Part 6
Fernando verzog keine Miene. „Ich hatte Glück, drum schuf ich Glück. Ich gestehe es, ich fürchte meines Feldherrn Gonsalvo allzu heftigen Tatendrang. Wenn er eines Tages seine Kraft gegen seinen König brauchte? Der Herzog von Najera, der Marques de Villena, sie hassen den Aragonier in mir. Und gestern wagte es der Herzog von Osuna, die Mauren zu verteidigen.“
Ximenes lächelte. „Der Adel ist besorgt um seine maurischen Bauern. Und sie haben einen milden Anwalt in Talavera. Dieser meinte, maurische Taten und christlicher Glaube erst könnten zusammen einen ganzen Spanier ausmachen. Doch warum soll der Fleiß uns nicht erhalten bleiben, wenn der Maure den Glauben wechselt?“ Er dämpfte die Stimme. „Allein die Könige wissen, wir haben gegen Adel und Irrgläubige einen trefflichen Helfer: die Inquisition. Versagt die Königskraft, bleibt die der Kirche. Gebt uns Bewegungsfreiheit, daß die Bekehrung rascher vor sich gehen könne. Vor allem aber: hat man den Staatsmann oder den Mönch Ximenes hierher berufen?“
„Beides,“ sagte die Königin.
„Dann antworten Euch beide: das Joch der Mauren ist zu leicht. Talavera, Graf Tendilla, Gonsalvo, sie alle sind zu nachgiebig. Wir brauchen strenge Richter wie Leon. Noch stehen allzu viele Mauren außerhalb unseres Glaubens.“
„Und die, die drinnen stehen, sind keine wahrhaftigen Christen. Ihr könnt sie nicht dazu zwingen.“ Der König sprach entschieden, als wäre daran nichts zu ändern.
„Könige können zwingen,“ widersprach der Kanzler.
Der königliche Widerstand schrumpfte unter der Wucht des Wortes zusammen. Und die Königin beeilte sich zu sagen: „So geben wir Euch Vollmacht. Ihr werdet sie nicht mißbrauchen.“
Ximenes dankte innig. „Ich habe den Großinquisitor Deza gesprochen.“
Wie staubige dicke Luft drückte der Name auf das Gemüt der Könige.
„Er hat mir Vollmachten erteilt. Es wäre wünschenswert, wenn die königlichen Befugnisse sich mit seinen deckten.“
„Sie sollen es,“ sagte Isabella gefügig.
Ximenes stach mit zwingenden Blicken in das Herz der Regentin. „Noch kennt Ihr die Vollmacht nicht. Aber es ist freilich oft besser, wenn Könige über gewisse Dinge nicht viel erfahren, sie haben dann weniger Verantwortung vor der Menschheit.“
„Und auch vor Gott?“ fragte der glaubensstarke Herrscher.
„Wir nehmen die Angst der Könige auf unser Gewissen.“
„Mit welchem Recht?“
„Mit dem Recht des Stärkern. Wir glauben so fest, im Namen unseres Gottes zu handeln, daß kleinliche Bedenken unsere Handlungen nicht beschränken können. Wir nehmen doch auch die Handlungen der -- Inquisition auf unser Gewissen. Die sechstausend brennenden Menschenfackeln des Torquemada, die zehntausend im Bildnis Verbrannten, die hunderttausend sonstig bestraften Christen -- das sind Zahlen, die Könige mit weltlichem Sinn nur schwer verantworten könnten. Anders ist es, wenn das Gewissen der Könige unter der Vormundschaft der gottgewollten katholischen Kirche steht. Welchen Reichtum verdankt uns das königliche Haus! Die eingezogenen Güter der Maranen haben den Kronschatz beträchtlich vermehrt. Könige brauchen Geld. Wir können es nicht mehr den Kisten getaufter Juden entnehmen. Die Moriskos sind einfältiger.“
Isabella legte erblassend die Hand aufs Herz. „Ist das Euer Ernst?“
„Ich sehe betroffene Mienen,“ sagte der Kanzler kühl. „Das schwankende Gemüt der Einfältigen ist unser Feind und -- Freund. Fließt nicht aus der strengen Ordnung reichlicher Gewinn in den Königsschatz? Ein Fünftel des eingezogenen Gutes gehört den Königen. Wollen die königlichen Hoheiten nur lässige Verwalter eines so schönen Vermögens besitzen? Und was sagte einst Pater Albarca, als Kolumbus die hispaniolischen Länder entdeckte? ‚Die Entdeckung neuer Länder war Gottes Lohn an die Könige für die Unterjochung der Juden und Mauren.‘ Im selben Jahr, da wir Granada eroberten, entdeckte Kolumbus das neue Reich für die Könige. Wunderbare Fügung Gottes! Sichtbarer konnte sich der Himmel nicht offenbaren. Der Glaube des Kolumbus eroberte Westindien. Soll der Glaube der Könige schwankender sein?“
Fernando spielte unruhig mit den Fingern. Der Gedanke an die Bereicherung durch die Inquisition drängte alle sittlichen Bedenken in den Hintergrund. Zum Überfluß deckte dieser Priester vor ihm mit seinem Hirn die königlichen Gewissen. „Ihr versteht zu überzeugen,“ sagte er mit schwerem Atem.
„Ich bekomme Vollmacht?“ Der Eifer des Primas suchte den Augenblick zu erhaschen.
Der König nickte.
Ximenes atmete auf. „Wir brauchen noch vornehme Mauren zur Bekehrung.“
Fernando dachte nach. „Da sind die Abencerragen -- aber dem Boabdil zu stark verpflichtet. Die Beni Mossad -- alle in hohen Ämtern, aber zu strenge Mohammedaner. Dann wäre -- wie hieß er nur -- Leon sprach mir von ihm -- er ist erst seit kurzem hier -- die Mauren verehren ihn wie einen Santon, einen Heiligen.“
„Vielleicht ein Imam?“ fragte Ximenes.
Die Königin entsann sich des Mannes. „Ihr meint Abu Atir. Wenn er auf der Straße geht, folgt ihm ein Schwarm gelehrter Mauren.“
„Ich muß ihn sprechen,“ sagte der Kanzler rasch. „Ein Moseswort zur rechten Zeit öffnet einem Felsenquell den Weg.“ Dann besann er sich. „Noch eines. Die allzu große Nähe eines Königs bei den Untertanen macht leicht mitleidig und nachsichtig. Die Edikte, aus der Ferne gegeben, werden von einem strengern Geist diktiert sein.“
„Ihr sollt sie von Sevilla empfangen,“ sagte der leicht beeinflußbare König. „Wir reisen.“
Neuntes Kapitel
Mönche zogen durch Granada, trugen ein Marienbild, sangen dunkle Psalmen und umräucherten das kunstlos verfertigte Abbild der heiligen Jungfrau. Jedermann mußte es wissen: das Bild wurde auf der Silla del Moro in der Nähe eines alten Palastes gefunden, und daher erschien es gottgesegnet. Man ließ es sofort weihen und im feierlichen Umzug nach der Alhambramoschee bringen, wo jetzt die großen Messen gelesen wurden. Bald raunte man sich zu, das Bild habe Kranke geheilt, die am Wege lagen, welchen die Prozession ging. Ein Wunderbild! lief es durch die Gassen. Das Königspaar begleitete das Bild. Es war der letzte feierliche Akt vor der Abreise nach Sevilla.
Die Sonne stand hoch. Der Staub warf Wolken um die Ornate der Priester. Spitz klangen die Glöckchen der Meßknaben.
Der Graf de Mora führte seine gelben Lanzenreiter zu seiten der Prozession. Die gaffenden Mauren bewunderten sein herrliches Pferd, einen weitnüstrigen Renner mit dichtem Schweif. Und der Reiter, gleicht er nicht dem Cid oder einem Palatin? Hinter den vergitterten Fenstern starrt manch dunkles Auge und brennt manch heimlicher Wunsch.
Da stockt der Zug der hymnensingenden Kinder. Aus einer Nebengasse Geschrei, Fliehen, Menschengewirr -- dann Hufegepolter. In die Menge rast ein Pferd ohne Reiter. Knäuel -- schreiende Haufen -- starke andalusische Arme bändigen das Tier.
Graf de Mora drängt plötzlich heran. „Wem gehört das Pferd?“
Die Mauren flüchten vor ihm. Einer zeigt in die Gasse, die nach dem Albaycin ihr Loch öffnet. „Nashun! Nashun! Ein Unglück!“ geht es von Mund zu Mund.
Ein Maure drängt sich aus dem Knäuel von Leibern, hinter welchem ledige Pferde am Zügel gehalten werden. „Ein Mädchen stürzte vom Pferde, Sidi.“
„Wenn es nicht mehr ist!“ Der Graf will weiterreiten. Da öffnet sich der Kreis der neugierigen Menschen, und der königliche Hauptmann sieht ein reichgekleidetes Mädchen in der Maurentracht am Boden liegen, daneben kniet ein bibelhaft ehrwürdiger Greis mit Samaritergebärden, Männer und Frauen in Neugier zusammengeklumpt.
Eine Maurin! schießt der Haß durch des Grafen Gemüt. „Macht Platz!“ fordert er. Und er sieht nun das Weib näher an. Mit vorsichtiger Hand zieht eben der Greis den Schleier von dem Gesicht, das bleich mit geschlossenen Augen auf dem Arm einer Dienerin liegt.
„Meine Charka, mein Liebling -- sag’, daß du lebst -- öffne die Augen -- lebe, lebe! Allah akbar! Gott ist groß! Lebe, lebe, meine Reija!“ Die Angst bröckelt sich von den Lippen des Alten. Und neben ihm heult eine Sklavin.
Der Graf sitzt regungslos im Sattel. Das Gejammer rührt ihn nicht. „Warum mußtet Ihr gerade jetzt ausreiten, da die Prozession geht?“ fragt Don Pedro de Solar. Wenn es nach mir ginge, denkt er hinzu, diese Mauren müßten büschelweise ihre Haare lassen. Aber dabei wendet er keinen Blick von dem braunbleichen Gesicht am Boden.
Der Greis deckt den Schleier sorgsam über die Wangen des Mädchens. Und im nächsten Augenblick horcht sein Ohr an der Brust der Ohnmächtigen. „Sie lebt!“ Es reißt seinen Oberleib auf, Freude strahlt in seinen Augen. Sie lebt! Sie lebt! Die Burnusse fliegen hin und her.
„Wer ist der Greis?“ fragt Mora einen Mauren.
„Er gibt uns das Brot des Himmels, legt den Koran aus -- Abu Osmin Ben Atir -- oh, daß du das nicht weißt, Sidi.“ Die Umstehenden schauen verwundert. Nein, daß er so was nicht weiß!
Don Pedro de Solar wendet sein Pferd. Das also ist der Imam! Der Glaubensnährer der Irrgläubigen! Und das junge Mädchen -- ein Enkelkind? Eine Favoritin? Der Graf drängt sein Roß zur Prozession zurück. Seine Gedanken versuchen sich in die Gesänge der Mönche einzuweben. Aber der sonderbare Greis will ihm nicht aus dem Kopf. Und das Mädchen --? Was kümmert ihn das alles? Er ruft seinen Lieblingsheiligen, den Mann von Assisi, an. Gebetsbrocken fliegen von seinen Lippen.
Langsam steigt der Zug die Gomeresgasse zur Alhambra hinauf. Hinter Berberfeigen und Kaktushecken öffnet sich jetzt der Blick nach dem Albaycin. Der Graf hält das Pferd an und blickt in das blendende Häusergewirr der Terrassenstadt hinab. Gleich darauf setzt er mit einem kräftigen Schenkeldruck das Roß wieder in Gang. Und dann versucht er aus dem Gassenzickzack die Stelle herauszufinden, wo das Unglück geschah. Ob sie wohl noch daliegt? huschte es durch die Gebete an den Blumenheiligen. Welch ein Glück, einmal das unverhüllte Antlitz einer Maurin -- pah! Sein Pferd bäumt sich unter dem Druck des Stachelsporns. Dieser wilde Hauptmann stört die Weihe der Prozession. Selbst das blumengeschmückte Bild der Jungfrau schwankt in der Luft hin und her, als litte es an der Unruhe des Reiters in seiner Nähe.
Vor dem Tor der Gerechtigkeit empfing Ximenes das Bild mit dem Allerheiligsten. Alle Glocken läuteten. Die Menge sank aufs Knie.
Des Grafen Gedanken lagen nicht unter dem Segen des Primas. Er spielte mit dem Namen Agarenos, mit dem der Spanier die Mauren als Nachkommen der Hagar bezeichnete. Ob wohl Hagar auch so schön --
Die Ministrantenglöcklein bimmelten. Die Leute erhoben sich. Don Pedro de Solar hatte noch immer die Degenspitze zur Huldigung gesenkt. Erst der Krach aus der Donnerbüchse auf dem Velaturm ließ ihn zusammenschrecken.
Die feierliche Besitznahme des Wunderbildes war zu Ende. Der Graf entließ seine Reiter und schritt in seine Behausung in der Torre de las Damas in der Alhambra. Hier empfing ihn sein Lieblingsdiener Chispazo, ein aufgeweckter Dörfler aus der Vega, und dieser schnallte ihm die Rüstung ab.
Die harte Natur des Grafen paßte wenig in die Weichheit des kühlen Raumes, der sich mit seinen Ajimezesfenstern gegen die grüne Gartenpracht des Generalifes, des Lustschlosses der maurischen Könige, und auf den Albaycin öffnete. Die flimmernden Stuckornamente zauberten wollüstige Stimmungen hervor, die zu dem Weiberfeind im grellen Gegensatz standen. Don Pedro de Solar wußte mit diesem Sinn für schillernde Farben, verschlungene Linien und geometrische Figuren, mit dieser Anhäufung von Bogen über Bogen, mit diesen spielerischen Säulchenfenstern aus Jaspis und Marmor nichts Rechtes anzufangen. Ja, er haßte diese üppig wuchernde Phantasie, die Männer umgeworfen und ein ganzes Reich zerstört hatte. Der Mauren Geist unterwarf sich den Sinnen, meinte er, und was diese wollten, gestaltete jener. Ihr Trumpf war Genußsteigerung auf allen Gebieten der Lebensfreude, trotzdem Mohammed seinen Jüngern Mäßigkeit und allerlei Verbote gegeben hatte. Das Volk nahm von seiner Religion das, was ihm bequem war, und die Kalifen waren die Vorbeter dieser Bequemlichkeit.
Der Graf ließ sich den Schweiß vom Leib reiben. Kühl wehte es von den Mauern, während draußen die Sonne ihr Gold über Buschwerk und südländische Gartenpracht warf. Das Generalife leuchtete mit seinem Gemäuer wie Schnee aus der dunklen Zypressen- und Myrtenumrahmung. Der Graf hatte kein Herz für den Gartentraum poetisch sinnender Emire, und nur die Freude an Abenteuern steckte ihm vom Großvater her im Blut, der einst auf maghrebischem Boden allerhand wilde Fahrten unternommen. Das unverspottete Rittertum hatte es ihm angetan. Lanzenwerfen, Armbrustschießen, Degenkreuzen, Rosse tummeln, Heilige beschützen -- das betrieb er mit der ernsten Seele des Kastiliers. Und solche Männer, meinte er, brauchte das neue Land jenseits des Ozeans. Lieber heute als morgen wollte er hinüber.
Morgen? Heute? -- In wenigen Tagen vielleicht -- oder auch --
Der Graf trat ans Fenster, das nach dem Albaycin sah. Einmal sollte er doch wieder dort hinüberschauen, um die Marktverhältnisse zu untersuchen. Man sprach von Übervorteilungen. Dann gingen Gerüchte, daß Berber gekommen seien. Die afrikanischen Gäste liebte der Spanier nicht. Sie erinnerten die Mauren allzusehr an schönere Zeiten.
Draußen tönte die helle Stimme seines Freundes Hernando de Rojas.
„Pedro, Pedro, ich hab’s!“ Der Lizentiat stürmte erregt herein.
„Was hast du?“
„Ich trank den Montillo in der Venta der schönen Hexe Dolores --“
„Das ist alles?“ fragte enttäuscht der Graf.
„Und da konnte ich die Inschrift entziffern.“
„Bei Santiago! Was meinst du für ein Ding?“
„Die westgotische Inschrift des Königs Witterich über die Erbauung einer Kirche an der Mauer der Königsmoschee.“
„Wenn das die ganze Ausbeute deines Schenkenbesuches ist!“
„Den Kuß der braunen Dolores nicht zu vergessen. Ach, was weißt du von dem Taumel, der die ganze Wissenschaft von Salamanca bis Upsala ergreifen wird. Du bleibst kalt wie ein -- kastilischer Graf.“
Das leichte Geblüt, von der valencianischen Küste als Wiegengeschenk erhalten, machte den jungen Gelehrten leicht zum Freund. Auch viele Frauen liebten seinen Frohsinn, der alle Lebensschwere übersprang wie ein Stierkämpfer die Arenawand. Mühelos wußte er sich den Zufälligkeiten des Lebens anzupassen, nie trugen seine Feueraugen den Schleier des Trübsinns, die helle Stimme polterte manchmal überlaut, wenn sich de Rojas in einen Gegenstand verbiß. Er liebte die Künste und hatte Sinn für maurische Vergangenheit, aber einen besondern Eifer für Recht und Gerechtigkeit. Die Frauen behaupteten, daß ihm die enganliegende grünseidene Jacke und die andalusischen Beinkleider mit der Doppelreihe von Silberknöpfen an der Seite bis zu den Knien herab besonders schön kleideten. Und Hernando hielt viel auf die Aussprüche der Frauen, denn er liebte sie alle. Er hätte mit derselben Glut, die noch aus den Studententagen von Salamanca stammte, Wikingerweiber wie Indianerfrauen umarmt.
Hernando wickelte ein Holzschwert, dessen Schneide aus Obsidiansplittern bestand, aus einer Leinenhülle. „Sieh -- aus Westindien!“
Dem Grafen glänzte das Auge. „Das nenn’ ich Waffe. Wer brachte es mit?“
„Mein Freund Gomares, der aus Haiti kam. Aber er brachte auch böse Nachricht. Des Kolumbus Widersacher sind am Werk. Er selbst dringt von Land zu Land vor und kümmert sich nicht um die Mannschaften, die die Orte besiedeln. Man rüstet in Bälde ein Schiff unter Francisco de Bobadilla. Er soll Kolumbus beiseite drücken. Du kannst also hinübersegeln und deinen Traum wahr machen.“
Don Pedro stand beim Fenster, die Augen nach dem Albaycin gespannt. „Wenn Kolumbus fällt, mögen Könige selber Länder entdecken. Fernando wird ihn vergessen, er vergißt überhaupt schnell Verdienste.“
„Du hast finstre Augen. Ist etwas vorgefallen?“
„Nichts.“ Der Graf bereute es jetzt, daß er sich so rasch die Zunge binden ließ.
„Es gab viel Unruhe bei der Prozession, hörte ich.“
„Nichts von Bedeutung. Ja -- der Imam -- wie hieß er nur? -- Abu Atir, glaube ich --“
De Rojas horchte auf. „Der bei Boabdil den Koran las? Er soll weiser sein als der Bischof von Avilla. Ein weißhaariger Mohammedaner mit einem Prophetenbart --“
„Er fiel vom Pferde -- doch nein -- nicht er -- sein Mädchen -- was weiß ich --?“
Hernando hörte kaum zu. „Abu Atir! Das trifft sich gut. Er soll mir Lieder sammeln helfen.“ Der Lizentiat breitete ein paar arabisch beschriebene Blätter vor dem Grafen aus. „Romanzen aus der Almohadenzeit. Ich hab’s übersetzt.“ Und er las mit der Genießerfreude des Kenners eines jener sinnlich-schwülen Phantasiegebilde, die die Kalifendichter ihrem Herrn auf den Teppich legten, wenn er schlecht bei Laune war. Das Lied stammte von einem schwelgerischen Zecher, der Mohammeds Verbot ein Schnippchen schlug. „Sie kam, vom Mantelsaum der Nacht umhüllt, zu mir als Traumbild wie die Berggazelle. Von ihrem Mund die Feuchte trank ich bald, und bald des süßen Weines goldene Welle, bald küßt’ ich ihrer Wangen Abendrot, von ihren dunklen Haaren überschattet. Am Stab des Orion schlich die Nacht schon altersgrauen Hauptes und ermattet. Langwallenden Gewands mit blonden Locken kam dann der Tag und lächelte voll Wonnen, in seines Mundes Zähne, die Jasminen, verliebte nach dem Regen sich die Sonnen, in seinen Kleidern schwankten duft’ge Sträucher und löschten ihren Durst in kühlen Flüssen, wir aber brauchten Regen nicht, da Arm in Arm wir lagen unter Tränengüssen.“
Des Grafen Seele wußte mit dem klingenden Kleinod nichts anzufangen. „Das mag für Kalifenohren taugen. Ich will Degenklirren hören. Hast du so was in deiner Tasche?“
Hernando lachte auf. „Euer Gnaden haben zu befehlen.“ Er zog etwas anderes ans Licht. Omajadenruhm erklang, überschwenglich und breit. Kampflärm tobte und Christenschädel flogen rechts und links in den Sand. Aber am Ende triumphierte doch ein edleres Gefühl: „Der schlimmste Feind ergibt sich endlich ihrer Macht, doch übergroß nach ihrem Sieg ist ihre Huld.“
„Sie prahlen immer, diese Agarenos,“ sagte der Graf geärgert. „Wer Sieger ist, knechtet den Besiegten, immer -- immer. Die Huld ist Dichterlüge.“
„Womit soll ich nun einen Übellaunigen erheitern? Mit Inquisitionsurteilen? Mit der Nachricht, daß Ximenes maurische Bücher verbrennen will? Darum habe ich den Schatz hierher gerettet.“
„Man sollte auch die Besitzer verbrennen, um das Gift ganz auszurotten.“
„Ob’s ohne Widerstand abgehen wird? Der Koran ist ihr Heiligstes.“
Don Pedro rührte sich nicht vom Fenster weg. Der Alcazar, die Maurenburg, leuchtete herüber. „Ei, dort Feuer anzünden! Das ganze Rattennest verbrennen!“ Er rief nach Chispazo.
Der flinke Bursche eilte herbei. „Weh mir!“
Hernando gab ihm einen Puff. „Was heulst du, Junge? Noch bevor ein Unglück dich anschreit!“
„Weil ich ihm zuvorkommen will, dann wendet man es ab.“ Er zwinkerte pfiffig.
„Wie du ausschaust! Dein Gesicht eine Stachelwildnis!“ zürnte der Graf.
„Nur damit sich kein Weib in meine Reize verfängt,“ lachte Chispazo.
„Du liebst die Weiber nicht?“ fragte Hernando.
„Alle, aber nicht eines. Wer viele Weiber liebt, braucht nicht Angst zu haben, eine heiraten zu müssen. Und wer eine heiratet, liebt die Frauen nicht mehr, die eigene mit inbegriffen.“
„Laß deine Fanfarronadas, Affe!“
„Nehmt sie für andalusisches Salz[1], Herr!“
[1] Damit bezeichnet man den andalusischen Witz des Volkes
Der Graf nahm den Schwätzer beim Ohr und zerrte ihn zu sich heran. „Du gehst in den Albaycin -- was wollte ich sagen -- ja, in den Albaycin und hältst dort Nachschau -- wie doch oft Gedanken entgleiten -- fragst nach der Stimmung in den Häusern. Man sagt, die Inquisitionsurteile seien schon durchgesickert.“
„Verlaßt Euch, Herr, auf mich. Ich weiß Geldmittel zu gebrauchen, wenn sie die Euren sind. Ich will in die Häuser schleichen, ohne mich lästig zu machen. Wann soll ich zurück sein?“
„Noch am Abend. Und so nebenbei fragst du --“ des Grafen Finger spielten unruhig mit den Versblättern des Freundes -- „wo der Imam Abu Atir wohnt.“
„Das muß ich mir erst buchstabenweise auf meine Gehirntafel schreiben, sonst fällt es in ein Nichts. Abu -- das heißt Vater -- Atir -- also Vater Atir -- hm, ich weiß nicht, ob man im Albaycin sämtliche Väter kennen wird. Aber Atir wird doch wohl den richtigen Vater ausfindig machen.“
„Ja -- und noch eines -- so ganz nebenbei fragst du auch -- nach dem Mädchen, das heute vom Pferd gestürzt --“
Hernando horchte auf. „Ein Mädchen, sagst du?“
„Ich sprach doch vorhin davon, aber du warst in Hispaniola.“
De Rojas setzte sich rittlings auf den Stuhl. „Man muß es in die Welt posaunen: Graf de Mora fragt nach einem gefallenen maurischen Mädchen. Die Sterne gehen also von heute an verkehrt. Hat dich die Zauberin Urganda verhext?“
„Zum Teufel mit dem Spott! Ich sah sie leblos liegen, vielleicht ist sie tot.“
„Dann wäre ja dein Wunsch nach Ausrottung der Sippschaft mit einem schönen Anfang gesegnet, und du könntest eine liebliche Leichenschau halten.“
„Gut denn, Chispazo, du fragst nicht nach dem Mädchen. Aber wo Abu Atir wohnt.“
Der Diener sprang davon. Don Pedro de Solar fühlte beim Fenster die Pulse brennen. Und er hatte keinen aufregenden Wein getrunken. Tanzte die Sonne aus ihrer Bahn?
„Was willst du vom Imam?“ fragte Hernando.
Der Graf wich aus: „Ximenes will ihm auf den Zahn fühlen. Er soll großen Einfluß bei den Mauren haben. Wenn er klug ist, wechselt er den Glauben.“
„Vielleicht besitzt er aber eine Tugend, die größer ist als Klugheit: die Überzeugungstreue.“
„Dann wird Ximenes Mittel haben -- aber darüber mag er sich den Kopf zerbrechen. Komm, die Küchenglocke! Graf Tendilla wartet nicht gern.“
„Dein Maurengrimm wächst sich zur Löwengröße aus. Das kann gefährlich werden.“
„Sicherlich für die Mauren.“ Der Graf lachte mit blanken Zähnen.
„Vielleicht auch für dich,“ sagte Hernando mit merkwürdiger Betonung.
Zehntes Kapitel
In einem maurischen Palast auf der Bibarrambla arbeitete Ximenes mit einem jungen Franziskanermönch Ruyz de Alcala an der religiösen Umgestaltung des Maurentums. Auf einem Tisch lag neben dem reichen Bekehrungsmaterial auch ein wohlgeordneter Anklagestoff in Form von Schriften und Büchern. Der Vikar Pater Juan de Leon, das Haupt der priesterlichen Gewalt in Granada, hatte mit Bienenfleiß Rückfallsklagen gesammelt, und seine Familiares, die Schergen der Inquisition, sorgten täglich für den Zuwachs an Opfern.
Die Kerzen brannten über stark schmelzenden Wachsklumpen. Ihr Geruch mischte sich mit dem Moderduft des Patiogartens und legte sich süßlich auf die Gaumenhaut.
Gestützt auf seine treuen Franziskaner, humpelte der Erzbischof Talavera, von dem Dominikanervikar Leon begleitet, herein. Freundlich begrüßte ihn der Primas. Dann reichte er dem Jünger des heiligen Dominikus die Hand.
Das feurige Auge des wohlgewachsenen Vikars funkelte im Kerzenschein. Dieses Auge, der grausam-sinnliche Neromund und die bis zur Nasenwurzel geschlossenen dunklen Brauen verrieten Härte und Unbeugsamkeit.
Ximenes lud die Gäste ein, auf den Zederstühlen Platz zu nehmen. Der verworrene Stimmenlärm vom Platz der Bibarrambla, auf den die Fenster des Gemaches gingen, hörte sich wie ein aufgeregtes Meer an. Von Zeit zu Zeit pfeilten laute Stimmen herauf, Kaufleute schrien ihre Waren aus und der Ruf der Wache schaffte irgendwo Ordnung.
„Ein bewegliches Volk,“ lächelte Ximenes. „Es muß auf seine Weise genommen werden.“ Er sah nach der Tür. „Pater Angelus!“ Ein alter Franziskaner schob sich in die Türspalte. „Sorgt, daß niemand am Gange sei.“ Der Mönch schloß unterwürfig die Tür.
„Kennt Ihr den Imam Abu Atir?“ fragte der Primas den Erzbischof.
Talavera verneinte. „Er muß wohl erst seit kurzem hier sein.“
Ximenes lächelte überlegen. „Muß man erst aus Toledo kommen, um seine Vögel aufzustöbern? Man sagt, der Mann sei gelehrt. Bei solchen Leuten müssen wir die Schaufel ansetzen. Im übrigen --“ Ximenes schien ablenken zu wollen -- „die Moscheen müssen fallen.“
Talavera fühlte den Schlag niedersausen. „Bruder in Christo, überlegt es wohl,“ zitterte seine heisre Greisenstimme.