Hôtel Buchholz. Ausstellungs-Erlebnisse der Frau Wilhelmine Buchholz

Part 12

Chapter 123,658 wordsPublic domain

Warum ich immer noch nicht in das Hochgebirgspanorama, das am grünen Strand der Spree seine Schneegipfel in die von Maschinenhaus-Schornsteinen erzeugten Rauchgewitterwolken streckt und von innen Tausend Fuß höher sein soll als von außen, gelangte, das ist einfach zu sagen: Ich hatte zu viel Verdruß und trübe Aussicht in die Zukunft, war für die Alpen daher ungeeignet.

Und nun kam ich doch dazu. Morgens beim Kaffee fallen meine Blicke nämlich auf eine Anzeige: »Gesucht ein Architekt, guter Zeichner, mit praktischen Erfahrungen für N 44 Köpenickerstraße Nr. so und so.«

Mein sofortiger Gedanke lautete Kriehberg. Seine Baupläne waren noch gegenwärtig. Ich sie eingepackt und mit einem Schreiben durch einen Dreiraddienstmann an Ort und Stelle gesandt. Ein wundervolles Schreiben, worin ich ihn so dringend empfahl, daß er genommen werden mußte, falls der N 44 nur ein paar Millimeter menschliches Rühren sein eigen nannte. Er mußte, es war nicht anders denkbar.

Und an Kriehberg ebenfalls einen Eilbrief gerichtet mit dem Schlußwort: »Melden Sie sich; wer wartet, an dem rennt das Glück vorbei, man muß ihm, wie bei der Pferdebahn, entgegengehen. Auf der Haltestelle ist der Andrang zu groß. Vertrödeln Sie die Wendung Ihres Lebens nicht. Ich wünsche Ihnen das beste Fortkommen.«

Ob ich es wünschte! -- Wär' er nur erst weg.

Was man so recht von Herzen hofft, kommt Einem vor, als wäre es schon geschehen. Ich sah Kriehberg bereits in seiner neuen Thätigkeit, von Arbeit derart breitgedrückt, daß er an Ottilie zu denken selbst Sonntags keine Zeit mehr hatte, von seinem Brotherrn alsbald anerkannt. Der hat natürlich eine Tochter, die ihn anfangs übersieht, schließlich aber durch den Vater auf Kriehberg's Tüchtigkeit hingewiesen, ihn von Fabrikwegen heirathet. Er schickt mir die Verlobungsanzeige, ich schreibe ihm einen noch wundervolleren Brief mit dem Motto: »Arbeit ist die beste Lotterie, die ihn in den ersehnten Glückshafen gelotst hat« und führe zwischen den Zeilen aus: welcher Esel er gewesen wäre, wenn er Ottilie gezwungen hätte, mit ihm die schmale Leiter der Karrière zu besteigen, auf der er alleine schon die Sprossen durchtrat. Zum Schluß dann, schöne, gediegene Segenswünsche mit dem scherzhaften Hinweis auf Gevatterstehen bei dem ersten Kriehberg jun., der fröhlich heranwachsen möge, seinen Eltern zur Freude und der Menschheit zum Zierrath.

Aber man muß sich keine Tischrede eher ausdenken, als man zu Gast gebeten ist. Vorläufig hatte Kriehberg noch nicht einmal die Stellung und ich wollte schon taufen. Ich mußte ja mit Kriehberg's Charakter rechnen, der im entscheidenden Augenblicke auf gesunden Menschenverstand verzichtet. Mir kam deshalb der Gedanke, persönlich selbst den Y 44 mit diplomatischen Reden zu bearbeiten, bis er froh würde, eine Kraft wie Kriehberg zu gewinnen. Mein Karl war jedoch uneinverstanden.

»Du hast mit Deinem Empfehlungsbrief des Guten schon zu viel gethan,« sagte er. »Richtiger wäre gewesen, ich hätte ihm ein Attest ausgestellt. Zeugnisse schreiben ist Männersache.«

»Das wäre Schablone geworden. Ihr fangt immer an: >Ein Sohn frommer aber ehrlicher Eltern, ohne einen Groschen in der Tasche geboren, hat der Betreffende durch Fleiß und Ausdauer sich Kenntnisse in seinem Fache erworben, die ihn befähigen, einen Posten selbstständig auszufüllen u. s. w.< So was läßt kalt. Ich hingegen habe den alten Ypsilon angewärmt, sag' ich Dir, wie es nur eine Frau im Stande ist, die etwas durchsetzen will. Noch ein paar mündliche Angriffe und er ist erlegt.«

»Und wenn Kriehberg sich nachher unzulänglich erweist, wer trägt die Verantwortung?«

»Das geht mich im Geringsten gar nichts an. Der Mann muß wissen, wen er sich aufladet. Uebrigens glaube ich, daß Kriehberg sich zusammen nimmt und der würdige Fabrikherr gewinnt ihn lieb wie einen Sohn. Im Grunde ist Kriehberg nicht schlecht.«

»Das Wenigste, was von einem anständigen Menschen verlangt wird. Nicht schlecht ist lahmes Lob und heißt in Wahrheit >taugt nichts.<«

»Da irrst Du Dich, mein Karl. Es giebt aber verschiedernerlei Güte, wie beim Beefsteak. Wo kriegst Du auf Reisen wohl gutes? Und wie preist Du Dich glücklich, wenn es wirklich nicht schlecht ist? Kriehberg ist noch jung und er hat seine guten Seiten.«

»Hat er? Und die wären? Bitte heraus damit.«

»In diesem Augenblick und so mit Gewalt kann ich mich nicht darauf besinnen.«

»Wäre es nicht besser, ich redete einen Ton mit ihm?«

»Nein, nein, Du nicht. Gereizt wird er gefährlich. Bedenke, wenn er Dich zum Zweikampf forderte.«

»Das würde mir riesigen Spaß machen.«

»Karl,« rief ich entsetzt. »Weißt Du denn nicht, wie ungesund das Duell ist? Der eine kommt todt und der andere auf die Festung. Ist da Sinn drinn?«

»Nein, Unsinn. Uebrigens, was willst Du mit dem Zweikampf besagen? Ist er eine bloße Idee von Dir oder steckt etwas dahinter?«

»Dahinter? Wieso? Gott bewahre. Ich dachte nur, weil sich so viele abknallen; man liest ja täglich, daß der, der keine Schuld hat, immer der ist, der fällt, wodurch die Ehre des Beleidigers völlig wiederhergestellt wird, und da junge Leute wild darauf los rempeln, sei es wegen einer Dame oder daß die Getränke zu stark waren, -- je betrunkener, um so reizbarer ist das Ehrgefühl -- oder daß einer nicht falsch gespielt haben will... und wie Ehrensachen meistens so Unehrensachen sind...«

»Wilhelmine, Du quasselst. Und das ist kein Wunder. Du strengst Geist und Körper zu sehr an. Das Beste für Dich wäre eine Erholungsreise.«

»Was wird aus unserm Hotel, wenn ich feige fliehe? Wer verhütet Mord und Todtschlag, wenn ich nicht als Schutzgeist zwischen den Parteien walte?«

»Du phantasierst.«

»Du giebst mir Dein dreimal heiliges Ehrenwort, Dich unter keinen Umständen zu schießen?«

»Mit wem?«

»Zum Beispiel mit Kriehberg.«

»Dem haue ich eine herunter, daß ihm vier Wochen der Hut nicht paßt.«

»So habe ich mir es auch ausgemalt, ganz ähnlich gerade so. Das beruhigt mich. Und wie erquickend wird der Winter, wenn der Ausstellungsrummel vorbei ist und wir uns selbst wieder angehören. Viel wollen wir nicht mitmachen, aber auf das Fest des Alpenvereins gehen wir. Hast Du Dich schon etwas im Bayerischen vervollkommnet, mein Karl? Auf der Ausstellung bietet sich die schönste Gelegenheit dazu.«

Es ist wagenladungsweise Bayerisches vorhanden, sowohl Getränk, wie Nationalspeisen und -Trachten, die theils von Kellnerinnen getragen werden, theils von Natursängern, theils vom Wurzelsepp, der am unverfälschtesten umhergeht und jeden mit dem im Höhenklima zuhausenen Du anredet, worauf der als Steifmeier verschrieene Norddeutsche sofort zeigt, daß er süddeutsche Gemüthlichkeit nicht nur dem Namen nach kennt, sondern, da sie hauptsächlich in der herzlichen Sprache liegt, sie auch auszuüben versteht und womöglich gleich losjodelt.

Auf dem Alpenvereinsfeste kommen Berliner vor, die von gelernten Tirolern nicht zu unterscheiden sind: die Damen ganz Oberammergau'sch und die Herren mit bloßeren Knieen, als mitten im Winter gesund ist, nur das Tirolerische radebrechen sie, daß die Gemsen abstürzen, wenn sie's hören. Warum hat noch niemand ein Büchlein verfaßt: »Oberbayerisch in vierundzwanzig Stunden zu beherrschen,« das viel Segen stiften würde und zur Ausstellung fertig hätte daliegen müssen, die Risse zwischen Süden und Norden zu verleimen? Das Trinken der guten Bräue allein versöhnt nicht, das gegenseitige Verständniß, das einigt und mein Karl hat die Erlaubniß, mit den Münchener Kellnerinnen sich für den nächsten Alpenball im Plauschen zu vervollkommnen, denn es sind armforsche ältere Jahrgänge, fleißig und eifrig im Bedienen, daß es mit dem Anbandeln nichts ist.

»Karl,« sagte ich, »wenn Du überall in Deine Reden, das heißt mit Auswahl, ein freundliches a hineinsetzt, gelingt das Bayerische bildschön und anheimelnd. Lieber Bube heißt zum Exempel liabr Bua. Danach mußt Du Dich richten und statt grüßen sagst Du grüaß'n und Landsbergastraß'n und Mauastraß'n und Zimmastraß'n, hingegen wiederum Jagastraß'n, die geht unregelmäßig. Und dann sagst Du zwischendurch >schau< und >guat< und was niedlich ist, kriegt ein rl hintendran, wie >Klimbimberl<, wenn man a Ulkerl macht, wodurch Härten gemildert werden, wie Potsdamerl oder Stieferl und nicht gleich duellirt werden braucht.«

»Schon juat, Schatzerl,« unterbrach er mich.

»Schau, Karl, eben hast Du ein Fehlerl g'macht. Das g wird nicht Rosenthalerthorisch betont, sondern härtlich, wie im Schillertheater. Janserl wäre z. B. total verkehrt. Ganserl mußt Du sagen und immer gemüthlich, sehr gemüthlich, so mit dem Brustton der Gemüthlichkeit.«

»Ich werde mir Mühe mit dem Hofbräuhausdialekt geben, aba wundra die net, wann i öfta mit an Rauscherl ham komma.«

»Punktum!«

»Woso?«

»Auf Dein Komma gehört ein Punktum. Schau, ham komma thu, hätte es heißen müssen.«

»I dank schön für Kalaua«, rief er. »Alte, Du hast a Klapserl.« --

»Das war der richtige Akzang. Karl, besorge die Karten zum Alpenfest rechtzeitig, sie werden zu rasch alle. Mit Deinen unteren Tanzbein-Muskeln nimmst Du jeden wattirten Wettbewerb auf, kommt die sprachliche Echtheit dazu, erregst Du Bewunderung.«

»Und als was willst Du gehen? Weißt Du, wir sehen uns die Bayerischen Madln in der Ausstellung an und was Dir am besten gefällt, das läßt Du Dir schneidern. Komm, Alte, wir machen eine Bergfahrt ins Alpenpanorama, die ist gut gegen Deine Grillen. Und die Gedanken an das Fest im Winter zerstreuen Dich.«

Ich überlegte. Von dem vor meinen geistigen Augen sich ausbreitenden Blutfelde in die gemalten Berge zu entweichen schien mir befreiend und aufheiternd. »Mir recht,« willigte ich ein. --

Das Alpenpanorama hatte ich mir aufgehoben, da aus Erfahrung Panoramen länger bestehen als Theater, selbst mit eigens bestellten Dichtungen der Vergangenheit in Versen und Patriotismus, aus Gipsbüsten, Rothfeuer- und Jubelmarschfanfaren der nicht auf das Herz sondern auf die Groschen zielt. Da dürfen sich die Unternehmer nicht wundern, wenn keine das Haar abschneidet oder den Trauring versetzt, ihre Vaterlandsliebe an solchen Kunstaltären zu bethätigen und der Pleitegeier sich auf dem Dache des Musentempels einnistet.

Sehr seltsam ist die Bergfahrt. Anstatt in die Weite hinaus, fährt man ins Enge, ordentlich auf Aussichtswagen. Erst quert man in einen Tunnel hinein und wenn man aus ihm herausquert, sieht man in Thäler hinab, auf Ortschaften, Fluren, Flüsse, Wälder und ferne Gebirge, als wäre man wirklich im Zillerthal, daß man nicht weiß, ob es Natur oder Kunst ist, woran die Bergbahn vorüberfährt. Und der Führer im Wagen erklärt Alles und die Reisenden sind entzückt und rufen Oh und Ah und Herrlich und Großartig und, wer persönlich in den Gegenden gewesen ist, erzählt, es wäre wirklich so, wie es aussähe und zeigt die Gipfel, die er erklommen und wo er gejodelt hat und wo er zu Nacht gegessen und was und wie gut und wie billig er es gehabt hat, ganz wie richtig unterwegs im Kupeh, wodurch die Täuschung ins Fabelhafte gesteigert wird.

Für die Schönheit, die Meister Rummelspacher gemalt hat, ist die Fahrt schier zu kurz, man möchte mehr und mehr haben. Aber schon ist der elektrische Aufzug erreicht. Hinein in die Kabuse. Der Führer lockert die Stange und die Maschinerie zieht an. Mit unheimlicher Geschwindigkeit geht es hoch. Am Fenster sieht man Felsen und Klüfte und wie man an ihnen vorbeirast.

»Karl,« sagte ich, »wenn der Strick reißt, schmettern wir in den Abgrund. Mir scheint die Sache brenzlich.«

»Keinen Zoll bewegen wir uns,« lachte er. »Die gemalten Berge am Fenster rollen herab, wir dagegen halten. Der ganze elektrische Aufzug ist eine optische Täuschung.«

»So'n Schwindel!« rief ich empört.

»Nicht doch. Panoramen sind auf schönen Schein berechnet. Danken wir den Künstlern für ihre Geschicklichkeit, uns mit ihrer Kunst ins Hochgebirge zu versetzen, als wären wir da. Wie viele, die nie nach Tirol hinkommen, schauen es hier und behalten seine Herrlichkeit im Gedächtniß! So, und nun sind wir oben.«

Der Führer öffnete die Thür an der anderen Seite, wir querten hinaus, -- queren ist jetzt sehr beliebt in Reisebeschreibungen -- querten durch einen Felsengang und standen nun auf der Aussichtswarte des Ochsners.

Vor uns das Thal und der Schwarzensteingletscher, die Firne und Höhen, hoch wie die Wolken. Wie groß, wie erhaben! Dazu rauschende Wasserfälle und Tannen und Gestrüpp; ein Rundblick über Nahes in die Ferne, in die Alpenwelt, daß man alle Sorgen vergißt.

Während wir in dem Hinblick der Alpen schwelgten, erzählte ein Mann, daß ein Verein im Werden begriffen sei, der sich als Rettungsgesellschaft in den Bergen niederlassen wolle, den Abgestürzten erste Hilfe zu bringen. In den Schutzhütten sollen Tragbahren, Verbandkästen, Arm- und Beinschienen, Universalpflaster, Doctorschriften und alles was nöthig ist, Verunglückte einigermaßen wieder einzurenken, gelagert werden, daß die Kletterer mit größerer Beruhigung auf die unzugänglichsten Gipfel fexen können. Wenn sie fallen, fallen sie der Medicin in die Hände.

Mir grauste, als ich dies hörte. Warum muß der Mensch sich unnöthig in Lebensgefahr begeben? Wegen der Ruhmredigkeit, auf einem Zacken der Erdoberfläche gesessen zu haben, auf dem ein anderer nie zuvor gehockt hat? Mit Halsbrechgefahr über eine Eisspalte zu turnen, über die überhaupt kein Weg geht, blos um zu sagen, ich that es? Ist denn das eine Ehre, mit dem Tode zu spielen um ein Nichts?

»Wie beim Duell -- um ein Nichts,« schoß es mir durch. So schön die Welt, wie thöricht, eines Wahnes willen, auf ewig die Augen zu schließen und nichts mehr zu schauen, nichts. Keine Sonne, kein Alpenglühen, keinen Baum, keinen Strauch, nie mehr das Rauschen der Wasserfälle hören, keinen Vogelsang, keinen Glockenklang. Nur noch in den Zeitungen gemeldet und nicht einmal bedauert, sondern der Vergessenheit mit der Grabrede übergeben: »Er hat selber schuld.« -- Nicht schön das.

Wir verließen die gemalten Alpen. Man wird feierlich und ernst gestimmt. Mir war ernster als ernst zu Muthe.

Beim Ausgange erwartete uns jemand, froh und freudestrahlend und begrüßte uns herzlich in lieber Freundschaft. Es war Rudolf Brauns. Er stand im hellen Sonnenlichte, ein Bild des Lebens und der Jugend, mit rothen Lippen und gesunden Wangen und glänzenden Augen.

»Ich sah Sie abfahren, leider war der Zug besetzt,« sagte er, »aber hier mußte ich Sie treffen. Ich wollte Ihnen nur mittheilen, ein wie großes Vergnügen es mir macht, Ihnen gefällig sein zu können. Ihr Schützling wird angenommen, wenn seine Ansprüche nicht allzuweit gehen.«

»Mein Schützling?« fragte ich. »Wen meinen Sie damit?«

»Nun den Architekten, den Sie mir so warm empfohlen haben.«

»Ich Ihnen einen Architekten? Ihnen? Nicht daß ich wüßte.«

»Nun ja doch. Auf meine Anzeige sandten Sie mir eine Rolle Zeichnungen mit einem Begleitschreiben...«

»Sie sind doch nicht Ypsilon 44?«

»Ypsilon 44. Ich suche einen Zeichner für unsere Fabrik...«

»Allmächtige Güte!« rief ich. »Nun geht der Ballon den verkehrten Weg. Nein, nein.«

»Aber mit Vergnügen. Heut Abend stellt er sich mir vor.«

»Weiß er, daß Sie es sind?«

»Nein.«

Mir ward graublau vor den Augen. Ich sah Herrn Brauns als erschossene Leiche liegen und Kriehberg mit blutigem Revolver daneben. Was war zu thun. So verbiestert wie jetzt, hatte ich mich noch nie.

»Heute nicht,« stotterte ich. »Heute empfangen Sie ihn nicht. Denn... denn... heute bleiben Sie bei uns... zum Abendbrot. Nicht wahr... Morgen ist es auch noch Zeit?«

»Ich bin für Pünktlichkeit... was ich einmal versprochen habe, halte ich.«

»Sie kommen mit.« Dann wandte ich mich an meinen Mann: »Karl, wollte Ottilie nicht übermorgen abreisen?«

»Mir hat sie nichts gesagt.«

»Nicht wahr, Herr Brauns, Sie geben uns keinen Korb. Ich glaube, Ihre Tante würde sich sehr freuen?«

»Wenn man einer Tante eine Freude machen kann, darf man nicht nein sagen,« lachte er.

Mein Karl sah mich an, als gefiele ihm mein geistiger Zustand nicht. Ich mußte schweigen. Nur Zeit wollte ich gewinnen. Brauns und sein Todfeind dürfen sich nicht begegnen. Wo aber ist ein Ausweg?

Auswärtige und innere Angelegenheiten.

Wenn dem Chinesen heiß ist, wedelt er sich Kühlung mit dem Fächer zu, spürt der Deutsche Hitze, trinkt er kaltes Bier, und wegen solcher-Unterschiede findet der Eine den Anderen uncultivirt. Wir sehen auf die Chinesen herab, weil sie einen Zopf tragen, und die Chinesen dünken sich hoch über uns, weil wir keinen hängen haben. Wo liegt nun die Wahrheit? Der Eine ist, wie mit dem Fächer äußerlich, der Andere, wie mit dem Bier auf Eis, innerlich: das Endziel, die Abkühlung ist, das nämliche.

Dies sind nicht meine, sondern Onkel Fritzens Gedanken über Asien und Europa. Er hält es nämlich mit dem Zopf, natürlich blos, um mir zu widersprechen. Wir haben schon in der Schule über die Chinesen gelacht, wenn der Herr Lehrer uns eintrichterte, wie verdreht sie Alles machen und Pudelbraten mit Ricinusöl essen und nicht 'mal das Alphabet können, sondern für jedes Wort ein Zeichen hinpinseln. Und keinen Achtstundentag kennen sie und keinen Achtuhrladenschluß und keine Sonntagsruhe. Wie schaudervoll: in dem großen himmlischen Reiche kann jeder arbeiten, wann und wo es ihm paßt, und seine Steuern erwerben und kein heimlicher Schnüffler petzt und kein Streber zeigt ihn an und kein Richter verknackt ihn. Welch' gräßlicher Anblick, solche Verlodderung der Volkswohlfahrt nebst Müßigschlendern der Straf-Organe.

Und vor ihren Mandarinen rutschen sie Bauch. Das ist erstens kriecherisch und zweitens ruinirt es das Zeug.

»Ich bin sehr froh, nicht in China zu leben,« sagte ich.

»Ich dito« stimmte Onkel Fritz mir ausnahmsweise zu. »Denke Dir, Wilhelmine, wenn sie Dir kleine Klumpfüßchen anerzogen hätten, daß Du nur eben watscheln könntest.«

»Gehört hab' ich davon, aber warum sie das thun, ist mir nie kund geworden.«

»Damit die Frau ihrem Gatten nicht wegläuft.«

»Wie grausam!«

»Nicht wahr? Der arme Mann wird sie nie los.«

»Viel schlimmer ist, wenn man einen Mann nicht los werden kann. Fritz, ich bin sehr, sehr unglücklich!«

»Was giebt's? Bist Du Deines Mannes überdrüssig? Hast Du zuviel neue Richtung gelesen und willst mitmachen?«

»Scherz bei Seite, Fritz, ich weiß nicht aus noch ein!« Und nun erzählte ich ihm meine Noth mit Kriehberg und Ottilie und Herrn Brauns.

»Was geht denn das Dich an?« fragte Onkel Fritz. »Laß doch die jungen Leute ihre Angelegenheiten unter sich schlichten.«

»Ich kann kein Blut sehen.«

»Klumpatsch! Du hast natürlich nicht bedacht, daß Menschen keine Dominosteine sind, die Du schieben kannst, wie sie nicht wollen. Was sagt denn Dein Mann dazu?«

»Das Schlimmste weiß er nicht?«

»Dann muß die Sache sehr mulmig sein.«

»Ist sie auch, Menschenglück und Menschenleben hängen davon ab, wie sie endigt.«

»Zunächst deshalb weg mit der Ottilie. Aus den Augen, aus dem Sinn.«

»Sie stirbt daheim an Gram und Kummer, wie Tante Lina. Du sollst sehen, nun, da sie nichts mehr zu hoffen hat, schwindet sie bald dahin.«

»Wer? Ottilie?«

»Nein, Tante Lina. Hoffnung ist der Zehrpfennig der Seele. Ist der verloren, schließen sich alle Thüren, bis auf die Pforte des Todes, die öffnet sich umsonst.«

»Wilhelmine, werde nicht sentimental. Tanten sind zähe und Verlobungen gehen täglich zurück.«

»Blos Kriehberg nicht. Er hat Briefe von Ottilie. Er thut Einspruch.«

»Dann laß sie ihn heirathen.«

»Sie liebt aber den anderen.«

»Und Du meinst, Tante Lina, die alte Schraube, hat die Beiden zusammengekobert?«

»Wenigstens stark nachgeholfen.«

»Dann wäre es ihre Pflicht wieder auszufädeln, was sie eingefädelt hat. Schatz, ich hab's! Setze Dich auf die Eisenbahn, oder womit Du sonst hinruckelst, fahre zu Tante Lina, polk ihr die Sachlage klar, damit sie so lange brieflich auf Kriehberg einwirkt, bis er Vernunft annimmt. Sie weiß ja am besten, wodurch und wie sie gekuppelt hat.«

»Geschehen muß etwas. Uebermorgen reise ich. Doch eins, Fritz, sprich mit Niemand ein Sterbenswort. Was aber wird mit meinem Hotel, wenn ich abwesend bin?«

»Das läuft nicht weg. Und verbohrter, wie es zugeht mit Dir, geht es ohne Dich schwerlich.« -- »Fritz!«

»So heiße ich! Ohne Umstände mache Schluß, so bald wie möglich. Du siehst schon ganz spack aus.«

»Meine Talje wird mir zu weit.«

»Sparst Du vier Wochen Krodobrunnen in Harzburg mit Bergklettern. Ich an Deiner Stelle karriolte morgen ab.«

»Kann ich nicht. Es ist das große Fest zu Ehren Li-hung-Schangs, des chinesischen Vice-Königs. Das muß ich beschreiben. Es wird einzig. Alles mit Theekisten-Inschriften, und auf dem Neuen See eine mit rothem und gelbem Kattun überzogene Barke und eine Pagode mit echten Porzellanvasen von Rex und die Lämpchen blau und gelb in der chinesischen Wappenkulör.«

»Wenn das den braven Schang nicht zu Thränen rührt, ist er das Entree nicht werth. Es wird doch auf eine Mark erhöht?«

»Versteht sich. Die Kosten müssen gedeckt werden.«

»Glaubst Du, weil Schang von uns mit Schokolade begossen wird, daß China deutsche Industrie und deutsche Leute begünstigt? Ich nicht. Ich kenne die Onkels durch mein Exportgeschäft. Es sind Gemüthsathleten sag ich Dir. Erst kommen sie und dann die andern -- noch lange nicht.«

»Oho! Man erwartet, daß er ein Dutzend Panzerschiffe bestellt...«

»Das dreizehnte oben aufs Packet gebunden.«

»Und Rieseneinkäufe macht. Außerdem soll er ein hervorragender Politiker sein.«

»Weißt Du, was Politik ist? Anders sagen als thun. Besser wäre, die Deutschen schlössen feste Freundschaft unter sich, als daß sie in der Fremde falsche Freunde suchten. Wilhelm, das Nachlaufen, das verfluchte Nachlaufen, das ist unser Elend. Wir beleuchten in allen möglichen Landesfarben, aber kein Land illuminirt in den deutschen Farben.«

»Warum nicht, da wir doch andere Völker mit Oellampen ehren?«

»Weil es kein schwarzes Licht giebt, und Weiß und Roth nicht langt. Sonst thäten sie es aus lauter Hochachtung. Wenn sie könnten, fräßen sie uns auf -- vor Liebe. Sie haben oft genug versucht, Deutschland zu zerreißen und zu verschlingen, aber ehe sie es todtschlugen, ward es lebendig und umgekehrt ein Schuh daraus.«

»War es denn halbtodt?«

»Es träumt zuviel und beim Träumen hält es die Augen nicht offen. Augenblicklich träumt es chinesisch.« --

Am Feste regnete es, daß die gelben und blauen Lampen sich in Vogelnäpfe verwandelten und Schang sich mit der Ankündigung der Illumination in den Zeitungen begnügen mußte, die laut posaunten, daß er für fünfzigtausend Brillanten auf der Ausstellung gekauft hätte.

Alle hinausgeströmte Welt ergoß sich in die Gold- und Silberabtheilung, wo es während des Regens trocken war, und betrachtete mit erhobenem Nationalgefühl die köstlichen Leistungen der Berliner Goldschmiede und Juweliere und den Platz, wo solcher Einkauf stattgefunden hatte, wenn auch nirgend wo daran stand »für China erworben.« Einige sagten, es wären fünfmalhunderttausend Mark gewesen, was nur scherzend bezweifelt wurde, da der Chinese furchtbar reich ist. Wenn er will, kann er jede Minute ein Zwanzig-Markstück hinunterschlucken, ohne daß er was merkt. So erzählte man und beglückwünschte die Juweliere zu dem »großartigen« Geschäft und pries den Arbeits-Ausschuß als Häupter vom Ganzen und die Ausstellung und Berlin und das Deutsche Reich, daß Handel und Wandel so aufblühten und der Goldregen von Osten noch dichter pladdern würde, als der Strippenregen vom Himmel. Wer nicht drinnen war, quurkste draußen in den Regenwegen und mancher guter Anzug kriegte seinen Rest, um dem Stern des himmlischen Reiches zu huldigen, der die Geburt goldener Zeiten verkündete; liegt doch im Verdienen heute das Heil der Menschheit. Es war ein großer Tag, nur bekam Niemand Schang recht zu sehen. Es triefte zu sehr. --