Hannis Heimkehr

Part 13

Chapter 133,882 wordsPublic domain

So schlimm hatte man sich die Krankheit doch nicht gedacht. Glühend brannten die armen eingefallenen Wangen, die Pulse flogen. – Nur mit Mühe war Hanni zu bereden, sich nach der langen Fahrt ein paar Stunden schlafen zu legen und diese erste Nachtwache noch der treuen Marie zu überlassen. Die nächsten Tage und Nächte gönnte sie sich kaum die allernötigste Ruhe und Erholung. Ihr armes Herz konnte sich nicht an den Gedanken gewöhnen, nun auch das verlieren zu sollen, was neben der Elternliebe so recht der Sonnenschein ihrer schönen Kindheit gewesen, die auf einmal in weitester Ferne hinter ihr zu liegen schien. Sollte Gott auch dieses Opfer von ihr verlangen?

In dunklen Tagen und Nächten rangen ärztliche Kunst und treueste, aufopfernde Pflege um das teure Leben. Die schwache Flamme flackerte oft so matt, daß man kaum noch wagte, eine Hoffnung festzuhalten.

»Ich fürchte, diese Nacht kann’s ernst werden,« sagte am Sonnabend abend der alte Hausarzt, der die Kranke seit seiner Jugend kannte und verehrte. »Wenn Sie wünschen, lege ich mich hier schlafen, damit ich für den Notfall bei der Hand bin. Ich habe zu Hause einen Vertreter bestellt.«

Dankbar schüttelte der Major dem treuen Freunde des Hauses die Hand. »Und das kleine Fräulein will nicht zu Bett? Nun, dann aber nächste Nacht auf jeden Fall. Nur unter der Bedingung erlauben wir’s!«

Hanni nickte schmerzlich lächelnd. Wer wußte, ob nächste Nacht noch jemand wachen müßte! In ihrem Großvaterstuhl setzte sie sich so zurecht, daß sie jede Bewegung der Fiebernden sehen, jeden unausgesprochenen Wunsch erfüllen konnte.

Aber die Unruhe war geringer in dieser Nacht, und über dem langen Stillsitzen schlief die ganz Erschöpfte endlich fest ein.

Erschrocken fuhr sie gegen Morgen empor. Hörte sie recht? Mit kräftiger Stimme, wie man sie lange nicht gehört, fragte die Kranke: »Was soll nun der Unfug, daß die Lampe hier in den hellen Tag hinein vergebens brennt und das Kind im Stuhl sitzt, statt im Bett zu schlafen! – Ach, jetzt erinnere ich mich – es war wegen der dummen Fiebergeschichte! Na, nun kannst du aber schlafen gehen, es ist vorbei, und ich will auch wieder Ruhe haben. – Nein, nichts zu trinken! Mahlzeiten im Bett sind mir greulich. Ich stehe dann nachher auf.«

Hanni mußte beinahe lachen. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. So war denn die Krankheit gebrochen? – Um die Tante nicht zu ärgern, legte sie sich wirklich nebenan aufs Bett, und die beiden schliefen bis in den lichten Morgen.

Wenn nun auch ein langes Krankenlager mit vielen Beschwerden folgte, so sah man doch stetig Fortschritte, die alle Mühsale gering erscheinen ließen. Auch das Interesse erwachte allmählich wieder, und die Kranke fragte nach den Einzelheiten der Reise, die allen schon in neblige Vergangenheit gerückt erschien. Große Freude erregte jeder Brief, der etwas aus der fernen Welt mitteilte, und gegen ihre Gewohnheit las Frau Gerloff fast alles vor, was sie in diesen Tagen bekam. »Es wird dich interessieren,« sagte sie eines Morgens, »was unsere liebe Frau Schack von ihren letzten Tagen im Gebirge schreibt: ›Sie können sich nicht denken, wie schwer es mir wird, von hier abzureisen, wo ich vielleicht die schönsten Wochen meines Lebens verlebte. Ich deutete Ihnen doch einmal an, welch ein Schatten über unserem Glück läge durch das kalte, fremde Verhältnis unseres Ältesten zum Elternhause. Nie konnte ich den Schmerz darüber verwinden und fühlte mich wie ein Eindringling, der ihm die Heimat gestohlen. Es kam mir wie ein Raub an seinem älteren Rechte vor, wenn mein Mann sich an unserem Bübchen freute und mit ihm fröhlich war. – Und doch konnte ich nichts ändern. – Wie durch ein Wunder ist das alles jetzt anders. Sie haben ja gesehen, wie sonnig und beglückend Hermann die ganzen Wochen war, als wäre eine Eiskruste von seinem Herzen geschmolzen. Harmlos konnte er mit seinem Vater scherzen, und wie selig und stolz war mein Kleiner, wenn der große Bruder ihm soviel Liebe und Interesse bewies! Ich kann nicht anders denken, als daß der Geist tiefer Frömmigkeit auf ihn Eindruck gemacht, den wir alle in dem Hause empfanden. Anfangs zog es ihn gar nicht zu den Andachten, und wenn sein Vater ihn darauf anredete, so meinte er, die Natur draußen sage ihm viel mehr, als alle Menschenworte. Aber ich habe deutlich gemerkt, wie sein Interesse immer reger wurde. In der Zeit, die wir nach Ihrer Abreise noch dort verlebten, hat er keinmal oben gefehlt, obgleich mein Mann nie mehr Wünsche derart äußerte. Und es war mir wahrhaft beglückend, wie herzlich er sich in diesen letzten, sehr viel stilleren Tagen an uns und besonders auch an den kleinen Bruder anschloß. Er vermißte natürlich das fröhliche Treiben von vorher, aber dann zog er sich nicht, wie früher, in sich selbst zurück, sondern war lieb und rücksichtsvoll, so daß ich mit neubelebter Hoffnung für unser Zusammenleben heimreise.

Hoffentlich ist auch Ihnen nun die Sorge für Ihre teure Kranke ganz abgenommen – und hoffentlich erleben unsere lieben Kinder einmal wieder solch ein schönes Zusammensein. Es würde für meinen Mann und für mich die größte Freude bedeuten.‹«

Hanni hatte am Fenster gestanden und dem Herbststurm zugesehen, der unbarmherzig die Weinranken zerzauste. Als die Mutter geendet, glitt sie aus dem Zimmer. Der Kopf war ihr so dumpf. Vielleicht tat der Sturm draußen gut. – Lange ging sie, in Sinnen verloren, unter den hohen Linden auf und nieder – auf und nieder. Wie hundertmal waren ihr hier draußen die Gedanken klar geworden. Jetzt wollte es nicht hell werden in ihrem Innern. In der Dämmerung sah sie nicht, wie ihre Mutter vom Hause her auf sie zukam, bis diese leise den Arm um ihre Schulter legte und mit ihr weiter ging.

»Ja, Liebling, das Wort, was uns da oben am ersten Tage gesagt wurde – weißt du es noch? – es ist schwerer als wir damals meinten: ›Wer mir folgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.‹«

»Mutti, es ist zu schwer!«

»Aber er hilft doch.«

»Das fühle ich nicht recht. Ich fühle nur die schreckliche Trennung, die ich kaum ertragen kann. Du verstehst mich, Mutti, nicht wahr? Wenn ich auch nicht zu dir von allem gesprochen. Du weißt, daß ich dir nie etwas verbergen würde und daß du alles von mir gern wissen sollst – aber aussprechen kann ich manches nicht.«

»Ist auch nicht nötig, Liebling, ich verstehe dich schon ohne Worte, und mir tut das Herz weh um dich. Aber ich weiß auch, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen müssen. Und du hast Gott lieb.«

»O, ganz gewiß, das habe ich. Aber glaubst du denn nicht, daß er, der Gott noch nicht kennt, ihn auch lieb gewinnen kann? Man kann das doch auch noch lernen, nicht, du?«

»Sicher kann man das, zumal wenn man so ein gerades, reines Herz hat, wie er! Wenn er nur selber recht will und sucht.«

»Mutti, das tut er,« sagte sie mit einem Aufleuchten in ihrem schmal gewordenen Gesichtchen. »Das tut er sicher! Er hat’s mir versprochen,« fügte sie leise und errötend hinzu.

»Dann darfst du auch getrost hoffen, Kind. Und ich werde dir helfen, Gott zu bitten; nicht, du? Das werden wir beide schon nicht vergessen.« Innig umarmten sich die zwei, die noch nie ein Geheimnis voreinander gehabt und sich noch nie etwas anderes als Liebe erzeigt hatten.

Als die Blätter im Park in buntem Wirbel zur Erde fielen, da konnte man die Kranke, in Decken gehüllt, ins Wohnzimmer hinunterbringen, wo, wie in alten Zeiten, das Feuer im Kamin knisterte und die Bratäpfel knackten. Behaglich dehnte die Genesende sich in ihrem bequemen Sessel und sah auf ihren Liebling, dem die flackernden Lichter das krause Haar vergoldeten, die zarten Wangen aber noch durchsichtiger erscheinen ließen.

»Nun ist wieder alles, wie’s sein soll. Läuft denn nun mein Kind auch tüchtig in die frische Luft, damit die roten Backen wiederkommen? Bald kann ich die Stubenfarbe nicht mehr ansehen.«

»Wenn’s nur erst Frost und Schnee gibt,« war die leise Antwort; »diese weiche, trübe Herbstluft macht so müde! – Aber da kommt die kleine Rieke mit dem Suppentopf auf den Hof; soll ich einmal nachfragen, ob’s ihrer Mutter besser geht?« Damit war sie zur Tür hinaus geschlüpft.

Kopfschüttelnd sah die Tante ihr nach, dann, zu ihrer Schwägerin gewandt: »Sag bloß, Else, was habt ihr da oben mit dem Kinde gemacht? Sie ist nicht mehr dieselbe. Denk doch, wie ihr die Augen lachten? Nicht müde zu kriegen war sie! Wie manchmal sagte Günther: ›In der steckt das Leben verquer!‹ Jetzt, sobald sie sich unbeobachtet glaubt, – wie müde ist ihre Haltung, wie abwesend die Augen! – So etwas ist doch nicht nur die Sorge um eine alte Tante? Kein Mensch macht mir das weis.«

Ganz kurz erzählte die bekümmerte Mutter der mitfühlenden Seele, was geschehen war. Wieder und wieder schüttelte diese den Kopf. »Was du sagst! Die arme kleine Maus! Muß sie denn auch erst so schwer durch? Ich meinte, diesem Sonnenkind müßte alles Glück in den Schoß fallen. Nun verstehe ich! Ach nein, wie mir das leid tut! Aber Else, meinst du nicht, daß es sich noch zurechtzieht? Er ist ein so feiner Mensch; dem hätte ich sie wohl gegönnt. – Aber wir wollen sie nichts merken lassen!«

»Hanni,« sagte die Mutter zu der Eintretenden, »ich glaube, wir müssen endlich mal zu Rantzaus fahren. Vater hat gerade Zeit, und die Pferde sind auch frei. Ihr beide werdet schon ganz gut einen Abend ohne uns fertig, nicht wahr?«

»Nehmt das Kind doch mit, daß sie eine kleine Abwechslung hat!«

»Aber Tante Ida, du glaubst doch selbst nicht, daß ich dich allein lassen würde? Nein, sei ganz ruhig; das Hierbleiben ist mir durchaus kein Opfer, sondern es wäre mir direkt eine Strafe, da zwischen die fremden Leute zu müssen.«

»Erlaube, Hanni, nun wirst du wirklich wunderlich. Seit wann sind dir denn Rantzaus fremd?«

Sie wurde rot und mußte über das empörte Gesicht der Tante lachen. »Ja, ich habe sie aber doch seit Ewigkeiten nicht gesehen. Dann soll man soviel erzählen von Reiseerlebnissen! Mich schaudert, wenn ich daran denke!«

Die Tante verlachte Hanni herzlich wegen ihrer Menschenscheu; als aber die Geschwister abgefahren waren, kam sie mit einem Vorschlag: »Kind, im Frühling batest du mich mal, dir zu erzählen, seit wann ich so gebrechlich sei, und wie es war, als wir hier noch in Kinderschuhen herumsprangen. Damals sagte ich dir, um solche Erinnerungen herbeizurufen, brauche man mehr Zeit und Ruhe, als wir eben hatten. Möchtest du heute davon hören?«

»O liebe, süße Tante Ida, du weißt immer, was man braucht! Warte, ich lege noch Holz auf die Glut – so brennt es wieder an. – Äpfel sind auch noch da. – Aber den kleinen Stuhl muß ich wieder herholen, auf dem ich immer saß. – So ist’s richtig! – Nein, deine Hand muß ich noch haben.

Und nun ist wieder alles wie damals, nicht? Und was dazwischen liegt, vergessen wir. – Aber nein, alles nicht,« schloß sie leise, und legte ihre Stirn auf die weiche, alte Hand, die sie sanft streichelte.

24. Kapitel.

Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken.

»Wie weh manches tat, das vergessen wir, und der Segen, den es gebracht, bleibt uns erhalten, mein Liebling. Das wirst du auch noch erfahren. – Hätte man mir damals gesagt: dreißig Jahre lang deiner gesunden Glieder beraubt, dein Glück – was ich damals Glück nannte – dir entrissen, als Krüppel hier in der Einsamkeit leben! – Ich hätte gedacht: Tausendmal lieber tot! – Ja, ich weiß wirklich nicht, wie ich es überlebt hätte.

Nun kam alles nach und nach. Und mit dem, was er auflegte, schickte Gott auch zugleich seine Hilfe: vor allem brach er meinen wilden, störrischen Sinn.

Und wenn ich heute zurücksehe, muß ich die Hände falten und sprechen: Herr, ich bin viel zu gering aller Barmherzigkeit und Treue, die du an mir getan hast.

Wie wir, unser ältester Bruder, dein Vater und ich, hier glückliche Kindertage verlebten, unsere Freiheit, unsere Hunde und Ponys liebten, unsere Mademoiselle oft quälten – davon habe ich dir genug erzählt. Auch davon, daß meine süße Mutter leider oft traurig über mich war. Sie hatte sich so sehnlichst ein Mädchen gewünscht, und nun? ›Nun hast du den Türken!‹ sagte Vater oft lachend. Denn bei allem Klettern und Herumtollen war ich immer den Jungen voran, und mit den seßhaften Tugenden, dem damals so wichtigen Strickzeug und jeglicher Sittsamkeit, lebte ich auf ausgesprochenem Kriegsfuß. Saurer hatten wir Mädels es auch damals, als ihr heute. All das Turnen, Schwimmen, Freiherumlaufen, was euch erlaubt ist, war ganz unbekannt. Schon unsere langen, schweren Kleider hätten daran gehindert. Mutter tröstete sich manchmal, wenn ich konfirmiert sei, würde es besser werden – aber leider täuschte sie sich auch darin. Sechzehn Jahre war ich, und das ernste Hantieren am Spinnrad und in der Obstkammer war mir ein Greuel. Dagegen prickelte es mir in allen Gliedern, wenn ich die Jungen so schnell dahinfahren sah auf ihren Schlittschuhen und hören mußte: das sei für Mädchen etwas Unerhörtes. Heimlich schnallte ich mir die verbotenen Dinger in der Dämmerung an und übte auf dem Rehteich, wo mich niemand sah.

Hätte ich eine Schwester oder eine nahe Freundin gehabt, so wäre mein Leben auch wohl anders gewesen. – So wünschte ich immer das zu tun, was ich nicht sollte, und entzog mich meinen ›langweiligen‹ Obliegenheiten, wo ich konnte.

Herrlich war’s, wenn in Buchdorf die glänzenden Feste gegeben wurden. Rantzaus Schwester war damals verlobt. Er stand bei den Ulanen und seine Freunde gingen aus und ein in dem gastfreien Hause. Was war’s oft ein Leben und eine Lust!

Da tauchte unter ihnen einer auf, der alle die anderen weit in den Schatten stellte. Wer ihn auf seinem Goldfuchs dahinfliegen sah, dem lachte das Herz im Leibe. Und ob’s über Hecken und Gräben ging, man zitterte nicht für ihn – er saß ja wie angewachsen auf dem Renner.

Und wie er tanzte! Die Musik trug ihn, so leicht und so sicher. Und so leicht und sicher verkehrte er auch mit jedem. Alle waren ihm gut. Mit den Alten war er ehrerbietig und lieb – mit den Jungen scherzte er und lachte sie an. Wonach er griff, das gehörte ihm, er fragte gar nicht erst.

Wenn er den ganzen Abend nur mit einer einzigen sprach und tanzte, so störte ihn darin niemand. Und wenn man selbst diejenige war, so hätte mehr als meine siebzehnjährige Festigkeit dazu gehört, nicht am Ende unter seinem Bann zu stehen.

›Morgen laufen wir Schlittschuh,‹ sagte er, ›ich komme über den See bis an den Erlenbach und hole Sie ab.‹

›Ich darf nicht.‹

›Sie dürfen nicht? Das wäre noch besser! Müssen Sie denn Vokabeln lernen – mit solchen Augen, oder Strümpfe stopfen – mit den Händchen? Unsinn! Sie kommen sicher! Um vier Uhr bin ich da!‹

›Aber Mutter sieht’s nicht gern.‹

›Du liebe Zeit, die Mütter sehen manches nicht gern,‹ dabei lachte er so lustig. ›Glauben Sie, Ihre Großmutter sah alles gern, was Ihre Mutter tat? Dafür ändern sich die Zeiten. Also um vier Uhr. Dann dämmert’s schon und keiner merkt was. Das Eis ist wie ein Spiegel, es klingt und knackt vor Frost.‹

Warum hatte ich es heimlich geübt – warum jemals Heimlichkeiten gehabt! Jetzt klopfte mir zwar das Herz ein wenig wegen meines Ungehorsams, aber ich versuchte mir einzureden, es sei doch kein Unglück dabei.

Da niemand etwas gewahrte, so blieb dies nicht das einzige Mal. Und als bald auch bei uns ein Fest gefeiert wurde, bemerkten meine Eltern mit Befremden die Vertraulichkeit, die bereits zwischen uns beiden bestand und aus der Fred in seiner großen Sicherheit durchaus kein Hehl machte. Ihm konnte es doch nicht fehlen, wo er wollte!

Mein Vater dachte anders.

Er wünschte sich die Jugend, zumal wenn es sich um Lebensfragen handelte, bescheiden und ernst. In bezug auf seine Einzige vertrug er keinerlei Spaß. – Und nun etwa einen Schwiegersohn aus einem sehr adelsstolzen Hause, wo sie, die Bürgerliche, vielleicht über die Achsel angesehen wäre – das war durchaus nicht nach seinem Sinn. Viel Worte machte er nie, aber seine mächtigen Augen ließen keinen Zweifel über seine Meinung, und mein neuer Freund konnte nicht im unklaren darüber bleiben, was die Glocke geschlagen. – Es kam ihm aber gar nicht in den Sinn, sein Verhalten danach einzurichten, sondern er dachte nur nach, wie wir uns auf eigene Hand schadlos halten könnten. – Und ich tat, was er wollte.

Da kam die Nachricht von der tödlichen Erkrankung meines Großvaters. Beide Eltern mußten hinreisen und wünschten, mich mitzunehmen. Aber ich wollte nicht, war auch gar nicht wohl genug für die anstrengende Winterfahrt. Trotzdem ließ ich mich wieder zum Schlittschuhlaufen überreden.

Kennst du den Ton, wenn bei schnell hereinbrechendem Tauwetter der See von einem Ende bis zum anderen krachend birst? Wie fernes Donnerrollen klingt es. Schon zwei- oder dreimal hatten wir es vernommen.

›Morgen ist’s vorbei,‹ sagte er und hielt meine Hand fester. ›Da müssen wir’s heute genießen!‹

Sah er wohl, wie jede Muschel im Grunde durch die glasklare Eisdecke schien? Wie die zarten Algen sich emporreckten, als wollten ihre Spitzen ans Licht?

›Wenn wir fallen, sind wir verloren!‹

›Ja, wenn! Wer fällt auch? Wir jedenfalls nicht! Heute müssen wir’s wahrnehmen, morgen ist’s vorbei!‹ Er drückte mich fest an sich.

Hörte er wohl das Sausen im Schilf, wie die Binsen sich im Tauwind bogen? Was für ein Gurgeln war das? Wildenten gab’s doch hier nicht! Man kannte ja jeden Fußbreit!

Da kam das Gräßliche: Krachen, Flügelschlagen von aufgescheuchten Wasservögeln, Angstrufe, verzweifelte Anstrengung, Todeskälte durch Mark und Bein. – Dann war’s vorbei.

Als ich erwachte, dauerte es sehr lange, bis ich meine Lage begriff. Ich fühlte mich, wie noch nie bisher; meine Glieder waren wie tot. Ich konnte mich nicht bewegen, lag da wie ein geschossenes Wild. Ganz allmählich wurde mir alles klar, und mit so furchtbarer Deutlichkeit, daß ich noch heute nicht hinsehen mag auf das arme Bild. Gott kannte ich nicht, Liebe nicht, die erwärmt und beglückt, sondern nur die, die haben, besitzen will! – Glühendes, zuckendes Leben in einer erstorbenen Hülle.

Ob ich viel Schmerzen litt, kann ich nicht sagen, aber der Brand in meiner Seele ließ mir Tag und Nacht keine Ruhe. Ich haderte mit meinem Schicksal, mit Gott. – Daß niemand für meine Herstellung hoffte, fühlte ich schon damals deutlich. Warum dann nicht gleich ein schnelles Ende? Wozu dieses Hinquälen? –

Stelle dir vor, Kind, Gott hätte damals nach meinem Willen getan – so völlig unreif, wie ich war?«

Hanni war erschüttert. »Arme, arme Tante Ida, was hast du gelitten! O, hätte ich das geahnt, wieviel mehr hätte ich dich lieb gehabt, du liebes Herz! Wie wurde es dann weiter?«

»Wie ein eigensinniges Kind, das ich immer gewesen, sich müde weint und schreit, bis es nicht mehr kann, so war’s mit mir den ganzen Winter. Ich wollte mich nicht in mein Schicksal finden und ließ mich durch gar nichts trösten. Als die Vögel anfingen zu zwitschern, war meine Kraft erschöpft, ich konnte nicht mehr. Matt und müde kehrte ich das Gesicht gegen die Wand und war lange Zeit völlig apathisch.

Ob nun der innere Stillstand – denn Ruhe kann ich den Zustand nicht nennen – günstig auf den Körper wirkte oder ob’s der Frühling tat – ich lernte wieder schlafen. Und eines Morgens erwachte ich zum ersten Male ganz neu gestärkt. Ich weiß es noch. Lange mochte ich mich nicht regen; der Traum hatte mich soweit weggeführt, daß die schrecklichen Ereignisse mir verwischt waren. In behaglicher Ruhe lag ich da, sah den Sonnenschein durch die duftenden Akazienzweige flimmern, hörte das Summen der Bienen und das süße Gezwitscher der Vögel.

Was für entzückende Blumen standen dort in der Schale? Die herrlichen Marschall-Niel aus dem Gewächshaus zwischen Maiblumen und Vergißmeinnicht. Die durfte doch niemand pflücken als Mutter selbst, und nur sie machte solche Sträuße – aber selten und nur für Auserwählte. Und diese Schale, wenn sie einmal aus dem Silberschrank genommen wurde, kam nur auf die Tafel für ganz erlesene Gäste – doch nicht in mein Stübchen! – Ich rieb mir die Augen. Wer hatte wohl alles um mich her mit so viel Liebe und Zartsinn geordnet? Nichts fehlte, was den Sinn erfreuen konnte. – War das all die Zeit so gewesen? Keinen einzigen Blick hatte ich dafür gehabt. Nichts, nichts hatte ich gesehen als meinen Jammer! Was die Eltern dabei fühlten, war mir nie in den Sinn gekommen.

Ja, die Eltern! Ist ein solches Maß von Egoismus zu begreifen? Kein Gedanke war mir gekommen, was für Hoffnungen sie auf mich gesetzt hatten, die ich alle durch meinen Ungehorsam zerstört; daß ich ihnen ein Übermaß von Sorgen, Angst und Mühe bereitet. – Ich war wie in dunkler Nacht dahingetappt. Auf einmal schien die helle Sonne und zeigte mir ausgebreitet die reichste Fülle von Liebe, Sorgfalt und Geduld, der ich bisher den Rücken gekehrt hatte. Konnten sie mir das je vergeben?

Als die süße Mutter hereinkam, mir selbst mein Frühstück zu bringen, wie sie es, ohne einen Dank zu bekommen, täglich getan, da habe ich ihr unter strömenden Tränen mein Herz ausgeschüttet.

Nun begann ein neues Leben. – Kein Wort des Vorwurfs traf mich aus Vaters Munde. Und die Größe dieser vergebenden Liebe wirkte stärker und durchdringender, als alle Worte gekonnt hätten. Das habe nicht ich allein erlebt. Und wer es erfahren, der konnte nicht leicht zum zweiten Male fehlen; das Gefühl der Verschuldung und Vergebung war zu tief gedrungen.

Lange Jahre kamen und gingen. Was Ärzte vermögen, haben sie an mir getan. Viele Hoffnungen, viele Enttäuschungen erlebten wir. Aber wir trugen es gemeinsam; einer versuchte dem anderen ein mutiges Gesicht zu zeigen und den Kummer zu verbergen. – Allerlei Besserung stellte sich ja auch ein. Als ich dreißig Jahre alt war – nachdem ich dreizehn Jahre stillgelegen hatte, Hanni –, konnte ich die ersten Gehversuche an Krücken machen. War das ein Glücksgefühl! Wie schmerzlich bedauerten Vater und ich, daß Mutter dies nicht mehr erlebte. Ach, wir waren bescheiden geworden.

Der Tag, an dem auch die Krücken entbehrlich wurden, ist mir unvergeßlich.

Aber viel tiefer als diese äußeren Freuden war das, was ich innerlich erlebte. Alles, was mein Leben ausgemacht, beglückt hatte: freie Bewegung jeder Art, Spiel und Tanz und Frohsinn mit Altersgenossen, alles war mir genommen. Ich hatte mich gänzlich verarmt gefühlt. Und dann wurde mir leise und unvermerkt, ohne daß ich recht wußte, wie, ein ganzes reiches Leben neu geschenkt; o, so viel, viel mehr als das, was ich verloren. Erst das innige Zusammenleben mit den Eltern, was mir so viel Tiefen entfaltete, von denen ich in meiner Dummheit keine Ahnung gehabt. Dann die lieben, treuen Freunde, die nicht müde wurden, mir zarteste Aufmerksamkeit zu beweisen.

Die Lieblichkeit der Natur ging mir jetzt erst auf. Ich war viel zu rasch und zu stürmisch gewesen, diese tausend Herrlichkeiten zu gewahren. Denk allein an den Wechsel von Licht und Schatten an einem einzigen sonnigen Sommertag, oder im Frühling an das Durcheinander von Düften von Flieder, Goldlack und Glycinien und dazwischen das verwirrende Gesumme der tausend im Sonnenschein goldig blitzenden Insekten! – Alles das ging mir nun auf.

Und als soviel Erquickendes meinen Sinn wieder gesund gemacht und belebt hatte, da merkte ich auch, daß ich nicht nur hinnehmen, sondern auch noch geben konnte. Vielleicht mit dem instinktiven Gefühl, daß ich wisse, was Schmerz und Leid sei, kam alles zu mir, was Trost suchte – ob’s nun Freunde waren oder unsere guten Dorfleute – oder die Brüder in ihren vielfachen Nöten. Ach, Kind, was haben dein Vater und ich gemeinsam durchgemacht in dunklen Zeiten voller Enttäuschungen, als er dachte, deiner Mutter Herz nicht zu gewinnen, die er doch schon so innig liebte! Und die gemeinsame Seligkeit nachher, als alle Mißverständnisse sich glätteten.«

»Tante Ida, aber das eine mußt du mir noch sagen: Was ist denn aus ihm geworden, dem Fred? Sahst du ihn niemals wieder?«