Granada in Flammen

Part 4

Chapter 43,670 wordsPublic domain

In der ehelichen Verbindung der Herrscher hatte sich der Begriff Spanien gebildet, doch blieb der staatsmännische Gedanke an den Begriff Kastilien gebunden. Dieses Königreich schrieb den nach und nach erworbenen Ländern Sitten, Politik, Gesetze und Ordnung vor. Vor Kastilien beugten sich willig oder dem Zwang gehorchend Aragonien, Navarra, Leon und die kleinen Ländchen. Die königliche Hoheit Isabellas, ihr Geist, ihr Ahnentum und ihre Tatkraft bürgten für eine geordnete Entwicklung des Landes. Ein Schatten trübte ihre Größe: der Maurenhaß, geboren aus einem durch Priesterhände geschürten Glaubensfanatismus.

Würdig stand Fernando ihr zur Seite. Die Erscheinung des Fünfzigjährigen bestrickte die Edelleute. Er hatte seine Jugend in den Feldlagern seiner Ritter verbracht, und es lagen zehn Jahre Glaubenskrieg hinter ihm. Gelehrsamkeit achtete er nicht hoch, seiner natürlichen geistigen Gewecktheit mangelte die wissenschaftliche Erziehung. Man ehrte in ihm mehr den Ritter, Fechter, Reiter und Jäger. Freilich gibt es Granden, die Ursache haben, sich vor der verdeckten Schlauheit des Königs in acht zu nehmen, gedemütigte Hidalgos, erniedrigte Herren, unverdient gekränkte Höflinge. Im Glaubenseifer reicht er der Königin die Hände. Beide schützen das Ketzergericht und zittern doch vor ihm. Der Klerus vergöttert das Königspaar, er ist der eigentliche Fels, auf dem die spanische Großmacht steht. Auch Bürger und Bauern ehren ihre Könige, denn diese schützen sie vor den Übergriffen des selbstherrlichen Rittertums. Stadt und Dorf haben ihre Ordnungstruppe, die heilige Hermandad, der königlichen Gewalt zur Verfügung gestellt, um diese und sich selbst vor dem Machthunger gewisser Granden zu verteidigen.

Der Tag war verglüht. Die Könige überblickten die Listen der in Cordoba verbrannten Maurenbücher und die der Inquisitionsopfer. Unter Torquemada hatte das Ketzergericht zweitausend Leichen dem Herrgott auf dem Altar der Christenliebe hingeopfert. Deza, der jetzt das Amt des Großinquisitors übte, wartete in der kurzen Zeit seiner schrecklichen Macht mit einigen hundert Menschenfackeln auf. Dieser Mann war der Beichtvater des Königs. Sein Gehilfe in Cordoba, der fürchterliche Lucero, war der würdige Diener Dezas. Er hatte durch sein Gott wohlgefälliges Walten dem königlichen Schatz infolge der Gütereinziehung soeben wieder einige tausend Realen zugeführt. So blickten die katholischen Könige dem Scheiden der Sonne dankbar nach.

Es herrscht Schwüle im Gesandtensaal. Hier thronten noch vor acht Jahren maurische Könige, hier schlichteten sie Zank und Streit, hier traten die Ritter zum letztenmal unter Boabdil zusammen, um das traurige Geschick der Stadt zu beraten, und hier schluchzte der König vor den Seinen das Abschiedsweh heraus. Der Reichtum des Ornaments, bestehend aus Pflanzen, Girlanden, arabischen Inschriften und geometrischen Kleinfiguren in Gold, Rot und Blau, gegliedert durch zierliche Ajimezes, nach unten zu durch schimmernde Azulejos begrenzt, verwirrt selbst den nüchternen Geist der Granden.

Die Königin im Brokatgewand, den Scharlachmantel um die Schulter geworfen, den Hals in die dicke Krause gepreßt, läßt im strengen Zeremoniell die Granden vor den Thron treten. Unbewegt und steif, im rotgoldnen Atlasgewand, den weißen Mantel darüber, das Haar von einem Kopfputz zusammengehalten, sitzt Fernando von Aragonien neben ihr.

Der altersmüde Erzbischof Hernando de Talavera mit dem weichen Gemüt des wahrhaft frommen Christen, steht, auf einen Stock gestützt, vor den Herrschern. Er berichtet der Königin über den Fortgang des Bekehrungswerkes bei den Mauren. Isabella beginnt von der Ankunft des Ximenes zu sprechen, und ihre Augen glänzen. „Die Brüder des Konvents von San Francisco sollen morgen in der alten Moschee zu Ehren des Primas die Messe lesen. Meine Escuderos sollen in den Gassen Spalier bilden und die neugierigen Mauren im Zaum halten.“ Sie neigte sich freundlich zum Erzbischof herab. „Grollt mir nicht, daß ich Ximenes für die Stärkung des Glaubenswerkes kommen ließ. Eine doppelte Kraft verdoppelt den Erfolg.“

Talavera senkte das Haupt. Er las aus den Worten seiner Königin den Vorwurf der Schwäche heraus, der er sich selbst anklagte. „Ich bin alt, meine Königin hat weise gehandelt.“ Er schleppte sich an den Armen zweier Dominikaner zu seinem Sitz.

Graf Tendilla de Mendoza, der Gobernador von Granada, trat vor den Thron. Er war der Liebling des Königs. Sehnig, breitschulterig, den kriegerischen Narbenschmuck auf der Stirn, stand er da. Er hatte das Verdienst, die verlotterte Kriegsmannschaft mit neuem Geist belebt zu haben. Statt der Dirnen ließ er die Mönche mit dem Schwert Begleiter der Soldaten im Felde sein. Als einst die Geldmünzen ausgingen, gab er den Soldaten Papierscheine und löste sie später wieder ein. Ein solch erfinderischer Kopf durfte nicht feiern.

„Die Stadt ist ruhig?“ fragte der König seinen Lieblingsritter.

Des Gobernadors Antworten waren immer kurz wie Axthiebe. „Ja,“ sagte er.

„Das ist Euer Verdienst. Wen wir unsrer Gnade versichern, soll sie vor allem zur Schau tragen.“ Der König heftete den Orden der Steineiche dem Grafen auf die Brust. Dieser stand in Rührung mit gesenktem Haupt. „Man hat die Spur des Abencerragen noch immer nicht gefunden?“ fragte der König.

„Sie führt nach den Alpujarras. Dort einzudringen ist schwer.“

„Ein mutiger Ritter, ein zweiter Perez del Pulgar, kann sich durchlisten.“

Der Gobernador wandte sich nach den Sitzen der jüngern Granden, die wie Bildsäulen dasaßen. „Don Pedro de Solar Graf de Mora!“

Der Gerufene erhob sich rasch. Er stand im roten Escarpin, das Schwert an der Seite, auf dem Haupt die spanische Feder, schön wie ein Cherub da. In dem feingeschnittenen Gesicht, umrandet von dem gestutzten Spitzbart, leuchtete sonnige Wärme. Man raunte sich zu, daß vor dieser kriegerischen Stattlichkeit selbst die Maurinnen hinter den Fenstern liebesselig erzitterten, wenn der Graf auf dem braunen Andalusier im Panzer durch die Gassen ritt. Aber sein Herz, sagte man, bliebe unberührt vom Zauber des Weibes. Man erzählte sich, daß er auf der Brust ein Mal in Form einer Löwenklaue habe. Der Ritter lachte stets, wenn man ihm diese Fabel vorhielt, und meinte, der tapfre Mann bedürfe keines äußerlichen Löwenzeichens.

Fernando wurde nachdenklich. Er entsann sich eines Gerüchtes, wonach der Vater dieses schönen Ritters einst nahe daran war, von der Inquisition verfolgt zu werden. Er verscheuchte den Gedanken im Nu und suchte eine hellere Vergangenheit auf. „Ein Carlos de Solar rühmte sich einst, von den Goten abzustammen. Hat nicht ein Ahne von Euch den Musa, den tapfern Maurenfürsten, nach Syrien begleitet?“

„Ich stamme von dem Geschlecht,“ sagte der Graf mit Stolz.

„Ihr habt die Wunde an dem Hals --?“

„Vor Santa Fé erhalten, Königliche Hoheit.“

„Die Maurenkriege sind zu Ende. Lockt Euch nicht andere Gefahr? Wir brauchen -- Neapels wegen -- Hauptleute, die unter dem Mars geboren wurden.“

„Für meine Könige zu bluten, ist mir Freude -- jedoch ich gestehe -- die Ferne zieht mich an.“

Der König blickte ungehalten. „Ihr wollt nach Hispaniola.“

Des Ritters Augen glänzten. „Die Goldschächte von Ophir locken mich. Kolumbus will ins unentdeckte Bergland der Inseln dringen. Man sagt, daß Bobadilla demnächst hinübersegeln soll. Wenn ich es wagen dürfte --“

Der König zog die Brauen hoch. „Verderblicher Drang! Wohin käme Spanien, wenn alle Ritter westindische Sehnsucht hätten! Sevilla ist schon halb entblößt von Edlen, Cordoba folgt nach. Nun auch Granada?“

„Dazu ist mir der Graf zu teuer,“ warf sich Tendilla dazwischen.

„Dann bleibt!“ befahl der König.

Don Pedro de Solar trat zu seinem Sitz zurück. Über seine Stirn zog ein Schatten.

Fernando rief seinen ersten Feldherrn, den großen Kapitän Gonsalvo de Cordoba, Herrn von Aguillar, vor den Thron. „Kann man in die Alpujarras dringen?“

Der stattliche Krieger mit den Lorbeeren auf der Stirn berichtete: „Hinter den Barrancos liegen die alten Maurennester und die Schlupfwinkel der Mißvergnügten. Für die spanische Reiterei wäre der Boden ein zweites Malaga. Die Mauren verstehen sich auf den Bergkrieg, wir haben unsere Ruhmeskränze in den Ebenen Italiens gepflückt.“

„Das klingt nicht zuversichtlich.“ Wieder sah der König düster.

Da mengte sich Isabella drein. „Gebt den Mauren tüchtige Priester, und sie werden nicht zu flüchten brauchen. Ich will nicht ihr Blut, sondern den Glauben. Spanien soll einen Gott verehren.“

Es klang wie ein schmetternder Kriegsruf. Gott, Jesus und die Jungfrau! Das waren die Leitsterne der Spanier.

Aber die Stirn der Königin umwölkte sich. „Warum ziehen sich Prälaten und Lehensmänner auf ihre Besitzungen zurück, anstatt bei Hof zu dienen? Ist man schon ruhebedürftig? Satt der Lorbeeren? Mißtraut man uns? Will man sich in der Einsamkeit für einen Trotz stärken, den ich schon gebrochen glaubte? Ist meine Geistlichkeit durch die Pragmatika gekränkt, die ihr manches alte Recht nahm, das kein Recht uns schien? Ich vermisse meine Domherren von Toledo, den Bischof von Jaen und manchen andern. Fühlen sie sich bei ihren Weibern wohl? Man bessere es und lerne nicht allzuviel von den Mauren.“

Es waren schwer anklagende Worte im Munde einer Königin. Aber die Granden waren die Sprache gewöhnt. Man nahm sich davon, soviel man wollte, und das Leben ging seinen alten Gang weiter.

„Auch meine Ritter zürnen,“ fuhr die Königin fort. „Die Cortes beschlossen bisher nur, was ihnen frommte. Wer beschließt, was dem gemeinen Bauer not tut? Der königliche Rat ist die Ergänzung des Willens der Cortes. Es kann nicht ein Stand alles heißen wollen. Ist Spanien nicht glücklich? Mit blühendem Handel bedacht, geachtet in aller Welt, bestrahlt vom Kriegsruhm, beneidet um die neuentdeckten Länder, und nun auch bald -- so hoffen wir -- geeinigt in einem Glauben? Was wollt ihr, Granden? Zürnt ihr unserm Wunsch nach Schlichtheit in der Kleidung? Mögen sich die Mauren mit syrischem Tand behängen, euch Christen ziemt die Schmucklosigkeit. Gebt den Altären Schmuck und begnügt euch mit dem schwarzen Wams. Oder stoßt ihr euch an der Maurensteuer? Sind auch die Kriege tot, die Mauren leben noch und schielen nach der Berberei hinüber. Ihr seht die Gegenwart, wir die Zukunft. Wir brauchen Geld für die Bekehrung, zum Schmuck der Altäre, daß diese die Mauren locken, die des Schmucks gewohnt sind. Vor dem Altar bricht der schöne Quell des Glaubens von selbst auf. Drum murrt nicht, Granden. Sprecher, vor!“

Aus der kühl und stumm sitzenden Ritterschaft erhob sich der Herzog von Osuna, ein gereifter Herr. Mit dem Stolz des selbstbewußten Untertans trat er vor seine Könige. „Wir wollen nur, daß man in Hinkunft die Cortes mehr zu Rate ziehe als bisher. Und dann noch eines, erhabne Königin: Seid nachsichtig mit den Mauren, die unsre Güter bebauen. Sie sind zum großen Teil bekehrt, doch unbelehrt. Ein verfänglich Wort, eine Gebärde bringt sie in Verdacht des alten Glaubens. Wir verlieren unsre besten Kräfte, denn fleißig, bedürfnislos und willig ist der Maure, man muß ihn nur zu behandeln wissen. Wohl zwinge ich ihn nieder, wenn er sich rührt. Doch der für uns in Frieden die Furchen in die Erde zieht, den Boden wässert, die Seidenraupe züchtet, soll auch unsere milde Hand zu spüren bekommen.“

Der König sah finster. „Ist mir doch, als spräche aus Euch ein Grande von Aragonien. Es scheint, man nimmt bei seiner Sorge um das tägliche Brot den Glauben allzu leicht.“

Der greise Erzbischof Talavera humpelte zum Thron. „O mein König, nicht den Glauben nehmen wir leicht, doch leicht das ungewollte Straucheln im neuen Glauben. Sie müssen erst gehen lernen im Christentum. Man kann ein Kind nicht für jeden Fall auf den Boden, den es mit seinen ungeschickten Beinchen tut, gleich züchtigen.“

„Wer wollte das!“ fuhr die Königin auf.

„Es ist geschehen,“ klagte Talavera. „Mit Drohungen drängt man die Moriskos in die Kirche, in den Beichtstuhl, in die Prozessionen.“

„Man soll es abstellen,“ sagte der König unsicher. „Die Geschichte sage nicht, daß nur Gewalt die Herzen bändigte.“

„O laßt mir Zeit, erhabne Königin, mir und den Mauren. Und darum -- fast schäme ich mich, zu bitten -- wenn es noch ungeschehen zu machen -- o Gott, verwirrt ist mein Gemüt -- Ximenes -- wie ehre ich ihn! Er wirkt Wunder in Toledo -- doch hier in Andalusien, auf fremdem Boden -- o überlegt es, große Königin, mein König!“

Isabella blickte besorgt auf den zitternden Greis, der in den Armen der beiden Mönche hing. „Ximenes -- ist gerecht,“ sagte sie leise.

„Es gibt etwas, das größere Wunder übt als Gerechtigkeit: Güte, Gnade!“

„Sie sind Gottes Geschenke in Eurer Brust, Talavera. Aber ich weiß, daß auch die Brust Ximenes’ solche Schätze birgt. Er wird sie nützen. Auch kann ich mir den treuesten Diener nicht entfremden.“

„Besser einem Diener sich entfremden als einem ganzen Volk,“ rief erregt Graf Orgaz, ein eifriger Maurenfreund, dazwischen.

Der König sprang auf. „Genug der Leidenschaft um eines bösen Gegenstandes willen.“ Ein strafender Blick fiel auf den dreisten Grafen. Wollte sich der alte Rittertrotz, kaum erst gezügelt, von der Kette reißen? „Wie denkt Pater Leon darüber?“

Von den Sitzen des Klerus erhob sich ein junger Dominikaner. In den schön durchgebildeten, scharfen Zügen lag die Härte des Eiferers, die hohe Stirn drohte, und unter ihr glänzten dunkle Augen auf bläulichweißem Grunde, Augen, deren Blickkraft die unheimliche Macht des Magneten hatte. Mit der Gewalt dieser Augensprache allein schon glaubte der Priester Seelen bannen zu können. Die kräftig gezogene Lippe aber verriet den Unsegen sinnlicher Geister. Eisig klang seine Stimme über die Versammlung hin: „Ein Franz von Assisi konnte mit Sanftmut Gläubige stärken, doch Heiden bekehren konnte er nicht. Allzu fern steht uns der Mekka-Prophet, als daß wir mit ihm Pakte schließen könnten. Sein Ich trieb Mohammed in die Prophetenschaft hinein, nicht der Geist Gottes. Er stiftete Gesetze, die seinem Wesen angenehm waren und seinem Volk schmeichelten. Weil es eine Religion der Bequemlichkeit ist, vermag sich der Maure so schwer von ihr zu scheiden, und nur mit Strenge hält man seinen Geist an der Kette des neuen Glaubens, sonst schüttelt er sie immer wieder ab. Christus hat gesagt: es wird ein Hirt und eine Herde sein. Wer nicht in der geheimnisvollen Arche, die da Kirche heißt, schwimmt, wird von den Gewässern der Sünde ergriffen. Wir aber können keinen Menschen in der Sünde belassen. Unselig der, der fremden Propheten zuneigt.“

Das religiöse Wort fuhr mächtig in die Seelen der Granden. Um Christi willen konnte man nichts Besseres tun, als die Leugner des Gottessohns hassen. Das Mitleid schwieg, da dieses Heilswort, posaunenartig aus eines Priesters Brust gestoßen, tief ins Herz sank. Und die Furcht vor der Inquisition machte vor den Herzen der Granden nicht halt. Nur der Herzog von Osuna und der Graf von Orgaz verurteilten innerlich das Flammenwort des Dominikaners.

„Alles für den Glauben!“ stürmte jetzt der Herzog von Medina-Sidonia seine tiefste Überzeugung hervor.

„Alles für den Glauben!“ riefen die Granden emporspringend.

Der Priestermund hatte das Ansehen der Kirche und der Könige wiederhergestellt. Mit gehobener Brust empfingen die Herrscher den Rest der Bittsteller.

Durch das lautlose Spalier der Edlen schritten Fernando und Isabella Arm in Arm, gefolgt von den Geheimschreibern des Hofes, nach dem maurischen Torbogen. Als sie durch die Vorhalle des Comaresturms gingen, grüßte sie die von Fackeln beleuchtete Pracht des Wasserbeckens, das die schimmernde, durchbrochene Stuckwand und die Arkaden des Myrtenhofes widerspiegelte. Die Koransprüche an den Mauern beirrten das Herz der Könige nicht. Das alles gehörte jetzt ihnen. Sie hatten nicht den traurigen Ehrgeiz, Zertrümmerer der schönen Kunstbeute zu heißen. Denn diese selbst zeugte für die Größe des Sieges, der errungen worden war. Unter den rauschenden Fanfaren der Hornbläser schritt das Königspaar in die Gemächer der Bäder hinab, wo in der Sala de las Damas ein leichtes Abendessen bereit stand.

Sechstes Kapitel

Im Hofe des Ayscha-Hauses, dicht neben den Bädern, ergingen sich zuwartend jene Männer, die für eine besondere Aussprache von den Herrschern empfangen werden sollten.

Don Pedro de Solar Graf von Mora schritt mit dem Herzog von Osuna erregt auf und ab. „Der König -- wirklich der König?“ fragte Mora ungläubig.

„Ihr möchtet wohl lieber von der Königin empfangen sein?“ lächelte der Herzog.

„Es ist eine Gnade ohnegleichen. Mich auszuwählen!“

Osuna senkte seine Stimme. „Man war heute ungnädig gegen uns. Vielleicht will man es gutmachen.“

„Habt Ihr bemerkt, Herzog, wie der König sich erst meines Namens entsinnen mußte? Mein Geschlecht, sagt man, gelte nicht viel in seinen Augen. Mein Vater stand im Verdacht, allzu eifrig für die Cortes gesprochen zu haben. Das vergißt Fernando nicht.“

Da trat ein Escudero mit einem Brieflein an den Grafen heran. Dieser errötete. Der Herzog aber lächelte wieder. „Glücklicher Mann, der die Gebete des Herzens wie ein Gott empfangen darf.“

Der Graf zerriß das Schreiben, kaum daß er es gelesen. „Es wiederholt sich seit einer Woche jeden Tag. Ein Versegestammel arabischer Gefühle auf gut spanisch. Und der Page ist schweigsam wie ein Inquisitionsknecht. Sicherlich eine Hofdame mit einem Eulengesicht und einem Entengang, sonst würde sie mehr Schleier gelüftet und weniger Verse geschrieben haben.“

Der Herzog von Osuna wurde nachdenklich. „Seit einer Woche, sagt Ihr?“

„Es ist nichts Auffälliges daran.“

„Hm -- es ist ebenso lange her, daß die neue Hofdame der Königin, Leonore de Uceda, in Granada weilt.“

Don Pedro de Solar machte eine jähe Wendung. „Leonore? de Uceda? Die Geliebte des Königs? Was sinnt Ihr, Herzog? Sie! Eine königliche Umarmung preisgeben! Sie ist züchtig, scheint es. Sie wandte gestern beim Ritt nach Gonsalvos Hause nicht den Blick vom Kopfputz der Königin, dessen Obhut ihr anvertraut sein soll.“

Osuna lächelte abermals. „Die gespielte Tugend erhöht den Reiz der Weiblichkeit. Und der höchste Reiz gewisser Damen ist nicht, Geliebte eines Königs zu sein, sondern trotz dieser Gebundenheit einen Mann lieben zu können. Den König besitzt sie, den andern aber liebt sie. Frauen machen da Unterschiede. Und Ritter auch. Es wäre doch nicht befremdlich, wenn sich eine Hofdame der Anbetung eines Ritters erfreuen würde. Wir hätten Granada nicht erobert, wenn es nicht soviele verliebte Ritter gegeben hätte, die ihrer Dame zuliebe tapfer sein wollten.“

„Alles gut, Herzog -- aber eine Uceda! Und gerade mich?!“

„Graf de Mora wird so lange den Spröden spielen, bis die Frauen es satt bekommen werden, ihm Briefe zu schreiben. Oder ist der Kostverächter nur Maske? Habt Ihr insgeheim ein Seidenbettlein für ruhebedürftige Damen bereit?“

„Krieg und Abenteuer gelten mir mehr als Frauenseufzer,“ sagte kühl der Graf.

„Die Narbe auf Eurer Stirn ist ein besser Zeichen der Tapferkeit als das Kreuz auf Eurer Brust. Und die Fahrt nach den Kanarischen Inseln war ein gewagtes Stück.“

„Mein Blut ist rasch, die Fremde lockt mich bald. Ich will nach dem meerblauen Westen. Der Mauren Kampf lockt mich nicht mehr.“

„Ihr kennt Kolumbus?“

„Ich lernte ihn kennen, als er zu Gast war im Dominikanerkloster in Salamanca.“

„Ihr wart in Salamanca?“

„Ich holte mir auf der hohen Schule Weisheit und Freunde --“

„Man sieht’s bei jedem Schritt; Hernando de Rojas, der Schalk und Weisheitskrämer hängt Euch an, er, der die Celestina schrieb, von der ganz Kastilien spricht.“

„Er ist seit Tagen bei mir, ganz recht.“

Sie wurden unterbrochen. Der Geheimschreiber des Königs rief Don Pedro de Solar zum Herrscher.

Der kühle, mit reichen Arabesken verzierte Gang zu den maurischen Bädern war voll von Hofdienern. Mit Ehrfurcht verbeugte man sich vor dem schlanken Ritter.

Bei einem der Gemächer am Gang war die Tür offen. Don Pedro warf einen Blick hinein. Eine junge Dame im schwarzbenetzten gelben Damast, das baskische blonde Haar hochgetürmt, den schleppenden Mantel um die Schulter geworfen, trat eben heraus und an ihm vorbei. Der Graf grüßte ernst, denn er hatte sie erkannt: Leonore de Uceda. Sie also? Die Geliebte des Königs? Des alternden Mannes, der das Frauenspiel nicht lassen konnte? Vier natürliche Kinder versorgte der König mit einträglichen Ehrenstellen, aber er hatte am Ende noch viele Ämter zu besetzen, und Leonore de Uceda war einer Sünde wert.

Fernando erwartete den Grafen allein in seinem Zimmer. Wieder flimmerte es von den Wänden: farbiger Stuck, Inschriften, Pflanzenornamente und Arabesken. Wie in einer Tropfsteingrotte hing von der Decke ein durchbrochenes Pendentif herab. Eine köstliche Kühle, von unterirdischen Wasseradern erzeugt, strich durch die Luft.

Der Graf küßte nach strengem Zeremoniell dem König die Hand. Dieser stand vor einem mit Schriften beladnen Tisch. Kein Laut drang in diese Zelle, in der wohl einst Kalifenfrauen ihre nackten Glieder in kostbaren Spiegeln beschauten. Diese Stille ängstigte für einen Augenblick den königlichen Hauptmann. Doch der König zerbrach schnell die Bangigkeit des Grafen. „Wirklich ins neue Land?“

„Es ist mein Traum,“ erwiderte Mora.

„Ihr solltet es bedenken. Die neue Christenheit, die sich aus dem Islam gebiert, braucht nicht nur Mönche, sondern auch Ritter, die sie leiten. Graf Tendilla ist müde, wir denken an einen Ersatz --“

Don Pedro de Solar verneigte sich verwirrt. „O mein gnädiger König!“

„Doch -- Ihr seid -- unbeweibt. Ihr solltet Euern Haushalt erweitern und ihm eine holde Führung geben. Man sagt, Ihr liebt die Frauen nicht.“

„Ich ging bis jetzt an ihnen vorbei,“ sagte Graf de Mora verlegen. „Sie gaben mir nur Blicke, keine Seele.“

„Ob Ihr auch nur versucht habt, in eine hineinzublicken?“

„Und dann“ -- der Graf errötete --, „ich bin, was Schönheit angeht, verwöhnt. Ich habe eine schöne Mutter.“

„Wieviel größer wäre die Freude, auch eine schöne Gattin zu umarmen. Und darum denke ich ernstlich, Euch auszuzeichnen. Ich möchte Euch glücklich wissen in der Hut des schönsten Weibes, das meine Augen sahen. Kennt Ihr -- Leonore de Uceda?“

Don Pedro de Solar fühlte einen Schlag auf seiner Stirn. Stand er in einem Traum? Wirbelten nicht im Augenblick die Arabesken um ihn, als hätte sie eine Zauberhand in Bewegung gesetzt? Wie konnte der König ihm diese Schmach --? Ein Weib aus des Königs Lustbett? Seiner Reinheit anvertraut als Geschenk?! Über sein Antlitz zog Leichenblässe. „Was -- habe ich getan -- daß man mich -- so zu -- ehren sucht?“

„Ein Kriegsmann wird doch auch in den Armen eines schönen Weibes nicht kapitulieren,“ lächelte der König kaum merklich.

„Ich kann dieses -- Geschenk nicht annehmen.“

„Es ist die Gnade Eures Königs.“ Der König sah wieder ernst.

„Die Sonne der Gnade verliert ihren Schein,“ erkühnte sich der Graf zu sagen, „und es ist nicht alles heilig, was ein König berührt.“

„Verwegener!“ Der König erblaßte und griff nach der Tischkante. „Ihr verschmäht -- was -- ich geliebt?!“

„Wie könnte es den erhabenen Ehestifter beglücken, zwei Herzen zugleich unglücklich zu machen? Doña Leonore würde an mir eine Enttäuschung erleben.“

Ungnade verdüsterte die Züge des Herrschers. Er wollte Worte sammeln, die den dreisten Granden zerschmettern sollten, aber er besann sich. Vielleicht daß eine menschliche Erwägung den Ritter gefügiger machen würde. „Ihr habt mir weh getan,“ sagte er leise, „und einer andern auch. Doña Leonore de Uceda wollte nicht durch meinen Willen an Euer Herz geschmiedet werden, sie selbst bat mich, ihr diesen, gerade diesen Mann zu schenken. Hört Ihr, Graf? Ein liebend Weib warb um einen Mann, der ihr Herz bezaubert auf den ersten Blick. Eure Weigerung wird an ein empörtes Frauenherz greifen. Ihr seid an den Frauen vorbeigegangen, so wißt Ihr auch nichts vom beleidigten Stolz. Doña Leonore hat ihren König geliebt --“

„So meine ich, das sei Grund genug, in dieser Liebe zu beharren,“ sagte Graf de Mora.