Hin und Her: Ein Buch für die Kinder

Chapter 3

Chapter 33,986 wordsPublic domain

Ich bin wohl ein gemeiner Wicht, Das Singen, das versteh' ich nicht, In schönen Kleidern geh' ich nicht; Es sieht mich auch der Mann kaum an; Nur böse Buben dann und wann, Die werfen mich mit Steinen; Und dennoch will mir's scheinen, Als sei so schön die ganze Welt, So blau die Luft, so grün das Feld-- Zip, zip, zip! Ich hab' die Welt so lieb!

76. DAS PFERD UND DER ESEL.

Einst schleppte ein Esel eine schwere Last. Neben ihm ging ein lediges Pferd. Der Esel bat das Pferd, es möge ihm doch helfen; allein es hörte nicht auf seine Bitte. Zuletzt konnte der Esel nicht mehr weiter; er fiel zu Boden und starb.

Nun lud der Treiber die ganze Last dem Pferde auf. Er zog dem toten Tiere die Haut ab, und das Pferd mußte dieselbe noch obendrein tragen. Hilf deinem Nächsten in der Not.

77. DER KLUGE STAR.

Ein durstiger Star wollte aus einer Wasserflasche trinken. Er konnte aber das Wasser mit seinem kurzen Schnabel nicht erreichen. Da hackte er damit aufs dicke Glas; doch er vermochte nicht, es zu zerbrechen. Dann stemmte er sich gegen die Flasche und wollte sie umwerfen. Aber dazu war er nicht stark genug.

Was tat der kluge Star zuletzt? Er las kleine Steinchen mit seinem Schnabel zusammen und warf eines nach dem andern in die Flasche. Dadurch stieg das Wasser endlich so hoch, daß er es erreichen konnte. Jetzt löschte er seinen Durst.

78. DER APFELBAUM.

Der Apfelbaum, das ist ein Mann! Kein andrer gibt so gern wie der. Im Winter, wenn man schüttelt dran, Da gibt er Schnee die Fülle her. Im Frühling wirft er Blüten nieder. Im Sommer herbergt er die Finken. Jetzt streckt er seine Zweige nieder, Die voller Frucht zur Erde sinken. Drum kommt und schüttelt, was ihr könnt! Ich weiß gewiß, daß er's euch gönnt.

79. DER HASE UND DER FUCHS.

Ein Hase und ein Fuchs machten im Winter eine Reise. Alles war mit Schnee bedeckt. Der Hunger plagte sie sehr. Da sahen sie ein Mädchen mit einem Korbe kommen, darin war Brot. Das merkte der Fuchs und sagte zu dem Hasen: "Lege dich wie tot auf den Boden, dann wird das Mädchen den Korb niederstellen, um dich aufzuheben. Ich nehme den Korb weg und mache mich schnell davon. Du eilst mir nach, und dann lassen wir es uns wohl sein." Das war dem Hasen recht.

Der Fuchs verbarg sich hinter einem Haufen Schnee, und der Hase legte sich nieder. Das Mädchen stellte den Korb richtig hin und griff nach dem Hasen. Da schlich der Fuchs hervor und machte sich mit dem Korb so schnell davon, daß das Mädchen ihm nicht nachkam. Unser Hase aber eilte ihm in großen Sätzen nach. An einem Wasser hielten sie still. Weil aber der Fuchs nicht teilen wollte, so sagte der Hase: "Brot haben wir, jetzt sollten wir auch noch Fische haben. Dann hätten wir ein Essen wie die großen Herren. Stecke deinen Schwanz ins Wasser, so werden sich die Fische daran hängen, denn die haben jetzt auch nicht viel zu beißen."

Der Fuchs ging an den Weiher hin und hing seinen Schwanz in das Wasser. Es dauerte aber nicht lange, so war er im Eise festgefroren. Der Fuchs konnte ziehen und zappeln, wie er wollte--das Eis ließ ihn nicht los. Er mußte nun zusehen, wie der Hase ein Brot nach dem andern verzehrte. Dann rief der listige Hase dem Fuchs zu: "Im Frühjahr sehen wir uns wieder. Laß dir die Zeit nicht zu lang werden, bis das Eis auftaut."

80. SPRÜCHE.

Wer andern eine Grube gräbt, Fällt selbst hinein.

Wer redet, was er nicht sollte, Muß hören, was er nicht wollte.

Kein besseres Kissen in Freude und Schmerz, Als gutes Gewissen und fröhliches Herz.

81. DER HASE UND DIE SCHILDKRÖTE.

Ein flinker Hase forderte einst die langsame Schildkröte zum Wettlauf auf. Sie willigte ein, und eine große Eiche im Walde sollte das Ziel sein.

Mit den ersten Sonnenstrahlen machte sich die Schildkröte auf den Weg, der Hase aber hatte keine große Eile. Er spielte lange im Grase umher, ehe er ans Laufen dachte. Endlich sprang er fort und holte die Schildkröte wirklich ein. Da er jedoch sah, wie mühsam sie vorwärts kroch, legte er sich im Schatten eines Baumes nieder und schlief fest ein.

Als er erwachte, war es schon lange nach Mittag. Da rannte er, so rasch er konnte, den Weg entlang. Aber, siehe da, als er die Eiche erblickte, saß die Schildkröte schon darunter und lachte den Hasen, der seine Zeit verspielt und verschlafen hatte, tüchtig aus.

82. HASENBRATEN.

Auf dem Dach viel blanke Zapfen, Zu dem Schnee viel kleine Tapfen, Alle laufen nach dem Kohl! Häschen, das gefällt dir wohl?

Nächtlich, bei des Mondes Schimmer, Sitzt es dort zu schmausen immer; Knusperknäuschen, gar nicht faul: Ei, du kleines Leckermaul!

Häschen ist es schlecht bekommen; Vater hat's Gewehr genommen; Eines Abends ging es: bumm! Bautz! da fiel das Häschen um.

Kannst du wohl das Ende raten? Heute gibt es Hasenbraten, Apfelmus mit Zimt dazu. Ach, du armes Häschen du!

83. DER SCHEIN TRÜGT.

Bei einem Teiche wohnten viele Gänse. In der Nähe hatte auch ein Fuchs seinen Bau. Gar oft versuchte er, sich eine Gans oder ein Gänseküchlein zu fangen. Daher fürchteten sich diese sehr vor dem braunen Gesellen. Einst war der Fuchs sehr hungrig. "Heute muß ich mir einen fetten Braten holen!" sagte er zu sich selber.

Er streckte sich, so lang er war, im Grase aus und rührte kein Glied. Als die Gänse den Räuber so liegen sahen, kamen sie näher und erhoben ein freudiges Geschnatter. "Jetzt werden wir Ruhe haben!" sprachen sie. "Unser Feind ist nicht mehr am Leben!"

Schnell sprang der Fuchs auf, erwischte den Gänserich beim Flügel und trug ihn in seine Höhle.

84. DER FROSCH.

_Berta_: Geschwind, geschwind, Mama!

_Mutter_: Was fehlt dir? Wer hat dir etwas zuleide getan?

_Berta_: Sieh nur, was mir unser Spitz in den Schoß fallen ließ!

_Mutter_: Einen kleinen Frosch! Und deshalb bist du so erschrocken? Rasch, nimm den kleinen Burschen und setze ihn in das Gemüsebeet!

_Berta_: Tragen soll ich das häßliche Tier? Ich würde es um alles in der Welt nicht in die Hand nehmen!

_Mutter_: Nun, dann muß ich es tun! Schau, wie ich jetzt das Tierchen anfasse und es ins Beet hüpfen lasse. Hopp, da sitzt es schon drinnen.

_Berta_: O, Mama, was tust du? Warum hast du den Frosch nicht getötet?

_Mutter_: Weil er ein sehr nützliches Tier ist. Freust du dich nicht, wenn es im Garten die zarten Rübchen und die süßen Erbsen gibt, die Papa jedes Frühjahr pflanzt?

_Berta_: Gewiß, Mama! Ich esse beides sehr gerne; aber was hat das mit dem Frosch zu tun?

_Mutter_: Höre nur, du wirst es gleich erfahren. Den Raupen und Käfern schmecken diese Gemüse auch gut, gerade wie dir. Im Frühlinge stellen sich diese Insekten ein und fressen die Blättchen ab, so daß die Pflänzchen sterben müßten, wenn der Frosch nicht zur Hand wäre. Der glatte Bursche hüpft dann durch den Garten, fängt die Raupen, Fliegen und Käfer, und die Pflänzchen wachsen wieder. Soll ich den Frosch zum Dank dafür töten, Berta?

_Berta_: Nein, liebe Mama; und wenn ich wieder sehe, daß ein Knabe einen Frosch quält, will ich ihm sagen, was ich heute von dir gelernt habe.

85. VOM LISTIGEN GRASMÜCKLEIN EIN LUSTIGES STÜCKLEIN.

Klaus ist in den Wald gegangen, Weil er will die Vöglein fangen; Auf den Busch ist er gestiegen, Weil er will die Vöglein kriegen. Doch im Nestchen sitzt das alte Vögelein just vor der Spalte, Schaut und zwitschert: "Ei, der Taus! Kinderlein, es kommt der Klaus, Hu, mit einem großen Prügel, Kinderlein, wohl auf die Flügel!" Brr, da flattert's: husch, husch, husch! Leer das Nest, und leer der Busch. Und die Vöglein lachen Klaus Mit dem großen Prügel aus, Daß er wieder heimgegangen Zornig, weil er nichts gefangen; Daß er wieder heimgestiegen, Weil er konnt' kein Vöglein kriegen.

86. EIN TÖRICHTER STREIT.

Zwei Knaben, Albert und Paul, suchten im Walde Nüsse. Da bemerkte Paul eine große Walnuß unter einem Baume und rief seinem Kameraden zu: "O, sieh dort vor dir die Walnuß!" Albert hob sie schnell auf und steckte sie in seine Tasche. Damit war aber Paul nicht zufrieden; er sagte: "Die Nuß gehört mir, ich habe sie zuerst gesehen!" "Und ich habe sie aufgehoben," erwiderte Albert trotzig; "ich gebe sie nicht her!" So stritten sie heftig, und schon wollten die törichten Knaben einander schlagen, als Georg, ein älterer Junge, herbeikam, der im Walde Eichhörnchen schoß. Albert und Paul baten den großen Knaben, er solle entscheiden, wem die Nuß gehöre. Was tat Georg? Er zerbrach die Nuß mit einem Steine und gab jedem der beiden Streitenden ein Stück von der Schale. "Den Kern," sprach er, "behalte ich als Lohn dafür, daß ich euer Richter war!" Dann ging er lachend fort.

87. HERR WIND! HERR WIND!

Ein Bauer hat ein Haus gehabt, Und auf dem Haus ein Dach. Zur Nachtzeit kam der Wind getrabt, Da ward der Bauer wach. Wie's heulte, krachte, klirrte, klang! Der arme Bauer flehte bang: "Ich bitt' dich, lass' dein Toben, Und lass' mein Dach dort oben, Herr Wind! Herr Wind!"

Des Daches Luken schlossen gut Der Bauer und sein Knecht. Da ward der Wind voll Trotz und Wut Und kreischte: "Nun erst recht!" Herr Wind! Herr Wind! du böser Wind, Du bist wie manche Kinder sind, Die das just haben wollen, Was sie nicht haben sollen. Herr Wind! Herr Wind!

Mit Dräuen drängt der Wind und drückt Mit Groll und grausem Krach; Er zieht und zerrt und rüttelt, rückt Und reißt vom Haus das Dach. Zerstört ist herzlos Heim und Haus; Der Bauer sieht so traurig aus, Sein Weib und seine Kleinen, Sie stehen da und weinen. Herr Wind! Herr Wind!

Hast du's gehört, mein liebes Kind? Sei freundlich, friedlich, froh! Denn würdest du ein solcher Wind, Dann spräch' man von dir so: Du bist nicht gut, du tust nicht gut, Du bist ein wild und trotzig Blut, Das stets gern haben wollte, Was es nicht haben sollte!---- Herr Wind! Herr Wind!

88. DAS FÜNKCHEN.

Das Kind hatte mit dem Fünkchen gespielt, obgleich seine Mutter es schon oft verboten hatte. Da war das Fünkchen fortgeflogen und hatte sich ins Stroh versteckt. Das Stroh fing an zu brennen, und es entstand eine Flamme, ehe das Kind daran dachte. Da wurde es dem Kinde bange, und es lief fort, ohne jemandem etwas von der Flamme zu sagen. Und da niemand Wasser darauf schüttete, ging die Flamme nicht aus, sondern breitete sich im ganzen Hause aus. Als sie an die Fenstervorhänge kam, wurde sie noch größer, und das Bett, worin die Leute nachts schliefen, brannte hell auf, und die Tische und die Stühle und die Schränke und alles, was der Vater und die Mutter hatten, das wurde vom Feuer erfaßt, und die Flamme wurde so hoch wie der Kirchturm. Da schrieen die Leute vor Schrecken, die Glocken läuteten; es war fürchterlich zu hören, und die Flamme war schrecklich zu sehen. Nun fing man an zu löschen, indem man Wasser in das Feuer schüttete und spritzte; aber es half nichts; das Haus brannte ganz ab, und nur noch ein wenig Kohlen und ein bißchen Asche blieben übrig. Da hatten nun die Eltern des Kindes kein Haus mehr und kein Plätzchen, wo sie wohnen und wo sie schlafen konnten, und auch kein Geld, um sich ein neues Haus und neue Betten und Tische und Stühle zu kaufen. Ach, wie weinten die armen Eltern! Und das Kind, das mit dem Fünkchen gespielt hatte, war schuld daran.

89. RÄTSEL.

Kennt ihr die Blume, in guter Ruh' Dreht sie sich immer der Sonne zu; Sie hat viel Samenkörner schön, Wie Strahlen ihre Blättchen stehn.

Erst weiß wie Schnee, Dann grün wie Klee, Drauf rot wie Blut, Dann schmeckt es gut.

90. DAS GÄNSEBLÜMCHEN.

Die Rose feierte einmal ihren Geburtstag. Sie stand mitten im Garten, und alle Blumen kamen zu ihr, um ihr Glück zu wünschen. Zuerst kamen die stolze Lilie und die prächtige Tulpe, hernach kamen die kleinen Blumen. Alle neigten sich vor der Rose und sagten: "Wir wünschen dir Glück, liebe Rose."

Aber ein kleines, weißes Blümchen getraute sich nicht, nahe an die Rose heranzutreten, weil es so schüchtern und bescheiden war. Es blieb von ferne stehen und flüsterte nur: "Ich wünsche dir auch Glück, liebe Rose!" Die Rose hatte das Blümchen aber gesehen und winkte ihm, näher heranzutreten. "Komm doch näher, liebe kleine Schwester," sagte die Rose gütig. Als nun das Blümchen näher herangetreten war, fragte die Rose: "Wie heißt du denn, liebe Kleine?" Da sprach es ganz leise: "Ich heiße Gänseblümchen."

"Aber, liebes Gänseblümchen," sagte die Rose freundlich, "du bist ja tausendmal schöner als alle andern Blumen. Du sollst jetzt nicht mehr Gänseblümchen, sondern Tausendschön heißen, weil du tausendmal schöner bist als alle." Darüber freute sich das gute Gänseblümchen so sehr, daß es über und über rot ward, und seit der Zeit haben alle Gänseblümchen--rote Ohrläppchen.

91. DIE GRÜNE STADT.

Ich weiß euch eine schöne Stadt, Die lauter grüne Häuser hat. Die Häuser, die sind groß und klein, Und wer nur will, der darf hinein.

Die Straßen, die sind freilich krumm, Sie führen hier und dort herum; Doch stets gerade fort zu gehn, Wer findet das wohl allzuschön!

Die Wege, die sind weit und breit Mit bunten Blumen überstreut. Das Pflaster, das ist sanft und weich, Und seine Farb' den Häusern gleich.

Es wohnen viele Leute dort, Und alle lieben ihren Ort. Ganz deutlich sieht man dies daraus, Daß jeder singt in seinem Haus.

Die Leute, die sind alle klein, Denn es sind lauter Vögelein; Und meine ganze grüne Stadt Ist, was den Namen "Wald" sonst hat.

92. DEUTSCHLAND.

Weit weg von hier liegt Deutschland. Das ist ein schönes Stück Erde. Zu Deutschland gehören Preußen, Sachsen, Bayern, Baden und andere kleinere oder größere Staaten. Dort gibt es breite und tiefe Flüsse. Der Rhein, die Elbe und die Donau sind am bekanntesten. Daneben finden sich weite Ebenen, hohe Berge und dichte Wälder. Auch fehlt es nicht an Städten, in denen viele fleißige Leute leben. Berlin, München, Köln, Dresden, Frankfurt und manche andere sind bemerkenswert. Überall hat man prächtige Wohnhäuser, reiche Kirchen und herrliche öffentliche Gebäude. Alles wird sehr sauber und ordentlich gehalten. Von Hamburg und Bremen aus fahren mächtige Dampfschiffe und Segler nach allen Gegenden der Welt. Deutschland besitzt auch zahlreiche große Fabriken. Die Felder werden auf das Beste bestellt. Die deutsche Fahne ist schwarz, weiß und rot gestreift. An der Spitze des Reiches steht der deutsche Kaiser.

93. SONNENSCHEIN.

Sonnenschein, Klar und rein, Leuchtest in die Welt hinein; Machst so hell, so warm und schön In den Tälern, auf den Höh'n, Die du alle überstrahlst Und so hold und lieblich malst.

Sonnenschein, Klar und rein, Kehre auch ins Herz mir ein! Wenn ich habe heitern Sinn, Gut und froh und freundlich bin, Dann ist's in dem Herzen mein Wunderbarer Sonnenschein.

94. DIE KÖNIGIN LUISE.

Vor hundert Jahren lebte in Preußen eine Königin, namens Luise. Sie war jung und schön, aber auch ebenso gut. Ein jeder liebte sie. Schon als kleines Kind hatte sie ihre Mutter verloren und wurde von ihrer Großmutter einfach erzogen. So war sie zu einer echten, deutschen Jungfrau herangewachsen, als der Kronprinz und spätere König von Preußen, Friedrich Wilhelm, sie kennen lernte. Bald darauf wurde sie seine Frau. Eine große Freude hatte sie an ihren Kindern, zwei Knaben, mit denen sie gerne lernte und spielte. Aber da gab es einen schrecklichen Krieg mit dem Kaiser von Frankreich, Napoleon. Die Feinde waren stärker als die Preußen und besiegten sie. Das tat dem Könige und der guten Königin sehr weh. Es kam so weit, daß sie ihr Schloß in Berlin verlassen mußten. Als die königliche Familie endlich wieder zurückkehren konnte, herrschte großer Jubel. Die Freude sollte aber nicht lange dauern, denn bald darauf wurde die edle Königin schwer krank und erholte sich nicht mehr. Als sie starb, war die Trauer allgemein. Noch heute ist die Königin Luise unvergessen.

95. DAS GOLDENE SCHLOSS.

"Willst du eine Prinzessin sein?" So fragte ein Knabe seine kleine Schwester. Die lachte ihn aus. Er sagte aber: "Ja, ich kann ein König und du kannst eine Prinzessin werden. Du bekommst ein schönes, neues Kleid und einen silbernen Thron. Ich bekomme einen roten Mantel, eine goldene Krone und einen goldenen Thron." Die Schwester glaubte das nicht und sagte: "Unsere Eltern sind ja so arm." Der Knabe erzählte dann: "Letzte Nacht im Traume kam ein kleiner Mann zu mir. Er fragte mich: 'Willst du ein König sein und in einem goldenen Schlosse wohnen?' Ich sagte, ja. Da sprach der Kleine: 'Komm in den Wald mit deiner Schwester, wenn der Mond scheint. Bei der großen Tanne warte auf mich. Aber später im goldenen Schlosse darf keine Träne auf den Boden fallen. Wenn eine Träne auf den Boden fällt, müßt ihr wieder heim.'" Jetzt glaubte die Schwester, was der Bruder sagte. Sie wollte gerne mit ihm gehen.

Am Abend schien der Mond sehr hell. Da gingen Bruder und Schwester hin zu der großen Tanne im Walde. Das Männlein war noch nicht da. Die Kinder setzten sich ins Moos, um zu warten. Sie waren müde und schliefen bald ein. Auf einmal wachten sie auf. Verwundert schauten sie um sich. Sie hatten schöne neue Kleider an. Der Bruder hatte einen roten Mantel und trug eine goldene Krone. Die Schwester hatte ein himmelblaues Kleid mit silbernen Sternen. Auf ihren Haaren war ein Kranz von Diamanten. Der kleine Mann kam und rief: "Willkommen, willkommen!" Dann kamen noch viele kleine Männlein mit einem goldenen und einem silbernen Wagen. Der Bruder mußte sich in den goldenen Wagen und die Schwester in den silbernen Wagen setzen. Die Männlein zogen die Wagen und fuhren durch den Wald an einen Berg. Im Berge war eine große, hohe Halle, und darin stand ein goldenes Schloß. Die kleinen Männer führten die Geschwister in dieses Schloß. Dann holten sie einen goldenen und einen silbernen Thron. Der goldene Thron war für den Bruder und der silberne für die Schwester. Die kleinen Männer stellten sich vor sie hin und riefen: "Hoch lebe unser König und auch die Prinzessin!" Dann gab es zu essen, lauter gute Sachen.

Nach dem Essen wollten die Kinder schlafen, denn es war schon spät. Im Schlafzimmer standen zwei Betten, ein goldenes und ein silbernes. Der König legte sich in das goldene, die Prinzessin in das silberne Bett. Da fragte der Bruder: "Schwesterchen, wie gefällt dir das goldene Schloß?" Sie antwortete: "Schön ist es schon hier; wenn nur der Vater und die Mutter auch hier wären!" Der Bruder sagte: "Das möchte ich auch haben. Was werden die Eltern jetzt machen?" Die Schwester meinte: "Sie werden uns suchen und weinen, weil sie uns nicht finden können." "Ja," war des Bruders Antwort, "sie werden denken, der Wolf habe uns gefressen." Das konnte die Schwester nicht anhören. Sie fing an zu weinen. Da warnte der Bruder: "Nicht weinen, sonst fallen deine Tränen auf den Boden!" "Nein," sagte die Schwester, "ich hab' sie mit der Hand aufgefangen. Aber ich muß weinen." Nun wurde auch der Bruder ganz traurig. Auch er weinte einige Tränen. Doch die Tränen fielen in das Bett. Die Schwester fragte: "Wie lange willst du noch König bleiben? Ich will nicht mehr Prinzessin sein. Ich will heim!" Der Bruder sagte: "Ja, zu Hause bei Vater und Mutter ist es doch schöner!" Da ließen sie beide große Tränen auf den Boden fallen. Es donnerte, und die Kinder fielen aus den Betten.

Nun kamen die kleinen Männer wieder. Sie waren sehr traurig und brachten die Geschwister zurück zu der großen Tanne im Wald. Da schliefen Bruder und Schwester bald ein. Als sie die Augen öffneten, war es heller Tag, aber der rote Mantel und das himmelblaue Kleid Waren verschwunden.

Da kamen auch schon die Eltern. Die freuten sich sehr, ihre Kinder wieder zu haben. Die Geschwister waren ebenso froh und versprachen, nie mehr fortgehen zu wollen.

96. DIE KLEINEN MÜSSIGGÄNGER.

Drei Kinder sollten nach der Schule gehen, aber sie sprachen: "Was kann das Lernen helfen! Laßt uns in den Wald laufen; da spielen die Tierlein, und wir wollen mit ihnen spielen."

Als die Kinder nun im Walde waren, luden sie zuerst die Käfer zu ihrem Spiele ein. Da summten die Käfer um die Köpfe der Kinder, und der eine sprach: "Ich habe keine Zeit, ich muß Holz sägen!" Der andere sprach: "Ich muß ein Loch graben!" Noch andere riefen: "Wir müssen uns ein Hüttlein aus Gras bauen!"

Nun kamen die Kinder an einen Ameisenhaufen. Hier lief eine ganze Menge von Ameisen aus und ein. Jedes dieser winzigen Tierchen hatte etwas in seine Wohnung zu tragen; und wo es dem einen zu schwer ward, sprach es zum andern: "Komm', hilf mir!"

Die Kinder schlichen vorbei und fanden Bienlein auf den Blumen. Die waren so eilig und mochten gar nicht zu den Kindern aufsehen. Sie sammelten Honig und Blütenstaub und flogen dann flink davon.

Da hörten die Kinder einen Vogel singen. Es war ein Fink. "Du kannst so schön singen," riefen sie, "und hast auch gewiß Lust, mit uns zu spielen." Allein der Fink sagte: "Pink, pink! Flink, flink! Ich muß Mücken fangen für meine Jungen und dann die Kleinen in den Schlaf singen. Auch muß ich mich fleißig im Singen üben, damit ich dem Wanderer schöne Lieder vorsingen kann." Und fort war er.

Auf einmal rasselte es im Busche. Die Kinder erschraken. Eins sagte: "Wenn nur ein Eichhörnchen käme und mit uns spielte!" Da lief auch schon eines aus dem Busche und kletterte auf einen Baum. Es kicherte und rief: "Ich suche Knospen und Nüsse!" Die Kinder baten: "Komm' und bring' uns auch schöne Nüsse!" Aber das Tierchen zischte und knurrte nur.

Bald darauf hörten sie ein Bächlein plätschern, und nun riefen sie fröhlich: "O, mit dem Bächlein mögen wir spielen! Kommt!"

Sie liefen geschwind hin. Aber das Bächlein sagte: "Seht doch die faulen Kinder! Ihr meint, ich hätte nichts zu tun. Ich muß Tag und Nacht arbeiten; ich netze Felder und Wiesen und tränke die durstigen Tiere. Wenn ich groß und stark bin, treibe ich Mühlen und trage Schiffe. Geht, geht, ihr faulen Kinder!"

Da wurde den Kindern gar ängstlich zu Mute. Sie gingen beschämt weg und blieben nie mehr aus der Schule.

97. DER GUTE KAMERAD.

Ich hatt' einen Kameraden, Einen bessern find'st du nit. Die Trommel schlug zum Streite, Er ging an meiner Seite In gleichem Schritt und Tritt.

Eine Kugel kam geflogen, Gilt's mir oder gilt es dir? Ihn hat es weggerissen, Er liegt mir vor den Füßen, Als wär's ein Stück von mir.

Will mir die Hand noch reichen, Derweil ich eben lad'. "Kann dir die Hand nicht geben, Bleib' du im ew'gen Leben Mein guter Kamerad!"

98. DER GOLDBAUM.

Eduard scherzte gerne und spielte auch gerne anderen einen Streich. Dabei kam es nicht immer darauf an, ob, was er sagte, auch der Wahrheit gemäß sei. Seine kleine Schwester Emilie, die noch nicht in die Schule ging, fragte gerne ihren Bruder, den sie für sehr weise hielt, über alles aus. Um sie schnell wieder los zu werden, sagte ihr Eduard oft Dinge, welche das Kind ganz falsch belehrten.

Eines Morgens, es war Eduards Geburtstag, sah Emilie auf dem Tische ihres Bruders ein Goldstück liegen, das er vom Vater zum Geschenk bekommen hatte. Sie fragte ihn: "Wo wächst das Gold?"--"Es wird gesät," antwortete Eduard, der sich wieder einmal auf Kosten seiner Schwester einen Spaß machen wollte, "dann wird ein Baum daraus, an dem wachsen die Goldstücke."

Als Eduard beschäftigt war, nahm Emilie leise das Goldstück vom Tische, eilte damit hinunter in den Garten, grub mit den Händen ein Loch in die weiche Erde, legte das Goldstück hinein und bedeckte es wieder mit Erde.

Eine Weile später sprang sie in Eduards Zimmer und rief: "Jetzt wirst du bald viele, viele Goldstücke haben! Ich habe deines im Garten gepflanzt."

Umsonst bekannte Eduard, er habe nur gescherzt, und umsonst suchte und grub er im Garten nach seinem Golde. Emilie wußte die Stelle nicht anzugeben, wo sie es eingegraben hatte.