Herr, mach' uns frei!

Part 28

Chapter 281,425 wordsPublic domain

Jahrhunderte hatte der Bau ins Land ziehen sehen. Lieblicher Sonnenschein hatte ihn unzähligemale umschmeichelt, brausende Naturgewalten drohend umbrandet. Zeiten segensreichen Friedens waren an ihm vorübergegangen, und auf wildes Kriegsgetümmel und ohnmächtige Wut seiner Angreifer hatte der steinerne Koloß mit stummer Verachtung herabgesehen. Nun war auch seine Zeit abgelaufen, und der vorgeschrittene Verfall führte die eindringliche Sprache, daß auf Erden alles vergänglich ist! Nach einer Reihe von Jahren, früher oder später, aber einmal doch, werden auch die letzten, stummen Zeugen entschwundener Pracht und menschlichen Fleißes nicht mehr sein. Die noch nicht zertrümmerten Steine werden Häuser bauen helfen, in denen Menschenfreud und Menschenleid geboren wird, lacht und weint und stirbt, und die geborstenen Säulen und Quader zerfallen endlich in Staub und vermischen sich wieder mit der Erde, von der sie gekommen sind, und deren mütterlicher Umarmung sie sich nur zu lange entzogen hatten. Dann geht die Pflugschar wieder über das Land und wirft die köstlich duftende Ackerkrume auf, und saurer Schweiß tränkt den Boden. Bis endlich auf dem Rasen Spiel und Sang anheben, und die Halme sich biegen unter den Füßen der Tanzenden. So in stetem Auf- und Niedergang, Geburt, Hinaufeilen auf den Gipfelpunkt des Lebens, mühsames Hinabklimmen oder Hinabsturz -- und Tod: das ist das wechselvolle, geheimnisumwobene Spiel des Werdens und Vergehens alles Irdischen, das sind die urewig gleichen Menschenschicksale! Eine zermalmende Traurigkeit beschleicht bei dieser Betrachtung das Gemüt, gegen die menschlicher Witz sich vergebens sträubt und menschliche Kraft ohnmächtig ankämpft. In diesem Leid tröstet und erquickt allein der aus starkem Herzen quellende Glaube an die Barmherzigkeit und Ewigkeit der Himmel!

Und dann gedachte der junge Tiefenbach seines Geschlechts. In langen Reihen standen in sturmfesten Kellergewölben des Schlosses die Särge seiner Ahnen. Viele von ihnen waren wohl mit dem Schwerte in der Faust gestorben und schlummerten in unbekannter Erde. Er war der letzte Sproß. Jung war er und kraftvoll, und doch rüstete er sich schon zur Wanderung nach jenem unbekannten Land, aus dem niemand wiederkehrt. Nun stand der Name Tiefenbach nur noch auf zwei alten, müden Augen -- -- --

Aber er ging gern von hinnen, denn er ging nach einem gewonnenen Streit gegen den Feind des Landes und den Beflecker seiner Ehre. Das ist für Menschen, die beim Heimgange eines Teuern großen Schmerz erlitten, das Köstliche, daß sie in jenen unbekannten Gefilden von einer ihrer harrenden, liebenden Seele an die Hand genommen werden.

So mußte er denn früher scheiden als er gedacht; aber noch waren es ihrer zwölf, die die Reihen der für die Freiheit Kämpfenden verstärkten. Und bei diesem tröstenden Gedanken trat wieder das glückliche Lächeln auf die Züge des schwer Atmenden, und eine neue Ohnmacht umfing seine Sinne.

Jetzt tauchte auch der galoppierende Reiter vor einer Biegung der Straße auf und näherte sich rasch der Gruppe. Es war Konrad Hartmann.

Schon von weitem winkte und rief er. Hastig sprang er vom Pferde und fragte die schweigend Herumstehenden mit lauten Worten nach der Ursache des Schusses, den er schon in weiter Ferne vernommen hatte. Mit fliegendem Atem wurde er unterrichtet. Da fielen seine Augen auf den wie in friedlicher Ruhe schlummernden Freund. Ein einziger Blick, und er hatte alles verstanden. In heftigem Schmerze griff er mit beiden Händen nach der Stirn und blieb eine Sekunde lang mit verhülltem Antlitz stehen. Dann eilte er zu dem Liegenden, faßte ihn an der Schulter und rüttelte sie und schrie dem Ohnmächtigen ins Ohr:

»Vernimm erst noch, was ich Dir sage, mein Freund, es mag Dir eine erquickende Zehrung auf die Reise sein!«

Der Angerufene schlug langsam die Augen auf und sah den Freund verständnisvoll an.

»Die Sache steht gut,« rief Konrad ihm zu, »heute oder morgen werden die deutschen Hörner beim Blasen der Siegesfanfaren zerspringen. Der Blücher haut die Franzosen in Fetzen. Hörst Du’s, Max, der Blücher! Und in den sächsischen Regimentern ist ein Tumult ausgebrochen. Sie wollen nicht mehr für den Kaiser fechten, sondern zu den Preußen übergehen!«

Da erstrahlten die schon brechenden Augen noch einmal in sonnigem Leuchten, und der Sterbende nahm die rasch entfliehenden Kräfte zusammen und sprach mit leiser, vernehmbarer Stimme:

»Der Freihof gehört dem Hermann, und -- sagt’s der Mutter, -- der Schimpf ist getilgt!«

Dann fiel der während der letzten Worte mühsam gehobene Kopf wieder in Mutter Lehnhardts Schoß zurück, und ein tiefer Seufzer entrang sich den bleichen Lippen. Konrad ließ sich neben dem Freunde auf das Knie nieder und drückte ihm leise die Augen zu, während die Umstehenden in tiefer Ergriffenheit die Blicke zu Boden schlugen.

* * * * *

Vorwärts, soweit das Auge reichte, dehnte sich die weite Ebene von Leipzig aus. Obwohl die Erde von dem Flammenkuß des leuchtenden Tagesgestirns eben erst erwacht war, stiegen pyramidengleich schon durchsichtige Staubwolken zum Himmel empor, deren düsteres Grau, durchglänzt von dem leuchtenden Gold der Sonnenstrahlen, sich mit der tiefblauen Färbung des Äthers vermählte. Das waren die ersten Anzeichen, daß der Aufmarsch der Regimenter von Freund und Feind zur Schlacht nach dem gestrigen Tage der Ruhe begonnen hatte. Als wenn ein ungeheures Wesen seine tausendfach gegliederten, tausend Arme zu gleicher Zeit rege. Zum letzten Male rauschte der Vorhang des großen Schlachtentheaters in die Höhe, -- morgen fiel er, und hinter ihm sank einer der gewaltigsten Abschnitte deutscher Geschichte hinab in das Meer der Weltgeschichte! Die eisernen Würfel rollten um alles über die zerstampften, blutgetränkten Gefilde Leipzigs und warfen für Deutschland achtzehn Augen. Einer der Großen der Erde wurde von dem wandelbaren Geschick, nachdem es den beispiellosen, sieghaften Aufflug seines Genies lange Zeit wunderbar behütet hatte, in diesen Tagen verlassen.

Aber selbst sein Volk vermag ihm bei dem Heraufsteigen seiner Manen nur Bewunderung gemischt mit Grausen zu zollen; eine höhere Empfindung kann das menschliche Herz für ihn nicht bewegen. Sein Lebensschiff trieb auf einer Woge von Blut und bittern Tränen. Denn er war ein Zerstörender, Niederreißender. Der aber, dessen Lebensfaden Klotho kaum zwei Jahre darauf zu spinnen begann, und dessen Genius später in Deutschland wie ein leuchtendes Phänomen langsam emporstieg, bis es, wie einst jenes, über die ganze Erde hinweg gesehen ward, dieser Große war ein Aufbauender, Schaffender! Anfangs alle bis auf seinen König zum Gegner, schlug die Stimmung infolge seines weitschauenden Wirkens und seiner kühnen und von glänzendem Gelingen gekrönten Taten allmählich um, und aus den heftigsten seiner Widersacher von einst wurden unwandelbare Verehrer seines Kurses. Aus einem Wirrwarr sich heftig befehdender Kräfte erstarkte unter seinem Einfluß ein bewußtes Streben nach nationalen Hochzielen, und der nie ganz ausgeklungene, märchenschöne Traum trat endlich in plastischer Schärfe wieder vor die Seele des ungestüm seine Verwirklichung fordernden deutschen Volkes: der große, der gewaltige, -- der Kaisergedanke!

Und als nach Jahren brausender Gährung der einstmalige Tummelplatz hoher Ideen und doch gleichzeitig engherziger Empfindungen ihm für sein Riesenwerk hinreichend bestellt erschien, da schweißte der Titan mit weit über Europas Grenzen hinaus hallenden Hammerschlägen das zerstückelte Deutschland zusammen. Hinter dem schwärzlich sich ballenden Rauche der dröhnenden Kanonen stieg die schimmernde Morgenröte des neuen deutschen Reiches verheißungsvoll empor, und in das Wimmern und Ächzen der Verwundeten, in das Seufzen und Beten der Sterbenden mischten sich Posaunentöne, feierlicher Glockenklang und der stürmische Jubel der Ueberlebenden, denn Deutschland hatte, ja es hatte wieder -- einen Kaiser! Zweimal führte der Erzfeind im Schilde, Deutschland zu zersplittern und zu vernichten, und zweimal ging es siegreich und schließlich geeint und in seinen höchsten Idealen erstarkt aus dem aufgezwungenen Kampfe hervor. Wie später auf Frankreichs Boden, gingen damals auf dem grünen Plane vor Sachsens alter Lindenstadt Tausende deutscher Männer und Jünglinge freudig in den Tod. Sie starben, um kommenden Geschlechtern die Freiheit und Unabhängigkeit des Heimatbodens zu sichern.

Heil, dreimal Heil, dir mein deutsches Vaterland, zu solchen Heldensöhnen! --

Da sprang der Rabensteiner auf. Sein Gesicht war mit hellem Rot übergossen, und sein Auge glühte in edlem Feuer:

»Was steht Ihr noch länger müßig? Hebt den Leichnam auf, tragt ihn hinab ins Trauerhaus und tröstet die tiefgebeugte Mutter. Dann aber eilet von Hof zu Hof, von Haus zu Haus und fordert die Männer, die Frauen und Kinder auf zur Totenschau, auf daß mit Tränen der Wehmut und des Stolzes reichlich genetzt werde der gemeinsame Hügel, unter dem zwei Helden schlummern, die für ihre Ehre und die deutsche Freiheit in den Tod gingen.«

Dann stellte er sich vor die Männer:

»Euerm Führer war es als Ersten vergönnt, für die heilige Sache sein Herzblut dahinzugeben. Wohlan, Freunde,« fügte er frohlockend hinzu, »so laßt es nun mich sein, der Euch den Weg weist, zu den siegenden Fahnen der deutschen Brüder!«

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Sonst wurde die teilweise uneinheitliche Schreibweise, insbesonde der großen Umlaute, wie im Original beibehalten.

Korrekturen:

S. 231: bekommenen → beklommenen ohne den {beklommenen} Eindruck der Seele

S. 325: Sternschuppen → Sternschnuppen zerflattern wieder wie {Sternschnuppen}