser Weise sah ich wahrsagend voraus; hingegen die letzte Vergangenheit war mir unklar, da Niemand sagte, was sich ereignet hatte, und noch nicht offenbarte was mir blühte. Gerade in diese Unruhe fiel der Amtsrichter.
Der Mann war jedoch gleich so gemüthlich, daß ich Stab und Stütze in ihm hatte. »Der Vetter hat die Bier-Influenza,« sagte er, meines Karls Zustand verständig durchschauend, »und wenn ich Ihnen, verehrte Cousine, ungelegen komme, nur keine Schüchternheit. Ich ziehe sofort nach der Putsch oder wie sie heißt.«
»Nein, die Butschen hat voll besetzt, immer solche Fremde, die das Nachtgewand in Packpapier mitbringen. Sie bleiben bei mir.«
Um die Weitläufigkeit der Verwandtschaft abzukürzen, betitelten wir uns vetterschaftlich und der Amtsrichter machte von seinem Familienrechte gleich Gebrauch, indem er meinem Karl eine bengalische Auster anrührte, aus einem Eigelb, einem Theelöffel Salz, ebenso viel Pfeffer und Mostrich mit einem Cognac gemildert. Er giebt sie seinen Assessoren und Referendaren, denen das Recept immer hilft, wenn sie Montags leidend sind. Auch meinem Karl nützte es; er schwor, nie wieder mit Ungermann auszugehen, als er noch an dem Nachgeschmack würgte.
Während mein Mann sich langsam auf sich selbst besann und der Herr Vetter sich häuslich einrichtete, kam die Kliebisch angesegelt. Aber der Aufstand, als sie Gatten und Töchterchen abgereist vorfand. Und keine Erklärung angenommen, sondern mich verantwortlich gemacht. Zum Glück hatten wir in der Person des Vetters ein lebendes Tribunal im Hause, so daß die Hauptinjurien mehr innerlich gedacht als äußerlich angebracht wurden. Justiz erfordert Vorsicht.
Wegen Ottilie mußte der Amtsrichter eine richtige Sitzung abhalten mit Belastung und Entlastung und Dorette als Zeugin. Als ich verlangte, mein Mann müßte sein gestriges Alibi nachweisen, wodurch ich erfahren hätte, wo die Drei gewesen, bemerkte der Vorsitzende: »Zeuge hat nicht nöthig, Nachtheiliges gegen sich auszusagen.« Mein Karl athmete erleichtert auf. Was sie wohl betrieben haben? Und mir schien, als wenn der Amtsrichter sich das Lachen verbiß.
Die Kliebisch kam nach und nach so weit, daß sie nicht mehr ganz vorbei antwortete und sagte, es müsse Alles in dem Briefe stehen, den Ottilie geschrieben hatte, während sie mit Herrn Brauns gegangen war, Verlobungsringe zu besorgen und eine kostbare Brosche und was Ottilien sonst noch fehlte, bei Herrn Brauns Eltern einigermaaßen nicht als Bettelprinzessin erscheinen und was sie im Zorn redete. Sie hätte den Anstand des Hauses gewahrt und Ottilie zu Herrn Brauns Eltern begleitet und der Dank dafür sei die Vertreibung ihres Mannes und Kindes. Ob ich es verantwortet hätte, Herrn Brauns und Ottilie allein reisen zu lassen? Er wäre ja wie ein Wahnsinniger aus Liebe, da hätte sie nach Feuer und Licht sehen müssen.
Also Rudolph hatte sein Mädchen entführt.
»Sehr recht,« sagte mein Karl. »Er ist nicht der Mann, lange zu zappeln. Ich hätte es eben so gemacht.«
»Karl, aus Dir redet die bengalische Auster. Schweige und bereue Dein gestriges Betragen.«
Der Amtsrichter stiftete friedlichen Vergleich und ich war froh, endlich zu wissen, wie Haase gelaufen war. Meine Verantwortung hörte auf, die jungen Leute hatten ihr Schicksal selbst in die Hand genommen. Schließlich dankte ich der Kliebisch noch, daß sie mit Rudolph und Ottilie als Ehrenwache gegangen war. Die Eltern hatten die künftige Schwiegertochter wohlwollend empfangen. Das war ein Lichtblick nach so vieler Finsterniß. --
Und nun waren wir ein Trifolium, wie der Amtsrichter betonte, und zwar ein vergnügtes. Mit ihm die Ausstellung durchpilgern, war reizend. Erstens hatte er Verständniß und zweitens Durst immer zur rechten Zeit, nicht wie Kliebisch, der an den Zapfstätten schwer vorbei zu bringen war. Der Familienabend in Alt-Berlin war sein Vorschlag. Theil nahmen außer uns Dreien noch Betti und ihr Mann und der Sanitätsrath und Frau.
Wie anders war Alt-Berlin jetzt, als damals in der Mittagseinsamkeit. Wie von einem Jahrmarkt überschwemmt ließen die Gassen; Verkaufstisch an Tisch und Waaren darauf: der ganze Quark, Stück 'ne Mark. Das war nicht gerade mittelalterlich, trotz der Maskentrachten der Mamsellen und der Landsknechte. Und in den Häusern Kneipe an Kneipe mit und ohne Musik, und Kostümtrompeter auf den Plätzen, daß eine heftige Art von Lustigkeit herauskam.
Wir versuchten in die wegen ihrer Grobheit beliebte Bauernschänke zu dringen, konnten jedoch nicht ganz hinein, so voll war sie. »Machen Se man, dett Se wieder raus kommen,« schrie der Wirth uns an, »Se sehen doch, dett hier anständige Leute sitzen.« -- »Hierbleiben!« schrieen die Gäste. -- »Rin mit der Schwiegermutter,« rief der Wirth, »die fehlt noch in meinem Museum.« Da gröhlten sie Alle: »Wir brauchen keine Schwiegermama -- ma.« Mit dieser Probe vollkommen befriedigt, wandten wir uns zum Gehen und es war auch Zeit, daß wir die Thür frei machten, da uns ein Herr nachgeworfen wurde, der wohl lange genug drinnen gesessen hatte. Brüllendes Gelächter belohnte den handgreiflichen Scherz. -- Ob es wohl in der großen Kurfürstenzeit ähnlich so herging? Ich will hoffen, daß dieser Ton sich aus Alt-Berlin nicht auf Berlin verbreitet. Das wäre eine üble Ausstellungserbschaft.
Doch nun kam das belebende Element durch die Gassen daher, der historische Festzug. Es waren Männer und Frauen, wie vom Theater ins Freie verirrt, bunt angezogen, mit falschen Bärten und Perrücken und was Helden und Knappen und Ruinenfräuleins und ihre Zofen so um Fastnacht tragen. Bei Licht, aus Opernglasferne, vielleicht ganz annehmbar, in der Nähe und bei Tage jedoch zu ungediegen.
»Entweder ganz echt oder gar nicht,« meinte der Amtsrichter. -- »Oder wenigstens komisch,« erwiderte ich. »Die Ritter z. B. mit Ofenröhren und Theekesseln, daß man lachen könnte.«
»Hier scheint etwas zum Lachen zu sein,« sagte er. »Gehen wir hinein in die Singspielhalle?«
»Ich fürchte, es ist zu rauchig drin für die Damen,« weigerte sich mein Karl. Das fiel mir auf. Wir hinein. Ich voraus.
Ein großer Raum, am Ende eine Bühne. Auf der Bühne vergoldete Stühle und auf den Stühlen ein gutes Dutzend Sängerinnen. Alle in kurzen Kleidern, wenn man, was sie anhatten, noch ein Kleid nennen will. »Dies ist ja ein Tingeltangel,« sagte der Sanitätsrath, »gehen wir.« -- »Den hab' ich längst einmal sehen wollen,« entschied ich, »bleiben wir.«
Nun sang eine nach der anderen. Immer von Liebe mit Zubehör. Stimme meist nicht vorhanden. Dafür um so mehr Mimik. Mir wurde siedeheiß, wie sie sich betrugen. Aber die Herren in den Vorderreihen johlten Beifall und die Frauenzimmer lachten ihnen zu und machten Augen. Und was für welche! Nun wußte ich, wieso Ungermann seine multerigen Bekanntschaften in Alt-Berlin gemacht hatte, dies war sein Stammlokal gewesen und meinen Karl hatte er auch hingelockt. Warum wollte der sonst sich drücken?
Unsere Herren waren verlegen, daß wir Damen einmal sahen, wie ein Tingeltangel beschaffen ist, bis auf den Amtsrichter, der sich amüsirte. Der durfte, der war unverheirathet.
»Was sagst Du dazu?« fragte ich Betti. Sie antwortete nicht. Sie war bleich und saß kerzengerade, wie früher immer, wenn sie in tiefer Seele litt. Ihre Blicke ruhten fest auf ihrem Mann, als suchte sie auf seinem Antlitz zu lesen. Er war ja auch einst flott gewesen, wie die jungen Leute da vorne, die den Sängerinnen Champagner auf die Bühne reichten. Gedachte sie vergangener Zeiten?
»Komm,« sagte ich. Sie stand auf und nahm meinen Arm. Ohne rechts und links zu sehen, zog sie mich auf die Gasse, durch die Menschenmenge zum Georgenthore hinaus in die grünen Buschwege des Parkes.
»Was hast Du, Betti?« -- Sie athmete schwer auf. »Es war ein böser Traum,« sagte sie mühsam. »Ich will nie wieder an ihn denken. Nie wieder nach Alt-Berlin.«
»Kind, Alt-Berlin ist so schön.«
»Aber die Menschen darin! Mama, wo ist mein Felix?«
Er kam mit den Anderen.
Unrecht hatte Betti nicht. Was die Künstler schaffen, verdirbt der Ungeschmack. Aber es soll doch nur Geld verdient werden.
Spree-Afrika.
Ein zu allerliebster Mann, der Amtsrichter. Wenn ich nur erst eine Frau für ihn hätte. Ich habe freilich meinem Mann geloben müssen, nie wieder Menschen in ihr Glück zu stürzen, aber um den Amtsrichter wäre es ewig schade, wenn er als Junggeselle verbraucht werden sollte, und mit zarten Blumenstengeln auf die Annehmlichkeiten einer liebevollen Häuslichkeit hinweisen, liegt in dem Gelöbniß doch wohl nicht mit darin.
Und ich hoffe, er bekehrt sich noch, allein schon wegen der Gaskochmaschinen, mit denen es eine wahre Lust sein muß, einen Hausstand zu begründen. Von der elektrischen Küche will ich gar nicht reden: man stellt die Pfanne auf einen beliebigen Tisch, dreht die Schraube und der Eierkuchen ist fertig. Es ist erstaunlich, wie weit die Verfeinerung der Menschheit jetzt reicht. Vergleicht man hiermit die Wilden, glaubt man kaum in demselben Jahrhundert mit ihnen zu leben.
Für nur dreißig Pfennige Thoreinlaß treten wir in unsere Kolonieen, am Karpfenteich zwischen den Gebüschen malerisch gelegen, und können eine Vorstellung von unseren Erwerbungen in Afrika gewinnen.
Viele sind gegen Kolonialbesitz, viele dafür. Mein Karl war bisher der Meinung, er koste nur und brächte nichts ein. Onkel Fritz behauptet, wir müßten ihn haben, weil in absehbarer Zeit Deutschland so übervölkert würde, daß kein Platz mehr wäre. »Fritz,« sagte ich, »sie nehmen das Tempelhofer Feld zu.« -- »Worauf sollen dann die Paraden abgehalten werden?« entgegnete er. Daran hatte ich nicht gedacht. Kolonialpolitik hat doch so ihre Eier.
Die Hütten der auswärtigen Eingeborenen sind für das Stralau-Rummelsburger Klima nicht geeignet, dagegen nach der afrikanischen Bauordnung einwandsfrei. Wie die Schwarzen froh sein werden, wenn sie sich wieder an der heimathlichen Sonne wärmen können und ihre Kultur-Sendung in Treptow erfüllt haben, und verwilderter zurückkehren als sie kamen.
Für mich ist es schier unmöglich, die einzelnen Stämme auseinander zu halten, welche die Suaheli sind und welche die Massai oder Dualla oder Papuas oder wie sie sonst geschrieben werden, zumal wenn sie sich mit rother Farbe geschminkt haben und wie anglühende eiserne Oefen aussehen. Seitdem ich obendrein weiß, daß die Papuas arg nach Menschenfleisch sind, geh' ich nicht dichte ran. Nächstenliebe mit Einbeißen ist nicht mein Fall.
Der Amtsrichter ist dem Kolonialischen geneigt und hat sich eingehend damit beschäftigt, schon allein, weil mit der Zunahme der Verbrecher doch vielleicht die Einrichtung von Strafprovinzen nothwendig wird.
»Herr Vetter,« fragte ich, »angenommen den Fall, Sie verdammen einen unverbesserlichen Rufti, dessen Geschäft in Messerstechen und ähnlichem Frevel besteht, nach Papuanien und die dunklen Reichsbrüder essen ihn auf, wäre das nicht eine verschmitzte Art Hinrichtung mit Umgehung des Gesetzbuches und zöge Ihnen Anklage zu?«
»Vorläufig noch nicht,« entgegnete er. »Aber es kann so kommen; dem grünen Tisch ist Alles möglich.«
»Warum wird er nicht anders bezogen? Wenn die alte Kulör nicht taugt, her mit einer frischen.«
»Das Grün frißt sich doch immer wieder durch,« sagte er. »Es ist der Grünspan des Staates, alt und ehrwürdig.«
»Aber giftig.«
Er lächelte. »Ein gesunder Organismus überwindet ihn.« -- »Aber er spuckt.« -- »Das Recht hat er.« -- »Hat er doch etwas.« -- »Was das Volk kneift, thut dem werdenden Geheimrath nicht weh,« sagte Onkel Fritz.
Unter diesen Gesprächen gelangten wir zu der Festung Qui-kuru qua Siki. Das ist ein heimtückisches Werk von außen und noch heimtückischer von innen. Die Wälle, dick und fest aus Palissaden und Lehm, sind mit hohen Stangen besteckt und obendrauf weißgebleichte Todtenschädel, die grinsen: Kommt nur heran, auf diese Manier wird hier frisirt. -- Geht man durch das enge Thor und sieht die Gräben und Gänge, wie in einem Irrgarten, hat man nur einen Gedanken: hier wird abgemurkst! Entrinnen ist nicht. Immer tiefer flüchtet man in die Mausefalle hinein und findet den Ausweg nicht wieder. Und nun fangen sie an zu schießen. Bums hier, bums da aus den kleinen Löchern in den Wänden und schleichen hervor mit Beilen und Lanzen und massacriren die Eindringenden. Höchst schaudervoll.
Obgleich diese Festung nur ein Stück Nachbildung der echten ist, kann man begreifen, daß solche Verschanzung für die Eingeborenen unüberwindlich war und selbst unseren Truppen nicht beim ersten Anrennen erlag. Aber wir kriegten sie und als sie sich nicht mehr halten konnte -- Krupp vertrug sie nicht -- da gab es einen Mordsknall. Der Häuptling Sike, ein unangenehmer Herr, der sich unseren humanen Sklavereiaufhebungsbestrebungen widersetzte und nebenbei Branntwein trank, hatte sich mit seiner Familie und seinen Schätzen auf ein Pulverfaß gesetzt und in die Luft gesprengt. Vier Tage hat die Festung gebrannt, mit Erdöl getränkt. Der Sieg war unser und die Kriegsentschädigung wurde in Elfenbein ausgezahlt. Aus dem Elfenbein werden Klaviertasten gesägt und die Klaviere gehen wieder nach Afrika zur Verbreitung der Kultur, die erst ihren Gipfelpunkt erreicht, wenn die Töchter der Wilden ebenso auf dem Piano herumrudern können, wie unsere.