Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer
Chapter 10
Vor den Augen flirrte und flimmerte es ihm; ohne aber den Kopf auch nur nach Irgendjemand noch umzudrehen, zog er seinen Mantel fest um sich her, griff Reisesack, Schirm und Stock auf und wandte sich an den ersten Conducteur, der vom Wagen sprang, seinen Platz erster Classe angewiesen zu bekommen.
»Bis wohin?«
»Burgkunstadt.«
»Steigen Sie nur hier ein«, rief der Mann sehr artig, »hier ist Platz genug.«
»Empfehle mich Ihnen, Herr Commerzienrath«, sagte der Gendarm, und im nächsten Augenblick saß der gequälte Mahlhuber, Todesangst im Herzen, fest in einer Ecke des vollkommen leeren Coupé gedrückt und zählte unter Zittern und Zagen die Secunden bis zur Abfahrt.
Draußen vor dem Coupé wurden jetzt Stimmen laut.
»Machen Sie rasch, meine Herrschaften«, drängte der Conducteur, »die Zeit ist schon abgelaufen und wir sind überdies sieben Minuten zu spät.«
»Hier in dem Coupé sitzen der Herr Commerzienrath«, sagte zugleich die zuvorkommende Stimme des Gendarm -- und Mahlhuber's Blut stockte -- sein Puls hörte auf zu schlagen --
Die Thür wurde in diesem Augenblick aufgerissen und ein junger Mann sah hinein; ein scharfer Pfiff der Locomotive ließ ihm aber keine Wahl weiter, und er sprang rasch die eisernen Tritte hinauf, drehte sich in der Thür um, um einen Reisesack in Empfang zu nehmen, und half dann einer Dame nach. Die Thür wurde zugeworfen. »Ihre Billets, meine Herrschaften«, sagte der Conducteur, und der Zug setzte sich langsam in Bewegung.
14.
+Wieder unterwegs.+
Als der Commerzienrath den Damenhut sah, athmete er freier auf -- er war gerettet -- der Zug im Gange und an eine Verfolgung der beiden wüthenden jungen Leute für jetzt nicht mehr zu denken. Das Einzige blieb ihm noch zu thun, sich in Burgkunstadt mit sowenig Aufsehen als möglich vom Bahnhofe zu entfernen, spätere Verfolgung vielleicht irrezuleiten, und da er dort gar nicht bekannt war, mußte es ihm auch leicht sein, einen falschen Namen für den seinigen in das Register eintragen zu lassen. Nach einem Paß fragte ihn auf der ganzen Strecke Niemand.
Die beiden jungen Leute, die mit ihm in einem Coupé saßen, hatten indessen rasch und heimlich miteinander geflüstert und die Dame besonders mehrmals den Kopf nach ihm umgedreht. Der Commerzienrath war aber, nach den letzten bittern Erfahrungen, fest entschlossen, sich mit Niemandem mehr hier draußen, wer es auch immer sei, in ein Gespräch einzulassen, man konnte nie wissen, was dahintersteckte, und mit Frauen besonders hatte er gerade genug in den paar Tagen erlebt.
»Wenn ich mich nicht ganz irre«, redete da plötzlich die junge Dame den trotz der warmen Witterung in seinen Mantel zurückgezogenen Commerzienrath an, »so habe ich schon gestern das Vergnügen gehabt, mit Ihnen in einem Coupé zu fahren, mein Herr, und bin Ihnen zu so großem Danke verpflichtet worden.«
»Mir?« sagte der Commerzienrath und sah seine Nachbarin groß und erschrocken an, »mir zu Dank verpflichtet -- bei Allem was da lebt!« fuhr aber plötzlich von seinem Sitze empor, »da ist meine Nichte!«
»Mein bester Herr, ich kann Ihnen gar nicht sagen, welch großen Dienst Sie uns gestern durch Ihre freundliche Onkelschaft geleistet haben«, nahm jetzt der junge Mann für die tieferröthete Dame das Wort, »meine arme Marie, die sich einer verhaßten Verbindung, zu der sie ihr Stiefvater zwingen wollte, aus Liebe zu mir durch die Flucht entzog, wäre, ehe ich von ihrer Ankunft benachrichtigt sein konnte, fast verrathen und dann jedenfalls wieder zurückgeliefert worden. Das ist jetzt nicht mehr zu fürchten, und wir sind eben auf dem Wege, uns ihrem Vater selber vorzustellen, der sich wohl oder übel über das einmal Geschehene wird trösten müssen.«
»Na ich gratulire Ihnen«, sagte der Commerzienrath mit sehr zweideutigem Tone. »Wenn Sie übrigens den beiden jungen Burschen, den Brüdern der Dame, wenn ich nicht irre, die ich heute von Staffelstein aus nach Koburg geschickt habe, um sie nur loszuwerden, in die Hände fallen, so will ich auch meinem Gott danken, wenn ich nicht in der Nähe bin.«
»Meine Brüder nach Koburg geschickt?« rief die junge Dame, hochaufhorchend, und der Commerzienrath mußte jetzt erzählen, wie das gekommen und welche Angst er selber dabei als Mitschuldiger ausgestanden. Die beiden jungen Leute hörten ihm im Anfange ganz ernsthaft zu; über das liebe rosige Gesicht der jungen Frau blitzte und zuckte es aber indessen wie zitterndes Sonnenlicht auf einem leichtbewegten Bache, ihre großen braunen Augen funkelten in einem kaum noch zu bezwingenden Humor, und als der Commerzienrath endlich zu der Stelle kam, wo ihn die Brüder gefragt, ob er vielleicht der ältliche Herr selber sei, konnte sie sich nicht länger halten und lachte geradeheraus. Daß das so klar und silberhell klang und das kleine Gesichtchen gar so lieb und gutmüthig, ja mitleidig und theilnehmend dabei aussah, konnte den Commerzienrath nicht beruhigen, und seinen ganzen Ingrimm über erlittene Unbill und schmähliche Behandlung zusammenraffend, sagte er mit seinem zornigsten Ausdruck in Wort und Blick, aber doch mit seiner nie zu verleugnenden Höflichkeit:
»Mein sehr verehrtes Fräulein, Sie haben jetzt sehr gut lachen, wenn aber Ihre Leber --«
»Mein lieber bester Herr«, unterbrach ihn bittend und schmeichelnd die junge Dame, »seien Sie recht bös auf mich, ich hab' es nur zu reichlich meiner Undankbarkeit wegen verdient, aber verzeihen Sie mir dann auch, und seien Sie versichert, daß ich wie Oskar nie im Leben die Verbindlichkeit vergessen werden, die wir Ihnen schulden.«
»Bitte, bitte«, sagte der Commerzienrath abwehrend und durch die herzlichen Worte schon vollkommen beruhigt, »aber -- Sie erlauben mir die Frage, wie können Sie es jetzt wagen, nach dem gestern Vorgefallenen heute schon nach Hause zurückzukehren? Ihr Herr Vater wird unter so bewandten Umständen unter keiner Bedingung in eine Verbindung mit dem jungen Herrn da einwilligen.«
»Wir sind verbunden«, sagte dieser freundlich, während das junge Weibchen tief erröthete, »und alle Väter der Welt werden diese Verbindung nicht wieder lösen können.«
»In der Geschwindigkeit?« rief der Commerzienrath erstaunt aus.
»Meiner Frau Onkel, und zwar der Bruder ihres Vaters, der stets gegen die Verbindung mit jenem faden Menschen gewesen, ist selber Geistlicher und hat uns, da er unsere Liebe kannte, gestern Abend miteinander, nach den Gesetzen unserer Kirche, wenn auch ohne die nöthigen Aufgebote getraut.«
»Nun das freut mich in der That«, sagte der Commerzienrath, dem sich damit, auch der Brüder wegen, ein Stein von der Seele wälzte, »das ist Alles recht hübsch und gut, aber ich möchte doch die letzten 24 Stunden, die ich deshalb ausgestanden, nicht wieder mit durchmachen -- und wenn ich sechs Heirathen stiften könnte.«
»O das thut mir ja recht leid«, sagte die kleine junge Frau erschreckt, die Hände faltend und mit einem so mitleidigen Blicke zu dem alten Herrn aufsehend, daß diesem ganz weh und weich ums Herz wurde.
»O bitte, bekümmern Sie sich deshalb nicht«, sagte der Commerzienrath, »es war recht gern geschehen --.«
»Wenn ich je im Stande sein sollte, Ihre Freundlichkeit wenigstens in etwas wiedergutzumachen«, rief auch jetzt der junge Mann, »so verfügen Sie ganz über mich, hier ist meine Karte, dürfte ich nun auch wol um Ihren Namen bitten?«
»Um meinen Namen?« sagte der Commerzienrath rasch und mistrauisch zu ihm aufsehend, »nein, bitte um Verzeihung, Sie sind sehr freundlich, aber mein Name hat mich in den letzten Tagen so genirt und in Verwickelungen gebracht, daß ich ihn, wenn das möglicherweise anging, ganz abschaffen würde, wie aber die Sachen stehen, so zurückhaltend von jetzt an damit sein werde, als es eben möglich ist.«
»Aber ich bitte Sie um Gottes Willen --«
»Nennen Sie mich in Gedanken Müller«, sagte der Commerzienrath, »ich habe mich heute schon einmal so geheißen, und der Name war mir recht nützlich.«
»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir thut, daß Sie um Mariens wegen soviel Unannehmlichkeiten gehabt zu haben scheinen, aber das mag Ihnen doch einige Beruhigung gewähren, zwei Glückliche dadurch gemacht zu haben.«
»Wenn ich damit meine Leber nur wieder kleiner machen könnte«, sagte der Commerzienrath; »doch ich glaube wir kommen an die Station, der Zug pfeift; nun ich wünsche Ihnen eine recht glückliche Reise und recht guten Empfang zu Hause --.«
»Wir danken Ihnen recht herzlich.«
»Ist mir aber sehr angenehm, daß ich nicht mit muß«, setzte der Commerzienrath hinzu.
»Und Sie wollen uns Ihre Adresse wirklich nicht sagen?« fragte Marie.
»Den Namen werden Sie jedenfalls, wie mir jetzt einfällt, durch Ihre Herren Brüder erfahren, die ihn leider sehr genau kennen«, seufzte der Commerzienrath, »meine Adresse erlauben Sie mir aber zu verschweigen. Ich will froh sein, wenn ich in -- wenn zu Hause bei mir Niemand von meinen Abenteuern hört. Würden Sie mich bis dorthin verfolgen, wäre ich in 14 Tagen todt.«
»Station Burgkunstadt -- drei Minuten Aufenthalt«, sagte in diesem Augenblick der Conducteur, die Thür öffnend. »Sie steigen ja wol hier aus, mein Herr?«
»Ja wol -- können Sie mir nicht sagen, wann die Post abgeht?« rief der Commerzienrath, seine Habseligkeiten aufgreifend.
»Wird wol gleich abfahren«, lautete die willkommene Nachricht, »hier steht schon der Postwagen.«
»Ach, ich danke Ihnen sehr; also ich empfehle mich Ihnen nochmals.«
»Recht glückliche Reise!« riefen die beiden jungen Gatten ihrem gepreßten Onkel nach, und der Commerzienrath sah sich im nächsten Augenblick wieder mit einem Gefühl großer Genugthuung neben dem Postwagen stehen, der ihn zurück zu seiner Dorothee, zu seiner häuslichen Bequemlichkeit, zu Ruhe und Frieden bringen sollte. Sich um den Zug auch nicht im mindesten weiter bekümmernd, gab er einem der mit Nummern versehenen, also vereideten Diener seinen Gepäckschein mit dem Auftrag, seine Koffer in das dicht dabei befindliche Postgebäude zu tragen und wiegen zu lassen, und er selber begab sich ebenfalls rasch dorthin, sein Fahrbillet direct nach Gidelsbach zu lösen. Die beiden Brüder brauchte er, der empfangenen Nachricht nach, Gott sei Dank nicht mehr zu fürchten, und er dachte gar nicht daran, noch in einem dritten Wirthshause die entsetzlichen Scenen der beiden letzten Nächte zu wiederholen -- er hatte von denen genug.
Sein Billet war gelöst, sein Gepäck besorgt und schon zum Eilwagen geschafft, der dicht an das Postcoupé des Zuges anfuhr, die dort für das Binnenland bestimmten Briefe und Packete in Empfang zu nehmen.
Der wurde heute übrigens etwas länger als gewöhnlich in Burgkunstadt aufgehalten, da mehre Güterkarren hier gelassen, andere wieder angehängt werden mußten, und die Post war dadurch zur Abfahrt fast ebenso früh fertig als der Zug. Der Commerzienrath stand eben vor der geöffneten Thür, in die er schon Reisesack und Schirm hineingeschoben, während eine Dame mit ein paar Hutschachteln in der Hand ebenfalls zu ihm trat, als plötzlich eine tiefe Stimme aus einem der geöffneten Fenster des Coupé zweiter Classe herausschrie:
»Herr Commerzienrath Mahlhuber! Herr Commerzienrath Mahlhuber!«
Der Gerufene drehte sich, wie von einer Natter gestochen, nach der Stimme um und erkannte zu seinem Entsetzen den schweigsamen Mann aus der Post von Gidelsbach, der, ihm freundlich und ganz zutraulich winkend, mit dem halben Leibe aus dem Coupéfenster lehnte.
»Nun wie geht's?« rief er dabei mit einem breiten Grinsen über das ganze Gesicht und mit der Hand herübergrüßend, »schon zurück nach Gidelsbach? -- Haben doch Ihre Pistolen wieder geladen? -- Wünsche Ihnen recht glückliche Reise!«
Der Commerzienrath drehte sich halb nach dem frechen Menschen um und warf ihm einen verächtlichen Blick zu, als in demselben Augenblick die Locomotive einen scharfen grellen Pfiff that. Herr Mahlhuber aber, von seiner bisherigen Eisenbahnfahrt immer noch in der steten Angst zurückgelassen zu werden, vergaß ganz, daß er gar nicht mehr zu dem Zuge gehöre und wollte in rücksichtloser Hast in den vor ihm geöffneten Postwagen fahren.
»Nun, Herr Jesus, um Gottes Willen, was haben Sie denn nur? Sie rennen Einen ja ganz über den Haufen!« rief die Dame, gegen die er in seiner Angst angeprallt war.
»Bitte tausend mal um Entschuldigung!« rief der Commerzienrath, während von dem sich jetzt in Bewegung setzenden Bahnzug ein höhnisches Lachen zu ihm herübertönte, »die Locomotive pfiff --«
»Na die Post geht Ihnen deshalb doch nicht durch, lieber Mann«, erwiderte die Dame, sich mit einigen leisegemurmelten, eben nicht freundlichen Worten ihren Hut wieder in Façon drückend, »ist mir so etwas schon in meinem Leben vorgekommen?«
Zerknirscht, doch ohne ein Wort weiter zu erwidern, nahm der arme abgehetzte, mishandelte Commerzienrath nach der Dame in der gegenüberbefindlichen Ecke Platz; jetzt aber fest entschlossen, was auch geschehen möge, dem boshaften Geschick keinen weitern Halt an sich zu geben. Schweigend legte er sich zurück, zog sich die Mütze tief in die Stirn und schloß die Augen. Er sprach nicht, er hörte nichts, was zu ihm gesprochen wurde, er beklagte sich nicht über Zug noch Hitze, kümmerte sich weder um die schöne Gegend noch um die alte Nachbarin, und trug mit einer wirklich rührenden Resignation die neuen Leiden der nächtlichen Postfahrt, die seinem matten Körper kaum eine flüchtige Stunde Schlaf gestattete.
In Otzleben besonders rührte er sich nicht von seinem Platze, und nur einen verstohlenen Blick warf er aus dem heraufgezogenen Fenster, sich bei dem Anblick des alten Postgebäudes die Scenen der vorvorigen Nacht noch einmal ins Gedächtniß zurückzurufen und seinem Gott zu danken, daß sie eben einer vergangenen Nacht angehörten.
Es war Abend -- die Mamsell stand in der Hausthür, die Arme mit den aufgestreiften Aermeln in die Seite gestemmt, das große Schlüsselbund vorn an der Schürze, und nebenan aus dem Stalle führte der halbe Hausknecht die frischen Pferde herzu, mürrisch dabei mit den Schlepppantoffeln über das Hofpflaster schlurrend. Welch stilles Bild des Friedens -- und dort hinten? --
»Satanskröte«, murmelte der Commerzienrath zwischen den Zähnen durch, als er den kleinen siebzehn mal hinausgeworfenen Pudel gerade wieder, wie er ihn verlassen hatte, in der Thür sitzen und sich kratzen sah, »weiter fehlte mir nichts, als heute Nacht noch ein solches Quartier im grünen Zimmer.«
Die Dame, der einzige Mitpassagier im Wagen, die den Commerzienrath schon mehrmals unterwegs angeredet und nach Dem und Jenem gefragt, aber nie eine Antwort bekommen hatte, schien endlich zu der Ueberzeugung gekommen zu sein, daß er entweder stocktaub wäre oder doch wenigstens sehr schwer höre. Das herauszubekommen, denn das schweigsame Imwagensitzen war ihr entsetzlich -- bog sie sich plötzlich soweit sie konnte zu dem Commerzienrath über und schrie ihm ins Ohr:
»Wie heißt der Ort hier?«
»Herr du meine Güte«, sagte der Commerzienrath zusammenfahrend, »haben Sie mich erschreckt.«
»Das hört er doch«, brummte die Dame befriedigt vor sich hin; »nun?« schrie sie dann wieder, »wissen Sie nicht wie der Platz heißt?«
»Otzleben, soweit ich mich entsinne«, sagte ihr Nachbar, also gepreßt.
»Freundliches Dörfchen hier, wie?« schrie die Dame wieder; aber Mahlhuber ging nicht in die Falle. Er dachte an die zerschossene Hutschachtel, an die Ueberschuhe, an die Nichte. -- Das Alles waren die Folgen eines leichtsinnig angeknüpften Gesprächs gewesen.
»Freundliches Dörfchen hier«, schrie seine Nachbarin noch einmal, sich doch wenigstens gehört zu machen; der Commerzienrath aber warf noch einen Blick hinaus auf seine Freundin, die Mamsell mit den langen Locken und aufgestreiften Aermeln, auf den komischen Hausknecht und den Pudel, zog dann den Mantel um sich her, drückte sich fest in seine Ecke und verweigerte hartnäckig selbst seine Zustimmung zu dem ganz unverfänglichen Lobe von Otzleben.
»Ist das ein tauber Esel«, brummte die Dame halblaut, aber vollkommen verständlich zwischen den Zähnen durch; »wird man auch noch mit so einem langweiligen Peter von Reisegesellschafter geplagt, du meine Güte!« und ihren großen Reisekober neben sich zurechtrückend, stemmte sie die beiden Füße auf den gegenüberbefindlichen Sitz, faltete die Hände im Schoose und schloß ebenfalls die Augen.
15.
+Die Heimkehr.+
Eine Station nach der andern passirten sie derart, ohne auch nur ein Wort weiter miteinander zu wechseln, aber auch ohne das mindeste Außergewöhnliche oder Störende in ihrer Fahrt. An Schlaf war natürlich für den des Fahrens ungewöhnten Commerzienrath nicht zu denken, und seine Leber mußte seiner Meinung nach blaue Flecke bekommen haben, so stieß sie fortwährend, worauf er hätte schwören wollen, gegen Magen und Rippenwände an. Aber mit jeder Meile, die sie zurücklegten, kamen sie auch seiner Heimat, seiner Häuslichkeit, dem gemüthlichen Schlafrockleben wieder näher; jeder Stoß des Wagens half ihm über einen Stein fort, der noch zwischen ihm und Gidelsbach lag, und er ertrug das Schwerste mit einem Lächeln im Herzen.
In der Nacht bekamen sie noch mehr Passagiere in den Wagen; ein dicker Herr mit einem entsetzlichen Schnupfen stieg etwa um Mitternacht ein, als sie in einem kleinen Städtchen mit fürchterlichem Pflaster und einem heisern Nachtwächter umspannten, und gegen Morgen kam noch ein junger Bursch mit einer grünlackirten riesig großen Botanisirtrommel in den Wagen und erzählte den Passagieren, daß er zum ersten male eine Fußreise gemacht habe und jetzt wieder zurück zu seinen Aeltern gehe. Er hieß Karl Becker, wie er aussagte, war 14 Jahre alt, in der Schule in Tertia, und hatte bei der letzten Prüfung die beste Censur bekommen. An dem Commerzienrath prallte das aber Alles ab, und die Dame begann dann mit dem dicken verschnupften Herrn eine Unterhaltung über Kinder und Butterpreise. Dieser wandte sich auch einmal im Laufe des Gesprächs an Mahlhuber. »Der ist stocktaub«, entschuldigte ihn aber die Dame, und man ließ ihn ungestört gewähren.
Dort lag Gidelsbach -- die Biegung der Straße enthüllte es plötzlich ihren Blicken -- jetzt fuhren sie über die Roßbrücke, jetzt am Chausséehause vorüber -- da drüben lag der Sommergarten, weiter links nach vorn die Windmühle, und von dem leisen Luftzuge getragen, klangen die melodischen Schläge der alten Thurmuhr, die die Mittagsstunde kündete, zu ihnen herüber.
Dem Commerzienrath traten die Thränen in die Augen, es war ihm als ob er zehn Jahre lang entfernt gewesen wäre, und den Bauern, die aus der Stadt kamen, den zurückkehrenden Holzfuhrleuten nickte er zu und freute sich wie ein Kind über das fröhliche Schmettern der Lerchen, über das Schnattern der Gänse und das Kläffen der Hunde, die neben dem Postwagen hersprangen.
Jetzt rasselten sie durch das steingewölbte alte Stadtthor auf das Pflaster der Stadt, wo er jede Firma kannte, und wie er sich aus dem Wagen bog, die lieben befreundeten Plätze wiederzubegrüßen, war das erste bekannte Gesicht, das ihm begegnete, das des Doctor Mittelweile, der ihn anstarrte, als ob er einen Geist gesehen hätte.
»Commerzienrath, sind Sie des Teufels?« rief er in Schreck und Staunen, mitten auf der Straße stehen bleibend; der Commerzienrath erwiderte aber kein Wort, nickte dem Manne nicht einmal zu, und die Post rasselte weiter, ihrem Bestimmungsort zu.
An dem Postgebäude angelangt und von den Postbedienten auf das freundlichste begrüßt, stieg er aus, ohne sich auch nur mit Wort und Blick um die übrigen Passagiere zu bekümmern, gab Einem der Leute den Auftrag, sein Gepäck augenblicklich in die eigene Wohnung zu schaffen, und schritt dann, so leicht als ob er flöge, die schmale Gasse entlang, die zu seiner Heimat führte.
Dorothee hatte heute natürlich gerade den Vetter zu Tische, und als der Commerzienrath ohne anzuklopfen in sein Zimmer trat, schrie sie blos: »Alle guten Geister loben Gott den Herrn!« und ließ einen Teller mit Suppe fallen.
»Guten Tag, Dorothee!« sagte der Commerzienrath, ohne von dem Vetter weiter Notiz zu nehmen, »ist mein Zimmer in Ordnung?«
»Jesus meine Zuversicht«, schrie die alte Haushälterin, die Frage nicht einmal hörend, »der Herr Commerzienrath sind schon wieder da?«
»Ist mein Zimmer in Ordnung, Dorothee?«
»Ja wol, ja wol, bester Herr, aber was um Gottes Willen ist denn vorgefallen?«
Der Commerzienrath hatte sich schon abgewandt, um in sein Schlafzimmer zu treten, drehte sich aber in der Thür noch einmal um und sagte freundlich:
»Ich bin wieder da, Dorothee, und ich bleibe auch hier und gehe nicht wieder fort, und wenn der Mosje, der Doctor Mittelweile, kommt --«
In dem Augenblick klopfte es an die Thür, und ehe nur Jemand »Herein« oder »Nicht herein« rufen konnte, ging diese auf und der Doctor selber stand auf der Schwelle.
»Aber nun sagen Sie mir um Gottes Willen, Commerzienrath --«
»Guten Morgen, Doctor«, erwiderte der Commerzienrath, immer noch dabei seine Mütze auf, seinen Reisesack an der Hand und Rock und Regenschirm unter dem Arme.
»Was in aller Welt treibt Sie denn in zwei Tagen schon wieder zurück?« rief dieser, »ich glaubte Sie wohlbehalten jetzt in München. -- Was ist Ihnen denn passirt?«
»Ich will Ihnen etwas sagen, Doctor«, erwiderte der Commerzienrath mit einer finstern dumpfen Entschlossenheit in der Stimme, »und Ihnen auch, Dorothee -- hat der Vetter schon gegessen?«
»Ja wol, Herr Commerzienrath, ich danke Ihnen recht schön«, rief dieser und wand sich, froh so abzukommen, wie ein Ohrwurm zur Thür hinaus. Der Commerzienrath sah ihm nach, bis er diese hinter sich ins Schloß gedrückt, und fuhr dann ruhig, aber mit vollkommen entschlossener Stimme fort:
»Gerade ehe Sie eintraten, Doctor, habe ich es der Dorothee gesagt, ich bin wieder da, und was mehr ist, ich gehe auch nicht wieder fort. Weshalb ich so rasch zurückgekommen bin, geht Niemandem etwas an, es braucht mich auch Niemand darum zu fragen, denn ich bin alt genug zu wissen, was mir gut und nützlich ist und was nicht. Sie haben mich doch alle Beide verstanden?«
»Ja wol, bester Herr Commerzienrath, aber --«
»Gut, dann bitte ich, daß jetzt die Thüren hier zugeschlossen werden und Niemand vor morgen früh hereingelassen wird.«
»Aber Sie müssen doch erst essen, Herr Commerzienrath«, rief Dorothee in Schreck und Angst.
»Wenn ich hungerig bin, werde ich's schon sagen«, erwiderte dieser, »haben Sie sonst noch etwas zu bemerken?«
»Nein, Herr Commerzienrath, aber --«
»Schön -- dann wünsche ich Ihnen und mir eine angenehme Ruh«, sagte Herr Mahlhuber und verschwand im nächsten Augenblick hinter der Kammerthür, die er abschloß und dann den Nachtriegel vorschob.
»Er ist übergeschnappt!« sagte der Doctor achselzuckend, indem er seinen Hut wiederaufsetzte und sich umdrehte, das Zimmer zu verlassen.
»Dann sind Sie daran schuld!« rief Dorothee, die Arme in die Seite stemmend, »denn Sie allein haben dem armen alten unglücklichen Manne so zugesetzt, bis er in aller Verzweiflung seine Heimat verlassen mußte und hinaus in die Welt ging.«
»Die Dorothee ist auch übergeschnappt!« sagte der Doctor, und verließ langsam und kopfschüttelnd das Haus.
Und der Commerzienrath? -- Lieber Leser, Morgens um 8 Uhr sitzt ein ganz behäbiger und für sein Alter noch ziemlich rüstiger Mann an dem offenen Fenster seiner Wohnstube, trinkt seinen Kaffee und liest mit großem Wohlbehagen aus der vor ihm aufgeschlagenen Zeitung die Berichte über das »Ausland«. Der Mann ist der Commerzienrath Mahlhuber in Gidelsbach und befindet sich ganz außerordentlich wohl.
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