Part 29
Unter dem Schein der brandroten Glut über den Dächern, geschützt durch die Masse grell leuchtender Burnusse, schleppen zarte Frauenarme in der Hirtenjacke den wie von Wundern bedrückten Dulder von Stelle zu Stelle, in die Enge des Zacatins, wo die geschlossenen Basare und Khane stehen. Hinter ihnen sirren qualvolle Laute in Rauch und Dampf, vor ihnen flüchten sich fluchende Knäuel von Christen, von Schauder und Angst gepackt und gepeitscht, in Tore und Türen hinein, Schreie des Wahnsinns flattern rechts und links auf, wachsen zu wüstem Gebrüll an -- da und dort prasselt Gebälk von oben herab, flammende Scheite stürzen und entzünden eine tobende Hölle in den Gassenlöchern.
Auf der Bibarrambla lodert plötzlich neuer Schrecken auf. Wie ein weißer gespenstischer Feuerreiter auf brandrotem Roß sprengt eine Mosesgestalt mit fliegendem Bart, das maurische Schwert in der Rechten, über Steine und Leiber daher.
Ximenes, unter dem dreifach gereihten Schutz spanischer Wachen, starrt auf den grausen apokalyptischen Reiter. „Abu Atir!“ haucht seine in Rauch und Asche verdorrte Kehle. Mit verglasten Blicken sieht er den weißen Riesenspuk im verqualmten Loch des Zacatins verschwinden. --
Reija hat sich mit ihrem Beuteschatz durch Tore und Höfe geschlagen. Ihr Hirtenkittel schleift zerfetzt im Staub, ihre Hände bluten, das Rot besudelt Gesicht und Kleid. Über Kalkschutt und verkohltes Holzwerk, an schreienden Menschenhaufen vorbei ringen sie sich weiter. Der halbzerbrochene Körper des Grafen kann ihr nur mühsam folgen. Eine menschenverlassene Gasse öffnet sich, fern von Kampf und Brand -- dann noch ein Tor -- und sie stehen in einem Patio, in dessen Winkel drei gesattelte Pferde den Boden stampfen.
Auf den Stufen einer Treppe sinkt Don Pedro wie ein gemähter Grashalm hin. Reija neigt sich über ihn und küßt seine qualgezeichnete Stirn. Ihre Liebe strömt in seine Leere und füllt sie mit neuem, quellendem Leben. Seine Arme umschlingen ihren Hals, sein Haupt bettet sich auf ihre Schulter, und er starrt, noch vom Rettungswunder übermannt, in die geliebten Augen, die wie Gottes Sterne lächeln, hinter denen Paradiesesfluren leuchten. Langsam lockert sich sein zusammengepreßtes Denken. „Du -- du -- Retterin --“
„Ich war es nicht allein --“ lächelt sie weh. „Alle Agarenos haben geholfen, und Abu Atir hat sie geführt. Und es fiel einer um dich -- Eswer Ben Zerragh --“
Da krampft sich sein Herz zusammen vor soviel Entsagung. Seine Augen werden feucht, und Reija spürt, wie seine Finger sich in ihre Gelenke verkrallen. „Gesegnet sei sein Angedenken immerdar -- er starb, daß wir uns lieben können -- Allah akbar! Allahuma su bahana hu! Der Wille des Herrn geschehe!“ Mit verzückten Augen starrt sie in den blauüberleuchteten Hof, als senkte sich dort die Herrlichkeit des Himmels herab, während über Granadas Gassen der Höllendampf dunkelt.
Hufgepolter vor dem Gitter des Patio. „Er ist’s!“ jubelt Reija.
Hinter dem maurischen Eisentor steigt der Imam vom brandroten Tier. Jeder Schritt des Greises dröhnt wie Sieg und Gewalt. Er schreitet zur Treppe. Reija stürzt an seine Brust, und er beweint über ihrem Scheitel den schwer erkauften Sieg um sein Königskind. „Viele Mauren sind erschlagen -- sie sehen das Paradies im Glanz des Herrn, denn sie meinten für ihren König zu kämpfen. Für ihn wollte ich Granada wiedergewinnen -- aber unsere Kraft ist ermattet, Gott will es nicht -- wir sind Schahhad geworden -- Bettler --“ Und er blickt mit warmem Blick auf das zerschlagene Stück Menschenleben auf der Treppe. „Wird dein Habib reiten können?“
Schwach nickte der Graf, indem er seine Hand dankend dem Prophetenpriester entgegenstreckte.
„Die Zeit ist kostbar -- solange sie auf der Bibarrambla kämpfen und das Feuer wütet, könnt ihr fliehen. Aufgerafft! Die Stirn gegen den Glutwind gerichtet! Ihr werdet einen heißen Ritt haben bis ans Meer. In Salobreña auf der Burg warten Saffana und Muza Ben Maradschun, der Freund deines Vaters. Sie führen euch ins maghrebinische Land. Deines Bleibens ist hier nicht mehr, Don Pedro. Dort drüben kann ich euch helfen, ein neues Nest zu bauen, wenn Gott mir aus dem Kampf hilft. Vielleicht, daß bessere Zeiten kommen, wo der Geist der Duldung weht, sie werden euch dann den Weg nach den granadinischen Fluren öffnen. Solange Ximenes atmet, wird dieser Geist, dessen Streiter du warst, Don Pedro, erstickt werden. Aber Gott läßt Meere aufwallen und stürzt Berge. Was soll der Dämon Wahn, der im Namen der sanften Lichtreligion Isas in spanischen Hirnen wütet, seinem großen Willen anhaben? La illaha illa illahu! Der Araber sieht sich nicht nach seinem Zelt um, wenn er verreist. Wenn du auf dem Hügel von Padul stehst, sieh dich nicht nach Granada um, willst du eine glückliche Heimkehr erzwingen. Leb’ wohl! Gottes friedsamsten Engel über dich und ihn! Zu Roß!“
Unter dem Klang ferner Fanfaren, die die Wendung des Kampfes dem christlichen Volk künden sollten, nahmen sie Abschied von dem Imam. Noch eine letzte schmerzliche Umarmung -- dann schwang sich der Alte aufs Pferd und flog wie ein junger Pfeil in die Gasse. Reija schrie auf. Sie fühlte, daß sie ihn nie wiedersehen werde. Tränen schossen aus ihren Augen. Erst ein Blick auf den Leidgenossen brachte sie zu sich. „Allah akbar!“ jubelte sie zwischen den Zähnen.
Sie stiegen auf, ritten aus dem Tor, an den geknebelten Lanzenmännern vorbei, die von Burnussen umringt waren, stürmten durch die Gassen wie windgejagte weiße Flammen. Die Geißeln peitschten auf die Flanken der Rosse. Durch das in Rauch und Ruß gehüllte Mühltor ging es hinein in die padulischen Hügel. Hinter ihnen brannte, ein Quemadero der Rache, Granada, die von einem Irrgedanken der Menschheit besessene Christenstadt.
Erklärung von öfter vorkommenden Worten, die im Text selbst nicht erklärt sind
Ahbab (ar.): Freunde Alcazaba (ar.): Burg Alkazar (ar.): ebenfalls Burg Alguacil (sp.): Gerichtsdiener Amadis (sp.): berühmter Held eines spanischen Ritterromans Caballeria (sp.): Ritterpflicht, ritterliche Ehre Calina (sp.): brauner Höhendunst Carmen (sp.): Landhaus Dschinnen (ar.): Geister Arabiens Escudero (sp.): Schildknappen, Edelknaben Faja (sp.): andalusische Schärpe Faki (ar.): arabischer Priester Feta (ar.): Ritter Habib (ar.): Freund Hermandad (sp.): Stadt- und Landwache für den Landfrieden Isa (ar.): Jesus Maja (sp.): Mädchen aus dem Volk, Geliebte Medriset (ar.): Hochschule Mekteb (ar.): Kinderschule Mihrab (ar.): die Gebetsnische in den Moscheen Minar (ar.): Turm der Moschee Muallakat (ar.): die Dichtungen der sieben größten arabischen Dichter Nasranij (ar.): Christ Navaja (sp.): Gürtelmesser Nisaram (ar.): Nazarener Olla potrida (sp.): spanische Nationalspeise Patio (sp.): Hof in den spanischen Häusern Ricoshombres (sp.): der reiche Adel Sahat (ar.): Hof in den arabischen Häusern Salat (ar.): Stoßgebet Santon (sp.): Heiliger Schahhad (ar.): Bettler Schaitan (ar.): Satan Semsem (ar.): der heilige Brunnen von Mekka Sid (ar.): Herr Supremo (sp.): höchster Rat der Inquisition Venta (sp.): Landschenke Virgen (sp.): die heilige Jungfrau
Winke für die Aussprache der spanischen Wörter
Fast alle auf einen Vokal oder auf s und n ausgehenden Worte haben die Betonung auf der vorletzten Silbe. Ausnahmen sind durch einen Akzentstrich gekennzeichnet.
Die auf einen Konsonanten ausgehenden Wörter (ausgenommen s und n) haben die Betonung auf der Endsilbe. (Auch hier gibt es Ausnahmen.)
h wird nicht ausgesprochen. v wird wie w ausgesprochen. j wird wie ch ausgesprochen. c vor a, o und u sowie vor Konsonanten wie k, vor e und i wie z. ch wie tsch. ñ wie nj. ll wie lj. x wird wie ch ausgesprochen. s wird scharf ausgesprochen wie ss.
Die Werke von Ludwig Huna
Herr Walther von der Vogelweide
Ein Roman von Minne und Vaterlandstreue
5. Tausend
Es ist ein Monumentalgemälde ... ein ungewöhnlich reizvolles Problem ... in einer Fülle so ungeheuer wirklicher Situationen und Beziehungen, daß die Gestalt Walthers in allen ihren liebenswerten Vorzügen lebhaft vor den Leser tritt.
Leipziger Abendpost
Die Verschwörung der Pazzi
Ein Roman aus der Zeit der Frührenaissance
5. Tausend
Hier erwächst uns ja ein neuer Boccaccio ... So etwas liegt ihm, darin ist er Meister, und es wäre Unrecht, ihm überhitzte Sinnlichkeit vorzuwerfen ... Hunas begehrtestes Südlandbuch.
Deutsche Zeitung, Berlin
Wieland der Schmied
Ein nordischer Sagenroman
6. Tausend
Der Roman des deutschen Volkes ... Zu wahrhaft überwältigender Größe erhebt sich aus Hunas Dichtung die ungeheure Welt, die sich in der Edda verkörpert.
Deutsch-Österreichische Tageszeitung, Wien
Der Kampf um Gott
Ein Roman aus der Zeit der Wiedertäufer
5. Tausend
Eine prachtvolle Schilderung der Wiedertäuferzeit, mit Philipp von Hessen, dem unruhigen Landgrafen, im Mittelpunkt. Großartig ist Huna die Darstellung der ganzen Epoche mit ihren zahlreichen Kämpfen gelungen.
Berliner Tageblatt
Der Friedensverein
Eine satirische Geschichte
3. Tausend
Eine großangelegte, köstliche Satire auf Vereinsmeierei, Strebertum, Großmannssucht und politische Kindergärtnerei.
Heimgarten, Graz
Die Borgia-Trilogie:
Die Stiere von Rom
Roman. 17. Tausend
Ein großer Wurf ... gigantisch ist die Handlung dieses Romans ... es kommt über den Leser ein Rausch ...
Südd. Literaturschau, Stuttgart
Der Stern des Orsini
Roman. 17. Tausend
Ein geschichtliches Gemälde von grandioser Pracht, ein Dokument jener Zeit, von einem echten Dichter geschaffen.
Berner Tagblatt
Das Mädchen von Nettuno
Roman. 12. Tausend
Eine gewaltige, von Kraft und von Sinnenfreudigkeit überschäumende Symphonie, die jede Erwartung übertrifft.
Roseggers Heimgarten
Der Wolf im Purpur
Roman. 8. Tausend
Ein Kulturdokument deutscher Geschichte, das allen tief ans Herz greifen wird.
Blätter für Bücherfreunde, Leipzig
Monna Beatrice
Ein Liebesroman aus dem alten Venedig. 12. Tausend
Eine machtvolle Symphonie von Liebe und Tod ... ein Hoheslied der Liebe ... eine der stärksten und glühendsten Romanschilderungen.
Bad. Presse, Karlsruhe
Die Harmonien im Hause Sylvanus
Die Darstellungskunst des Dichters gibt oft Szenen von dramatischer Höhe, und seine Naturschilderungen haben einen so bestrickenden Reiz, daß den in Berlins Häusermeer Eingeschlossenen das Heimweh beschleicht. Das Buch bereitet Stunden köstlichen Genusses.
Tägl. Rundschau, Berlin
Offiziere
Von Hunas „Offizieren“ kennen wir den brausenden Rhythmus seiner hinreißenden Erzählungskunst.
Grazer Tagblatt
Grethlein & Co., Leipzig und Zürich