Hochtouren im tropischen Amerika

Part 8

Chapter 83,391 wordsPublic domain

Südlich von Quito, eine halbe Stunde von der Stadtgrenze entfernt, steht auf der Fußebene des Pichincha eine kleine, 200 Meter hohe Vulkankuppe von auffallend regelmäßiger Gestalt: Panecillo, das Zuckerhütchen, nennen die Einheimischen den Hügel. Seine freie, dominierende Lage (3050 Meter) macht ihn zu einem Aussichtspunkt ersten Ranges. Der droben Stehende sieht sich von einem mächtigen Bergkranz umgeben. Im Rücken hat er den breiten, von tiefen Quebradas zerschluchteten Pichincha, an den sich nach Süden und Norden in langer Linie die Vulkanberge der Westkordillere anreihen, fast lauter Viereinhalbtausender und noch höhere, und nach Osten schweift der Blick über die weite, nach Süden und Osten ansteigende Mulde des Rio San Pedro und seiner Nebenflüsse weg auf die lange Bergmauer der Ostkordillere, die hier nicht so viele einzelne große Vulkangipfel trägt wie die Westkordillere und geschlossener, finsterer, unzugänglicher erscheint als jene.

Auf keiner Seite hat der Beschauer Schneeberge in seiner Nähe. »Ewige Schneehäupter« tauchen erst in weiter Entfernung von Quito auf. Im großen, von breiten Lücken unterbrochenen Halbkreis umziehen sie im Süden und Osten das Panorama des Panecillo; es sind von Süden her der doppelzackige Iliniza (5305 Meter), dann der Riesenkegel des Cotopaxi (6005 Meter), daneben der kleinere Sincholagua (4988 Meter), weiter östlich die große Stumpfpyramide des Antisana (5756 Meter), darauf der niedrigere, aber stark vergletscherte Sara-urcu (4725 Meter) und zuletzt der dem Chimborazo ähnelnde mehrgipfelige, von Eisströmen übergossene Cayambe (5840 Meter).

In dem großen Halbkreis dieser ragenden Schneehäupter imponierten mir der Antisana und der Cayambe am meisten, und der Antisana zog mich vermöge seiner herrlichen Gestalt und seiner starken Vergletscherung mit magischer Gewalt an.

Für eine Besteigung und Untersuchung des _Antisana_ gibt es nur _ein_ geeignetes Standquartier am Fuß des Berges, den Hato Antisana an der Westsüdwestseite. Die Reise dorthin von Quito läßt sich in zwei Tagen über den Rio San Pedro und die Orte San Rafael, Pintac, Hacienda Pinantura und den Paß Puerta de Guamani machen. Am 26. Juli früh brach ich mit Herrn Reschreiter und meiner alten Karawane von drei Einheimischen und zehn Mulas nach Osten auf. Zuerst führte die Straße, die theoretisch auch zum Fahren bestimmt ist, steil zum Bergrücken Poingasi hinan.

Droben öffnet sich plötzlich vor uns das Land zu unseren Füßen. Das Auge schweift freudig über die sonnige, weite Quitomulde mit ihren unzähligen Hügeln und grünen Feldern, Haciendas und Dörfern, Baumgruppen und Bachschluchten. Ein ungewohntes Kulturlandschaftsbild im ecuatorianischen Hochland.

Auf einem fürchterlich gepflasterten Serpentinenweg geht es dann zum Rio San Pedro hinunter. Die Mulas rutschen und stolpern; wer hier stürzt, bricht unfehlbar das Genick. Aber wäre der Weg nicht gepflastert, so wäre er an dem steilen Berghang in der Regenzeit monatelang überhaupt nicht passierbar. Das läßt man sich wohl in der »Provinz« gefallen, aber nicht hier in der Nähe der Hauptstadt, deren reiche Leute ihre Haciendas draußen in der Quitomulde haben und jederzeit mit ihnen verkehren wollen.

Eine alte Steinbrücke führt uns unten über die tiefe, kaum 10 Meter breite Quebrada eines Nebenflusses des Rio San Pedro, in deren Grund die tuffbraunen Fluten gurgeln. Lotrecht und glatt wie mit dem Spaten sind die Wände des Cañons in den Tuff eingeschnitten, und diese Tuffmassen, diese klammartigen Erosionsschluchten treffen wir fernerhin überall in der Quitomulde, wo wir Bäche zu passieren haben. Jenseits des Dorfes Conocoto (2594 Meter) überschritten wir auf einer neuen Eisenbrücke die schäumenden Wasser des stattlichen, 20 Meter breiten Rio San Pedro und kamen durch Staub und Glut nach Mittag im Städtchen Sangolqui (2561 Meter) an, wo uns die übliche Staffage der ecuatorianischen Provinzstädtchen umgab: baufällige, wegen der Erdbeben nur einstöckige Häuser; Schmutz, Schweine und Hühner auf den Straßen, wenige und lumpige Menschen.

Ganz allmählich hebt sich unser Terrain ostwärts. Zur Linken haben wir den frei in der Talebene stehenden, stark abgestumpften Vulkankegel Ilaló (3161 Meter), weiter zur Rechten erheben sich die breiten Sockel des Pasochoa (4255 Meter) und des Sincholagua (4988 Meter). In der Lücke zwischen beiden erscheint aber in der Ferne der Wunderberg Cotopaxi mit seinem ungeheuern, schnurgerade nach Osten hinausflatternden Wolkenschleier. Auf seiner wolkenfreien Nordwestflanke glitzern drei Gletscher im Sonnenlicht.

Die Sonne stand schon tief zwischen dem Pichincha und dem Atacatzo, als wir in das kleine Kirchdorf _Pintac_ (2925 Meter) einzogen. Da aber das Nest bitterwenig einladend aussah, ritten wir ohne Aufenthalt nach der Hacienda Pinantura weiter, die nur eine kleine Stunde entfernt sein sollte. Erst ging es auf langgestreckten, buschbewachsenen Höhenrücken entlang, in deren graugelbe Tuffmassen der Reitpfad durch langjährige Benutzung oft mehrere Meter tief eingeschnitten war. Darauf wurde die Landschaft mehr und mehr páramoartig. Schon schlichen nächtliche Schatten aus den Niederungen an den Bergen empor. Plötzlich standen wir am scharfen Rand einer düstern Talschlucht, der _Quebrada Guapál_, die in der Dämmerung nur noch tiefer erschien, und sahen im Abendschein am jenseitigen Rand die Hütten der Hacienda Pinantura. Da hinabzureiten wäre in der Dunkelheit für einen Ortsunkundigen Selbstmord; nur unser Führer riskierte es. Wir andern tappten und rutschten zu Fuß auf dem steinigen, tiefgefurchten, buschbewachsnen Pfad hinter ihm her, unsere Tiere am Zügel nachziehend. Es war stockfinstere Nacht geworden, und der dünne Schimmer der Mondsichel drang nur mit vereinzelten Blinklichtern ins Dickicht. Alle paar Minuten lag einer von uns am Boden und machte seinem Zorn und Schmerz durch einen kräftigen Fluch Luft. Wer das letztere noch nicht gekonnt hat, der lernt es in Ecuador. Endlich brausten unter uns die Wasser im Talgrund. Ohne eine Spur davon im Dickicht zu sehen und ohne zu ahnen, wohin es ging, kletterte ich in der Finsternis auf meine herangezogene, widerstrebende Mula und ließ sie gottbefohlen ihren Weg im Dunkeln suchen. Sie folgte, vorsichtig tastend und laut schnaubend, dem Tier des Führers, aber langsam landete mich das brave Tier am andern Ufer ohne Sturzbad. So ging es dicht hintereinander durch vier reißende Bacharme. Beim vierten half schon das einfallende Mondlicht mit, und allmählich näherten wir uns dem jenseitigen Oberrande der Quebrada, wo die Hütten der _Hacienda Pinantura_ (3174 Meter) vor uns auftauchten. Ein altes Weib öffnete auf des Führers Zuruf das verrammelte Tor. Wir nahmen vom sogenannten Zimmer des Mayordomo Besitz, wo neben Haufen von Kartoffeln und Mais ein zerbrochener Tisch und ein Möbel standen, das einst vermutlich ein Sofa gewesen war, und in der Ecke sogar eine Art Bettstelle mit Strohsack. Alles klebte von Schmutz; die aus Lehm zusammengepatzte Stubendecke war, wie gewöhnlich, halb heruntergefallen, und natürlich war es hundekalt, da ebenso natürlich kein Ofen vorhanden war. Aber unsere Schlafsäcke halfen uns über alle Widrigkeiten hinweg.

Vor Sonnenaufgang des nächsten Morgens trat ich vor die Haciendamauer an den Rand der düstern Quebrada Guapál. Darüber hinweg weitet sich eine wundervolle Aussicht nach Westen über die große, langsam westwärts sich senkende Ebene der Quitomulde bis zum fernen dunstigen Pichincha, der langgestreckt und mit sanften Hängen das Panorama im Westen abschließt. Seine breiten Gipfel heben sich nur wenig über die flache Wölbung des schildförmigen Massivs, der höhere Südgipfel (Guagua-Pichincha 4787 Meter) mit ein wenig Schnee, aber ohne die leiseste Spur eines Kraterwölkchens.

Nach Osten schweifte der Blick über die leicht ansteigende Ebene bis zum breitbuckeligen, felsigen Sincholagua, dessen kleiner Gipfelgletscher im Morgenlicht rosig schimmerte, und südwestlich hinter seinen langen dunklen Ausläufern leuchtete aus der Ferne die oberste Firnkuppe des Cotopaxi herüber, der eine zarte orangerote Dampfwolke entflatterte wie eine feingetönte Straußenfeder.

Die schnell aufsteigende Sonne mahnte zum Aufbruch. Mit nur fünf Peones im Gefolge, die am Antisana unser Gepäck von den Maultieren übernehmen sollten, ritten wir los. Der Pfad führt langsam an der steilen Innenwand der Quebrada bergan. Unsere ganze Aufmerksamkeit war aber nun von einem auf der Talsohle liegenden Lavastrom, dem _Volcan de Antisanilla_, gefesselt, dem größten Lavastrom Ecuadors.

Sein Ende liegt bei 3045 Meter im Talgrund, und bis dahin zieht der »Volcan« (Lavastrom) wie ein riesiger Damm oder wie ein hochgewölbter Gletscher in der Quebrada entlang. Im Endteil hat er noch eine Mächtigkeit von etwa 130 Meter bei etwa 200 Meter Breite. Seine Oberfläche erreicht aber nirgends ganz das Niveau der oberen Talränder. Oft ist er in der Mitte seiner Laufrichtung eingesunken und rechts und links von großen Längskämmen überragt. Man sieht dem Volcan überall die allmähliche Erstarrung in langsamer Bewegung an. Er ist dick mit Trümmern bedeckt, so daß man das Ganze leicht für bloße Schuttmassen halten kann.

Hell hebt sich bei Sonnenlicht der graubraune Lavastrom von den grünen baum- und buschbewachsenen Talwänden der Quebrada Guapál ab. Seine Oberfläche hat aber doch trotz seiner Jugend schon einen grünlichen Anflug, stellenweise sogar einen Überzug von Vegetation. Es sind Flechten, kleine Gräser, Farne, Steinbrechstauden und niedriges Gestrüpp, die sich auf seinen harten Blöcken, Schlacken und Sanden angesiedelt haben. Für die Dauer dieses stillen, aber harten Kampfes der Pflanzen um neuen Boden haben wir gerade im Lavastrom von Antisanilla einen guten Maßstab an seinem ziemlich genau festzustellenden Alter. Wie Theodor Wolf nachgewiesen hat, war der Lavastrom 1767 schon vorhanden, und da Humboldt eine Eruption des Antisana aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts, »wahrscheinlich von 1728«, erwähnt, aber von weiteren Ausbrüchen nichts berichtet wird, so kann man mit ziemlich großer Sicherheit das jetzige Alter des Volcan auf 1¾ Jahrhunderte berechnen.

Nach kurzem Ritt schwenkten wir aus der Quebrada Guapál südwärts ab und kamen draußen auf dem Plateau wieder in eine Zone von bösartigen Tuffen, in die sich die Reitwege noch tiefer eingeschnitten haben als in die Tuffe zwischen Pintac und Pinantura. Steil geht es dann über grasige Páramohügel hinauf, wo die höchsten kleinen Gerstenfelder der ganzen Gegend bei 3380 Meter liegen, und endlich durch ein primitives, das Vieh abhaltendes Holzgatter, die Puerta de Guamani (3544 Meter). Hier stehen wir plötzlich wieder am Rand der Quebrada Guapál und haben darin von neuem den Lavastrom von Antisanilla vor uns, und zwar in seiner großartigsten Mittelpartie. Hier wälzt er sich auf der uns gegenüberliegenden nördlichen Talseite, unsichtbar woher, einem versteinerten Katarakte gleich, über den Rand der Quebrada und über die hohe Talwand hinab in den Talgrund.

Breit und mächtig wie der Niagarafall kommt er über den Talrand herunter. Es muß ein Schauspiel sondergleichen gewesen sein, als hier seine Schlacken und Blockmassen in furchtbarem, unaufhörlichem Drängen und Schieben, getrieben von der unsichtbaren Gewalt des glühenden Magmainnern, mit Knirschen, Krachen und Donnern in die Tiefe des Tals stürzten, wo der wütende Kampf mit den Bachwassern begann, und als dann im Tal die ungeheure höllische Schlange dampfend und lärmend, träge, aber unaufhaltsam weiterkroch.

Die Sonne hatte es den ganzen Vormittag gut mit uns gemeint. Dann hatten verdächtige lange Cirrusstreifen immer dichter den Zenit umschleiert, und nun begann es, je weiter wir auf die offenen Páramos hinaufkamen, immer steifer aus Osten vom Antisana her zu blasen. Dort hing dickes Gewölk tief herunter und gönnte uns keinen einzigen Blick auf den nahen Schneeriesen. Bei 4000 Meter rasteten wir in einer flachen Mulde inmitten einer wunderbaren Flora von kniehohen Culcitien, die hier zu Hunderten ihre hellgrauen pelzumhüllten, von faustgroßen grauen Blütenköpfen beschwerten Gestalten zwischen dem dunklen Grün der Werneriapolster emporstreckten.

Jenseits der Culcitienmulde erschien endlich vor uns im wehenden Nebel die längliche strohgedeckte Steinhütte des _Hato del Antisana_ (4095 Meter), die wir um die Mitte des Nachmittags erreichten. Nachdem die Hacienda, die früher hier gestanden hatte, in den neunziger Jahren abgebrannt war, benutzt man jetzt die daneben in einer windgeschützten Bodensenke gelegene Hütte als Hato. Er ist mit 4095 Meter eine der höchstgelegenen menschlichen Wohnungen Ecuadors. Als Bewohner fanden wir drei indianische Hirten vor, die den mittlern Raum für uns freigaben. Es sind nur vier rohe Steinmauern mit dem Grasdach darüber, ohne Fensteröffnungen und ohne Rauchabzug. Hier machten wir Standquartier für unsere Antisanatour.

Zwischen uns und dem Berg zieht welliges Páramogelände, eine grünlichbraune Hochsteppe, leicht hinan, durchwunden vom rötlichgrauen Band eines mächtigen jungen Lavastroms, des Guagraialina-Volcans. An der Stelle, wo dieser am westlichen Bergeshang hervorkommt, legt sich um die uns zugekehrte südwestliche und westliche Bergseite zwischen 4500 und 4800 Meter Höhe ein breiter Gürtel von hellgrauem frischen Moränenschutt, und darüber strebt das schneeige Bergmassiv des Antisana zu zwei runden Gipfeldomen himmelan; rechts der steilere, von schroffen Felswänden getragene Südgipfel (5620 Meter), links der höhere, breitere Nordwestgipfel (5756 Meter), dazwischen ein etwas niedrigerer zackiger Sattel mit dem kleinen, spitzen Westgipfel; alles überzogen von einem ungeheuern Firn- und Eismantel, der, in den oberen Bergpartien wild zerrissen, in den unteren sanft ausgeglichen, bis zur Moränenzone bei 4800 Meter herabwallt.

Den ersten vergeblichen Versuch, den Antisana zu besteigen, hat Alexander von Humboldt 1802 gemacht. Nach ihm ist Alphons Stübel am 25. September 1871 bis zu 5493 Meter Höhe gelangt. Bezwungen worden aber ist auch dieser Berg bisher nur durch Edward Whymper am 10. März 1881. Wir haben vom 28. bis 30. Juli 1903 an und auf dem Eis des Antisana gearbeitet und die Westseite bis über Stübels höchsten Punkt auf dem Mittelgrat bestiegen.

2. Die Besteigung.

(Siehe Karte, Seite 130.)

Wir hatten in aller Klarheit auf dem offen vor uns ausgebreiteten Bergpanorama die Richtung ausfindig gemacht, in der ein Vordringen in die höchsten Regionen möglich erschien, und wollten oben von der Ursprungsstelle des Guagraialina-Lavastroms, der hier unten am Hato del Antisana endet, über die Firnfelder hinauf zum Sattel zwischen den beiden Gipfeln aufsteigen, um dann eventuell nordwärts dem Hauptdom zuzustreben. Das war im allgemeinen auch Stübels und Whympers Route.

In der Frühe des 28. Juli lag um unsern Hato dicker Reif bei 2° Kälte, und die Luft war unsichtig von Nebel. Als aber um 7 Uhr die Sonne über den Eiskamm des Antisana herüberblitzte, brachen wir auf und ritten an der Westseite des Lavastroms entlang über ebene Páramoflächen bergan. Der Pfad war gut, das Wetter schön, der Wind noch linde. Der Antisana hatte eine prachtvoll kuppelförmige, weiße Wolkenhaube über seine beiden Gipfel gestülpt, die ihn als einen einzigen ungeheuern Schneedom erscheinen ließ. Vom Rand der Haube flossen fortwährend kleine Wolkenzüge nach der Westseite herab und verflatterten schnell; das nämliche schöne, aber nichts Gutes versprechende Spiel, wie wir es am obern Chimborazo erst angestaunt und dann schmerzlich zu fühlen bekommen hatten.

Zu unserer Rechten zog der _Guagraialina-Volcan_ hochgewölbt und blockig einher. Nach einer Stunde kletterte unser Pfad an einer günstigen, sattelartigen Stelle über den Lavawall weg. Und da lohnte es sich wahrlich, eine kurze Umschau über dieses merkwürdige Gebilde der jüngsten vulkanischen Tätigkeit des Antisanakegels zu halten. Wie eine dunkelbraune, grüngefleckte Riesenschlange windet sich der Lavastrom von der mittlern Westseite des Antisana auf den leicht abfallenden unteren Berghängen herab. Wir sehen ihn oben (bei 4700 Meter) unter den Moränenhalden der Eisgrenze hervorkommen. Er ähnelt im Aussehen und in der Gestalt sehr dem Antisanilla-Volcan, aber er ist weder so lang noch so hoch noch so breit wie jener; seine Länge mißt etwa fünf Kilometer, seine Höhe in den mächtigsten Teilen 40 bis 50 Meter, seine Breite bis zu 500 Meter. Auch dieser Volcan erscheint wulstförmig, dammartig, hat steile Seitenböschungen und eine unregelmäßig hügelige Oberfläche. In der Mittelachse seiner ganzen Längserstreckung ist er mehr oder weniger eingesunken, so daß er eine breite Rinne mit höheren Seitendämmen bildet. Die Entstehung ist klar: Während die Seitenteile des Lavastroms schnell erkaltet und erstarrt sind, ist die glühende Lava zwischen ihnen weitergeflossen. Allmählich erstarrte auch die ganze Oberfläche, und die Lava floß, immer zäher und träger werdend, wie in einem Tunnel weiter. Als dann der Inhalt des Tunnels ausgeflossen war, sank die Oberfläche des Tunnels ein.

Der Guagraialina-Volcan ist aber nicht der einzige seiner Art am Antisana. Von seinem Rücken aus sehen wir am Südwesthang des Berges, nahe der Eisgrenze, ebenfalls unter dem hellgrauen Kranz von jungen Moränen einen zweiten, kürzern, aber im Endteil breitern Volcan herauskommen, der dem unsern in seiner ganzen Erscheinung gleicht. Seinen Namen Sarahuazi (Maisberg) führt er von den vielen gelblichen Bimssteinbröckchen, die an seinem obern Ende (4715 Meter) aufgeschichtet liegen.

Schließlich trifft nördlich von uns unser suchendes Auge auf einen dritten Lavastrom, den Yana-Volcan (~yana~ = schwarz oder dunkelbraun), den höchstragenden von allen, der wie eine schwarze zackige, 50 bis 60 Meter hohe Mauer aus der Eisdecke des Antisana bei 5050 Meter heraustritt und das weiße Firnfeld durchschneidet, aber nahe unter der Eisgrenze mit etwa 300 Meter Breite endet. Er sieht noch frischer aus als der Guagraialina und hat noch mehr als dieser eine ausgeprägte Rinnenform.

Vom Ostfuß des Guagraialina eilten wir in einem breiten Bachtal dem Westgletscher des Antisana entgegen, der oben in das Tal mündet. Links von der Gletscherzunge wurde auf den obersten Felsen des Guagraialina-Volcan unser in Aussicht genommener Lagerplatz sichtbar. Dorthin hatten wir eine alte grasbewachsene Ufermoräne des einst so viel längern Gletschers zu erklettern, die mit schönen Aufschlüssen bis zu etwa 4200 Meter Höhe herabreicht. Um ½11 Uhr waren wir nach längerm Stolpern und Steigen über Schlacken und Sande mit unseren Tieren auf dem obersten kleinen Grasfleck angelangt, wo im Schutz einiger großer Lavablöcke die _Zeltchen aufgeschlagen_ wurden (4695 Meter). Ich schickte die Karawane nach dem Hato hinunter, von wo sie uns in zwei Tagen abholen sollte. Bei uns blieben Santiago und unser indianischer »Führer«, der aber nie vorher hier oben gewesen war.

Der _Pflanzenwuchs_ dringt auf unserm Volcan in einer langen Zunge weit in die vegetationslose Zone der jungen Moränen vor, die rechts und links von unserm Lavadamm sich bergab erstrecken. Am ganzen westlichen Antisana rückt die Vegetation in ziemlich geschlossener Gras- und Staudendecke bis dicht an die Moränengrenze hinan. Es fehlt hier jener öde Gürtel von Bimssteinanhäufungen, der am Chimborazo und am Cotopaxi von der Moränengrenze an noch einige 100 Meter tiefer am Berg hinabreicht und dem Andrang des vegetabilen Lebens äußerst lange und zähe Widerstand leistet. Es fehlt aber auch, da die Schneegrenze des Antisana wegen seiner großen Feuchtigkeit verhältnismäßig tief liegt, jene sterile Zone von Gehängeschutt, die sich auf Bergen mit hochliegender Schneegrenze, wie dem Chimborazo, zwischen die Moränen und die Vegetationsgrenze aus klimatischen Gründen einschiebt. Auf unserm in die Eiswelt eindringenden Lavastrom, der wie eine schmale Halbinsel in ein Polarmeer hineinragt, verschwinden mit zunehmender Höhe von etwa 4300 Meter an allmählich die höheren Gräser; die geselligen Kräuter überwiegen, aber kleine Gräser und Zwergsträucher sind noch zahlreich eingestreut. Von 4500 Meter an wird die Vegetationsdecke immer offener und dünner, aber noch am Rand der sterilen, den Oberteil des Volcans verschüttenden Moränen bei 4700 Meter ist das Wachstum so kräftig, daß man annehmen muß, diese Formation, die man wohl am besten als Fels- und Geröllformation bezeichnet, würde, wenn der Lavastrom noch 100 bis 200 Meter höher hinauf reichte, in langsamer Auflösung ebenso hoch hinaufgehen, ehe sie an den klimatischen Extremen ihre letzte Schranke findet. Nur die tiefliegende Eisgrenze des Antisana, nicht extreme Temperaturen oder extreme Trockenheitsgrade lassen hier die Vegetation nicht höher steigen.

Es ist eine prächtige _Gletscherlandschaft_, die unser Zeltlager in der Runde umgibt. Zum Berg hingewandt haben wir rechts von uns und über unserm Lavastrom die lange Eiszunge des Westgletschers, links einen höher am Berg endenden kürzern Eisstrom, beide auf mächtigen Moränenkegeln ruhend, und weiter das große Firnfeld, dessen weite Flächen sich zum Sattelkamm zwischen den beiden Antisanagipfeln hinanheben.

Während Herr Reschreiter ein farbiges Bild des Westgletschers zu malen begann und unser Cholo zwischen Felsblöcken eine Küche zurechtmachte, stieg ich mit Santiago, der allerlei tragen mußte, auf den Moränenhügeln zum Eis des _Westgletschers_ empor. Dabei bemerkte ich etwa 50 Meter unterhalb des offenen Gletscherfußes an Wasserrissen, daß unter dem Schutt das pure Eis liegt. Auf dem rutschigen Schutt kamen wir in einer Stunde auf das Eisfeld selbst hinauf (bei 4900 Meter), wo nach rechts und links der West- und der Guagraialinagletscher abzweigen; aber nördlich vom Guagraialinagletscher tritt nun noch ein anderer längerer Eisstrom hervor, der dort gegen den dunklen Yana-Volcan anströmt und von ihm in zwei wildbewegte Arme gespalten wird. Ich nenne ihn Yanagletscher. Die blauweißen Eismassen kontrastieren scharf mit dem dunkelbraunen Lavastrom, den sie umschließen. Trotzdem spricht sich in der langgezogenen, gewundenen Gestalt und in den schrundigen, zackigen Oberflächen beider eine gewisse Verwandtschaft zwischen dem erstarrten Feuerstrom und dem erstarrten Wasserstrom aus. Aber das ganze Landschaftsbild sagt uns, daß die Erstarrung des Wasserstroms keine Bewegungslosigkeit ist. An geologischen Zeitmaßen gemessen, erscheinen die Firn- und Eisfelder des Antisana in ihrem großen Zusammenhang als ein bewegtes Meer, das gegen den breiten Küstensaum der Moränenzone anbrandet und ihn da und dort mit der mächtigen Spritzwelle einer Gletscherzunge überflutet. Auch dieses Meer hat seine Gezeiten, in denen es als Ganzes zurückweicht oder vordringt, aber ihre Dauer rechnet nach Tausenden von Jahren.

Diese Gletscher des westlichen Antisana sind nicht in Tälern eingezwängte Eisströme wie unsere alpinen, sondern Zipfel des großen, den Antisanakegel umhüllenden Eismantels, die da über den im ganzen gleichmäßig verlaufenden Saum des Mantels vorspringen, wo in kaum bemerkbaren Bodenvertiefungen das Eis mehr hindrängt als an anderen Stellen. Lange Gletscherzungen können sich nicht bilden, da wegen der Kegelgestalt der Berge das Zehrgebiet der Eisdecke breiter ist als das Nährgebiet. Es handelt sich also am Antisana um sogenannte »Firngletscher«.