Hochtouren im tropischen Amerika
Part 6
Kaum hatten wir dem Gipfel den Rücken gewandt, als die Nebelschwaden, die uns bisher vereinzelt von Osten herab umflattert hatten, in dichten Haufen aus Westen von unten her auf uns eindrangen und uns mit einem so stürmischen Schnee- und Graupelwetter überfielen, daß wir bald keine drei Schritt weit sehen konnten. Wie die Spürhunde hatten wir die Nase am Boden, um in dem Labyrinth der Penitentes die Schuh- und Eispickeleindrücke unseres Aufstiegs nicht zu verlieren. So kamen wir gegen 1 Uhr wieder am Westfuß der »Roten Wände« an, und anderthalb Stunden später waren wir, Kleider und Bart noch von Eiskrusten und Eiszapfen überzogen, zurück am Zeltlager bei unseren beiden Kameraden.
Im warmen Schlafsack fühlten wir nicht, daß uns die Nacht bei steifem Ostwind ein Minimum von –9,6° bescherte, die tiefste Temperatur, die wir in Ecuador erlebt haben. An den Innenseiten unseres Zeltes hatte sich am Morgen infolge unserer Atmung eine fingerdicke Reifschicht angesetzt, die uns durch ihr prächtiges Glitzern und Funkeln viel, durch ihr Auftauen aber wenig Freude machte, und unsere Stiefel waren hart gefroren wie Bretter. Draußen stürmte es aus Osten wie nie zuvor. Wäre am Tag vorher solches Wetter gewesen, wir hätten von jedem Besteigungsversuch abstehen müssen. Unter solchen Umständen sieht sich die Poesie des alpinen Lagerlebens anders an als bei heißem Tee im warmen Pelzsack. Und so betrüblich uns beiden auch bei dem Gedanken zumute war, daß dies unser letztes Lager in den Anden sei, daß damit die schöne reiche Zeit des Ringens und Gewinnens in dieser großen Gebirgswelt vorüber sei, so angenehm war uns doch auch die Vorstellung, daß uns nun bald wieder ein anderes Leben blühe als wochenlange physisch und psychisch aufreibende Arbeit, schlechte Ernährung, schlechter Schlaf, immer froststeife Finger, Mangel an Waschwasser, Anfälle von Soroche und dergleichen mehr.
Forschungsreisen im Hochgebirge werden vom Publikum der Laien und vieler Geographen, die dann die Resultate vor sich haben, gemeinhin nicht anders eingeschätzt als Reisen im Mittelgebirge oder im Flachland. Ja, man ist im Publikum leicht geneigt, in der sportlichen Seite, ohne die es kein erfolgreiches Reisen im Hochgebirge geben kann, das Wesentliche bei solchen Reisen zu sehen und das für den Zweck zu halten, was nur das Mittel zum Zweck wissenschaftlicher Gebirgsforschung ist. Nur wer sich selbst mit Ernst der Hochgebirgsforschung gewidmet hat, weiß, ein wieviel größerer Einsatz und Aufwand von Kräften und Energie erforderlich ist, um eine wissenschaftliche Hochgebirgsreise erfolgreich zu machen, als eine die gleiche Summe von Beobachtungen und neuer Erkenntnis einbringende Reise im Mittelgebirge oder Flachland. Ich begreife es sehr wohl und finde es entschuldbar, wenn in so vielen Fällen die wissenschaftlichen Resultate von Hochgebirgsreisen in gar keinem Verhältnis stehen zu den darauf verwandten Summen von Zeit, Kraft und materiellen Mitteln. Eine Forschungsexpedition in den afrikanischen Steppen und Wäldern, so mühsam sie im einzelnen oft sein mag, ist, wie ich aus langer Erfahrung weiß, meist ein Kinderspiel gegenüber einer die Lösung wissenschaftlicher Probleme erstrebenden Hochgebirgsreise, insbesondere einer Hochgebirgsreise in der Tropenzone, wo die Schwierigkeiten in jeder Hinsicht noch viel größer sind als in den allermeisten Hochgebirgen außertropischer Gebiete.
Gegen Mittag endlich erschienen unsere Peones im Lager, pfeifend vor Anstrengung und Unbehagen, wie die Hochlandindianer dann immer zu tun pflegen. Schnell war alles Bewegliche zusammengepackt und aufgeladen, worauf die Kerle, um der ungemütlichen Höhe zu entgehen, einen so ununterbrochenen Dauerlauf bergab über Schnee und Geröll und Felsen ausführten, daß wir, nachdem wir weiter unten die uns entgegenkommenden Maultiere bestiegen hatten, schon um 4 Uhr wieder in der windgeschützten Mulde von _Cunucyacu_ anlangten. Der biedere Mayordomo gab seiner Freude, uns gesund wiederzusehen, dadurch Ausdruck, daß er ein Kalb schlachten ließ; ein unerhörter Luxus, den wir im rinderreichen Ecuador noch nicht erlebt hatten. Leider nahm mein von den strapaziösen Hochtouren geschwächter Magen diese Extravaganz übel, und in der Nacht kam zu allem Überfluß noch eine stundenlange Belästigung durch Soroche hinzu. Auch Herr Reschreiter hatte mit Atembeschwerden, Kopf- und Kreuzschmerzen zu tun.
Über den _Soroche_, die Bergkrankheit Ecuadors, mögen hier ein paar Worte eingeschaltet werden. Er befällt früher oder später jeden, der die Anden aufsucht. Seine Symptome treten verschieden auf, vom leichten Kopfweh bis zur schweren Störung aller Körper- und Geistesfunktionen, aber zur ernsten Erkrankung oder gar zum Tode wird es beim normalen Menschen kaum kommen. In Höhen von über 5000 Meter freilich erfordert die Überwindung seiner Beschwerden ein beträchtliches Maß von Energie. Die Atemnot wird besonders bei anstrengendem Aufstieg immer größer, der Kopf immer dumpfer, die Beine werden immer schwerer. Da man stets mit offenem Munde atmen muß, um den Hunger nach Luft zu stillen, deren Sauerstoffgehalt in 5000 Meter nur etwa halb so groß ist wie in Meereshöhe, so dörrt der Hals in der außerordentlich trockenen Höhenluft total aus, jede Schluckbewegung schmerzt, und schließlich befällt den Bergsteiger ein heftiger, keuchhustenartiger Krampfhusten, der tagelang andauern kann und erst beim Absteigen wieder verschwindet. Nur ein möglichst gleichmäßiges und langsames Aufeinanderfolgen aller Körperbewegungen, möglichstes Vermeiden jedes plötzlichen Ruckes kann da Erleichterung bringen. Aufstiege auf steilem lockern Geröll oder auf Hängen von pulverigem Schnee mit dem unvermeidlichen Zurückrutschen werden deshalb ganz besonders zur Qual.
Die Mechanisierung aller Bewegungen und die Konzentration aller Kräfte des Organismus auf die rein körperliche Steigarbeit üben dabei eine betäubende Wirkung auf das Bewußtsein aus. Die Benommenheit des Kopfes trübt die Gedanken oder löst verworrene Vorstellungen aus, die ohne jede Beziehung zum augenblicklichen Tun sind. Ein kaum überwindliches Bedürfnis, sich niederzulegen und zu schlafen, stellt sich ein. Es bedarf des Aufwandes der letzten Energie, um der gemütlichen Depression nicht zu erliegen, den Überblick über die Situation sich zu wahren und das Ziel fest im Auge zu behalten. Im Lager über 5000 Meter leidet man darüber hinaus noch an lästigem Auftreiben des Leibes, an Aufstoßen der Magengase, an Appetitlosigkeit, Darmverstopfungen, Brustbeklemmungen, Herzklopfen und schweren Träumen während des Schlafs. Erbrechen, Nasenbluten oder gar Bluten aus dem Zahnfleisch und den Lippen, wie es A. von Humboldt berichtet, habe ich dagegen niemals beobachtet, weder an mir noch an anderen.
Hauptursache dieser Erscheinungen ist zweifellos die ungenügende Zufuhr des für die Lebenstätigkeit notwendigen Sauerstoffs zum Nervensystem und zu den arbeitenden Organen. Sie erzwingt starke Atmungsbewegungen, die durch die Abnahme des Luftdrucks mit zunehmender Höhe noch weiter erschwert werden, und bewirkt Blutstauungen in den Lungen. Übermüdung durch allzu große Anstrengung mag ihr Teil mit beitragen, ist aber nicht ausschlaggebend. Es sind Erscheinungen, wie sie ähnlich auch bei Blutarmut zu beobachten sind. Wirksam werden sie vor allem in Funktionsstörungen des Nervensystems mit ihren psychischen Folgen. Nervenanregende Mittel wie Kola und Champagner sollen deshalb gute Wirkung haben, aber ich habe sie nicht ausprobiert. Der beste Schutz gegen den Soroche bleibt jedenfalls der eigene feste Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen. Planvolle Selbstzucht kann viel dazu tun.
Nach den Mühsalen unserer Chimborazobesteigung hätte ich gern einen Tag mehr in der Hacienda Cunucyacu Rast gehalten. Aber zum Ausruhen hatten wir keine Zeit mehr; die Tage bis zur Abfahrt nach Europa waren uns knapp zugemessen. Drum ging es schon am übernächsten Morgen wieder früh in den Sattel und bei immer noch stürmendem Ostwind auf dem Pfad, den wir schon Anfang Juni geritten waren, zum Paß _Abraspungo_ zwischen Chimborazo und Carihuairazo hinan. Damals hatte uns der berüchtigte Abras-Paß mit so abscheulichem Wetter traktiert, daß wir von der uns umgebenden Landschaft sehr wenig zu sehen bekommen hatten. Diesmal sah es anfänglich dort oben nicht viel besser aus. Aber als wir die Paßhöhe betraten, lag zu unserer freudigen Überraschung das Abras-Tal mit seiner nächsten Gletscherumgebung ziemlich frei vor uns. Bei jedem Schritt fand ich vollauf meine im Juni aus wenigen Beobachtungen gewonnene Mutmaßung bestätigt, daß wir uns hier im Abras-Tal durch ein altes Gletscherbett von großartiger Ausbildung bewegten.
Jetzt sahen wir auch auf dem Oberrand der südlichen Talwände die Stirnen dreier vom Nord-Chimborazo her kommender Gletscher liegen. Der westlichere streckt seine hochumwallte Zunge in der Richtung zum Abraspungo hin aus; es ist der »Abraspungo-Gletscher«. Der östlichere, breitere und längere, hat noch vor relativ kurzer Zeit bis in den Taltrog hineingereicht, wie seine Endmoräne zeigt. Diese mächtige, jetzt bei 4400 Meter endende Eiszunge ist auf keiner Karte zu finden und bisher namenlos. Einer spontanen Regung folgend, rief darum vor diesem Eisstrom Herr Reschreiter aus: »Von nun an soll er Hans-Meyer-Gletscher heißen!« Bald darauf konnte ich mich revanchieren, indem ich seinen weiter östlichen Nachbar, der ebenfalls noch auf den Karten unbekannt und unbenannt war, »Reschreitergletscher« taufte.
Vom Carihuairazo her, dessen Gletscherzungen hier kaum mehr als 5 Kilometer von denen des Chimborazo entfernt sind, münden vom Abraspungo an in schneller Folge ebenfalls vier Seitentäler in das Abras-Tal, alle steil zu Eiszungen im Hintergrund ansteigend, mit schroffen Seitenwänden und flachem Boden, der großenteils von Moränen bedeckt ist. Das Abras-Tal war die gemeinsame Sammelrinne aller dieser Gletscher des Nordost-Chimborazo und Süd-Carihuairazo und muß einst von einem gewaltigen Eisstrom erfüllt gewesen sein. Auch die untrüglichen Merkmale einer zweimaligen Vergletscherung waren im Abras-Tal zu erkennen, worauf aber hier nicht eingegangen werden soll.
Vom Ausgang der »Abras-Furche« ritten wir über die hügeligen grasigen Ausläufer des Ost-Chimborazo hinab, auf den Tambo _Chuquipoquio_ zu, wo wir mit unseren müden Tieren zwei Stunden später anlangten. Der Hof war angefüllt von einer Horde angezechter Arrieros, die mit vielen Lasttieren und Haufen von Kisten und Säcken nach Quito unterwegs waren und, wie wir, hier nächtigen wollten. Zum letztenmal hantierte ich nun angesichts des Chimborazo mit meinen Meßinstrumenten, Herr Reschreiter mit Bleifeder und Skizzenbuch, zum letztenmal wurden für den nächsten Tag die Bergstiefel geschmiert, und dann ging es zum letztenmal hinein in den Schlafsack, der so hübsch dicht gegen die Widrigkeiten der Außenwelt abschließt.
Der nächste Vormittag führte uns dann in dreistündigem Ritt über die staubige, windige Tuffebene am Südostfuß des Chimborazo in das Städtchen Riobamba zurück, von dem unsere Hochtouren ausgegangen waren. Die Chimborazoreise war zu Ende.
Der Cerro Altar.
Wenn wir aus der zirka 25 Kilometer breiten Hochmulde von Riobamba (2801 Meter) nach Norden schauen, haben wir zur Linken die Westkordillere mit dem gewaltigen Firndom des Chimborazo, gerade vor uns den breit hingelagerten, nur zeitweilig schneetragenden Vulkankegel Igualata (4452 Meter) und rechts von ihm den Einschnitt des Rio Chambo, durch den das Auge nach Nordosten bis zum trotzigen eisgekrönten Kegel des Tunguragua (5087 Meter) schweift. Also drei mächtige einzelne Vulkanberge, während hinter uns, im Süden, die langen dunkelbraunen Tuffrücken von Yaruquiés die Hochmulde absperren.
Ganz anders ist zu unserer Rechten die _östliche_ Begrenzung der Riobamba-Ebene. Nur 5 Kilometer östlich von der Stadt zieht der Rio Chambo, der auch die Riobambamulde entwässert, seine tiefe Erosionsfurche nach Norden, und unmittelbar hinter dem Flußlauf, größtenteils sogar aus dem Flußbett heraus, hebt sich die langgezogene, altkristallinische Bergkette der _Ostkordillere_ durchschnittlich 1000 Meter über die Ebene empor. Meist ist die Flußgrenze am Kordillerenfuß so scharf gezogen, daß die linke hohe Uferwand von den vulkanischen Gesteinen der Riobamba-Ebene, die rechte vom Glimmerschiefer der alten Ostkordillere gebildet wird. Zahlreiche Seitentäler schneiden in diese östliche Gebirgskette hinein, da und dort tragen Gipfel und Grate ewigen Schnee, aber im ganzen ist dieses Stück der Ostkordillere eine höchst einförmige Gebirgsbildung, schön und groß nur durch das wunderbare Spiel ihrer Wolken, der Beleuchtung und durch die beiden auf ihr und über ihr am Himmel stehenden Erscheinungen: geradeaus im Osten die Felstürme und Firngrate des Cerro Altar (5404 Meter), und im Südosten die zu noch viel größerer Höhe aufsteigende, immer ihre Gestalt ändernde Eruptionswolke des hinter der Kordillere verborgenen Sangayvulkans. Hier im Sangay die lebendige Gegenwart, dort im Altar die tote Vergangenheit, die Ruine eines kolossalen Vulkanberges, dessen aufbauende und vernichtende Tätigkeit einst noch viel machtvoller gewesen sein muß als die des gegenwärtig Ecuador am meisten in Angst und Schrecken setzenden Sangay.
Auch der _Cerro Altar_ sitzt, wie so viele der ecuatorianischen Vulkane, auf der aus kristallinischen Gesteinen erbauten Kordillere obenauf wie ein Reiter auf dem Pferd. Aber er hat die altkristalline Basis nur teilweise zugedeckt, so daß sie auf der interandinen Seite noch meilenweit offenliegt. Nach seinem Erlöschen ist der Vulkan während des Erkaltens durch Sackung seiner dem Krater benachbarten Mittelteile, später durch Verwitterung und durch Erosion der Gewässer und Gletscher bis auf den Rest der Kraterumwallung zerstört worden. Dieser Rest ist aber immer noch so gigantisch, daß seine Felszacken und Firngipfel in ihrer höchsten Spitze, dem »Obispo«, 5404 Meter hoch zum Himmel ragen und kreisförmig einen über 1000 Meter weiten Kessel umschließen, der, mit Schnee und Eis halb angefüllt, einem mächtigen Gletscher Ursprung und Nahrung gibt.
Von Riobamba aus sieht man bei klarem Wetter den Cerro Altar wie eine breite, hell leuchtende Krone auf dem dunklen Scheitel der Ostkordillere ruhen und erkennt zwischen den beiden hohen Hauptzacken der westlichen Front den weiten, tiefen Einschnitt, hinter dem die Eismassen des Kraterkessels sichtbar werden. Ein wundervolles Bild, namentlich wenn nach Sturm und Wetter der dunkle Wolkenvorhang sich teilt und der Berg bis auf den Rücken der Ostkordillere herab im blinkenden Neuschnee dasteht. Schlechtes Wetter ist freilich dort die Regel, wie auf der ganzen Ostkordillere. Am besten soll noch der Oktober sein, also die Jahreszeit, die für die Westkordillere am ungünstigsten ist. Aber es blieb uns keine Wahl, und deshalb trafen wir es nicht gerade gut mit dem Altar, als wir ihm Anfang Juli unsern Besuch abstatteten.
Der beste Weg von Riobamba zum Altar führt am ersten Tag nordöstlich über die Riobamba-Ebene nach dem am Rio Chambo gelegenen Dorf Penipe, am zweiten Tag von Penipe in die Ostkordillere hinein und am Rio Collanes hinauf zur Hacienda Releche, und am dritten Tag von Releche steil hinauf in die Páramoregion bis zum Fuß des großen Altar-Kratereinschnittes im obersten Collanes-Tal. (S. Karte S. 130.)
Am 1. Juli ritten wir mit dem Mayordomo Santiago, den beiden auf der Chimborazotour bewährten Arrieros und acht ihrer Lasttiere (lauter Mulas) nach Nordosten ab. Nach fünf Stunden waren wir in Penipe. Die ganze Landschaft dahin, die östliche Riobamba-Ebene mit ihren Hügeln und Stufen und der Ostfuß des Igualata bis zum Chambofluß ist die gleiche sandige, staubige, windige, dunkelgraue Wüstensteppe wie westwärts zum Chimborazo hin. Es geht auf schattenlosem Weg, auf dem die Tiere bis über die Hufe im Sand versinken, bergauf bergab meist zwischen Hecken von Agaven und graugrünen Kaktussäulen fort. Unter dem Sand liegen, wie am besten an den Wänden einiger vom Igualata kommender tiefeingeschnittener, trockener Wasserrisse, die wir durchreiten müssen, zu sehen ist, schlackige Lavaströme vereinzelter benachbarter Eruptionsstellen, zersprengte Lavabänke, grobe Konglomerate, Gerölle und Tuffe in mannigfaltigstem Wechsel.
Auf offenen Flächen ist der Sand und Staub zu langen Dünenzügen mit gerippelter Oberfläche zusammengeweht, die oft bis zu 2 Meter hoch werden. Wo aber der Staub an geschützten Stellen zur Rast kommt und von den nächsten Regengüssen festgemacht wird, bildet er einen dichten Löß, der oft vielfältig gebändert ist, allerlei vegetabile und andere Einschlüsse hat, und in mächtigen Schichten von den durch direkte Ablagerung vulkanischer Aschen entstehenden Tuffschichten kaum zu unterscheiden ist. In diesen verfestigten Löß- wie in den Tuffschichten fassen die Pflanzen am ersten wieder festen Fuß. Aber der Machthaber des andinen Klimas, der Wind, läßt ihnen nirgends dauernde Ruhe. Wenn er wieder zugepackt hat, nagt er ein Sand- oder Staubkorn nach dem andern los und entblößt allmählich den ganzen Wurzelstock der Pflanze, so daß sie vertrocknend abstirbt.
Regellos durch die Landschaft verstreut, meist mitten in ihren Feldern, stehen die Strohhütten der indianischen Bauern. Es sind pyramidenförmige Bauten aus den bis 10 Meter langen, armdicken Blütenstengeln der Agave, über die ein hohes, breitfirstiges Dach aus dem langhalmigen Sigsiggras (~Arundo nitida~) bis zum Erdboden herab gelegt ist. Darin gibt es weder Fensteröffnung noch Rauchfang. Vorn ist durch einen Ausschnitt im Dach und einen kurzen vorspringenden Dachansatz eine kleine Vorhalle hergestellt, wo die Türe angebracht ist und am Tag die häuslichen Arbeiten verrichtet werden. Der Innenraum ist gewöhnlich durch eine Zwischenwand geteilt, auf deren einer Seite die Feuerstelle und Schlafstätte, auf der andern der Wirtschafts- und Vorratsraum, der Aufenthalt der Hunde und Hühner ist. Die Schlafstätte ist nur eine mit Schaffellen belegte Schütte dürren Grases, die Feuerstelle nur ein auf dem Erdboden liegender, mit ein paar Steinen umstellter Aschenhaufen, das Hausgerät nichts als einige Matten, ein paar unglasierte Töpfe, Kürbisschalen, ein Wasserkrug und eine Bank; nichts was einen Schritt über das Maß des Allernotwendigsten und Primitivsten hinausginge; nichts, was auch nur eine Spur von Schmuck und Zier an sich trüge.
Bei der Hütte treiben sich gewöhnlich ein paar schwarze Schweine oder einige Ziegen umher und fressen, was ihnen vors Maul kommt. Seltner sind schon Schafe und noch seltner Rinder, die hier im eng bemessenen Kulturland nicht frei umherlaufen dürfen, sondern neben der Hütte fest angepflöckt stehen und gefüttert werden. Einige Hühner fehlen fast nie und ebensowenig ein paar ruppige, windhundartige, kurzhaarige Köter, die jedem Fremden mit wütendem Gebell entgegenstürzen, aber niemals beißen. Sie müssen selbst zusehen, wo sie etwas zu fressen finden, denn gefüttert werden sie nicht. Sie sind deshalb erbärmlich ausgehungert und stehlen, was sie erwischen können. Ein ekles Gezücht, aber gute Wächter.
Die ganze Menagerie mit Ausnahme der Rinder wird nachts mit in die Hütte genommen. Und da diese nie gereinigt wird und die darin hausenden Indianer sich ebensowenig waschen wie ihr Vieh, so wimmelt die dreckige Behausung und ihre Bewohnerschaft dermaßen von Flöhen und Läusen, daß man nach einmaliger Erfahrung lieber draußen in Wind und Wetter bleibt als drinnen am »traulichen Herd«. Solche Prachtexemplare von Flöhen, wie in den Indianerhütten Hochecuadors, habe ich selbst in den deshalb verschrienen italienischen Alpenhütten nicht gesehen. Den Wanzen dagegen scheint das Hochlandklima nicht zu bekommen. Ich machte nur ein einziges Mal intime Bekanntschaft mit ihnen. Um so besser gedeihen die Läuse. Überall sieht man Männer, Weiber und Kinder bei der gewohnten Beschäftigung des gegenseitigen Lausens, und wie in vielen anderen Ländern, so knackt auch hier der glückliche Finder die Tierchen mit den Zähnen tot.
Halbwegs zwischen Riobamba und Penipe durchreiten wir das tiefliegende breite Tal des vom Igualata kommenden Rio Guano; ein unpoetischer Name für ein Bergflüßchen, aber dem Äußern nach berechtigt, weil der Fluß an seinen Ufern hellgraue Kalksinterbänke abgesetzt hat, wie Guanodecken auf einer Vogelinsel. Der im übrigen zwischen engen, hohen Steilwänden forteilende Fluß erweitert an dieser Stelle sein Tal zu einer etwa 400 Meter breiten grüngrasigen Mulde, einer wahren Oase in der Wüste. Jenseits von ihr erreichten wir in einer Stunde die Paßhöhe am Südostfuß des Igualata und ritten steil auf miserablem Weg in das enge schluchtige Tal des Rio Chambo hinab, während westlich an den schroffen Wänden des Igualata mächtige Mauern von säulenförmig abgesonderten Lavabänken wie alte Festungsruinen zu uns herunterdrohten. Von der andern, östlichen Seite des Rio Chambo aber winkten grüne Wiesen und gelbe Felder von den steilen unteren Hängen der Ostkordillere herüber, die nun als ein mächtiger, wolkenschwerer Wall sich vor uns ausstreckte, und unter uns auf einer Bodenterrasse am Fuß der Ostkordillere leuchteten über den Fluß her die weißgetünchten Häuschen von Penipe.
Am Chambofluß gab es für uns einen langen, lästigen Aufenthalt. Einige Dutzend Indianer von Penipe waren unter Aufsicht eines Beamten dabei, die uralte Hängebrücke auszubessern, die viele Stunden weit den einzigen Übergang über den Fluß bildet. In derselben Verfassung, in der sich dieses wunderliche Bauwerk heute befindet, hat es bereits Humboldt in seinem Atlas »~Vues des Cordilleres~« (freilich fälschlicherweise in einer prächtigen Palmenlandschaft) abgebildet. Das beweist, daß das Bauwerk haltbar ist trotz seines bedenklichen Aussehens. Es ist der Typus einer ecuatorianischen Hängebrücke: zwei armdicke Agavenbastseile sind etwa zwei Meter voneinander von einem Ufer zum andern gezogen. Auf jedem Ufer sind sie durch starke Holzböcke straff gespannt, so daß sie einige Meter über dem Wasser bleiben. An den Seilen hängen zahlreiche Baststricke, und diese tragen rohbehauene Bohlen, die außerdem noch auf einem Netzwerk von Stricken liegen. Über diesen schwebenden, schwankenden Knüppeldamm traversieren behutsam Menschen und Tiere; ein Fehltritt ist gefährlich, denn die dunklen Wasser des Chambo, der hier etwa 20 Meter breit ist, sind tief und reißend.
Steil und auf steinigem Weg geht es auf dem rechten Ufer des Chambo zur Terrasse von _Penipe_ (Kirchplatz 2520 Meter) hinauf, das, von zahlreichen künstlichen Wassergräben durchzogen, zwischen grünen, ummauerten Feldern, Obstgärten und riesigen dunklen Eukalypten daliegt wie eine kleine Burensiedlung im südafrikanischen Steppenland. Nur sieht es hier viel ärmlicher und schmutziger aus als weiland in Südafrika.
Wir kamen, da es in dem Nest keine »Casa posada« (Wirtshaus) gibt, in einem wegen seiner Baufälligkeit verlassenen stallartigen Gartenhäuschen eines der Dorfhonoratioren unter, das wir erst ausmisteten, ehe wir unsere Schlafsäcke auf dem Lehmfußboden ausbreiten konnten. Aber es bot wenigstens Schutz gegen Wind und Regen der Nacht.