Hochtouren im tropischen Amerika

Part 5

Chapter 53,417 wordsPublic domain

Das Wetter war nebelig und regnerisch. Je näher wir dem Carihuairazo und der Gegend des ob seiner Stürme berüchtigten Abraspungopasses kamen, desto kälter sauste uns wieder der Wind von Osten entgegen. Schweigend und bis über die Ohren in die Regenponchos eingehüllt, ritten wir einer hinter dem andern auf dem kaum fußbreiten, tief ausgetretenen Pfad durch den triefnassen Graspáramo hinan.

Bei einigen am sumpfigen Weiher _Pailacocha_ liegenden Grashütten, die mit 4266 Meter Höhe die _höchstgelegene Ansiedlung_ (Hato) am ganzen Chimborazo darstellen, ließ ich die Karawane mit den Arrieros zurück, ordnete das Aufschlagen der Zelte an und ritt, da es noch ziemlich früh am Tag war, mit Herrn Reschreiter und dem Indianer Nicolas zum Nordhang des Chimborazo fort, wo uns der Reißgletscher entgegenleuchtete. Gleich hinter unserm Lagerrücken geht es leicht hinab in ein weites, wannenförmiges, grasiges Tal, das Pailacuchu, das zum Berg hin in ein mehr steiniges, flachsohliges Tal mit amphitheatralischem Talschluß übergeht, das Sancharumi. Runde, flache Hügel und lange niedrige Bodenwellen, großenteils mit Azorellapolstern bewachsen, aber an vielen Stellen auch den nackten, typischen Moränenschutt darunter hervortreten lassend, ziehen über den Talgrund hin; lange und kurze Wälle von Schutt liegen an und auf den felsigen Seitenrücken des Tals, die es von den Nachbartälern trennen, und an den Felsen der östlichen Tallehne bei 4496 Meter entdeckte ich bald eine vom Gletscher abgeschliffene und geschrammte Wand. Das ganze Tal, das eine mittlere Höhe von 4300 Meter hat, ist ein altes Gletscherbett; es zieht sich nordostwärts in der Richtung zum Abraspungopaß hin und hat einst seinen eisigen Inhalt allem Anschein nach dem großen Gletscher zugeführt, der zwischen Chimborazo und Carihuairazo nach Osten hinabfloß. Im Hintergrund dieses Sancharumi-Tales ragt die Zungenspitze des Sprucegletschers herein.

Zum Sprucegletscher ging aber nicht mein Weg, sondern in das höhere, westlichere Nachbartal hinauf, in dessen Talschluß der breite, steile _Reißgletscher_ seine beiden Zungen hineinstreckt. Er nährt sich teils von den Firnmassen des Norddoms, zum kleinern Teil vom Westgipfel, dessen Firnpanzer 1000 Meter über dem Gletscherende am Oberrand der nördlichen Felswände abbricht und die abgebrochenen hausgroßen Blöcke in einem einzigen Sprung auf die Gletscherzunge hinunterstürzen läßt, wo sie, in Millionen von Splittern zerberstend, die Gletschermasse vermehren.

Wir reiten über enorme alte Moränenmassen, die das Reißtal zum größten Teil erfüllen, dem Gletscher entgegen. Die farbenreiche, reizvolle Flora der obersten alpinen Zone, die uns so oft schon entzückt hat, begleitet uns auch hier bis zu etwa 4800 Meter hinauf, wo die jungen Moränen beginnen. Auch hier schwirren blitzende Kolibris um die honigreichen Chuquiraguasträucher und »stehen« mit vibrierenden Flügeln vor den Blüten in der Luft wie Nachtfalter. Kaum 100 Meter über uns ziehen zwei Kondore ihre großen Spiralen und spähen nach einem gefallenen Stück Vieh oder nach einem achtlosen Andenhasen. Ein kleiner Bach, Tarugayacu, fließt von der Stirn des Reißgletschers ab; alles übrige Schmelzwasser, soweit es nicht schon auf dem Gletscher verdunstet, versickert schnell im Moränenschutt und kommt erst 600 bis 800 Meter tiefer auf festem Gestein wieder zum Vorschein.

Während hier Herr Reschreiter zurückblieb, um trotz der Regenschauer und der Schneewirbel ein Temperabild des Gletschertals und der Eiszunge zu malen, kletterte ich mit dem immer bereiten Indianer Nicolas über die verwünscht rutschigen, jungen Moränenhügel und -halden noch über 300 Meter hinauf zum Gletscher selbst. An der Gletscherstirn (5101 Meter) kommt der Abflußbach nicht aus einem Gletschertor hervor, sondern in mehreren kleinen Wasserfäden aus verschiedenen Teilen des der Grundmoräne aufliegenden Eisbodens. Sein Wasser ist von der Grundmoräne der rotbraunen Laven rötlich gefärbt, weshalb er Pucayacu (Rotwasser) genannt wird. Rotbraun ist auch die ganze Stirn der Gletscherzunge bis zu 100 Meter höher hinauf vom auflagernden Moränenschutt. Diese satten Farbentöne vereinen sich mit dem Silbergrau des Gletschereises, dem reinen Weiß der Firnhänge, dem tiefen Blau des Hochgebirgshimmels und dem millionenfachen Flor der kleinen Gebirgsblumen zu einem wundervollen Bild andiner Symphonie und Harmonie.

Nach stundenlangem Zeichnen, Malen, Messen, Photographieren, Sammeln kamen wir bei Sonnenuntergang totmüde ins Lager zurück und merkten in unserm festen, kleinen Zelt und in den warmen Schlafsäcken nicht, daß es in der Nacht stürmte, regnete, hagelte, schneite, bis die Morgensonne dem Aufruhr ein Ende machte. Bei schönster Beleuchtung konnte ich den jetzt absolut wolkenlosen nördlichen Chimborazo ein halbes dutzendmal photographieren und vieles sehen und messen, was am Tag vorher unsichtbar gewesen war. Auch der Carihuairazo (5106 Meter) stand einige Minuten ganz frei vor uns und überraschte mich vor allem durch die außerordentlich große Ausdehnung des Firnmantels seiner Südwestseite.

Als wir zum _Abraspungo_ aufbrachen, um über den Paß und durch das Abras-Tal nach dem Städtchen Mocha am Ostfuß des Carihuairazo zu gelangen, rüstete sich der Wetterhimmel bereits, uns auf der Paßhöhe würdig und landesüblich zu empfangen. Über den obern Chimborazo legte sich wieder eiligst von Osten her die bekannte weiße Sturmwolkenhaube. Auch vom Carihuairazo kamen die dicken Nebel wie Sturzbäche herüber- und heruntergeströmt, und bald brausten die kalten Ostwinde mit Nebel, Regen und Schnee über den Paß und über uns selbst, daß uns Hören und Sehen verging. Den ganzen Tag kämpften wir dem Hundewetter entgegen, bis wir aus dem Abras-Tal in die Páramos der Ostseite hinabkamen; ein böses Stück Arbeit für uns und ein noch böseres für unsere Tiere.

Der Abstieg durch das Abras-Tal nach Osten ist viel steiler als der Anstieg auf der Westseite zum Abraspungo-Paß. Ohne den ortskundigen Indianer Nicolas wäre uns ein Durchkommen ganz unmöglich gewesen.

Eine Zeitlang führte unser Pfad auf offenbaren Moränenhügeln jüngern Alters entlang, und wo er an anstehendem Gestein vorbeiging, waren die Felsen gletschergeschliffene Rundhöcker; aber das unsichtige Regen- und Nebelwetter verbot jeden Einblick in die weitere Umgebung. Und bald verlangte auch der Weg selbst – wenn man diesen von braunen Regenbächen durchrauschten, steilen, steinigen oder lehmigen Graben, in dem wir ritten oder zu Fuß fortstampften, einen Weg nennen will – unsere ganze Aufmerksamkeit. Alle Augenblicke rutschten die Tiere auf den glitschnassen, lehmbedeckten Steinblöcken aus und setzten sich mit der Hinterhand ins Wasser, oder sie sanken bis an den Bauch in den zähen Morast und blieben stecken, bis wir ihnen zu viert mit Ziehen, Schieben und notgedrungen unbarmherzigen Hieben heraushalfen. An Reiten war da nicht mehr zu denken, und unser Aussehen spottete bald aller Beschreibung. Die Arrieros mit den Lasttieren blieben immer weiter hinter uns zurück.

Nach Überwindung einer unter solchen Umständen lebensgefährlichen Steilstufe betraten wir endlich bei 4160 Meter festen grünen Talboden und kamen, nun wieder im Sattel, rascher vorwärts. Auch die Regen- und Nebelschleier wurden lichter; bald erschien freundlichere Vegetation, vereinzelte niedrige, mit Bartflechten behangene Bäume und Sträucher von Berberitzen und Fuchsien, die jetzt sämtlich Blüten trugen. Trotz der alpinen Zwerghaftigkeit wachsen die Pflanzen hier auf der immer feuchten östlichen Passatseite doch viel üppiger als drüben auf der westlichen Leeseite des Berges. Mehrere Wildbäche brausen von links (Carihuairazo) und rechts (Chimborazo) dem Abrasbach zu, der allmählich zu einem »Rio« anschwillt. Sie kommen in Wasserfällen über die steilen Seitenwände des Tals herab, das die typische Trogform eines übertieften alten Gletscherbettes hat.

Da uns nun unser Weg gewiesen war, nahm unser Führer Nicolas Abschied, um sofort wieder über den stürmischen Paß allein mit seinem Pferdchen nach Cunucyacu zurückzukehren. Ich lohnte dem braven Burschen seine guten Dienste und versprach ihm baldige Wiederkehr, die denn auch einige Wochen später erfolgte. Bei 3930 Meter verließen wir das sich plötzlich zur Schlucht verengende Bachtal und traten auf die weiten welligen Graspáramos hinaus, die langsam zur Hochebene von Riobamba absinken. Bald erreichten wir, nun wieder an Schaf- und Rinderherden vorbeireitend, die große nach Quito führende Landstraße (Camino real), auf der es in langsamem Trab zwischen den Bergen Carihuairazo und Igualata hindurch ins Tal des Rio de Mocha hinüberging. In tiefer Dunkelheit langten wir endlich in dem auf steiler Hügelhöhe gelegenen Städtchen Mocha (3300 Meter) an. Es war der Ausgangspunkt von Touren auf den Carihuairazo und in nördlichere Bergregionen.

4. Die zweite Besteigung.

Sieben Wochen waren seit unserer ersten Chimborazotour verstrichen. Sie hatten uns in die Ostkordillere zum Cerro Altar (s. S. 83), dann das interandine Längstal entlang nach Latacunga, hinauf zum Cotopaxi (s. S. 128) und an den abseits stehenden, schwer zugänglichen Quilindaña geführt. Dann waren wir längs der Hochlandstraße an den Vulkanen des mittlern Ecuador, dem Iliniza, Corazon und Rumiñagui vorbei nach der Landeshauptstadt Quito geritten, hatten über die interandine Mulde von Quito quer hinweg einen Abstecher zum Antisana auf der Ostkordillere gemacht (s. S. 104) und waren schließlich nach _Riobamba_ zurückgekehrt. Nun brachen wir von hier aus am 7. August zum zweiten Male zum Chimborazo auf.

Die gute Jahreszeit war dicht vor ihrem Ende, die Monate der alltäglichen Gewitterstürme standen vor der Tür, und der Wetterhimmel machte bereits ein finsteres Gesicht. Die Riobambeños meinten, es sei nun in den »Cerros« nichts mehr zu machen und wir sollten uns die Mühe sparen; aber ich wollte es auf einen Versuch ankommen lassen, da sich meine Reise dem Ende näherte. Meine kleine Karawane, Menschen und Tiere, war jetzt auf meine Reisezwecke und Anforderungen so gut eingearbeitet, daß es jammerschade gewesen wäre, wenn ich mit ihr die letzte Gelegenheit, vor unserm Abschied aus Ecuador noch einmal die Chimborazogletscher zu besteigen und die Chimborazofirne zu untersuchen, nicht voll ausgenutzt hätte.

Unter zweifelnden Glückwünschen der Riobambeños ritten wir um 10 Uhr morgens aus der Stadt, direkt nach der Südseite zum Tambo Totorillas. Vor 5 Uhr sattelten wir unsere Mulas bei der _Totorillashütte_ (3979 Meter) ab. Der dicke Nebel ließ uns nichts anderes vornehmen als in der nächsten Nachbarschaft botanisieren und im Bett des Totorillasbaches Steine sammeln, die hier von den drei Hochtälern des südwestlichen Chimborazo zusammengeschwemmt liegen. Am Abend brach doch noch der Mond durch das finstere Gewölk und ließ da und dort ein Stück der beiden Hauptgipfel des Chimborazo in wundersamem Silberglanz hervorschimmern. Das bleiche Licht und die schwarzen Schatten übertrieben alle Höhen und Tiefen ins Fabelhafte und verliehen dem Berg einen Zug von Wildheit und sozusagen arktischer Schrecklichkeit, den er bei Tageslicht nicht hat.

Unter dem Einfluß des Mondlichts entpuppte sich mein einer Arriero Spiridion, dem ich bisher nicht die mindeste Sentimentalität angemerkt hatte, plötzlich als ein höchst gefühlvoller Gitarrespieler und guter Sänger. Auf meine Frage, warum er seine Künste nicht schon früher gezeigt habe, antwortete er lachend: »Solange du am Tage arbeitest, Padrón, will ich dich nicht stören oder habe ebenfalls zu arbeiten; und wenn du am Abend aufhörst, bin ich so müde, daß ich nicht mehr an Musik denke.« Schade um das wochenlange vergebliche Mitführen des Saitenspiels. Übrigens war der Mann, wie schon erwähnt, ein Kolumbianer; bei Ecuatorianern findet man solche brotlosen Künste wie Hausmusik nur ganz ausnahmsweise.

Weniger stimmungsvoll als der Abend war unser nächtliches Lager. Um den blutdürstigen Flohlegionen im Innern der Hütte zu entgehen, legten wir uns, da es ziemlich windstill war, unter das Vordach des Tambo, anstatt unser Zelt weiter draußen aufzuschlagen. Aber in 4000 Meter Höhe soll auch ein wetterharter Hochgebirgsreisender vorsichtig sein. Bald sprang eine kalte Brise auf und wehte uns direkt die greulichen Miasmen eines nahe beim Tambo liegenden Pferdekadavers zu, den, wie ich am Nachmittag gesehen, die Hunde schon zur Hälfte aufgefressen hatten. Auch in der Nacht waren sie bei der eklen Arbeit und knurrten einander ohne Unterlaß um die besten Bissen an. Ich retirierte mit meinem Schlafsack in einen andern Winkel, geriet aber in Haufen feuchter Kuhfladen, die hier als Brennmaterial gesammelt und getrocknet werden. So wurde die Nachtstimmung zwischen Kuhmist, Aasgestank, Schweinegrunzen, Feuerknistern, Bachrauschen, Gitarreklimpern, Lawinendonner, Windsausen und Mondschein eine wunderliche Mischung von Beethoven, Lenau und Zola. Leider gewannen allmählich die häßlichen Bestandteile das Übergewicht. Als ich beim Hähnekrähen erwachte, war mir übel und weh zumute von all der Pestilenz, und der kalte Wind hatte mir einen bellenden Husten beschert, den ich wochenlang nicht wieder loswurde.

Bei Sonnenaufgang weiterreitend, fanden wir auf dem Arenal grande Schnee in reichlicher Menge liegen. Mitte Juni war davon nichts zu sehen gewesen. Damals schmückten viele Tausende weitverstreuter kleiner Blumen die grauen Bimssteinflächen mit der Anmut des jungen, farbenfrohen Frühlings. Aber die Herrlichkeit war kurz; jetzt waren die zarten Kinder Floras verblüht, und es herrschte wieder für die übrigen elf Monate des Jahres die tiefernste, dem Leben feindliche Starrheit der alpinen Wüste. Dieses schnelle Aufflackern des Frühlings, unter dem sich der Charakter der Landschaft für kurze Zeit total verändert, ist in den äquatorialen Hochanden eine Eigentümlichkeit der obersten Region der Blütenpflanzen. In der nächsttiefern Region, in den Graspáramos, merkt man davon nichts. Der Páramo bleibt immer »Pajonal« (~paja~ = Stroh), in dem die Mehrzahl der Halme und Rispen verdorrt ist; er prangt nie in frischem Grün, und die angebliche »Primavera eterna« dieser Zonen ist mit gleichem Recht ein ewiger Sommer oder ewiger Herbst zu nennen. »Ewig« ist nur die Monotonie der Erscheinung in diesen Graspáramos.

Nach Nordwesten hin nahm der Schnee schnell wieder ab, und bei der Hacienda _Cunucyacu_ sah alles genau so aus wie Mitte Juni. Nur hatte der Schnapsteufel von den Bewohnern Besitz ergriffen. Ein Besucher hatte nach Landesbrauch einen tüchtigen Vorrat Mallorca-Branntwein mitgebracht und die ganze Familie so gründlich alkoholisiert, daß nichts mit ihnen anzufangen war. Erst nach zwölf Stunden bekam ich den Hausherrn so weit, daß er in der elegischen Stimmung eines ungeheueren Katzenjammers meine Wünsche nach Trägern und Proviant erfüllte.

Am 9. August vollführten wir von Cunucyacu unsern Aufritt und Aufstieg zu unserm _alten Zeltplatz_ über der Vegetationsgrenze in 5145 Meter Höhe. Allerwärts waren noch Spuren unseres ersten Aufenthalts zu erkennen. Bald waren wir wieder mit den beiden Eingebornen von damals in unseren beiden Zeltchen installiert.

Im Lauf des Nachmittags hatte ich wohl ein dutzendmal den Donner der Eislawinen gehört, die von den Abbruchwänden des Firnrandes in die tiefen Talrunsen der Nordseite des Berges stürzten. Gegen Abend wurde es mit dem Sinken der Temperatur unter 0° still in den Eisregionen, aber um unser Lager pfiff der kalte östliche Nebelwind und bombardierte das Zelt mit körnigem Schnee. Wenn draußen ein Unbeteiligter die beiden stummen kleinen Zelte im stürmischen Schneewehen der über 5000 Meter hohen Gebirgswüste hätte liegen sehen, er hätte sie für verlassen halten müssen. Wenn er aber durch die Türklappe gelugt hätte, hätte er in unserm Zelt ein eigenartiges Stilleben entdeckt. In der Mitte ein länglicher niedriger Stahlblechkoffer, und rechts und links davon, in den Schlafsäcken halb vergraben, zwei hockende Europäer in Wolljacken und Wollmützen, die beim trüben Schein einer alpinen Kerzenlaterne Notizen schrieben, ihre zerrissenen Hosen flickten, Tabak rauchten und über die Aussichten des kommenden Tages plauderten. In allen Ecken des Zeltes alpines Gerät, Kleidungsstücke, Proviantbüchsen und dergleichen: das Ganze die primitivste, engste, einsamste Heimstätte europäischer Kulturmenschen, die in eine große lebensfeindliche Natur für kurze Zeit hineingezaubert ist; und gerade im Gegensatz zu dieser starren Natur gibt uns das kleine Heim ein so freundliches Gefühl von Gemütlichkeit und Sicherheit, daß ich es dem vielseitigen Reiz eines opulenten Zeltlagers in der weiten, freien, afrikanischen Steppe für kurze Zeit mindestens gleichschätze.

Im hellen Mondenschein ging es um 5 Uhr früh bei 5° Kälte fort. Im Osten dämmerte es schon leise. Der obere Chimborazo lag frei im fahlen ersten Frühlicht, finstere Schatten zu uns her ausstreckend, aber auf dem ganzen Unterland lag ein graues, welliges Wolkenmeer, das sich langsam zu heben schien. Da der Wind eingelullt war und der Nachtfrost den Schutt auf unserm alten nordnordwestlichen Aufstieggrat gefestigt hatte, kamen wir schnell vorwärts.

Nach Sonnenaufgang kam schnell Bewegung in die Luft, und bald wehte der Ostwind mit immer dichter werdenden Nebeln über die Firnfelder der Gipfelregion. Gegen 8 Uhr standen wir unter den »Roten Wänden« (5715 Meter) am Unterrand der Firnhaube des Westgipfels. Das dicke Firnpolster, das noch sieben Wochen vorher auf der Oberkante der Felswand gelegen hatte, war jetzt weggeschmolzen, aber die Felsen waren dadurch nicht zugänglicher geworden. Wir mußten sie wie damals westwärts umgehen, um auf den Firnhang selbst zu kommen. Da hier aber unsere beiden Begleiter streikten, gab ich ihnen den Laufpaß. Geschwind trollten sie sich zum Lager hinunter.

8 Uhr 20 ging es mit den Steigeisen los. Wir überschritten den Ostteil des Stübelgletschers, dessen Eis hier zum großen Teil von einer ¼ bis ½ Meter dicken Decke rötlichen, von den Felswänden herabgefallenen Schuttes überzogen war, und standen, als wir die Felswände unter uns hatten, vor der seltsamsten Schnee- und Eislandschaft, die ich je gesehen. Da es in dieser Zeit in den obersten Regionen offenbar keinen gründlichen Neuschnee mehr gegeben hatte, hatten Sonne und Wind einen wahren Vernichtungskrieg unbehindert führen können. Die vordem so gut begehbaren, wellig angeschmolzenen Firnhänge waren bis zum Gipfel hinauf in einen furchtbaren Stachelpanzer verwandelt, der dem andringenden Bergsteiger die stärkste Gegenwehr leistete. Die Oberfläche des Gletschers, soweit sie aus Firn bestand, und des ganzen Gipfelfirns starrten von eisigen Zacken, Schneiden, Säulen, Tafeln und Klippen, die, ½ bis 1½ Meter hoch, zu Millionen nebeneinanderstanden, und zwar so dicht, daß man sich oft nur mit großer Mühe dazwischen durchzwängen konnte. Sie sind alle in mehr oder minder deutliche ostwestliche Reihen angeordnet, haben am Fuß eine Dicke von 10 bis 30 Zentimeter, verjüngen sich nach oben und sind an der Spitze von einem wahren Filigran dünn geschmolzenen Eises gekrönt, das unserer Phantasie alle nur denkbaren Figuren und Gestalten vorgaukelt. Wir haben das typische Bild des »_Nieve penitente_«, des »Büßerschnees« oder »_Zackenfirns_« vor uns, wie er zuerst von den südlicheren und dann auch von den nördlicheren Kordilleren Amerikas bekanntgeworden ist und wie ich ihn auch am obern Kilimandjaro neben eisigen Karrenbildungen angetroffen hatte.

Der Eindruck dieser Penitenteslandschaft war um so ernster, als ihr jetzt die Sonne fehlte, die fahl durch die hoch ziehenden Nebel schimmerte. Man begreift die Entstehung des Namens »Büßerschnee«. Einer unabsehbaren Schar grauer Mönchsgestalten vergleichbar, stehen die Eisfiguren da, eine so phantastisch wie die andere und alle in langen parallelen Reihen aneinandergeschart wie in tausendköpfigen Prozessionen. An anderen Stellen dagegen glaubt man ein großes Ruinenfeld zerstörter alter Städte vor sich zu sehen, von denen nur die Mauerstümpfe in gleichmäßiger Höhe stehengeblieben sind, oder einen ungeheuern Friedhof voll halbverfallener Grabsteine. Und wieder an anderen Stellen sehen die zerfurchten und zerzackten Firnfelder in der perspektivischen Verkürzung aus wie schäumende Wellenzüge, die in wilder Bewegung plötzlich erstarrt sind.

In Anbetracht dieser Firnbeschaffenheit war es einerlei, wo wir den Einstieg begannen. Ohne auf unserer frühern Route weiter nach Westen abzuschwenken, hielten wir uns direkt auf den westlichen Gipfeldom zu. Der Aufstieg ist aber hier so steil, daß ein Fortkommen ohne Steigeisen absolut unmöglich ist, wenn man nicht stundenlang Stufen schlagen will. Jeden Schritt und Tritt mußten wir uns zwischen den bis an den Unterleib oder die Brust reichenden Firnzacken und Eistafeln suchen, was uns außerordentlich viel Zeit kostete. Etwas besser wurde es, als wir auf eine trümmerbedeckte felsige Strecke kamen, die aus dem Firnmantel ausgeschmolzen war. An ihre obere Kante vortretend, gewahrte ich unter mir die kolossalen Felsabstürze, die wir von tief unten östlich über unserm Aufstiegsgrat thronen und drohen gesehen hatten; und neben uns in erdrückender Nähe und Größe brachen die Massen des Gipfelfirns zu jenen Felsabhängen hin in 60 bis 80 Meter hohen prachtvollen, gleichmäßig gebänderten und durchschichteten Eiswänden senkrecht ab, überzogen von 20 bis 30 Meter langen baumdicken Eiszapfen oder gefrorenen Wasserfällen. Durch Spalten hatten sich Blöcke von Hausgröße schon teilweise von der Gesamtmasse losgelöst und drohten jeden Augenblick 600 bis 1000 Meter tief in die Abgründe des Tales Pucahuaico zu stürzen, wo sie sich, wie wir unten sahen, zu einem regenerierten Gletscher vereinigen, der fast ganz unter Schutt begraben liegt.

Um 10 Uhr waren wir am Westende dieser Eiswände angelangt (5986 Meter). Immer steiler hebt sich nun der Firnhang, immer tiefer zerschnitten und zersägt wird seine Oberfläche, immer höher und dichter das Gewirr der Penitentes. Langsam und mit häufigen Unterbrechungen arbeiten wir uns aufwärts. Die Lungen pfeifen, der Atem röchelt, die Schleimhäute sind trocken und hart wie Leder. Plötzlich erscheint über uns eine mächtige Querspalte, die mit 5 bis 15 Meter Breite wie ein Festungsgraben den Westgipfel auf der Nord- und Nordwestseite umringt und gleich einer Randkluft mit einer 2 bis 3 Meter hohen Stufe absetzt. Es ist dieselbe, die uns vor sieben Wochen weiter westlich Halt geboten hatte. Sie ist zwar hier von mehreren Firnwällen überbrückt, aber auch diese Brücken sind so stark zerfressen, durchlöchert und von Penitentes verbarrikadiert, daß ein Weiterdringen schlechterdings undenkbar ist; es sei denn, man könnte fliegen. So blieb uns nichts anderes übrig, als hier in 6180 Meter Höhe auf die uns noch vom Scheitel des Gipfels trennenden 90 Meter zu verzichten und uns mit dem zu begnügen, was wir in diesen obersten Regionen an sonderbaren Erscheinungen der Firn- und Eiswelt zu sehen und zu untersuchen hatten. Wäre der Firn so beschaffen gewesen wie sieben Wochen vorher, wir hätten vermittelst der Schneebrücken ohne große Schwierigkeit den Gipfel erreichen können, denn es war erst wenig über 11 Uhr, und wir waren beide noch bei guten Kräften. Für meine Firn- und Eisstudien war die jetzige Jahreszeit die allergünstigste, aber für eine Gipfelbesteigung ist der August zu spät, da die Zerstörung der Eisoberflächen durch die Sonne zu weit fortgeschritten ist.