Part 5
Wilhelm Fischer
Grab des Themistokles
Wo am zackigen Fels das Gewog sich brandend emporbäumt, Senkten die Freunde bei Nacht heimlich Themistokles’ Leib In heimatlichen Grund. Festgaben und Totengeschenke Brachten sie dar, und es floß reichlich die Spende des Weins. Aber den Zorn des verblendeten Volks kleinmütig befürchtend, Stahlen sie leise sich heim, ehe die Dämmrung erschien. Denksteinlos nun schlummert der Held. Doch drüben im Spätrot Ragt ihm, ein ewiges Mal, Salamis’ Felsengestad.
Emanuel Geibel
Historischer Adelsklub
Zu seinem Bruder Pluto sandte Zeus: „Entbiete mir zu meinem Namensfest Auf den Olymp die großen Toten sämtlich; Unsterbliches Verdienst ist auch ein Adel.“
Klein war der Saal, erlesen die Gesellschaft. Als Schibboleth anstatt der Wappenschilder Diente das Antlitz. Nämlich alle wiesen, Ob noch so uneins an Profil und Ausdruck, Doch ein gemeinsam Muttermal im Antlitz, Das Muttermal des Mutes und der Wahrheit.
Da tat sich auf die Tür, und feierlich Mit hohepriesterlichem Schritt, die Toga In wichtigen Falten um die Brust geworfen, Die Stirn bekränzt, das Lockenhaar gescheitelt, Erschien ein Gast, den hohen Göttern ähnlich.
Befremden lähmte die Versammlung. Hera, Die Brauen zuckend, biß sich auf die Lippen. Zeus aber, freundlich vor den Fremdling tretend: „Fürwahr, es tut mir leid, ein Mißverständnis --“ Dann wettert er zu Pluto: „Ohne Spaß,
Mein lieber Bruder, ernstlich, solche Possen Verbitt ich mir.“ „Wieso? Das war der große --“ Mit heftiger Stimme unterbrach ihn Zeus: „Ein feierlicher Kerl ist niemals groß. Behalte das und merk dir’s für die Zukunft.“
Carl Spitteler
Die gefesselten Musen
Es herrscht ein König irgendwo In Dazien oder Thrazien, Den suchten einst die Musen heim, Die Musen mit den Grazien.
Statt milden Nektars Rebenblut Geruhten sie zu nippen, Die Seele des Barbaren hing An ihren sel’gen Lippen.
Erst sang ein jedes Himmelskind Im Tone, der ihm eigen, Dann schritt der ganze Chor im Takt Und trat den blühnden Reigen.
Der König klatschte: „Morgen will Ich wieder euch bestaunen!“ Die Musen schüttelten das Haupt: „Das hangt an unsern Launen.“
„An euern Launen? ...“ Der Despot Begann zu schmähn und lästern. „Ihr Knechte,“ schrie er, „Fesseln her!“ Und fesselte die Schwestern.
Der König wacht, um Mitternacht Vernahm er leises Schreiten, Geflüster: „Seid ihr alle da?“ Und Schüttern zarter Saiten.
Er fuhr empor. „Den hellen Chor Ergreift, getreue Wächter!“ Die Schergen griffen in die Luft Und silbern klang Gelächter.
Am Morgen war der Kerker leer, Der Reigen über die Grenze -- Drin hingen statt der Ketten schwer Zerrissne Blumenkränze.
Conr. Ferd. Meyer
Der trunkene Gott
Weiße Marmorstufen steigen Durch der Gärten laub’ge Nacht, Schlanke Palmenfächer neigen In des Himmels blaue Pracht. Über Tempeln, Hainen, Grüften Zecht in abendweichen Lüften Alexanders Lieblingsschar; Knieend bietet ihm ein Knabe, Daß der Erde Herr sich labe, Wein in edler Schale dar.
Herrlich ist’s, den Wein zu schlürfen, Lagernd in der Götter Rat, Zwischen schwelgenden Entwürfen Und der wundergleichen Tat! Goldne Becher überquellen, Ruhmesgeister mit den hellen Helmen tauchen aus der Flut -- Goldne Schalen überschäumen, Geister, die gebunden träumen, Steigen auf in Zornesglut.
Kleitos neben Philipps Sohne Furcht die Stirne kummervoll, Der benarbte Macedone Schlürft im Weine Gram und Groll: Er gedenkt der Heergenossen, Die die erste Phalanx schlossen In den Bergen kühl und fern. Seinen dunkeln Mut zu kränken, Lüstet es den schönen Schenken, Lagernd an dem Knie des Herrn.
Die erhabne Stirn und Braue Träumt den Zug ins Inderland, Lauschend liest den Traum das schlaue Kind, den Blick emporgewandt: „Bacchus bist du, der belaubte, Mit dem schwärmerischen Haupte, Der ins Land der Sonne zieht! Ohne Heer kannst du bezwingen, Nur den Thyrsus darfst du schwingen, Winke nur, und Indien kniet!“
Finster grollt der alte Streiter: „Durch der Wüste heißen Sand? Immer ferner, immer weiter? Nach des Indus Fabelstrand? Kann ein Wink dir Sieg erwerben, Warum bluten, warum sterben Wir für dich? Zu deinem Spott? Lebende kannst du belohnen, Deine toten Macedonen, Wecke sie, bist du ein Gott!“ --
„Welchen dampfenden Altares Freust du auf der Erde dich? Bist du die Gewalt des Ares, Helmumflattert, fürchterlich? Herr, bevor den niedern Talen Du dich nahtest ohne Strahlen, Welches war dein himmlisch Amt? Bist du Zeus? Bist du ein andrer? Bist du Helios, der Wandrer Dessen Stirne sonnig flammt?“
Grimmig neigt der graue Fechter Sich zum Ohr des Gottes hin, Mit unseligem Gelächter Rührt er an der Schulter ihn: „Gast des Himmels, warum sinken Haupt und Schulter dir zur Linken?[*] Lastet dir der Erde Raub? Mit den Göttern willst du zechen? Spotten hör ich dein Gebrechen: Alexander, du bist Staub!“
Eine zürnende Gebärde! Blitz und Sturz! Ein Gott in Wut! Ein Erdolchter an der Erde Windet sich in seinem Blut ... In den Abendlüften Schauer, Ein verhülltes Haupt in Trauer, Ausgerast und ausgerollt! Marmorgleich versteinte Zecher Und ein herrenloser Becher, Der hinab die Stufen rollt.
Conr. Ferd. Meyer
[*] Alexander war schief, seine rechte Schulter etwas höher als die schwächere linke.
Ist’s ein Narr bloß? Ist’s ein Weiser?
Ist’s ein Narr bloß? Ist’s ein Weiser? Dreißig Jahre eingeschlossen, Sitzt er schon in dunkler Klause. Selbst erforschen will’s der Kaiser, Und vom höchsten Glanz umflossen Naht er sich dem öden Hause.
Auf der Erde hingekauert Liegt der Blöde und betrachtet Sich den Gast mit stolzen Mienen. Alles fühlt sich fremd durchschauert, Daß ein Bettler den verachtet, Dem der Erde Völker dienen.
„Sollte mich der Greis nicht kennen?“ -- Ruft der Kaiser -- „Doch ich staune, Drüben steht ja meine Büste! Nein, ich brauch mich nicht zu nennen, Denn ihm wehrt nur tück’sche Laune, Mich zu ehren, wie er müßte.
Was ihn treibt, wer könnt es sagen? Wär es Stolz, so müßt ich’s rächen, Doch es will mir Wahnsinn scheinen. Um die Zukunft wollt ich fragen, Aber statt mit dem zu sprechen, Such ich Weisheit bei den Steinen.“
Doch, sowie das Wort gefallen, Hat der Blöde sich erhoben Und nach seinem Stab gegriffen. Seine langen Locken wallen, Wie zum Rock um ihn verwoben, Und sein Stab ist scharf geschliffen.
Vor des Kaisers Büste tretend, Schlägt er ihr vom Haupt die Krone, Und in Stücke fällt sie nieder, Bohrt ihr dann, wie Disteln jätend, Noch die Augen aus zum Hohne, Jauchzt und tanzt und legt sich wieder.
Alles sieht ihm zu mit Grauen, Dennoch zwingt man sich zum Lachen, Und des Kaisers Bruder flüstert: „Ich genieße dein Vertrauen, Laß mein Schwert nur fürder wachen, Und dein Stern wird nie verdüstert.“
Aber eh der Tag noch endet, Steigt, der schmeichelnd so gesprochen, Selber auf den Thron der Griechen, Und der Kaiser liegt geblendet, Wo die Totenwürmer pochen Und die gift’gen Molche kriechen.
Friedrich Hebbel
Der Ring des Polykrates
Er stand auf seines Daches Zinnen, Er schaute mit vergnügten Sinnen Auf das beherrschte Samos hin. „Dies alles ist mir untertänig,“ Begann er zu Ägyptens König, „Gestehe, daß ich glücklich bin.“ --
„Du hast der Götter Gunst erfahren! Die vormals deinesgleichen waren, Sie zwingt jetzt deines Zepters Macht. Doch einer lebt noch, sie zu rächen; Dich kann mein Mund nicht glücklich sprechen, Solang des Feindes Auge wacht.“ --
Und eh der König noch geendet, Da stellt sich, von Milet gesendet, Ein Bote dem Tyrannen dar: „Laß, Herr, des Opfers Düfte steigen, Und mit des Lorbeers muntern Zweigen Bekränze dir dein festlich Haar!
Getroffen sank dein Feind vom Speere, Mich sendet mit der frohen Märe Dein treuer Feldherr Polydor --“ Und nimmt aus einem schwarzen Becken, Noch blutig, zu der beiden Schrecken, Ein wohlbekanntes Haupt hervor.
Der König tritt zurück mit Grauen. „Doch warn ich dich, dem Glück zu trauen,“ Versetzt er mit besorgtem Blick. „Bedenk, auf ungetreuen Wellen -- Wie leicht kann sie der Sturm zerschellen -- Schwimmt deiner Flotte zweifelnd Glück.“
Und eh er noch das Wort gesprochen, Hat ihn der Jubel unterbrochen, Der von der Reede jauchzend schallt. Mit fremden Schätzen reich beladen, Kehrt zu den heimischen Gestaden Der Schiffe mastenreicher Wald.
Der königliche Gast erstaunet: „Dein Glück ist heute gut gelaunet, Doch fürchte seinen Unbestand. Der Kreter waffenkund’ge Scharen Bedräuen dich mit Kriegsgefahren; Schon nahe sind sie diesem Strand.“
Und eh ihm noch das Wort entfallen, Da sieht man’s von den Schiffen wallen, Und tausend Stimmen rufen: „Sieg! Von Feindesnot sind wir befreiet, Die Kreter hat der Sturm zerstreuet, Vorbei, geendet ist der Krieg!“
Das hört der Gastfreund mit Entsetzen. „Fürwahr, ich muß dich glücklich schätzen! Doch,“ spricht er, „zittr ich für dein Heil. Mir grauet vor der Götter Neide: Des Lebens ungemischte Freude Ward keinem Irdischen zuteil.
Auch mir ist alles wohl geraten. Bei allen meinen Herrschertaten Begleitet mich des Himmels Huld; Doch hatt’ ich einen teuren Erben, Den nahm mir Gott, ich sah ihn sterben, Dem Glück bezahlt ich meine Schuld.
Drum, willst du dich vor Leid bewahren, So flehe zu den Unsichtbaren, Daß sie zum Glück den Schmerz verleihn. Noch keinen sah ich fröhlich enden, Auf den mit immer vollen Händen Die Götter ihre Gaben streun.
Und wenn’s die Götter nicht gewähren, So acht auf eines Freundes Lehren Und rufe selbst das Unglück her; Und was von allen deinen Schätzen Dein Herz am höchsten mag ergötzen, Das nimm und wirf’s in dieses Meer!“
Und jener spricht, von Furcht beweget: „Von allem, was die Insel heget, Ist dieser Ring mein höchstes Gut. Ihn will ich den Erinnyen weihen, Ob sie mein Glück mir dann verzeihen.“ Und wirft das Kleinod in die Flut.
Und bei des nächsten Morgens Lichte, Da tritt mit fröhlichem Gesichte Ein Fischer vor den Fürsten hin: „Herr, diesen Fisch hab ich gefangen, Wie keiner noch ins Netz gegangen, Dir zum Geschenke bring ich ihn.“
Und als der Koch den Fisch zerteilet, Kommt er bestürzt herbeigeeilet Und ruft mit hocherstauntem Blick: „Sieh, Herr, den Ring, den du getragen: Ihn fand ich in des Fisches Magen, O, ohne Grenzen ist dein Glück!“
Hier wendet sich der Gast mit Grausen: „So kann ich hier nicht ferner hausen, Mein Freund kannst du nicht weiter sein; Die Götter wollen dein Verderben; Fort eil ich, nicht mit dir zu sterben.“ Und sprach’s und schiffte schnell sich ein.
Friedrich von Schiller
Der befreite Prometheus
Vom Kaukasus hernieder schritt Prometheus; Er war erlöst, Zeus gab ihn frei. Der Riese durfte endlich von dem Gletscher Herunter, drauf er büßend lag; Er durfte nun hinab auf seine Erde, Hin zu den Menschen, die er so geliebt, Daß er, der eignen Seligkeit zum Trotz, Das Feuer des Olympos für sie stahl.
Nicht dauerte den Götterkönig Der Himmelsgünstling, der abtrünnige. Warum auch lockte die Versuchung ihn, Den Menschen Göttergut hinabzutragen; Er hatte seinen Lohn dahin, Den Heilandslohn, Nach der Olympier unerbittlichem Gesetz. Verraucht nur endlich war der Zorn des Zeus, Und Laune war’s und Gnade, daß sein Blitz Vom Leib des Märtyrers die Fesseln sprengte, Die lavastarr gehärteten.
O lange Qual! O Leib, zerfleischt, entstellt! Noch deckten Schwären die zerschundenen Knöchel: Kaum konnten die verkrümmten knorrigen Finger Das große Wundmal unterm Herzen schützen, Das frisch noch glänzte von den Schnabelschlägen Des Tag für Tag drin wühlenden Geierpaars. O Tag voller Wut und Ohnmacht!
O Tag der Bitternis, da ihm die Hand, Die einst mit Bergen wie mit Würfeln spielte, Zum ersten Male Erlahmte vor der Übermacht des Neides, Des weltbeschattenden, der Götter all! O Tag, als in Verzweiflung starb sein Trotz!
Doch nun war alles überwunden. Erstickt die Kampfglut in den tiefen Augen. Erloschner Gram, verlohte Leidenschaft Der einzige Ausdruck der zerfurchten Züge, Als trüg er in sich, wie ein Fremder kalt, Nur die verbrannten Wurzeln seiner Kraft. Um seine schmerzgeübte Stirne zauste Der eisige Wind des Haars ergraute Büschel. So schritt er abwärts, der gebeugte Riese.
Nur ruhen wollt er, ausruhn bei den Menschen. Sie um sich sammeln, wie ein alter Vater seine Kinder. Ihr Glück genießen, das sie ihm ja dankten. Den Frieden sehn, der lichtfroh aufgegangen, Seit er den Himmelsfunken ihnen schenkte, Seit er den unstet Irrenden Den ersten warmen, festen Herd gebaut. Sich jetzt erfreun an den Geschöpfen, Die tierisch-wild in Hader, Haß und Habgier Einst um das nackte Leben markteten, Die seine Tat ja erst zu Menschen schuf.
Und nieder kam er in die mildern Lüfte, Ins ebne Land; da sah er blühende Triften, Bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten, Und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün, Und weither prangten Zinnen sichrer Städte. Da lachte seine Seele: „Sieh doch, Zeus, War das nicht wert der tausendjährigen Pein? Ja, meine Menschen will ich wiedersehn!“ Und in die Dörfer ging er, in die Städte, Und sah die Menschen, sah sie leben, sterben,
Und ging und ging, und suchte hin und her, Und fand: Weh, weh des Anblicks: alles wie zuvor. Haß, Hader, Habgier! Nichts war aufgegangen Als andre Habgier, andrer Hader, andrer Haß. Nur Eines fand er auf der Erde neu: den Neid -- Den knechtischen, lichtscheuen Neid, o Ekel, Den Neid der Menschen um Besitz -- Und war genug doch da, genug für alle. In Hütten sah er, in die Burgen sah er, Doch es war alles eines, War alles wie zuvor -- und schlimmer noch.
Zuletzt und matt betrat er eines Priesters Entlegnen Hof. Da wohnte ja der Friede, Den er vergebens bei den andern suchte; Dort am geweihten Herd, wo hell des Dankes Heiliges Sinnbild glomm, die ewige Lampe, Wollt er noch einmal unter Menschen rasten Und dann auf immer in die Einsamkeit. Zum Hausherrn, der die Flamme schürte, sprach er: „Ich bin Prometheus, laß mich ein bei dir!“
Der wandte sich erschrocken, blickte scheu Dem großen Mann ins seltsame Gesicht, Und schlich geduckt davon und schloß sich ein, Und durch die Tür quoll eine fette Stimme: „Ich brauch mein Bißchen selbst, verrückter Graubart! Prometheus, der ist tot -- und kommt nicht wieder. Ja, damals waren bessre Zeiten noch Als heute!“ Dann schlurften Schritte tiefer ins Gemach.
Noch stand der Wandrer. Da: ein Wanken, und Der Qualgewohnte, auf die heilige Schwelle Schlug er lang hin, zum erstenmal laut schluchzend, Und wehklagte: „O Zeus! Sehr furchtbar strafst du! So nicht, so brauchtest du dich nicht zu rächen! Das war das Letzte! Ich will sterben gehn!“ Und jäh und gellend riß sich Ein Lachen los aus der vernarbten Brust, Und brüllend, rasend rannt er weg, der Riese: „Weg von den Menschen! Weg! Zum Meer! Ins Meer! Im Meer, da find ich Ruhe, endlich Ruhe!“ -- Da stand er oben, starr, auf steiler Klippe.
Denn wieder sah er im Gelände unten Die blühenden Fluren, die beglänzten Triften, Bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten, Und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün, Und weither prangten Zinnen sichrer Städte. Da überfiel ihn totgeglaubter Gram, Da überfuhr ihn nie erlebter Grimm, Brüllend vom Felsgrat brach er Stück auf Stück, und In rasender Blindheit Stück auf Stück anspeiend, Schmiß er’s hinab, spie, schmiß, und tobend Flog übers Meer sein weinendes Gelächter: „O könnt ich so die ganze Brut zerschmeißen, Die mir mein Gut, mein göttliches, veraast! -- Ha, meine Menschen, hahaha --“
Da horch, was scholl da? Drang da nicht ein Schrei, Ein Menschenschrei, ein Hilfeschrei herauf? Er stierte: dunkel rollend ging die See, Von seinen Würfen sturmgleich aufgerührt, Und auf dem Gischt trieb halb zerschellt ein Kahn, Und in den Strudeln rang ein Mensch ums Leben. Doch jetzt: schon schäumte von der stillern Flut Ein andres Boot heran, draus warf sich Ein zweiter Fischer in die Brandung.
Und oben auf der Klippe stand Prometheus, Und stierte, stierte und erkannte sie: Auf seiner Wandrung hat er sie gesehn, Die ersten Menschen waren’s, die er traf: Todfeinde waren’s -- und jetzt kämpfte dort Der Feind, dem Feind vereint, um Feindes Leben! Und endlich siegten sie den schweren Sieg, Und schleppten sich zum Strand, und fielen keuchend, Sprachlos vor Glück, Geretteter und Retter, Einander in die Arme.
Und oben auf der Klippe stand Prometheus, Und sah ihr Hab und Gut im Meer versinken, Und sah sie lachen -- und nun jauchzen sie. Da überfuhr ihn totgeglaubter Mut, Da überfiel ihn nie erlebte Demut, Und in die Knie taumelte Prometheus, Und auf zum Himmel stammelte Prometheus: „O Zeus! Ich danke dir! Du armer Gott! Ich bin so reich, ich fühle wieder Liebe! O laß mich leben, laß mich leiden! Ich will noch einmal zu den Menschen hin!“
Richard Dehmel
Alexander Ypsilanti auf Munkacs
Alexander Ypsilanti saß in Munkacs hohem Turm, An den morschen Fenstergittern rüttelte der wilde Sturm, Schwarze Wolkenzüge zogen über Mond und Sterne hin -- Und der Griechenfürst erseufzte: „Ach, daß ich gefangen bin!“ An des Mittags Horizonte hing sein Auge unverwandt: „Läg ich doch in deiner Erde, mein geliebtes Vaterland!“ Und er öffnete das Fenster, sah ins öde Land hinein; Krähen schwärmten in den Gründen, Adler um das Felsgestein. Wieder fing er an zu seufzen: „Bringt mir keiner Botschaft her Aus dem Lande meiner Väter?“ -- und die Wimper ward ihm schwer -- War’s von Tränen? War’s von Schlummer? Und sein Haupt sank in die Hand. Seht, sein Antlitz wird so helle -- träumt er von dem Vaterland? Also saß er, und zum Schläfer trat ein schlichter Heldenmann, Sah mit freudig ernstem Blicke lange den Betrübten an: „Alexander Ypsilanti, sei gegrüßt und fasse Mut! „Alexander Ypsilanti, sei gegrüßt und fasse Mut! Wo in einem Grab die Asche von dreihundert Spartern liegt, Haben über die Barbaren freie Griechen heut gesiegt. Diese Botschaft dir zu bringen ward mein Geist herabgesandt. Alexander Ypsilanti, frei wird Hellas heil’ges Land!“ Da erwacht der Fürst vom Schlummer, ruft entzückt: „Leonidas!“ Und er fühlt, von Freudentränen sind ihm Aug und Wange naß. Horch, es rauscht ob seinem Haupte, und ein Königsadler fliegt Aus dem Fenster, und die Schwingen in dem Mondenstrahl er wiegt.
Wilhelm Müller
Aus dem „Abschied von Griechenland“
Ob die schönen Tag’ enteilten, Ob geborsten Ruhm und Glück: Wo die Götter einmal weilten, Bleibt ein ew’ger Glanz zurück. Du, der Schönheit Morgenwiege, Du, der Menschheit Jugendtraum, Land, das für die höchsten Siege Gab den Zweig vom heil’gen Baum; Das, wenn Sorg und Elend nachten, Unsre Seelen aufwärts trägt -- Jenes Herz ist arm zu achten, Welches nicht für Hellas schlägt. An den Schiffsbug braust im Dunkeln Wellenberg auf Wellenberg, Und des Himmels Lichter funkeln Durch das schwarze Takelwerk. -- Längst am Saum des Flutenschlosses Felsenküst und Wolke schwand: Fahre wohl, du schönes, großes, Sonnenfreud’ges Griechenland!
Heinrich Vierordt
Der deutsche Spielmann
herausgegeben von +Ernst Weber+, eine großangelegte Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk, schöpft aus dem Besten deutscher Erzählungs- und Verskunst unter Beschränkung auf das Volks- und Jugendtümliche. Die Sammlung gliedert sich in 40 Einzelbände, von denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet und von einem Künstler illustriert ist, dessen Eigenart dem Charakter des jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Die Sammlung eignet sich wie kaum ein zweites Werk zur Anschaffung für öffentliche Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Schulunterrichts und für die Familienbücherei. +Der deutsche Spielmann hofft, zum eisernen Bestand jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden.+ Er huldigt ja nicht einer vorübergehenden Mode des Tages. Er schöpft aus dem aufgespeicherten Schatz der Jahrhunderte und wird darum auch seine Geltung für das Jahrhundert behalten.
Bd. 1 Kindheit (E. Kreidolf) „ 2 Wanderer (J. V. Cissarz) „ 3 Wald (W. Weingärtner) „ 4 Hochland (Franz Hoch) „ 5 Meer (J. V. Cissarz) „ 6 Helden (W. Weingärtner) „ 7 Schalk (Julius Diez) „ 8 Legenden (G. A. Stroedel) „ 9 Arbeiter (Gg. O. Erler) „ 10 Soldaten (Gg. O. Erler) „ 11 Sänger (Hans Röhm) „ 12 Frühling (H. v. Volkmann) „ 13 Sommer (Edmund Steppes) „ 14 Herbst (Karl Biese) „ 15 Winter (Karl Biese) „ 16 Gute alte Zeit (Rud. Schiestl) „ 17 Himmel und Hölle (Jul. Diez) „ 18 Stadt u. Land (J. V. Cissarz) „ 19 Bach u. Strom (E. Liebermann) „ 20 Heide (Adalbert Holzer) „ 21 Arme und Reiche (J. Widnmann) „ 22 Abenteurer (Rud. Schiestl) „ 23 Germanentum (H. Röhm) „ 24 Mittelalter (H. Schroedter) „ 25 Zeit der Wandlungen (C. Roesch) „ 26 Neuzeit (Angelo Jank) „ 27 Gespenster (Julius Diez) „ 28 Tod (Matthäus Schiestl) „ 29 Blumen und Bäume (R. Sieck) „ 30 Nordland (Rudolf Roch-Hanau) „ 31 Italien (Hans Volkert) „ 32 Hellas (Karl Bauer) „ 33 Fremde Zonen (H. Volkert) „ 34 Vaterland (W. Roegge jun.) „ 35 Tierwelt (Ludwig Werner) „ 36 Menschenherzen (Rud. Schiestl) „ 37 Glück und Trost (H. Schwegerle) „ 38 Tag und Nacht (Otto Bauriedl) „ 39 Riesen und Zwerge (R. Schiestl) „ 40 Fabelreich (Ernst Weber)
Hinter den Bandtiteln steht der Name des illustrierenden Künstlers in Klammern.
Auch die je vier Bände vereinigenden Sammelbände in schönem farbigen Ganzleinenband wurden wiederum neu ausgegeben: „Deutsches Jahr“, „Deutsche Gestalten“, „Deutsche Natur“, „Deutsche Heimat“, „Deutsches Land“, „Deutsches Volk“, „Deutsches Leben“, „Deutsche Geschichte“, „Deutscher Glaube“ und „Fremde Welt“.