Part 8
Warum, so fragte er sich heute wohl zum hundertsten Male, läßt man die Lebenden entgelten, was die Toten versündigt haben. Dann stürmten wieder bittere Vorwürfe auf ihn ein, und in seiner Seele stieg von neuem ein müdes Frauenantlitz herauf, das seine von langen Wimpern beschatteten Augen stumm auf ihn richtete.
Da wurde der Träumende plötzlich abgelenkt. Vom Freihof ein Stück die Straße hinauf, drüben hinter dem schwarzen Dorfteich, stand ein kleines Häuschen, aus dessen Schornstein sich eine dünne Säule blauen Rauches wand. Dort wohnte eine arme, junge Frau, die kurz vor Weihnachten den Mann verloren hatte, mit ihren vier Kindern, von denen die ältesten zwei schwer am Keuchhusten litten.
Aus diesem Hause trat soeben eine weibliche Gestalt heraus und lief mit eilenden Schritten durch den Schnee herüber nach der Straße. Der Wind spielte mit den Zipfeln des wollenen Tuches, das sie um Brust und Kopf geschlungen hatte und versuchte, es ihr zu entreißen. Aber sie bemerkte seine Anstrengungen und wickelte sich fester in das Tuch. Max bemühte sich, die Näherkommende in der sich niedersenkenden Dämmerung zu erkennen und trat von neuem dicht an das Fenster. Aber ihr Kopf war sorgsam eingehüllt, und das Tuch ließ das Gesicht nicht frei. Jetzt war sie am Fenster angekommen und wollte gerade vorübereilen, da riß ihr ein heftiger Windstoß das Tuch von der Stirn. Hastig griff sie danach, um das Gesicht wieder zu bedecken, -- aber es war zu spät.
Max war mit einem schnellen Schritt vom Fenster verschwunden und zur Seite getreten. Aber er konnte die Augen nicht von der Gestalt losreißen, durch die Gardine hindurch schaute er dem rasch davon eilenden Weibe nach. Der kurze Augenblick, in dem ihr Gesicht unbedeckt gewesen war, hatte genügt, sie zu erkennen: es war Maria von Tiefenbach.
Diese überraschende Entdeckung ließ die während des ganzen Tages in seiner Seele im Schlummer gelegene Erregung mit einem Schlage hoch auflodern.
Das Mädchen, das seinen Geist in den letzten Wochen und besonders seit ihrer Begegnung am Morgen des heutigen Tages unaufhörlich beschäftigt hatte, befand sich jetzt plötzlich vor ihm, um freilich flüchtigen Fußes seinen Blicken alsbald wieder zu entschwinden.
Da wurde dem jungen Mann seltsam zumute, und wie im März unter dem linden Hauche der Frühlingswinde die Eisdecke auf den Bächen schmilzt, so brach in diesem Augenblick sein ohnehin schwacher Widerstand jäh zusammen, und in seiner Seele stieg das heiße Verlangen herauf, dem Mädchen nachzueilen und es zu zwingen, vor ihm stehen zu bleiben. War es Freude, sie, deren Bild ihn nie verließ, so überraschend vor sich zu sehen, oder war es Angst um ihre Gesundheit, die auf dem Spiele stand, wenn das Mädchen, nachdem sie wahrscheinlich ein paar Stunden bei den Kindern der Tagelöhnerin geweilt hatte, ins Schulhaus hinuntereilte, um wieder eine Nacht bei ihren Kranken zu durchwachen?
Max stand von neuem am Fenster und sah mit klopfendem Herzen dem Mädchen nach. Die Wange an das Holz des Rahmens gepreßt, bohrte er die Augen in die zunehmende Dämmerung hinein, um die Umrisse der Verschwindenden noch zu erkennen. Da machte er eine unwillkürliche Bewegung und stieß mit dem Arm an einen Menschen. Mit einem Ruck wandte er sich um, -- und sah sich seiner Mutter gegenüber. Hoch aufgerichtet, in steifer Haltung, die Züge wie in Stein gemeißelt, verharrte die Freihoferin.
In tiefem Schweigen standen sich Mutter und Sohn gegenüber, jedes die Augen fest auf die des anderen gerichtet. Keines rührte sich, kein Wort klang, kein Versuch, auch nur die Lippen zu bewegen. Ein lähmendes Stillschweigen, das jetzt nach den Augenblicken hoher Erregung Max das Blut in den Adern fast stocken machte.
Lange konnte der Sohn den Blick seiner Mutter aber nicht ertragen, und er senkte die Augen zu Boden. Die Aufwallung, die sich vor wenigen Sekunden seiner bemächtigt hatte, verflüchtete langsam. Es war ihm, als wenn der Schwindel, der ihn gepackt hatte, nun wieder von ihm wich. Seine Pulse flogen nicht mehr wie vorhin, merkwürdig rasch kam unter dem Blicke des stummen Weibes ihm gegenüber seine kühle Überlegung zurück.
Was hatte sich zugetragen? Er konnte sich auf diese Frage nicht so rasch die Erklärung geben. Das Fräulein vom Schloß war draußen vorübergegangen, das sich wahrscheinlich zu den kranken Soldaten begab, und wohin es auch gehörte, nachdem es doch einmal den Beruf der Pflegerin bei ihnen erwählt hatte. Und er war hart an das Fenster getreten, um ihre Gestalt mit den Blicken zu erfassen -- --?
Mit leisem Kopfschütteln beantwortete er sich diese Frage, eine andere Antwort wußte er nicht.
Was hatte ihn aus seiner Ruhe so jäh aufgejagt? Ihn, Max von Tiefenbach, den jungen Freihofbauern, der von seiner Mutter so viel kühlen Verstand geerbt hatte, und den man so oft um sein inneres Gleichgewicht beneidete?
Max suchte vergeblich nach einer Antwort hierauf. Sollte er nahe daran gewesen sein, durch zwei blaue Mädchenaugen zum törichten Jungen zu werden, der stundenlang schmachtend um das Haus seiner Herzenskönigin schleicht, um einen Blick von ihr zu erhaschen?
Er riß den Gedanken unwillig ab, um ihn nicht weiter verfolgen zu können. Da merkte er, daß ihm die Röte in die Schläfen stieg, und das versetzte ihn in Zorn. Er machte eine heftige Bewegung zum Halse, der wie zugeschnürt war. Mit Anstrengung gelang es ihm, sich zu räuspern, aber den Blick vom Boden zu erheben vermochte er nicht.
Warum hatten auch die hoffärtigen Leute droben seine Großeltern einstens tödlich beleidigt! Solch eine Schmach darf nie vergessen werden, und wer lebte, mußte entweder die Schuld der Eltern bezahlen oder die Schmach vergelten. Ja! Die Mutter war im Recht, wenn sie ihnen mit Feindschaft begegnete. Unversöhnlicher Haß mußte jederzeit im Herzen lodern, in allen Winkeln der Räume seines Besitztumes lauern, von den Dachbalken herabblinzeln, über den Firsten der Gebäude schweben, und durch alle Arbeit und alles Leben auf dem Freihofe mußte sein Klang zittern. Das hatte schon sein Großvater mit seiner Verwünschung besiegelt.
Jetzt konnte Max den Blick wieder erheben und seine Mutter ansehen. Diese stand noch immer stumm vor ihm, die stahlgrauen Augen mit hartem Ausdruck auf den Sohn gerichtet.
Da überlief die Greisin ein heftiges Zittern; umsonst versuchte sie ein paarmal, zu sprechen, bis sie endlich mit gepreßter Stimme, rauh hervorstieß:
»Ich habe es ihm in der Sterbestunde geloben müssen, Max!«
Nach diesen Worten wandte sie sich ab, raffte Brille und Gebetbuch vom Tische auf und verließ das Zimmer.
Eine kurze Weile blieb Max auf seinem Platze stehen und sah nach der Tür, durch die die Freihoferin verschwunden war. Dann machte er eine kraftvolle Bewegung, gleichsam, als ob er eine drückende Fessel sprengen müsse und ging dröhnend im Zimmer auf und ab.
6. Kapitel.
Die Bewohner Rehefelds waren eine fromme Gemeinde, die von ihrem geistlichen Herrn wohl behütet wurde. Pastor Reinerz war auf dem Dorfe alt geworden, und fast alle Einwohner, bis auf die Hinzugezogenen, hatte er dereinst aus der Taufe gehoben und ihnen bei der Konfirmation das heilige Abendmahl gereicht. Manchen Eltern hatte er ihr Liebstes mit in die Grube senken helfen, manch einem jungen Weibe durch seinen tröstlichen Zuspruch den herben Verlust des teuern Gatten erleichtert und, ach, im Laufe der vielen Jahre so vielen jungen Burschen und Mädchen die unvergänglichen Begriffe von Tugend und Sitte, Glauben und Ehrenhaftigkeit unausreißbar in die Seele gepflanzt. Er kannte alle wie sie im Dorf herumliefen bis ins Innerste ihres Herzens hinein. Und wenn sie auch heranwuchsen, seinem Einfluß entgingen sie doch nie. Wollte er einmal an einem von ihnen irre werden, so kehrte er im Vorübergehen bei ihm ein, senkte seine forschenden Augen unter den buschigen Brauen in die seines Gemeindekindes und wußte wieder, wie es um dieses stand. Wenn ab und zu einmal ein Schäflein vom rechten Wege abgekommen war und sich verirrt hatte in den anfangs so bequemen Schlingpfaden des Bösen, -- er führte es wieder zurück und kettete es von neuem an sich.
Wie war es doch damals mit Andreas und dem Anger-Liesel gewesen?
Das Liesel war ein blutjunges, tugendsames Weib, war die Frau des schönen Andreas und trällerte vom Morgen bis zum Abend wie eine Lerche umher und saß jauchzend am Lager eines lieblichen Töchterchens. Sie waren arme, aber sehr brave Menschen und arbeiteten fleißig.
Da überfiel den Andreas mit einem Male ein böser Geist, und er wurde erst arbeitsscheu, dann leichtsinnig. Er ging oft in die Schenke, saß stundenlang darin und vertrank und verspielte all seinen Lohn. In die Kirche kam er nie mehr, und dem Pastor wußte er immer geschickt aus dem Wege zu gehen. Da tauchte das Gerücht auf, daß der Andreas es mit der rothaarigen Magd vom Obergut halte. Die halben Nächte blieb er von Hause fort, und wenn er dann endlich mürrisch heimkehrte, hatte er für das am Bettchen ihres Kindes weinende Liesel nur Scheltworte. An das Kind wendete er nicht einen Blick. Das junge Weib ließ aber in seiner treuen Liebe zu dem Manne nicht nach und arbeitete mit doppelten Kräften, um den Verlust, den sein Nichtstun mit sich brachte, so gut es ihr gelingen wollte wieder auszugleichen. Mit rührender Sorgfalt bemühte sie sich, über seine Lieblosigkeit zu ihr hinwegzusehen. Weit öfter als sonst richtete sie es behaglich für ihn ein, wie sie von früher her wußte, daß er’s gern mochte. Immer wieder bereitete sie ihm seine Lieblingsspeisen, derweilen sie sich Salz aufs Brot tat, um Geld für sein Mahl zu haben. Aber alles das half nichts. Ihr Mann wurde immer liebloser zu ihr.
An einem schönen Frühlingstage, es war am Ostersonnabend, trat Andreas vor seine Frau hin und verlangte von ihr alles Geld, das sie besitze, um damit in die weite Welt zu gehen. Das junge Weib aber wurde bleich wie der Tod. Dann warf sie sich vor ihm nieder und beschwor ihn und flehte ihn an, wieder ihr guter Andreas zu sein. Mit krampfhaften Armen umklammerte sie seine Knie und sah mit einem Blick so voll Liebe und tödlicher Angst zu ihm auf, der jeden andern zur Umkehr gebracht haben würde. Dem Andreas aber drang das herzbrechende Schluchzen und das tiefe Weh seines Weibes nicht zum Herzen. Mit einer rohen Bewegung riß er sich von der Knieenden los, daß das junge Weib in schwerem Fall dumpf auf den Boden schlug. Dann ergriff er rasch das Beutelchen, in dem er ihre kleinen Ersparnisse wußte und eilte aus dem Hause. Wie er aber auf die Straße hinaustrat, erschrak er doch etwas, denn vor ihm stand Pastor Reinerz. Mit einem scheuen Gruße wollte er an dem Greise vorübergehen; der aber hielt ihn auf.
»Ah, sieh da, der Andreas,« sagte der alte Herr freundlich. »Nun, das trifft sich ja sehr gut. Ich war gerade im Begriff, Dich und das Liesel einmal zu besuchen. Aber da fällt mir ja ein: heute ist doch Reinmachetag. Da wollen wir das Liesel nicht bei ihrem Geschäft stören. Du gehst aber auf ein Stündchen mit zu mir. Wenn sich so alte Freunde, wie wir beide es sind, so lange nicht gesehen haben, haben sie sich mancherlei zu erzählen.«
Andreas wollte trotzig vorbei, doch ein Blick aus des Alten Augen zwang ihn an seine Seite. Ruhig, aber ohne hinzusehen, ließ er es geschehen, daß Reinerz ihm im Weiterschreiten all die Namen der Blumen und Gräser nannte, die in einem großen Strauße vereinigt waren, den er auf den Frühlingswiesen gepflückt hatte.
Der schwere Sturz hatte das Liesel auf ein paar Sekunden ihrer Besinnung beraubt. Als sie wieder aus der Ohnmacht erwachte, schaute sie verstört um sich: ihr Mann war verschwunden. In namenloser Angst stürzte sie zum Fenster, um zu sehen, ob sie ihn entdecke. Da bemerkte sie zu ihrer großen Überraschung, daß er an der Seite des Pastors ging und mit diesem eben in das Pfarrhaus eintrat. Von wahnsinniger Angst getrieben, warf sie ein Tuch um die Schultern, streifte die Schuhe an und eilte, so schnell sie ihre Füße trugen, zum Pfarrhause. Und wie sie den Hausflur betrat, hörte sie drinnen im Zimmer den geistlichen Herrn in seiner gütigen Art auf ihren Mann einreden, der dabei ganz still blieb.
Mit einem Male vernahm sie, wie der Andreas aufbrauste. Das Redenhören hätte er nun satt. Er gebe überhaupt auf die ganze Kirche nichts, und wo die Liebe zu seiner Frau hin sei, wisse er nicht; sie wäre verweht in alle Winde -- -- --
Da griff sich das junge Weib draußen im Hausflur mit beiden Händen jäh zum Herzen, und das rotglühende Gesicht in dem lauschend vorgebeugten Kopfe wurde in einem Augenblick fahl. Die Lippen wie im Traume bewegend, wandte sie sich nach der Tür und verließ mit leisen Schritten die Pfarre. Wie ein Gespenst schritt sie an den ihr entgegenkommenden, verwunderten Leuten vorüber, ihrem Häuschen zu. In der Stube angekommen, setzte sie sich müde auf die Bank am Ofen, die Füße, (übereinandergeschlagen) von denen die Lederschuhe herabglitten und auf die Diele fielen, und richtete den Blick dumpf vor sich nieder. Das in seinem Bettchen ruhig schlafende Kind sah sie nicht. So blieb sie unbeweglich.
Von Zeit zu Zeit murmelte sie: »Er liebt dich nicht mehr. Alles ist nun aus! Andreas, -- dein Andreas liebt dich nicht mehr!«
Wie lange sie so saß, wußte sie nicht; nur das eine wußte sie, daß der helle Glanz in ihrem Innern in dieser Stunde auf immer erloschen war. Sie wollte schreien, aber die Kehle war ihr zugeschnürt. Weinen wollte sie, aber ihre Augen blieben trocken. Sie hatte keine Tränen.
Da hört sie mit einem Male schleichende Tritte im Hause, die Tür tut sich auf, -- ihr Mann steht auf der Schwelle.
Das Liesel schaut voll Entsetzen hin, weil sie glaubt, sein Geist komme zu ihr. Dann tut sie einen heftigen Schrei:
»Andreas -- -- --!« und bleibt wie gelähmt sitzen.
Der Mann aber auf der Schwelle, wie er das totenblasse Weib erblickt hat, ist wie eingewurzelt. Er kann nicht loskommen von diesem Platze. Da endlich lösen sich die Füße vom Boden. Mit weit vorgeneigtem Körper und erhobenen Armen kommt er, tief gebückt, näher, die Augen mit einem Ausdruck unaussprechlicher Reue starr auf das Liesel gerichtet. Die aber streckt die Hände nach ihm aus, um ihn zu erfassen; -- da sinkt er vor seinem Weibe auf den Boden nieder und umfaßt ihre bloßen Füße, spricht aber kein Wort, sondern sie fühlt nur, wie er wieder und wieder seine heißen Lippen darauf drückt.
»Um Gottes willen, Andreas, was tust Du da,« schreit das Liesel auf und will den Mann emporziehen. Der aber läßt sich nicht aufrichten, sondern verharrt in seiner Haltung, vor ihr liegend. Und zwischen seinen aufeinandergebissenen Zähnen drängt es sich hervor:
»Nein, Liesel, wenn Du vorhin meine Knie umklammert hieltest, so bin ich nicht einmal wert, Dir jetzt die Füße zu küssen!«
Dann saßen sie eng zusammengeschmiegt, Wange an Wange, lange beieinander, wie in den Tagen ihres höchsten Glücks. Vom Kirchlein schallte das Abendläuten herein, und ihre Tränen flossen jetzt reichlich.
Seit diesem Tage schmückt das Liesel an jedem Ostersonnabend die Tür zur Stube des Pfarrherrn mit Blumen.
7. Kapitel.
Die Kirche von Rehefeld war ein aus Sandsteinen errichteter, ziemlich großer Bau, durch dessen hohe, in spitze Bogen auslaufende Fenster das Licht ungehinderten Zutritt in das Innere fand. Hatte man die Schwelle einer der beiden Türen in der vordern und hintern Giebelwand überschritten, so führte, noch ehe man in das Innere der Kirche gelangte, auf der nördlichen Längsseite ein schmaler Gang um das Kirchenschiff herum bis zur andern Eingangstür. Von diesem Gang aus betraten die Tiefenbachs die für jede Familie getrennt eingerichtete Andachtsstube. In früherer Zeit war hier nur _ein_ Raum gewesen. Als aber der Freihof gebaut wurde, war das große Zimmer durch eine Wand in zwei Räume geteilt worden, und Herr Udo von Tiefenbach ließ später, nachdem seine Brüder ins Dorf hinabgezogen waren, den Gang durch eine Tür teilen, die zwischen den Eingängen der Andachtsstuben angebracht war, und die gleichsam eine sichtbare Scheidewand zwischen den Familien darstellte und verhinderte, daß die Schloßbewohner, die den Gang nur von der hintern Kirchentür aus betraten und die Freihofer, die durch die Vordertür gingen, sich sahen.
In der Mitte des Dachfirstes ritt ein hoher, spitzer Turm, in dem die Glocke hing. Das schwärzliche Ziegeldach war fast ganz mit Moos überwuchert und bezeugte das hohe Alter des Gotteshauses.
Rund um die Kirche dehnte sich der Friedhof aus. Kleine, niedrige Hügel deckten die irdischen Reste der teuern Entschlafenen. Die meisten Gräber wurden durch schlichte, zum Teil schon verwitterte Holzkreuze geschmückt, auf denen die Namen der Verstorbenen kurz vermerkt standen. Hier und da gab es auch Gräber, die sorgfältiger hergerichtet und mit steinernen Liebeszeichen versehen waren.
Die Rehefelder versäumten nicht gern die sonntägliche Andacht. Auch an dem heutigen Sonntag war das Kirchlein wieder dicht angefüllt mit der Schar der Andächtigen. Draußen war es noch immer kalt, und am Himmel hingen dicke, graue Ballen, zwischen denen die Sonne zeitweilig auf kurze Minuten hindurchschien. Dann fielen die goldenen Strahlen auf das weite Schneefeld, daß die Krystalle wie Millionen ausgestreuter Diamanten glitzerten.
Als Max und Elisabeth in der Kirche angekommen waren und den Gang betreten hatten, war Maria von Tiefenbach gerade in ihr Betstübchen eingetreten.
Das Hauptlied war verklungen, als Pastor Reinerz auf der Kanzel erschien.
Man konnte sich keine würdigere Erscheinung eines Seelenhirten denken, als ihn. Er hatte einen schweren Körper und breite Schultern, auf denen ein wahres Löwenhaupt saß. Der massige Kopf war mit einer üppigen Fülle silberner Locken bedeckt, die bis auf die Schultern herabhingen und bei raschen Bewegungen um den Kopf wallten. Von gleicher Farbe war der breite, prächtige Bart, der bis weit über die schneeigen Bäffchen hinabreichte, so daß sie nur dann sichtbar wurden, wenn Reinerz das Haupt zur Seite wandte. Seine Haltung war trotz des Alters aufrecht, sein Gang schwer. Die väterlich blickenden, lebendigen Augen leuchteten in hellem Glanze und mochten die Ursache sein, daß auf diesem Greisenantlitz neben dem Ausdruck von Milde und Herzensgüte jederzeit ein Schimmer jugendlichen Feuers strahlte.
Pastor Reinerz knüpfte seine heutige Predigt an das Los jener Unglücklichen im Schulhause. Er hatte das Gleichnis vom barmherzigen Samariter gewählt, und mit Tönen, die den Zuhörern zum innersten Herzen drangen, sang er das ewige Hohelied der Liebe. Von der liebenden Mutter, dem unermüdlich treusorgenden Vater, seien die Armen einst durch alle Fährnisse der Kindheit geleitet worden. Neben den fröhlichen Tagen hätten die Eltern auch viele bange Stunden durchlebt, und manche Mutter habe in schweren Zeiten der Krankheit dem schon die Hand darnach ausstreckenden Unerbittlichen ihr Kind durch entsagungsvolle Pflege wieder abgerungen und ihm damit gleichsam zum zweitenmale das Leben geschenkt. Mit reicher Freude im Herzen hätten die Eltern die zarten Knaben zu Jünglingen heranwachsen sehen, bis dann mit einem Schlage die Freude jäh zu Leide ward, als der Kriegsruf erklang und den Sohn seinen Eltern, den Gatten seinem Weibe, den Vater seinen Kindern entriß und die Zurückbleibenden mit großer Sorge erfüllte. Nun säßen die Verlassenen daheim, manche von ihnen gewiß ohne tröstenden Zuspruch, einsam mit ihrem Schmerze. Sie wüßten nicht, ob der Teure noch am Leben wäre, oder ob sein von den Kriegsleiden geschwächter Körper nicht vielleicht mit schwerer Krankheit ringe. Unter heißen Tränen des Dankes würden sie die Hand küssen, die seiner in Liebe gepflegt, oder die ihm das brechende Auge zudrückte. Und die wahre Nächstenliebe frage nicht, ob Freund ob Feind. Sie alle seien leidende, unglückliche Menschen und bedürften in reichstem Maße der Hilfe. Seine Gemeinde solle nie müde werden, mit dem Unglücklichen ihr Brot zu teilen. Und wenn eines von ihnen argwöhne, daß es schwach und lau werde bei seinem Samariterwerk, so sollten sich die Väter, die Mütter und Gattinnen in das Los derer hineinversetzen, die von peinvoller Angst erfaßt mit dem aufsteigenden Morgen voll Sehnsucht auf ein Lebenszeichen warteten, und die am Abend immer wieder ihre Hoffnung getäuscht sähen.
Pastor Reinerz hatte eine der empfindlichsten Stellen im Menschenherzen berührt: die Sorge und Angst um das Leben eines teuern Angehörigen. Das Mitgefühl der Zuhörer war geweckt, und in Vieler Augen hatten sich Tränen gestohlen.
Mit den letzten Worten, mit denen der würdige Greis seine Predigt beendigte, richtete er noch den zündenden Ruf an seine Gemeinde, die christliche Liebe, die der mächtige Beweggrund dafür sei, den leidenden Fremdlingen Gutes zu tun, auch täglich untereinander zu üben. Und er legte ihnen ans Herz, vorhandenen Zwist zu begraben, sich auszusöhnen und einander in verzeihender Liebe zu begegnen. Dann genössen die Menschen schon hienieden das Vorgefühl der ihrer harrenden ewigen Freuden und erwiesen sich als getreue Nachfolger Christi und wert der einstigen Einkehr in sein himmlisches Reich. --
Das Schlußlied war verklungen, und die Besucher verließen das Gotteshaus.
Als Max zusammen mit Elisabeth aus der Andachtsstube hinaustrat, fiel sein Blick auf die weit geöffnete Tür, die den Gang teilte, und die er noch nie anders als geschlossen gesehen hatte. Aber seine Überraschung wuchs, denn vor ihm stand Maria von Tiefenbach, die sie beide erwartet haben mußte. Ängstlich griff Elisabeth nach der Hand des Bruders, als ob sie ihn auf dieser Stelle festhalten wolle, während sie erstaunt auf ihre Freundin schaute.
Max hatte einen Augenblick betroffen stillgestanden, jetzt aber machte er eine hastige Bewegung zum Gehen. Da vertrat ihm Maria gelassen den Weg, so daß sich beide dicht gegenüberstanden. Eine Sekunde tiefen Schweigens verstrich, dann begann Maria ohne Verwirrung und mit Festigkeit:
»Unter dem tiefen Eindruck stehend, den die unmittelbar zum Herzen gehenden Worte unseres verehrten Herrn Pastors auf mich hervorgerufen haben, kann ich nicht anders, als annehmen, daß die Predigt auch auf Sie, Herr von Tiefenbach, eine große Wirkung ausgeübt hat. Noch nie in meinem Leben haben mich von der Kanzel herabgesprochene Worte so wundersam ergriffen, wie heute, Worte, die in meinem Innern das sehnliche Verlangen wachgerufen haben, meinen Teil dazu beitragen, daß der Wille dessen, der die Sünden der Welt trug, erfüllt werde. Deshalb will ich den Augenblick nutzen, bevor mit der hohen Stimmung auch mein Mut dahinschwindet.
Ich bin ein schwaches Mädchen, das plötzlich die wunderbare Kraft in sich spürt, sich Ihnen hier gegenüber zu stellen. Aber Sie haben mir vor wenigen Tagen durch Ihren freundlichen Trostzuspruch verraten, daß Sie ein edles Herz besitzen. Dieses Bewußtsein und eine Stimme in meinem Innern, die mir so zu handeln gebietet, stärken meinen Mut.
Etwas Unnatürliches ist es, daß Menschen in Feindschaft leben, die einander nie etwas zu Leide taten. Und deshalb frage ich Sie, Herr Vetter, sind Sie bereit, Ihre Bemühungen mit den meinigen zu vereinen, um unsere Eltern miteinander auszusöhnen?«
Die dem Mädchen innewohnende, ruhige Sicherheit hatte sie während dieser Rede nicht verlassen, und ihre Stimme hatte nicht einen Augenblick gebebt. Jetzt schwieg sie und wartete auf Maxens Antwort, ihre Augen forschend auf seinem Gesichte ruhen lassend.
Der junge Mann stand vor Überraschung unbeweglich und starrte sprachlos in das schöne Frauenantlitz, in dem kein sichtbares Merkmal die in Marias Innern langsam aufsteigende, große Erregung andeutete.
Da erhob sie ihre Stimme von neuem, die gerade noch so wohl lautete wie vorhin, obwohl sie jetzt leise zitterte: