Part 4
Der Tag verkühlt sich. Schon zum Meer hinab Sein feurig Viergespann lenkt Helios, Mit Zögern scheint’s, um aus der blauen Höhe Der Spiele stolzem Reigen zuzuschaun, Da wird es still im ungeheuren Ring. Die Volkesbrandung hält den Atem an, Und einen schlanken Jüngling an der Hand Des Herolds sieht man nahn dem Ehrensitz Der Kampfesrichter. Auf den breiten Schultern Trägt er das kleine Haupt, den Blick gesenkt, Daß durch die schwarzen Wimpern nur verstohlen Ein scheuer Blitz der stolzen Freude zuckt. Die Stirn, von weichen Locken tief verhangen, Die Brust gewölbt gleich der des Götterboten, Eratmend süß im linden Abendhauch, Tritt er mit stockenden Schritten, ob er auch Die Kraft der jungen Schenkel eben erst Bewährt im Wettlauf, vor die Alten hin, Die Ruhmausteilenden, und neigt das Haupt, Gleichwie belastet von der Wucht des Glücks. Im Fünfkampf blieb er Sieger, erst im Sprung, Im Diskuswurf, im Lauf, im Ringen dann, Zuletzt im Faustkampf. Nun wie traumentrückt, Wie zweifelnd an des wachen Tages Licht, Steht er den tausend Gaffenden zur Schau, Und flüsternd durch die Reihen läuft sein Name: „Koröbos, Sohn des Pelias.“ Und jetzt Herab vom Hochsitz naht der älteste Der Kampfesrichter, milden Angesichts. Vom schlanken Tisch aus Gold und Elfenbein, Auf dem die Kränze ruhn und Siegespalmen, Den dichtbelaubtesten, wie Silber schimmernd, Nimmt er und drückt des heil’gen Ölbaums Zweig Dem Sieger aufs gesenkte Lockenhaupt, Indes der Herold laut den Namen ausruft: „Koröbos, Sohn des Pelias, aus Elis, Sieger im Fünfkampf.“ Brausend in der Runde, Wie Meeresbrandung schallt der Jubelruf, Und schon erhebt der Palme zarten Zweig, Der Ehren herrlichste, des Greisen Hand, Da plötzlich von den höchsten Stufen dringt Ein wirrer Lärm herab, ein eifernd Toben Empörter Stimmen. Innehält der Greis Und blickt empor. Und durch die Sitzreihn nieder Zur ebnen Bahn wälzt sich ein wilder Hauf, Nachschleppend eine dürftige Gestalt, Klein, welken Angesichts, zerzausten Haars, -- Ein Weib! -- Verwünschungen, geballte Fäuste, Und jetzt -- horch! -- aus des Jünglings Mund ein Schrei: „Mutter! O Mutter!“ -- und er stürzt zu ihr, Umfängt die wie in Ohnmacht Hingesunkne Und hält sie stammelnd fest ans Herz gedrückt. Doch aus der wütenden Rotte tritt der Führer Und ruft: „Wir bringen euch dies Weib, ihr Richter, Daß sie den Bruch der heil’gen Ordnung büße. Zwei Tage schon, als wie ein greises Männlein, In sich gebückt, sah sie den Spielen zu, Und nicht ein Laut erging aus ihrem Munde, So daß den Nachbarn taubstumm sie erschien. Doch jetzt, da diesen Jüngling du bekränzt Als Sieger im Pentathlon, plötzlich hören Wir ein Gestöhn des wunderlichen Wesens; Ein heftig Schluchzen hebt und senkt die Brust, Und seinem Aug entbricht ein Tränensturz. Das sehn wir Nächsten mitleidvoll, und ich, Im Wahn, das Wichtlein sei von jäher Krankheit Befallen, will den Kopf ihm heben. Da Streif ich den Bart ihm ab, und offenbar Wird ihr Geschlecht und des Geschlechtes Schwäche, Die Neugier, die sie zu Verbotnem trieb. Nun bringen wir zu euch die Frevlerin, Daß ihr sie richten mögt.“ Alsbald erhob sich Die Frau, und aus des Jünglings Arm sich lösend, In Demut vor die Richter trat sie hin: „Ja, richtet mich! Mein Leben ist verwirkt: Ich flehe nicht um Schonung. Was auch könnten Mir Götter gönnen noch nach diesem Tag, Der mich erhöht vor allen Weibern sah! Durft ich nicht meines Lieblings Sieg und Ruhm Mit Augen schaun? Das blieb zuvor mir streng Versagt. Denn dreimal kam mein lieber Mann Heim von Olympia mit dem gleichen Schmuck; Doch nicht des Volkes Zuruf, nicht die Ehren Der Kränzung seiner Stirn erlebt ich mit. Zweimal bekränzt dann ward mein ältster Sohn, Bis sie zuletzt ihn blutig und entseelt, Da ihn im Wagenkampf die Rosse schleiften, Ins Haus mir brachten. Meinen zweiten, ach! Der fortzog in den Perserkampf, ihn sah Mein Aug nie wieder. Nur die Kunde kam, Ihn habe, rühmlich kämpfend, sein Geschick Ereilt im Blutgefild. Nur einer blieb mir, Nur mein Koröbos. Als er von mir ging, Gelockt vom Ruhm des Vaters und der Brüder, Da litt es mich im öden Hause nicht. Ein Männerkleid verschafft ich mir und fälschte Mein Antlitz, denn ich dachte, wenn auch ihm Vielleicht die Moira steckt ein frühes Ziel, -- Jung soll ja sterben, wen die Götter lieben -- Bist du doch nah und kannst in deinem Schoß Weich betten sein veratmend Haupt. Denn das Bleibt ewig einer Mutter Recht und Pflicht, Und kein Gesetz, das Menschen je erdacht, Löscht diese Schrift in ihrem Busen aus. Und so, getrost, beging ich, was verpönt, Und nicht bereu ich’s. Von dem Felsen dort Hinabgestoßen, mit dem letzten Hauch Den Göttern dank ich, die mich so begnadet, Und nicht in Lethes Fluten könnt ich je Vergessen trinken dieses Freudentags, Der mir der letzte war.“ Sie schwieg, den Blick Auf ihren Liebling haftend, tränenlos, Verklärt. Und eine Stille ward ringsum, Und in der Brust der strengen Richter schwankte Die tiefbewegte Seele. Da erhob sich Die greise Priesterin und sprach: „Wie könnt ihr Noch zweifeln? Hört ihr nicht der Götter Stimme, Die laut zu euerm Herzen spricht? Dies Weib, Das ein Geschlecht von Siegern Hellas gab Und, ihrer Mutterpflicht gedenk, dem Tod Getrotzt, steht über dem Gesetz, und mir Gesellt sie zu ihr priesterlicher Adel. Mögt ihr sie denn verdammen, rauhe Männer -- Die Göttin, der ich diene, spricht sie los, Und Zuflucht findet sie an meinem Busen.“ So sprechend nahte sie der Staunenden, Und sanft zu ihr sich neigend, rührte sie Die Stirn ihr an mit schwesterlichem Kuß. Der Jüngling aber, jauchzend, ungestüm, Schlang um der Mutter Leib den starken Arm Und hob sie auf, und wiegend auf der Schulter Trug im Triumph er strahlend sie dahin, Die weite Bahn umschreitend, allem Volk Sein Mütterlein zu zeigen. Und ringsum Begrüßten winkend ausgestreckte Hände Und tausendstimm’ger Jubelruf das Paar: „Heil, Heil dem Sieger! Heil der edlen Frau, Der Glücklichen, die ihn gebar.“ Sie aber, Das Haupt des Sohns umklammernd, bleich und still, Erhob die Blicke nicht, in sich gebückt, Und weinte, leise „mein Koröbos!“ flüsternd, Auf seinem Kranz. Schwerer ward und schwerer Die leichte Last, und tief und tiefer sank Das Haupt der Mutter auf des Sohnes Locken, Und als den Rundgang er vollbracht, da glitt Ein stumm verblichen Weib ihm aus den Armen. „Das Glück hat sie entseelt!“ so flüsterten Die Greise, da der Jüngling, tiefauf stöhnend, Hinkniete zu der Toten. Doch die Priestrin Nahm einen Palmenzweig vom Tisch und legt Ihn auf die Brust der selig Ruhenden. Und eine Stille ward im weiten Rund, Als hörten sie die weichen Flügel rauschen Des Götterboten, der zur Schattenwelt Die Seele forttrug dieser Siegerin.
Paul Heyse
Die Kraniche des Ibykus
Zum Kampf der Wagen und Gesänge, Der auf Korinthus’ Landesenge Der Griechen Stämme froh vereint, Zog Ibykus, der Götterfreund. Ihm schenkte des Gesanges Gabe, Der Lieder süßen Mund Apoll; So wandert er, an leichtem Stabe, Aus Rhegium, des Gottes voll.
Schon winkt auf hohem Bergesrücken Akrokorinth des Wandrers Blicken, Und in Poseidons Fichtenhain Tritt er mit frommem Schauder ein, Nichts regt sich um ihn her, nur Schwärme Von Kranichen begleiten ihn, Die fernhin nach des Südens Wärme In graulichtem Geschwader ziehn.
„Seid mir gegrüßt, befreundte Scharen! Die mir zur See Begleiter waren, Zum guten Zeichen nehm ich euch, Mein Los, es ist dem euren gleich. Von fernher kommen wir gezogen Und flehen um ein wirtlich Dach -- Sei uns der Gastliche gewogen, Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!“
Und munter fördert er die Schritte Und sieht sich in des Waldes Mitte; Da sperren auf gedrangem Steg Zwei Mörder plötzlich seinen Weg. Zum Kampfe muß er sich bereiten, Doch bald ermattet sinkt die Hand, Sie hat der Leier zarte Saiten, Doch nie des Bogens Kraft gespannt.
Er ruft die Menschen an, die Götter, Sein Flehen dringt zu keinem Retter; Wie weit er auch die Stimme schickt, Nichts Lebendes wird hier erblickt; „So muß ich hier verlassen sterben, Auf fremdem Boden, unbeweint, Durch böser Buben Hand verderben, Wo auch kein Rächer mir erscheint!“
Und schwer getroffen sinkt er nieder, Da rauscht der Kraniche Gefieder; Er hört, schon kann er nicht mehr sehn, Die nahen Stimmen furchtbar krähn. „Von euch, ihr Kraniche, dort oben, Wenn keine andere Stimme spricht, Sei meines Mordes Klag erhoben!“ Er ruft es, und sein Auge bricht.
Der nackte Leichnam wird gefunden, Und bald, obgleich entstellt von Wunden, Erkennt der Gastfreund in Korinth Die Züge, die ihm teuer sind. „Und muß ich so dich wiederfinden, Und hoffte mit der Fichte Kranz Des Sängers Schläfe zu umwinden, Bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!“
Und jammernd hören’s alle Gäste, Versammelt bei Poseidons Feste, Ganz Griechenland ergreift der Schmerz, Verloren hat ihn jedes Herz. Und stürmend drängt sich zum Prytanen Das Volk, es fordert seine Wut, Zu rächen des Erschlagnen Manen, Zu sühnen mit des Mörders Blut.
Doch, wo die Spur, die aus der Menge Der Völker flutendem Gedränge, Gelocket von der Spiele Pracht, Den schwarzen Täter kenntlich macht? Sind’s Räuber, die ihn feig erschlagen? Tat’s neidisch ein verborgner Feind? Nur Helios vermag’s zu sagen, Der alles Irdische bescheint.
Er geht vielleicht mit frechem Schritte Jetzt eben durch der Griechen Mitte, Und während ihn die Rache sucht, Genießt er seines Frevels Frucht, Auf ihres eigenen Tempels Schwelle Trotzt er vielleicht den Göttern, mengt Sich dreist in jene Menschenwelle, Die dort sich zum Theater drängt.
Denn Bank an Bank gedränget sitzen, Es brechen fast der Bühne Stützen, Herbeigeströmt von fern und nah, Der Griechen Völker wartend da. Dumpfbrausend, wie des Meeres Wogen, Von Menschen wimmelnd, wächst der Bau In weiter stets geschweiftem Bogen Hinauf bis in des Himmels Blau.
Wer zählt die Völker, nennt die Namen, Die gastlich hier zusammenkamen? Von Theseus’ Stadt, von Aulis’ Strand, Von Phokis, vom Spartanerland, Von Asiens entlegner Küste, Von allen Inseln kamen sie Und horchen von dem Schaugerüste Des Chores grauser Melodie,
Der, streng und ernst, nach alter Sitte, Mit langsam abgemessnem Schritte Hervortritt aus dem Hintergrund, Umwandelnd des Theaters Rund. So schreiten keine irdschen Weiber, Die zeugete kein sterblich Haus! Es steigt das Riesenmaß der Leiber Hoch über menschliches hinaus.
Ein schwarzer Mantel schlägt die Lenden, Sie schwingen in entfleischten Händen Der Fackel düsterrote Glut, In ihren Wangen fließt kein Blut; Und wo die Haare lieblich flattern, Um Menschenstirnen freundlich wehn, Da sieht man Schlangen hier und Nattern Die giftgeschwollnen Bäuche blähn.
Und schauerlich, gedreht im Kreise, Beginnen sie des Hymnus Weise, Der durch das Herz zerreißend dringt, Die Bande um den Frevler schlingt. Besinnungraubend, herzbetörend Schallt der Erinnyen Gesang, Er schallt, des Hörers Mark verzehrend, Und duldet nicht der Leier Klang:
„Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle Bewahrt die kindlich reine Seele! Ihm dürfen wir nicht rächend nahn, Er wandelt frei des Lebens Bahn. Doch wehe, wehe, wer verstohlen Des Mordes schwere Tat vollbracht! Wir heften uns an seine Sohlen, Das furchtbare Geschlecht der Nacht.
Und glaubt er fliehend zu entspringen, Geflügelt sind wir da, die Schlingen Ihm werfend um den flücht’gen Fuß, Daß er zu Boden fallen muß. So jagen wir ihn, ohn Ermatten, Versöhnen kann uns keine Reu, Ihn fort und fort bis zu den Schatten Und geben ihn auch dort nicht frei.“
So singend, tanzen sie den Reigen, Und Stille, wie des Todes Schweigen, Liegt überm ganzen Hause schwer, Als ob die Gottheit nahe wär, Und feierlich, nach alter Sitte, Umwandelnd des Theaters Rund, Mit langsam abgemessnem Schritte, Verschwinden sie im Hintergrund.
Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet Noch zweifelnd jede Brust und bebet Und huldiget der furchtbarn Macht, Die richtend im Verborgnen wacht, Die unerforschlich, unergründet Des Schicksals dunkeln Knäuel flicht, Dem tiefen Herzen sich verkündet Doch fliehet vor dem Sonnenlicht.
Da hört man auf den höchsten Stufen Auf einmal eine Stimme rufen: „Sieh da, sieh da, Timotheus, Die Kraniche des Ibykus!“ -- Und finster plötzlich wird der Himmel, Und über dem Theater hin Sieht man in schwärzlichtem Gewimmel Ein Kranichheer vorüberziehn.
„Des Ibykus“ -- Der teure Name Rührt jede Brust mit neuem Grame Und wie im Meere Well auf Well, So läuft’s von Mund zu Munde schnell: „Des Ibykus? Den wir beweinen, Den eine Mörderhand erschlug! Was ist’s mit dem? Was kann er meinen? -- Was ist’s mit diesem Kranichzug?“ --
Und lauter immer wird die Frage, Und ahnend fliegt’s mit Blitzesschlage Durch alle Herzen: „Gebet acht, Das ist der Eumeniden Macht! Der fromme Dichter wird gerochen, Der Mörder bietet selbst sich dar -- Ergreift ihn, der das Wort gesprochen, Und ihn, an den’s gerichtet war!“
Doch dem war kaum das Wort entfahren, Möcht er’s im Busen gern bewahren: Umsonst! Der schreckenbleiche Mund Macht schnell die Schuldbewußten kund, Man reißt und schleppt sie vor den Richter, Die Szene wird zum Tribunal, Und es gestehn die Bösewichter, Getroffen von der Rache Strahl.
Friedrich von Schiller
Der Sieger
Olympia! Mir sprengt das Herz die Brust! Bin ich derselbe, der ich gestern war? Der Vollkraft ungeheure Daseinslust Durchströmt, entzückt, erhebt mich wunderbar. Vor meinem Volke steh ich, mein Gesang -- Mir selbst ein Wunder -- strömt sich hell und voll In Harmonien aus von Erzes Klang, Mit meinen Lippen spricht der Gott, Apoll!
Mein Lied verklingt. Kein Laut. Dann, ein Orkan, Rast wilder Beifall die Arena hin, Und tausend Kränze regnen in die Bahn, Und meine Harfe ist die Siegerin. Ich, aus dem letzten Dorfe, bin der Held, Von meinem Haupte strahlt des Ruhmes Glanz Und füllt mit neuer Pracht die dunkle Welt, Und meine Stirne krönt der Lorbeerkranz.
Nun, Jünglinge, begleitet mich nach Haus. Nicht nehm ich eher diesen Kranz vom Haupt Und ziehe eher nicht die Toga aus, Bis meinen Ruhm mein ernster Vater glaubt. Durch Hellas ziehn wir hin, und jauchzend weckt Mein Preis das Land und eilt, uns meldend, vor. Dort liegt das Dorf am Hügel hingestreckt; Und dies ist meines Vaterhauses Tor. Aufsteht der Vater von der Ofenbank. Er sieht mich an, die Toga, meinen Kranz; Vor seinem Auge schrumpft mein Überschwang, Wird grau des Volkes bunter Farbenglanz. Ich streife langsam von dem Haupt die Zier Und von den Gliedern ab das Festgewand. Er spricht: „Du weiltest lange weg von hier. Die Sichel nimm. Das Gras ist fast verbrannt!“
Hugo Salus
Tod des Perikles
Auf seinem Sterbebett lag Perikles, Und das Bewußtsein schien ihm schon entflohn. Die Freunde, die ihm übrig waren noch, Umstanden ihn und sprachen unter sich, Die Größe rühmend seiner Tugenden Und seiner einst fast unbeschränkten Macht. Bewegt auch zählten sie die Taten auf, Die er vollbracht, wie jedes Siegesmal, Das er Athen zu ew’gem Ruhm erschuf. Doch er im Scheiden noch verstand sie wohl, Und plötzlich auch ergriff er selbst das Wort: „Ich wundre mich, daß ihr an mir gelobt, Was nur das wandelbare Glück verleiht Und was mit manchem andern ich geteilt, Dagegen ihr verschwiegen unbedacht, Was mich bedünkt allein des Neides wert: Daß meinetwegen nie ein Bürger je, Zum Tod verfolgt, in Trauer sich gehüllt.“
Martin Greif
Der Bote von Marathon
Jüngling, schwing dich auf den wilden Renner, auf dein bäumend Roß, Nach den himmlischen Gefilden Fliege, wie ein Pfeilgeschoß, Laut zu künden, froh zu melden Göttergleichen Sieg der Helden: „Marathon, der Perser Schmach, Wo Athen sich Lorbeer brach!“
Schnell im Staubgewölk verloren, Stürmt er hin im Mittagsschein, Drückt dem flücht’gen Roß die Sporen Kräftig in die Weichen ein. Vorgeneigt, mit losem Zügel, Jagt er auf des Windes Flügel. Herrlich schwellt die junge Brust Siegesfreude, Botenlust.
Und er träumt sich schon empfangen Von Athens besorgter Schar. Hoch erglühn der Mutter Wangen, Da sie kränzt sein feuchtes Haar: „O mein Sohn, du kehrst mir wieder!“ Greise singen Siegeslieder, Donnernd jauchzt von Land zu See Tausendstimmig Evoe -- -- --
Seine dunkeln Augen flammen, Freudig preist er sein Geschick ... Plötzlich bricht das Roß zusammen, Röchelnd, mit erloschnem Blick. Ungesäumt, auf eignen Füßen, Eilt er, seine Stadt zu grüßen, Die sich fern am Himmelsrand Blendend hebt im Sonnenbrand.
Mut! Nur Mut! -- er will ermatten. Seine Sehnen schwellen an. Nirgends Kühlung, nirgends Schatten Auf der staubverwehten Bahn. „Schütze, Göttin, deinen Boten, Ruf ihn nicht ins Reich der Toten, Eh Athen die Kunde weiß: Unser ist der Siegespreis!“
Von der stolzgetürmten Mauer Hat ihn schon das Volk gesehn. Hohe, heil’ge Wonneschauer Fühlt er durch die Seele wehn. Auf das Herz gepreßt die Linke, Mit dem Lorbeer freud’ge Winke: „Sieg!“ Ein heller Jubelschrei. „Sieg!“ -- Er stürzt. -- Es ist vorbei.
Alice von Gaudy
Der junge Themistokles
In Athens gepriesnen Hallen saßen Jünglinge beim Mahl -- Blut der Syrakuser Traube rötete den Goldpokal.
Wie den Becher überwallend schäumend stieg die Purpurflut -- So aus jeder Wange sprühte Lebensfülle, Jugendmut.
Ob man hier von Rosen-Jungfraun -- dort vom Vaterlande sprach Oder siegend hier die Wahrheit aus des Sehers Lippen brach:
So gewannst du über alle, Himmelstochter, doch den Sieg, Freude, die mit goldnem Flügel vom Olympos niederstieg.
Einen hast du nicht bezwungen, Siegerin, der lächelt nicht -- Ernst wie Pallas’ Götterauge blickt sein stolzes Angesicht.
Weit entrückt hat seine Seele sich der Gäste munterm Schwarm -- Quält nach Ruhm ihn heißes Schmachten, peinigt ihn der Liebe Harm?
Und des Gastmahls junger König nimmt ein Lautenspiel zur Hand -- Prüft den Ton mit leichtem Finger, bis er sich den rechten fand --
Hebet an ein Lied zu singen, singt mit süßer Stimme Ton, Wie der Thraker herzbesiegend, schmeichelnd wie Anakreon.
Reicht dem Nächsten dann die Laute, und auch der hat sie gestimmt Und gesungen, daß ein jeglich Herz in Lust und Wonne schwimmt.
Und von Hand zu Hand ging weiter so die Laute durch die Reihn, Jeder sang von Lieb und Rosen, Frühling, Vaterland und Wein.
Als sie nun zu dem gekommen, der so finster sitzt und schweigt, Hat er schweigend sie empfangen, schweigend weiter sie gereicht.
Und es höhnten ihn die andern, sprachen: „Nicht dem frohen Kreis Nahe sich, wer zu der Laute nicht ein Lied zu singen weiß!“
Und errötend sprach der Jüngling: „Lieder singen lernt’ ich nie -- Aber nennt zu Hellas’ Ehre eine Tat -- ich leiste sie!“
Weiter wanderte die Laute, und als unter Phöbos’ Joch Längst die Himmelsrosse flogen, klangen hell die Lieder noch.
Und wer waren jene Sänger? -- Ihre Namen hört ich nicht; Gleich den Rosen ihres Festes welkten sie im Morgenlicht.
Willst du wissen, wie der Jüngling, der nicht singen konnte, hieß? Durch Äonen trägt ihm brausend der Gesang von Salamis!
Karl von Alsen
Salamis
Schmücket die Schiffe mit Persertrophän, Lasset die purpurnen Segel sich blähn! Efeu umflattert die Masten und fliegt, Evoe, der mächtige Feind ist besiegt!
Wir zerbrachen, o Meer, wir zerbrachen das Band, Das der persische Fürst um den Nacken dir wand, Du entrollst nun befreit, dich erbittert nicht mehr Das verhaßte Gestampf von den Rossen, die schwer Dein wogender Bug, Dein brückengefesselter Zorn ertrug.
Das Verhängnis kam über Xerxes und stieg Aus den Wellen empor zum hellenischen Sieg. Dem Tyrannen, dem Herrn, der in Willkür thront, Nicht erlag ihm das Volk, das am Meerstrand wohnt; Denn es stählte der Alte, der Herrscher der Flut, Mit unendlichem Mut Sein geliebtes Geschlecht für die Seeschlacht.
Rings jetzt, wo entzückter die Woge vernimmt Ein ionisches Lied, da erbraust sie und stimmt In den Päan mit ein, es erblühn, es erblühn Nach den herrlichen Mühn Dithyrambische Tage der Freiheit.
Hermann Lingg
Themistokles in Olympia
Themistokles, der Held von Salamis, Als er vom Perserjoch sein Volk befreit, Und an Olympias geweihtem Sitz Zum ersten Male nach vertobtem Krieg Den heil’gen Spielen wieder zugeschaut, Die stolzer Griechenland noch nie beging: Erkannt von allen Gästen saß er da, Und kein hellenisch Auge wandte sich Den ganzen Tag hindurch von ihm hinweg Den heißen Kämpfern in der Ringbahn zu, So rühmlich um den Kranz auch jeder stritt. Nur ihn als Sieger staunten rings sie an, Denn Aller Beifall stieg zu ihm empor. Er aber nahm ihn wohlgefällig auf Und sprach vernehmbar laut das fromme Wort: „Die Götter schenkten heut als Ernte mir Die Frucht der schweren Arbeit, die ich tat.“
Martin Greif
Ein Dichter in der Schlacht von Salamis
Die Drachen, die so arg gedräuet, Die Perserschiffe sind zerstreuet, Versenkt, vernichtet -- Hellas frei Vom Joche fremder Tyrannei, Die ruhmgekrönten Kämpfer bringen Den Göttern dar ein festlich Spiel Und heil’ge Opfer; Lieder klingen Und Wagen donnern an das Ziel.
Wer ragt hervor dort aus der Menge, Die Züge schön, doch ernst und strenge? Der grüne Lorbeer schmückt ihn sehr, Die frische Wunde schmückt ihn mehr; Ein Dichter ist es, doch die Waffen Ergriff er auf des Landes Ruf; Ein Held kann Heldenbilder schaffen Wie +Äschylus+, der Bücher schuf
Sein Auge folgt mit Wohlgefallen Dem schönsten von den Knaben allen, Die zierlich, mit gelenken Knien, Im Chore den Altar umziehn. Ahnt wohl der Mann mit innrer Wonne -- Von Neid sind solche Seelen frei -- Daß, der da schwebt, die neue Sonne, Daß +Sophokles+ der Knabe sei!
Zur selben Stunde, wie wir lesen, War eines Sohns ein Weib genesen; Der Vater hebt ihn auf und spricht: „Dich grüßt der Freiheit Morgenlicht. Mut, teures Weib! Wir alle haben Nun hinter uns die Zeit des Wehs. Die Götter segnen meinen Knaben!“ -- Das Kindlein war +Euripides+.
Ja, wenn die Götter einmal segnen, Dann strömt es, wie wenn Wolken regnen Im Wetter, überschwenglich auch; Nichts halb zu tun ist Götterbrauch. Sieg, Freiheit, Ruhm -- für künft’ge Tage Voll Glanz ein dreifach Unterpfand. Das war -- wer hält ihm denn die Wage? -- Der schönste Tag von Griechenland.