Hochtouren im tropischen Amerika
Part 9
Auf dem schneebedeckten Eisfeld über dem Westgletscher wanderten wir wie im bequemen Spaziergang bergan. Es ist lauter Gletschereis, was wir unter den Füßen haben. Wohl ein Kilometer breit und fünf bis sechs Kilometer lang, bedeckt dieser untere Saum des großen Antisana-Eismantels die schwachgeneigten niederen Hänge des Berges. Bergaufwärts ist das Eisfeld anfangs ganz spaltenlos, geht dann aber mit dem Beginn der starken Steigung in große Eisbrüche über, die für den obern Antisana charakteristisch sind. Der Schneeüberzug unseres Eisfeldes war körnig und fest und trug vorzüglich. Weithin glänzte die Oberfläche von blankem »Eisfirnis«. Ich sah, daß wir am nächsten Tag anfangs leichtes Spiel haben würden. Das Nebeltreiben um die Gipfel beruhigte und lichtete sich zeitweilig, so daß ich photographieren und mit dem Fernglas die Firnfelder der Gipfelregion und des Sattelgrates inspizieren konnte. Da sah ich u. a., daß dort oben viele der dem Wind und der Sonne stark exponierten Firnkuppen und Hänge jene eigenartige, in zahllose Klippen und Zacken zerfressene Oberfläche (Nieve penitente, Büßerschnee, Zackenfirn) hatten, wie wir sie schon in den obersten Regionen des Chimborazo beobachtet hatten. Sie sind hier wie am Chimborazo auf die oberste Region von etwa 5400 Meter an beschränkt, wo der Wind, die Sonnenstrahlung, die Lufttrockenheit und die Verdunstung am stärksten und wo die durchlässige Firndecke am dicksten und noch am wenigsten fest vereist ist.
Von dem flachen Schneefeld, wo der Westgletscher abzweigt, stiegen wir auf die Zunge des Gletschers; sie ist von der Wurzel (etwa 4900 Meter) bis zum Ende (4580 Meter) etwa anderthalb Kilometer lang. Mit steilen, oft senkrechten Seitenwänden von 10 bis 15 Meter Höhe hebt sich die langgestreckte Eismasse über die Schutthalden, die ihren Fuß bedecken. Der Gletscher schmiegt sich nicht wie unsere Alpengletscher mit flachgeböschter Oberfläche in sein konkaves Bett, sondern ragt dammartig daraus empor wie einer der oben geschilderten Lavaströme. Querspalten sind zahlreich, aber nicht tief und meist mit Schnee gefüllt. Je näher dem Zungenende, desto mehr zerklüftet und an den Seiten zerschmolzen ist der Gletscher, und schließlich löst er sich in ein großes Haufenwerk von Séracs und bizarr gestalteten Schmelztrümmern auf, unter denen der Eisfuß wie ein zäher Teig breit ausläuft.
Vor der Gletscherstirn (4580 Meter), die sich auf einem hohen Schuttkegel erhebt, liegen vier konzentrische Moränenbögen und bezeichnen vier Haltepunkte im Rückgang des Gletscherendes. Die unterste Grenze dieser jungen Endmoränen ist bei etwa 4500 Meter zu ziehen. Und darunter dehnt sich ein Rundhöckergebiet älterer Gletscherwirkung, deutlich erkennbar bis zu ungefähr 4200 Meter hinab und etwa 600 Meter breit, zum südlich benachbarten Lavastrom Sarahuazi hinüber aus.
Ins _Lager_ zurückgekehrt, fanden wir zwei zufriedene Menschen vor: Herr Reschreiter war vergnügt, weil ihm seine Farbenskizze des Westgletschers vortrefflich gelungen war, und der Cholo schmunzelte, weil er einen delikaten Locro zustande gebracht hatte. Als wir den beiden Kunstwerken die gebührende Ehre angetan hatten, legten wir uns an den Felsen in die warme Sonne, schauten den Rauchwölkchen unserer Tabakspfeifen nach und dachten an weiter nichts als an die Schönheit der Welt. Den ganzen Tag war es auffallend windstill und warm gewesen. Nirgends auf unserer Reise in Hochecuador haben wir einen so windstillen Lagerplatz gehabt wie hier. Obwohl wir oben die vom Ostwind getriebenen Wolken über den Firnsattel wie einen breiten Wasserfall herabgleiten und zerfließen sahen, spürten wir doch hier in 4700 Meter Höhe kaum einen Hauch. Wir waren im Windschatten des Berges. Erst spät am Nachmittag gewannen die aufsteigenden Luftströme die Oberhand, und mit ihnen zogen schwere Nebel von unten herauf und umwirbelten uns gegen Abend erst mit Graupeln und dann mit feinflockigem Schnee, so daß wir bald ein weißes Zeltlager hatten. In der Nacht klärte es sich auf, aber nun fegte der allnächtliche Fallwind stoßweise vom Berg herunter und drückte die Temperatur auf –2°.
Am Morgen waren die Zelte steif gefroren, der Schnee draußen hart. Aber die erhoffte Klarheit war mangelhaft. Der Berg hatte seinen üblichen großen runden Wolkenhelm und überschüttete uns schon wieder mit einzelnen Graupelböen. Im Westen hingegen, nach dem interandinen Hochland und seinen Vulkanbergen hin, war es herrlich klar. Dort präsentierte der Cotopaxi im rosaroten Morgensonnenglanz seine beschneite Nord- und Ostseite. Auf der Nordseite strecken einige lange Lavaströme ihre dunklen Grate bis zu etwa 5000 Meter Höhe in den Schneemantel hinauf, während auf der Ostseite der dort nur wenig gezackte Saum der Firn- und Eisdecke bis etwa 4400 Meter und stellenweise 4300 Meter herunterreicht. Ein feiner Puder von Neuschnee lag auf der Ostseite des Cotopaxi bis zu etwa 4000 Meter herab; auf den Osthängen des Sincholagua ungefähr ebenso tief, aber auf denen des Rumiñagui, des Corazon und des Iliniza, die schon nahe an oder auf der Westkordillere stehen, beträchtlich höher.
Während es bei uns leise weitergraupelte, setzte ich mich nach 7 Uhr mit Herrn Reschreiter und Santiago bergauf in Bewegung. Sobald wir aus unserm Felsenschutz heraus waren, überfiel uns gleich der pfeifende, eisige Wind und der uns entgegenstiebende körnige Neuschnee. Um 8 Uhr waren wir über die Moränen weg an der Eisgrenze bei 4900 Meter Höhe, und nun ging es mit dem Seil auf dem festgefrorenen Schneefeld flott bergan. Das ganze Firnfeld schien gegen uns in Bewegung zu sein: in Tausenden von kleinen Strömen floß der windgetriebene Hochschnee auf uns zu. Noch legten sich uns keine Spalten in den Weg, und noch hatten uns die vom Mittelgrat herabflutenden Wolken nicht erreicht. Aber nach einer Stunde begannen mit der stärkern Steigung des Berghanges die Spalten bei 5100 Meter Höhe. Da sie großenteils mit Neuschnee verweht waren, hieß es vorsichtig sein. Herr Reschreiter, der hier als vorderster am Seil ging, sondierte mit dem Pickel Schritt für Schritt, aber plötzlich brach er durch und saß bis an die Brust in einem Loch, während sein Unterkörper frei über der Tiefe hing. Glücklicherweise fand er für seine Fußspitze einen Stützpunkt in der Spaltenwand. Behutsam verankerte er sich seitwärts mit dem Pickel im festen Eis, langsam drehte er sich auf die Seite, langsam zogen wir mit gegengestemmten Pickeln am straffen Seil, und nach ein paar Sekunden konzentrierter Kraftanspannung standen wir wieder beieinander.
Nun ward von uns noch vorsichtiger, noch langsamer vorgegangen. Wir hielten die Richtung auf einen großen Eisturm nahe unter dem Sattel zu, von wo ein Traversieren durch das Klüftegewirr ostwärts zum Kamm hinauf möglich erschien. Der Schnee war nun, als wir in die Region der jagenden Wolken kamen, oft zu brett- oder schindelartigen, ein bis zwei Finger dicken, flachliegenden Wehen angeblasen, die aber ganz gut gangbar waren. Spalte nach Spalte wurde überschritten oder übersprungen oder umgangen. So oft die Luft etwas klarer wurde, machte ich eine photographische Aufnahme mit der Handkamera. Gegen 11 Uhr standen wir mitten in dem großartigsten Eisgeklüfte. Rechts und links und vor uns klafften dunkle Schlünde und starrten Wände und Türme und Zinnen von 20 bis 35 Meter Höhe empor, alles um so phantastischer, als es, von Nebeln mehr und mehr umweht, gespenstig da und dort plötzlich auftauchte und wieder verschwand. In den Spalten schimmerte das Eis je nach der Dichte und Beleuchtung hellblau und meergrün und in größerer Tiefe ultramarin und braunviolett.
In vielen Windungen die Séracs und Spalten umgehend oder auf vereisten Schneebrücken überschreitend, gelangten wir allmählich in das Niveau des großen Eisturms, der uns von Anfang an die Richtung gewiesen hatte; aber der Firnhang wurde immer steiler und schwieriger, der Wind immer wütender, der Nebel immer dichter, das Schneestieben immer toller. Trotz der schweren Arbeit fühlte keiner von uns besondere, aus der Bergeshöhe resultierende Beschwerden. Santiago, der sich mit Tüchern wie ein altes Bauernweib eingebunden hatte, wimmerte bisweilen ein wenig, aber er hielt aus. Unsere dicken Schneehauben bewährten sich wieder vortrefflich. Darüber aber waren wir von Schnee und Eis inkrustiert wie der berühmte Eispeter im Bilderbuch von Wilhelm Busch. Endlich betraten wir einen ziemlich breiten Firnrücken vor einem Steilabsturz; unter uns ein graues, düsteres Nebelchaos. Das war die _Caldera des Antisana_ und unser Standpunkt der Sattel zwischen den beiden Gipfeln (5505 Meter). Zu sehen war aber hier so gut wie nichts. Nur das stand fest, daß wir bei dem Wetter nicht daran denken konnten, über die Klüfte und Wände, die uns noch vom Hauptgipfel trennten, wegzukommen. Der erste Versuch, den ich machte, führte uns gleich an einen Schrund von über 20 Meter Breite und unsichtbarer Tiefe, so daß wir ohne langes Zögern umkehrten.
Von unseren heraufführenden Spuren war schon nahe unter dem Sattel nichts mehr zu erkennen. Der Wind hatte sie weggefegt oder mit Kornschnee ausgeglättet. Wir begannen daher nach dem Kompaß und nach der Erinnerung eine »~ice-navigation~« – wie es Whymper nennt –, die im Nebel und Sturm verteufelt heikel war und unsere Aufmerksamkeit auf das höchste anspannte. Aber glücklich wandten wir uns wieder zwischen den bösartigen Spalten durch und erreichten nach einer Stunde unterhalb der Bruchregion das große Firnfeld, wo wir in flottem Tempo ausgreifen konnten. Der Schnee fiel aber jetzt auch hier so dicht, daß eine Orientierung nach außen unmöglich war. Es entstand erst eine Meinungsverschiedenheit über die einzuschlagende Richtung, doch ich bestand auf strengstes Befolgen meines Kompasses, dessen Weisungen ich schon beim Aufstieg öfters notiert hatte, und in dieser Richtung steuernd, landeten wir um 2 Uhr richtig an derselben Stelle, wo wir am Morgen das Eis betreten hatten. Des Seiles ledig, eilten wir nun hurtig über die Moränenhalden hinab und standen bald, immer noch von etwas Schnee, von Regen und von Wind begleitet, wieder bei unseren Zelten. Die triefnassen Wettermäntel flogen herunter, und unser enges, aber stets von neuem gebenedeites Bergheim nahm uns wieder auf.
Im stillen Zeltchen Tee trinkend, gerösteten heißen Mais kauend und Cigarillos rauchend, warteten wir in Geduld, bis uns der Verabredung gemäß unsere Arrieros mit den Mulas abholten. Trotz des nichtsnutzigen Wetters kamen die Braven mit nur wenig Verspätung um Mitte des Nachmittages an. Die beiden Männer waren ganz friedlichen, freundlichen Sinnes, obgleich sie wieder einmal stundenlang mit ihren Bastsandalen im schneeigen Schlick patschen mußten. Diese heitere Seelenstimmung war, wie ich schnell merkte, durch gründliche Imprägnierung mit Chichaschnaps hervorgerufen. Weniger vergnügt waren die »Bestias« über das Wetter. Das hatte aber das Gute, daß sie mit uns unaufhaltsam freundlicheren Gefilden am Bergesfuß zudrängten und auf dem Pfad der Páramos von selbst einen Trab anschlugen, der uns noch vor Dunkelwerden zum _Hato Antisana_ zurückbrachte. Schneidender Ostwind und strömender Regen verfolgten uns bis unter das schützende Dach. Der Antisana hatte es offenbar darauf abgesehen, sich uns auch einmal in seiner ganzen, als »brava« verschrieenen Abscheulichkeit zu zeigen und uns für unsere Frechheit, daß wir seinen Rücken betreten hatten, einen gründlichen Denkzettel zu verabreichen.
Am nächsten Morgen stand der Berg wieder mit seinem großen weißen Wolkenhut vor uns wie am Morgen vorher. Gern hätte ich noch einen oder zwei Tage drangewandt, um die nordwestliche lange Gletscherzunge am Yana-Volcan oder die Eisverhältnisse auf der Südseite zu untersuchen, aber unsere Zeit war auf das knappste bemessen. Ich mußte mich deshalb, während die Karawane sich zur Rückreise rüstete, mit einem kurzen Vorstoß zum Südfuß des Antisana hin begnügen, um von den dortigen Zuständen etwas mehr zu sehen, als es vom Hügel am Hato aus möglich war. Jenseits des Guamanihügels erreichte ich bald eine zweite Bodenschwelle, die eine ziemlich freie Übersicht über die _Südwestseite_ des Berges gewährte.
Ich sah nun den Sarahuazi-Volcan östlich vom Westgletscher unter den Moränenhalden hervorkommen und in ein breites niedriges Hügelland auseinanderlaufen, und ich sah östlich davon die Eisgrenze des Antisana sich leicht zum Südfuß des Berges senken, wo mit einem mächtigen vorspringenden Felssporn die riesigen Felswände des Südgipfels beginnen. Ich sah aber auch, daß dort die Felswände zu einem großen amphitheatralisch in den Bergkörper hineingewölbten Kar abfallen, das die charakteristische Lehnsesselform und einen ebenen Boden hat. Cuchu ist die indianische Bezeichnung für diese typische Talform, die immer ein Merkmal einstiger stärkerer Gletscherwirkung ist. Das vor uns liegende heißt Corral-cuchu, weil die Hirten des Hato dort einen Viehzaun (~corral~) haben. Ein noch größeres Kar von ganz ähnlicher Gestalt liegt südöstlich daneben; es ist das San Simon-cuchu. Beide Karböden gehen weiter draußen in enge Bachtäler über, durch welche die Gletscherwasser abfließen. In jedem der beiden Kare liegt ein breiter, kurzer, steiler Gletscher mit großen Spalten und Stufenbrüchen.
Zum Hato del Antisana gegen 9 Uhr zurückgekehrt, fand ich die Karawane reisefertig. Sofort setzten wir uns zum Rückmarsch in Bewegung, der uns an diesem Tag über Pinantura hinaus bis zur Hacienda Rosario in der Quitomulde bringen sollte. Ich schlug aber diesmal bis zum Antisanilla-Volcan einen etwas südlichern Pfad ein als auf der Herreise, der sich als etwas kürzer erwies. Dabei passierten wir im Anfang eine breite, flache Bachmulde, in der sich Scharen scheuer Rinder tummelten und Schwärme von ibisartigen, krummschnäbeligen Vögeln schreiend umherflogen. Es ist der von den Einheimischen »Bandurria« (~Thersiticus caudatus~) genannte Vogel, ein möwengroßes, dunkelgraues Tier mit weißen Bändern über den Flügeln, das der Ostkordillere, namentlich dem Antisana, eigentümlich ist und mit seinem Schnepfenschnabel in den Sümpfen der Páramos nach Nahrung wühlt, aber auch im Mist der Rinderherden nach freßbarem Inhalt sucht.
An der Quebrada Puyurima bekamen wir einen guten Ausblick auf die Ost- und Nordseite des _Sincholagua_. Ganz langsam hebt sich von uns aus die braungraue Páramofläche 10 Kilometer zur breiten Felspyramide dieses alten Vulkanes hin, ein Landschaftsbild von trister Einförmigkeit und Leblosigkeit. Droben schimmern Schneeflecken auf den Wänden. Die steile, lange Ostwand hat keine Gletscher, aber auf der Nordseite hängt zwischen den beiden felsigen Gipfeln nahe dem Nordgipfel ein kleiner Steilgletscher in die weite, nach Norden offene und einem großen Kar gleichende Caldera hinab, deren obere rechte Hälfte der Länge nach ausfüllend. Rechts und links von seiner Stirn ziehen je zwei parallele Ufermoränen bis zum Kargrund in etwa 4200 Meter Höhe, wo eine dreistufige Endmoräne die jüngeren Glazialbildungen abschließt.
Der Quebrada Puyurima folgend und weiter wieder am Lavastrom von Antisanilla entlang reitend, trafen wir vor Mitte des Nachmittags in der Hacienda Pinantura ein, kreuzten wieder die Quebrada Guapál, die jetzt bei vollem Tageslicht nicht mehr die Schrecken hatte wie auf dem Nachtmarsch der Herreise, und eilten jenseits durch die Tuff- und Lößschluchten nach Pintac hinab, von wo wir gegen Abend in der _Hacienda Rosario_ zum Nachtquartier anlangten.
Am Abend setzte die untergehende Sonne den ganzen Himmel in Flammen, als ob sie noch im Erlöschen einen Weltenbrand entzünden wollte. Vor der glühenden gelb-rot-violetten Dämmerungslohe standen im Westen die schon nächtlich schwarzen Silhouetten der langgestreckten Vulkane Pichincha, Atacatzo und Corazon, während über ihnen dunkle, goldgesäumte Wolkenbänke, an der Oberseite zu ungeheueren Höhen aufgetürmt, an der Unterseite wagerecht abgeschnitten und seitlich durch lange Ausläufer miteinander zu einem Ganzen verbunden, noch ein Gebirge über dem Gebirge, ein himmlisches über dem irdischen, ins Dasein zu rufen schienen. In diesem Lande der großen Monotonie, der Einförmigkeit der Linien und Flächen, der Eintönigkeit der Farben und Stimmungen, scheint der Himmel mit seiner abendlichen und frühmorgendlichen Farbenpracht dem Landschaftsbild die Schönheitsreize verleihen zu wollen, die ihm die Erde versagt hat. Wir standen stumm in Anschauen versunken, bis die Nacht dem zauberischen Schauspiel ein Ende machte.
Am Morgen regnete es in Strömen. Aber je weiter wir aus dem Bereich der nassen Ostkordillere nach Westen kamen, desto heller wurde es; die Westkordillere lag in schönster Klarheit. Von der Höhe des Poingasi-Rückens warfen wir einen Abschiedsblick auf die durcheilte weite Quitomulde und stiegen dann, ihr den Rücken wendend, vom Tuffrücken des Poingasi westwärts nach Quito hinab, das in lethargischer Ruhe und Stille unter uns lag. Um 7 Uhr waren wir von der Hacienda Rosario weggeritten, nach 12 Uhr zogen wir wieder in die Hauptstadt ein.
Der Cotopaxi.
1. Der Berg.
Von allen Schneebergen Ecuadors hat von jeher keiner so sehr das Interesse der Ecuatorianer selbst erregt wie der Cotopaxi. Das verdankt er seiner Lage, seiner Gestalt und seiner vulkanischen Tätigkeit. Einer die Ost- mit der Westkordillere verbindenden Vulkanreihe (Quilindaña-Cotopaxi-Rumiñagui-Corazon) angehörend, ist er so weit in die interandine Hochebene vorgeschoben, daß er vom Norden und Süden des Hochlands gut zu sehen ist. Wo wir auch im Hochlande reisten, fast überall trat, sobald sich die Fernsicht öffnete, der wundervolle weiße Riesenkegel des Cotopaxi aus den Wolken hervor, einzig in seiner Art, nie zu verwechseln mit einem der anderen großen Schneehäupter, der majestätische Zentralvulkan von Hochecuador. Ganz frei vom Fußpunkt bis zum Gipfel, ohne Vorberge und Zwischenstufen, präsentiert er sich auf der Westseite, und dort zieht stundenlang über seine Basisebene die einzige große Verkehrsstraße des Hochlands hin, von Latacunga nach Quito, auf der jährlich viele Tausende im vollen Angesicht des Berges von Norden nach Süden oder umgekehrt wandern.
Den Cotopaxi kennen die Hochlandsbewohner alle, während sie über die anderen Bergerscheinungen sehr oft im ungewissen sind. Für die gewaltige Größe und Schönheit dieser Berggestalt sind sogar die für Natureindrücke so stumpfen Ecuatorianer empfänglich: »~hecho como al torno~« (wie auf der Drehbank gemacht), sagten vom Cotopaxi schon zu Humboldt die Eingeborenen bewundernd. Freilich, bei solcher gelegentlichen Bewunderung aus der Ferne ist es immer geblieben. Nur wenige Ecuatorianer haben die Schneeregion des Berges betreten, und diese wenigen immer nur in Begleitung von europäischen Reisenden. Gewöhnlich waren es indianische Träger, die es um des klingenden Lohnes willen taten. Von den »Gebildeten« des Landes, die sich mehr aus Neugierde oder Eitelkeit als aus ernstem Wissens- oder Tatendrang einem der europäischen Forscher angeschlossen haben, ist erst ein einziger (A. Sandoval mit Theodor Wolf) zum Gipfel gelangt, weil weder ihre physische Kraft noch ihr Mut noch ihre Energie ausreichten.
Der Cotopaxi erhebt sich zu seiner 6005 Meter messenden Höhe (mit der mächtigen Firnhaube des Jahres 1903) aus der etwa 3000 Meter hohen Ebene des Rio Cutuchi im Westen, während auf den anderen Seiten sein Fuß auf dem Vorland in 3700 bis 3800 Meter Höhe steht. Auf der höchsten, der Westseite, gemessen, ragt sein Haupt also nur etwa 3000 Meter über seine Hochebenenbasis empor; er gehört somit nach seiner _relativen_ Höhe als Bergindividuum trotz seiner rund 6000 Meter betragenden Gipfelhöhe nicht zu den Riesen seines vulkanischen Geschlechts, unter denen zum Beispiel der Kilimandjaro von einer etwa 700 Meter hohen Ebene zu 6010 Meter emporsteigt, also eine relative Höhe von rund 5300 Meter hat. Aber kein anderer aktiver Vulkan der Welt hat eine größere _absolute_ Höhe als der Cotopaxi. Über seine Umgebung erhebt er sich gleich der Zitadelle eines gewaltigen Festungsvierecks, dessen vorgeschobene Werke die kleineren Nachbarvulkane Rumiñagui, Pasochoa und Sincholagua sind.
Dem Anblick der großen Zahl seiner Beschauer entrückt und am wenigsten bekannt ist die _Ostseite_ des Berges. Sie ist die steilste und kürzeste Seite, da ihre Basis schon bei 3800 Meter dem vor- und untergelagerten Fußgebirge aufsitzt. So große Aschenfelder wie auf den anderen Seiten des Berges gibt es hier nicht, denn die vorherrschenden östlichen Winde tragen die leichten Auswürflinge des Gipfelkraters nach Westen. Aber um so gewaltiger ist im Osten die Überflutung von Lavaströmen, da der östliche Kraterrand etwas eingeschartet ist und die flüssige Glut am ersten übertreten läßt. In neuerer historischer Zeit hatten sich die Laven mehr nach der Westseite ergossen, aber gerade dadurch ist jetzt der Westrand des Kraters wieder höher geworden als der Ostrand. Nicht nur die Lavaströme haben die Hänge der Ostseite wild zerrissen und, am Abhang erkaltend, ohne den Bergfuß selbst zu erreichen, zahllose Stufen und Dämme aufgebaut, sondern auch die von den plötzlichen Schneeschmelzen herabgesandten Wasser- und Schlammströme haben diese Bergseite tief gefurcht und ihre großen Massen von Gesteinstrümmern ostwärts in das weite Hochtal »Valle vicioso« gewälzt. Aber nur in den unteren Teilen der Osthänge treten diese Zerstörungen und Neubildungen zutage; in den oberen größeren Partien umhüllt den Kegel jetzt ein mächtiger Firn- und Eismantel, dessen Randgletscher hier infolge der von Osten kommenden starken atmosphärischen Niederschläge sich weiter bergab (bis etwa 4300 Meter) ausdehnen als auf den anderen Seiten. Der Firnmantel ist aber in der Mitte seiner ganzen Vertikallänge etwas eingebogen und verdeckt dort mit Eis und Schnee die breite steile Bahn, die von den über den Kraterrand quellenden und am jähen Berghang abstürzenden Lavamassen im Massiv des Kegels ausgefahren ist. Frühere Besteiger haben diese Formation auf der Ost- wie auf der Westseite ohne Schneebedeckung gesehen.
Weniger tief als auf der Ostseite reicht auf der _Südseite_ die Firn- und Eisdecke herab. Sie endet in ungefähr 4650 Meter Höhe am Fuß der Felsmasse »Picacho«, die schroff, verwittert, ruinenhaft aus dem Südhang des Berges hervorragt und ein vereinzeltes Überbleibsel des ältern, vom Cotopaxi verschütteten vulkanischen Fußgebirges ist. Sie hat zum Cotopaxi dasselbe Verhältnis wie die Somma zum Vesuv. Auch von jüngeren Lavaströmen, Schlammströmen, Wasserrissen bemerkt man auf der südlichen Bergseite relativ wenig, da der hochgewölbte südliche Kraterrand seit langem ein Überfluten der Laven nach Süden verhindert hat. Flach läuft der Südfuß bei 3700 Meter in die südlichen, schildförmigen, älteren Vorberge aus, die, von jüngerer Asche bedeckt, sich unabsehbar nach Süden dehnen.