Handfertigkeitsbuch für junge Mädchen
Part 2
Der Gipfel der Tanzstundenfreuden ist der Maskenball. Ist das Kostüm selbst entworfen und selbst genäht, so ist der Spaß besonders groß. Nun fehlt nur noch die +Maske+, die man ebenfalls ohne viel Mühe und Kosten selber herstellen kann. Das Grundmaterial besteht aus einem dünnen Seidenrest in entsprechender Größe. Man schneidet den Stoff nach der Zeichnung (Abb. 1) aus, den Schnitt stellt man selber her, indem man etwas über Kopfhöhe an der Wand ein Stück Papier mit Reißnägeln befestigt. Nun setzt man sich zwischen die Lampe und das an der Wand angeheftete Papier so weit entfernt, daß der Schatten des Profils in natürlicher Größe darauf fällt. Eine zweite Person umzieht nun den Schatten, der auf das Papier fällt, mit Bleistift. Der so entstandene Schnitt wird sauber nachgezeichnet. So entsteht der Maskenschnitt, der immer wieder verwendet werden kann. Er wird mit Ölpauspapier oder mit Kreide auf den Seidenstoff übertragen, die Seide wird mit der Schere ausgeschnitten und gesäumt. Nun hält man sich die Maskenform vor das Gesicht und zeichnet mit Kreide die Augenlöcher ein, die ebenfalls mit einer Schere ausgeschnitten werden. Nagelscheren eignen sich ihrer gebogenen Form wegen am besten für runde Öffnungen. Die Augenlöcher werden mit Langettenstich umsäumt, der Seidenstoff wird mit weißem Schleierstoff abgefüttert; ein Gummiband hält die Maske am Hinterkopf zusammen, es wird an den beiden äußersten Seiten fest angenäht. Wer die Maske besonders reich verzieren will, umnähe die Augenlöcher und den Rand mit Pailletten. Es ist empfehlenswert, beim Säumen sehr feinen besponnenen Blumendraht einzunähen, damit die Maske festere Umrisse bekommt. Den unteren Rand der Maske kann man mit entsprechend breiter Spitze benähen, sie verhüllt noch besser und erschwert das Erkennen. Am geschmackvollsten sind schwarze Masken mit entsprechend schwarzer Spitze; auch grüne Masken sehen hübsch aus, wenn sie zur Farbe des Kostüms passen. Wenn die Spitze nicht dieselbe Farbe wie der Seidenstoff hat, läßt man sie lieber fort, nur schwarze Spitze kann schließlich für jede farbige Maske verwendet werden, sie paßt indessen nicht zu Weiß. Wer sich besonders unkenntlich machen will und keine passende Spitze zur Verfügung hat, kann einen Volant aus dem Maskenstoff anfertigen und mit kleinen Stichen annähen; dieser Vorhang darf nicht nach kurzem Tragen der Maske abreißen, dasselbe gilt für die Spitze.
2. Handwebereien
Die +Hand+-, besonders die +Perlweberei+ ist eine der beliebtesten Techniken, weil ihre Vielseitigkeit es ermöglicht, allerlei nützliche Gegenstände in dieser ziemlich einfachen Weise zu verzieren. Es gehören indessen scharfe Augen dazu, sehr viel Geduld und eine gewisse Fingerfertigkeit, die man sich aber mit einigem guten Willen aneignen kann. Wer keinen Webeapparat besitzt, kann ihn ohne viel Schwierigkeiten, fast kostenlos, selber herstellen.
Eine einfache +Zigarrenkiste+, +Fäden+ und +Reißnägel+ bilden das Hilfsmaterial; damit kann man mit Leichtigkeit kleinere Gegenstände, zum Beispiel +Achselträger+, +Gürtel+, +Hutbänder+ und +Serviettenringe+ weben. Man schneidet Längsfäden in der gewünschten Länge, und zwar einen Faden mehr, als man Perlen in der Breite haben will. Diese Fäden werden an einem Ende verknotet, über die Zigarrenkiste gespannt und mit Reißnägeln befestigt, wie wir es auf der Abb. 2 deutlich zeigen. Damit die Fäden nebeneinander liegen bleiben, ritzt man mit einem Messer kleine Kerben in entsprechenden Abständen in das Kistenholz. Nachdem die Breite des Perlbandes festgestellt worden ist, zieht man entsprechend viel Perlen auf, verknotet den Anfangs-Aufziehfaden an einen Längsfaden, legt die aufgezogenen Perlen +auf+ die Längsfäden, und zwar in der Art, daß jedesmal eine Perle zwischen zwei Längsfäden liegt. Dann fährt man mit der Nähnadel +unter+ dem Längsfaden wieder durch jede Perle hindurch. Die Muster entstehen durch die verschiedenen Farben der einzelnen Perlen, und es kommt nun darauf an, bei der Farbenzusammenstellung einen recht guten Geschmack zu zeigen. Außer +Glas+- und +Metallperlen+ kann man auch +Holzperlen+ verwenden. Auf unsrer Abb. 3 zeigen wir ein paar sehr feine +Achselträger+ aus weißen Glasperlen, die in der beschriebenen Art hergestellt worden sind. Sie sind sehr praktisch für Tanzstunden- und leichte Sommerkleider, die silbrig glitzernden Perlen wirken durchaus geschmackvoll, gar nicht auffällig, buntes Perlmaterial darf man für diesen Zweck nicht verwenden, farbige Achselträger würden bestimmt unfein aussehen. An jedem Achselträger wird an beiden Enden je ein Perlmutterknopf zum Befestigen angenäht. Auf dem nächsten Bilde sehen wir einen +Lacetgürtel+, der aus schildartigen Teilen besteht, die über Lacetband gewebt sind. Diese Schilder sind in drei Farben gehalten, die geschickt zueinander abgestimmt werden müssen. Bevor man einen solchen Gürtel webt, muß man genau wissen, für welches Kleid er bestimmt ist; man kann ihn hell, man kann ihn auch dunkel halten. Für dunkle Kleider soll man keine hellen Gürtel wählen, auch nicht dunkle Gürtel zu hellen Kleidern tragen. Aus diesen verschiedenen Gründen müssen die Farben vor der Herstellung sehr genau überlegt werden. Sehr fein sind Zusammenstellungen wie zum Beispiel Schwarz-Orangegelb-Weiß, Türkis-Orangegelb-Grau, Pfauenblau-Giftgrün-Schwefelgelb, Grasgrün-Weiß-Orangegelb, Lachsrosa-Grau-Weiß, Schwarz-Kobaltblau-Weiß, Tiefveilchenblau-Giftgrün-Weiß, Ocker-Tütenblau-Türkis. Rot ist so sehr auffallend, daß es lieber nicht oder sehr sparsam verwendet werden soll, Hellblau und Hellila sind ebenfalls ungeeignet für diesen Zweck. Wer besonders hübsche Muster weben will, achte auf die einfachen Kreuzstichmotive, die sich dafür stets eignen dürften, besonders, wenn man im Anfang zu leichten Übungszwecken solche Kreuzstichmuster auseinandernimmt oder auf andere Weise vereinfacht.
Das zweite Modell auf unsrem Bilde (Abb. 4) ist ein handgewebter +Gürtel+, der auch als +Hutband+ verwendet werden kann. Er besteht aus Wollfäden und ist ebenfalls auf der Zigarrenkiste in der angegebenen Art hergestellt. Das Muster eignet sich auch recht gut für Perlenweberei; es sind vier Töne, die sehr geschickt nebeneinandergesetzt sind; der tiefste Ton ist lila, daneben steht Grasgrün, alles übrige ist kirschrot und dottergelb. Die Technik ist dieselbe, die Verwendbarkeit des Streifens sehr vielseitig, er kann unter anderem auch als +Kleiderbesatz+ benutzt werden; in diesem Fall muß er recht schmal gehalten sein und in den Farben dem Stoff sehr geschickt angepaßt werden. Wer mit der Technik gut Bescheid weiß, kann von diesen einfachen Anfängen zu größeren Arbeiten übergehen. Handgewebte +Kissenplatten+ und kleine +Wandteppiche+ sind sehr beliebt und werden, wenn die Muster geometrisch gehalten sind, nicht so schnell unmodern wie andre Handarbeiten, besonders, wenn man kräftige, unvermischte Töne geschickt nebeneinandersetzt. Auf dem kleinen Zigarrenkistenapparat kann man große Gegenstände nur dann herstellen, wenn sie aus kleinen, dem Miniaturwebeapparat entsprechenden Stücken bestehen, die dann zusammengenäht werden.
Während für Perlwebereien dünne Fäden aufgezogen werden müssen, kommt bei Wollwebereien ein stärkeres Material, zum Beispiel Bindfaden, in Betracht. Das gilt auch, wenn mit Seidenkordel gewebt werden soll. Man stopft das Muster zwischen den Fäden, in dieser Art ist das +Band+ auf unsrer Abbildung ausgeführt.
3. Buntstickereien
Wenn man moderne Handstickereien mit solchen früherer Jahre vergleicht, vor allem mit den sogenannten „Augenpulvern“ unsrer Mütter und Großmütter, so können wir mit Leichtigkeit feststellen, daß die Handarbeiten der letzten Moden, was Technik, Grundstoff und Ausführung anbelangt, großzügiger, einfacher und dekorativer geworden sind. Und wenn wir auch, dem Geschmack der Zeit folgend, vielfach die Ideen zu unsern Mustern einer Epoche entnehmen, die in betonter Einfachheit und Gefühlseligkeit förmlich schwelgte, so borgen wir uns doch schließlich nur den vielfach veränderten Stil und die Farben; die komplizierte Technik dieses mühseligen Stich-an-Stichreihens entspricht kaum mehr unserm modernen Empfinden, und darum vereinfachen wir die Technik und die Muster. Sticken ist heutzutage kein Mittel mehr, um die überflüssige Zeit totzuschlagen, +gute+ Handarbeiten werden immer teurer, ihr Wert steigert sich durch den Wettbewerb mit billigem Dilettantismus.
Auch wir Modernen sticken bunte Blumenkränze und farbenfröhliche Sträuße mit glänzender Seide, aber wir verwenden keine zeitraubenden dünnen Fäden, wir bevorzugen +starke+ Seidenfäden, die schnell decken, wir können uns nicht gar so lange bei einer Blume, bei einem Blatt aufhalten wie die Stickerinnen früherer Jahrzehnte.
Während man früher farbige Muster mit den größten Ausmaßen, zum Beispiel Vorhänge mit feinsten Seidenfäden stickte, verwendet man jetzt zu verhältnismäßig kleinen Arbeiten, zu Taschen, Beuteln, Kinderhäubchen, Nähkissen, Nähbüchern, Tabletteinlagen und so weiter möglichst starkfädiges Stickmaterial.
Darum hat die Wollstickerei ganz besonderen Anklang gefunden, während die Arbeiten mit buntem feinen Garn kaum mehr verwendet werden. Dagegen verarbeitet man vielfach Wolle in Verbindung mit Seide und erzielt dadurch recht gute Wirkungen mit verhältnismäßig wenig Mitteln.
Was die einzelnen Formen der Muster anlangt, so gilt das ungeschriebene Gesetz nicht mehr, das einstmals forderte: „Der Grundstoff muß vollständig von der Stickerei bedeckt sein!“ Im Gegenteil, besonders bei größeren Handarbeiten findet man häufig eine Art „gesperrte“ Technik, der man die Absicht, Zeit zu sparen, deutlich ansieht. Solch eine Stickerei wirkt, wenn sie technisch einwandfrei ausgeführt ist und wenn Grund- und Stickmaterial geschmackvoll zueinander abgestimmt sind, häufig fast skizzenhaft, betont flüchtig, ohne an Wirksamkeit einzubüßen.
Als Farben des Stickmaterials kommen ständig neue Töne, gebrochen und ungebrochen, in den Handel, eine Seide leuchtender und waschechter als die andere, eine Wolle weicher und vollfädiger als die andere, und auch die Stoffe, die als Grundmaterial zur Verwendung gelangen, werden immer mehr darauf eingerichtet, die Wirkung der Stickerei zu unterstreichen, vor allem aber auch die Arbeitsdauer so viel wie möglich einzuschränken. Selbst die kleinsten modernen Handarbeiten tragen unsichtbar, aber leserlich für die Eingeweihten, das Motto: Zeit ist Geld.
Wir zeigen auf unserer Abb. 5 eine Anzahl solcher Handarbeiten, deren Herstellung in diesem Sinne durchaus zu empfehlen ist.
Die verschiedenen kleinen Täschchen können leicht aus Resten hergestellt werden, nur das gestickte +Kissen+ unsrer Vorlage erfordert ein größeres Stück Stoff. Hier ist karmoisinrotes Tuch in der Größe von 32: 51 Zentimeter verwendet. Die Ecken sind mit blätterartigen Figuren bestickt, die aus einem Kelch hervorzugehen scheinen. Sie sind in bunter Wollstickerei und meist im schrägen Plattstich ausgeführt. Die Ecken zieren starke Quasten. -- Sehr gut wirkt der aus feinem weißen Waschtüll gearbeitete +Kaffeewärmer+ (im Vordergrund links). Die untere Breite mißt ungefähr 36, die Höhe etwa 32 Zentimeter. Die Zeichnung überträgt man am besten mit Blaustift auf festes weißes Papier und heftet sie dem Tüll unter; die begrenzenden Linien lassen sich auf diese Weise leicht einziehen. Größere Blumen und Flitter werden noch mit Twist oder Glanzgarn in verschiedenen Stichen ausgeführt. In die Verbindungsnaht wird ein schmaler 3 Zentimeter breiter Tüllvolant mit eingefaßt; eine Tüllrosette dient zum Anfassen. Die Grundform ist mit einfarbigem Seidenstoff überzogen. -- Zu dem reizenden +Arbeitstäschchen+ (rechts vom Kaffeewärmer) braucht man ein Stückchen Rohseide oder feines gelbliches Leinen von 18 Zentimeter Breite und 31 Zentimeter Länge. Von dieser werden 9 Zentimeter zur Tasche umgeschlagen. Den Deckel ziert eine Stickerei in bunter Wolle. Nachdem das Satinfutter angebracht ist, wird das Ganze mit zwei Fäden grüner Wolle eingestochen, über die sich dann noch solche von roter Wolle legen. Einen besonderen Ausputz bildet der 11 Zentimeter lange und 4 Zentimeter breite Zipfel, der einem alten Siegel nachgebildet ist und das Täschchen zugleich schließt. Zu diesem Zwecke muß ein Knopf auf der unteren Seite angebracht werden. -- Auch der aus schwarzem Tuch hergestellte +Taschentuchbehälter+ (rechts vor dem Kissen) ist sehr geschmackvoll. Er mißt 19 Zentimeter im Quadrat; die Ecken werden hereingeschlagen und mit kornblumenblauer Wolle bestickt. Drei Ecken werden durch Zierstiche -- Bäumchen- oder Languettenstiche -- zusammengefügt; die vierte dient als Schluß und wird mit einer Schlinge versehen. Zuletzt wird die Arbeit mit blauer Seide gefüttert und an den Ecken werden kleine blaue Bällchen angebracht. -- Das niedliche andere +Arbeitstäschchen+ (an der äußersten rechten Ecke unseres Bildes) ist 12 Zentimeter im Quadrat groß, erfordert also einen Streifen Tuch von 12 Zentimeter Breite und 24 Zentimeter Länge. Auf der oberen Seite ist eine bunte Wollstickerei angebracht; grüner Vorstoß umrandet das aus blauem Tuch angefertigte Täschchen, das zuletzt mit grüner Seide gefüttert und mit blauen Bändern gebunden wird.
4. Das handbestickte Kleidungsstück
Das +handbestickte Kleidungsstück+ erfreut sich besonders bei der Jugend einer meist berechtigten Beliebtheit. Jungen Mädchen macht es Freude, ihre Schürzen, Blusen, Kleider, Gürtel, Taschen, Mützen und so weiter selber zu besticken; häufig entwerfen sie selber die Muster dafür und geben sich viel Mühe, mit einem großen Aufwand von Zeit und Kosten diese eigenen Entwürfe auszuführen.
Gerade diese selbstentworfenen Muster und ihre Farbenzusammenstellung wirken häufig sehr dilettantenhaft; man wundert sich oft, wie viel Geschmacklosigkeiten auf einem einzigen Stück vereinigt sind. Da sieht man naturalistische Rosen und Veilchen, zu einem Strauß geordnet, und all dies auf eine Bluse gestickt, als ob es sich um ein altmodisches Sofakissen handelte. Und naturalistisch gehaltene Weinranken auf einem Gürtel, und große Schmetterlinge auf einem Kleid! Etwas Ähnliches haben wir alle schon erlebt.
Wie lächerlich wirkt solch unverstandenes Kunstgewerbe auf den Kenner. Geometrische Figuren sind für solche Ornamentik empfehlenswerter, indessen wird auf diesem Gebiet wieder häufig der Fehler gemacht, daß die Muster dadurch viel zu langweilig werden, und der Fehler wird noch größer, wenn man versucht, die Eintönigkeit der Ornamente durch krasse Farben zu vermindern. Diese Wirkung ist noch schlimmer, als wenn man eine Bluse mit Lilien bestickt, „weil es die Lieblingsblumen der Trägerin sind“.
Wer beim Besticken der einzelnen Kleidungsstücke einen guten Geschmack zeigen will, bringe nur stark vereinfachte Formen und Linien. Gewiß können Blumen und Schmetterlinge als Vorbild dienen, aber die Formen müssen so lange auseinandergenommen werden, die Linien sollen so stark stilisiert, das heißt vereinfacht sein, daß man bestimmt nicht mehr erkennen darf, woher die Motive stammen. Auch die Farben müssen dementsprechend verändert werden, und bei der Auswahl des Stickmaterials sei man stets darauf bedacht, daß ein Kleidungsstück keine Tischdecke, kein Sofakissen, kein Kaffeekannenwärmer ist. Kleidungsstücke, die dem Witterungswechsel ausgesetzt sind -- auch Handtaschen gehören in dieses Gebiet --, müssen unbedingt wasch- und regenecht bestickt werden; unecht bestickte Hüte, die in den Regen kommen und tüchtig abfärben, können einen ganzen Anzug, von Kopf bis zu Fuß, gefährden.
Am besten ist es, die Handarbeit auf einem Kleidungsstück in möglichst bescheidenen Grenzen zu halten, häufig genügen einige feine Zierstiche, um es geschmackvoll zu schmücken. Wer aber durchaus mit Ornamenten prunken möchte, dem zeigen wir obiges handbesticktes Überziehjäckchen aus rotem Stoff mit farbiger Handstickerei (Abb. 6), das mit seiner sparsamen, vornehmen Ornamentik durchaus mustergültig ist. Hier sehen wir, wie hochrotes Tuch, das doch stets sehr schwierig in der Verarbeitung ist, geschmackvoll und nützlich verwendet wurde. Es ist in einzelne Teile aufgeteilt, die mit Zierstichen verbunden sind; bestickte Knöpfe und zwei aufgesetzte, ebenfalls handbestickte Taschen bilden den Hauptschmuck. Statt der Knopflöcher wurden geschürzte Ösen als Verschluß angebracht. Auf den Taschen sehen wir außer den umrandenden Zierstichen flachgestickte Ornamente, die aus Rosenknospen und Blättchen umgewandelt worden sind, das heißt, man sieht dies nur, wenn man sich sehr bemüht. Die Knospe und die Blätter sind auf den Kopf gestellt, vor allem aber stark stilisiert. Das „Auf-den-Kopf-Stellen“ genügt nämlich nicht, um ein Ornament für solchen Zweck geeignet zu machen, dazu gehört schließlich doch etwas mehr. Auch die Farben sind nicht naturalistisch. Die Muster sind weiß gehalten, mit Grau und Blau umrandet. Alte und neue Zierstiche sind für dieses Überziehjäckchen zu Hilfe genommen worden, um ihm eine persönliche Note zu geben, ein Verfahren, das sehr zu loben ist, wie überhaupt unsere hübschen Zierstiche viel mehr verarbeitet werden sollten.
Hoffentlich wird unser gutes Beispiel dazu beitragen, noch mancherlei Irrtümer auf diesem Gebiet zu beseitigen oder ungeschehen zu machen.
5. Kreuzsticharbeiten
Zu den bekanntesten Handarbeitstechniken gehört der Kreuzstich. Daß er sich auch in früheren Zeiten schon einer großen Beliebtheit erfreute, davon zeugen u. a. die prachtvollen farbigen Meßgewänder in den Klöstern des Mittelalters; welch künstlerische Wirkungen wurden da durch den Kreuzstich in seinen originellen Varianten -- Rosenstich, Augenstich -- erzielt! Nachdem ihn verschiedene andre Techniken verdrängt hatten, kam er in der Biedermeierzeit wieder zu Ehren, eignete er sich doch wie kein andrer Stich zur Verarbeitung der farbenfröhlichen, naiven Muster jener Zeit. Ja, der Kreuzstich war weltlich geworden, aber obgleich er immer noch vielfach zu kirchlichen Zwecken verwendet wurde, fand man die hübschen Kreuzsticharbeiten mit der bunten Ornamentik doch zumeist in den besseren Bürgerhäusern. -- Die Gegenwart, die so viel aus den Tagen der Biedermeierzeit entlehnt, brachte auch die Kreuzsticharbeiten wieder in Aufnahme. Stark modernisiert und stilisiert, den heutigen Begriffen und Bedürfnissen angepaßt, erkennen wir die anmutigen Motive in sichtbar veränderter Form kaum wieder.
Während man sonst auf groben, löchrigen Geweben -- im Mittelalter verwendete man sogar Hanf und Leder -- den Kreuzstich arbeitete, wird jetzt meist Seide und mehr oder weniger starkes Leinen gewählt. Am beliebtesten sind die bunten Rupfenarten, Leinwand, die in den feinsten Nuancen und in reicher Auswahl eingefärbt ist.
Wir bringen verschiedene Kreuzstichmuster, die mit einigem Geschick selbst von ungeübten Händen nachgemacht werden können, und deren Herstellung mit wenig Kosten verknüpft ist. Wir sehen in Abb. 7 ein modernes Ornament, das, nach rechts und links angesetzt, eine außerordentlich wirksame Borte ergibt. Durch Spieglung sind wir in der Lage, das Muster auf seine vielfache Verwendbarkeit hin zu prüfen. Wir können es sowohl zur Verzierung von Gürteln als auch von Decken und Kissen verarbeiten. Es eignet sich zum Schmuck für Kinderkleider, Theaterhauben, für elegante Blusen und Schürzen. Als einfaches Ornament, wie wir es hier im Bilde sehen, läßt es sich als Mittelstück für Kissenplatten in Hochformat verwerten. Man hält es am besten in drei Farben, die man dem Hintergrund harmonisch anpaßt. Sehr dekorativ wirkt die Stickerei in Schwarz, Orange und Grün auf kobaltblauem Grund, ganz gleich, ob es sich um seidenes oder leinenes Material handelt. Auf Leinen stickt man am besten mit Perlgarn, dessen Stärke sich nach der Gewebeart richtet. Zur Ausführung verwendet man, wie bekannt, Kanevas oder Kongreßstoff, ihre Fäden werden, wenn die Arbeit vollendet ist, wieder herausgezogen. Abb. 8 stellt eine Bordüre dar, die zum Schmuck von großen waschbaren Portieren und Vorhängen aller Art zur Verwendung gelangt, zum Beispiel für Vorhänge auf Balkone, Loggien, in Schlafzimmern, Dielen, vor Bücherregalen und anderen. Unser Originalmodell ist in Schwarz, Zinnoberrot und Zitronengelb auf cremefarbenem Grund gestickt und kann je nach Belieben und Zweckdienlichkeit in großem oder kleinem Format ausgeführt werden.
In Abb. 9 sehen wir das Muster für eine kleinere Mitteldecke, die am besten auf nicht zu starkem weißen Leinen ausgeführt wird. In Zinnoberrot, Grün, Violett und Schwarz ist die Stickerei gehalten, doch überlassen wir es dem Geschmack unserer Leserinnen, eine andere Farbenwahl zu treffen.
Wer die Arbeit als Nähtischdeckchen oder Kissenplatte verwenden will, dürfte sich am besten für grellfarbiges Grundmaterial -- Seide oder Leinwand -- entscheiden. Auf kobaltblauem Hintergrund steht sehr gut: Weiß, Giftgrün und Orangegelb, auf scharfem Grün: Zinnoberrot, Schwarz und Hellkobaltblau, auf Orange: Schwarz, Weiß und Giftgrün. Beliebig wiederholt, ergibt unsre Vorlage ein sehr originell wirkendes Füllmuster, das besonders für starke Stoffarten in Betracht kommt und für Abend-, Garten- und Dielendecken sehr zu empfehlen ist.
Abb. 10 zeigt ein +Flächenmuster+, das sich auch für +Perlstickerei+ eignet. Dieses Muster kann sehr vielfach verwendet werden, so zum Beispiel für +Bänder+, +Gürtel+, +Borten+, +Kinderhäubchen+ und +Kleider+, +Taschen+, wenn man nur einen Streifen davon benutzt, sonst paßt es für +Gartentischdecken+, +Vorhänge+ und +Kissen+. Unser Modell ist schwarz, kobaltblau, giftgrün, mit weißem Mittelpunkt auf weißem Grund gehalten.
Das fünfte Muster (Abb. 11) eignet sich am besten für +Kissen+ in drei Farben, zum Beispiel Schwarz, Kobaltblau und Orangegelb. In Wolle ausgeführt wirkt es sehr stark, man kann es auch für +Fußbänke+, +Fußkissen+ und kleine +Vorleger+ benutzen.
Der sechste Entwurf (Abb. 12) eignet sich auch sehr gut für +Filettechnik+, ein Füllmuster von vielfacher Verwendbarkeit. In Wolle gestickt empfiehlt es sich für +Vorhänge+, +Decken+, +Kissen+, +Vorleger+ und +Mappen+, in Seide ausgeführt paßt es besser für kleinere Gegenstände, zum Beispiel +Taschen+, +Nähkissen+, +Briefmappen+. Es besteht eigentlich aus zwei Teilen, verwendet man die rechte oder die linke Seite einzeln, so entsteht ein Motiv zur Verzierung von +Häubchen+, +Gürteln+, +Mützen+, +Blusen+; setzt man dieses Motiv nach oben und unten fort, so entsteht eine +Borte+, die stehend und liegend verwendet werden kann. Solche Borten eignen sich für +Decken+, besonders aber für +Gürtel+ und +Kinderkleidung+. Je nach dem Hintergrund stickt man die Arbeit in zwei bis drei Farben; eine gute Wirkung erzielt man, wenn das Muster in Kobaltblau und Giftgrün auf schwefel- oder orangegelben Grund gesetzt wird.