Part 12
Als der Hausherr geendet, wandte er sich in seiner humorvollen, freundlichen Weise der Ecke zu, wo die Jugend auf der Holzbank um den viereckigen Tisch saß: »Nun heißt es aber auch von Ihnen, nicht nur genießen, sondern etwas leisten! Wer hat einmal ein wirkliches Abenteuer erlebt, das er uns erzählen könnte? Freiwillige vor!«
Käte wies mit verhaltenem Lachen auf Felix und flüsterte: »Herr von Alten kann sicher eins berichten, davon sind wir Zeugen!«
Aber der Hausherr stand dem Empörten bei seiner Abwehr bei, indem er begütigend sagte: »Es war sehr merkwürdig, aber wir kennen es schon!«
Der junge Mediziner, dessen munteres Wesen jeder gern hatte, erhob sich ein wenig von seinem Sitze und sagte: »Wenn die Herrschaften es hören mögen, könnte ich ein kleines Erlebnis von meiner Herreise erzählen, was mich selber vollständig in eine Fabelwelt versetzte. Ich wußte nicht, wohin ich geraten war und was mit mir geschah.«
Alle baten, zu erzählen, und der Student begann: »Ich weiß nicht, wie genau die meisten der Herrschaften mit dem studentischen Dasein vertraut sind. Man führt ein merkwürdiges Doppelleben: Auf der einen Seite sollen die nötigen Kenntnisse herbei – auf der anderen muß man mit seinem Wechsel auskommen. Mich hat bald die eine, bald die andere Seite in eigentümliche Schwierigkeiten verwickelt. – Das letzte Semester in Halle war’s mit dem Studium ganz leidlich gediehen – und was das andere anbetraf, so hatte ich aufs genaueste meiner Mutter Weisung befolgt, durchaus nichts zu erwerben, ohne es bar zu bezahlen. Die Folge davon war aber, daß Mitte Juli meine Börse schon sehr mager wurde und ich anfing, mein Augenmerk auf die vegetarische Küche zu lenken. Da brach an einem unentbehrlichen Kleidungsstück eine Katastrophe herein, und damit wurde meine Lage derart beklommen, daß die Universität für mich allen Reiz verlor und ich auf Heimkehr sann.
Nun gibt’s eine grausame Bestimmung – verzeihen Sie, Herr Professor, aber es ist grausam –: ›Der Student bekommt seinen Abmeldungsschein vor dem Schlußtermin am 4. oder 6. August nur, wenn eine ganz besondere Veranlassung da ist.‹ Die lag bei mir wahrhaftig vor, aber das Herkommen verbot, sie dem Rektor genauer zu schildern. Deshalb griff ich zu dem schlimmen Mittel, eine halbe Wahrheit anzugeben. Ich sagte: ›Mein Onkel, Superintendent S. im Fichtelgebirge, feiert am 1. August silberne Hochzeit, und ich muß dorthin!‹ Ich mußte in der Tat hin, denn mein Magen war bereits eingeschrumpft von selbstgekochter Hafergrütze, die seit acht Tagen mein Mittagessen ausmachte. Und Silberhochzeit ist auch wirklich am 1. August, nur nicht in diesem Jahre. Da konnte ich nicht helfen! Der Rektor sah mich prüfend an und gab mir das Testat.
Für die paar Stationen 4. Klasse hatte ich wohlweislich das Nötige zurückgelegt. Meine brave Wirtin, die einen Blick hat für die wirtschaftliche Lage ihrer Klienten, gab mir ein paar tüchtige Butterschnitten mit, und so begab ich mich seelenvergnügt auf die Reise, rosige Hoffnung an die gute Küche meiner Patentante und an die Freigebigkeit meines Onkels knüpfend. – Freilich, daß er mich sogar hierher schicken würde, ließ ich Glückspilz mir nicht träumen.
Als die Bahn mich soweit befördert hatte, daß ich den weiteren Weg in einer Tagereise zu Fuß machen konnte, stieg ich aus und genoß aus tiefster Seele den unvergleichlichen Sommertag in den wundervollen, ausgedehnten Fichtenwäldern. Ich fühlte mich wie neugeboren, so kräftig und erfrischend war die reine Bergluft, und mit Entzücken sahen meine Augen die prächtig gewachsenen grünen Tannen. Dabei muß ich mich wohl zu sehr in Bewunderung vertieft haben, denn auf einmal fand ich den rechten Weg nicht mehr, und nun zog sich das Hin- und Hersuchen so in die Länge, daß ich von Herzen froh war, endlich am späten Nachmittag menschliche Stimmen zu vernehmen. Eine gewaltige, ritterliche Erscheinung trat mir zwischen den hohen Stämmen entgegen, die mir ganz zu deren stolzem Wuchs und diesen ernsten Höhen zu gehören schien. – Aber die Stimme klang freundlich und wohlwollend, die nach meinem Begehr fragte; und als es sich zeigte, daß ich im höchsten Grade ›auf den Holzweg‹ geraten war, da bot der Fremde mir in der gewinnendsten Weise an, bei ihm zu übernachten, ›er hätte einen kleinen Besitz hier in der Nähe‹. Jetzt erst spürte ich, wie groß Müdigkeit und Hunger allmählich bei mir geworden, und war von Herzen froh, in einer Försterei oder dergleichen ein Nachtlager zu bekommen – wenngleich mir bisher keine Forstbeamte von so imponierender Erscheinung begegnet waren. Aber man lernt ja immer Neues kennen.
Wer beschreibt nun meinen Schreck, als der kleine Jagdwagen in ein breites, vornehmes Hoftor einbiegt und vor der Rampe eines altertümlichen Schlosses hält, aus dessen tiefer, gewölbter Halle ein stattlicher Diener in einer fremden Livree uns entgegeneilt! Auf ein paar leise Worte meines rätselhaften Gastfreundes, bemächtigt sich der Führer mit zwingender Gewalt meiner erschrockenen Persönlichkeit. Es geht Treppen auf, Stufen nach rechts, durch hohe Gewölbe, deren mehr als klafterdicke Wände und fremdartige Einrichtung von vergangenen Jahrhunderten und fernsten Erdteilen reden, schmale Gänge hinab, an Kaminen, Gemälden, Blattpflanzen, alten Rüstungen, seltenen Teppichen, geschnitzten Truhen, altertümlichen Schränken und seltsamen Kupfer- und Zinngeräten vorbei, daß mir schwindelte und ich den Eindruck bekam: ›Hier findest du dich im Leben nicht wieder heraus, du bist verhext!‹ – Aber mein Begleiter zerstreute meine Befürchtungen, indem er durch Anwendung von vielerlei Bürsten und warmem Wasser meinem äußeren Menschen aufzuhelfen suchte. Sollte er die Absicht haben, mich hier lebendig einzumauern oder sonst verschwinden zu lassen, so würde er nicht so heißes Bemühen an meine Verschönerung verwenden. Dabei wußte er sein sicher vorhandenes Befremden über einen solchen Gast unter unerschütterlicher Ruhe zu verbergen. – Sollte ich nun alles drangeben und fragen, wo ich sei, oder sollte ich noch eine Weile die Ungewißheit ertragen, um den Preis, nicht als Vagabund angesehen zu werden?
»Die Herrschaften gehen jetzt zu Tisch,« sagte der noch immer mit den Bürsten Beschäftigte mit vollendetem Gleichmaß, was weder Verachtung noch Abscheu gegen meine mangelhafte äußere Erscheinung aussprach. »Darf ich den Herrn hinaufführen?«
Wieder ging’s die Treppen entlang, durch Gewölbe her, über Teppiche und Matten. Ich hatte nie dergleichen gesehen, viel weniger so mitten im Fichtelgebirge erwartet. Als ich aber der Schloßfrau vorgestellt wurde und sie vor dem Modell eines großen, schönen Schiffes stehen fand, konnte ich mein Erstaunen nicht länger bemeistern und platzte los: ›Ich bitte tausendmal um Verzeihung, aber bevor ich mich setze, muß ich wissen, wo ich bin und bei wem!‹ Ein herzliches Lachen war die Antwort, und nun erfuhr ich, daß mein gütiger Wirt eigentlich Seemann sei – Admiral – und mit seinem Fürsten viele Jahre in Sturm und Wellen die Welt durchzogen hätte. Auch jetzt sei es ihm trotz grauer Haare nicht immer vergönnt, in Frieden auf seinem schönen Familiensitz zu leben, sondern alljährlich riefe des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr ihn hinaus zum hohen Norden des Reiches.
Viel erzählte der welterfahrene Mann von Menschen und Erlebnissen und noch viel mehr hätte man hören mögen. Aber das schönste war, wie er am kommenden Morgen mir selber das Geleit gab über die nächsten Berge. Auf einer Höhe mit herrlichstem Blick in alle Ferne zeigte er mir ein Waldhäuschen, das in seiner verschwiegenen Einsamkeit und Traulichkeit mich fast noch mehr entzückte als das Schloß unten.
›Wer hier, von aller Welt entrückt, hausen könnte, und seine Forschungen machen,‹ entfuhr es mir, ›das müßte etwas Rechtes werden!‹
›Ja,‹ antwortete mein Führer, ›wenn Ihre Forschungen hier oben eine Quelle entdecken, daß wir Wasser bekommen, dann dürfen Sie zum Lohn einen ganzen Sommer dableiben und zehn dicke Bücher schreiben!‹
Das wird nun leider, leider nichts werden wegen des steinigen Grundes. Aber das Häuschen, das Schloß und die Herrschaft sind heute noch da, wie ich erzählt, – wahr und wahrhaftig. Sie alle können nachsuchen, und wer es findet im grünen Fichtelgebirge, wird sicher ebenso freundlich beherbergt wie der verirrte Student.«
21. Kapitel.
Der Ludwigstag und seine Folgen.
»Übermorgen ist Ludwigstag. Wenn es dann noch solch ein Wetter ist, müssen wir, statt das Feuer auf den Bergen anzuzünden, drinnen eine Feier veranstalten!« schlug eines Vormittags der Mediziner vor.
»Wie denken Sie sich das?« fragte Felix, dessen Phantasie und Erfindungskraft nicht hervorragend war.
»O, sehr einfach! Wir dichten ein kleines Festspiel zusammen: Ein paar junge Bauern und Mädchen kommen mit Blumen und Versen, den guten König Ludwig zu feiern. Da sie tief aus dem Gebirge kommen, so erscheint dies stattliche Haus hier auf der Wiese ihnen wie ein Schloß, in dem sie den König suchen, und da er nicht vorhanden, so wenden sie sich mit ihren Huldigungen an unseren verehrten Hausherrn. So ungefähr dächte ich mir’s.«
»Herr Eisen ist großartig! Nie um einen Rat verlegen!« rief Käte. »Der Gedanke ist ganz famos, aber wer faßt ihn am besten in Verse?«
»Vor allen Dingen am schnellsten?« warf Hanni ein. »Erst dichten, dann lernen, dann einüben? Da ist nicht viel Zeit zu verlieren!«
»Bis übermorgen abend! Drei ganze Tage! Das ist ja noch eine Ewigkeit. Bis heute abend müßte ein ungefährer Entwurf fertig sein. Ich glaube, Herr Schack muß es übernehmen.«
»Will sehen, was sich machen läßt! – Und die jungen Damen müßten sich auf alle Fälle so etwas von Volkstracht verschaffen, nicht wahr?«
»Wir nicht auch?« fragte Felix eifrig.
»O,« meinte verschmitzt der junge Eisen, »vielleicht ist Herr von Alten so großmütig, sein Tirolerkostüm zur Verfügung zu stellen. Wenn wir drei oder vier jeder ein Stück davon bekommen, so ist reichlich genug Farbigkeit vorhanden, um volkstümlich zu wirken.«
Der etwas verblüffte Felix wußte nicht recht, ob er sich geschmeichelt oder geärgert fühlen sollte, zog aber gutmütig wie gewöhnlich das erstere vor und sah mit gespannter Erwartung der Entwicklung der Dinge entgegen.
Am Abend fanden sich die Verschworenen schon vor dem Tee im noch leeren Wohnzimmer ein. Neugierig wurden die Köpfe zusammengesteckt, um die Verse zu hören, und von allen Seiten zollte man stürmische Anerkennung. Besondere Freude erregte es bei den jungen Mädchen, daß auch Hermanns Brüderchen, der allgemeine Liebling, eine kleine Rolle bekam, und ebenso ein junges Mädchen, das erst neulich angekommen war und sich in zutraulicher Weise den anderen angeschlossen hatte. Sie wurde schnell gerufen und in das Geheimnis eingeweiht, und dann begann ein eifriges Abschreiben der Rollen.
»Herr von Alten,« meinte die übermütige Käte, »Sie haben es aber zu bequem! Diese paar Worte da sind nicht der Rede wert. Gerade Sie sind es schuldig, etwas extra zur Unterhaltung beizutragen. Vor dem kleinen Lied am Schluß wäre ein Schuhplattler ganz notwendig, und den kann niemand besser ausführen als Sie! Wenn Sie sich ordentlich Mühe geben, so können Sie es bis übermorgen noch lernen. Klaus weiß unten in Partenkirchen jemand, der es lehrt, da müßten Sie morgen früh hingehen. Herr Schack hat das ganze Gedicht gemacht, da ist dies das Wenigste, was Sie beisteuern müssen.«
Felix sah sehr erschrocken drein. Diese Mädchen stellten ja unerhörte Anforderungen an die Bereitwilligkeit ihrer Kavaliere! Da hatte man’s in München wahrlich bequemer. – Aber schließlich war Tanzen immerhin noch einfacher als Dichten.
Am anderen Morgen wurde der stets lebhaft unterhaltende Felix am Frühstückstisch vermißt. »Der blonde junge Herr? Der hatte früh vor meinem Fenster eine lange Verhandlung mit dem Eselsführer Klaus. Darauf sah ich ihn nach dem Ort zu wandern.«
Käte wurde rot und verbiß sich nur mit Mühe das Lachen. Als die beiden jungen Mädchen die Veranda verließen, flüsterte Hanni der Freundin zu: »Was hast du angerührt, Käte? Der Unglückswurm nimmt deinen Unsinn wahrhaftig ernst und quält sich nun da unten ab. Stell dir das bloß vor!«
Dies war für Kätes lebhaft arbeitende Phantasie zuviel: Sie mußte sich auf die Rasenkante setzen und lachte, bis ihr die Tränen aus den Augen stürzten. »Nein, so eine Dummheit! Aber wer ein Schaf ist, muß als Schaf geschoren werden! Bitte, stelle dir seine Sprünge beim Schuhplatteln vor!« Sie brach von neuem vor Lachen zusammen.
Am Mittag des Ludwigstages brachte der Postbote einen zierlichen, duftenden Brief an Tante Lucie, den sie sehr erwartungsvoll erbrach. Ihr geliebter Neffe war am vorigen Abend nicht nach Hause gekommen. Jetzt schrieb er: »Verehrteste Tante! Ich bin untröstlich, die schönen Tage im Hospiz nicht bis zu Ende mit Dir verleben zu können. Aber Umstände, über die ich keine Macht habe, hindern mich. Ich bekam Nachrichten von meinem Korps, die mich veranlassen, unverzüglich nach München zurückzukehren. So muß ich Dir leider schriftlich für alle Freundlichkeit danken und Dich bitten, den übrigen verehrten Herrschaften dort meine ganz ergebenen Grüße auszurichten. In tiefster Ehrerbietung Dein gehorsamer Neffe Felix. ~NB.~ Meine Sachen bist Du gewiß so gütig, an meine Adresse in München zu schicken.«
»Der Tausend, ist das ein Bengel!« rief der entrüstete Major. »Läßt da seine arme Tante mit seinem ganzen Nachlaß sitzen! – Ist mir das eine Manier! Zu dem Katzensprung von Partenkirchen hier herauf sollte es doch wohl noch gereicht haben! – Nein, liebe Cousine, keine Entschuldigung! Da gibt es keine – als vielleicht die, daß so einem Herrchen nicht rechtzeitig die Höschen stramm gezogen sind!«
Als die jungen Mädchen später allein waren, warf Hanni der doch etwas bestürzten Käte vor: »Die letzte Schuld hast du, du Bösewicht. Er hat allmählich gemerkt, wie greulich du ihn zum besten hast, und da hat er sich zurückgezogen.«
»Na, dann bin ich auch froh, wenn es ein Ende hat!« fuhr Käte los. »Das muß ich dir sagen: Ein Vergnügen war es nicht, bei all den schönen Wegen immer sein fades Gerede anzuhören. Und ich bin doch nur aus Gutmütigkeit zuerst mit ihm gegangen, um dir ein bißchen Ruhe zu verschaffen. Das sah er, eingebildet wie er ist, natürlich gleich als Entgegenkommen an und war nicht wieder loszuwerden. Ist es da unerlaubt, in der Not starke Mittel anzuwenden? Nein, mir ist ordentlich leicht zumute! Nun wird’s erst hübsch!«
Der Abend verlief sehr fröhlich. Mit herzlicher Freude nahm der liebenswürdige Hausherr die Huldigung seiner jungen Gäste entgegen, und jeder war entzückt über den Anblick der schönen, jungen Gestalten in der reizvollen Volkstracht. Besonders Hanni fanden alle noch viel hübscher als sonst schon mit den dicken, blonden Flechten über der weißen Stirn.
Nach all der Munterkeit kam niemandem der Übergang schroff oder störend vor, als die Glocke rief und die ganze Gesellschaft sich wie immer beim Abendsegen zusammenfand. Die Herzen waren so dankbar gestimmt für all die Freude und Erholung dieser schönen Ruhetage, daß sie aufrichtig einstimmten in des Hausherrn Worte: »O Herr, wie sind deine Werke so groß und viel!« Hermann hatte sich, wie gewöhnlich, die kleine »Marterbank« in Hannis Ecke zu sichern gewußt, und als ihr flüchtiger Blick den seinen streifte, las sie tiefe Bewegung in seinen Zügen.
Nach Schluß der Andacht trat man noch einen Augenblick auf die Galerie hinaus, um festzustellen, wie weit der Mond endlich Herr würde über die zerrissenen Wolken. Da fragte Hanni leise: »Nicht wahr, dies ist doch von allem das schönste, so zusammen diese ewige Wahrheiten hören und empfinden?«
Er sah ihr tief in die blauen Augen: »Neben Ihnen sitzen ist schön und mit Ihnen zusammen etwas hören, was Sie freut, ist schön. Das andere, was Sie meinen, ist alles so fernliegend, so ungewiß. Der eine glaubt dies, der andere das; woran soll man sich halten? Ich halte mich an das, was ich sehe und höre – an das, was ich habe!« Er wollte ihre Hand ergreifen, aber sie sah es nicht. Über ihr Gesicht glitt ein dunkler Schatten.
»O bitte, ich habe Sie doch nicht betrübt? Nichts täte mir weher! Sie meinen doch nicht, ich möchte Ihnen etwas von Ihrem Glauben verwischen? Ganz im Gegenteil. Sie könnte ich mir gar nicht ohne denselben vorstellen. – Nur ich kann doch nicht vorgeben, anders zu sein, als ich bin?«
»Gewiß nicht,« sagte sie so leise, daß er ganz nahe kommen mußte, um es zu verstehen. »Aber können Sie denn wirklich nicht die Wahrheit dessen sehen, was mir so feststeht?«
Sie wurden unterbrochen. – Aber noch in tiefer Nacht konnte ihr bewegtes Herz keine Ruhe finden. War es denn wirklich denkbar, daß man alles, alles gemeinsam empfand – und nur das Tiefste, Wichtigste nicht? Was nützte dann alles übrige! Heiße Tränen netzten ihr Kissen und erst, als der Morgen graute, schloß der Schlaf die Augen und süße Träume lösten allen Schmerz.
22. Kapitel.
Am Kreuzweg.
Hell strahlte schon die Sonne vom reingewaschenen Himmel, als Frau Gerloff am nächsten Morgen in das Zimmer der jungen Mädchen trat. Erschrocken rieben sich beide die Augen und konnten sich nur langsam auf die Gegenwart besinnen, bis der Mutter Worte sie in die Wirklichkeit zurückriefen.
»Denkt, Kinder, was Frau Pastorin schreibt: Tante Ida ist gar nicht wohl. Sie hat es durchaus verschweigen sollen. Aber allmählich ist es so ernst geworden, daß das nicht mehr anging. Die Sache läßt mir keine Ruhe; ich meine, wir sollten so schnell wie möglich heimreisen.«
»Tante Ida! Was mag ihr nur fehlen? – Lungenentzündung, fürchtest du? Mutti, da laß uns gleich heute fahren,« rief Hanni, deren noch wunde Seele sich instinktiv dem Leiden zuwendete. »Unmöglich können wir uns hier freuen, während sie dort ganz allein leidet. Nicht wahr, du? Wir packen schnell, dann können wir heute abend abreisen!«
Käte stand wie betäubt da! So schnell dies alles aufgeben? »Ende der Woche«, das war ein Begriff, den man noch einstweilen von sich abschieben konnte. Aber heute! Ihr Herz zog sich wie im Krampf zusammen.
Aber »Soldatenkinder weinen nicht«, sprach sie sich innerlich vor. Dabei kam sie gar nicht zu Ende mit ihrer Wäsche, denn es waren immer neue Tränen wegzuspülen. – Hanni war doch auch in allem größer! Mit keinem Ton klagte sie. Still, wie im Traum, räumte sie ihre Sachen zusammen. Sie schien nur in die Ferne – wohl an Tante Ida – zu denken! So ein Maß von Selbstlosigkeit ging nun doch über Kätes Fassungsvermögen. Sie hatte andauernd an Tränen zu würgen und sah oft scheu von der Seite hinüber, ob denn die Freundin völlig ungerührt bliebe. Aber nichts war zu bemerken. Nur als die Malgeräte an die Reihe kamen, drang es wie verhaltenes Schluchzen an Kätes Ohr. Das Gesicht der Freundin sah sie nicht, da diese aus dem Fenster starrte, und es dauerte lange, bis sie ihre Arbeit fortsetzte. Käte nahm wahr, wie sie das Blatt mit dem Enzian und den Kiefernzweigen aus der Mappe zog und nicht mit einpackte.
Am Nachmittag hatte der Hausherr die scheidenden Gäste zum Abschiedskaffee ins Bauernhaus geladen, und mit ihnen die Münchener Freunde, deren Stunde auch bald geschlagen hatte. Man saß im vertrauten Gespräch beieinander, und die Rede kam auf frühere Gäste des Hauses. Nach dem Ergehen einer jungen Gräfin aus der Umgegend wurde gefragt, die eine besonders liebe Schülerin des Hausherrn gewesen. Da umdunkelten sich seine lachenden blauen Augen, und er erzählte von der traurigen Ehe der gläubigen Protestantin mit dem Manne aus stockkatholischem Hause. Um sich von den trüben Bildern abzuwenden, fragte der völlig Ahnungslose seine nächste Nachbarin: »Nicht wahr, Kind, das täten Sie nimmer, einen Mann nehmen, mit dem Sie im Allerwichtigsten nicht einig wären?«
Wie die Stimme des Gerichts schlugen die Worte an das Ohr des sowieso im Tiefsten bewegten Mädchens. Vor ihren Blicken wurde es dunkel, und wie laute Glockentöne summte und brauste es ihr in den Ohren. Sie hatte das deutliche Gefühl, dies sei eine Schicksalsstunde. Kaum war ihr klar, was sie tat, und ihre eigenen Worte klangen ihr wie fremde Laute aus weiter, weiter Ferne, als sie leise, aber ganz fest sagte: »Nein, nie im Leben. Ich würde ja keine glückliche Stunde haben.«
Es war gesagt. Was weiter geschah, empfand sie nicht mehr. Alles, was sie noch an Kraft besaß, mußte sie aufwenden, um ihr Gleichgewicht äußerlich zu wahren. Die Gestalten bewegten sich wie Puppen an Draht vor ihren Augen, ihre Stimmen klangen wie durch eine dicke Wolke – den Sinn der Worte verstand sie nicht. Nur ein paar todestraurige Augen in einem blassen Gesicht sah sie deutlich auf sich gerichtet, und sie meinte, den Schmerz nicht zu überleben. Trotzdem bewegte sie sich ruhig wie immer. Ihre Lippen sprachen ihren Dank beim Scheiden aus, und nachdem auch das überwunden, wanderte man den sonst so vertrauten, wohlbekannten Bergweg entlang.
Sie fand sich nicht mehr zurecht. Lag denn ein dichter Nebel heute über aller Welt? Trennte der sie auch von ihrem Begleiter, der stumm neben ihr herging? Oder trennten ihre eigenen Worte sie nun für alle Zeit von dem, dem sie immer und immer hätte nahe bleiben mögen?
Die übrige Gesellschaft war weit voraus; schon näherte man sich dem Ziel.
Am Kreuzweg, wo die grünen Tannen den Blick ins Tal verdeckten, blieben die beiden stehen. »O Hanni,« rief er, und der Schmerz machte seine tiefe Stimme unsicher, »es ist zu schwer, so zu scheiden! Wie anders hatte ich’s mir gedacht! – Und doch darf ich mein Wort nicht brechen. Wissen Sie noch? Sie waren ein kleines Mädel und sagten so voll Zutrauen: ›Um etwas, was ich nicht dürfte, würden Sie mich doch niemals bitten?‹ Ich versprach es ohne eine Ahnung, wie Schweres ich auf mich nahm. – Was soll nun werden?«
Welch ein Glück, daß er in seiner klaren, schlichten Männlichkeit sie für so viel fester hält, als sie ist. Hätte sie in diesem Moment überwältigenden Trennungswehs die Kraft gehabt, zu widerstehen, wenn er sie überredet hätte?
Sprechen kann sie nicht, die Kehle ist wie zugeschnürt. Aber aus ihrer Tasche zieht sie das Blatt mit den blauen Blumen. Der Rand mit der Kritzelei ist abgeschnitten, aber in der Ecke steht geschrieben: »Suchet, so werdet ihr finden.«
Flehend sehen ihre Augen zu ihm auf, als er die Worte liest. Da kann er nicht widerstehen. »Ein einziges Mal muß ich Ihnen sagen, was Sie mir sind,« ruft er, und seine Lippen berühren ihre goldenen Haare, während sein Arm sie fest an sich zieht. – Dann, den Talisman in seiner Tasche bergend: »Ich will’s ja versuchen – ganz gewiß!«
»Hanni, es wird hohe Zeit; wo bleibst du?« rief es von unten, und schnell strebten die Nachzügler dem Ziel entgegen. Wie gut, daß bei der Erregung und dem Wirrwarr der Abreise jedermann mit sich selbst und seinen Angelegenheiten zu tun hatte; so bemerkte niemand, daß die zwei in einer anderen Welt lebten und nichts von dem Getriebe sie berührte.
Der Zug setzte sich in Bewegung, und dahin flog all das, was einem so lieb geworden. Erst grüßten noch Schneehäupter und riesige Tannen die Scheidenden, dann lachte der tiefblaue Starnberger See sie an und versuchte einen Widerschein der Freude auf blassen Gesichtern zu erwecken – zuletzt verschwanden auch die letzten zarten Umrisse der Spitzen und Zacken, und mit einem Seufzer aus tiefster Brust empfanden sie: die Bergwelt lag hinter ihnen.
23. Kapitel.
Stille Zeiten.
»Ach, Kinder, seid ihr wirklich da? Das ist ja zu schön. Ich meinte, es würde noch lange dauern. O, o die Hitze! Aber nun wird’s ja besser. Ach, Hanni, deine schöne, kühle Hand! Nein, wie ich mich freue!«