Handbuch der Germanischen Mythologie
Part 30
In Gladsheim, in der Welt der Wonnen ragt Odins Saal, die goldglänzende, weite Halle, Walhall.[344] Dorthin wählt der Gott täglich sich die Helden, welche den Waffentod erlitten. So war der Glaube der Heidenleute, dass alle die nach Walhall fahren sollten, die an Wunden starben. Am hohen Saal bilden Speere das Sparrengerüst, Schilde decken als Schindeln das Dach, auf die Bänke sind Brünnen gelegt. Westlich am Eingangsthor hängt ein Wolf, darüber schwebt ein Adler. Fünfhundertundvierzig Thüren hat Walhall, aus jeder mögen zugleich achthundert Streiter hervorgehen. Beleuchtet wird die Halle am Abend durch den Glanz der Schwerter. Vor Walhall steht der Hain Glasir, dessen Laub von lauterem Gold erglänzt. Ausser Walhall erhebt sich in Gladsheim Wingolf, die Halle der Göttinnen, ein treffliches und schönes Haus. Vielleicht ist darunter Folkwang, das Volksgefilde zu verstehen, wo Freyja waltet, die täglich die Hälfte der gefallenen Helden sich wählt. Nach Wingolf und Walhall werden die Einherjer gewiesen.[345] In Kampfspiel und Gelage verbringen die Helden ihre Tage. Odin selber nährt sich nur von Wein, seine Tischkost gibt er seinen Wölfen. Auf seiner Schulter sitzen zwei Raben, die ihm alle Begebenheiten, die sie sehen oder hören, ins Ohr sagen.[346] Sie heissen Hugin und Munin. Diese sendet Odin früh am Morgen aus, um durch alle Welten zu fliegen; um die Frühstückszeit kehren sie zurück. Die Einherjer aber essen vom Fleische des Ebers Saehrimnir, den der Koch Andhrimnir im Kessel Eldhrimnir siedet. Täglich wird er gesotten, aber abends ist er doch wieder heil. Sie trinken Bier, das die Walküren ihnen zutragen. Unverständlich ist die Ziege Heidrun, welche auf Walhalls Dach stehend die Triebe von den Zweigen des Baumes Laerad nagt, aus deren Zitzen Milch rinnt. Sie füllt die Krüge mit klarem Met, nimmer versiegt das Nass. Auch der Hirsch Eikthyrnir steht dort, aus dessen Hörnern es in den Höllenbrunnen Hvergelmir rinnt, woraus alle Ströme stammen. Ziege und Hirsch samt dem Baum, dessen Triebe sie benagen, sind wahrscheinlich den Tieren an der Weltesche gleichzustellen.[347] Das Gefilde von Walhall, das Reich des Todes, betritt man durch die heilige, alte Pforte Walgrind, die Totenpforte, die einen kunstvollen Verschluss hat. Um nach Walhall zu kommen, müssen die Scharen der Gefallenen einen wogenden Strom durchwaten. Die Welt des Todes ist also wie auch sonst die Unterwelt von einem Fluss umgeben. Thund, der Angeschwollene, heisst der Strom. „Odin heisst Walvater, weil alle, die auf der Walstatt fallen, seine Wunschsöhne sind. Diese nimmt er auf in Walhall und Wingolf und sie heissen dann Einherjer.“ So sagt Snorri. Es ist zweifelhaft, ob er damit eigene Gedanken oder ältere Überlieferung vorträgt. In keinem Gedichte wird das Verhältniss der Einherjer zu Odin als das von „Wunschsöhnen“ d. i. Adoptivsöhnen dargestellt.[348] Vielleicht ist der Begriff nur aus der Benennung Walvater, Vater der Erschlagenen, die also eben im Tod und durch den Tod dieses Vaters Söhne werden, entnommen. Vater meint ursprünglich Urheber, der bildliche Ausdruck wäre allzu wörtlich ausgelegt worden. Zwar wird es nicht überall als Grundsatz ausgesprochen, aber doch zweimal angedeutet, dass Walhall nur Helden, Edelingen und Freien sich aufthut.[349]
+Die Walküren.+
In Walhall thun die Walküren Dienst. Sie reichen den Trank herum, bringen den Einherjern Bier, haben das Tischgerät und die Bierkrüge in ihrer Obhut. Odin sendet sie aber auch in die Schlacht aus, dort wählen sie die Männer aus, die dem Tode erliegen sollen, und verleihen den Sieg. Immerfort reiten sie, Wal zu kiesen und Kämpfe zu entscheiden. Die Walküren oder Walmädahin[350], die Wählerinnen der kampftoten Helden, reiten auf ihren Rossen durch die Lüfte und übers Meer. Meist erscheinen sie geschart, zu drei, sechs, neun, zwölf. Mit Helm und Schild, in fester Brünne, mit funkensprühenden Speeren, von leuchtenden Blitzen umspielt reiten sie auf ihren Wolkenrossen dahin durch die Lüfte; schütteln sich die Rosse, so fällt von den Mähnen fruchtbarer Thau in die Thäler und Hagel ins hohe Gehölz. Die Walküren sind von leuchtender Schönheit. Der Skald Hornklofi[351], welcher ein Lied dichtete, in dem eine Walküre und ein Rabe Zwiesprache über des Königs Harald Thaten halten, nennt die Walküre eine strahlende lichthaarige Maid (_mey hvíta haddbjarta_). Wenn Odin nicht selber an den Kämpfen teilnimmt, dann entsendet er die Mädchen als seine Stellvertreterinnen. In ihren Namen kommt ihr Wesen zum Ausdruck. Neben gewöhnlichen kriegerischen Frauennamen wie Hild und Gud, Reginleif, Thrud stehen besondere wie Geirolul die Speerträgerin, Skogul die Hochragende, Goll die Schreierin, Hrist die Schüttelnde, Hrund die Stossende, Skeggold Beilzeit (d. h. Kriegszeit), Herfjǫtur Heerfessel (der lähmende Schrecken, der einen plötzlich befällt), Mist die im Nebel Hausende u. drgl. Auch Skuld, die Jüngste der Nornen, reiht sich den Walküren ein. Bei feierlichem Aufzug, zum Leichenbrand Baldrs ist Odin von seinen Raben und von den Walküren begleitet.[352] In Odins Mädchen vereinigen sich mehrere Gestalten, die gesondert auch sonst vorkommen: die Schicksalsfrauen, indem sie des Volkes wichtigstes Geschick, die Schlacht entscheiden, Sturmgöttinnen als Vervielfältigung der Gemahlin Odins, nach nordischem Berichte der Freyja, seelische Geister, Fylgjen, die dem Todgeweihten sichtbar werden, irdische Weiber, welche beim prächtigen Gelage in des Königs Halle den Trank herumreichen, Frauen, die in der kampfbewegten Wikingerzeit wirklich die Waffen der Männer anlegten und von deren Thaten das nordische Heldenlied erfüllt ist. Das Schildmädchen ist eine Lieblingsgestalt der nordischen Sage und leicht vermischt es sich mit Heervaters Maid, nimmt an deren göttlicher Erscheinung teil. Die Walküre, in Walhall und auf der Walstatt als Odins Dienerin, gehört somit nur der nordischen Dichtung, während die verschiedenen einzelnen Gestalten, welche in ihr zusammenflossen, nicht bloss auf die nordische Sage beschränkt sind.
Walhall, Odins Saal ist ein prächtiger, glänzender Hof, wie der Held und Dichter in höchster Vollkommenheit ihn sich ausmalt.
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Zwei schöne Skaldenlieder aus der Mitte des 10. Jahrhs. zeigen überaus lebendig den Walhallglauben. König Eirik Haraldsson musste um 935 aus Norwegen weichen und gewann um 940 in England eine Herrschaft. Er fiel im Kampfe gegen den englischen König Eadmund (940-6) in blutiger Schlacht, mit ihm fünf andere Könige und eine Menge geringeren Volkes. Seine Wittwe Gunnhild liess auf seinen Tod ein prächtiges Ehrenlied dichten, wovon ein Teil erhalten ist, die Eiriksmǫ́l. Die Handlung spielt in Walhall. Odin spricht: Was sind das für Träume? Ich glaubte, vor Tage aufzustehen, um Walhall für erschlagenes Volk zu bereiten. Ich weckte die Einherjer, ich hiess sie aufstehen, um die Bänke mit Polstern zu belegen, die Bierkrüge zu scheuern, die Walküren hiess ich Wein auftragen, als ob ein König käme. Angesehener Grundherrn bin ich aus der Welt gewärtig. Darum freut sich mein Herz. Bragi sagte: Was ist das für ein Donner, als ob ein Tausend heranzöge oder eine gewaltige Menge? Alle Bankdielen erkrachen, als ob Baldr wiederkehrte in Odins Säle? Odin sprach: Thöricht redest du, kluger Bragi, obwol du manches weisst. Vor Eirik tönt es, da der Fürst zu Odins Sälen kommt. Sigmund und Sinfjotle, steht eilig auf und geht dem König entgegen. Entbietet ihm herein, wenn es Eirik ist. Seiner harre ich sicher. Sigmund sagte: Warum erwartest du Eirik lieber als andere Könige, den Fürsten in Odins Sälen? Odin antwortete: Weil er in manchen Landen das Schwert gerötet und weithin die blutige Waffe trug. Sigmund sagte: Warum nahmst du dem König den Sieg, wenn dir der Treffliche so kühn däuchte? Odin antwortete: Weil es ungewiss ist, wenn der graue Wolf zum Sitze der Götter kommt (d. h. wenn der letzte Kampf anhebt)! Sigmund sprach: Heil dir, Eirik! sei hier willkommen! betrete die Halle, du Tapferer! Das will ich dich fragen, welche Fürsten dir folgen aus dem Schwertgetöse. Eirik antwortete: Fünf Könige; ich nenne dir aller Name. Ich selbst bin der sechste.... Das zweite Lied ist zwischen 961 und 970 vom Skald Eyvind auf König Hakon den Guten, Eiriks Bruder gedichtet. Hakon war beim Volk ausserordentlich beliebt, während Eirik und seine Söhne, die nach Hakons Fall zur Herrschaft gelangten, ob ihrer Härte willen verhasst waren. Wie Hakon um 935 gegen Eirik zum König gewählt wurde, flog die Botschaft wie Feuer durch dürres Gras vom Norden bis zur Landesgrenze im Süden, die Leute von Drontheim hätten einen König genommen, der in allem dem Harald Harfagr gleiche, nur dass er die Last, welche dieser auf das Volk gelegt habe, demselben wieder abnehmen wolle. Obwol der König Versuche machte, das Christentum einzuführen, that er doch keinerlei Gewalt, bei seinem Tode neigte er eher zu den alten Heidengöttern zurück. Sein Andenken lebte in vollständig heidnischem Sinn fort gerade im Gegensatz zu den Eirikssöhnen, seinen Nachfolgern, die gewaltsam dem Heidentum entgegentraten, weshalb die erzürnten Götter Misswachs und schwere Zeit über Norwegen sandten. Aus dieser Bedrängniss schweifte die Erinnerung gerne zum guten Hakon zurück. Um 961 wurde der König Hakon in der Schlacht bei Fitjar gegen die aus England herübergekommenen Eirikssöhne auf den Tod verwundet. Von Freund und Feind wurde er betrauert und alle sagten, ein ebenso guter König werde nimmer in Norwegen erscheinen. Seine Freunde brachten seine Leiche nordwärts gen Saeheim in Nordhordaland. Dort wölbten sie einen grossen Hügel und legten den König mit allen seinen Waffen in seiner besten Kleidung hinein, aber kein anderes Gut. Sie sprachen über seinem Grab die Weihesprüche, wie die Sitte der Heidenleute war, und wiesen ihn nach Walhall. Eyvind aber machte ein Gedicht auf den Fall des Königs, die Hǫ́konarmǫ́l. Dem Skald schweben die Eiriksmǫ́l vor, die mehrfach wörtlich anklingen. Er stellt sich vor, dass der König vom Schlachtfeld nach Walhall auffuhr. Gondul und Skogul, die Walküren, entsandte der Gauten Gott, Odin, Könige zu kiesen, wer von Yngvis Stamm nach Walhall zur Gastung bei Odin fahren sollte. Sie fanden Hakon, den König unter dem Kampfbanner. Nun wird die blutige Schlacht, das Wetter Odins, das Wetter der Skogul beschrieben. Da sassen die todwunden Helden, denen die Fahrt nach Walhall bestimmt war, mit schartigen Schilden und zerschossenen Brünnen. Nicht frohgemut war die Schar. Da sprach Gondul auf den Gerschaft gestützt: Nun wächst der Götter Glück, weil die Waltenden Hakon mit einem grossen Heere zu sich heim entboten. Der König hörte, was die Walküren redeten, die herrlichen von Rosses Rücken. Sinnend erschienen sie, in Helmen waren sie, Schilde hielten sie vor sich. ‚Warum, o Skogul der Gere, teiltest du so die Schlacht? wir waren doch wert, Sieg von den Göttern zu erhalten.‘ ‚Wir walteten, dass du das Feld behieltest, aber deine Feinde flohen. Nun reiten wir zum grünen Heim der Götter, Odin zu sagen, dass der Allwaltende kommt, ihn selber zu sehen.‘ Hermod und Bragi, sprach Hroptatyr (Odin), geht entgegen dem Fürsten, weil ein König naht zur Halle hierher, der ein Kämpe dünkt. Der König sprach, vom Streite war er gekommen, ganz mit Blut bespritzt stand er da: Übel gesinnt dünkt uns Odin, wir scheuen seinen Sinn! Aller Einherjer Frieden sollst du haben, empfange Bier bei den Göttern, du Bekämpfer der Jarle, acht Brüder hast du hier drinnen, sprach Bragi. Unsre Rüstungen wollen wir selber behalten, sprach der gute König, Helm und Brünnen wol bewahren, gut ist’s bereit zu sein. Da wurde es kund, wie der König die Heiligtümer wol verschont hatte, weil den Hakon alle Ratenden und Waltenden willkommen hiessen. Zur guten Stunde wird der König geboren, der solche Gesinnung sich erwirbt; seiner Zeit wird immer im Guten gedacht werden. Entfesselt wird der Fenriswolf über den Sitz der Menschen fahren, ehe ein gleich guter König seinen verwaisten Stuhl einnimmt. Vermögen stirbt, Freunde sterben, Land und Reich verödet; seit Hakon fuhr zu den Heidengöttern, geknechtet wird dies Volk.
Aus diesem Lied erhellt, wie die Thätigkeit der Walküren gedacht wurde. Sie reiten auf Odins Befehl zu den kämpfenden Heeren. Als Schicksalslenkerinnen bestimmen sie, wem der Sieg sich neigt, wer zu Tod getroffen wird. Offenbar ist dieses ihr Walten unsichtbar. Aber dem Todgeweihten treten sie sichtbar vor Augen und reden zu ihm, gleichwie der Todverfallene die Fylgja erblickt. Dann eilen sie zurück nach Walhall, melden Odin den Vollzug des Befehles und verkünden ihm die Ankunft der Gefallenen. Dass die Walküren die Erschlagenen selber nach Walhall geleiteten oder auf ihren Rossen deren Leiber hinauftrugen, ist nirgends angedeutet.
Wie in den zwei Skaldenliedern den gefallenen Fürsten in Walhall höchste Ehren erwiesen werden, so muss Ähnliches einst auch von Helgi berichtet worden sein. Es heisst: Zum Andenken an Helgi ward ein Hügel aufgeworfen; als er nun nach Walhall kam, da bot Odin ihm an, mit ihm über alles zu walten.[353]
Auf den Glauben an Walhall und die Walküren gründen sich auch die Worte des sterbenden Ragnar Lodbrok, die freilich erst im 12. oder 13. Jahrhundert gedichtet wurden: Heim entbieten mir die Disen, welche mir aus Herjans Halle Odin sandte. Froh werde ich mit den Asen auf dem Hochsitz Bier trinken. Verflossen sind des Lebens Stunden, lachend will ich sterben.[354] Ebenso singt der sterbende Hadding: Sehen kann ich des Fjolnir Mädchen, euch hat Odin mir gesandt; gerne wollte ich nach Wingolf folgen und mit den Einherjern Bier trinken.[355]
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Die Walküren boten Anlass zu ausserordentlich schönen Dichtungen, indem ihre Liebe zu Helden geschildert wurde. Am meisten ergreift die Sage, worin Odins Wunschtochter, dem Drang des fühlenden Herzens folgend, Heervaters Gebot bricht. Leider ist von dieser Dichtung nur ein kurzer Auszug erhalten. Brynhild, von Sigurd aus den Fesseln des Schlafes erlöst, erzählt, dass sie Walküre war. Zwei Könige kämpften miteinander: der eine hiess Hjalmgunnar; er war ein gewaltiger Krieger, obwol schon hoch in den Jahren, und Odin hatte ihm den Sieg versprochen. Aber der andre hiess Agnar, Audas Bruder, den niemand schirmen und schützen wollte. Brynhild fällte den Hjalmgunnar, aber Odin stach sie zur Strafe dafür mit dem Schlafdorn und bestimmte, dass sie niemals wieder in der Schlacht Sieg erkämpfen, sondern sich vermählen solle. Sie aber that das Gelübde, sich keinem Manne, der sich fürchten könne, zu verloben. Richard Wagner hat uns in der Walküre das Verlorene neu gegeben. Die Sage von Brynhild ist auch sonst lehrreich. Sie wird einmal _óskmær_[356], Wunschmaid genannt. Sie ist eine Erdentochter, aber von Odin zur Walküre gemacht. Es muss demnach, obwol sie sonst nicht mit der wünschenswerten Klarheit begegnet, die Vorstellung geherrscht haben, dass Odin die Schaar der Walküren durch Wunschtöchter, durch Aufnahme waffenkundiger Schildmädchen vermehrte. Ob sie in Walhall wohnten und dort gleich den andern Dienst thaten, wird nicht gesagt. Aber in der Schlacht hatten sie ebenso Odins Befehle auszuführen. Die Strafe für Ungehorsam war Verlust dieses Amtes, das wol ursprünglich an jungfräulichen Stand geknüpft war, und Vermählung, womit ihr Heldentum zu Ende geht.
In den nordischen Gedichten treffen wir auch sonst häufig solche Schildmädchen, welche auserwählte Helden im Kampfe beschirmen und aus Liebe einen Ehebund mit ihnen eingehen. Da sie Töchter irdischer Könige sind, aber auch Walküren genannt und mit übermenschlichen Zügen ausgestattet werden, darf man wol auch sie als solche Wunschtöchter Odins auffassen, wie es Brynhild war, obschon nirgends mehr eine Beziehung zu Odin und Walhall verlautet. In den Schwanmädchen des Wolundliedes, welche Wolund und seine Brüder in ihre Gewalt bringen, indem sie die Schwanhemden (_álptarhamir_) der Mädchen raubten, tritt die kampfsuchende, behelmte Walküre nur wenig hervor, jedenfalls ohne Einfluss auf die Handlung. Dass Walküren zugleich Schwanmädchen sind, zeigt sich auch bei Brynhild. Agnar hatte einst sie und acht Schwestern sich dienstbar gemacht, indem er ihre Schwanhemden an sich nahm (Helreiþ 7). Vielleicht wusste die Sage, dass Odin seine Wunschtöchter mit wunderbaren Eigenschaften, mit Luftrossen und Federgewand begabte, dass sie wie die göttlichen Walküren ihres Amtes walteten. Dem Helgi Hjorwardsson, der seine Jugend stumm und namenlos verbrachte, erschien Swawa, die Tochter des Königs Eylimi mit acht andern Walküren. Sie gab ihm Namen und Verstand und wies ihm ein tüchtiges Schwert. Die Walküre erweckte also den jungen Mann erst zum Bewusstsein seiner Heldenschaft. Oft schirmte sie ihn seitdem in Schlachten. Wie einst eine Riesin den Schiffen Helgis Schaden thun wollte, wehrten es die Walküren. Schliesslich vermählten sich Helgi und Swawa. Dass Swawa nach wie vor Walküre blieb, wie der Aufzeichner des Helgiliedes sagt, ist unglaublich. Dass sie aber, wie auch sonst irdische Königsfrauen, in der Not zum Schutze des Geliebten wieder zu den Waffen griff, wäre wol zu verstehen. Auch im Lied von Helgi Hundingsbani erscheint Sigrun mit den behelmten Mädchen dem Helden auf einer Seefahrt. Sie ruft seinen Schutz an. Ihr Vater Hogni will sie dem Hodbrodd vermählen. Helgi erkämpft sich selber die Braut. Wie er mit einer gewaltigen Flotte übers Meer segelte, überfiel sie ein gefährliches Unwetter. Es leuchtete in den Wolken und Blitze fuhren in die Schiffe, da sahen sie in der Luft neun Walküren reiten und erkannten Sigrun. Der Sturm legte sich alsbald. Wie der Streit entbrannte, kamen vom Himmel behelmte Jungfrauen und schirmten Helgi. Also überall wacht die Walküre über dem Geliebten und entscheidet über den Ausgang des Kampfes. Das verlorene Lied von Helgi dem Haddingenheld erzählte von der Walküre Kara, die im Kampf als Schwan über ihm schwebte. In der Schlacht wider Hromund schwang Helgi das Schwert zu hoch und verwundete die Geliebte auf den Tod. Da war das Glück von ihm genommen und er erlag dem Feind.
Saxos Erzählungen von solchen walkürenhaften Jungfrauen entsprechen genau den eben angeführten. Thorild, die Wittwe des Schwedenkönigs Hunding hasste ihre jungen Stiefsöhne Regner und Thorald, würdigte sie zum Hirtendienst herab und suchte sie in mancherlei Gefahren zu verwickeln. Da machte sich Svanhvit, die Tochter Haddings mit ihren Schwestern, die sie zum Gefolge erkoren hatte, nach Schweden auf, um den Untergang jener edlen Sprösslinge abzuwehren. Sie fand die Jünglinge, welche zur Nachtzeit die Herden hüten mussten, von mancherlei gespensterhaften Wesen umschwärmt. Regner trat zur Jungfrau und sagte, sie seien Hutknechte über die Herde des Königs. Svanhvit aber sagte: Von Königen, nicht von Knechten stammst du, das verrät mir der leuchtende Glanz deiner Augen. Sie riet den Jünglingen, eiligst von diesem unheimlichen Wege zu weichen, damit sie nicht dem nächtlichen Spuk zur Beute würden. Regner erwiderte, er fürchte keine gespenstische Macht. Vergebens suchte die Jungfrau seinen Mut wankend zu machen. Svanhvit bewunderte die Entschlossenheit des Jünglings, und indem von ihrer jungfräulichen Gestalt das Dunkel wich und ein wunderbarer Lichtglanz sich über sie verbreitete, bot sie Regnern als Brautgeschenk ein herrliches Schwert dar, mit dem er die Nachtgespenster bekämpfen könne und das er auch in Zukunft als Held würdig gebrauchen solle. Regner kämpfte nun die ganze Nacht hindurch mit diesem Schwert gegen die Ungetüme. Später wurde Regner König von Schweden und Svanhvit seine Gemahlin. Noch einmal beschützt ihn Svanhvit in einem Kriege, als der Feind die schwedischen Schiffe anzubohren versuchte. Als Regner stirbt, folgt ihm sein Weib in kurzem aus Kummer.
Svanhvit ist eine Walküre, welche die schlummernde Kraft jugendlicher Heldensöhne weckt. Ihre Erscheinung ruft den hindämmernden Jüngling auf, er empfängt von ihr das wunderbare Heldenschwert und wird mit ihr in unzertrennlicher Liebe verbunden. Auf ihren Luftrossen schwebend erweisen die Walküren ihre schützende Gegenwart gegen dämonische Wesen, die ihren Günstlingen zu schaden drohen.[357]
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Im Heldenzank des ersten Liedes von Helgi dem Hundingstöter Str. 39 schilt Sinfjotli den Gudmund einen weibischen Wicht. Er sei eine Hexe gewesen, habe zum Weib verwandelt Kinder geboren, er häuft die denkbar ärgsten Schmähungen auf ihn. Da heisst es auch:
Eine Walküre warst du, widriges Scheusal, Ekel und boshaft, in Allvaters Hause; Die Einherjer mussten alle sich schlagen, Verderbliches Weib, um deinetwillen.
Nirgends sonst begegnet die hier auftauchende Vorstellung, dass die Walküren unter den Einherjern Zwist und Schlägereien veranlassten. Damit fällt ein schlimmes Licht auf die Schenkinnen in Walhall. Ob etwa nur vereinzelte Auffassung des Urhebers des Liedes oder allgemeinere Anschauung vorliegt, ist beim Mangel andrer Zeugnisse unmöglich zu entscheiden.
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Geschichtliche Zeugnisse melden von germanischen Frauen, welche gewappnet in den Reihen der Männer mitkämpften.[358] Die nordischen Frauen waren besonders kampflustig. In der Wikingerzeit standen Schiffe öfters unter dem Befehl von Frauen und Mädchen, welche wie Männer gerüstet die Führerschaft übernahmen. So kamen im 10. Jahrh. nordische Schiffe von einer rotblonden Maid befehligt nach Irland. Die nordischen Sagen sind voll von solchen Schildmädchen. Am berühmtesten ist die Herwor der isländischen Sage und Alfhild bei Saxo. In der Brawallaschlacht kämpfen mehrere Schildmädchen mit. Von Alfhild wird anmutend berichtet, wie sie der Held Alf bezwingt. Da kehrt sie zur Frauentracht zurück und wird sein Weib. Man sieht im Schildmädchen, dem gar nichts Wunderbares anhaftet, eine Gestalt der Dichtung aus dem wirklichen Leben herauswachsen. Das Schildmädchen ist von der Walküre genau zu scheiden. Nur die Waffen sind beiden gemeinsam, aber nicht die Art. Die Schildmagd hüllt sich trotzig in Männergewand und verteidigt ihr Magdtum, die Walküre reitet durch die Luft und übers Meer, um den erkorenen Liebling zu grüssen und zu schirmen. Die irdische, Helden liebende Walküre, die Wunschtochter Odins, steht gleichsam in der Mitte zwischen der echten Walküre, die nur zu Odin oder Walhall gehört, die ein göttliches Wesen ist, und der Schildmagd. Wol aber mag sie aus letzterer hervorgegangen sein. Heldentum nimmt Odin in Dienst; wie die tapferen Helden, freilich erst nach dem Tode, Walvaters Wunschsöhne werden, so hebt er die Kampfjungfrau schon im Leben zur Schar seiner göttlichen Schlachtlenkerinnen. Er befreit sie aber wol vom Schenkamt und verwendet sie nur in Schlacht und Sieg, gleichwie der irdische König Gefolgsleute hat, die er nicht zu ständigem Herrendienst, sondern nur zu Kriegsdienst verpflichtet.
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In der nordischen Dichtung ist Odins Saal und Reich im Himmel gedacht, was schon daraus hervorgeht, dass Walhall unter den andern Himmelsburgen aufgezählt wird. Odin hat einen Hochsitz, von dem aus er die ganze Welt übersehen kann.[359] Diesen Hochsitz, Hlidskjalf, nimmt auch Freyr im Skirnirliede ein. Hlidskjalf wird einmal allgemein nach Asgard, in die Götterwelt verlegt, einmal auch nach Walaksjalf, worunter wahrscheinlich nur ein andrer Name für Walhall zu verstehen ist. Dass der höchste Gott, und als solchen kennt den Odin ja die nordische Dichtung, im Himmel thront, muss schon an und für sich angenommen werden. So ist alles Dunkel vom Walgott genommen, er strahlt im Abglanze irdischen Prachtlebens. Als Walhall wird auch eine irdische Königsburg, die Atlis bezeichnet, weil sie an Pracht der Götterhalle nicht nachsteht, und die Dingbude eines mächtigen Häuptlings auf Island.[360]
+Odin fordert Opfer.+