Handbuch der Germanischen Mythologie

Part 31

Chapter 313,791 wordsPublic domain

Was in der Schlacht fällt, ist Odins Opfer. Mit Speerwurf wurde das Heer dem Gotte zugeeignet. Den ersten Weltkrieg, den zwischen Asen und Wanen, hatte Odin eröffnet, indem er seinen Speer ins Heer schleuderte.[361] Es war alter Brauch, den Speer über die Schar der Feinde zu schiessen, um sich selber das Glück zuzuwenden (_til heilla sér_).[362] In der Schlacht, die am Ende des 10. Jahrh. zwischen dem Schwedenkönig Eirik und seinem Neffen Styrbjorn vorfiel, weihte sich Eirik, um den Sieg zu erlangen, dem Odin und gelobte, nach zehn Jahren ihm als Opfer zu sterben. Da nahte ihm ein grosser Mann mit einem Schlapphut und gab ihm einen Rohrstengel. Den solle er übers feindliche Kriegsvolk werfen mit den Worten: Odin hat euch alle! Mit diesem Wurfe kam Blindheit über Styrbjorn und sein Heer und ein Bergsturz erschlug sie.[363]

Gissur weihte die feindliche Schlachtordnung dem Untergang mit den Worten: Erschreckt ist euer König, dem Tod verfallen euer Herzog, hinfällig eure Kriegsfahne, gram ist euch Odin. Lasse so Odin mein Geschoss fliegen, wie ich vorhersage.[364]

Dag opferte Odin um Vaterrache; da lieh Odin dem Dag seinen Speer. Im Walde traf Dag den Helgi und durchbohrte ihn; Helgi stieg zu Odins Sälen auf.[365]

In der Geschichte von Wikar ist das Opfer an Odin durch Zeichnung mit dem Speer am deutlichsten.[366] Wikar und seine Schiffsgefährten müssen wegen widrigen Windes einmal lange liegen. Da befragen sie das Loosorakel. Es ergibt sich, dass Odin einen Mann aus ihrer Schar verlangt. Das Loos trifft den König Wikar selber, wodurch alle bestürzt sind. Starkad schlägt vor, das Opfer nur andeutungsweise zu vollziehen. Er steigt unter einer Föhre auf einen hohen Block, biegt einen schwanken Ast herab und knüpft daran dünne Kalbsdärme. „Nun ist dir hier ein Galgen bereitet, König, der nicht lebensgefährlich bedünken wird.“ Wikar steigt auf den Block und legt sich die Schlinge um den Hals, Starkad nimmt einen Rohrstab, den ihm sein Pflegvater Hrossharsgrani, der verhüllte Odin in der Nacht gegeben, stösst damit nach dem König und spricht: Nun geb ich dich dem Odin! Alsbald wird der Stab zum Speer, der den König durchbohrt, der Block fällt unter seinen Füssen, die Kalbsdärme werden zum starken Weidenstrang, der Ast schnellt empor und hebt den sterbenden König ins Gezweig.

Wikar, den Odin auf so grausame Weise als Opfer zu sich nahm, war dem Gotte schon vor seiner Geburt verlobt worden. Alfrek, König in Hordaland, hatte zwei Frauen. Unter dem Namen Hott (Hut) kam Odin zu Geirhild und versprach ihr, König Alfrek werde sie allein zur Ehe haben, aber sie müsse in allen Dingen Odin anrufen. Alfrek bestimmte, die Frau zu behalten, welche das beste Bier zu brauen vermöge. Sie wetteiferten im Brauen, Signy rief Freyja an, Geirhild Odin. Dieser gab seinen Speichel statt der Gähre und verlangte als Lohn, was zwischen Geirhild und der Kufe sei (das Kind im Mutterleib). Geirhilds Bier bestand die Probe. Im selben Halbjahr ward Wikar geboren. König Alfrek sagte sein Schicksal voraus, indem er zu Geirhild sprach: Hangen seh ich an hohem Galgen dein Kind verkauft an Odin.[367]

Dass ein Kind wie Wikar Odin förmlich verlobt wird, kommt auch sonst vor. Eywind Kinnrifa war ein zauberkundiger Opferer, den König Olaf der Heilige zu bekehren trachtete. Aber weder freundliche noch harte Worte, weder Versprechungen noch Drohungen machten auf Eywind Eindruck. Da liess der König ein Becken voll glühender Kohlen auf seinen Leib setzen. Da gestand Eywind, er sei eigentlich kein rechter Mensch, sondern habe von seinen kinderlosen Eltern nur unter der Bedingung erzeugt werden können, dass er zeitlebens dem Thor und Odin diene. So sei er diesen vor der Geburt versprochen, nach der Geburt geweiht worden und habe diese Weihe später selber erneuert; so mannigfach den Göttern hingegeben, könne und wolle er ihnen nicht absagen. Damit starb er treu seinem Gelübde.[368]

Siwardus des dänischen Königs Ragnar Lodbrok Sohn wurde in einer Schlacht schwer verwundet und in einen naheliegenden Ort gebracht, um dort geheilt zu werden. Kein Heilmittel half, die Ärzte gaben ihn auf. Da kam ein alter wunderbar grosser Mann zum Bett des Kranken und versprach, er werde alsbald den Siwardus gesund machen, wenn dieser ihm das Leben aller der Männer, die er im Kampfe erlege, geben wolle. Der Fremde nannte sich Rostarus. Siwardus gelobte, das Verlangen zu erfüllen. Da legte der Alte seine Hand auf die Wunde, alsbald schwand der Brand daraus und sie vernarbte.[369]

Auch neben der Wal verlangt Odin die meisten Menschenopfer, wie folgende Sagen beweisen.

König Aun in Schweden opferte Odin um langes Leben. Odin gewährte ihm je 10 Jahre für jeden Sohn, den er ihm opfere. Indem er neun Söhne, jeden zehnten Winter einen, opferte, erkaufte der König langes Leben und ward schliesslich so alt, dass er wie ein kleines Kind zu Bett liegen musste und aus dem Horne trank.[370] Das Volk opfert sogar seinen König bei eingetretener Hungersnot, um Odin günstig zu stimmen. Unter Domaldi opferten die Schweden im ersten Herbst Ochsen, dann im zweiten einen Menschen, doch ohne Erfolg. Im dritten Jahr wurde Domaldi selber getötet und mit seinem Blut der Opferstein bestrichen.[371] Unter Olaf Trételgja entstand wieder Hungersnot, das Volk meinte, weil der König kein eifriger Opferer war. Da umringten sie sein Haus und verbrannten ihn darin und schenkten ihn dem Odin um gute Jahrzeit.[372]

Der sterbende Krieger spricht die Hoffnung aus, noch am Abend bei Odin Gast zu sein, der Sieger hofft, seinen Feind dorthin zu weisen. So sagt der todwunde Kari zu König Olaf: Lebt wol, Herr; ich werde bei Odin Gast sein.[373] Vor dem Kampf mit den Berserkern sagt Hjalmar zu Odd: Wir beide werden am Abend bei Odin gasten und jene zwölf leben. Odd erwidert: Die zwölf Berserker sollen bei Odin gasten und wir beide leben.[374] Von Rognwald, dem Ragnarsohne, der in der Schlacht fiel, sagt Aslaug, seine Mutter: Rognwald rötete den Schild im Männerblut. Als jüngster meiner Söhne fuhr er zu Odin.[375]

Helgi Olafsson hatte den Thorgrim Thormodarson im Kampfe getötet. Da sang er: Thormods kampfkühnen Erben gab ich dem Odin.[376] Obwol Odin Sieg und Glück verleiht, ruft er doch seine Lieblinge durch Waffentod zu sich. Am Ende der Laufbahn wird er ihnen gram, wie es in der Halfssage[377] heisst. Wie Half zu Asmund fährt, bei dem er den Untergang findet, sagt Innstein: Dir ist Odin gram geworden, dass du auf Asmund fest vertrautest. Der Held grollt dem Gott, obwol dieser ihn dadurch nur zu seinen Sälen lud. So spricht derselbe Innstein vor seinem Fall: Übles haben wir Odin zu lohnen, der solchen König des Siegs beraubte.

Nach dem Grimnirlied 8 und nach Snorri kommen nur die waffentoten Männer nach Walhall. Dieser Auffassung würde auch die ursprüngliche Bedeutung des Wortes, Halle der Wal, der im Kampfe Gefallenen (_wal_ = _strages_, Haufe Erschlagener) entsprechen. Trotzdem weilen in Walhall Helden, die nicht den Schlachtentod starben, Sinfjotli, der an Gift zu Grunde ging, Vanlandi, den die Mara zu Tode trat, fuhr zu Odin[378], Halfdan, der an Krankheit umkam, wird zu Odin entboten[379], Ragnar, der in der Schlangengrube sein Ende findet, hofft auf Walhall.[380] Vorstellungen von der Hölle, einem allgemeinen Seelenheim und von besondern Aufenthaltsörtern der Toten, hier der gefallenen Krieger, laufen gleichzeitig neben einander her.[381]

+Odin als Heldenvater.+

Reich entwickelt sind die Sagen, die von Odins Wirken unter den Menschen erzählen. Nicht immer offenbart er sich im Glanze der Göttlichkeit, meistens tritt er in unscheinbarer Gestalt, als Wanderer, an seinen Günstling heran. Mit Rat und That hilft er, was er gewährt, ist meistens Sieg. Doch ist seine Gunst nicht beständig, am Ende verursacht er selber den blutigen Untergang seines einstigen Schützlings, dass dieser also eingehe in Walhalls Wonne. Wenige fügen sich dem letzten irdischen Verhängniss mit der erhabenen stillen Grösse Sigmunds, der auch darin den Gott verehrt. Dieser treulose Zug an Odin gibt Loki den bösen Vorwurf ein:

Schweige du, Odin, ungerecht teilst du Unter Kriegern des Kampfes Glück; Du gabest oft, dem du geben nicht solltest, Dem Schlechteren Sieg in der Schlacht.[382]

Odin nimmt junge Heldensöhne in eigene Pflege. Er wurde als Hrossharsgrani der Pflegevater Starkads, den Odin begünstigte, Thor verfluchte. Der Knabe hatte, drei Jahre alt, seinen Vater verloren und war Pflegekind König Haralds von Agdir. Durch Heerfahrt brachte Hrossharsgrani Starkad in seine Gewalt und erzog ihn auf der abgelegenen Insel Fenhring neun Winter lang.[383] Der achtjährige Geirröd und der zehnjährige Agnar, die Söhne Königs Hraudung, ruderten in einem Boote auf Fischfang hinaus. Da trieb sie der Wind ins weite Meer. In dunkler Nacht scheiterten sie an einer Küste, erreichten das Land und fanden einen Kleinbauern, bei welchem sie überwinterten. Die Hausfrau nahm sich Agnars an, der Bauer sorgte für Geirröd und belehrte ihn mit reicher Weisheit. Der Bauer war Odin, das Weib Frigg, die sich auf solche Weise Pfleglinge erkoren.[384]

Über dem Wolsungenstamm waltet Odin von Anfang an. Von Sigi ward gesagt, er sei ein Sohn Odins. Als Sigi wegen Todschlags friedlos wurde, geleitete ihn Odin aus dem Lande und verschaffte ihm Heerschiffe. Sigi hatte immer Sieg und eroberte sich ein Reich. Sein Sohn Rerir hatte lange keine Kinder. Da flehte er zu Odin und der sandte durch sein Wunschmädchen Hljod der Frau des Rerir einen Apfel, nach dessen Genuss sie den Wolsung gebar, der ein gewaltiger Krieger wurde und allezeit Siegesglück hatte. Der nahm auch das Wunschmädchen Hljod zur Frau, und von ihm stammte Sigmund, von diesem Sinfjotli und Sigurd. Aus Not und Bedrängniss ringt sich unter des Siegesgottes stetiger Leitung der Wolsungenstamm zu gewaltigem Heldentum empor.[385]

König Wolsung vermählte seine Tochter Signy dem Siggeir. Abends, als die Männer den Feuern entlang in der Halle sassen, die um einen Baumstamm gezimmert war, trat ein unbekannter Mann herein. Der Mann war gross, alt und einäugig. Auf dem Kopf hatte er einen breiten Hut, er war in einen fleckigen Mantel gehüllt, trug leinene Hosen und war barfuss. In der Hand hielt er ein Schwert, das stiess er bis ans Heft in den Stamm hinein. Dem sollte es gehören, der es herauszuziehen vermöchte. Dann schritt er aus der Halle und verschwand. Die Männer versuchten sich alle am Schwert, umsonst. Doch Sigmund, Wolsungs Sohn, zog es mühelos heraus. Er führte das Götterschwert seitdem in seinen Kämpfen. Als der gealterte Held gegen Lyngwi, Hundings Sohn, focht, da kam ein einäugiger Mann mit breitem Hut und blauem Mantel ihm entgegen. Er schwang den Speer gegen Sigmund, das Schwert zersprang in zwei Stücke. Da war Sigmunds Glück gewendet und er fiel.[386] Als Hjordis auf die Walstatt geht, um den schwerwunden Sigmund zu heilen, da lässt er es nicht zu. „Odin will nicht, dass ich fürder das Schwert schwinge, da es nun in Stücke brach. Ich habe gekämpft, solang es ihm gefiel. Wahre die Schwertstücke unsrem Sohn. Daraus wird ein Schwert geschmiedet werden, mit dem er Heldenthaten vollbringt. Ich aber will nun meine vorausgegangenen Blutsfreunde aufsuchen.“ Odin begabt seinen erkorenen Helden mit dem trefflichen Siegschwert, aber er nimmt selber das Glück am Ende seiner Tage von ihm. Sigmund erkennt das Walten des Gottes, der durch den Waffentod ihn zu sich ladet, nach Walhall, wo seine tapfern Ahnen weilen und seiner harren.[387]

Der Dänenkönig Harald Hildetand war von Odin begünstigt, dass kein Eisen ihn verletzen konnte. Dafür hatte er die Seelen aller von ihm Erschlagenen Odin verheissen. Vor einem Krieg gegen die Schweden erschien ihm ein grosser einäugiger Greis mit haarigem Mantel. Der nannte sich Odin, behauptete sehr kriegskundig zu sein, und lehrte ihn die keilförmige Schlachtordnung sowie auch die Anordnung eines Seetreffens. Mittelst dieser Belehrungen trug Harald den Sieg davon. Haralds Neffe, König von Schweden, war Ring. Bruni war Haralds Vertrauter und trug alle geheimen Botschaften zwischen den Königen hin und her. Einst wurde er auf einer Botschaftsreise vom Strom verschlungen. Da nahm Odin Brunis Namen und Gestalt an und wusste durch trügerische Ausrichtungen die Bande der Freundschaft und Verwandtschaft zwischen den beiden zu lösen. Sie kündigten sich schliesslich Krieg an und rüsteten sieben Jahre zur Entscheidungsschlacht auf dem Brawallafeld in Schweden. Der altersblinde König Harald stand auf einem Wagen und erhob seine Stimme, so laut er konnte, seine Schaaren anzufeuern. An seiner Statt hatte Bruni die Schlachtreihen in Keilform geordnet. Nun begann die ungeheure Schlacht, an der viele gewaltige Kämpen und Schildjungfrauen teil nahmen. Das Glück wandte sich gegen die Dänen. Der blinde Harald entnahm es aus dem traurigen Gemurmel der Seinigen. Er hiess Bruni, seinen Wagenlenker, beobachten, wie Ring sein Heer geordnet habe. Lachend erwiderte Bruni, der Feind kämpfe in Keilordnung. Bestürzt und erstaunt hierüber fragte der König, von wem Ring diese Weise der Heerschaarung erlernt habe, da doch Odin der Erfinder und Meister derselben sei und von ihm niemand, als Harald selbst, in dieser neuen Kriegskunst unterrichtet worden. Als Bruni hierauf schwieg, gemahnte es den König, derselbe sei Odin, und der ihm einst befreundete Gott habe, um ihm jetzt zu helfen oder die Hülfe zu entziehen, solche Gestalt angenommen. Da begann er ihn anzuflehen, dass er den Dänen, welchen er sonst gnädig sich erzeigt, auch diesmal den Sieg verleihen möge; auch versprach er, die Seelen der Gefallenen dem Gotte zu weihen. Bruni aber, unbewegt durch diese Bitten, warf plötzlich den König aus dem Wagen, stiess ihn zu Boden, entriss dem Fallenden die Keule und zerschmetterte ihm damit das Haupt. Da liess Ring die Schlacht aufhören. Dem gefallenen Harald veranstaltete er eine königliche Leichenfeier.[388]

In dieser Sage nimmt Odin wie bei Sigmund seinem Liebling am Ende Leben und Sieg. Um durch die gefallenen Helden die Schaar seiner Einherjer zu mehren, stiftete er selbst unter Verwandten Streit. Wem Odin Gunst gewährt, den holt er sich selber zum Opfer.

Beim Heer der Hunnen, das gegen König Frotho von Dänemark heranzieht, befindet sich _Uggerus_ (an. _Yggr_) _vates vir aetatis et supra humanum terminum prolixus_, also deutlich der verkappte Odin. Als das Heer der Hunnen in Hungersnot gerät, verlässt es Uggerus und geht zu Frotho über, dem er die Pläne und Anschläge des Hunnenkönigs verrät. Wie in den andern Sagen zeigt sich Odin auch hier unbeständig, indem er seinen Günstling plötzlich aufgibt.[389]

Nach nordischer Sage hat Sigurd Vaterrache an den Söhnen Hundings zu vollbringen. Mit einer Flotte machte er sich auf. Ein gewaltiger Sturm überfiel sie gerade in der Nähe eines Vorgebirges. Auf dem Berge stand ein Mann, der sie anrief und Aufnahme forderte. Sie segelten ans Land, da ging der Mann an Bord und das Unwetter legte sich. Der Mann nannte sich Hnikar. Er wies Sigurd alle Vorzeichen, die für den Ausgang eines Kampfes Gutes verkünden, den Angang von Raben und Wölfen, von Recken. Den Sieg erringt, wer die Krieger keilförmig zu ordnen versteht. Hnikar war Odin, der seinem Lieblingshelden erschien und ihm den glücklichen Ausgang seines Unternehmens vorhersagte.[390] Die keilförmige Schlachtordnung lehrte Odin seine besondern Günstlinge. Die Volsungasaga weiss noch von mehr Erscheinungen Odins zu erzählen. Als alter Mann mit grossem Barte trat er zu Sigurd, als er sich ein Ross auswählte, und wies ihm Grani, der von Sleipnir stammte. Beim Kampfe mit Fafnir nahte er wieder und sagte, wie er den Wurm angreifen sollte.[391]

Als Hadding einem Gegner mit Namen Thuning, der ihn mit einer Hilfsschaar von Biarmiern bekriegen wollte, entgegenzog und mit seiner Flotte an Norwegen vorbeifuhr, sah er am Ufer einen Greis, der eifrig mit dem Gewand winkte, dass man an der Küste anfahren sollte. Hadding nahm ihn an Bord, obwol seine Gefährten nicht wollten, dass man sich damit verweile. Er empfing nun von diesem Fremdling die Anweisung zu einer neuen keilförmigen Schlachtordnung. Im Kampfe selbst stellte der Greis sich hinter die Reihen, zog aus der Tasche, die ihm vom Nacken hing, einen Bogen, der anfangs klein erschien, bald aber sich weiter ausdehnte, und legte an die Sehne zehn Pfeile zugleich, die, mit kräftigem Schuss auf die Feinde geschnellt, ebensoviel Wunden bohrten. Die Biarmier führten durch Zauberlieder ungeheure Regengüsse herbei, aber der Greis vertrieb durch Sturmgewölk den Regen. Hadding siegte und der Alte schied, indem er ihn ermahnte, glänzende Kriegszüge den ruhmlosen, ferne den nahen vorzuziehen, und ihm den Tod nicht durch Feindesgewalt, sondern durch eigene Hand weissagte.

Als König Frotho in Kriegen den Schatz seines Vaters aufgezehrt hatte und nicht wusste, wie er sein Kriegsvolk weiter erhalten sollte, da wurde er von einem herzutretenden Manne ermutigt, einen goldhütenden Wurm zu erlegen. Der Mann wies ihm die Mittel dazu. Er soll seinen Schild und seinen Leib zum Schutze gegen des Drachen Gift mit Stierhäuten bedecken. Die Schuppenhaut des Drachen trotze zwar jeder Waffe, aber am Bauch sei eine Stelle, wo das Schwert eindringen könne. Frotho fuhr auf die Insel, wo der Wurm hauste, griff ihn an, als er von der Tränke nach der Höhle zurückkehrte, und erlegte ihn auf die angegebene Weise.[392] Ähnlich berät Odin Sigurd vor dem Kampf mit Fafnir.[393]

Odins plötzliches Eingreifen rettet seine Freunde vor dem Untergang. So erzählt Saxo[394] von den „Hellespontischen“ Brüdern, welche den Tod ihrer Schwester Swavilda an Jarmericus rächen. Der Rat der Zaubrerin Gudrun schlug des Königs Krieger mit Blindheit, dass sie die Waffen gegen einander erhuben und die Hellespontier mühelos sie erschlugen. Während des Getümmels kam plötzlich Odin unter die Kämpfenden und gab den Dänen ihr Gesicht wieder. Die hiebfesten Hellespontier hiess er durch Steinwürfe töten. Die Wolsungensage[395] erzählt: Auf Hamdir und Sorli biss im Kampf kein Eisen. Da kam ein hoher, alter, einäugiger Mann und riet, man solle sie mit Steinen zu Tode werfen. Wie Odin seine Feinde mit Blindheit schlägt und verwirrt, so nimmt er solche Verwirrung von seinen Freunden, vernichtet den gegen sie geübten schädlichen Zauber und greift mit gutem Rate ein.

Als der dänische König Hrolf mit grösserem Gefolge auf der Kriegsfahrt nach Uppsala sich befindet, kommen sie zum Gehöft eines Bauern namens Hrani, der ihnen Nachtherberge anbietet. Auf Hrolfs Zweifel, ob er sie alle aufnehmen könne, entgegnet Hrani lachend: Nicht weniger Männer hab ich manchmal kommen sehen, da wo ich gewesen bin. Hrani prüft die Ausdauer der Gefährten Hrolfs durch Kälte, Durst und Feuer und rät dem König, alle, die nicht geduldig ausdauern, zurückzuschicken, so dass schliesslich Hrolf nur mit seinen zwölf Recken nach Schweden reitet. Auf der Rückkehr sprechen sie wieder bei Hrani vor. Der Bauer bietet dem König Waffen, Schild, Schwert und Brünne zum Geschenk. Hrolf will nichts annehmen, worüber Hrani sich erzürnt. Nicht bist du so weise, wie du dir däuchst, sagt Hrani. Hrolf und seine Helden reiten weiter, obwol die Nacht finster ist. Noch sind sie nicht weit gekommen, da sagt Bodwar: Zu spät besinnen sich Unkluge. So geht es mir jetzt; es ahnt mir, dass wir nicht weislich gehandelt haben, indem wir uns selbst den Sieg versagten. König Hrolf erwidert: Dasselbe ahnt mir; dieser Mann mag Odin gewesen sein, und in Wahrheit er war einäugig. Sie kehren um, aber Bauer und Hof sind verschwunden. So erzieht und kräftigt der kampfwerbende Gott die Helden und verleiht kühnen Rat. Aber wie Hrolf sein Waffengeschenk ausschlägt, entzieht er ihnen den Sieg und in der letzten Schlacht kämpft er selber im Heere der Feinde. Bodwar bemerkt, dass allerlei Gespenster gegen Hrolf und seine Helden kämpfen. „Aber Odin kann ich nicht erblicken, und doch zweifle ich nicht, dass er hier unter uns schwebt, der treulose Sohn Herjans!“ Auch nach Saxos Bericht ist Odin unter den Feinden. Bjarco erblickt ihn, als er durch die Armbeuge seiner Gattin Ruta schaut.[396]

Dem Berserker Framar hatte Odin beständigen Sieg und Unverwundbarkeit verliehen. Aber im Zweikampf mit Ketil Hæng biss dessen Schwert auf Framar ein. Sterbend sagte er: Baldrs Vater trog; auf ihn zu trauen ist kein Verlass. Also auch in dieser späten Sage kehrt der alte Vorwurf von Odins Unbeständigkeit wieder.[397]

Hord wollte den Grabhügel des Kämpen Soti erbrechen, um seine Schätze zu gewinnen. Er fuhr in einen dichten Wald, in dem der Hügel lag. Auf einer Lichtung erhub sich ein grosses, schönes Haus, davor stand ein Mann in blauem Mantel, welcher Hord begrüsste. Er nannte sich Bjorn und sagte: Ich war deinen Blutsfreunden hold, das sollst du von mir geniessen. Ich weiss, dass du Sotis Grab erbrechen willst. Wenn es euch nicht gelingt, dann komm zu mir. Hord ritt nun weiter zu Hroar und sie versuchten, den Hügel zu öffnen. Doch soviel sie gruben, am nächsten Morgen war der Hügel wieder ganz. Da ritt Hord zu Bjorn zurück. Der gab ihm ein Schwert, das solle er in die Hügelwand stossen. So glückte es auch. Nach vollbrachter That konnten sie Bjorn nimmer finden und die Leute glaubten fest, es sei Odin gewesen.[398]

Sinfjotli war an Gift, das ihm seine Stiefmutter Borghild zu trinken gab, gestorben. Sigmund trug ihn eine weite Strecke in seinen Armen und kam zu einem schmalen und langen Meerbusen; am Ufer lag ein kleines Schiff und darin war ein Mann. Der erbot sich, den Sigmund über den Meerbusen zu fahren. Als aber Sigmund die Leiche ins Bot getragen hatte, war kein Platz mehr darin. Da sagte der Mann, Sigmund möge zu Fuss um den Meerbusen herumgehen. Darauf stiess der Mann mit dem Boote ab und war sogleich verschwunden. Hier ist angespielt auf den Volksglauben, dass die Seelen auf einem Schiff ins Gebiet der Unterwelt fahren, auf die nordische Sitte, die Gestorbenen auf einem Schiffe den Wogen zu überlassen. Der Ferge wird aber Odin selber sein, der ja auch als Harbard in solcher Eigenschaft erscheint. Er nimmt so den Sinfjotli, der nach Walhall eingeht, selber in Empfang.[399]

+Odin gewährt Fahrwind und Reichtümer.+

Die alte Natur des Windgottes bricht bei Odin noch durch, wenn er um gute Schifffahrt angerufen wird. Hallfred thut ein Gelübde an Odin und Thor, wenn er Fahrwind aus Norwegen nach Island erhält.[400] Im Hyndlalied 3 heisst es, Odin gibt dem Seemann Fahrwind. In den Hǫ́vamǫ́l 153 sagt Odin:

Einen neunten [Zauber] kenn ich, wenn Not mir dräut, Im Meere zu schirmen mein Schiff: Den Wind beschwör ich auf wogender Flut Und singe in Schlummer die See.

Als Hnikar zu Sigurd an Bord kommt, legt sich alsbald das Unwetter. Sonst tritt aber diese Seite Odins in den nordischen Gedichten nicht weiter hervor.

Dass Odin Reichtümer spendet, erwähnt das Hyndlalied 3. Auch die Ynglingasaga K. 7 sagt, Odin habe um alle verborgenen Erdschätze gewusst und sie zu bannen verstanden. Nach späterer schwedischer Volkssage, die aber verdächtig scheint und vielleicht auf gelehrtem Wege Odin für den Teufel einsetzte, konnte man am Donnerstag Abend auf dem Kreuzweg sich in Odins Gewalt geben und empfing dann Geld von ihm. Auch wurde Odin zu Gast geladen. Er fuhr in einem grossen von Rappen gezogenen Wagen vor, nahm die zugerichtete Mahlzeit ein und liess dafür Geld zurück.[401] Aus alter Zeit liegen keine Sagen vor, welche Odin als den Spender von Reichtümern zeigen.

+Odins Liebesabenteuer.+

Odin hat mehrfach Liebesabenteuer erlebt, wie schon die Geschichte von Rind zeigte. Im Harbardslied rühmt er sich, wie er auf allgrüner Insel Krieger erschlug und Mädchen nachging, die ihm Wonne und Lust gewährten, wie er mit feiner Kunst Zauberweiber, Nachtreiterinnen verführte.