Part 11
Soeben war sie wieder in kurzer Entfernung vor den Herren vorbeigejagt und hatte ihnen ein Scherzwort herüber gerufen, als Maxens Pferd plötzlich vor einer auffliegenden Krähe scheute. Noch immer gereizt durch die Unbeholfenheit des Tieres beim Sprunge, nahm es Max fest in die Zügel und zwang es mit eisernem Schenkeldruck zur Ruhe. In diesem Augenblick stieß Friesen, der Elisabeth nicht aus den Augen gelassen hatte, einen unterdrückten Schrei aus. Max fuhr auf und suchte seine Schwester mit dem Blick, die sich gerade in geraumer Entfernung rechtsseitwärts von ihnen befand. Aber er konnte nichts entdecken, was dem Freunde Grund zur Besorgnis geben mochte. Da sagte Friesen kurz:
»Sie hat den Sitz verloren und bemüht sich, den Schimmel in Schritt zu bringen.«
Die Reiter blieben stehen und schauten mit angestrengter Aufmerksamkeit dem sich ihnen von rückwärts her nähernden Mädchen entgegen.
»Der Schimmel hat kleine Launen, ist aber im ganzen harmlos,« entgegnete Max, »und Elisabeth kennt sich mit ihm aus.«
Da stürmte auch schon das Tier mit seiner Reiterin in kurzer Entfernung an ihnen vorüber. Elisabeths Fuß hatte zwar noch fest im Bügel geruht, aber es gab für die Beiden keinen Zweifel mehr, daß sie die Gewalt über das Tier vollständig verloren hatte. Mit seiner ganzen schwachen Kraft riß das Mädchen an den Zügeln, doch umsonst, die leichte Kandare klemmte zwischen den aufeinandergebissenen Zähnen des durchgehenden Pferdes. Plötzlich sprang der Schimmel aus der bisherigen Richtung heraus und jagte eine sanft ansteigende, weite Lehne hinauf, dicht an den letzten Häusern des Dorfes vorbei.
Wie gelähmt blieben die Reiter stehen, dem davonstürmenden Pferde entsetzt nachschauend. Aber nur einen Augenblick dauerte ihre Bestürzung. Kein Wort wurde ausgetauscht, aber sie wußten beide, daß es eine Jagd auf Leben und Tod sein würde, um das Mädchen zu retten, denn der rasende Lauf des scheugewordenen Pferdes führte in gerader Richtung auf den hochangeschwollenen Bach zu.
Da fuhr Max wild auf und hieb dem heftig erschreckenden Braunen die Sporen tief in die Seiten, daß das Tier von Schmerz gepeinigt sich auf den Hinterbeinen erhob und senkrecht aufstieg, um dann wie toll davonzurasen, hinterdrein Friesen. Die beiden Pferde schlugen sofort eine hohe Geschwindigkeit an, und so ging es in wilder Jagd dem in nicht zu großer Entfernung vor ihnen galoppierenden Schimmel nach. Stumm ritten die beiden Männer nebeneinander, keinen Blick von dem davoneilenden Pferde verlierend und mit allen Sinnen auf den Gang ihrer Tiere achtend. Maxens Brauner schien wieder gut machen zu wollen, was er vorhin versäumt hatte: mit mächtigen Sprüngen setzte er über den weichen Boden hinweg, so daß Friesen Mühe hatte, an seiner Seite zu bleiben.
Aber Max achtete nicht darauf, daß der Braune sein Bestes bot, er verlangte noch mehr von ihm. Von neuem setzte er dem Tiere die Sporen in die Seiten, daß dieses in der Tat in eine erhöhtere Schnelligkeit fiel und nunmehr wie ein Pfeil dahinschoß. Mit Genugtuung bemerkte Max, daß sich die Entfernung zwischen ihm und Elisabeth langsam verringerte. Friesens Wallach konnte dieses Tempo nicht einhalten und blieb um einige Längen zurück. Max gewahrte Friesens Zurückbleiben, aber was kümmerte es ihn; seine weit aufgerissenen Augen hingen, ohne abzuirren, an der zarten Mädchengestalt auf dem vor ihm weiterstürmenden Pferde. Der Zwischenraum wurde merklich kürzer, denn der Braune hielt das scharfe Tempo gut inne und verkürzte nicht um eine Handbreite seine weitausgreifenden Sprünge.
Aber immer mehr forderte der Reiter von seinem Tiere. Wieder gab er ihm die Sporen zu fühlen, bis er zuletzt das Eisen auf den Flanken ruhen ließ und durch unausgesetztes Drohen mit den scharfen Spitzen den Gaul zum Einhalten seiner hohen Schnelligkeit anstachelte. Alles was in dem Pferde war, forderte sein Reiter in diesen Augenblicken von ihm. Und wenn das Tier dabei zugrunde ging, was tats? Galt es doch ein Menschenleben zu retten, und dieser Mensch -- war seine Schwester! Zum Glück näherte er sich ihr bei diesem Tempo von Sekunde zu Sekunde, und noch in großer Entfernung vor dem reißenden Wasserlaufe mußte er sie eingeholt haben.
Die ruhige Überlegung drohte den jungen Mann zu verlassen, wenn er blitzschnell die Möglichkeit erwog, daß sein Pferd diese Schnelligkeit nicht aushalten könnte. Seine Augen schätzten fortwährend forschend den Abstand, und mit großer Befriedigung stellte er fest, daß Elisabeths Vorsprung sich immer mehr verringerte und er sehr bald an ihrer Seite sein mußte. Er überlegte: von links wollte er anreiten, um die rechte Hand frei zu haben und wenn er erst einmal die Zügel des störrischen Schimmels in seiner Faust haben würde, dann -- -- -- -- -- --, was Max von Tiefenbach in der Faust hielt, das war ihm sicher, das gehörte ihm!
Aber der Braune durfte nicht um einen Zentimeter nachlassen, er mußte ohne Unterlaß das Eisen kosten. Und von neuem jagte Max dem Tiere die Stacheln in das Fleisch, daß es in wildem Schmerze wie unsinnig weiterraste.
Max spannte alle Sinne aufs äußerste an. Da, allmächtiger Gott, täuschte er sich, oder war es Wirklichkeit, -- der Braune verkürzte die Sprünge? Sein Auge durchmaß den Zwischenraum, und es war keine Täuschung, er war in den letzten Sekunden größer geworden. Ein wilder Fluch entfuhr ihm. Sollte er jetzt, wo er in wenigen Sekunden an seiner Schwester Seite sein konnte, zurückbleiben und zusehen müssen, wie diese dem unabwendbaren Tode entgegeneilte? Da zerriß wie ein greller Blitzstrahl ein banger Gedanke das Gespinst seiner sich stürmisch jagenden Betrachtungen. Wie unter einem heftigen körperlichen Schmerz zuckte Max zusammen und die angstvollen Worte entfuhren ihm: »Um des Himmels willen, die Mutter!«
Wütend fuhr da der Mann auf:
»Verwünschte Kanaille, willst Du mich im Stiche lassen? Warte ich will Dir Lust machen.«
Und von neuem bohrte er die Sporen tief in die Flanken. Aber das Pferd bäumte nicht mehr angstvoll auf wie vorhin und machte seine Sprünge nicht größer. Pfeifend schossen ihm die Atemstöße aus den geblähten Nüstern und das kurzabgerissene Schnauben hätte zu jeder anderen Zeit Max zum Absteigen veranlaßt. In diesem Augenblick aber hörte und sah er nichts von der großen Erschöpfung des so schnelles Laufen ungewohnten, schweren Tieres, das schon viel mehr ausgegeben hatte, als von ihm gefordert werden durfte.
Mit steigendem Entsetzen bemerkte er, wie der Schimmel immer größeren Vorsprung gewann. Alle Empfindungen, die bei dieser Wahrnehmung auf ihn einstürmten, verwandelten sich in Zorn, der sich gegen das jetzt wiederholt strauchelnde Pferd richtete. Von Wut gepackt trieb er ihm zwei-, dreimal die Eisen in die Seiten. Das gequälte Tier bäumte hoch auf, -- da riß des Reiters eiserne Faust es nieder und dann bohrten sich wieder und wieder die Sporen in sein Fleisch. Mit Schenkel und Eisen bearbeitete Max ohne Erbarmen das Tier, daß es von neuem ein schnelleres Tempo anschlug. Aber es entging ihm nicht, daß der Braune die Geschwindigkeit von vorhin nicht mehr erreichte und daß die Entfernung sich mit jedem Sprung vergrößerte.
Da kam auch Friesens Wallach wieder heran, der in gleichbleibender Schnelligkeit weitergeritten und der trotz der vielen Versuche seines Reiters in keine schärfere Gangart gefallen war. Langsam rückte Friesen vor. Max bemühte sich, einen kleinen Vorsprung zu behalten, aber der Wallach kam näher. Schon standen die beiden Tiere Gurt an Gurt, dann glitt Friesen ein Stück vor und behielt ein Tempo, in dem der Braune nur schwer folgen konnte.
Die Reiter sahen jetzt, wie der Schimmel die Anhöhe erreicht hatte. Elisabeths Gestalt war noch einen Augenblick sichtbar, und die beiden Freunde erkannten deutlich, daß ihr Oberkörper vornübergesunken war und daß das Mädchen beide Arme um den Hals des Pferdes geschlungen hatte. Dann entschwand sie ihren Blicken.
Max war vor Schrecken seiner Sinne nicht mehr mächtig. Er nahm seinen Reitstock und schlug damit wiederholt den Braunen wuchtig zwischen die Ohren, womit er nur erreichte, daß das Pferd dicht hinter Friesens Wallach blieb.
* * * * *
Konrad Hartmann war auf seinem Hofe beschäftigt. Die nackten Füße in Lederpantoffeln steckend, kniete er gerade vor einem Wagen und legte um eine zersprungene Nabe ein Stück schmalen Eisenbandes. Drüben am Pferdestalle stand seine Mutter, die mit weitem Wurfe Maiskörner unter die stattliche Schar Hühner schleuderte.
Am Abend jenes Tages, an dem Konrad die erschütterte Freihoferin leise verlassen hatte, war es in der Wohnstube auf dem Rabensteiner Hof noch viel stiller als sonst zugegangen. Der Sohn hatte eine Weile an dem hölzernen Pfeifenkopfe weitergeschnitzt. Lange hatte dies aber nicht gedauert, dann mochte ihm die Beschäftigung nicht mehr zugesagt haben. Er hatte auf das Bücherbrett gegriffen und die Helden des grauen Altertums wieder einmal vor seinem Geiste aufmarschieren lassen.
Sonst vergaß er beim Lesen jener Zeiten alles, was sich um ihm herum zutrug. Mit leuchtenden Augen verfolgte er dann das gewaltige Ringen der Völker und die erbitterten Kämpfe mit dem überlegenen Gegner um die Freiheit des Stammes. An diesem Abend aber hatten seine Gedanken nicht mitten unter den Helden geweilt, und es begab sich zum ersten Mal, daß das Interesse an den Großtaten Jener verblich, und sich dafür etwas anderes in seine Seele schlich und allen Raum darin für sich beanspruchte. Zeitiger als andere Tage hatte Konrad das Bett aufgesucht. Die Mutter aber war geblieben und hatte mit Wehmut lange, lange auf die Stelle geschaut, wo ihr Sohn gesessen hatte. -- --
Wieder hatte sich Konrad gebückt und mit aufmerksamen Blicken und wiederholtem Betasten den geflickten Schaden geprüft. Da stieß die Rabensteinerin einen lauten Schrei des Entsetzens aus. Konrad fuhr erschreckt in die Höhe und blickte auf seine Mutter.
Mit vorgeneigtem Oberkörper stand diese inmitten der die Körner geschäftig aufpickenden Hühner und sah in großer Erregung durch das weitgeöffnete hintere Hoftor, das unmittelbar auf die Wiesen hinausführte. Hastig folgte Konrad dem Auge seiner Mutter, und in demselben Augenblick war sein von der emsigen Arbeit stark gerötetes Gesicht bis in die Lippen hinein bleich geworden. Einen Herzschlag lang schauten Mutter und Sohn mit dem Ausdruck des Entsetzens nach den Wiesen, über die in wilden Sprüngen ein durchgehendes Reitpferd hinweg setzte, auf dessen Rücken die zusammengesunkene Gestalt eines jungen Mädchens zu erkennen war.
Noch war der die kühle Besonnenheit sonst nie verlierende junge Mann wie gelähmt, da riß sich die Mutter von dem erschreckenden Anblick los und rief dem Sohne zu:
»Konrad, was stehst Du wie ein Pfahl? Nicht einen Augenblick hast Du zu verlieren!«
Der aber antwortete nicht, sondern starrte regungslos ins Weite.
Da flammte in dem gutmütigen Gesicht des Weibes helle Zornesröte auf. Mit ein paar Sprüngen stand sie neben dem Sohn, riß an seiner Schulter und schrie ihm ins Ohr:
»Deine gesunden Knochen sind Dir wohl zu lieb? Junge, weißt Du denn nicht, wessen Leben es gilt, he?«
Der Gescholtene aber zuckte verzweifelnd die Achseln und sagte dumpf:
»Sie ist schon zu nahe am Wasser, ich schaff’s nicht mehr, -- -- es ist zu spät!«
Da lachte das Weib schrill auf und schrie:
»Du Hasenfuß!«
Im nächsten Augenblick sprang sie in den offenstehenden Stall, und Konrad hörte, wie die Kette am Stande des Fuchses niederrasselte. Dann dröhnte das Stampfen des Pferdes von dem steinernen Belag der Stallgasse wider, und mit lautem Wiehern trat das Tier ins Freie. Konrad, der sich noch immer nicht von dem Anblick losgerissen hatte, merkte das Pferd auf sich zukommen. Mechanisch und ohne hinzusehen hob er die Arme und griff mit beiden Händen in die dichte Mähne des immer weiterschreitenden Pferdes.
»Vorwärts!« rief da die Rabensteinerin und führte einen derben Schlag auf den Schenkel des Fuchses, daß dieser einen schnellen Gang anschlug.
Konrad hielt sich an dem krausen Mähnenhaar fest, die Augen nicht von der Gestalt auf dem galoppierenden Schimmel abwendend. Er mußte laufen, um mit dem sich rasch vorwärts bewegenden Gaule gleichen Schritt zu halten, bis der Gang zu schnell wurde. Da, ein gewaltiger Ruck und Schwung, -- und er saß auf dem Rücken des Tieres. Im nächsten Augenblick trabte der Hengst zu dem hintern Hoftor hinaus.
Die Rabensteinerin aber eilte, so schnell ihre Füße sie tragen wollten, die Treppe des Hauses hinauf auf den Dachboden. Und dann stand das Weib an der Dachluke, hielt die schwielige Hand, um das Auge vor den Sonnenstrahlen zu schützen, an die Stirn und schaute hinaus auf die Wiesen.
* * * * *
Gleichzeitig mit dem Verschwinden des Schimmels hinter der Bodenwelle hatte sich in das Herz des noch immer auf Rettung hoffenden Max die grausame Ueberzeugung gestohlen, daß das Schicksal seiner Schwester nunmehr besiegelt sei. Dieser Gedanke drängte ihm das Blut zu Kopfe, daß die Schläfen zerspringen wollten. Er keuchte unter der Last, die sich auf seine Brust herabgesenkt hatte und fuhr fort, den ausgepumpten Braunen zum schnelleren Laufen zu zwingen. Aber er merkte mit untrüglicher Gewißheit, daß der Gaul nur noch wenige Minuten laufen würde, um dann niederzustürzen. Auch Friesen konnte trotz der heftigsten Bemühungen nichts mehr aus dem Wallach herausholen. So sprengten die beiden Männer in immer mehr nachlassender Geschwindigkeit nebeneinander dahin, wissend, daß das unglückliche Mädchen in kurzer Zeit am Wasser angekommen sein würde.
Da erklang mit einem Male hinter ihnen das Schnauben und Stampfen eines weit ausgreifenden Pferdes. Jeder der beiden Freunde vernahm es und glaubte an Täuschung. Aber das Geräusch drang schnell näher und immer näher und ließ keinen Zweifel mehr zu, daß ein Reiter den Hufen ihrer Rosse folgte. Doch der sie beide in diesen bangen Sekunden nur allein bewegende Gedanke: Vorwärts! ließ sie nicht hinter sich schauen. Neuer Mut und neue Hoffnung erfüllte sie plötzlich bei dem Erkennen der ihnen werdenden Hilfe, und mit Anstrengung versuchten sie nochmals, ihre Tiere zum schärferem Laufen zu bringen.
Jetzt befand sich der Herbeieilende unmittelbar hinter ihnen. Noch ein paar Sprünge seines Pferdes und die Tiere liefen einen Augenblick nebeneinander. Dann schoß der Neue wie eine Schwalbe über sie hinaus, die beiden Zurückbleibenden mit einem Hagel von Erde und Steinen überschüttend, die unter den Hufen des flüchtigen Pferdes hochauf flogen. Eine kurze Weile konnten sie den Enteilenden noch sehen, dann tauchte er hinter derselben Bodenerhöhung hinab, hinter der auch Elisabeth verschwunden war.
Das Vorbeireiten dieses Helfers war ihnen, ob der schwindelnden Schnelligkeit seines Pferdes, wie ein Traum gewesen. Kaum daß sie sein Nahen vernommen, hatte er sie auch schon eingeholt, war prasselnd und dröhnend an ihnen vorübergeflogen und ihren Augen wieder entschwunden -- wie ein Reiter aus dem Gefolge des wilden Jägers.
In der kurzen Zeitspanne aber, in der der Hinzugekommene mit ihnen auf gleicher Höhe ritt, hatten die Freunde ihn erkannt: es war Konrad Hartmann. Barhäuptig und mit bloßen Füßen hatte die schmächtige Gestalt zusammengekauert fast auf dem Halse des ungesattelten fuchsigen Hengstes gehockt, den Kopf zu den Pferdeohren hinabgebeugt und die Augen starr darüber hinweggerichtet. Seine linke Hand war mit einer Strähne des Mähnenhaares umwickelt gewesen, während die Finger der rechten das edle Tier leise am Halse liebkosten. Sonst keine Hilfe, kein Antreiben; als wenn er es wüßte, daß es ein Menschenleben zu retten gelte, hatte der Hengst ausgegriffen und sie zurückgelassen.
Max und Friesen gaben nunmehr jeden Versuch auf, ihre Tiere weiter anzutreiben. Sie waren schon froh, daß diese sie in kleinen Sprüngen weitertrugen, der Anhöhe zu, von der aus sie alles sehen würden. Langsam kamen sie dem Punkte näher. Max bemühte sich, ruhig zu bleiben, aber sein Herz klopfte hörbar und er keuchte schwer vor Anstrengung und Erregung. Noch ein paar Sprünge der dem Umsinken nahen Gäule, und sie standen auf der Höhe.
Etwa sechshundert Schritte vor ihnen zog der in der Sonne glitzernde, hochgehende Bach vorüber und unmittelbar vor ihm sahen sie, wie Elisabeth, von Konrad gestützt, den Versuch machte, einige Schritte zu gehen. Ihre Pferde standen abseits.
In Windeseile sprangen sie von den Gäulen, ließen die nach Luft haschenden Tiere stehen und eilten die Lehne hinab. In wenigen Minuten hatten sie das Ufer erreicht.
Elisabeth lagerte auf einem mit Moos überwucherten großen Stein, sich auf den Ellenbogen stützend und sah den beiden Männern mit schwachem Lächeln entgegen. Ihr Gesicht war totenbleich, und um ihre Schläfen spielten zerzauste Locken. Konrad stand neben dem Mädchen.
Mit großen Schritten eilte Max zu seiner Schwester, kniete nieder, schloß das Mädchen in tiefer Erregung in die Arme und blieb eine Weile mit ihr stumm Brust an Brust. Dann löste er sanft die Umarmung und wandte sich zu Konrad. Seine Augen liefen fast über.
Der aber schlug den Blick zu Boden und machte eine Bewegung mit der Hand, als wenn es sich um eine leichte Sache handele.
»Warum willst Du meinem Dank wehren, Konrad?« sprach Max mit vor Bewegung zitternder Stimme, »der Geber darf sich dem Dank des Beschenkten nicht entziehen, sonst macht er diesem die Annahme der Gabe allzuschwer.« Dann legte Max seine Hände auf Konrads Schultern, beugte sich tief herab, daß er ihm in die Augen sah und fuhr fort:
»Wir sind seit unserer Kindheit Freunde, und ich habe immer gewußt, was ich an Dir besaß. Heute hast Du mir aber einen Dienst erwiesen, für den Dir zu danken meine Worte zu schwach sind. Ich bleibe für immer Dein Schuldner. Unser Freundschaftsbund, Konrad, ist durch diese Tat besiegelt fürs Leben!«
Dann reichten sich die Männer schweigend die Hände, worauf sich Max abwandte, um seiner ihn zu übermannen drohenden Ergriffenheit Herr zu werden.
Elisabeth aber richtete sich höher auf und sprach leise:
»Konrad, bitte komm zu mir.« Und wie dieser zu der Sitzenden getreten war, legte Elisabeth ihre Hand in die seinige, sah ihn mit allem von ihr ausgehenden Liebreiz ins Gesicht und sagte mit schmeichelnder Stimme:
»Die Mutter, Max und Du! Sprich, Konrad, willst Du von heute an mein Bruder sein?«
Da erfüllte das Herz des also Angesprochenen eine tiefe Bewegung, und auf seinem Gesicht begann ein wunderliches Spiel. Das Mädchen aber schlang den Arm um seinen Hals, zog den Mann zu sich herab und drückte ihre Lippen auf den zuckenden Mund.
11. Kapitel.
Der Frühling des Jahres 1813 war mit jener Pracht und Lieblichkeit ins Land gezogen, die alljährlich nach den dunkeln und rauhen Wintertagen wieder die Menschen erquicken und ihre Herzen lauter schlagen lassen. Die Sonne tat in kurzer Zeit Wunder; aller orten begann es zu sprießen. Die Wiesen bedeckten sich in wenige Tagen mit saftigem Grün, und zwischen den frisch aufgeschossenen Halmen der Gräser hoben die ersten Veilchen schüchtern ihre Köpfchen. Die Menschen kamen wieder aus den Häusern heraus, in die sie der diesmal so anhaltende und strenge Winter lange gebannt hatte. Mit durstigen Zügen atmeten sie die warme und würzige Luft, ließen die Augen weiden an dem geheimnisvollen, die Seele erhebenden Erwachen der Natur und lauschten frohen Herzens den muntern Weisen der zurückgekehrten Singvögel. Nun war es Gott sei Dank vorüber mit dem Untätigsein, und die Hände konnten wieder schaffen und die emsige Arbeit beginnen, deren Segen im Herbst ausgeschüttet wird.
Neuer Lebensmut kehrt in diesen Tagen in die Menschenbrust zurück, und wenn es einen Schwachen und Kranken gibt, den der dunkle Winter hart niederdrückte, daß sein Lebenslichtlein nur noch trüb brannte und armselig flackerte, -- mit den belebenden Sonnenstrahlen zieht auch wieder Hoffnung in sein Herz, und er fühlt, wie sich geheimnisvolle Kräfte in seinem Innern regen.
Auf dem Freihofe herrschte emsige Tätigkeit; vom Morgen bis zum Abend wurde rastlos gearbeitet. Draußen auf den Feldern zog der Pflug tiefe Furchen in die verjüngte Erde und lockerte den schwärzlichen, duftenden Ackerboden, der einlud, das Saatkorn ihm anzuvertrauen.
Max hatte die Hände voll zu tun und war jeden Tag der Erste und Letzte bei der Arbeit. Mit Erstaunen sah Friesen auf die Geschäftigkeit, die sich um ihn herum plötzlich entfaltet hatte, und eine Sehnsucht zog in ihm herauf, zu seinem Regiment zurückzukehren. Er wollte nicht allein untätig sein, zumal die Rüstungen überall aufs neue begannen.
Wie wenn die allerersten Strahlen der noch hinter den Bergen verborgenen Sonne über die dunkle Erde dahingleiten und die schlafende Natur wachküssen, so zog mit leisen Schwingen ein wundersames Ahnen in die Gemüter der Völker des mittleren Europas, daß auch für ihre Geschicke nun endlich der Frühling angebrochen sei. Und sie machten sich auf, das Feld zu bestellen und den Samen der Freiheit zu pflanzen, auf daß ihnen, wenn der Sommer zur Rüste ging, eine stattliche Ernte beschieden sei. Das aus der Wolke niederströmende, die Saat des Landmanns befruchtende Element hieß bei ihnen Begeisterung, die Jung und Alt durchlohte, und der Sonnenschein, der beim Reifen der Frucht nicht fehlen darf, sollte das Glänzen der blanken Waffen und das Blitzen der Feuerrohre sein. Auf deutschem Boden mußte der gewaltige, für alle Völker entscheidende Kampf stattfinden, und in das Rauschen der deutschen Eichenwälder sollte sich der kriegerische Lärm der Schlachten mischen, -- bis die letzte Brust durchschossen, das letzte Schwert zerhauen war, oder bis die berauschenden und jubelnden Klänge der Siegeslieder die Dankbarkeit für die endliche Erlösung von schwerem Joch himmelwärts trügen.
Aber alsbald, wenn auch mit großem Mißmut, erkannte Friesen, daß der Zustand seiner Füße es ihm noch nicht erlaubte, seinen Dienst als Soldat wieder aufzunehmen. Sie schmerzten bei anhaltendem Laufen noch immer und verlangten gebieterisch weitere Schonung. So mußte er denn seinen Plan wieder fallen lassen und die Gastfreundschaft des Freihofes weiter annehmen.
Bisweilen begleitete er Max zu Pferde, wenn dieser auf die ausgedehnten Felder hinausritt, weit öfter aber leistete er Elisabeth Gesellschaft oder begleitete sie auf kurzen Spaziergängen.
Den Schimmel hatte das Mädchen seit jenem Tage nicht wieder bestiegen. Durch die Aufregung infolge des wilden Rittes hatte ihre schwache Gesundheit doch einen gewaltigen Stoß erlitten, so daß sie nach dem Vorfall noch mehrere Tage das Bett hüten mußte und dann nur ganz allmählich ins Freie gehen durfte. Es war ihr recht lieb, daß sie Friesen bei diesen Ausgängen zum Begleiter hatte, denn sie konnte nicht anders, als langsam und auf seinen Arm gestützt vorwärtsschreiten. Hätte sie diese Tage ohne Friesens zerstreuende Gesellschaft zubringen müssen, so wäre Elisabeth, da sie sonst gewohnt war, wie ein Wirbelwind umherzutollen, der leidende Zustand leicht zur drückenden Last geworden.
So fand sie sich in ihre Lage mit bewundernswürdiger Ergebung und Geduld. Kein Wort der Sehnsucht nach dem Wohlbefinden, dessen sie sich bisher erfreut hatte, verlor sie. Sie vermied es, über ihre Krankheit zu sprechen, und doch bemerkte es jedermann nur zu gut, wie genau sie die Schwere der Krankheit erkannte.
Fast immer peinigte das Mädchen ein böser Husten, der sich zuweilen zu solcher Heftigkeit steigerte, daß der Kreis ihrer Freunde Qualen erlitt. Dabei war sie immer gleichmäßig freundlich gegen alle. Zur Mutter, der man es äußerlich freilich fast kaum anmerkte wie sie litt, war das Kind von rührender Zärtlichkeit.
Auf das Schloß aber kam Elisabeth in dieser Zeit nicht. Zudem versah Maria von Tiefenbach noch im Schulhaus ihren Pflegedienst, denn noch immer waren einige kranke Soldaten im Dorfe.