Handbuch der Germanischen Mythologie
Part 49
Aufsteigt zum andern Male eine frisch ergrünende Erde aus dem Meere. Über schäumendem Wasserfall fliegt der Adler, der an der Felswand nach Fischen jagt. Auf Idafeld finden sich die Asen zusammen und sprechen über die gewaltigen Ereignisse, die geschahen. Dort werden sich auch im Grase die wundersamen goldenen Täflein finden, die einst in Urzeiten die Asen besessen haben. Auf unbesätem Acker wachsen Ähren, alles Böse wird gut, Baldr erscheint. Baldr und Hod bewohnen Odins Siegeshalle, das Heiligtum der Walgötter. Hönir wählt sich den Looszweig, erforscht durch Looswurf die Zukunft; im weiten Himmel wohnen die Söhne der Brüder Odins. Widar und Wali walten im Götterheiligtum, wenn Surts Lohe verlischt; Modi und Magni werden den Mjolnir besitzen, nachdem Thors Kampf beendigt ist. Die Hauptgötter der alten Welt, Odin, Thor, Freyr, Tyr, Heimdall, kehren also nicht mehr wieder, ein jüngeres Geschlecht löst sie ab. Nur Baldr der Gute und Hönir erscheinen auch in der neuen Welt, sonst werden allein die Söhne der Brüder Odins, die Rächer Widar und Wali, und die Söhne Thors genannt. Eine neue Sonne leuchtet; ehe der Wolf sie verschlang, gebar die alte Sonne eine Tochter, welche die Wege der Mutter befährt, wenn die Götter dahin sind. Ein neues Menschengeschlecht wird gross. Lif und Lifthrasir, Leben und Lebenskraft, hatten sich im Stamme des Weltbaumes verborgen und vom Morgentau genährt. Und davon leben die Leute dann. Im goldgedeckten Gimle werden die Guten und Tüchtigen wohnen, wenn der allgewaltige, hehre Herrscher, dessen Name nicht genannt wird, von oben her zum jüngsten Gericht kommt. Von unten her, vom nächtigen Fels, kommt der arge Drache geflogen, Nidhogg, der in der Hölle die Leiber der Bösewichter frass und an der Wurzel der Weltesche nagte.[661] Überm Felde schwebend trägt der auf seinen Fittichen die Leichen. Doch nun muss er versinken.
So verlaufen _ragna rök_[662], die Schicksale der Götter in deutlich gegliederter Reihenfolge. Die Vorzeichen des nahenden Endes äussern sich in Naturerscheinungen und in der Auflösung der sittlichen Ordnung unter den Menschen. Dann bricht der Kampftag an, der den Fall der Götter heranführt. Die Welt endigt im Feuer, aber sie ersteht wieder in neuer, verklärter Gestalt. Jetzt naht der grosse ungenannte Gott zum Weltgericht, die Guten wohnen in ewiger Wonne bei ihm, mit den Leibern der Bösen versinkt der Höllendrache. Die Übereinstimmung mit den christlichen Vorstellungen von den Vorzeichen des jüngsten Tages, vom Weltbrand, von der Welterneuung, vom Weltgericht fällt ohne weiteres in die Augen, sie erstreckt sich bis in Einzelheiten hinein und kann unmöglich auf blossem Zufall beruhen. Die nordische Sage ist ohne die christliche Lehre von den letzten Dingen gar nicht denkbar, sie muss in den letzten Jahrhunderten des Heidentums entstanden sein, als die Nordleute mit den christlichen Völkern in Deutschland und Frankreich, England und Irland in Berührung kamen. Bei den zahlreichen Fällen von Glaubensmischung, welche die Geschichtsquellen im 9./10. Jahrh. bezeugen, ist die Kenntniss christlicher Vorstellungen unter den heidnischen Nordleuten gar nicht unwahrscheinlich. Doch darf keineswegs an eine äusserliche Nachahmung der christlichen Eschatologie gedacht werden, vielmehr liegt darin nur die Anregung zu einer neuen, besonderen, von nordischem Geiste erfüllten Dichtung. Darum ist ebensosehr die Selbständigkeit und Eigenart der nordischen Sage zu betonen.
Durchaus neu und nordisch ist die Auffassung des jüngsten Tages als eines Schlachttages. Zwar bietet die christliche Eschatologie bei der Erscheinung des Antichrists ebenfalls Kämpfe, und eine besondere Sage liess den Elias mit dem Antichrist geradewegs fechten, wie das baierische Gedicht Muspilli und anderweitige Überlieferung[663] beweisen. Jedoch können diese Züge kaum als Vorbild der grossen Götterschlacht gelten. Die Posaune des Engels weckt die Toten zum Gericht auf, in der nordischen Sage ruft Heimdalls Horn zum Kampfe. Wie die Götter in ihrem Aussehen, Thun und Treiben nur veredelte Menschen sind, so beschliessen sie auch ihre Laufbahn, wie es Helden geziemt, auf dem längst vorher bestimmten Kampfgefilde. In ihren teuflischen Gegnern mögen eher christliche Vorbilder nachwirken, da ja, wie das Sprichwort sagt, am jüngsten Tage der Teufel losbricht. Ein unentrinnbares Schicksal schwebt über den Walhallgöttern, der Heldentod, den der kampffrohe Recke sich am Ende seines Lebens wünscht. Sie suchen das Verhängniss aufzuhalten und sind um die Zukunft ernstlich besorgt, aber sie wissen’s auch gross und stark zu tragen, sie fallen stolz und stumm. Über ihren Leichen lodert der Weltbrand.[664] Den Grundgedanken der christlichen Eschatologie, die doch den Menschen zunächst angeht, konnte das Heidentum nicht fassen. Nur die Thatsache des Weltbrandes kehrt wieder, die Handelnden aber sind die Götter, nicht die Menschen. Die Auferstehung klingt in der Sage von Lif und Lifthrasir nach; das Weltgericht ist jedenfalls im gleichen Sinne wie in der christlichen Lehre gedacht, denn die Guten wohnen in ewiger Seligkeit bei Allvater, die Bösen verdammt der höchste Richter mit Nidhogg in die Hölle. Von den Vorzeichen ab, die nur nordischer Natur gemäss auch einen schrecklichen langen Winter hervorheben, verläuft die nordische Eschatologie in allen wesentlichen Punkten gleich mit der christlichen. Wir vermissen einzig eine deutlich erkennbare Nachahmung des Antichrists, bewundern dagegen als nordische Zuthat den Untergang der Götter. Dieser scheint mit bedingt durch das Hervortreten Allvaters. Dass auch einige Götter in der neuen Welt wiederkehren, ist in der sittlichen Auffassung begründet, welche die Gerechten überhaupt der ewigen Seligkeit zuweist. Darum kommt vor allen Baldr zurück. Aber die Herrschaft im neuen Himmel steht nicht mehr bei den Heidengöttern. Es dürfte schwer halten, die unmittelbaren Quellen anzugeben, aus denen die Nordleute schöpften. Das Eindringen der christlichen Ideen mag nach und nach, zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern erfolgt sein. Gelehrte, absichtliche Überführung scheint ausgeschlossen. Vielmehr handelt es sich um allmäliges Bekanntwerden christlicher Vorstellungen, welche die Nordleute auf ihren Fahrten aufzunehmen Gelegenheit hatten. Ernste Gemüter wurden dadurch zum Nachdenken über den heidnischen Glauben angeregt, sie sagten sich von den Opfergöttern los und empfahlen sich einer unbekannten, erhabenen, mächtigeren Gottheit. Dem gleichen Ziele streben die Dichter zu, welche die alten Götter heldenhaft zu Grunde gehen lassen, um nach ihnen auf den starken Herrscher von oben her hinzuweisen, dem alles gehorcht. Am deutlichsten tritt der christliche Einfluss an zwei Begriffen zu Tage, die noch näher betrachtet werden müssen, an _múspell_ und an dem _starken Herrscher von oben_. Múspell legt die Vermutung nahe, dass die Nordleute in Niederdeutschland christliche Anschauungen aufnahmen. Ausserdem mögen namentlich die Angelsachsen manches vermittelt haben.
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Das Wort _mûspilli_[665] begegnet im Altsächsischen und Althochdeutschen in geistlichen Gedichten des 9. Jahrh. Das baierische Gedicht enthält eine Schilderung des Weltbrandes: „Da zieht der Sühnetag ins Land, heimzusuchen die Menschen mit dem Feuer. Da vermag kein Verwandter dem andern vor dem _mûspille_ zu helfen.“ Die Begriffe _stûatago_, Sühnetag und _mûspilli_ decken sich. Im Heliand 2591 wird die Wendung gebraucht: „_mûdspelles_ Macht fährt über die Menschen, das Ende dieser Welt“; 4358 „_mûtspelli_ kommt in düstrer Nacht wie ein Dieb“; gleichbedeutende Begriffe sind _duomes dag_, Gerichtstag, und _the lazto dag theses liohtes_, der jüngste Tag dieser Welt. Die Grundform des Wortes scheint _mûdspelli_, _mûdspilli_ zu sein, im Ahd. mit Ausfall des dentalen Lautes _mûspilli_, der Sinn Weltende durch Feuer, Weltbrand. Die nordischen Gedichte Vǫl. 51 und Lokas. 42 bringen den Ausdruck _múspelz syner_, Múspells Söhne. Darunter sind die Mächte des Verderbens verstanden, welche beim Weltuntergang über die Grenzen Midgards hereinbrechen. Dass auch im Norden mit _múspell_ nicht bloss Weltende überhaupt, sondern Weltbrand gemeint ist, lehrt die Auffassung der Gylfaginning Kap. 4, 5, 8, 11. Dort wird im Süden die Feuerwelt _Muspellsheim_ gedacht, über welche Surtr[666] die Herrschaft hat; in der Hand hält er ein glühendes Schwert und am Ende der Welt wird er kommen und alle Götter besiegen und die Welt mit Feuer verbrennen. Surtr bedeutet der Schwarze. Meines Erachtens ist dieser Feuerriese eine Nachahmung des Teufels, der im Ags. der Schwarze, der schwarze Geist, der schwarze Feind (_se bláca_, _se bláca gæst_, _se swearta féond_) und noch im Mhd. der _hellemôr_ genannt wird. In der mittelalterlichen Vorstellung ist die Hölle ebenso ein eisiger, nebliger, dunkler, wie ein feuriger, flammenerfüllter Ort. Daraus sonderten sich im Norden zwei Welten, die Nebelhölle mit Loki und die Feuerhölle mit Surt. Am jüngsten Tage aber kommen die Teufel los, die bisher zurückgehalten worden waren. Die nordische Anwendung des Begriffes _múspell_ ist natürlich ursprünglich bildlich gemeint, _múspells_ Söhne sind die feindlichen Gewalten, welche den Weltbrand veranlassen, die Feuergeister. Die Gylfaginning nimmt das Bild wörtlich und gelangt so zur Vorstellung einer Welt, wo diese Dämonen bis zu ihrem Hervorbrechen am jüngsten Tage weilen. Dass _Muspellsheim_ und _Niflheim_ an den Anfang der Welt versetzt werden, erklärt sich aus der Lehre von den Elementen, welche der Verfasser dieses Abschnittes mit den älteren Sagen verknüpft. Den Namen _mûdspelli_ finden wir also in Deutschland nur als Glied einer christlichen Vorstellungsreihe, während er zugleich auch der nordischen Mythologie angehört. Daraus wurde vorschnell geschlossen, Wort und Begriff sind urgermanisch, heidnisch und vom Christentum angenommen. _Mûdspelli_ ist zusammengesetzt aus _mûd_ und _spelli_. _Spelli_, _spilli_ ist abgeleitet von as. ags. ahd. _spell_, got. _spill_, Rede, Verkündigung, Weissagung. _Mûd_ aber scheint ein Lehnwort, das lateinische _mundus_. Auf niederdeutschem Gebiet, bei Sachsen oder Friesen wurde _mundus_ zu _mûd_ entstellt in Anlehnung an Wörter wie _mûd_, _kûd_, _gûđ_, für hochdeutsch _mund_, _kund_, _gund_, aus _*mundspelli_ bildete sich _mûdspelli_. Aus Niederdeutschland gelangte der in der frühesten Bekehrungszeit etwa um 700 oder in der ersten Hälfte des 8. Jahrh. geprägte Ausdruck zu den Hochdeutschen und nach dem Norden. _Mûdspelli_ bedeutet, was vom _mundus_ verkündigt, geweissagt ist, Prophezeihung von der Welt. Das Wichtigste und Grösste, was von der Welt verkündigt wird, ist aber das Weltende. Die christlichen Sendboten werden diese Kunde eindringlich den Heiden gepredigt haben. Das Furchtbare ergreift die Phantasie am mächtigsten, das Weltende und seine Vorzeichen beschäftigten im Mittelalter lebhaft den Geist der Menschen. Dass aber ein lateinisches Wort mit einem deutschen verbunden wurde, hat nichts Auffälliges. In der Anfangszeit der Bekehrung besass die deutsche Sprache kein Wort für den umfassenden Begriff _„Welt“_, d. h. Himmel und Erde und was drinnen ist. Denn das altdeutsche _weralt_ heisst Menschheit und nahm erst allmälig in der christlichen Zeit die erweiterte Bedeutung an. Für „Erde“ gab es wol Wörter, aber die genügten nicht, um die Vorstellung, welche das lateinische _mundus_ längst besass, zu erwecken. So mussten die Missionäre zunächst wol oder übel beim lateinischen Ausdruck beharren. Der neue Begriff wurde den Deutschen in Gestalt eines Fremdwortes beigebracht, bis die Sprache nach und nach aus eignem Wortschatz den Gedanken auszudrücken lernte. So scheint also die Wortbildung _mûdspelli_ gar nicht unmöglich und unglaubhaft. Das rechte Verständniss für die Zusammensetzung erlosch wol binnen kurzem, aber das Wort haftete im Sinne von Weltuntergang im Feuer, Weltbrand. So gelangte es nach dem Süden und nach dem Norden.
Von oben kommt der allgewalt’ge Hehre Herrscher zum höchsten Gericht
singt die Seherin, und übereinstimmend lauten ihre Worte im Hyndlaliede 45:
Doch ein Gott wird kommen, noch grösser an Macht, Nimmer wag ich’s, seinen Namen zu melden: Nur wenige können noch weiter sehen, Als Walvaters Kampf mit dem Wolf beginnt.
Vom Wohnsitze dieses Gottes berichtet die Seherin in Strophe 64 der Vǫl.:
Einen Saal seh ich stehen -- die Sonn’ überstrahlt er -- Mit Gold gedeckt auf Gimles Höhen: Dort werden wohnen wackere Scharen Und ein Glück geniessen, das nimmer vergeht.
Nach dieser Stelle wäre Gimle der Name des Berges, auf welchem sich der Saal erhebt, worin die Gerechten in der erneuerten Welt wohnen werden. Dagegen nennt Snorri den Saal selber Gimle, und dies passt auch besser zur Bedeutung des Wortes.[667] Gimle besteht aus an. _gimr_, einem Lehnwort, wie ags. _gim_ aus lat. _gemma_ entnommen, und aus _hlé_, Obdach. Gimle ist also „Edelsteindach“, ein Saal mit goldenem, edelsteinverziertem Dache. Die Gylfaginning im Kapitel 3, wie sie von dem durchaus christlich gedachten ewigen Allvater erzählt, berichtet: „Rühmlicher, als dass er Himmel und Erde machte, ist das, dass er den Menschen schuf und ihm Leben und Seele gab. Der Leib zwar verwest, doch alle die Seelen der Rechtschaffenen werden bei ihm weilen an dem Orte, der Gimle heisst; die Bösen dagegen kommen zur Hel und von dort nach Niflheim, unten in der neunten Welt.“ Weiterhin bemerkt die Gylfaginning Kap. 17 zu Vǫl. 64: „Am südlichen Ende des Himmels ist der Ort, der von allen der schönste ist und glänzender als die Sonne: er heisst Gimle und wird bestehen, wenn auch Himmel und Erde untergehen, und die rechtschaffenen Menschen werden dort in Ewigkeit wohnen. Gangleri fragte: Wer hütet diesen Ort, wenn Surts Lohe Himmel und Erde verbrennt? Har antwortete: So sagt man, dass im Süden über unserm Himmel ein andrer sich erhebt, der Widblain (der weithin Blaue) heisst und über diesem ein dritter, der Andlang (der Entgegengerichtete, vor den Blicken Liegende) genannt wird: an diesem meinen wir, dass jener Ort (Gimle) sich befinde.“ Dieser allgewaltige Herrscher, der vom obersten Himmel herab zum jüngsten Gerichte heranfährt, welcher als der Ewige und Unendliche nach dem Untergang des Zeitlichen und Räumlichen hervortritt, ist der Gott des neuen Glaubens, wofür schon die ebenfalls christliche Vorstellung von der Dreiheit der Himmel[668] zeugt. Zu einem so geistigen und geheimnissvollen Gottesbegriff wäre das Heidentum aus sich selber heraus nie gelangt. In Gimle ist das himmlische Jerusalem, das aus Gold und Edelsteinen erglänzte, nicht zu verkennen. Aus diesen Stellen der alten Gedichte, welche den gewaltigen Herrscher von oben über die erneute Welt setzen, folgert die Gylfaginning Kap. 3 und 5 den Allvater, der ewig lebt und über alles in seinem Reiche, Grosses und Kleines waltet, der Himmel, Erde und Luft erschuf, der durch seine Kraft Ymir aus dem Urstoffe belebte, der vor alledem da war. So ist das Endliche vom Unendlichen umgrenzt: die Gylfaginning hebt mit Allvater an, dann aber treten die endlichen Göttergestalten, die echtheidnischen, allein hervor. Wie sie verschwinden und vergehen, erscheint wiederum der Ewige und Allmächtige. Der Versuch des vorweltlichen Allvaters ist freilich missglückt. Was ihm zugeschrieben wird, verrichten später die Asen. Nur mit dem zweideutigen Begriffe „Allvater“, den Snorri sowol auf den ewigen Christengott als auch auf Odin bezieht, sucht er über die Widersprüche, in die er sich verwickelt, hinwegzutäuschen.
VIERTES HAUPTSTÜCK.
Die gottesdienstlichen Formen.
I. Der Götterdienst im allgemeinen und das Opferwesen.
Papst Gregor richtete um 600 ein Schreiben an den Bischof Augustinus, der die Angelsachsen bekehren sollte.[669] Darin hiess es: Erstens muss man nicht die Tempel der Götzen zerstören, sondern die Götzen. Man mache Weihwasser und besprenge damit die Tempel; man errichte Altäre und lege Reliquien hinein. Sind der Angelsachsen Tempel gut gebaut, so entziehe man sie dem Dienste der Götzen dadurch, dass man sie zu christlichen Tempeln umweihe, und zwar aus dem Grunde, damit dieses heidnische Volk desto williger an die gewohnten Anbetungsstätten komme. Zweitens, weil die Angelsachsen ihren Göttern noch viele Stiere zu opfern gewohnt sind, so ist es geboten, ihnen diese Feierlichkeit zu belassen; nur muss man derselben einen christlichen Sinn unterlegen. Und so sollen sie am Tage der Kirchweih und an den Gedächtnisstagen der heiligen Märtyrer, deren Reliquien zur Schau zu stellen sind, sich aus Baumzweigen Hütten rings um diejenigen Kirchen herrichten, welche aus Götzentempeln zu christlichen Tempeln umgeweiht werden und sollen so diese Feierlichkeit beim christlichen Mahle begehen, so dem heidnischen Götzen keine Tieropfer mehr darbringen, vielmehr behufs der Sättigung, Gott zum Lobe, Tiere schlachten und dem Geber aller guten Gaben für die Speisen danken. Diesen Menschen muss man einige äusserliche Freuden lassen, damit sie desto leichter zu den inneren Freuden hingeführt werden, denn es unterliegt keinem Zweifel, dass es unmöglich ist, diesen harten Gemütern auf einmal alles wegzunehmen, und zwar deshalb, weil derjenige, welcher einen hohen Standpunkt zu gewinnen bemüht ist, dies nur schritt-, nicht sprungweise erreicht.
Gregors Worte dürfen füglich unsern Betrachtungen über den Gottesdienst der heidnischen Germanen voranstehen, weil dadurch deutlich ausgesprochen ist, dass die heidnischen Kultusformen in der christlichen Zeit vielfach weiter leben. Zwar befolgten die Bekehrer nicht immer so milde Grundsätze, wie Gregor anempfiehlt. Mit Brand und Bruch ward oft genug der Götterdienst der Heiden niedergelegt. Aber im Grunde kam das gleiche Ergebniss heraus, hier eine freiwillige, dort eine widerstrebende Bewahrung heidnischer Bräuche. Mithin darf auch mancher spätere und nur in christlicher Fassung überlieferte Zug zur Aufhellung ursprünglich heidnischer Zustände verwertet werden.
1. Der Götterdienst in der Rechtsordnung.
Der Götterglaube durchdringt das gesamte Leben des germanischen Volkes. Rechtswesen und Kriegswesen, Ding und Heerfahrt sind ebenso religiös geweiht, wie alle wichtigeren Ereignisse des Einzellebens von religiösen Handlungen begleitet sind. Die Nachrichten, die natürlich wieder am reichlichsten aus nordischen Quellen zu erholen sind, zeigen den Götterglauben mit vielen Bräuchen, mit der gesamten sittlichen Lebensauffassung aufs engste verknüpft. Die allgemeinen religiösen Formen scheinen bei allen Stämmen ziemlich gleichartig gewesen zu sein, die grossen Unterschiede, welche die Göttersagen, d. h. die Gebilde einzelner Dichter, aufweisen, stossen uns hier nicht so sehr auf. Freilich hören wir auch selten von Einzelheiten, selbst der Name der angerufenen Gottheit bleibt meistens verschwiegen. Aber der Gottesdienst wurzelt in uraltem Herkommen und wird von den Veränderungen der Göttersage wenig berührt.
An der Spitze der germanischen Volksstämme steht in den ältesten Zeiten der Adel, eine kleine, stets sich vermindernde Schar edler Geschlechter, aus denen die Könige gewählt wurden. Das Wesen des Adels tritt in einer sagenumwobenen Ahnenreihe zu Tage, an deren Ursprung Götter stehen. So sind die angelsächsischen Könige und damit auch die sächsischen, jütischen, anglischen Wodans Söhne, ebenso die fränkischen Walsungen. Der Ahnherr der Könige ist oft dem Stammesheros, nach dem das Volk sich nennt, gleichgestellt und dabei ein Göttersohn, so vermutlich Ingo, Irmino, Istvo als Söhne des Tiuȥ. Die Amaler entstammen den _ansîȥ_, den Göttern. Nordische Könige werden Freys oder Tys Gesippte genannt. Das Volk zeigt überall treue Anhänglichkeit an seinen Adel, in welchem es den Göttern sich verwandt fühlt. So ragt der Götterglaube in die Ständeordnung herein. Unter sich selber stufen die Stämme eines Volkes wol nach den ältesten und vornehmsten Adelsgeschlechtern sich ab, so die Semnonen mit dem schaurig-heiligen Walde, wo Tiuȥ waltet, wohin die ersten Anfänge des Volkes zurückdeuten, neben den übrigen Sueven. Wie spätere Sagenbildung bis zu dem Gedanken, alle Menschen seien Gottes (Heimdalls) Kinder, vorschreitet, ist beiläufig erwähnt worden. Für den Glauben der Urzeit, als die Germanen ins Licht geschichtlicher Überlieferung eintreten, haben wir mit der Thatsache zu rechnen, dass die Volksstämme in ihren ältesten und vornehmsten Adligen, denen das Königtum anvertraut wurde, Abkömmlinge der Volksgötter ehrten.
Über die friesischen Götter sagt Richthofen[670] auf Grund der Quellenzeugnisse: Die heidnischen Friesen verehren Götter und machen sich Bilder von ihren Göttern. Ihnen sind Güter aller Art geweiht, sie haben Tempel, Äcker, Wälder, Seen, Quellen, weidende Tiere, Schätze; ihnen wird geopfert, auch Menschenopfer fallen, vor allem von solchen, die ihre Heiligtümer verletzten. Darum kam Willebrord mit seinen Genossen fast ums Leben. Sie, die Unbesiegbaren, entscheiden unmittelbar der Menschen Geschick, verkünden befragt durch das Loos ihren Willen. Sie sind der Urquell allen Rechtes, es ist von ihnen geschaffen, von dem geheimnissvollen Fremdling, der unter den zwölf Asegen erschien und sie des Landrechts unterwies; sie verkünden es durch ihre Priester, die Asegen, die Rechtsverkündiger, und bringen es im Gottesurteil zur Geltung.