Handbuch der Pharmakognosie

Part 12

Chapter 123,000 wordsPublic domain

Daß man Arzneipflanzen nicht zu jeder beliebigen Zeit einsammeln dürfe, war also schon den Alten bekannt. Die Rhizotomen (s. Geschichte) wußten auf diesem Gebiete offenbar gut Bescheid, doch hat ~Theophrast~, der selbst einige Regeln über das Einsammeln der Wurzeln und Früchte gab, sicher Recht, wenn er meint, daß von den Vorschriften der Rhizotomen und Pharmakopolen «einiges zweckmäßig, anderes marktschreierisch», und man kann hinzufügen, noch anderes auf Aberglauben beruhend ist. Die Rhizotomen gaben nämlich nicht nur Vorschriften über die Zeit der Einsammlung -- welche Pflanzen bei Nacht, bevor die Sonne darauf scheint, welche bei Tage zu graben sind, sondern erachteten auch manchen Hokuspokus dabei für erforderlich: _Thapsia_ solle man mit Öl gesalbt vom Winde abgewandt graben, vor der Einsammlung der _Nießwurz_ solle man Lauch essen, beim Graben der _Kentauris_ (_Centaurea Centaur._) müsse man sich vor der Weihe hüten.

«Auch den _Mandragoras_ (vgl. Fig. 62) solle man dreimal mit dem Schwerte umziehen und gegen Abend gewandt abschneiden; ein anderer aber solle rings um ihn her tanzen und viel von Liebeswerken reden. Gleicherweise solle man beim _Kümmel_, wenn man ihn sät, Lästerungen reden. Auch um die schwarze _Nießwurz_ solle man einen Kreis beschreiben, sich gegen Mittag stellen und beten und sowohl rechts wie links auf den Adler acht geben, denn er bringe dem Grabenden Gefahr; käme er ihnen nahe, so stürben sie in demselben Jahr.»«Das alles», sagt schon ~Theophrast~, «scheint ungereimt zu sein».

Doch spielt das mit geheimnisvollen Zeremonien umgebene Graben und Verarbeiten von Heil- und Giftpflanzen auch im Volksaberglauben der nördlichen Völker noch in viel späterer Zeit eine große Rolle (vgl. z. B. ~Macbeth~).

Durch ~Paracelsus~ ist die Beziehung der Einsammlung zum Stande der Gestirne betont worden und bei ~Schröder~ finden wir ein sehr langes Kapitel, in dem diese Beziehungen auf das ernsthafteste eingehend behandelt werden. Für die Einsammlung gibt nämlich ~J. Chr. Schröder~ in seiner +Pharmacopoea medico-physica+ 1641 (s. oben) auf astrologische Erwägungen gegründete Vorschriften in dem Kapitel, das überschrieben ist: «de colligendi tempore secundum influentias particulares». Für die Einsammlungszeit ist die Stellung der Gestirne, die Nativitätsstellung, maßgebend. «Tempus colligendi nativa influentiarum siderearum ratione censetur aptius, quo Planeta rei colligendae familiaris in suis fuerit fortitudinibus, idque tanto convenientius judicatur, quanto plures fortitudines Planeta idem obtinuerit.» (Ähnlich in ~Crügener~ +Neu verm. Chymischer Frühling+, sambt einer Astrolog. Continuat. d. Gewächse zu samblen, Nürnberg 1654 u. Chymischer Sommer 1656.) Aber bereits ~Saladin von Ascolo~ bezeichnet diese astrologische Methode des Einsammelns lange vor ~Schröder~ als eine «doctrina speculativa».

~Thurneysser~, ein Anhänger des ~Paracelsus~, schreibt in seinem Kräuterbuche +Historia und Beschreibung Influentischer, Elementischer und natürlicher Wirkungen aller fremden und heimischen Erdgewächse, auch ihrer Subtilitäten+ usw., Berlin 1578:

Verbeen, Agrimonia, Medelger, charfreytags graben hilft dir sehr, daß dir die fraven werden hold, doch brauch kein eisen, grabs mit goldt!

Außerdem muß es liegen bleiben bis Morgentau darauf fällt, der Sammler muß bis Sonnenaufgang dabei bleiben und dann erst es aufheben. Mit Eisen darf es nicht in Berührung kommen.

Aber ganz ist diese Form des Aberglaubens auch heute noch nicht im Volke, selbst von Europa, ausgerottet, wie Gerichtsverhandlungen unserer Tage gelegentlich enthüllen. Und erst recht nicht bei den halbzivilisierten Völkern Asiens. ~A. G. Vorderman~ zeigte (+Planten-animisme op Java+, Teysmannia 1896), wie auch auf Java der Volksglaube einer Beseelung der Pflanze zu finden ist und sich oft in naiver Weise äußert. So wirkt nach javanischem Glauben die Pflanze _Sarcolobus narcoticus_ zwar auf Tiger und Wildschweine giftig, nicht aber auf den Menschen. Wer also diese Pflanze als Tigergift sammeln will, muß die Pflanze zu dem Wahne bringen, daß sie von einer wilden Bestie, nicht aber von einem Menschen gepflückt werde, damit _Sarcolobus_ seine höchste Giftigkeit auch richtig äußere. Der Sammler nähert sich also der Pflanze nachts, auf allen Vieren kriechend und Tierlaute nachahmend! Ist einmal die als Gift benutzte Rinde eingesammelt, so muß man sich hüten, dieses Gift in die Nähe einer Leiche zu bringen, sonst +denkt+ der _Sarcolobus_, er habe bereits seine Schuldigkeit getan und verliert seine Giftigkeit. ~Greshoff~ glaubt, daß gerade bei _Sarcolobus_ die Idee einer Pflanzenseele so ausgeprägt ist, weil diese auf Java in großem Umfange benutzte Giftpflanze oft ihre Wirksamkeit -- auf der Anwesenheit einer harzigen, leicht zersetzlichen, coniinartig wirkenden Substanz +Sarcolobid+ beruhend -- bei längerem Aufbewahren einbüßt und man sich mit dieser wohlbekannten Erfahrung abfinden wollte.

Im Mittelalter hatte man die merkwürdigsten Anschauungen über die Einsammlungszeit. In der wohl aus dem IV.–VI. Jahrh. stammenden Schrift ~Hermetis Trismegisti~ περὶ βοτανῶν χυλώσεως werden z. B. die Arzneipflanzen direkt nach den Sternbildern benannt, in deren Zeichen sie zu sammeln sind, um ihre beste Arzneiwirkung zu üben. Eine Pflanze, die im Mai, wenn die Sonne im Zeichen des Stieres steht, gesammelt werden muß, um wirksam zu sein, heißt «Kraut des Stieres», eine, die im November zu sammeln ist, wenn die Sonne in dem Zeichen des Skorpions steht: «Kraut des Skorpions». So ist _Anagallis_: Kraut des Schützen, _Aristolochia_: Kraut der Fische, _Calaminthe_: Kraut der Jungfrau, _Cyclaminos_: Kraut des Löwen, _Elelisphacos_ (_Salvia_): Kraut des Widder, _Lapathon_ (_Rumex_): Kraut des Steinbock, _Marathron_: Kraut des Wassermann, _Peristereon hyptios_ (_Verbena supina_): Kraut der Zwillinge, _Scorpiurus_: Kraut der Wage, _Symphytos_: Kraut des Krebses. Dann wird an gleicher Stelle auch ein Kraut des Saturn (_Sempervivum_), ein Kraut des Merkur (_Phlomos_ = _Verbascum_), ein Kraut des Mars (_Peucedanus_), ein Kraut der Venus (_Panaces_, _Adiantum_), ein Kraut der Sonne (_Heliotropion_), ein Kraut des Jupiter (_Eupatorium_), ein Kraut des Mondes (_Aglaophotis_) erwähnt.

Gegenüber all diesem Aberglauben ist wieder das, was ~Dioskurides~ vor fast 2000 Jahren über das Einsammeln sagte, von größter Sachlichkeit, es klingt ganz modern.

«Vor allem», sagt er, «ist es notwendig, mit Sorgfalt bedacht zu sein auf die Aufbewahrung und das Einsammeln eines jeden Mittels zu der ihm angepaßten geeigneten Zeit. Denn davon hängt es ab, ob die Arzneien wirksam sind oder ihre Kraft verlieren. Sie müssen nämlich bei heiterem Himmel gesammelt werden; denn es ist ein großer Unterschied darin, ob die Einsammlung bei trockenem oder bei regnerischem Wetter geschieht, wie auch, ob die Gegenden gebirgig, hoch gelegen, den Winden zugängig, kalt und dürr sind, denn die Heilkräfte dieser Pflanzen sind stärker. Die aus der Ebene, aus feuchten, schattigen und windlosen Gegenden sind zumeist kraftloser, um so mehr, wenn sie zu ungeeigneter Zeit eingesammelt werden oder aus Schlaffheit hingewelkt sind. Auch ist freilich nicht außer acht zu lassen, daß sie oft durch die gute Bodenbeschaffenheit und das Verhalten der Jahreszeit früher oder später ihre volle Kraft haben. Einige haben die Eigentümlichkeit, daß sie im Winter blühen und Blätter treiben, andere blühen im Jahre zweimal. Wer hierin Erfahrungen sammeln will, der muß dabei sein, wenn die neuen Sprossen aus der Erde kommen, wenn sie sich im vollen Wachstum befinden und wenn sie verblühen.»

«Die zarten Pflanzen, z. B. _Schopflavendel_, _heller Gamander_, _Polei_, _Eberreis_, _Seebeifuß_, _Wermut_, _smyrnäischer Dosten_ und ähnliches muß man sammeln, wenn sie im Samen stehen, die Blüten aber vor ihrem Abfallen, die Früchte, wenn sie reif sind, und die Samen, wenn sie zu trocknen beginnen vor dem Abfallen. Die Pflanzensäfte muß man bereiten aus den Stengeln, wenn sie eben ausschlagen. Ähnlich verhält es sich mit den Blättern. Die ausfließenden Säfte aber und die Tropfenausscheidungen muß man gewinnen, indem man die Stengel anschneidet, wenn sie sich noch in voller Kraft befinden. Die zum Aufbewahren und zum Saftausziehen, sowie zum Abziehen der Rinde bestimmten Wurzeln sammelt man, wenn die Pflanzen anfangen die Blätter zu verlieren.»

Eine richtige Beobachtung liegt auch der Forderung der Alten zugrunde, daß _Thapsia_ (_Th. Silphium_ und _garganica_) nur gegraben werden dürfe, nachdem die nackten Teile der Haut gehörig eingesalbt worden waren, denn hier konnte der Milchsaft reizend wirken. Auch die Vorschrift, die sich bei ~Macbeth~ findet: «Root of hemlock digg’d i’ the dark» stimmt, wie ~Lander Brunton~ hervorhebt, mit den pharmakophysiologischen Ergebnissen überein.

Daß Arzneipflanzen erst durch eine besondere Weihe seitens der Kirche ihre wahre Heilkraft erhalten, ist in katholischen Gegenden Deutschlands auch heute noch ein allgemein verbreiteter Glaube. Mariä Himmelfahrt (15. August), der Festtag, an dem auf dem Lande die Heilkräuter geweiht werden, heißt im Volke ausdrücklich «Frauenkräutltag»und der Kräutlweih ist ein im XX. (!) Jahrh. verfaßtes, übrigens recht hübsches Gedicht einer katholischen Schriftstellerin gewidmet, die unter dem Namen ~M. Herbert~ schreibt. Es lautet:

Ich ging am Frauenkräutltag Zur Nacht hinaus in tiefem Schweigen. Es war kein Mensch im weiten Rund Und auch kein Sternlein wollt sich zeigen.

So muß es sein! In Nüchternheit Und ganz allein und ungesprochen Seit Mitternacht, da hab ich mir Zur Weih die Kräuter abgebrochen.

Den _Hauswurz_ brach ich, daß er mir Vorm Blitz behüte meine Seele -- Vorm Blitz, der dir im Auge flammt, Daß er mir nicht den Frieden stehle.

Den _Baldrian_ ins Gürtelschloß: Daß ich in Züchten geh’ und Treue, Daß ich im letzten Stündelein Mein leichtes Leben nicht bereue.

Den _Gundermann_ als Zauberschutz, Daß nicht mein Fuß vom Wege irre, Daß nicht um dein geliebtes Haupt Zu häufig der Gedanke schwirre.

Den _Wermut_ übers Einfahrttor, Daß ich das Leben lerne leiden Auch wenn dein Fuß auf ewig wird Des Hauses fromme Schwelle meiden.

Wir haben also keinen Grund, auf den Aberglauben des klassischen Altertums und des deutschen Mittelalters oder den der Naturvölker hochmütig herabzublicken. Er blüht mitten unter uns, entbehrt aber nicht der Poesie.

Die +Behörden+ haben wohl nur selten dem Einsammeln von Arzneipflanzen ihre Aufmerksamkeit gewidmet.

Über das Sammeln der Heilkräuter in Rußland bis zur Zeit Peters des Großen berichtet ~Lachtin~ (Russ. Arch. 1902) und teilt mit, daß es tributartig besorgt werden mußte und sich die Bauern gern der lästigen Pflicht zu entziehen suchten. Unter staatlicher Aufsicht wurden die pflanzlichen Heilmittel in die Apotheken Moskaus abgeliefert. Dies ist der einzige mir bekannte Fall einer +zwangsweisen+ Einsammlung von Heilpflanzen.

~Herzog Ernst der Fromme~ von Sachsen-Gotha erließ 1655 eine Verordnung an seine Forstbeamten, die in den einzelnen Forstbezirken seines Landes vorkommenden «nützlichen Kräuter», d. h. die Arzneipflanzen, zu verzeichnen und nachzuweisen. Auf der Gothaer Bibliothek gibt es zu dieser Verordnung mehrere solcher Verzeichnisse, dazu auch zwei Herbarien von Kräutern «so zur Apothek von nötun», aus dem Bezirk von Heldburg mit 58 verschiedenen Pflanzen und vom Amt Königsberg mit 71 (~G. Zahn~, +Aus Koburg-Gothaischen Landen+ 1903). Beim Nachsuchen werden sich wohl auch in anderen Gegenden noch solche Verordnungen finden.

Eine norwegische Medizinalverordnung vom Jahre 1672 förderte die Errichtung von Kräutergärten bei den Apotheken und Klöstern.

Wie ~Grosier~ 1787 aus China berichtete, wurde der _Ginseng_, den nur der Kaiser sammeln durfte, alljährlich durch eine kaiserliche Armee von 10000 Soldaten eingesammelt, für die eine peinliche Ordnung bestand und die während der sechs Sammelmonate im Freien kampieren mußte.

Die Einsammlung der heiligen _Mistel_ durch die Druiden in Gallien wurde mit großem Pompe durchgeführt (~Chéruel~). «Nil habent», sagt auch ~Plinius~, «Druides visco et arbore in que gignetur, si modo sit robur, sacratius.»

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Die Einsammlung der arzneilich angewendeten Pflanzen und Pflanzenprodukte war ehedem, soweit es sich um +einheimische+ handelte, ausschließlich Sache der Apotheker oder von diesen beauftragter Leute. Heutzutage, wo nur in einigen Gegenden noch der Apotheker selbst sich damit beschäftigt und die Drogen von den Händlern gekauft werden, ist die Einsammlung meist Sache der Drogenhandlungen geworden, die die Landbevölkerung zu dem Geschäfte heranziehen. So werden in jede Drogenhandlung vom Frühjahr bis zum Herbst zahlreiche, meist kleine Posten eingeliefert, die auf dem flachen Lande von den wildwachsenden Pflanzen gesammelt wurden. In +größerer+ Menge werden in Deutschland von wildwachsenden einheimischen Pflanzen jetzt eigentlich nur noch die sogenannten narkotischen Kräuter (_Digitalis_, _Belladonna_, _Conium_, _Hyoscyamus_) und Samen, sowie einige Wurzeln und Rhizome (_Gentiana_, _Filix_, _Calamus_, _Taraxacum_) gesammelt (vgl. im übrigen die Tabellen auf S. 65). Die Einsammlung, meist seit altersher in den Händen einiger Familien, geschieht im allgemeinen zu einer Zeit, die der Höhe der arzneilichen Wirksamkeit des betreffenden Pflanzenteils entspricht, so daß gegen die Art dieser Einsammlung im großen und ganzen nichts einzuwenden ist. Auch vor Verwechslung wissen sich die betreffenden Sammler, trotzdem ihnen eigentliche botanische Kenntnisse abzugehen pflegen, zu bewahren. Langjährige praktische Erfahrung ersetzt hier das wissenschaftliche Verständnis. Immerhin kommen Verwechslungen doch noch da und dort vor. So wird, um nur ein Beispiel anzuführen, vielfach das aspidinhaltige Rhizom von _Aspidium spinulosum_ an Stelle des Filixsäure enthaltenden Rhizoms von _Asp. Filix mas_ gesammelt. Um sich vor diesen Verwechslungen zu bewahren, sollte zwar der Drogist mit ausreichenden botanischen Kenntnissen ausgerüstet sein. Da er es jedoch oftmals nicht oder nur in geringem Maße ist, so liegt es dem Apotheker ob, die von dem Drogisten aus zweiter Hand gekauften Waren auf ihre Identität und Reinheit zu prüfen. Damit er dies kann und sich also vor Benachteiligung oder gar vor schwerem Schaden zu bewahren vermag, muß er pharmakobotanisch gut geschult sein. Jedenfalls darf es der Apotheker niemals unterlassen, die gekauften Drogen einer sorgfältigen Prüfung zu unterwerfen, da es oft genug vorgekommen ist, daß ganz unschuldigen Kräutern giftige beigemengt waren.

«Die Einsammlung der nicht narkotischen Kräuter, Wurzeln, Samen usw. geschieht ebenfalls von der Landbevölkerung. Die «Kräutersammler, Wurzelgräber, Botaníker» -- mit dem Ton auf dem i -- wie sich die Leute nennen, suchen die oft nur ihnen bekannten Standorte der betreffenden Pflanzen zu der Zeit auf, die als die beste durch die Tradition bezeichnet wird. Selten ist es möglich, sie eines Besseren zu belehren, wenn die Zeit, in der sie seit altersher die Droge sammelten, sich vielleicht durch systematische wissenschaftliche Untersuchungen als unvorteilhaft erwiesen hat. Mit der ganzen Zähigkeit, die den Landmann auszeichnet, halten sie an ihren Vorurteilen fest, und es ist um so schwerer, auf diese Sammler durch Belehrung einzuwirken, da sie auch jetzt noch, wennschon in viel geringerem Maße als früher, beim Volke selbst in einem gewissen Ansehen stehen, da ihnen «der Pflanzen Wirkung und Heilkraft» bekannt ist. Sie sind gewissermaßen die Erben der Rhizotomen Griechenlands und der mittelalterlichen Naturärzte und fungieren als solche auch auf dem Lande oft genug noch jetzt.

Ein großes, wissenschaftlich noch wenig bebautes Feld der Drogenkunde ist das, welches sich mit der Frage beschäftigt: +in welchem Monate besitzt die betreffende Droge die größte Menge ihrer wirksamen Bestandteile+? Es ist dies eine Aufgabe der Pharmakophysiologie (s. d.). Erst für eine verhältnismäßig kleine Anzahl Drogen kennen wir den Zeitpunkt ihres maximalen Gehaltes genau und doch ist die Kenntnis desselben das Hauptmoment für die Wahl der richtigen Einsammlungszeit. Auch hier hat freilich der natürliche praktische Sinn und ein gewisses naturwissenschaftliches Taktgefühl mit divinatorischem Scharfblick oft das Richtige +erraten+, was nachträglich durch die Wissenschaft bestätigt wurde (s. oben S. 82). Bei vielen unterirdischen Reservebehältern z. B. verrät sich die Erfüllung mit Reservematerial oft schon durch das pralle Aussehen. Immerhin wird darauf stets Bedacht zu nehmen sein, daß dieselben nur zu der Zeit gesammelt werden, die der maximalen Erfüllung mit Reservestoffen entspricht, also zu einer Zeit, wo sie weder noch nicht vollständig erfüllt, noch bereits zum Teil entleert sind.

Aber auch viele oberirdische Organe, z. B. die Blätter, erreichen nur zu einer bestimmten Zeit das Maximum ihres Gehaltes an bestimmten Stoffen. Durchaus nicht immer fällt dies Maximum mit der Höhe der Entwicklung des betreffenden Organs zusammen. Manche Blätter sind z. B. an Alkaloiden im jungen Zustande reicher als im ganz alten. Doch kann man auch hier als Regel aufstellen, daß das Maximum des Gehaltes bei Blättern kurz vor der Entleerung liegt, die auch das Blatt notwendig bei der Bildung der Blütenteile erfahren muß. Man kann also ganz allgemein sagen, daß, +während für Knollen, Rhizome und Wurzeln die günstigste Einsammlungszeit das zeitige Frühjahr oder der späte Herbst ist, also die Zeit+, wo sie noch nicht entleert oder schon wieder gefüllt sind, +Blätter im allgemeinen kurz vor dem Blühen der Pflanze zu sammeln sind+. Die Dauer der Blütezeit ist meist eine so kurze, daß eine Zeitangabe für die Blüten überflüssig erscheint»(~Tschirch~ in +Real-Enzyklopädie d. ges. Pharm.+).

«Digitalisblätter sind vor der Blütezeit ärmer an wirksamen Bestandteilen als nachher, die Blätter des ersten Jahres daher ganz verwerflich. Ebenso zieht man, wenigstens in England, bei _Hyoscyamus_ die Blätter des zweiten Jahres vor. ~Schroff~ hat (1870) gezeigt, daß _Fructus Conii_ unmittelbar vor der Reife die größte Menge Coniin enthält. Ebenso verdanken wir demselben den Nachweis, daß _Tuber Colchici_ bloß zur Blütezeit der Pflanze kräftig wirkt. _Rhizoma Filicis_ darf nach alten Erfahrungen nur im Spätsommer gesammelt werden. Auch das +absolute+ Alter der betreffenden Teile kommt oft in Betracht. So ist zweijährige oder dreijährige _Radix Belladonnae_ reicher an Atropin als siebenjährige oder noch ältere, was wohl hauptsächlich dadurch bedingt ist, daß dieses Alkaloid vorzüglich der Rinde angehört, welche bei älterer Wurzel weniger in das Gewicht fällt als bei jüngerer; nicht so schwankend ist der Gehalt der Belladonnablätter. Daß manche Früchte und Samen vor der Reife Amylum, später mehr Zucker, Öl und andere Stoffe enthalten, sei gleichfalls erwähnt. Im Safte des _Ecballium Elaterium_ kommt im Juli reichlich Elaterin vor, aber im September fehlt dieser stark drastische Körper darin. _Pfeffer_, _Cubeben_, _Gewürznelken_ sind vor der Reife reicher an ätherischem Öle, _Chinarinden_ können bisweilen arm an Chinin sein oder sogar keines enthalten»(~Flückiger-Tschirch~, +Grundlagen+).

In den Kulturen der Arzneipflanzen, besonders in Cölleda, ist auch die Einsammlungszeit genau geregelt. Leider vertragen die narkotischen Kräuter den Anbau nur schwer ohne Beeinträchtigung ihrer arzneilichen Wirksamkeit. Sie entwickeln sich bei guter Pflege zwar üppiger, verlieren aber an Gehalt. Das liegt hauptsächlich daran, daß die Kultur meist eine ungeeignete ist und nicht genügend Rücksicht auf die natürlichen Wachstumsbedingungen der betreffenden Pflanzen genommen wird (s. oben S. 45).

Die Einsammlung der fremdländischen Drogen ist noch weniger geregelt als die unserer einheimischen. Unter genauerer Kontrolle stehen auch hier nur die Kulturen. Bei besonders wertvollen Drogen, wie z. B. der _Chinarinde_, dem _Opium_, wird auf die Wahl der geeigneten Einsammlungszeit und Einsammlungsart großes Gewicht gelegt. Im allgemeinen geht man aber, besonders in den Bezirken, in denen die Natur in unerschöpflicher Fülle immer von neuem produziert, ziemlich rücksichtslos vor, sowohl was Zeit als Methode betrifft, und da viele fremdländische Drogen nicht aus Kulturen stammen, sondern von den Einheimischen, meist wilden oder halbwilden Völkern, gesammelt werden, so kann es nicht überraschen, daß sowohl in unverantwortlicher Weise dabei vergeudet wird, als auch die Einsammlungsart weder geregelt, noch auf irgend welchen Erwägungen tieferer Art aufgebaut ist. Man sammelt meist, was und wie man es findet, aufs Geratewohl und verarbeitet die Droge auf die roheste Weise. Wieviel z. B. jährlich _Kampfer_, _Aloë_, _Guttapercha_ und _Kautschuk_ vergeudet wird, läßt sich gar nicht in Zahlen ausdrücken. Hier ist ein Punkt, wo die Kolonisationsbestrebungen einzusetzen haben.

Beim Einsammeln der Drogen ist wohl darauf zu achten, daß nur derjenige Teil der Pflanze gesammelt wird, der wirksam ist, daß z. B. die meist wertlosen Stiele krautiger Pflanzen entfernt werden. Wird dies vom Sammler selbst verabsäumt, so muß der Drogist oder Apotheker durch +Auslesen+ das Versäumte nachholen. Nur in den Fällen, wo anhängende Organe gute diagnostische Merkmale abgeben, die der Droge selbst abgehen, läßt man sie daran, wie z. B. bei der _Rad. Hellebori viridis_ und _nigri_ die Wurzelblätter, bei der _Digitalis_ das mitgerissene Stück Stengelepidermis u. a. m.